Hate Speech im Internet

Ein Modellierungsansatz mit der Theorie der sozialen Identität


Masterarbeit, 2018

64 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung: Hassrede im Internet

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Onlinebasierter Hass als sozialpsychologisches Phänomen
2.2. Motivation und Katalyse von Vorurteilen und Diskriminierung
2.2.1. Stereotypisierung, Stereotype und Vorurteile
2.2.2. Die realistische Konflikttheorie
2.2.3. Die Theorie der sozialen Identität
2.2.4. Die Selbstkategorisierungstheorie
2.2.4.1. Die Bildung von Gruppen & Handeln im Sinne einer Gruppe
2.2.4.2. Die Polarisierung von Gruppen
2.2.5. Zusammenfassung: Hate Speech aus der Perspektive von Ansätzen zur sozialen Identität
2.3. Die Konstruktion einer sozialen Wirklichkeit im Internet
2.3.1. Öffentliche Kommunikation und das Internet
2.3.2. „Soziale Medien“ & Soziale Netzwerke
2.3.3. Indirekte Medienwirkungen & Wahrnehmungsphänomene
2.3.4. Direkte Medienwirkungen & Soziale Informationsverarbeitung
2.3.4.1. Wahrnehmung & Kategorisierung
2.3.4.2. Organisation & Abruf von sozialem Wissen
2.3.5. Diskriminierung, Aggression & Verhaltenskontrolle
2.2.6. Zusammenfassung: Hate Speech, Medien und computervermittelte Kommunikation

3. Reflexion und Diskussion

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Medienökologisches Rahmenmodell

Abbildung 2: Ausprägungsformen unterschiedlicher theoretischer Netzwerkmodelle

Abbildung 3: „Ein Stufenmodell der sozialen Informationsverarbeitung (nach Fiedler 1996: 147)“

Abbildung 4: Beispiel-Modell eines assoziativen Netzwerks

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Selbstkategorisierungstheorie & Polarisierung: mögliches Szenario für Konsens

Tabelle 2: Selbstkategorisierungstheorie & Polarisierung: mögliches Szenario für Polarisierung

Tabelle 3: Diskriminierung: zugrunde liegende Prozesse, Dynamiken und resultierende Strukturen bzw. Effekte

Tabelle 4: Prozesse, Medienwirkungen und mögliche Effekte bei der computervermittelten Kommunikation

Tabelle 5: Hate Speech im Internet: Zentrale Konzepte, Wirkungen und Zusammenhänge

1. Einleitung und Problemstellung: Hassrede im Internet

„Stellen Sie sich vor, Sie sind Bäcker. Und jeder Kunde, der Ihren Laden betritt, teilt Ihnen in ziemlich deutlichen Worten mit, dass Ihre Brötchen nun wirklich das Letzte seien, dass jedes Kind bessere Brötchen hinbekäme, dass Sie unqualifiziert seien, für diese Arbeit ganz und gar ungeeignet, die Preise vollkommen überzogen, dass Sie ja ohnehin Mitglied der Bäckermafia seien und sich alle Bäcker verschworen hätten, das Volk mit miesen, pappigen, gesundheitsschädlichen, überteuerten Brötchen zu vergiften, weshalb das gesamte Bäckerhandwerk es verdiene, gefälligst unterzugehen. Zum Abschluss sagt jeder noch etwas Unflätiges und packt einen Stapel Papiertüten ein, denn die gibt es ja umsonst. So ungefähr fühlt es sich an, Journalist zu sein, wenn man sich nicht vollkommen abschottet, sondern ab und an Leserkommentare liest.“

Troll-Kommentare: Meine Tage im Has s. (Diener 2014)

Die Verbreitung des Internet ist eine der prägendsten technischen und kulturellen Entwicklungen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Gab es Ende der 1980er Jahre weltweit etwa 100.000 vernetzte Rechner, so hatte sich diese Zahl bis zum Jahr 2000 bereits vertausendfacht (vgl. Döring 2003: 2). Der technische Fortschritt und benutzerfreundliche Software wie Webbrowser machten das Internet ab Mitte der 1990er Jahre auch Laien und Privatnutzern zugänglich (Döring 2014: 261).1 Spätestens mit dem Übergang zum sogenannten Web 2.0 sind Online-Nutzer dabei nicht mehr nur Konsumenten, sondern auch Produzenten von Informationen (Rankl 2017: 52; Waldherr 2017: 540 f.). Heute haben sich aus der Infrastruktur des Internet, die ursprünglich insbesondere auf den universitären Bereich konzentriert war (Döring 2003: 3), weltweite Austausch-, Informations- und Kommunikationsnetzwerke gebildet.

Mit zunehmendem Erfolg und wachsenden Nutzerzahlen der Technologie wächst jedoch auch die Zahl der Skeptiker. Das Spektrum der diskutierten Chancen und Risiken der Internetnutzung umfasst eine Vielfalt an Themen. Sie reichen von individuellen körperlichen und psychischen Nebenwirkungen2, über rechtstheoretische Streitigkeiten wie solchen des Datenschutzes (z.B. Ladeur 2015), bis hin zur Analyse und Kritik des Wandels von Politik, Medien und Gesellschaft, sowie deren altem und neuem (Spannungs-)Verhältnis (z.B. Meik 2014). Ein Thema mit wachsender Brisanz ist dabei die zunehmend als aggressiv und verletzend beschriebene Debattenkultur (z.B. Böckler und Zick 2016).

Am 1. September 2017 erließ der Bundestag daher, bzw. in Reaktion auf die „zunehmende Verbreitung von Hasskriminalität und anderen strafbaren Inhalten“ (BMJV 2017c: 1), ein „Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“, kurz Netzwerkdurchsetzungsgesetz (BMJV 2017b).3 Abgesehen von den oft ablehnenden Reaktionen, insbesondere gegenüber der Art und Weise der Durchsetzung von Recht im Internet (vgl. hierzu die Stellungnahmen zum Gesetzentwurf: BMJV 2017a), handelt es sich hierbei um einen der ersten ernsten Versuche staatlicher Regulierung im „größten Anarchismusexperiment aller Zeiten“ (Schmidt und Cohen 2013: 13, zitiert nach Robertz u. a. 2016: 1). Eine offizielle oder rechtlich verbindliche Definition dessen, was Hate Speech bzw. Hassrede4 eigentlich ist, gibt es bis heute nicht. Als Erklärung hierfür wird unter anderem genannt, dass das Phänomen kontextabhängig und meist insbesondere durch kulturelle Einflüsse geprägt sei (Baldauf u. a. 2015: 9). Entsprechend orientiert sich das neue Gesetz an „altbekannten“ Tatbeständen. Hierzu gehören unter anderem die der Volksverhetzung, Beleidigung oder Straftaten, die sich auf Religion und Weltanschauung beziehen (§§ 130, 166 und 185 bis 187 StGB) oder solche, die die Verwendung, Darstellung oder Verbreitung rechtswidriger Inhalte thematisieren (§§ 86, 86a, 100a, 131, 184b in Verbindung mit 184d, 269 StGB). Neu ist hingegen zweierlei. Erstens ist dies der Umstand, dass die Anbieter sozialer Netzwerke selbst entscheiden müssen, welche Inhalte rechtswidrig und somit zu entfernen sind (vgl. BMJV 2017a: § 3 Abs. 2). Zweitens unterstellen die nach § 1 Abs. 3 NetzDG genannten Tatbestände einen Zusammenhang zwischen computervermittelter Kommunikation und einer tatsächlichen Gefährdung für das „friedliche Zusammenleben in einer freien, offenen und demokratischen Gesellschaft“ (BMJV 2017c: 1). So sollen z.B. auch solche Inhalte entfernt werden, die im Strafgesetzbuch unter den Titeln „Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates“ (§§ 86, 86a, 89a, 91 StGB), „Landesverrat und Gefährdung der äußeren Sicherheit“ (§ 100a StGB) und „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ (§ 111 StGB) zu finden sind.

Aus einer (medien-) ethischen Perspektive spiegelt die Zensur von Inhalten im Internet einen Konflikt wider, der schon im Umgang mit anderen Medien bekannt ist. Es ist die Vereinbarung von staatlichen Schutzinteressen (wie z.B. dem Jugendschutz) und der individuellen Meinungs- und Informationsfreiheit5 (Beck 2010: 134). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob, bzw. warum eine staatliche Regulierung computervermittelter Kommunikation notwendig ist, um einen respektvollen Umgang inner-, aber auch außerhalb der Kommunikationsgemeinschaften des Internets zu gewährleisten, d.h. die Menschenwürde zu schützen (vgl. Beck 2010: 139).

Eine Antwort auf diese Frage bedarf allerdings auch der Klärung, warum „Hasskriminalität“ im Internet überhaupt zu einem Problem wurde. Anders, als es die heutige Situation, oder zumindest die politische Reaktion nahe legt, brachte – und bringt – man dem Internet als Kommunikationsmedium vielfältige Hoffnungen entgegen. Diese sind ebenfalls durch erlebte Realität begründet, wie die oben thematisierten Befürchtungen. Hierbei sind es unter anderem oft als schädlich beschriebene Eigenschaften der computervermittelten Kommunikation, denen ein positiver Effekt zugesprochen wird. So sind es beispielsweise Strukturmerkmale wie die Anonymität (bzw. Pseudonymität) der Kommunizierenden, die egalitäre und freie Teilhabe (zumindest theroetisch, vgl. zum „Vielfalts-Mythos“: Emmer und Wolling 2010: 39–44), sowie die veränderte Bedeutung von Zeit und Raum, die mal als Bereicherung, mal als Gefährdung des öffentlichen Diskurses und der beteiligten Akteure genannt werden (für eine strukturierte Gegenüberstellung theoretischer Vor- und Nachteile computervermittelter Kommunikation, vgl. Döring 2003: 196). Diese Widersprüche weisen auf ein allgemeines Unvermögen vieler Ansätze hin, die Dynamik computervermittelter Kommunikation ebenso wie damit zusammenhängende Phänomene wie „Shitstorms“, „Flashmobs“ oder „Hate Speech“, zufriedenstellend zu erfassen oder zu erklären. In der Kritik steht unter anderem das „quantitative Paradigma“ der Sozialwissenschaften, demgemäß Untersuchungseinheiten in der Regel als voneinander unabhängig und grundlegende Zusammenhänge als linear begriffen würden. Insbesondere durch den Strukturwandel von Kommunikation im Zuge der Digitalisierung sowie die Hybridisierung der medienvermittelten Öffentlichkeit, in der Rezipienten von Inhalten ebenfalls zu deren Erstellung beitragen, seien diese Annahmen maßgeblich verletzt. Im Gegenteil offenbare sich anhand des Medienwandels, dass öffentliche Meinung nicht dem Aggregat von einander unabhängiger Einzelmeinungen entspreche, sondern sich vielmehr durch die „Interaktion vieler öffentlicher Äußerungen herausbildet und damit eine eigene Qualität hat“ (vgl. Waldherr 2017: 537–541).

Insofern auch die Kommunikation von Hass im Zusammenhang mit Dynamiken vermutet werden kann, die die öffentliche Meinung prägen, handelt es sich auch bei der Verbreitung von Hate Speech um ein komplexes Phänomen. Aus einer medien- bzw. sozialpsychologischen Perspektive muss daher vor allem geklärt werden, ob die Kommunikationsstruktur des Internet die Wirkungsmacht, d.h. die Entstehung, Auswirkung, und Verbreitung von Hate Speech als Verhaltensoption begünstigen kann. Dabei genügt es nicht, einen Erklärungsansatz zu verfolgen, der die Ursache des Phänomens einseitig den technischen Bedingungen zuschreibt, oder umgekehrt allein den Nutzern. Vielmehr scheint es, dass sich Struktur und Nutzer wechselseitig beeinflussen, wobei die Nutzer bestimmte Strukturen bevorzugt nutzen oder hervorbringen, die ihrerseits wiederum bestimmte Nutzungsoptionen bereitstellen. Grundsätzlich soll Hate Speech dabei als eine „extreme“ Verhaltensweise einzelner Individuen gedeutet werden, bei der es zu klären gilt, welche Umstände sie hervorgebracht haben. Die Frage nach ihren Bedingungen weist somit Parallelen zur Erforschung des politischen Extremismus auf6: „One important research question in studying extremism is to investigate why and how individuals with radical beliefs come to believe what they believe. Are they holding radical beliefs because they have interacted with other extremists or could they become radical just by interacting with others who are moderate? What are different plausible pathways or mechanisms for becoming an extremist?“ (vgl. Alizadeh u. a. 2014)

Hate Speech ist dabei keinesfalls als ein Phänomen zu betrachten, das erst durch das Internet hervorgebracht wurde. Vielmehr sind hierfür grundsätzlich „menschliche“ Motivationen und damit zusammenhängende soziale Dynamiken anzunehmen. Das zentrale Anliegen der Arbeit ist daher die Identifikation von Prozessen und Effekten, die diskriminierendes und aggressives Verhalten innerhalb, aber auch außerhalb des Internets als Kommunikationsmedium begünstigen. Mit der Theorie der sozialen Identität soll ein möglicher Zugang zum Phänomen erarbeitet werden, der einen Blick über einzelne Individuen oder Strukturen hinweg ermöglicht. Das Ziel ist, durch eine detaillierte Analyse des Phänomens aus unterschiedlichen Blickwinkeln, zentrale Prozesse und Strukturen zu abstrahieren, die sich in einem agentenbasierten Modell abbilden lassen. Idealerweise ließe sich durch ein solches Modell die Dynamik, die im Zusammenhang mit der Hate Speech im Internet steht, sowohl beschreiben, als auch auf ähnliche Problemphänomene übertragen. Somit wären beispielsweise gezielte Maßnahmen zur Prävention ihrer Ursachen diskutierbar – statt des Verbots ihrer Symptome.

Das Anliegen der Arbeit wird folglich einerseits sein, nachzuvollziehen, welche Faktoren die Polarisierung von Meinungen im Internet begünstigen (Kapitel 2.3.). Daher gilt es sowohl zu klären, welchen Einfluss das Internet auf die öffentliche Meinungsbildung hat (Kapitel 2.3.1.), als auch zu verstehen, inwiefern der Kontext des Internets Verhaltensweisen begünstigt, die außerhalb dieser Umwelt untypisch wären (Kapitel 2.3.2. bis 2.3.5.). Andererseits wird aber auch ein Verständnis dessen benötigt, was unter dem Phänomen Hate Speech überhaupt verstanden werden kann (Kapitel 2.1.) und welche grundsätzlichen Motivationen und Auslöser denkbar sind (Kapitel 2.2.1. bis 2.2.3.). Deshalb soll mithilfe von Ansätzen zur sozialen Identität erklärt werden, wie – auch unabhängig von einer medialen Umwelt – Gruppenprozesse wie die Polarisierung von Gruppen Einfluss auf die individuelle Meinungsbildung und -äußerung nehmen können (Kapitel 2.2.4.). Anders, als Konfliktansätze, die sich rein auf das Individuum oder nur auf gesellschaftliche Strukturen konzentrieren, wird also der Blick auf die Emergenz von Gruppenphänomenen gerichtet. Dies bedeutet, dass danach gefragt werden muss, welche Strukturen aus der Interaktion von Individuen hervorgehen (z.B. soziale Gruppen) und welche Konsequenzen diese soziale Wirklichkeit für die interagierenden Individuen hat (Kapitel 2.2.). Neben einer abschließenden Reflexion und Diskussion der identifizierbaren Ursachen für Hate Speech im Internet, aber auch der theoretischen Grundlagen (Kapitel 3), soll abschließend ein Ausblick für die mögliche Modellierung des Phänomens gegeben werden (Kapitel 4).

2. Theoretische Grundlagen

Die zentrale Intention der Arbeit ist die theoretische Reflexion möglicher Ursachen für das Phänomen der Hate Speech im Internet. Wenngleich es sich um eine Verhaltensweise handelt, die insbesondere im Kontext visueller Anonymität aufzutreten scheint, also durch die Kommunikationsstruktur des Internets begünstigt wird, ist es unwahrscheinlich, dass sich das Verhalten auf nur einen einzigen Faktor zurückführen lässt. Vielmehr ist anzunehmen, dass viele Ursachen zusammenwirken, die schließlich in einer spezifischen Situation zu einem bestimmten Verhalten führen. Das Anliegen dieses Kapitels ist daher zunächst, einen sozialpsychologischen Zugang zum Phänomen zu erarbeiten (Kapitel 2.1.) - unter anderem, da keine offizielle Definition verfügbar ist. Anschließend sollen Ansätze zur sozialen Identität erörtert werden, da sie einen Zugang zur Motivation diskriminierenden Verhaltens ermöglichen und es außerdem erlauben, grundlegende Prozesse zu bestimmen (Kapitel 2.2.). Schließlich wird vor diesem Hintergrund die soziale Wirklichkeit im Internet zu beschreiben und zu reflektieren sein, ebenso wie die Frage nach dem individuellen Umgang mit den verfügbaren Informationen und Verhaltensoptionen in dieser Umwelt (Kapitel 2.3.).

