Türkische Gastarbeiter und deutsche Migrationsgeschichte. Wie wirkt sich die Arbeitsimmigration auf die Einwanderer in Deutschland aus?


Hausarbeit, 2020

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Migration türkischer Arbeiter nach Deutschland

3. Geschichte und Gedächtnis

4. Vom Gastarbeiter zum Deutschtürken
4.1. Halil Demir
4.2. Handan Kaya
4.3. Nurettin Karaman

5. Vural Öger

6. Abschließende Betrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung bei schriftlichen Arbeiten

1. Einleitung

Menschen, die in ein neues Land emigrieren, sehen sich oftmals mit unvorstellbar großen Herausforderungen konfrontiert. Nicht selten werden diese auch mit vielen Ungewissheiten und unvorhersehbaren Begebenheiten begleitet. Als ungefähr ein Jahrzehnt nach Ende des zweiten Weltkrieges1 GastarbeiterInnen verschiedener europäischer Staaten sowie aus der Türkei nach Deutschland emigrierten, fing für viele Menschen aus der Türkei ein neuer Lebensabschnitt an. Die Migration der türkischen Einwanderer steht im Vordergrund dieser Arbeit, welche anhand mehrerer Schicksale genauer beleuchtet wird. Zunächst wird ein deskriptiver historischer Abriss über die Eiwanderungsgeschichte gegeben, die jeweiligen Migrationsgeschichten werden analytisch dargestellt. Eine Quelle ist das von Asligül Aysel verfasste Buch Vom „Gastarbeiter“ zum „Deutschtürken". 2 Dieses bietet umfassenden Einblick in die Schicksale verschiedener türkischer Arbeitsmigranten. Die Autorin weist darauf hin, dass der Forschungsstand über türkischstämmige Migrantenfamilien beschränkt sich auf wenige Studien, da erste Forschungen erst seit der letzten Jahrtausendwende erfasst wurden. Auch wurde nur äußerst einseitig über diese Familien berichtet.3 Die Tatsache, dass die Einwanderung der türkischen StaatsbürgerInnen äußerst präsent im heutigen Alltag ist, hat mich ebenfalls bewogen über dieses Thema zu schreiben. Die andere Quelle ist das von Vural Öger verfasste Buch „Mein Deutschland, meine Türkei".4 Vural Öger kam 1960 als einst als Stipendiat nach Deutschland. Öger zählt somit nicht als klassischer „Arbeitsimmigrant", dennoch kam aber quasi zeitgleich nach Deutschland wie zahlreiche angeworbene Gastarbeiter.

Des Weiteren wird die Bedeutung der sozial- und kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung kurz erläutert, da hierbei auf eine spezielle Form des Gedächtnisses Bezug genommen wird.

2. Migration türkischer Arbeiter nach Deutschland

In der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges bestand ein erheblicher Bedarf an Fachkräften in der Bundesrepublik Deutschland. Anfangs profierte die BRD von dem Zustrom aus der benachbarten Deutschen Demokratischen Republik (DDR), der aber ab dem Mauerbau im Jahre 1961 ausblieb (zitiert nach: Helicke 2002).5 In den ersten Jahren vor dem Mauerbau wurden bereits Arbeiter aus Italien, Spanien und Griechenland angeworben, um dem steigenden Bedarf an Arbeitskräften in der Bundesrepublik zu decken. Im Jahre 1961 wurde die Anwerbung der Arbeitskräfte auf die Türkei ausgedehnt.6 Die Türkei wurde im Februar 1952 Mitglied der NATO, wodurch die Türkei einen bedeutenden strategischen Zug für die Zusammenarbeit mit dem Westen machte.7 Die Anwerbung fußte auf der Anwerbevereinbarung, welche am 30.Oktober 1961 beschlossen wurde und rückwirkend zum 1.September 1961 in Kraft trat.8 In den 60er Jahren folgten weitere Abkommen mit den Staaten Marokko, Tunesien, Portugal sowie dem damaligen Jugoslawien.9 Der Türkei kam diese aufgrund der dortigen Arbeitslosigkeit wirtschaftlich sehr zugute. In Deutschland wurde bereits vor dem Abkommen auf die Leistungskraft der Türkei aufmerksam. Dementsprechend wurden in der Türkei bestimmte Projekte gestartet, die zur Aus- und Fortbildung dienten. Eine Beschäftigung war in der deutschen Landwirtschaft sowie im Gewerbe vorgesehen, weshalb vorwiegend männliche Arbeiter den Weg nach Deutschland suchten. Die angeworbenen GastarbeiterInnen aus der Türkei wurden primär in der Landwirtschaft und in der gewerblichen Wirtschaft eingesetzt.10 Die Türkei profitierte von den eingeplanten Devisenzahlungen der türkischen GastarbeiterInnen. Zudem wirkte Neben der Unterbeschäftigungsrate auch durch das hohe Bevölkerungswachstum die Auswanderung entlastend für die Türkei.11

