Bei der vorliegenden Arbeit mit dem Titel "Literarische Familien im 18. und 19. Jahrhundert" handelt es sich um eine thematisch orientierte literaturwissenschaftliche Studie zur Darstellung der Familie in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Die zentrale Fragestellung ist, wie im 18. beziehungsweise im 19. Jahrhundert Familien in der Literatur dargestellt werden und ob hierbei Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede zwischen den beiden Jahrhunderten feststellbar sind. Analysiert werden exemplarisch für die Literatur des 18. Jahrhunderts "Die zärtlichen Schwestern" von Christian Fürchtegott Gellert und "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing, für die Literatur des 19. Jahrhunderts "Effi Briest" von Theodor Fontane und "Die Buddenbrooks" von Thomas Mann. Mit Gellerts und Lessings Dramen wurden zwei Werke aus den Anfängen des bürgerlichen Zeitalters ausgewählt, in dem das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie erst entstand. Die Romane von Fontane und Mann stehen am Ende des 19. Jahrhunderts und damit am Ausgang des Jahrhunderts, das man bedingt durch den stetigen Aufstieg des Bürgertums als das eigentliche „bürgerliche Zeitalter“ bezeichnen kann.
Den literaturwissenschaftlichen Analysen geht ein sozial- und kulturgeschichtlicher Überblick über die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie voraus. Thematisiert werden in diesem Kapitel der Übergang vom „Ganzen Haus“ zur Kernfamilie und der Einstellungswandel in Bezug auf Liebe und Ehe, die Rollen der Geschlechter, die Bedeutung von Kindheit und Erziehung und die Vorstellung von Tugendhaftigkeit. Eingegangen wird sowohl auf die ideologischen Leitbilder als auch auf die historischen Realitäten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie
I.1 Die Bedeutung des Bürgertums für die Entstehung der Kleinfamilie
I.2 Entstehung und Struktur der Kleinfamilie
I.3 Bürgerliches Familienleitbild und bürgerliche Realitäten
I.3.1 Liebe und Ehe
I.3.2 Geschlechterordnung
I.3.3 Kindheit und Erziehung
I.3.4 Tugendhaftigkeit
II. Die literarische Familie im 18. Jahrhundert
II.1 Die Familie der „Zärtlichen Schwestern“
II.1.1 Die empfindsame Familie
II.1.2 Die zärtliche Liebe
II.1.3 Weiblichkeit und Männlichkeit
II.1.4 Cleon als Vater
II.1.5 Die Familie als gesellschaftsabgewandter Ort: Sein vs. Schein
II.2 Die Familie Galotti
II.2.1 Die separierte Familie
II.2.2 Odoardo und Claudia: Eine gescheiterte Liebe
II.2.3 Emilia und Appiani: Eine vernünftige Liebe
II.2.4 Weiblichkeit und Männlichkeit
II.2.5 Odoardo und Claudia als Vater und Mutter
II.2.6 Erziehung zu Tugend und Unmündigkeit
II.2.7 Die Dialektik des bürgerlichen familialen Wertesystems
III. Die literarische Familie im 19. Jahrhundert
III.1 Die Familie von Briest
III.1.1 Die standesbewusste Familie
III.1.2 Eltern und Erziehung
III.1.3 Die Standesehe – „Jeder ist der Richtige“
III.1.4 Das Eheleben der Instettens
III.1.5 „Weiber weiblich“?
III.1.6 „Männer männlich“?
III.2 Die Familie Buddenbrook
III.2.1 Die Kaufmannsfamilie
III.2.2 Die gewinnträchtige Vernunftehe
III.2.3 Weiblichkeit und Männlichkeit
III.2.4 Erziehung zum Gehorsam
III.2.5 Die Brüchigkeit der Familie
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende literaturwissenschaftliche Studie analysiert die Darstellung der Familie in der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der literarischen Familienkonzeption über beide Jahrhunderte hinweg aufzuzeigen und zu hinterfragen, wie literarische Werke gesellschaftliche Familienleitbilder – etwa der bürgerlichen Kleinfamilie – spiegeln, modellieren oder problematisieren.