2.1. Onlinebasierter Hass als sozialpsychologisches Phänomen

„Physische Gewalt kann aufgezwungen werden, symbolische Gewalt bedarf der Anerkennung durch Dritte.“

Hate Speech: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. (Scharloth 2016)

Bis heute gibt es weder eine allgemein akzeptierte Definition dessen, was Hassrede eigentlich ist, noch konnten hierfür eindeutige Motive identifiziert werden. Grundsätzlich kann Hate Speech als „politischer Begriff mit mehr oder weniger starken Bezügen zu juristischen Tatbeständen“ (Baldauf u. a. 2015: 11) betrachtet werden. In diesem Sinne stellen Robertz et. al (2016: 7 f.) exemplarisch einen in Deutschland gängigen und einen europäisch geprägten Definitionsansatz gegenüber. So erklärt beispielsweise Meibauer (2013: 1), dass Hate Speech im Allgemeinen als „der sprachliche Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen verstanden [wird], insbesondere durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen dienen.“

Auf ähnliche Weise definierte das Ministerkomitee des Europarates (1997) in einer Empfehlung an die Mitgliedstaaten Hassrede als „jegliche Ausdrucksformen, welche Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen von Hass, die auf Intoleranz gründen, propagieren, dazu anstiften, sie fördern oder rechtfertigen, einschliesslich [sic] der Intoleranz, die sich in Form eines aggressiven Nationalismus und Ethnozentrismus, einer Diskriminierung und Feindseligkeit gegenüber Minderheiten, Einwanderern und der Einwanderung entstammenden Personen ausdrücken.“

Im Hinblick auf online verbreitete Hasskommunikation weisen Robertz et. al (2016: 8) darauf hin, dass diese Definitionen zu stark an Rassenhass und Fremdenfeindlichkeit orientiert seien. Darüber hinaus sei insbesondere im Kontext des Internets die Verbreitung von Inhalten denkbar, die nicht auf Sprache reduziert sind. Schlussfolgernd definieren sie „hassbasiertes Online-Material“ als „Akt [...], in dem potentiell gefährdende oder schädliche Formen von Hass gegen Personen oder Gruppen zum Ausdruck kommen. Dieses Material kann dabei sowohl eine spezifische Gruppe innerhalb einer Gesellschaft betreffen […] oder die Mainstreamgesellschaft als solches.“

Eine wichtige Gemeinsamkeit der genannten Definitionen ist, dass sie die Verbreitung von Hass in Zusammenhang mit der Zugehörigkeit einer Person zu einer bestimmten Gruppe stellen. Hierbei identifiziert Meibauer (2013: 1–3) vielfache Erscheinungsformen. So sei Hate Speech beispielsweise kein Phänomen, das zwangsläufig gegen eine Minderheit gerichtet ist – anders, als dies etwa die o.g. Definition des Europarates nahelegt. Ebenso finden nicht-verbale Ausdrucksmittel Erwähnung, wie etwa verächtliche Mimik oder Gestik. Hate Speech ist nicht zuletzt daher ein schwer erfassbares Phänomen, da sie zwar im Bezug zu Hass als menschlicher Emotion steht. Genauso gibt es jedoch konventionalisierte Formen der Hassrede, die in Teilen einer Sprachgemeinschaft gar nicht als abwertend empfunden wird. Hassrede kann somit unabhängig von der subjektiven Empfindung von Hass sein und wird unter Umständen auch von Mitgliedern der betroffenen Gruppe unterschiedlich bewertet (vgl. Baldauf u. a. 2015: 12; Meibauer 2013: 3).

Wenngleich diese Definitionen eine gewisse Klarheit darüber vermitteln, gegen wen sich Hate Speech richtet, bleibt die Frage bestehen, wie dieser Zusammenhang eigentlich gestaltet ist. Meibauer (2013: 2) stellt diesbezüglich fest, dass es „im Prinzip keine menschliche Eigenschaft [gibt], die nicht zum Gegenstand des Hasses gemacht werden kann.“ Die wesentliche Grundlage der Hassrede sei die Kategorisierung von Eigenschaften. Präziser formuliert Scharloth (2016), dass es sich bei Hate Speech um eine besondere Form von Herabwürdigung handle. Während allen Herabwürdigungen gemein sei, einer Person eine negative soziale Identität (vgl. zur Theorie der sozialen Identität Kapitel 2.2.3.) zuzuschreiben, finde sich bei Hate Speech ein weiterer Bedeutungszusammenhang. Es sei dies der Umkehrschluss, dass sich die der Person unterstellten negativen Eigenschaften gewissermaßen „natürlich“ aus ihrer Gruppenzugehörigkeit ableiten ließen7. Die Grundlage dieser – zumeist irreführenden – Logik ist aus sozialpsychologischer Perspektive durch einen Prozess beschrieben, der über die Bildung von sozialen Kategorien (Prozess der sozialen Kategorisierung) hinausgeht, wenngleich er damit eng verknüpft ist. Die Einteilung wahrgenommener und relevanter Umweltinformationen in Kategorien und Klassen (z.B. zur Systematisierung und Komplexitätsreduktion) ist demnach ebenso unvermeidbar, wie die Akzentuierung von Ähnlichkeiten innerhalb, sowie Differenzen zwischen diesen Kategorien (Thiele 2015: 25). Insofern sich diese Prozesse auf die soziale Umwelt einer Person beziehen, führe die Einteilung dieser Umwelt in soziale Gruppen daher ebenso zwangsläufig dazu, diesen mehr oder weniger positive Merkmale und Eigenschaften zuzuschreiben. Hiermit ist ein Prozess beschrieben, der in der sozialpsychologischen Literatur als Stereotypisierung benannt wird (vgl. Thiele 2015: 24–28). Ein Resultat, nämlich das Stereotyp einer Gruppe, kann (stark vereinfacht) als eine „Vorstellung“ von dem begriffen werden, was diese Gruppe ist (Piontkowski 2011: 99). Das Stereotyp ist jedoch keine „neutrale“ Kategorie. Es sind mit Bewertungen versehene Merkmale, die einer bestimmten sozialen Gruppe zugeschrieben werden (vgl. Turner und Hewstone 2011: 318). Insofern Stereotype also eine wertende Tendenz, bzw. die „logische Form eines Urteils“ (Quasthoff 1973: 28, zitiert nach Thiele 2015: 28) haben, kann man sagen, dass die Bildung von Stereotypen immer auch mit der Erzeugung von Vorurteilen einhergeht.

Stereotype und die damit verbundenen Vorurteile sind häufig harmlos und wie oben beschrieben höchstwahrscheinlich unvermeidbar. Dennoch gelten sie als eine wesentliche Ursache konflikthaften und diskriminierenden Verhaltens (Geschke 2012). Durchaus folgenreich ist etwa die Verdichtung von Vorurteilen zu „Feindbildern“. Als „spezifische Form sozialer Vorurteile“ vereinigten sie „kognitive, evaluative und konative Elemente zu einem negativen Bild von einem realen oder vermuteten ‚Feind‘“ (Nicklas 1977: 90f., zitiert nach Thiele 2015: 37). Brisant ist dabei ein kontrastierendes Freund-Feind-Verhältnis, das die Einstellung gegenüber der so in einem Bild vereinheitlichten Menschengruppe unter einem „Aspekt der Feindschaft“ zusammenfasst (Nicklas 1977: 90f., zitiert nach Thiele 2015: 37). Thiele (2015: 37) hält darüber hinaus fest, dass Abgrenzung auf sprachlicher Ebene beginne. Der Begriff des Feindbildes verweist damit ebenfalls auf die Bedeutung von Prozessen der Kommunikation, nämlich auf die Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen mit anderen zu teilen und durch „Personalisierung, Emotionalisierung, Polarisierung, Generalisierung und Wiederholung“ eine Unterscheidung zwischen der „Eigen- und Fremdgruppe“ zu erzeugen. Hierin ist eine echte Grundlage für feindseliges, aggressives und diskriminierendes Verhalten gegeben: „Den FeindInnen wird Feindseligkeit unterstellt, die eigene Aggression hingegen, die bis zur Vernichtung gesteigert werden kann, erscheint als Reaktion auf Provokation“ (Thiele 2015: 38).

Verhaltensweisen wie Hassrede werden in diesem Sinne als die „Spitze des Eisberges“ (Böckler und Zick 2016) bezeichnet. Folgt man der og. Definition des Ministerkomitees des Europarates, so scheint Hassrede außerdem ein Phänomen zu sein, das in engem Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit steht. Auch in der aktuellen Diskussion um problematische Äußerungen im Internet konzentrieren sich die Autoren in der Regel auf den Bezug von Hate Speech zu Ausländerhass und Rassismus, sowie deren Zulässigkeit im Lichte von Meinungsfreiheit und Minderheitenschutz (vgl. z.B. Lobe 2017; Rothenberger und Cassidy 2016). Wenngleich der aktuelle thematische Fokus vor dem Hintergrund des zunehmenden Erfolgs rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa sowie in den USA (Schellenberg 2017), verständlich ist, kann eine derartige Zuspitzung dem Phänomen aus analytischer Perspektive nicht gerecht werden. Nicht nur werden somit andere gruppenbezogene Konfliktlinien vernachlässigt8, sowie insbesondere komplexere Problemlagen verdeckt (z.B. mehrdimensionale und interdependente Kategorisierungen, vgl. zu „Intersektionalität“ Adusei-Poku 2017). Die perspektivische Verengung auf „klassische“ Phänomene wie Fremdenfeindlichkeit legt auch die Interpretation nahe, es handle sich hierbei um einen Konflikt zwischen Gruppen, die als reale Größen über die Zeit fortbestanden bzw. fortbestehen. Diese Darstellung ist in zweierlei Hinsicht verkürzt. Einerseits wird außer Acht gelassen, dass die individuelle Definition dessen, was als „Fremd“ wahrgenommen wird, räumlich und zeitlich stark variiert und – wenngleich gesellschaftlich geprägt – kontinuierlichen interindividuellen Aushandlungen unterliegt (vgl. Möller 2017: 170). Andererseits wird somit die Aufmerksamkeit auf entweder einen einzigen Konflikt, oder auf bestehende Strukturen oder aber auf das Individuum reduziert, was die Gefahr birgt, Symptomatiken zu analysieren, statt deren Ursachen. Eine vielfach geäußerte Forderung ist daher, die Prozesse in den Blick zu nehmen, die überhaupt erst zur sozialen Distanzierung von Individuen und Gruppen führten (und damit zu Ablehnungshaltungen, vgl. Möller 2017: 174), genauso wie jene, die im Zusammenhang mit der Interaktion diskriminierender Individuen und Strukturen stehen (vgl. Küpper 2016: 28).

Zusammenfassend soll nun davon ausgegangen werden, dass es sich bei Hate Speech um ein Phänomen handelt, das einen Konflikt zwischen „Gruppen“ widerspiegelt. Dies geht aus allen oben genannten Definitionen hervor. Gruppen entsprechen allerdings keinen konsistenten Entitäten, sondern sie ergeben sich aus subjektiven Konstruktionsprozessen und interindividuellen Aushandlungen, die ihrerseits von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängen („Sozialkonstruktivismus“; vgl. Küpper 2016: 22; Möller 2017: 175; Thiele 2015: 26). Diese Prozesse stehen in engem Zusammenhang mit der menschlichen Wahrnehmung und verlaufen zum größten Teil unbewusst und unkontrolliert (Thiele 2015: 26). Wenngleich soziale Kategorisierung offenbar mit der Bildung von Stereotypen und Vorurteilen einhergeht (Stereotypisierung), lässt sich hieraus keine hinreichende Erklärung für diskriminierendes Verhalten (in diesem Fall: Hate Speech) ableiten. Vielmehr scheint es, dass der direkten Kommunikation von Hassbotschaften Prozesse der Radikalisierung und Polarisierung vorausgehen (Böckler und Zick 2016). Hierbei spielen Vorurteile und Stereotype eine wichtige Rolle, da sie ein bestimmtes „Wissen“ über eine Gruppe bereitstellen (Stereotyp), ebenso wie dessen emotionale Bewertung (Vorurteil) (vgl. Küpper 2016: 29).

Zweierlei Fragen bleiben bis hierhin ungeklärt. Es ist zum einen die Frage danach, welche Rolle das Internet bei der Zunahme von Hassrede spielt bzw. spielen könnte. Zum anderen wird zu klären sein, welche Motivation überhaupt besteht, sich gegenüber anderen Gruppen in ablehnender Art und Weise abzugrenzen und sich entsprechend zu verhalten. Bezüglich der letzteren Fragestellung sollen im folgenden Kapitel die wesentlichen sozialpsychologische Ansätze zur Entstehung von Konflikten kurz ausgeführt werden und wie sie sich auf das Thema Hate Speech anwenden lassen (Kapitel 2.2.).

Hinsichtlich der ersten Frage, sowie in Bezug auf die Bedeutung des Internet für das Thema Hate Speech soll davon ausgegangen werden, dass im Internet nicht nur Ressentiments ihren Ausdruck finden, die seit jeher bestanden, aber nicht geäußert – bzw. wahrgenommen – wurden. Dagegen scheint es, dass im Internet spezifische Kommunikationsstrukturen gegeben sind, die in Zusammenhang mit den allgemeinen Merkmalen computervermittelter Kommunikation die Entstehung und das Aufrechterhalten von gruppenbezogenen Konfliktlinien begünstigen. Die Bedeutung computervermittelter Kommunikation im Allgemeinen, sowie von bestimmten Internetangeboten im Speziellen, für Konfliktphänomene wie Hate Speech soll daher in Kapitel 2.3. herausgearbeitet werden.

2.2. Motivation und Katalyse von Vorurteilen und Diskriminierung

Im vorigen Kapitel 2.1. wurde Hate Speech als ein soziales Konfliktphänomen identifiziert, dessen wesentliche Grundlage die Konstruktion und Aufrechterhaltung von Stereotypen und Vorurteilen ist. Ungeklärt blieb dabei unter anderem, wann auf eine ablehnende Haltung aktive Diskriminierung folgt. In diesem Kapitel soll daher der Frage Aufmerksamkeit geschenkt werden, welche Ursachen und Motivation dem expliziten Ausdruck von Vorurteilen zugrunde liegen. Außerdem wird zu klären sein, inwieweit Personen und Gruppen9 motiviert sind, den Konflikt gegenüber friedlichen Verhaltensweisen zu bevorzugen.

2.2.1. Stereotypisierung, Stereotype und Vorurteile

„Stereotypes differ from most other schemas because of their consequences.“

The Construction of Stereotypes within Social Psychology: From Social Cognition to Ideology .

(Augoustinos und Walker 1998: 631)

Es zeigt sich, dass bestehende Ansätze zwar mehrheitlich darin übereinzustimmen scheinen, der konkreten Diskriminierung Prozesse der Kategorien- und Vorurteilsbildung vorauszusetzen (vgl. Thiele 2015: 84). Daneben besteht jedoch massive Uneinigkeit, sowohl die Funktionsweise und Notwendigkeit von Stereotypisierung als Prozess betreffend, als auch den Ursachen und der Gestalt des „Stereotyps“ an sich gegenüber. Hierbei lässt sich einerseits zwischen Ansätzen unterscheiden, die Stereotypisierung als unvermeidbar betrachten und solchen, die stärker die individuelle Verantwortung betonen. Andererseits zeigen sich prinzipiell unstimmige Ansichten über den Inhalt und Wahrheitsgehalt von Stereotypen (vgl. zur kernel-of-truth -Debatte z.B. Thiele (2015: 56–60) oder Augoustinos und Walker (1998: 643–647)). Diese Uneinigkeit ist bedeutend – schließlich legen Stereotype und damit verknüpfte Vorurteile den Grundstein für diskriminierendes Verhalten (Augoustinos und Walker 1998: 631; Thiele 2015: 84). Eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Diskriminierung bedarf daher zuallererst einer Klärung, was Individuen und Gruppen motiviert Stereotype und Vorurteile auszubilden und was unter einem „Stereotyp“ überhaupt zu verstehen ist.