Auch im gesellschaftlichen Gefüge war die Einwanderung der türkischen Gastarbeiter besonders prägend. Grund hierfür ist, dass diese ab dem Jahre 1972 die größte Gruppe unter allen Herkunftsgruppen stellten. Am 23.November 1973 erließ die Bundesrepublik Deutschland einen Anwerbestopp.12 Trotz des Anwerbestopps aus den Nicht-EG Staaten stieg die Zahl der türkischen Migranten weiter bis Ende des Jahrtausends an. Im Zuge des Anwerbestopps sahen sich viele türkische Arbeiter dazu gezwungen, entweder in die Türkei zurückzukehren oder die Familie nachzuholen. Entgegen der Anwerbevertrages aus dem Jahre 1961, der eine Beschäftigung von maximal zwei Jahren beabsichtigte, wurde 1964 eine Neuverfassung erlassen, die keine Befristung mehr vorsah.13 Auch von Seiten der deutschen Arbeitgeber wurde der Druck nach einer langfristigen Beschäftigung größer. Ab 1970 stellten die Türken folglich die numerisch größte Gruppe dar, da sich auch bei ihnen die Tendenz breitmachte sich langfristig in Deutschland niederzulassen. Bis Ende der Jahrtausendwende lebten mehr als 2 Millionen türkische Staatsbürger in Deutschland.14 Ähnlich wie die Bundesrepublik Deutschland schloss auch Österreich ein Anwerbeabkommen mit der Türkei in den 1960er Jahren.15

3. Geschichte und Gedächtnis

Bei den in der Einleitung genannten Quellen wird Bezug auf die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen der Autoren sowie anderer Migranten genommen. Diese Form des Wiederaufgreifens ist ein elementarer Kernbestand in den Sozial­und Geisteswissenschaften, um die Authentizität der geschichtlichen Ereignisse zu rekonstruieren.16 Auf die biographischen Ressourcen wird auch im Buch von Asligül Aysel zurückgegriffen. Dies verschafft den Lesern das Verhältnis zwischen Individuum und dem Geschehen zu rekonstruieren.17 Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann befasste sich eingehend mit der Thematik des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses. In einem Skalenmodell fasst er die fünf wesentlichen Säulen zusammen. Diese bestehen aus dem Inhalt, der Form, der Medien, der Zeitstruktur sowie den Trägerinnen des Gedächtnisses.18

4. Vom „Gastarbeiter“ zum „Deutschtürken"

Dieses Kapitel wird sich den Erfahrungen einzelner Migranten widmen. Hierbei werden primär Vertreter der ersten Generation in den Blick genommen, da diese häufig den Prozess des klassischen Einwanderungsweges durchlaufen haben.