- Entstehung und gesellschaftlicher Wandel der bürgerlichen Kleinfamilie
- Historische und ideologische Familienleitbilder (Liebe, Ehe, Geschlechterrollen)
- Die literarische Familie im 18. Jahrhundert (Drama, Empfindsamkeit, Aufklärung)
- Die literarische Familie im 19. Jahrhundert (Roman, Realismus, bürgerliche Öffentlichkeit)
- Vergleichende Analyse der Geschlechterrollen und der patriarchalen Struktur
Auszug aus dem Buch
II.1.1 Die empfindsame Familie
Ende der 1840er Jahre entstand in Deutschland als neuer Gattungstypus das „rührende Lustspiel“ mit Christian Fürchtegott Gellert als seinem bedeutendsten Vertreter. Das Ziel der Poesie war für Gellert die Beförderung der Tugend. Präsentiert werden sollten sittlich hochstehende Charaktere, die „zu der Tugend an[feuern] und [den Zuschauer] ermuntern [...], ihr zu folgen“, anstatt wie die Typencharaktere von Gottscheds Verlachkomödie nur „von den Lastern ab[zu][schrecken].“214 Dadurch, dass die Zuschauer mitleidig die Empfindungen der tugendhaften Vorbildgestalten identifikatorisch nachempfinden, sollten ihre eigenen Gefühle verbessert werden. Die Bedingung für eine Identifikation der Zuschauer mit dem Bühnenpersonal war für Gellert eine Ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Bühnenwelt und der Erfahrungswirklichkeit der Zuschauer, was den privaten Raum der Familie als Handlungsraum prädisponierte.215
Alt zufolge wurde dieses Ideal einer Erziehung des Herzens durch die Komödie in Gellerts Lustspiel Die zärtlichen Schwestern (1747) vollends entfaltet.216 In diesem Drama wird die Familie, bestehend aus dem Vater Cleon und den Töchtern Lottchen und Julchen (die Mutter ist verstorben), ganz im Sinne der empfindsamen Ideale des 18. Jahrhunderts als eine tiefe, in zärtlicher Liebe verbundene Gefühlsgemeinschaft präsentiert. Die einzige Spannung, die innerhalb der Kernfamilie kurzzeitig besteht, ist Julchens Aversion gegen die Institution der Ehe, die bei ihrem Vater und ihrer Schwester Unverständnis hervorruft. Allerdings ahnt Lottchen sofort, dass Julchens Abneigung nur auf einer Selbsttäuschung über ihre wahren Gefühle beruht, und tatsächlich erkennt Julchen im Verlauf des Dramas ihre Liebe zu Damis und teilt so wieder ungebrochen den Werthorizont der empfindsamen Familie.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der bürgerlichen Kleinfamilie als gesellschaftliches Ideal und literarisches Motiv ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der literarischen Darstellung dieses Modells im 18. und 19. Jahrhundert.
I. Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie: Dieses Kapitel liefert einen sozial- und kulturgeschichtlichen Überblick über den Übergang vom „Ganzen Haus“ zur bürgerlichen Kernfamilie und erläutert die damit einhergehenden Veränderungen in Moral, Rollenverständnis und Erziehung.
II. Die literarische Familie im 18. Jahrhundert: Hier wird anhand von Gellerts „Die zärtlichen Schwestern“ und Lessings „Emilia Galotti“ untersucht, wie das Drama der Aufklärung das Ideal der Familie als emotionalen Rückzugsort gegen eine als lasterhaft empfundene Öffentlichkeit inszeniert.
III. Die literarische Familie im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel analysiert Fontanes „Effi Briest“ und Thomas Manns „Buddenbrooks“, um den Wandel zur gesellschaftlich orientierten Familie und die zunehmende Entfremdung des Individuums innerhalb starrer Normsysteme aufzuzeigen.
Schluss: Das Schlusskapitel resümiert die Ergebnisse, hebt den signifikanten Unterschied in der Darstellung des Verhältnisses von Familie und außerfamiliärem Bereich hervor und plädiert für weitere epochenübergreifende Untersuchungen.
Schlüsselwörter
Bürgerliche Kleinfamilie, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, Literarische Familie, Liebesheirat, Tugendhaftigkeit, Geschlechterrollen, Empfindsamkeit, Bürgerlicher Realismus, Patriarchat, Erziehung, Aufklärung, Familienideal, Sozialgeschichte, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Darstellung der Familie in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelt hat und welche Bedeutung die Familie in diesen unterschiedlichen Epochen als literarisches Motiv einnimmt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Felder sind die historische Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie, die Rolle von Ehe und Partnerwahl, geschlechtsspezifische Erziehungskonzepte sowie die Frage, inwieweit Literatur diese gesellschaftlichen Normen affirmativ oder kritisch widerspiegelt.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, ob und wie Familienkonzepte in der Literatur variieren und ob Gemeinsamkeiten oder fundamentale Unterschiede zwischen der Darstellung im 18. und 19. Jahrhundert feststellbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Untersuchung verwendet?
Die Arbeit kombiniert einen kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund mit einer literaturwissenschaftlichen Textanalyse, wobei Werke wie „Die zärtlichen Schwestern“, „Emilia Galotti“, „Effi Briest“ und „Buddenbrooks“ exemplarisch interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-soziologische Einleitung zur Entstehung der Kleinfamilie sowie zwei umfangreiche Analysekapitel, die literarische Werke jeweils nach Jahrhunderten geordnet untersuchen und dabei soziale und geschlechtsspezifische Aspekte beleuchten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie bürgerliches Familienleitbild, Tugendhaftigkeit, Geschlechterordnung, Empfindsamkeit und literarische Familienmodelle charakterisieren.
Warum wird im 18. Jahrhundert primär das Drama analysiert?
Die Arbeit wählt das Drama für das 18. Jahrhundert, da das Trauerspiel als „bürgerliche Form“ die idealen Orte für die Thematisierung der neuen familiären Wertekonflikte bot und eine hohe Identifikationsmöglichkeit für das Publikum schuf.
Wie unterscheidet sich die Rolle der Familie im 19. Jahrhundert von der des 18. Jahrhunderts?
Während im 18. Jahrhundert die Familie oft als autonomer, von der Gesellschaft abgewandter Rückzugsort inszeniert wurde, wird sie im 19. Jahrhundert verstärkt als untrennbarer Teil der Gesellschaft und als Instrument gesellschaftlichen Prestiges dargestellt.
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- Judith Blum (Author), 2007, Die literarische Familie im 18. und 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/91990