Thiele (2015: 89–94) unterscheidet Ansätze zur Ursache von Stereotypen gemäß dreier Analyseebenen. Während „[d]ie Ursachen für Vorurteile und Stereotype [...] gemäß individuellen Ansätzen [Hervorh. d. Verf.] in der stereotypisierenden Person begründet [liegen]“ (Thiele 2015: 90), zeichneten sich interpersonelle und intergruppale Erklärungsansätze durch die Berücksichtigung von Vergleichsprozessen aus. Ansätze, die auf gesellschaftlicher Ebene verortet werden, setzten sich dagegen vermehrt mit den Ursachen sozialer Ungleichheit auseinander.10 Individuelle Ansätze könnten dabei in solche unterteilt werden, die die Bedeutung kognitiver Prozesse betonen (im Sinne der Verarbeitung von Informationen) und solche, die stärker auf den emotionalen Charakter von Vorurteilen fokussieren. Dagegen sei aus Sicht kollektiver Ansätze die Bedeutung von sozialen Prozessen und Strukturen in den Mittelpunkt zu stellen, insbesondere die Rolle von Konflikten, Sozialisation und sozialer Ungleichheit.

Aus sozialpsychologischer Sicht wird eine Verbindung kollektiver und individueller Theorien angestrebt. Stereotype sind demnach nicht nur das Ergebnis individueller Prozesse (kognitiv, Informationsverarbeitung), sowie auch Vorurteile im Zusammenhang mit persönlichen Emotionen stehen. Darüber hinaus wird die Rolle des sozialen Kontext betont, durch den Stereotypen und Vorurteilen überhaupt erst eine Existenz über einzelne Individuen hinweg möglich wird (vgl. Augoustinos und Walker 1998: 630; Thiele 2015: 90). In diesem Sinne sind Stereotype nicht nur „Bilder in unserem Kopf“ (,pictures in our head’, Lippmann 1945/1922: 3, zitiert nach Thiele 2015: 27). Stereotypisierung und das Stereotyp seien in ihrer Natur sozial (vgl. Augoustinos und Walker 1998: 632).11 Wesentlich bei der Analyse des Stereotyps ist aus dieser Perspektive also eine Reflexion kognitiver Prozesse vor dem Hintergrund einer sozialen Realität. Aus diesem Grund heben Erklärungsansätze in der sozialpsychologischen Tradition die Bedeutung des Stereotypisierens für die Identitätsbildung und die Rolle sozialer Interaktion bei der Konstruktion von (sozialen) Stereotypen hervor. Thiele (2015: 69) hält fest: „Indem „wir“ „die anderen“ definieren, definieren „wir“ „uns“. Selbstwahrnehmung und Selbstbeurteilung sind zu weiten Teilen das Ergebnis eines Prozesses der Bildung von Auto-, Hetero- und Metastereotypen. […] Eine wichtige Funktion von Stereotypen ist daher die der Identitätsbildung und -stabilisierung sowohl bei Individuen als auch bei sozialen Gruppen.“12

Hierbei wird deutlich, dass Stereotypisierung gleichermaßen als ein Prozess der Differenzierung zu „den anderen“ (Fremdgruppen oder „Heterostereotype“) betrachtet wird, als hieraus auch eine (Selbst-)Identifikation mit bestimmten Kategorien hervorgeht, also Eigengruppen, bzw. „Autostereotype“ definiert werden (vgl. Tajfel und Turner 1986: 8; Thiele 2015: 30, 118). Im Folgenden sollen Diskriminierung und Vorurteile als Bestandteil von (wahrgenommenen) Interessenkonflikten betrachtet werden. Dieser Ansatz unterscheidet sich von solchen, die die Existenz von Stereotypen und Vorurteilen, sowie darauf bezogenes diskriminierendes Verhalten durch Lern- oder Imitationsprozesse begründen (Sozialisationstheorien), ebenso wie von Erklärungen, die hierfür persönliche bzw. individuelle Gründe ins Feld führen (prominente Beispiele hierfür sind die Theorie der Autoritären Persönlichkeit oder die Frustrations-Aggressions-Hypothese). Stattdessen rückt der Konflikt zwischen Gruppen in das Zentrum der Analyse (vgl. Thiele 2015: 89–92).

Basierend auf den Vorüberlegungen zum Prozess der Stereotypisierung soll außerdem ein sozialpsychologisches Verständnis von Stereotypen Anwendung finden. Grundsätzlich werden Stereotype demnach als „generalisierte Urteile und Vorstellungen, die einer Gruppe zugeordnet werden können“ (Appel 2008: 315) verstanden. Bei der Wahrnehmung von Personen als „Gruppenmitglieder“ werden wahrgenommene Gemeinsamkeiten betont und individuelle Unterschiede vernachlässigt. Wesentlich für die folgenden Ausführungen ist außerdem, dass zwischen individuellen und kollektiven Stereotypen unterschieden werden kann. Stereotype sind sozial geteilte Überzeugungen über Gruppen, sie können aber ebenfalls von individuellen Vorstellungen abweichen. Genauso unterscheiden sich die Fremd- und Selbstbilder von Gruppen. Trotz einer wahrnehmbaren relativen Konsistenz von Stereotypen, ist daher darauf zu verweisen, dass es sich um dynamische Konstrukte handelt, die sich sowohl individuell (z.B. durch den Einfluss persönlicher Erfahrungen), als auch kollektiv (z.B. durch Kommunikationsprozesse) wandeln können. In der konkreten Auseinandersetzung mit anderen Personen und Gruppen sind individuelle Stereotype von Relevanz. Für die folgenden Ausführungen soll festgehalten sein, dass sich Stereotype also auf zweierlei Ebenen verorten lassen, die jeweils unterschiedliche Bezugssysteme (Individuum / Gruppe) reflektieren (vgl. Appel 2008: 315–316).

2.2.2. Die realistische Konflikttheorie

Eine prominente, wenngleich im Zusammenhang mit der Entwicklung von Vorurteilen oft als unzureichend kritisierte Theorie, ist die des realistischen Gruppenkonflikts. Insbesondere bei der Analyse offener Diskriminierung unter Personen und Gruppen birgt sie jedoch erhebliches Erklärungspotential und soll daher hier Erwähnung finden. Turner und Hewstone (2011: 327–328) fassen diesbezüglich zusammen, dass es für feindseliges Verhalten und negative Einstellungen in Gruppenbeziehungen „in vielen Fällen einen geschichtlichen Hintergrund [gibt], der von Konflikten, Ungerechtigkeiten oder ungleichen Zugängen zu Macht und Ressourcen gekennzeichnet ist.“

Gemäß der realistischen Konflikttheorie kommt es zwischen Gruppen nämlich insbesondere dann zu negativen Reaktionen, wenn diese sich in einem Wettstreit um knappe Ressourcen befinden. Gelinge es einer Gruppe somit nur auf Kosten der anderen Vorteile für sich zu erringen, d.h. seien die Interessen unvereinbar, führe dies zu Vorurteilen und Feindseligkeit.13 Im Gegensatz zu bis dahin gängigen Erklärungen, die Vorurteile und Diskriminierung vor allem durch individuelle Frustration oder Persönlichkeit begründet sahen (vgl. Hogg 2016: 4), bietet die realistische Konflikttheorie einen Ansatz, der der Gruppe eine eigenständige Realität im Sinne von eigenen Zielen (geteilte Interessen) und Beziehungen zugesteht. Nichtsdestotrotz wird in der Auseinandersetzung mit der Theorie des realistischen Konflikts in der Regel betont, dass der „reale“ Wettbewerb keine Notwendigkeit für die Ausbildung von Vorurteilen darstelle. Vielmehr zeige sich, dass Konkurrenzdruck zwar „die Identifikation mit der eigenen Gruppe und die Abwertung der anderen [verstärkt].“ (Thiele 2015: 92). Dagegen finden sich Hinweise, dass bereits die Zuteilung von Individuen zu Gruppen ausreicht (soziale Kategorisierung), um eine Favorisierung der Eigengruppe (ingroup bias14) gegenüber der Fremdgruppe zu erzeugen („Minimalgruppen-Paradigma“, vgl. Turner und Hewstone 2011: 329–330). Diese Erkenntnis wird mit der Theorie der sozialen Identität (Tajfel und Turner 1979, 1986) aufgegriffen und erweitert.

2.2.3. Die Theorie der sozialen Identität

Tajfel und Turner (1986: 8) stellen fest, dass ein wesentliches Problem des realistischen Ansatzes zu Gruppenkonflikten in der Vernachlässigung von Prozessen liege, die im Zusammenhang mit der Identifikation eines Individuums mit einer Gruppe stehen. Dies führe zu der verkehrten Auffassung, die Identitätsbildung müsse als ein dem Konflikt nachgelagertes Phänomen begriffen werden. Demgegenüber wird mit der Theorie der sozialen Identität die Wertschätzung betont, die Individuen ihren jeweiligen Gruppenmitgliedschaften zuteil werden lassen. So sei die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe mit einer Bewertung verbunden, anhand derer sich ihr Status und mittelbar auch das individuelle Selbstwertgefühl ergäbe.

Hierin liegt ein bedeutender Unterschied zu vorangegangen Theorien der Diskriminierung. Hatten individualistische Perspektiven die Bedeutung der sozialen Umwelt nahezu gänzlich vernachlässigt, war sie in der realistischen Konflikttheorie zwar berücksichtigt worden. Gleichwohl wurde die Gruppe als eine Art funktionalen Zusammenschlusses beschrieben, dessen Existenzgrundlage die wechselseitige Abhängigkeit individueller Ziele oder Bedürfnisse sind (vgl. Turner u. a. 1987: 20). In diesem Sinne blieb der analytische Fokus weiterhin auf die Ebene persönlicher Eigeninteressen gerichtet. Turner et al. (1987: 25) kritisieren entsprechend: „That theories of social influence have been characterized by individualism […] is illustrated perhaps most simply by an implicit assumption that social norms form through the averaging of individual positions as members exchange their separate and private stocks of informations. The group as a whole, the social norm, is assumed to be exactly the sum of its parts, the members‘ individual opinions – there is no gain or loss in collective wisdom, no conception that conformity to the group norm need not be a process of purely interpersonal convergence.“

Es bliebe einerseits fraglich, inwiefern die Berücksichtigung von Gruppen überhaupt als gewinnbringende Alternative zu individualistischen Perspektiven betrachtet werden könnte (ebd.). Andererseits zeigt sich die bereits eingangs erwähnte konzeptionelle Schwäche von an Interessen und Bedürfnissen orientierten Ansätzen, hiervon unabhängige Verhaltensweisen zu erklären. Die Theorie der sozialen Identität stellt dem einen Erklärungsansatz gegenüber, demgemäß das Individuum nicht nur als Teil einer Gruppe gesehen wird. Vielmehr ist die Gruppe auch ein Teil des Individuums und somit als geteiltes Konzept „in Form einer „sozialen Identität“ kognitiv repräsentiert.“ (Hastedt 1998: 6).

Gemäß dieser Sichtweise ergibt sich das individuelle Selbstverständnis nicht nur anhand einer einzigen persönlichen Identität. Stattdessen setze sich das Selbstkonzept eines Individuums aus vielen Identitäten zusammen, von denen sich manche auf persönliche Merkmale bezögen und andere sich aus der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen ergäben (vgl. Hastedt 1998: 8; Turner und Hewstone 2011: 331). Die Mitgliedschaft in einer Gruppe ist dabei nicht nur abhängig von wahrgenommenen sozialen Kategorien (In- und O utgroups), sondern ihr wird auch ein Wert beigemessen, der sich aus Prozessen des sozialen Vergleichs ergibt. Hierbei werde der Status der eigenen Gruppe gegenüber relevanten Fremdgruppen evaluiert. Die soziale Identität ist damit bestimmt durch die Identifikation mit einer sozialen Kategorie, sowie einer Bewertung, die sich aus dem Vergleich mit anderen Gruppen ergibt. Insofern sich der subjektive Wert einer Eigengruppe durch auf Abwertung zielende Vergleiche steigern lasse, wird das Bedürfnis nach einem positiven Selbstkonzept (positive Distinktheit) als Motivation der Diskriminierung15 zwischen Gruppen genannt (vgl. Tajfel und Turner 1986: 16; Thiele 2015: 119).16

2.2.4. Die Selbstkategorisierungstheorie

Diskriminierung ist aus Sicht der Theorie der sozialen Identität ein Verhalten, das auf kognitive Prozesse des Individuums zurückführbar ist (z.B. auf Prozesse der sozialen Kategorisierung und die kognitive Akzentuierung von kategorisierten Merkmalen), aber auch wesentlich durch dessen Verhältnis zu einer sozialen Umwelt bestimmt wird (vgl. Thiele 2015: 118–119). Eine zentrale Funktion wurde daher der Identifikation mit sozialen Gruppen zugeschrieben. Wahr ist aber auch, dass Individuen sich nicht zu jeder Zeit ihrer unterschiedlichen sozialen Identitäten in gleichem Maße bewusst sind und darüber hinaus nicht immerzu den Versuch unternehmen, einen für sie vorteilhaften Vergleich zu Mitgliedern beliebiger anderer Gruppen herzustellen. Im Hinblick auf das Phänomen der Hate Speech im Internet bleiben insbesondere zwei Fragen bestehen. Es wird erstens zu klären sein, unter welchen konkreten Bedingungen Individuen nach positiver Distinktheit zu anderen Gruppen entlang einer relevanten Vergleichsdimension streben. Zweitens wurde Hate Speech im vorangegangen Kapitel 2.1. als ein Phänomen benannt, das im Zusammenhang mit der Polarisierung von Meinungen zu stehen scheint. In diesem Sinne wird die Frage zu beantworten sein, inwiefern die identifizierten Prozesse des sozialen Vergleichs und der sozialen Kategorisierung zu einer Erklärung beitragen können.

Turner et al. (1987) benennen mit der Selbstkategorisierungstheorie entsprechende Konzepte, die sich den Konsequenzen von sozialer Kategorisierung für individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen widmen. Hierzu zählen unter anderem die Selbst-Stereotypisierung, das Meta-Kontrast Prinzip und die Prototypikalität eines Stimulus, aber auch ein funktionales Verständnis der Salienz von Kategorien als Produkt von Zugänglichkeit und Passung. Diese Konzepte wurden in einer vorangegangen Projektarbeit (Ostrowski 2017) bereits erläutert und diskutiert und sollen im Folgenden nur insofern aufgegriffen werden, als sie zur Klärung der Frage danach beitragen, unter welchen Umständen Individuen geneigt sind in einer konkreten Situation anhand einer relevanten Dimension ihres Selbstkonzepts einen sozialen Vergleich anzustreben. Darüber hinaus setzte sich Wetherell (1987) detailliert mit der Anwendbarkeit der Theorie auf Phänomene der Polarisierung von Gruppen auseinander und liefert damit wichtige Anhaltspunkte hinsichtlich der zweiten einleitend genannten Fragestellung.

2.2.4.1. Die Bildung von Gruppen & Handeln im Sinne einer Gruppe

Hinsichtlich der Frage danach, wann Individuen sich im Sinne einer sozialen Kategorie verhalten und somit unter Umständen auch eine auf Abwertung zielende Strategie des intergruppen-Vergleichs verfolgen, ist zunächst darauf hinzuweisen, dass im Sinne der Selbstkategorisierungstheorie nunmehr alle Aspekte des Selbstkonzepts als Kategorien, bzw. als Selbst-Kategorisierungen begriffen werden. Somit ist jeder Aspekt des Selbstkonzepts referentiell und lediglich unterschiedlich abstrakt. In diesem Sinne stellt das personelle Selbst eine niedrige Abstraktionsebene dar, ist aber prinzipiell dem sozialen Vergleich genauso zugänglich, wie andere, soziale Ebenen des Selbstkonzepts (vgl. Turner u. a. 1987: 45–46). Darüber hinaus stellen Turner et al. (1987: 44) fest, dass die Funktionsweise des Selbstkonzepts als situationsspezifisch zu begreifen ist: „particular self-concepts tend to be activated (‘switched on‘) in specific situations producing specific self-images. Any particular self-concept […] tends to become salient […] as a function of an interaction between the characteristics of the perceiver and the situation (Bruner, 1957; Oakes, 1983).“

Damit unterstreichen sie die Bedeutung einer konkreten sozialen Situation für die Wahrnehmung und das Handeln eines bestimmten Individuums. Darüber hinaus beschreiben Turner et al. (1987) die Salienz von Kategorien als durch ein inverses Verhältnis bestimmt: mit einer ansteigenden Selbst-Wahrnehmung als Individuum geht eine abnehmende Akzentuierung sozialer Selbst-Kategorisierungen einher und umgekehrt. Mit zunehmender Salienz einer sozialen Kategorisierung ist also ein Prozess der Depersonalisierung verbunden, der zur Folge hat, dass das Selbst als Element einer sozialen Kategorie erfahren wird. Turner et al. (1987: 50–51) bezeichnen dies als Folge einer „Selbst-Stereotypisierung“, da sich die Wahrnehmung an den Stereotypen der Ingroup orientiert. Damit kann Depersonalisierung als der Prozess begriffen werden, der es Individuen erlaubt, sich (in einer bestimmten Situation) im Sinne einer Gruppe zu verhalten und zu erfahren.