4.1. Halil Demir

Demir entschied sich im jungen Alter von 16 Jahren für eine Arbeitsmigration zur Ausbildung zum Berglehrling nach Deutschland. Aufgrund der finanziell misslichen Situation in der Heimat, war Halil vor allem nach ökonomischer und sozialer Prosperität bestrebt. Untergebracht wurde er in einem Ledigenheim, in dem sich auch viele andere Arbeiter befanden.19 Wie erhofft, konnte Demir seine Familie in der Türkei unterstützen. Körperlich sowie mental machte ihm die Tätigkeit unter Tage zu schaffen. Im Anschluss an die Lehre erhielt Demir eine Beschäftigung in der Stahlbranche, jedoch machte ihm auch diese Arbeit physisch zu schaffen. Aufgrund seiner türkischen Herkunft musste er sogar Benachteiligungen erfahren.20

Ihm wurde seitens des Betriebes verwehrt, trotz seiner Ausbildung, die Vorarbeiterschule zu besuchen und musste schließlich den Anlernenden den Vortritt überlassen. Generell beklagte er, dass ein verzerrtes Bild über die TürkInnen in Deutschland dominierte. Diese Erlebnisse brachten Demir zum Nachdenken. Der Anblick eines verwahrlosten Ladens inspirierte ihn sich in diesem mit einem Frühstückscafé selbstständig zu machen. Im Jahr 1993 kündigte er demensprechend seinen Vertrag.21

Demir hatte drei Töchter. Seine Älteste war auf dem Gymnasium aufgrund ihres Migrationshintergrundes oftmals großen Schwierigkeiten und sonstigen Widrigkeiten ausgesetzt. Dies veranlasste ihn dazu, sich nachdrücklich für eine erfolgreiche und reibungslosere Integration der nachkommenden Generationen einzusetzen. Um sich in dieser Hinsicht weitere Gestaltungsmöglichkeiten zu öffnen, trat er der Christlich Demokratischen Union (CDU) bei.22

4.2. Handan Kaya

Die Geschichte einer weiteren Immigrantin stellt ebenfalls eine strukturelle Diskriminierung in den Fokus. Die Türkin Handan Kaya, welche mit 17 Jahren mit ihrer Familie aus der Türkei einwanderte, entschied sich für eine Arbeit im Handwerk, anstelle von einer weiteren schulischen Laufbahn. Entgegen zu Demir hatte diese Entscheidung nicht den Grund die Familie zu unterstützen, vielmehr war hierbei das Streben nach finanzieller Selbstständigkeit die wesentliche Triebfeder.23

Kaya arbeitete in einer Schokoladenfabrik. Von Beginn an machte ihr die despektierliche Art vieler Mitarbeiter zu schaffen. Die Tatsache, dass sie an in der Fabrik an der ältesten Maschine ihre Arbeit verrichten musste, sowie dass eine neue türkische stämmige Kollegin diese Maschine zugeordnet bekam, ließen sämtliche Diskriminierungsverdachte verdichten. Nach einer Zeit machten sich auch körperliche sowie gesundheitliche Belastungen bei ihr bemerkbar.24

Die Autorin Asligül Aysel beschreibt dies treffend mit einer „organisationalen Benachteiligung“.25 Dieser Begriff suggeriert, dass strategische Diskriminierungstaktiken sich durch den Berufsalltag der Arbeitsmigranten ziehen. In ihrer Familie, welche aus ihrem türkischstämmigen Ehemann sowie zwei Kindern bestand, bekleidete sie neben ihrer Rolle als Mutter auch die Rolle der Hauptverdienerin. Da ihr Ehemann anfangs keine Arbeitsberechtigung besaß, war ihre Familie auf ihre finanzielle Unterstützung angewiesen. Die Tatsache, dass Handan sowie ihr Ehemann später beide in Schichten arbeiteten, erschwerte das familiäre Zusammenleben. Auch die Geschichte Handans zeigt wie der Fall von Demir, welche Benachteiligungen türkische ArbeiterInnen erfuhren mussten.26

Auch spannend zu sehen ist es, dass sich bei der Familie Handans die traditionellen Geschlechterrollen sowie Familienstrukturen quasi umkehrten. Ihr Ehemann verdankte ihr die Tatsache nach Deutschland nachzuziehen. Auch war sie es, die ihre Familie zeitweise allein ernährte. Ihre Vita widerlegt die These des Buchautors Thilo Sarrazins, welche besagt, dass Töchter nichts zu lernen bräuchten sowie nur dazu dienten verheiratet zu werden und Kinder zu gebären.27

[...]