Dass sich Individuen zu Gruppen zusammenfinden (oder in einer Gruppe verbleiben) ist aus Sicht der Selbstkategorisierungstheorie wesentlich durch die (soziale) Anziehung zu anderen Individuen (‚attraction to others‘ (Turner u. a. 1987: 64)) bestimmt. Diese Anziehung sei jedoch weder durch interpersonelle Attraktivität, noch durch die Interdependenz von Bedürfnissen hinreichend erklärbar. Im Gegenteil sei die Wahrnehmung individueller Eigenschaften mit einer stärkeren Akzentuierung von Unterschieden verbunden, da sich die Mitglieder einer sozialen Gruppe nunmehr als Individuen und nicht als Einheit gegenüber einer relevanten Outgroup erfahren können (vgl. Turner u. a. 1987: 60–62). Die Voraussetzung zur Bildung von Gruppen (und wechselseitigen Anziehungskraft innerhalb der Gruppen) ist also ein Bezugsrahmen, der einen Vergleich anhand relevanter Ingroup-Outgroup Kategorien zulässt. Dabei ist festzuhalten, dass dies die Existenz einer Ingroup-Kategorie impliziert, die in einer entsprechenden Situation salient werden kann (Turner u. a. 1987: 64). Dies wirft zweierlei Fragen auf. Die erste ist, inwiefern Individuen anhand einer konkreten Situation andere anhand ihrer Gruppenzugehörigkeit unterscheiden können. Eine Antwort hierauf gibt das Meta-Kontrast Prinzip. Demnach werden situative Reize (hier: unterschiedliche individuelle Eigenschaften oder Meinungen) entsprechenden unterschiedlichen Kategorien so zugeordnet, dass die Ähnlichkeiten innerhalb einer Kategorie als geringer erfahren werden, als die Unterschiede zwischen zwei Kategorien (vgl. Turner u. a. 1987: 47, 51–52).17 Zweitens ist zu klären, inwiefern bestimmten Gruppenmitgliedschaften eine herausragende Bedeutung in einer Situation zuteil wird, sodass sie gegebenenfalls leichter zu „aktivieren“ sind, als andere. Hierbei verweisen Turner et al. (1987: 54) darauf, dass Salienz als das Produkt aus der relativen Zugänglichkeit einer Kategorisierung (gegenüber anderen Kategorisierungen) und der situativen Passung zwischen dem Reiz-Input und den jeweiligen Eigenschaften der Kategorie begriffen werden könne.18 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Bildung und Zusammenhalt von Gruppen abhängig davon sind, inwiefern in konkreten Situationen Vergleichsmöglichkeiten zu Mitgliedern anderer Gruppen bestehen, wodurch die Identifikation mit der eigenen Gruppe gestärkt wird. Hierbei spielt die relative Zugänglichkeit einer sozialen Kategorie eine wichtige Rolle, ebenso wie konkret unterscheidbare durch die Situation gegebene Reize (komparative Passung) und die Übereinstimmung der Kategorisierung mit vorhandenen Stereotypen (normative Passung)19. Individuelles Verhalten folgt dabei insofern der Norm einer Gruppe, als die individuelle Selbstwahrnehmung in einer konkreten Situation depersonalisiert wird, d.h. die Salienz einer sozialen Identität zunimmt.

2.2.4.2. Die Polarisierung von Gruppen

Ein mit dem Zusammenhalt von Gruppen einhergehendes Phänomen ist, aus Sicht der Selbstkategorisierungstheorie, die Voreingenommenheit eines Individuums gegenüber Mitgliedern aus Fremdgruppen (Ethnozentrismus). Turner et al. (1987: 62) beschreiben dies als soziales Äquivalent zum persönlichen Streben nach Selbstachtung: Das aus der Theorie der sozialen Identität bekannte Prinzip des Strebens nach „positiver Distinktheit“ sei übersetzbar als die relative Prototypikalität der Ingroup anhand einer relevanten Vergleichsdimension des intergruppen-Vergleichs. Ungeklärt bleibt jedoch im Hinblick auf Diskriminierung bzw. Hate Speech, inwiefern sich durch die Interaktion bzw. Kommunikation (Diskussion) zwischen Individuen eine Dynamik entfalten kann, bei der eine zunehmende Radikalisierung entweder der tatsächlichen, oder aber zumindest der geäußerten Meinungen erwartbar wird. Eine mögliche Antwort kann in der Polarisierung von Gruppen gesehen werden, mit denen sich die Individuen identifizieren. Wetherell (1987: 142) gibt hierbei folgende Definition für Polarisierung an: „More precisely, group polarization is usually defined as the hypothesis that the ‘average postgroup response will tend to be more extreme in the same direction as the average of the pregroup responses‘ (Myers and Lamm, 1976, p. 603).“

Ebenso wichtig scheint dabei die Frage, warum es gerade zur Polarisierung von Meinungen kommen sollte und nicht zu einem Kompromiss (Konsens), bzw. unter welchen Bedingungen das Eine oder das Andere erwartbar scheint (vgl. Wetherell 1987: 142–143).

Wetherell (1987) diskutiert zwei unterschiedliche Ansätze, denen die Selbstkategorisierungstheorie als Alternative gegenübergestellt werden soll. Die Grundlage des Ersten bezieht sich auf die Überzeugungskraft von Argumenten (‚persuasive arguments or informational influence model‘ (Wetherell 1987: 144)), der zweite Ansatz hingegen wird auf Auswirkungen des sozialen Vergleichs zurückgeführt. Im Wesentlichen identifiziert sie als Annahme des ‚persuasive arguments‘-Ansatz, dass in der Diskussion mit anderen Personen neue Argumente auftauchen, die die bestehende Position bzw. Meinung eines Individuums in eine bestimmte Richtung verschieben können. Hierbei wird angenommen, dass Argumente für die eigene Meinung häufiger genannt werden (z.B. aufgrund des selben kulturellen Hintergrunds der Diskutierenden)20 und dass Meinungsänderung durch kognitive Prozesse bestimmt wird, nämlich durch das rationale Abwägen von pro- und kontra-Argumenten. Demgegenüber sehen Ansätze des sozialen Vergleichs die Polarisierung in Gruppen durch das Streben nach Selbstwertgefühl motiviert: extreme Positionen seien sozial erwünscht und würden daher belohnt. Darüber hinaus gäbe es eine Tendenz, die eigene Position vor der Diskussion als überdurchschnittlich extrem einzuschätzen, wodurch die Konfrontation mit den (dann extremer wirkenden) Meinungen der anderen zu einer Diskrepanz führe. Dies erfordere folglich eine Radikalisierung der eigenen Meinung, um den Verlust an Selbstwertgefühl zu kompensieren (vgl. ausführlich hierzu Wetherell 1987: 144–148).

Die wesentliche Schwäche dieser Ansätze ist aus Sicht der Selbstkategorisierungstheorie offensichtlich: die Vernachlässigung von Gruppenprozessen. Weder die Überzeugungskraft von Argumenten (persuasive arguments), noch die unterstellte soziale Norm zugunsten extremer Positionen (social comparison) werde vor dem Hintergrund eines konkreten sozialen Kontext reflektiert. Hierdurch werde die Gruppendiskussion gleichsam als eine Art neutrale Umgebung betrachtet, deren Effekt vernachlässigbar sei. Das Gegenteil sei jedoch der Fall: Weder sei Polarisierung durch eine übergeordnete Norm motiviert, noch könne die Überzeugungskraft von Argumenten in einer Art „sozialen Vakuums“ definiert werden. Die erste These belegt Wetherell (1987: 150) anhand von Studien, in denen Individuen sogenannten „fake norms“ ausgesetzt wurden. Hierbei wurde eine Gruppendiskussion zugunsten mehrheitlich moderater Meinungen inszeniert, wodurch Individuen, die zuvor eher extreme Meinungen vertraten, sich im Laufe der Diskussion dem Gruppenkonsens annäherten. Wetherell (1987: 150) hält fest: „But why should they conform to a cautious consensus if there is a strong social value for risk? Perhaps because in this case implicit group pressure is created (Myers and Lamm, 1976, p. 615), but if this pressure operates in these kinds of cases might it not also be a motivation in groups which all share a pretest tendency to risk? That is, subjects may not be motivated by their recognition of an external social value but by their recognition that this is their discussion group‘s norm.“

In diesem Sinne sei auch die Überzeugungskraft von Argumenten nicht unabhängig des sozialen Kontextes zu evaluieren, in dem sie entstehen. Die Eigenschaften die ein Argument überzeugend machten, so etwa Einfallsreichtum oder Aussagekraft, seien in hohem Maße abhängig von den Gegebenheiten einer konkreten Diskussion. Ausschlaggebend sei, wer die Meinung äußert (Gruppenzugehörigkeit), inwiefern die Meinung mit dem eigenen Standpunkt übereinstimmt und wie die aktuelle Situation im Gesamten wahrgenommen werde (vgl. Wetherell 1987: 149–150). Die Überzeugungskraft eines Arguments variiert somit mit dem sozialen Kontext: „Frequently, even the originality of an argument can be decisively redefined from discussion to discussion. […] The point for polarization research would seem to be that any credible theory of group influence cannot avoid describing and explaining social contextual variations in argument persuasiveness.“ (Wetherell 1987: 149)

Die Polarisierung von Gruppen in Diskussionen sei also weder auf (logisch) überzeugende Argumente zurückzuführen, noch auf eine der Situation übergeordnete soziale Norm. Das bedeutet nicht, dass Argumente nicht unterschiedlich überzeugend seien, oder Diskussionen nicht durch Normen beeinflusst würden. Die Überzeugungskraft eines Arguments sei jedoch das exakte Äquivalent des Ausmaßes, in dem es als in Übereinstimmung mit der Norm der Gruppe wahrgenommen werde (Wetherell 1987: 154). Das bedeutet einerseits, dass Individuen besonders beeinflussbar sind, wenn eine geäußerte Meinung der eigenen Gruppe zugerechnet wird. Andererseits variiert somit der Einfluss eines Individuum auf andere Gruppenmitglieder in dem Maße, als er gemessen am Prototyp der Gruppe als „typisch“ wahrgenommen wird. Daher wird angenommen, dass die Mitglieder einer Gruppe zu jenem Standpunkt konvergieren werden, der vor der Diskussion am ehesten dem Prototyp dieser Gruppe entsprach. Die folgenden Beispiele sind Wetherell (1987: 156) entlehnt und sollen diese Tendenz illustrieren:

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Tabelle 1: Selbstkategorisierungstheorie & Polarisierung: mögliches Szenario für Konsens, eigene Darstellung in Anlehnung an Wetherell (1987: 156).

Die Prototypikalität eines Stimulus (hier: die Meinung / Position eines der Individuen) ergibt sich gemäß der Selbstkategorisierungstheorie aus dem Meta-Kontrast-Prinzip. Dabei sei das Verhältnis definiert als die mittlere wahrgenommene Differenz eines bestimmten Stimulus zu Stimuli der Outgroups dividiert durch die mittlere wahrgenommene Differenz desselben zu Stimuli der Ingroup. Je höher der resultierende Wert ist, umso prototypischer erscheint das Individuum (bzw. dessen Meinung) für die Gruppe (vgl. Turner u. a. 1987: 47). Damit ergibt sich für das obere Szenario, dass B am ehesten den Prototyp der Gruppe (A, B und C) widerspiegelt, da es sich am stärksten von den Äußerungen aus den Outgroups abgrenzt (-3, -2, +2, +3) und am ähnlichsten zu den Meinungen der Ingroup erscheint (Wetherell 1987: 156).

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Tabelle 2: Selbstkategorisierungstheorie & Polarisierung: mögliches Szenario für Polarisierung, eigene Darstellung in Anlehnung an Wetherell (1987: 156).

Dem wird ein Szenario gegenübergestellt, in dem sich die drei Gruppenmitglieder am positiven Extrem der Skala befinden, wodurch die Meinung von C nun stärker mit der des Gruppenprototyps assoziiert wird, als die von A.21 Dieses Beispiel soll unter anderem veranschaulichen, dass die Tendenz zur Polarisierung davon abhängt, wie die Standpunkte der Gruppenmitglieder gegenüber dem „psychologischen Mittelpunkt“ der geäußerten Meinungen verortet werden (‚psychological midpoint of the appropriate reference scale‘ (Wetherell 1987: 156)).

Zusammenfassend ist Polarisierung also ein Phänomen, das ebenso wie andere Gruppenphänomene auf wahrgenommene Ähnlichkeiten zu anderen Gruppenmitgliedern, bzw. wahrgenommene Unterschiede zu Fremdgruppen zurückführbar ist. In diesem Sinne sind Argumente von Individuen, die anderen Gruppen zugeordnet werden nur wenig überzeugend, wohingegen ihre Überzeugungskraft zunimmt, je eher sie als prototypisch für die eigene Gruppe wahrgenommen werden. Hierbei spielen Prozesse der Akzentuierung, sowohl von Ähnlichkeiten zur eigenen Gruppe, als auch von Unterschieden zu Fremdgruppen eine Rolle. Darüber hinaus ist erneut die Bedeutung der Identifikation von Individuen mit ihren Gruppen hervorzuheben, da sie im Wesentlichen das Ausmaß bestimmt, inwiefern ein Argument überhaupt angenommen wird. Hierbei ist auch auf das Konzept der Salienz zu verweisen, da sie bestimmt, ob eine Situation als intergruppen-Konflikt wahrgenommen wird und somit die Identifikation mit einer Gruppe und damit die Beeinflussbarkeit von Individuen zunimmt (vgl. Wetherell 1987: 158). Zuletzt ist mit der Prototypikalität ein Maß gegeben, anhand dessen sich bestimmen lässt, wie sehr ein Individuum (oder eine Meinung) die lokale Gruppennorm repräsentiert und somit Einfluss auf andere Mitglieder der Gruppe nehmen kann.

2.2.5. Zusammenfassung: Hate Speech aus der Perspektive von Ansätzen zur sozialen Identität

Sozialpsychologische Theorien zu Stereotypen und diskriminierenden Verhaltensweisen versuchen individuelle und kollektive Ansätze zu verbinden. Es gilt, kognitive Prozesse vor dem Hintergrund einer sozialen Realität zu reflektieren. Von Interesse ist daher nicht das Stereotyp an sich, sondern das „Stereotypisieren als soziale Interaktion“ (Thiele 2015: 28). Gruppen wird eine eigenständige Realität zugeschrieben, die aus Sicht der Theorie der sozialen Identität mehr ist, als nur die Summe individueller Einzelinteressen und -meinungen. Die Identifikation mit einer Gruppe bedeutet auch eine Evaluation dieser Mitgliedschaft durch soziale Vergleichsprozesse. Hieraus ergibt sich nicht nur der Status der Gruppe, sondern, da die Gruppe in Form einer sozialen Identität im Individuum repräsentiert ist, auch das individuelle Selbstwertgefühl. Das Streben nach positiver Distinktheit durch das Abwerten einer Fremdgruppe wird als die hauptsächliche Ursache für diskriminierendes Verhalten genannt (vgl. Kapitel 2.2.3. (Die Theorie der sozialen Identität)).