1 Der zweite Weltkrieg begann mit dem Überfalls Polens durch die Wehrmacht am 1.September 1939 und endete mit der Kapitulation am 8.Mai 1945

2 Aysel, Asligül; Vom „Gastarbeiter" zum „Deutschtürken", Studien zum Wandel türkischer Lebenswelten in Diusburg,in: Muslimische Welten, Empirische Studien zu Gesellschaft, Politik und Religion', Band 10, Ergon Verlag, Baden-Baden 2018.

3 Edb., S. 49 ff.

4 Öger, Vural; Mein Deutschland, meine Türkei, Leben zwischen Bosporus und Elbe, Rowohlt Verlag, Hamburg 2002.

5 Aysel, Asligül; Vom „Gastarbeiter" zum „Deutschtürken", Studien zum Wandel türkischer Lebenswelten in Duisburg, S. 33.

6 Luft, Stefan: Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen, 05.08.2014, https://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184981/gastarbeit (letzter Aufruf 18.06.2020).

7 Öger, Vural; Mein Deutschland, meine Türkei, S.104.

8 Hunn, Karin: Arbeitsplatz Deutschland, Heimat Türkei?, Die Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei im Kontext der bundesdeutschen Ausländerbeschäftigungspolitik, 2011 Bertelsmann Stiftung, https://www.bertelsmann- stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP Arbeitsplatz Deutschland - Heimat Tuerkei.pdf, S.15. (letzter Aufruf 18.06.2020)

9 Luft, Stefan: Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen.

10 Aysel, Asligül; Vom „Gastarbeiter" zum „Deutschtürken, S. 35f.

11 Luft, Stefan: Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen

12 Ebd.

13 Mattes, Monika: „Gastarbeiterinnen" in der Bundesrepublik, Anwerbepolitik, Migration und Geschlecht in den 50er bis 70er Jahren, Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2005, S.59f.

14 Luft, Stefan: Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen.

15 Vgl. Hahn, Sylvia; Stöger, Georg: 50 Jahre österreich-türkisches Anwerbeabkommen, Universität Salzburg, Juli 2014) https://www.uni- salzburg.at/fileadmin/multimedia/Geschichte/documents/Studie Anwerbeabkommen - Uni Salzburg.pdf (letzter Aufruf 18.06.2020)

16 Moller, Sabine: Erinnerung und Gedächtnis, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.04.2010 https://docupedia.de/zg/Erinnerung_und_Ged%C3%A4chtnis

17 Aysel, Asligül; Vom „Gastarbeiter" zum „Deutschtürken", S.62.

18 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis; Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, C.H.Beck, München 2018, S.56.

19 Aysel, Asligül; Vom „Gastarbeiter" zum „Deutschtürken", S. 109f.

20 Ebd.,S.111.

21 Ebd.,S.112.

22 Ebd.,S.119.

23 Aysel, Asligül; Vom „Gastarbeiter" zum „Deutschtürken", S.135.

24 Ebd., S.138.

25 Ebd.,S. 139.

26 Ebd.,S. 140f.

27 Sarrazin, Thilo; Deutschland schafft sich ab, Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2010, S.236.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Türkische Gastarbeiter und deutsche Migrationsgeschichte. Wie wirkt sich die Arbeitsimmigration auf die Einwanderer in Deutschland aus?
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V920131
ISBN (eBook)
9783346240378
ISBN (Buch)
9783346240385
Sprache
Deutsch
Schlagworte
türkische, gastarbeiter, migrationsgeschichte, arbeitsimmigration, einwanderer, deutschland
Arbeit zitieren
Manuel Seidler (Autor), 2020, Türkische Gastarbeiter und deutsche Migrationsgeschichte. Wie wirkt sich die Arbeitsimmigration auf die Einwanderer in Deutschland aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920131

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