Wahr ist, dass für diskriminierendes Verhalten bestimmte Bedingungen gegeben sein müssen. Etwa, dass eine Situation überhaupt aus einer Intergruppen-Perspektive wahrgenommen wird. Eine mögliche Erklärung für feindseliges Verhalten wurde bereits in Kapitel 2.1. (Onlinebasierter Hass aus sozialpsychologischer Perspektive) thematisiert, nämlich die Herausbildung von Feindbildern. Hierfür wurde sowohl die Existenz bzw. Konstruktion von Gruppen vorausgesetzt, als auch Prozesse der Radikalisierung und Polarisierung von Individuen und Gruppen. Insbesondere die Polarisierung von Gruppen wurde außerdem im Kontext einer sprachlichen Abgrenzung zu ‚den Anderen‘ genannt. Fraglich blieb jedoch, welchen Prinzipien und Regeln diese Prozesse überhaupt folgen und welchen konkreten Einfluss sie auf individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen nehmen können. Hierfür liefert die Selbstkategorisierungstheorie wichtige Antworten. Die Bildung und der Zusammenhalt von Gruppen, ebenso wie die Polarisierung von Meinungen sind aus dieser Perspektive auf kognitive Prozesse zurückzuführen, deren Bedeutung in Relation zu einem konkreten sozialen Kontext steht (Meta-Kontrast Prinzip, Salienz als Produkt von Zugänglichkeit und Passung). Ebenso wie bereits die Theorie der sozialen Identität zuvor, unterstreichen die Autoren die Bedeutung der Identifikation eines Individuums mit unterschiedlichen Gruppen. Dabei kann das Ausmaß, in dem sich ein Individuum mit einer bestimmten Gruppe identifiziert, variieren und hat Konsequenzen, die das Verhalten beeinflussen (Depersonalisierung). Hier zeigt sich auch die Bedeutung stereotyper Wahrnehmung: je höher das Ausmaß, in dem eine soziale Identität (bzw. soziale Selbstkategorisierung) salient ist, desto stärker sind die Effekte, die mit den identifizierten Gruppenprozessen in Zusammenhang stehen. Stereotype reflektieren dabei insbesondere die Norm, die mit einer Gruppe assoziiert wird (Wetherell 1987: 163) und nehmen so Einfluss auf die Überzeugungskraft von Meinungen. Diese Wirkung wird als umso größer angenommen, als ein Argument als stereotypkonform wahrgenommen wird. Polarisierung wird in diesem Sinne als eine Annäherung an den prototypischen Standpunkt betrachtet (vgl. Wetherell 1987: 165).

Ansätze zur sozialen Identität und damit zusammenhängende Überlegungen liefern viele wichtige Anhaltspunkte zu den grundlegenden Prozessen von Diskriminierung. Sie erklären auch, wie im Zuge von Polarisierung und durch die Herausbildung von Feindbildern aggressive Formen diskriminierenden Verhaltens denkbar sind. Die bis hierhin identifizierten Prozesse, Dynamiken, sowie resultierende Effekte und Strukturen sind in Tabelle 3 abgebildet. Gleichzeitig scheint durch das Internet ein Medium der Kommunikation gegeben, das individuelle Tendenzen zu diskriminierendem Verhalten verschärft. Dies deutet, basierend auf den bisherigen Überlegungen, darauf hin, dass der Gruppenkonflikt begünstigt oder verstärkt wird. Um die Entwicklung von Hate Speech im Internet zu verstehen, bedarf es im Folgenden einer detaillierten Auseinandersetzung mit dieser Umwelt und ihren Wirkungen auf individuelles Verhalten.

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Tabelle 3: Diskriminierung: zugrunde liegende Prozesse, Dynamiken und resultierende Strukturen bzw. Effekte. Quelle: eigene Darstellung.

2.3. Die Konstruktion einer sozialen Wirklichkeit im Internet

Durch das Internet ist eine Kommunikations- und Informationsinfrastruktur gegeben, die es erlaubt, eine Vielzahl an sozialen Kontakten zu suchen, zu finden und aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus machte es der technologische Fortschritt möglich, das Netzwerk orts- und zeitunabhängig zu nutzen. Es wird zu zeigen sein, dass durch die Wahl bestimmter Online-Angebote unterschiedliche Möglichkeiten zur Kommunikation und Interaktion gegeben sind, die in konkreten Verhaltensweisen resultieren. Döring (2003: 130) weist in Bezug auf die Anwendung sozialpsychologischer Theorien auf computervermittelte Kommunikation ebenfalls auf die Komplexität sozialen Verhaltens hin. Es sei zu berücksichtigen, dass „Internet-Nutzung und daraus resultierende Effekte auf ein Zusammenwirken unterschiedlicher Einflüsse zurückgehen, die durch verschiedene Theorien teilweise erklärbar sind.“

Entsprechend sei es nicht sinnvoll, eine universelle Erklärung anzustreben, sondern vielmehr „[in] Abhängigkeit von der jeweiligen Fragestellung […] relevante Einflussfaktoren herauszukristallisieren“, um so vom Zusammenwirken der jeweils beschränkten Erklärungskraft der einzelnen Theorien zu profitieren (ebd.). Hierbei wird ein Ansatz vertreten, der sowohl medien-, als auch nutzerzentrierte Sichtweisen zu integrieren versucht und so ein interaktionistisches Verständnis medialen Kommunikationsverhaltens ermöglicht. Bestimmte Internet-Effekte ergäben sich somit aus dem Zusammenspiel sowohl der Merkmale des Mediums, als auch des Nutzungsverhaltens von Personen (vgl. zum medienökologischen Rahmenmodell Abb. 1, außerdem Döring 2003: 128–129, sowie ausführlich S. 186-198). Insofern diese medienökologische Perspektive die Wechselwirkungen zwischen Mensch (Nutzer) und Umwelt (Medium / Internet) in den Mittelpunkt stellt, soll sie auch in den folgenden Ausführungen Berücksichtigung finden.

Es stellt sich die grundsätzliche Frage, wie die Nutzer von Online-Angeboten eine gemeinsame Wirklichkeit erzeugen, bzw. welche Möglichkeiten bestehen um mit anderen Nutzern zu interagieren. Insofern verfügbare Angebote bereits bestimmte Strukturen bereitstellen und zwischen Nutzern vermitteln, nehmen deren Anbieter ebenfalls Einfluss auf die soziale Umwelt im Internet. Es kann angenommen werden, dass die so geschaffenen Bedingungen, unter denen Individuen im Internet kommunizieren, bestimmte Auswirkungen auf deren Verhalten haben. Das Anliegen der folgenden Kapitel ist daher zunächst eine Beschreibung des Strukturwandels öffentlicher Kommunikation durch das Internet (Kapitel 2.3.1.). Darüber hinaus wird zu reflektieren sein, inwiefern konkret identifizierbare Strukturen auf technische Vorgaben und Einflüsse zurückzuführen sind, oder aber auf das Verhalten und die Präferenzen der Nutzern selbst (Kapitel 2.3.2.).

Gleichzeitig gilt es zu verstehen, warum es in konkreten Nutzungssituationen zu Phänomenen wie Hate Speech kommt. Aus diesem Grund müssen die Wirkungen von Medien auf die individuelle Meinungsbildung und die Beurteilung einer Situation diskutiert werden. Hierbei ist zwischen direkten und indirekten Wirkungen zu unterscheiden. Im Sinne der Letzteren wird zu fragen sein, wie Medien die soziale Realität mitgestalten und wie Nutzer auf diese (oder vermutete) Einflüsse reagieren (Kapitel 2.3.3.). Direkte Medienwirkungen beziehen sich dagegen auf die konkrete Beeinflussung der individuellen Verarbeitung sozialer Informationen durch Medien (Kapitel 2.3.4.). Hierbei werden Fragen im Vordergrund stehen, die sich mit der Aktivierung und Anwendung von Stereotypen bei der situativen Urteilsbildung in einer medialen Umwelt auseinandersetzen (Kapitel 2.3.4.1. und 2.3.4.2.). Zuletzt wird zu klären sein, wie vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse in einer konkreten Situation eine diskriminierende und aggressive Verhaltensweise wie Hate Speech als attraktive Verhaltensoption erscheint (Kapitel 2.3.5.).

2.3.1. Öffentliche Kommunikation und das Internet

Das Internet bietet seinen Nutzern zahlreiche Möglichkeiten der Kommunikation. Döring (2003: 41 f., 2010: 160) unterscheidet hierbei im Wesentlichen dreierlei Kommunikationsformen nach der Anzahl der Kommunikatoren und ihrer Adressaten. Es sind die uni-Kommunikation (1:n), die interpersonale Kommunikation (1:1), sowie die Gruppenkommunikation (n:n). Diese Unterscheidung ist in Anbetracht der Vielfalt an Kommunikationsmöglichkeiten, die das Internet bereithält, sinnvoll. Als Beispiele können hier persönliche Homepages (1:n) und E-Mails (1:1), ebenso wie Gruppendiskussionen in Diskussionsforen und Chatrooms (n:n) dienen. Die online-Angebote sind jedoch nicht strikt trennbar und so findet sich auch bei Döring (2010: 160) der Hinweis, dass beispielsweise bei der Gruppenkommunikation sowohl gruppenöffentliche Botschaften, als auch bilaterale Kommunikationsformen vorzufinden sind, etwa durch privaten Chat. Darüber hinaus sind weitere Entwicklungen zu konstatieren, die ein Verschwimmen der Grenzen zwischen verschiedenen Kommunikationsformen nahe legen. Einerseits hängen diese Effekte mit der zunehmenden Nutzung des Internets als Kommunikationsinfrastruktur zusammen (vgl. zur Digitalisierung von Kommunikation z.B. Döring 2003: 157–161). Andererseits verlagert sich die Aufmerksamkeit durch eben diese verstärkte Nutzung und die Präferenz bestimmter Online-Angebote, die unter dem Begriff soziale Medien subsumiert werden können, auf spezifische Dynamiken und Effekte, die mit diesen Plattformen in Zusammenhang zu stehen scheinen.

Grundsätzlich ist in den letzten Jahren eine Abkehr von der Vorstellung einer Trennung von Online- und Offline-Sphäre zu verzeichnen. So bemerkt etwa Clemens Apprich (2015: 123), dass während „frühe Netzkulturen“ noch mit dem Bestreben erfüllt gewesen seien, virtuelle Parallelwelten, z.B. in Form digitaler Städte zu schaffen, mit der Ausbreitung der „social media“ insbesondere das „Netz der sozialen Beziehungen“ an Bedeutung gewonnen habe. Diese Annahme findet durch zahlreiche Studien Belege. Zunächst kann über alle Jahre eine Zunahme der Internet-Nutzer beobachtet werden und so ist auch ein „Kern-Ergebnis“ der neuesten ARD-ZDF-Onlinestudie (2017: 2), dass inzwischen ein Anteil von 90 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren hierzu gezählt werden kann.22 Gleichzeitig haben auch die Plattformen der sozialen Medien eine Bedeutungssteigerung erfahren. So zeigt etwa Katrin Busemann (2014: 33) anhand einer Auswertung der ARD-ZDF-Onlinestudie 2013 auf, dass eine deutliche Zunahme der Nutzer „privater Communitys“23 zu verzeichnen ist. Waren 2007 nur 15 Prozent der von den im Rahmen der Studien erfassten „deutschen Onlinenutzer ab 14 Jahren“ Nutzer dieser Angebote, so waren es 2013 bereits fast die Hälfte der Befragten (46%; ab 2010: „deutschspr. Onlinenutzer ab 14 Jahren“). Dieser Trend hatte sich zwischen 2007 und 2013 kontinuierlich fortgesetzt. Auffällig ist hierbei zweierlei. Das ist erstens die steigende Tendenz der Nutzer, nur eine einzige Community-Mitgliedschaft zu pflegen und sich somit nur auf eine einzige Plattform zu konzentrieren (Busemann 2014: 33). Darüber hinaus zeigt sich zweitens, dass die Nutzer privater Communitys das Internet auch überdurchschnittlich häufig unterwegs nutzen (Busemann 2014: 35).

Welche Bedeutung diese Zahlen für die Art und Weise haben, wie öffentliche Kommunikation heute durch die sozialen Medien mitgestaltet wird, zeigte sich in der Vergangenheit anhand zahlreicher Beispiele. Schmidt (2018: 7–8) führt hierbei unter anderem den Austausch über Alltags-Sexismus unter dem Kennwort „#aufschrei“ über Twitter an, der innerhalb weniger als einer Woche etwa 50.000 Beiträge mobilisieren konnte. Interessant ist des Weiteren, dass das Internet, bzw. genauer die Plattformen „sozialer Medien“, inzwischen oft als Ursprung brisanter gesellschaftlicher Themen und Phänomene mit weitreichenden Folgen genannt werden. So analysiert beispielsweise Christoph Kleinberg (2014: 61–69) die Auswirkungen von „Shitstorms“ auf Unternehmen. Es zeigt sich, dass Informationen häufig zunächst im Internet geteilt werden, bevor sie von journalistischen Medien aufgegriffen und diskutiert werden (vgl. Kleinberg 2014: 62, 65).24 Soziale Medien machen damit heute nicht nur einen wesentlichen Anteil der meistgenutzten Internetinhalte aus. Insofern dem Internet eine wachsende Bedeutung im Alltag der meisten Menschen zukommt, wobei es hierbei vor allem zur Kommunikation genutzt wird (ARD-ZDF-Onlinestudie 2016: 5), wird auch immer mehr über die Rolle „sozialer Medien“ für die politische Meinungsbildung diskutiert (vgl. Schmidt 2018). Dabei ist bemerkenswert, dass soziale Medien zwar keine eigenen Inhalte produzieren. Jedoch stellen sie Infrastrukturen bereit, über die Inhalte bereitgestellt und vermittelt werden können. Sie fungieren also als „Intermediäre“. Schmidt (2018: 65) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass diese Vermittler-Rolle keinesfalls neutral ist. Soziale Medien werden daher sowohl als Bereicherung der bisherigen Medienlandschaft betrachtet, da sie für ihre Nutzer eine größere Vielfalt verfügbarer Informationen bereitstellen und auch neuartige Informationsquellen hervorgebracht haben (Schmidt 2018: 65–66). Weil sie jedoch einerseits selbst durch bestimmte Auswahlverfahren lenkend in den Informations- und Austauschprozess ihrer Nutzer eingreifen und andererseits auch von Interessengruppen genutzt werden um Meinungen möglichst zielgenau und weitreichend zu beeinflussen, werden sie inzwischen auch häufig in Zusammenhang mit polarisierenden Dynamiken öffentlicher Meinungsbildung – darunter Hate Speech (Schmidt 2018: 61, 71) – genannt.

Soziale Medien sind zwar im Internet keinesfalls die einzigen Angebote. Dennoch machen sie heute einen wesentlichen Anteil der Infrastruktur aus, die online zur Kommunikation und zum Informationsaustausch genutzt wird. Eine Suche nach den Ursachen von Hate Speech im Internet sollte daher bei einer Analyse dieser Kommunikationsstrukturen beginnen. Entsprechend ist das folgende Kapitel 2.3.2. Sozialen Medien und sozialen Netzwerken gewidmet. Gleichzeitig soll an dieser Stelle noch einmal auf die Bedeutung des medienökologischen Rahmenmodells für die vorliegende Analyse hingewiesen werden. Es ist festzuhalten, dass soziales Verhalten aus dieser Perspektive nicht allein durch die Nutzung eines bestimmtes Mediums erklärt werden kann. Vielmehr müssen die Wechselwirkungen zwischen Medienmerkmalen und Nutzerverhalten berücksichtigt werden (vgl. Döring 2003: 130). Die Analyse der Ursachen für diskriminierendes Verhalten im Internet kann sich daher nicht in einer Beschreibung der Struktur und ihrer Merkmale erschöpfen. In diesem Sinne soll neben der Reflexion technischer Bedingungen auch der Blick auf die Präferenzen und Entscheidungen der Nutzer gerichtet werden. Eine zentrale Frage wird daher auch sein, wieso sich eine Präferenz für die Nutzung „sozialer Medien“ ergeben hat und welche sozialen und psychologischen Schlussfolgerungen sich hieraus ziehen lassen.

2.3.2. „Soziale Medien“ & Soziale Netzwerke

Ein Begriff, der im Speziellen bei der Analyse von „[öffentlichen, Anm. d. Verf.] Entscheidungen, die anders ausfielen, als vorab prognostiziert worden war“ (Schmidt 2018: 61) kaum mehr wegzudenken ist, ist der der sozialen Medien. Dabei wird angenommen, dass von diesen inzwischen auch im Allgemeinen ein erheblicher Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung ausgeht (vgl. z.B. Schmidt 2018; Schweiger 2017). Wenngleich hier unterschiedliche Internet-Angebote unter einem wenig trennscharfen Begriff zusammengefasst würden, könnten nach Schmidt (2018: 11) zwei wesentliche Kriterien identifiziert werden. Es handele sich erstens um den Abbau von Barrieren, die die Verbreitung und Bearbeitung von Inhalten im Internet behindern. Zweitens erlaube der Gebrauch dieser Online-Angebote einen besseren Austausch mit anderen Nutzern, etwa durch die explizite Angabe sozialer Beziehungen (z.B. als „Freunde“). Soziale Medien gewährleisten demnach eine leichtere Verbreitung von Inhalten und Informationen im Netz, sowie den Austausch über die so geschaffene mediale Umwelt gleichermaßen.25 Wesentlich sei hierbei, dass soziale Medien damit „einen neuartigen Raum zwischen der massenmedialen und der interpersonalen Kommunikation schaffen und einnehmen.“ (ebd.).

Aus analytischer Perspektive ist einerseits zu untersuchen, wie dieser Raum gestaltet ist. Im Folgenden soll die Kommunikationsstruktur sozialer Medien als soziales Netzwerk begriffen und beschrieben werden26. Dabei ist der dynamische Charakter von Netzwerken zu betonen: Netzwerkstrukturen sind nicht als das Ergebnis einer zentralen Vorgabe zu betrachten, sondern werden unter den Mitgliedern immer wieder neu ausgehandelt, „sodass sich das Netzwerk in einem permanenten Prozess der Selbstanpassung befindet“ (vgl. Apprich 2015: 128). Identifizierbare Strukturmerkmale sind daher keine zufälligen Eigenschaften, sondern weisen Organisationsprinzipien auf, die ihrerseits auf individuelle Verhaltensweisen zurückzuführen sind (Ahlf 2013: 31–32). Die Betrachtung sozialer Strukturen als Netzwerke kann sich damit nicht darin erschöpfen, „Individuen lediglich als Punkte und die sie verbindenden Beziehungen lediglich als Linien“ (Apprich 2015: 126) zu beschreiben. Andererseits ist also zu fragen, unter welchen technischen, sozialen und psychologischen Bedingungen sich jene Strukturen bilden und wandeln. In diesem Sinne ist der Blick neben einer strukturellen Analyse auf die zwischenmenschlichen Dynamiken zu richten, die im „Zeitverlauf der Kommunikation und Interaktion entstehen.“ (Ahlf 2013: 44).

In Bezug auf eine Analyse der Gesamtstruktur sollten drei theoretische Modelle diskutiert werden. Einerseits ist dies das zufällige (Random-)Netzwerk. Demzufolge wären die auf den Plattformen sozialer Medien vorgefundenen sozialen Beziehungen durch eine gleichmäßige Verteilung geprägt, sodass alle Mitglieder des Netzwerks annähernd die gleiche Anzahl aufwiesen. Demgegenüber stehen andererseits die theoretischen Modelle des Small World-, sowie des Scale Free-Netzwerk (vgl. Abb. 2 für eine Übersicht der verschiedenen Ausprägungsformen theoretischer Modelle). Anders als das zufällige Netzwerkmodell weisen die letzteren beiden eine ungleiche Verteilung der sozialen Beziehungen auf, die auf die Beeinflussbarkeit sozialer Netzwerkstrukturen hindeuten. Hierin liegt ein bedeutender Unterschied zum Konzept des Random-Netzwerks. Waren die Debatten um das Internet bis in die 1990er Jahre noch weithin „von der Vorstellung eines verteilten und egalitären Netzwerks geprägt“ (Apprich 2015: 127), werden heute verstärkt Modelle diskutiert, die sich mit der ungleichen Verteilung der Netzwerkbeziehungen auseinandersetzen (vgl. Ahlf 2013: 34–35; Apprich 2015: 131). Diese Abkehr von der Vorstellung einer gleichverteilten Struktur des Internets hängt im Wesentlichen mit zweierlei Beobachtungen zusammen. Dies ist erstens der Umstand, dass sich auf den Plattformen sozialer Medien tatsächlich keine zufälligen Beziehungsmuster erkennen lassen, sondern unter den Nutzern im Gegenteil eine Tendenz zur Bildung von Cliquen besteht (Ahlf 2013: 34–35). Zweitens zeigt sich in Bezug auf das Internet im Allgemeinen, dass nicht etwa eine gleichmäßige Nutzung verschiedener Online-Angebote stattfindet, sondern vielmehr eine starke Ungleichheit zugunsten zentraler „Hubs“ beobachtbar ist (Apprich 2015: 132). Entsprechend kann argumentiert werden, dass die Annahme einer zufälligen Netzwerkstruktur weder in Bezug auf soziale Medien im Speziellen, noch auf das Internet im Allgemeinen realistisch oder angemessen erscheint. Zum einen widerspricht die Annahme der gleichmäßigen Verteilung sozialer Beziehungen den tatsächlichen Ausprägungen virtueller Sozialstrukturen und kann sie somit nicht adäquat erfassen. Gleichzeitig werden daher, zum anderen, die Umstände vernachlässigt, die bestimmte Muster hervorbringen.

In diesem Sinne sind insbesondere die beiden Modelle des Small World-, sowie des Scale Free-Netzwerks zur Beschreibung der beobachtbaren sozialen Netzwerkstrukturen im Internet zu diskutieren. Hierbei sind nach Ahlf (2013: 32) drei Kennzahlen von Netzwerkstrukturen interessant. Dies ist erstens die durchschnittliche Distanz, die zwischen zwei betrachteten Individuen liegt, die Average Path Length. Hierbei sei davon auszugehen, dass diese in sozialen Strukturen relativ gering sei. Dies ergebe sich unter anderem aus der bereits diskutierten Eigenschaft sozialer Netzwerke, Gruppenstrukturen, z.B. in Form von Freundeskreisen auszubilden. Demnach kann zweitens ein relativ hoher Clustering Coefficient für diese Netzwerke angenommen werden. Zuletzt sollten Verteilungsannahmen zum Grad der Vernetzung der einzelnen Individuen (Degree Centrality) berücksichtigt werden (vgl. für eine detaillierte Beschreibung der Netzwerkmaße Ahlf 2013: 26–31). Wenngleich durch beide Modelle die empirisch nachweisbare Bildung lokaler Cluster reproduziert werden kann, finden sich sowohl Unterschiede in der Art und Weise ihrer Entstehung, als auch in den zugrunde gelegten Verteilungsannahmen der Gradzentralitäten.

Ausgehend von einer regulären Netzwerkstruktur27 lassen sich mithilfe eines Wahrscheinlichkeitsparameters p, dessen Ausprägungen zwischen null (Reguläre Netzwerke) und eins (Zufällige Netzwerke) liegen, zufällige Neuverknüpfungen der bestehenden Kanten erzeugen. Wählt man für p einen Wert, der zwischen den beiden Extremwerten liegt, ergibt sich ein sogenanntes Small World-Netzwerk (Ahlf 2013: 35). Tatsächlich zeigt sich, dass durch dieses Modell die beobachtbare Sozialstruktur virtueller sozialer Netzwerke gut abgebildet werden kann. Durch die Neuverknüpfung der Beziehungen unter den Netzwerkmitgliedern entstehen sogenannte „Short Cuts“, durch die sich die für soziale Netzwerke charakteristische geringe durchschnittliche Pfaddistanz ergibt. Bemerkenswert sei hierbei auch die „duale Berücksichtigung von erforderlichen lokalen Eigenschaften, wie bspw. der Clusterung und Verdichtung durch Cliquen- und Gruppenstrukturen, und benötigten globalen Netzwerkeigenschaften in Form von geringen durchschnittlichen Weglängen bzw. Distanzen.“ (Ahlf 2013: 36)

Dem Small World-Netzwerkmodell liegt insbesondere das Ziel zugrunde eine bestimmte Netzwerkstruktur mit spezifischen Eigenschaften zu erzeugen (Ahlf 2013: 37). Problematisch ist jedoch, dass dabei erstens interindividuelle Organisationsprozesse nicht berücksichtigt werden. Betrachtet man in diesem Sinne das Netzwerk als dynamisches Konstrukt, so liegt zweitens die Kritik nahe, jene soziale Prozesse zu vernachlässigen, die das Netzwerk als emergentes Phänomen hervorbringen, erweitern und verändern. Hierbei scheinen sich im Wesentlichen systemtheoretische und netzwerkorientierte Ansätze gegenüberzustehen. Während aus der ersteren Perspektive Netzwerke gleichsam als natürlich gegeben betrachtet würden, müsse aus Sicht der Letzteren die spezifische Funktionsweise von Netzwerken betont werden. Insofern seien es gerade Prozesse der Selbstorganisation, also die soziale Konstruktion und dynamische Struktur, die die spezielle Logik eines Netzwerks ausmachten (vgl. Apprich 2015: 126–131). Ein zentrales Interesse bei der Modellierung sozialer Netzwerke durch das Scale Free-Netzwerk ist daher, deren dynamische Aspekte (Entwicklung und Erweiterung) und die strukturelle Zusammensetzung (Cluster und Hubs) gleichermaßen zu erfassen. Dabei folgt die Verteilung der Gradzentralitäten einem Potenzgesetz28 (Ahlf 2013: 37). Ausgegangen wird hier von der Erkenntnis, dass „[v]iele Netzwerke, etwa in der Natur oder der Gesellschaft, aber auch das Internet selbst, [...] eine geringe Anzahl gut vernetzter Knoten [beinhalten], während der Großteil der Netzwerkknoten unbedeutend bleibt“ (Apprich 2015: 131).

Diese Struktur ergäbe sich durch den in komplexen Netzwerken oft beobachtbaren Vorgang des „preferential attachment“, d.h. eine bevorzugte Etablierung von Beziehungen zu bereits gut vernetzten Knoten gegenüber denen, die isoliert erscheinen (Apprich 2015: 133). Scale Free-Netzwerke unterliegen folglich einer stetigen Erweiterung durch neue Knoten, wobei die Wahrscheinlichkeit eines neu eintretenden Mitglieds, „sich zu einem anderen Netzwerkmitglied zu verbinden höher ist, wenn das anvisierte Netzwerkmitglied bereits eine hohe Degree Centrality aufweist.“ (Ahlf 2013: 37). Zu den besonderen Leistungen dieser Modellierungsperspektive zählt erstens die Berücksichtigung des dynamischen Charakters von Netzwerken (konstante Erweiterung). Zweitens ist hervorzuheben, dass hier ein Ansatz verfolgt wird, der zumindest implizit den sozialen und psychologischen Ursachen Rechnung trägt, die bestimmte Netzwerkstrukturen hervorbringen. So kann durch das Prinzip des „preferential attachment“ unter anderem die Bedeutung sozialer Positionen abgebildet werden (z.B. im Sinne von Prestige, vgl. Ahlf 2013: 37). Ahlf (2013: 38) arbeitet diesbezüglich heraus, dass Scale Free-Netzwerke sowohl eine Abbildung der geringen durchschnittlichen Distanz zwischen den Netzwerkmitgliedern gewährleisteten, als auch einen überdurchschnittlich hohen Cluster-Koeffizienten. Beides kann als charakteristisch für viele soziale Netzwerke angenommen werden. Vergleicht man jedoch das Modell des Small World-Netzwerkes mit dem des Scale Free-Netzwerkes, so fällt auf, dass sie sich insbesondere in der Verteilungsannahme der Gradzentralitäten unterscheiden. Apprich (2015: 134) stellt zwar zurecht fest, dass „[n]icht Gleichheit, sondern Ungleichheit [...] eine der wesentlichen Eigenschaften von skalenfreien Netzwerken [ist], wie es das Internet darstellt.“ In diesem Sinne ist die Bedeutung von Hubs insbesondere dann zu betonen, wenn die Vermittlerfunktion bestimmter Online-Angebote zur Diskussion steht: etwa, wenn Suchmaschinen oder soziale Medien als zentrale Knotenpunkte des Netzwerks betrachtet werden, deren Rolle für den Informationsaustausch im Internet kritisch ist. Demgegenüber steht jedoch die Erkenntnis, dass die tatsächliche Verteilung der Gradzentralitäten in virtuellen sozialen Netzwerken „wesentliche Merkmale einer Poisson-Verteilung [aufweisen].“29 (Ahlf 2013: 35). Diese Verteilung kann durch Small World-Netzwerke abgebildet werden, nicht aber durch Scale Free-Modelle, da hier eine überdurchschnittlich hohe Zentralität der Hubs angenommen wird (Ahlf 2013: 38). Wesentlich scheint an dieser Stelle also auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, welches die Elemente sind, die ein zu wählendes Netzwerkmodell für das Internet abbilden soll. Hierbei sollen im Sinne der vorliegenden Problemstellung Individuen und ihre sozialen (Austausch-)Beziehungen im Vordergrund stehen. Demnach scheint das Small World-Netzwerk zur Beschreibung der sozialen Strukturen, wie sie unter den im Internet (bzw. auf den Plattformen sozialer Medien) vernetzten Individuen vorzufinden sind, angemessen. Nichtsdestoweniger zeigt die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Modell der Scale Free-Netzwerke auf, dass Netzwerkstrukturen dynamisch sind und damit als emergente Phänomene betrachtet werden sollten. Wenngleich also durch das Small World-Modell relevante Eigenschaften virtueller Sozialstrukturen abgebildet werden können, gilt es auch, jene technischen, sozialen und psychologischen Einflüsse zu identifizieren, die diese spezifischen Strukturen hervorzubringen vermögen.

Soziale Medien scheinen in diesem Zusammenhang nicht nur die Funktion auszuüben, bestehende Small World-Beziehungen (z.B. im Sinne von Freundschaften oder Familienkreisen) auf eine online verfügbare Plattform zu übertragen. Sie erfüllen auch ganz klassische Funktionen journalistischer Medien30, gewährleisten ihren Nutzern eine durch Algorithmen strukturierte „Teilhabe an Wissenswelten“ (vgl. Schmidt 2018: 75–95) und fungieren so als Intermediäre des Austauschs von Informationen im Netzwerk. Hierbei haben sie nicht nur neue und einflussreiche „Meinungsführer“ hervorgebracht, die ohne die Vermittlung über Social Media-Plattformen womöglich nie gehört worden wären. Indem sie eine wichtige Alternative zur Kommunikation von Informationen und Wissen über die klassischen Massenmedien bereitstellen, „erweitern sie unbestreitbar das Spektrum der verfügbaren Quellen und Kanäle“ (Schmidt 2018: 65), die der individuellen Meinungsbildung dienen (vgl. Schmidt 2018: 65–66). Gleichzeitig offenbart sich das Internet gewissermaßen als eine Schnittstelle zwischen verschieden Arenen des Diskurses. Döring (2003: 268–269) hält diesbezüglich bereits fest, dass sich im Internet beobachten lässt, „wie Rezipienten mit journalistischen oder wissenschaftlichen Publikationen diskursiv umgehen. Umgekehrt werden Zitate aus der Online-Kommunikation verstärkt auch in journalistischen und wissenschaftlichen Beiträgen verwendet, etwa um Meinungen Themen und Argumentationsmuster zu illustrieren.“

Sie hebt außerdem hervor, dass Medieninhalte zwar „auch schon vor der Verfügbarkeit des Internet im sozialen Umfeld privat diskutiert werden [konnten]. Eine über Wochen anhaltende, vollständig dokumentierte, öffentliche Diskussion der Leserschaft in großem Kreise war jedoch nicht möglich.“ Dennoch wird der Einfluss sozialer Medien auf die Verbreitung und Vielfalt von verfügbaren Informationen kritisch betrachtet. Schmidt (2018: 62–74) stellt insbesondere zwei Problemphänomene in Bezug auf die Polarisierung von Meinungen durch soziale Medien heraus. Einerseits betrifft dies die über soziale Medien bereitgestellten individuellen Informationsrepertoires. So wird angenommen, dass durch algorithmisches Filtern verfügbarer Informationen, ebenso wie durch die Bereitstellung einer Auswahl an verfügbaren Quellen (z.B. im Sinne von verfügbaren Kontakten) sogenannte „personalisierte Filterblasen“ entstehen31. Hierunter wird eine Verengung der Informations- und Meinungsvielfalt auf Ansichten verstanden, „die in der Vergangenheit schon innerhalb der eigenen Bezugsgruppe zirkuliert sind.“ (Schmidt 2018: 70). Gerade deshalb bestünde, andererseits, die Gefahr eines immer eingeschränkteren Meinungsaustauschs unter ähnlich Denkenden, durch den sich diese Meinungen wechselseitig bestärkten. Sollte ein solcher „Echokammer“-Effekt tatsächlich bestehen, kann hier ein Zusammenhang zur Kommunikation extremer Sichtweisen vermutet werden. Nichtsdestotrotz offenbaren sich einige Widersprüche oder zumindest ungeklärte Fragen, die sich nicht durch die strukturelle Beschreibung der Kontaktnetzwerke auf Plattformen der sozialen Medien allein erklären lassen.

Polarisierung wurde bereits in Kapitel 2.2.4. (Selbstkategorisierungstheorie) als ein Phänomen vorgestellt, das der Konfrontation mit einer Fremdgruppe bedarf. Es muss also eine über „Echokammern“ und „Filterblasen“ hinausgehende Dynamik geben, die die Interaktion zwischen Gruppen beinhaltet (z.B. Diskussionen in den Kommentarbereichen, vgl. Schmidt 2018: 66). Darüber hinaus kann angenommen werden, dass das Phänomen der „Echokammer“ zwar durch technische Gegebenheiten begünstigt wird. Es scheint jedoch zutreffend, hierfür grundsätzlich soziologische und psychologische Verursacher zu nennen, so z.B. die Neigung sich mit „Gleichgesinnten“ zu umgeben („Homophilie“, vgl. Schmidt 2018: 68) oder das Streben nach sozialer Integration (bzw. die Furcht vor sozialer Isolation, vgl. Roessing 2013: 487–488). In diesem Sinne kann davon ausgegangen werden, dass die Tendenz „Echokammern“ auszubilden für die menschliche Gesellschaft kein Novum darstellt. Es zeigt sich außerdem, dass Medien nicht gegenüber allen Menschen die selben Wirkungen entfalten. Vielmehr scheinen die Effekte computervermittelter Kommunikation auf Individuen und Gruppen zu variieren (vgl. Sommer 2017: 100). Das zentrale Anliegen wird daher im Folgenden sein, einerseits die Theorien zu Effekten und Wirkungen einer medialen Umwelt auf Individuen und Gruppen zu identifizieren (Kapitel 2.3.3.). Andererseits gilt es, diese vor dem Hintergrund eines Individuums als „informationsverarbeitendem System“ (Früh 2013: 142) zu reflektieren (Kapitel 2.3.4.). Schließlich wird zu fragen sein, inwiefern somit eine Erklärung für aggressives und / oder diskriminierendes Verhalten in Form von Hate Speech gegeben werden kann (Kapitel 2.3.5. und 2.3.6.).

2.3.3. Indirekte Medienwirkungen & Wahrnehmungsphänomene

Hate Speech wurde in Kapitel 2.1. (Onlinebasierter Hass aus sozialpsychologischer Perspektive) als ein Phänomen beschrieben, das im Zusammenhang mit der Polarisierung von Meinungen steht und damit, wie wir andere Personen wahrnehmen (als Individuen oder als Mitglieder sozialer Gruppen). Der Klärung der Frage nach den Wirkungen von Medien soll daher zunächst eine Erläuterung der allgemeinen Funktionen von Massenmedien im Hinblick auf die öffentliche Meinungsbildung vorangehen. Hierbei soll ein sozialpsychologisches Verständnis von „öffentlicher Meinung“ zugrunde liegen. Nämlich, dass es sich um dynamische Prozesse gegenüber kontroversen und aktuellen Themen handelt, die emotional bzw. moralisch aufgeladen sind und auf die durch Massenmedien Einfluss genommen wird, bzw. werden kann (vgl. Roessing 2013: 486). Wesentlich ist bei dieser Betrachtungsweise, dass es sich gewissermaßen um einen Konflikt darum handelt, welche Meinungen öffentlich geäußert werden können und welche Ansichten eher zurückgehalten werden müssen, da sie die Gefahr sozialer Isolation mit sich bringen (vgl. zu Elisabeth Noelle-Neumanns „Theorie der Schweigespirale“ ausführlicher Roessing 2013: 484–490). Medien werden aus dieser Perspektive vier Funktionen zugeschrieben (vgl. Roessing 2013: 485, 488–490): Sie dienten (1) als Informationsquelle für die Wahrnehmung eines „Meinungsklimas“. Dabei brächten sie (2) verschiedene Themen auf die Agenda und prägten somit die Vorstellung davon, welche dieser Themen aktuelle Bedeutung haben. Darüber hinaus lieferten sie (3) Argumente, die in der interpersonalen Kommunikation aufgegriffen würden (Artikulationsfunktion) und verliehen (4) Standpunkten Öffentlichkeit, wodurch bestimmte Ansichten auf Kosten anderer unterstützt würden.

Für die folgenden Ausführungen ist von Bedeutung, dass Medien aus dieser Perspektive also mitunter als Quelle des öffentlichen Meinungsklimas dienen, wobei sie bestimmte Themen gegenüber anderen betonen (Agenda-Setting). Neben Erfahrungen aus dem sozialen Umfeld nehmen sie damit einen zentralen Stellenwert für die individuelle Meinungsbildung ein (vgl. Peter und Brosius 2013: 475). Für die computervermittelte Kommunikation ist zu berücksichtigen, dass hier die Grenzen zwischen sozialem und medialem Umfeld verschwimmen (vgl. Kapitel 2.3.2.). Im Vergleich zu „klassischen“ Massenmedien wird außerdem angenommen, dass durch das Internet noch mehr Möglichkeiten zur Selektion von Inhalten gegeben sind, wodurch sich Teil-Öffentlichkeiten der Meinungsbildung ausbilden könnten (vgl. Roessing 2013: 489, außerdem Kapitel 2.3.2.).

Gleichzeitig ist darauf hinzuweisen, dass viele Phänomene, die im Internet beobachtet werden, keinen technischen Ursprung haben, sondern vielmehr typisch für menschliches Verhalten sind. So wurde bereits in den 1970er Jahren auf die Tendenz hingewiesen, die eigene Meinung als weiter verbreitet wahrzunehmen, als davon abweichende Vorstellungen („false consensus effect“, Ross u. a. 1977). Dies wurde auf unterschiedliche Gründe zurückgeführt, mitunter darauf, dass wir uns mit Personen umgeben, die uns ähnlich sind. Entsprechend ergäbe sich eine Überrepräsentation der eigenen Meinung in dieser „Peer-Group“, was eine verzerrte Wahrnehmung der tatsächlichen Meinungsverteilung in der Gesellschaft zur Folge habe (vgl. ausführlich Peter und Brosius 2013: 465–466). Hinzu kommt, dass Menschen im Umgang mit Medien ebenfalls dazu neigen, deren Einfluss auf Andere im Vergleich zu sich selbst zu überschätzen. Dabei wird angenommen, dass dieser „Third-Person-Effect“ (TPE) zunimmt, je größer die soziale Distanz zwischen dem Selbst und den betreffenden Anderen eingeschätzt wird (vgl. Sommer 2017: 104–110).

Studien zu Medienwirkungen, bzw. zu vermuteten Medienwirkungen auf „Dritte“ offenbaren zweierlei. Erstens erlauben sie eine Einschätzung, wie Medien (direkt) Einfluss auf die Realität und das Urteil ihrer Rezipienten nehmen. Hierzu zählen unter anderem die lang- und kurzfristige Zugänglichkeit von Stereotypen bei der Urteilsbildung, ebenso wie deren tatsächliche Anwendung. Diese Effekte werden als direkte Einflüsse bezeichnet, da sie eine unmittelbare Wirkung auf Rezipienten medialer Inhalte haben (vgl. Sommer 2017: 84–91, 127–128). Sie sollen im nächsten Kapitel Berücksichtigung finden, da sie insbesondere mit der (individuellen) Verarbeitung sozialer Informationen und deren Konsequenzen zusammenhängen. Interessant sind zunächst Implikationen, die sich zweitens aus den indirekten Einflüssen der Mediennutzung ableiten lassen. Sie geben Aufschluss über das Verhältnis von Personen zu bestimmten Medieninhalten, aber auch darüber, wie sie das Verhältnis Anderer („dritter Personen“) zu diesen Inhalten einschätzen. Zentral ist daher zunächst der „Third-Person-Effect“. Hierbei zeigt sich, dass der Effekt mit dem Grad der Erwünschtheit bestimmter Medienwirkungen variiert. Je erwünschter die Medienwirkung, umso größer ist die angenommene Wirkung auf die eigene Person und Andere. Dagegen nimmt die Differenz zwischen wahrgenommener Wirkung auf sich selbst und auf die Gruppe der dritten Personen zu, je unerwünschter ein Effekt ist: negative Auswirkungen werden in der Regel bei anderen Menschen als höher angenommen. In Übereinstimmung mit den in Kapitel 2.2. diskutierten Ansätzen zur sozialen Identität kann hier davon ausgegangen werden, dass Individuen motiviert sind, sich selbst aufzuwerten oder zumindest den eigenen Selbstwert zu schützen, indem negative Wirkungen anderen zugeschrieben werden, bzw. weniger sich selbst („Self-Enhancement“, vgl. Sommer 2017: 95–96). Dies lässt sich auf die Gruppenebene übertragen. Entsprechend wird die Ingroup hinsichtlich negativer Medienwirkungen besser bewertet, als jeweilige Outgroups („Ingroup-Protecting“-Effekt, vgl. Sommer 2017: 107–108). Die Bedeutung dieser Einschätzungen zeigt sich in ihren Konsequenzen. Bereits mit der Theorie der Schweigespirale wurde darauf hingewiesen, dass die Wahrnehmung der öffentlichen Meinungsverteilung zu einem großen Teil durch die Medien geprägt wird und das Verhalten (Reden / Schweigen) beeinflussen kann. Entsprechend legen Studien nahe, dass die Wahrnehmung des Einflusses der Medien auf andere Personen („Third-Persons“) einen Einfluss auf das verbale Verhalten einer Person („First-Person“) nehmen kann, wenn die Berichterstattung als „feindlich“ und verzerrend wahrgenommen wird („Hostile-Media“-Effekt (HME), vgl. Sommer 2017: 118, 124). Nachgewiesen konnte dabei jedoch weniger eine hemmende Wirkung im Sinne der Schweigespirale, als vielmehr ein aktivierendes Potential des TPE und des HME auf die Diskussionsbereitschaft (z.B. durch das Posten von Kommentaren in Diskussionsforen, vgl. Sommer 2017: 124–125).

Dieser scheinbare Widerspruch schwindet, wenn die Quellen und der Bezugsrahmen der Meinungsklimawahrnehmung hinterfragt werden. Die Theorie der Schweigespirale bezog sich hierbei auf ein „doppeltes Meinungsklima“, also auf die Vorstellung, dass Menschen, die regelmäßig Massenmedien rezipierten ein anderes Meinungsklima wahrnehmen, als solche, die dies nicht oder selten tun (vgl. Roessing 2013: 489). Darüber hinaus ist eine Annahme der Theorie, dass die individuelle Redebereitschaft von einer Einschätzung des gesamtgesellschaftlichen Meinungsklimas abhänge (Schweiger 2017: 127). Es ist aus zweierlei Gründen nicht möglich, das Kommunikationsverhalten im Internet basierend auf diesen Annahmen zu erklären. Dies betrifft einerseits den Strukturwandel öffentlicher Kommunikation durch das Internet, der sich auch auf die Quellen des Meinungsklimas erstreckt. Nicht nur haben sich durch soziale Netzwerke und soziale Medien Alternativen zu den journalistischen Massenmedien ausgebildet. Sie haben auch neue soziale Austauschmöglichkeiten geschaffen, die den Einfluss „öffentlicher Bürgerkommunikation“32 auf die Wahrnehmung des Meinungsklimas vermutlich deutlich erhöht hat (vgl. für eine ausführliche Diskussion des Wandels von Wahrnehmungsquellen Schweiger 2017: 131–137). Die durch Medien strukturierte Öffentlichkeit sollte mit Blick auf Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten im Internet daher heute differenzierter betrachtet werden als in Noelle-Neumanns ursprünglichem Ansatz.33 Daneben ist andererseits im Sinne der Selbstkategorisierungstheorie auf ein weiteres Problem zu verweisen: die Vernachlässigung von Gruppenprozessen und die Fokussierung auf das „gesellschaftliche Meinungsklima“. Schweiger (2017: 126) hält fest, dass die Annahme „dass das wahrgenommene Meinungsklima die Redebereitschaft online beeinflusst“ nicht unbedingt bedeute, „dass es auch die dortige Meinungsbildung prägt“ (Hervorhebungen im Original). Beeinflusst werde die individuelle Meinungsbildung einerseits „persönlich“ durch Meinungsführer und andererseits „sozial“, das heißt durch das persönliche Umfeld. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass das „Umfeld“ nicht auf die Ebene der Gesellschaft, sondern die der Gruppe verweist. Interessant ist aber auch die Beschreibung dessen, was einen Meinungsführer ausmacht. Es sei dies entweder, dass er als kompetent und verlässlich gelte (‚monomorphe Meinungsführer‘), oder aber, dass es sich um Personen mit herausragenden Einflussmöglichkeiten handele (‚polymorphe Meinungsführer‘). Dies lässt sich in Übereinstimmung mit den in Kapitel 2.4.2.2. (Die Polarisierung von Gruppen) getroffenen Annahmen über Meinungsdynamik in Gruppendiskussionen bringen. Wahrgenommene „Kompetenz“ und „Verlässlichkeit“ sind aus dieser Perspektive vor allen Dingen durch die Prototypikalität eines Meinungsführers zu erklären. Entsprechend lassen sich auch herausragende Einflussmöglichkeiten in Form von sozialer Stellung oder Persönlichkeit (Schweiger 2017: 126) deuten: Je prototypischer eine Person für eine bestimmte Gruppe erscheint, desto höher ist auch ihre Anziehungskraft, wodurch sich eine besondere Stellung im sozialen Umfeld ergibt (wechselseitige soziale Anziehung, vgl. Kapitel 2.2.4).

Die Auseinandersetzung mit indirekten Medienwirkungen legt somit erstens nahe, dass Menschen bei der Wahrnehmung ihrer Umwelt zu einem gewissen Grad motiviert sind, systematische Verzerrungen vorzunehmen. Dies ist womöglich begründet durch den Versuch sich selbst und die eigene Ingroup zu schützen oder sogar aufzuwerten. „Filterblasen“ und „Echokammern“ sind aus dieser Perspektive einerseits die Abbildung einer sozialen Realität und andererseits das Ergebnis „typisch menschlicher“ Tendenzen, die verzerrte Vorstellung dieser Realität zu bestätigen. Unerwünschte Medienwirkungen werden eher Personen unterstellt, zu denen eine größere soziale Distanz ausgemacht werden kann. Dabei zeigt sich, dass Vorstellungen über die soziale Realität, und damit auch über Personengruppen, sowohl Haltungen, als auch das Verhalten zu beeinflussen vermögen. Es offenbart sich zweitens, dass das individuelle Verhältnis zu Medieninhalten auch entlang einer sozialen Dimension variieren kann. Dies scheint im Falle einer „feindlichen“ Medienwahrnehmung im Sinne eines HME zu einer verstärkten Diskussionsbereitschaft zu führen.

Fraglich ist, wie es zu einer solch ablehnenden Einschätzung kommen kann. Hierzu bedarf es nach Schweiger (2017) einer Analyse des Vertrauensverhältnisses zwischen Massenmedien und Rezipienten. Er formuliert, dass „Nachrichten [...] hauptsächlich die Funktion [erfüllen], Bürgern Informationen über die gesellschaftliche Realität zu liefern“ (Schweiger 2017: 71). Problematisch sei jedoch, dass es sich zumeist um Sachverhalte handle, „die nur die wenigsten aus eigener Anschauung kennen“ (Schweiger 2017: 72). Wahrheit und Qualität eines Artikels zu evaluieren sei den meisten Mediennutzern daher in der Regel gar nicht möglich. Bedeutsam sei vielmehr, ob sie die Nachrichtenquelle für sich als glaubwürdig einschätzten (Schweiger 2017: 72–73). Grundlage für diese Einschätzung sei die Beurteilung von Nachrichten auf Basis von Heuristiken, d.h. „kognitive[n] Faustregeln, oder Abkürzungen, die Menschen anwenden, wenn sie eine Entscheidung (a) schnell treffen müssen oder wollen und (b) nicht alle relevanten Fakten kennen – man spricht von einer Entscheidung unter Unsicherheit.“ (Schweiger 2017: 74) Eine heuristische Verarbeitung von Informationen hat den Vorteil, dass sie auch bei geringer Kenntnis eines Sachverhalts bestimmte Schlussfolgerungen zulässt. Sie kann jedoch auch in die Irre führen, wie sich am Beispiel von Stereotypen des öfteren zeigt. Problematisch ist dies in Hinblick auf die Vermittlung von Informationen durch Medien insofern, als an Stereotypen orientierte Nachrichten die Vorstellung von der Realität entsprechend prägen (z.B. die Behauptung, Flüchtlinge seien kriminell, vgl. Schweiger 2017: 75). Es wird daher angenommen, dass die häufige Rezeption solcher Medieninhalte zu einer „Kultivierung“ von Stereotypen führt. Diese wird gerade dann folgenreich, wenn gleichzeitig nur wenig Kontakt zur betroffenen Gruppe besteht (Sommer 2017: 84, vgl. zur „Kultivierungsthese“ außerdem Kapitel 2.3.4.2. (Organisation und Abruf von sozialem Wissen)). Ist ein Nutzer bestimmter Medien also (1) oft mit stereotypen Darstellungen von bestimmten Gruppen konfrontiert, so ist er nicht nur (2) hoch involviert, sondern interpretiert (3) auch die Berichterstattung zu entsprechenden Themen als Mitglied einer Gruppe (vgl. Dohle 2013: 94). Im Sinne der in Kapitel 2.2. diskutierten Ansätze zur sozialen Identität ist dann davon auszugehen, dass auch eine neutrale Berichterstattung als Bedrohung der eigenen Gruppe wahrgenommen wird. Schweiger (2017: 77) konstatiert in diesem Zusammenhang, dass „[i]m Jahr 2000 [...] noch 70 Prozent der Deutschen das Fernsehen als glaubwürdig [bezeichneten]“. Spätestens seit 2015 sei jedoch „auffallend häufig von journalistischen Fehlleistungen die Rede.“ Dass das Vertrauen in die journalistischen Medien derart abnahm, scheint anhand der Überlegungen dieses Kapitels insbesondere durch konkurrierende Medienangebote begründbar, wobei der „tatsächliche Qualitätsrückgang vieler Medien“ (Schweiger 2017: 77) nicht unerwähnt bleiben sollte. Es scheint aber in der Tat eine Diskrepanz zwischen der durch Medien vermittelten Realität in Berichterstattungen und der angenommenen Realität vieler Mediennutzer zu bestehen. Da hierbei eine heuristische und an Stereotypen orientierte Informationsverarbeitung ebenfalls eine wichtige Rolle zu spielen scheint, sollen im Folgenden Theorien diskutiert werden, die sich verstärkt den Nutzern von Medien widmen, ebenso wie ihrer Verantwortlichkeit für die hier diskutierten Verhaltensweisen.

2.3.4. Direkte Medienwirkungen & Soziale Informationsverarbeitung

„All perceptual experience is necessarily the endproduct of a categorization process.“

Going beyond the Information given. (Bruner 1957: 123, zitiert nach Hastedt 1998: 3)

In den vorangegangen Kapiteln (2.3.2. und 2.3.3.) wurden Theorien und Konzepte diskutiert, die sich insbesondere mit den strukturellen Merkmalen und Effekten der computervermittelten Kommunikation von Informationen und Meinungen auseinandersetzen. Diese Ansätze sollten Aufschluss über die Wirklichkeit geben, die Nutzer von Online-Angeboten konstruieren und deren Bedingungen sie gleichzeitig unterliegen. Zweierlei Aspekte blieben bisher vernachlässigt. Dies betrifft erstens die Frage danach, wie Informationen individuell verarbeitet werden und somit spezifische Sicht- und Verhaltensweisen entstehen: längst nicht jeder Internetnutzer neigt zu extremen Verhaltensweisen. Insofern Verhalten also abhängig ist vom individuellen Umgang mit einer Umwelt, gilt es zunächst die allgemeinen Elemente sozialer Kognition herauszuarbeiten. Hierbei sind nach Döring (2003: 247) „Erwerb, Organisation und Anwendung von Wissen über die soziale Umwelt gemeint [...]“, wobei sowohl Prozesse, als auch Produkte von Informationsverarbeitung adressiert würden. Zweitens sollen in den nachfolgenden Kapiteln (2.3.5. und 2.3.6.) Ansätze diskutiert werden, die diese kognitiven Prozesse in Zusammenhang mit dem Wandel von Einstellungen oder aber mit einer Veränderung des Kommunikationsverhaltens bringen. Dabei wird eine Reflexion der Erkenntnisse über die Umwelt und damit zusammenhängende Wahrnehmungs-phänomene nötig sein, sowie eine Verbindung mit den Ausführungen dieses Kapitels zum individuellen Umgang mit dieser Umwelt. Eine wichtige These wird dabei sein, dass durch das Internet eine Umwelt gegeben ist, die die Wahrnehmung und Einordnung sozialer Informationen entlang von Gruppenkategorien und Stereotypen begünstigt. Entsprechend der in Kapitel 2.2. diskutierten Ansätze zur sozialen Identität ist daher der Konflikt zwischen Gruppen erwartbar, was eine Zunahme von Diskriminierung und Aggression erklären könnte.

Zunächst ist anzumerken, dass Modelle, die sich mit der kognitiven Verarbeitung sozialer Informationen befassen, diesbezüglich unterschiedliche Schwerpunkte setzen und sich teilweise ergänzen – oder auch widersprechen (vgl. hierzu bspw. Zweiprozessmodelle und Parallelprozessmodelle, Sommer 2017: 59–68). Im folgenden sollen insbesondere drei Aspekte Berücksichtigung finden. Dies ist (1) die Wahrnehmung, Selektion und Einordnung von Umweltinformationen. Es wird (2) angenommen, dass sich hieraus ein bestimmtes „soziales Wissen“ ausbilden und auch wandeln kann. Basierend auf diesem Wissen und situativ wahrgenommenen Stimulus-Ereignissen aus einem sozialen Kontext ergeben sich (3) individuelle Schlussfolgerungen und Entscheidungen, die das Verhalten und die Einstellungen eines Individuum prägen. Diese Einschätzung ist angelehnt an das in Abb. 3 dargestellte Stufenmodell sozialer Informationsverarbeitung (Döring 2003: 247, nach Fiedler 1996: 147). Während sich die ersten beiden Schwerpunkte vor allem mit der (möglichen) Aktivierung von Stereotypen auseinandersetzen, müssen bei Schlussfolgerungen und Urteilen bereits die Möglichkeit bzw. die Konsequenz ihrer Anwendung diskutiert werden (vgl. Sommer 2017: 41). Insofern diese Konsequenzen Handlungsrelevanz beinhalten, soll die Anwendung von Stereotypen im nächsten Kapitel (2.3.5.) diskutiert werden, wohingegen hier zunächst auf ihre mögliche Aktivierung, bzw. auf Einflüsse durch Medien in dieser Hinsicht eingegangen wird. Es stellt sich also auch die Frage, welche direkten Auswirkungen des Medienkonsums auf die individuelle Verarbeitung von Informationen zu erwarten sind.

2.3.4.1. Wahrnehmung & Kategorisierung

Als weitgehend unstrittig kann angenommen werden, dass die menschliche Verarbeitung von Informationen einem Selektionsprinzip unterliegt. Dies bedeutet, dass aus der Menge an Reizen in einer Umwelt nur eine bestimmte Auswahl verarbeitet wird (vgl. Früh 2013: 133–134). Informationen sind in diesem Sinne als eine „Selektionsmenge aus der Menge aller Reize“ (Früh 2013: 135) zu verstehen. Früh (2013: 135) hält fest, dass die Selektion bedeutsamer Reize unter anderem durch Aufmerksamkeitsprozesse bestimmt wird. Aufmerksamkeit könne auf unterschiedliche Art und Weise erregt werden. Dies sei entweder anhand eines Stimulus als „Bottom-Up-Verarbeitung“ möglich, oder aber indem die Aufmerksamkeit motiviert durch den Menschen selbst auf etwas gelenkt werde („Top-Down-Verarbeitung“). Die letztere Form der Informationsverarbeitung setzt dabei bereits vorhandene Gedächtnisstrukturen voraus, an denen sich der Verarbeitungsprozess orientiert. Anders ausgedrückt kann der Prozess entweder durch eine relativ aufwändige Auswertung bisher uneindeutiger Informationen erfolgen (datengesteuert, bottom-up), oder aber orientiert an bekannten Kategorien (konzeptgesteuert, top-down). Hierbei wird angenommen, dass umso weniger Aufwand auf die Überprüfung der Übereinstimmung der Informationen mit den bestehenden Kategorien verwandt wird, je stärker die Hypothesen sind, die den Prozess lenken (vgl. Hartung und Schermer 2010: 32).

Bezogen auf die Verarbeitung sozialer Informationen im Internet lässt sich zunächst anmerken, dass die Wahrnehmung sozialer Sachverhalte als weitgehend konzeptgesteuert beschrieben werden kann (vgl. Hartung und Schermer 2010: 34). Das heißt, dass die Wahrnehmung und Kategorisierung von Reizen in der Regel an bestehenden Kategorien bzw. Wissensbeständen orientiert wird. Verschiedene Theorien zur computervermittelten Kommunikation legen darüber hinaus nahe, dass die Menge an verfügbaren sozialen Informationen in online-Situationen reduziert ist.34 Wenngleich die Reichweite dieser Annahme kritisch betrachtet werden sollte, kann somit davon ausgegangen werden, dass die Wahrnehmung in Online-Diskussionen insbesondere bei Anonymität bzw. Pseudonymität der Diskutierenden verstärkt an Stereotypen orientiert wird (z.B. „Herausfiltern sozialer Hinweisreize“, vgl. Döring 2003: 154–157; vgl. außerdem zur Bedeutung kognitiver „Schemata“ für die Urteilsbildung in Situation mit geringen und uneindeutigen Informationen Hastedt 1998: 31–32).

In diesem Sinne sind mindestens zwei Formen sozialer Kontaktmöglichkeiten im Internet zu unterscheiden: dies sind einerseits sogenannte Encounter -Öffentlichkeiten, die unter anderem in Diskussionsforen oder den Kommentarbereichen sozialer Medien vorzufinden sind. Personen, die hier aufeinander treffen, kennen einander in der Regel nicht und treten oft nur kurzfristig miteinander in Kontakt. Die Furcht vor Isolation durch die Äußerung kontroverser Meinungen (z.B. im Sinne der Theorie der Schweigespirale, vgl. Kapitel 2.3.3.) kann hier als eher gering angenommen werden (vgl. Schweiger 2017: 61–62). Dem stehen, andererseits, relativ überdauernde Communitys gegenüber, die sich durch langfristige Kontaktbeziehungen auszeichnen. Häufig handelt es sich bei diesen Gemeinschaften um Personen, die über gemeinsame Interessen verfügen oder ähnliche Einstellungen teilen (vgl. Schweiger 2017: 62). Es kann davon ausgegangen werden, dass sich die Wahrnehmung in Encounter-Öffentlichkeiten in der Regel an Stereotypen orientiert, da hier nur sehr wenige Informationen über die kommunizierenden Personen vorliegen und sich die Beteiligten meist nicht kennen. Zeitlich überdauernde Online-Communitys sollten dagegen differenzierter betrachtet werden. Mitglieder dieser Gemeinschaften begegnen sich in Diskussionen oft nicht einmalig und haben in der Regel schon einen (zumindest „pseudonymen“) Eindruck von den anderen Personen gewonnen. In diesem Sinne werden aktive Mitglieder einer Community einander eher auf interpersonaler Ebene begegnen, d.h. unter Bezugnahme auf gemeinsame und persönliche Erfahrungen. Stereotype und Intergruppen-Wahrnehmung spielen dann vermutlich eher gegenüber Neulingen oder in der fiktiven Auseinandersetzung mit bestimmten Outgroups eine Rolle (z.B. auf „islamkritischen Websites“, vgl. hierzu Schütte 2013).

2.3.4.2. Organisation & Abruf von sozialem Wissen

Je nachdem, welchen Aktivitäten Online-Nutzer nachgehen und mit welchen Informationen sie dabei konfrontiert werden, ist davon auszugehen, dass sie auch bestimmten Medienwirkungen ausgesetzt sind. Im Zusammenhang mit der Aktivierung von Stereotypen sind unter anderem „Priming“- und „Framing“-Effekte, sowie die „Kultivierungsthese“ zu nennen. Sommer (2017: 41) erklärt bezüglich der Aktivierung abgespeicherter Stereotype außerdem, dass diese grundsätzlich durch den „Kontakt mit einem Individuum oder einer Gruppe von Individuen“ stattfindet, wobei hier ein weites Verständnis für Kontakt angewandt werde. Das heißt, „er kann auf einem direkten Aufeinandertreffen beruhen, aber auch über Bilder, Schilderungen oder nur durch Kategorienlabels wie „schwarz“ oder „weiß“ zustande kommen (u.a. Macrae & Bodenhausen, 2000).“ (Sommer 2017: 41)

Somit soll nun davon ausgegangen werden, dass der „Kontakt“ mit anderen Individuen und Gruppen im Internet auch durch Inhalte stattfinden kann, die keine unmittelbare Interaktion im „herkömmlichen“ Sinne darstellen. Wenn im Folgenden also vom Kontakt zwischen Personen und / oder Gruppen die Rede ist, kann es sich ebenfalls um Repräsentationen derselben handeln (z.B. Medieninhalte). Da keine Person nur einer einzigen sozialen Gruppe angehört, schließen sich unterschiedliche Fragen an. Zunächst ist zu klären, welche Stereotype aktiviert werden und warum. Darüber hinaus wird zu klären sein, welche (kognitiven) Folgen die Aktivierung von Stereotypen für das stereotypisierende Individuum in der aktuellen und in zukünftigen Situationen hat. Außerdem ist im Kontext von Medien zu beantworten, welche Einflüsse durch diese auf die Aktivierung bestehender Stereotype zu erwarten sind.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass auf eine Person mehrere Kategorisierungen angewandt werden können.35 Hierbei wird davon ausgegangen, dass diese „in einem Wettbewerb miteinander [stehen], wobei diejenige „gewinnt“, die die Schwelle zur Aktivierung zuerst erreicht (Bodenhausen & Macrae, 1998).“ (Sommer 2017: 42). Bereits in Kapitel 2.2.4. (Selbstkategorisierungstheorie) wurde darauf verwiesen, dass die Salienz einer sozialen Kategorisierung einerseits durch die Passung in einem bestimmten Kontext bestimmt wird und andererseits von ihrer Zugänglichkeit abhängt: Salienz wurde als das Produkt von Zugänglichkeit und Passung bestimmt. Hierbei fand bereits das Meta-Kontrast-Verhältnis als Indikator situativer Passung sozialer Kategorisierungen Erwähnung. Offen blieb jedoch die Frage, inwiefern die Zugänglichkeit von Kategorien individuell, aber auch in Abhängigkeit des Kontext variieren kann. Eine Klärung ist insbesondere vor dem Hintergrund sozialer Informationsverarbeitung bedeutend, da davon ausgegangen werden kann, dass Personen Informationen mehr Aufmerksamkeit schenken, die für sie „Selbst-relevant“ sind, d.h. sich auf die eigene Person zu beziehen scheinen (vgl. Hastedt 1998: 30). Um zu beantworten, inwiefern Informationen mehr oder weniger persönliche Relevanz beigemessen wird, bedarf es jedoch einer Reflexion der kognitiven Grundlage der Ansätze zur sozialen Identität: dem Selbstkonzept.

Dieses wurde in Anlehnung an die Theorie der sozialen Identität als eine Struktur beschrieben, die als Kontinuum zwischen personaler und sozialer Identität gedacht werden könne (vgl. Hastedt 1998: 7–8). Es umfasse das „Wissen eines Menschen über die eigene Person“, wobei „[p]ersonale und soziale Identität [dabei] als Subsysteme des Selbstkonzepts verstanden [werden] (vgl. Brown & Turner, 1981, S. 38).“ (vgl. hierzu Hastedt 1998: 7–8). Je nachdem, ob die Wahrnehmung einer Situation durch die Salienz einer personalen oder einer sozialen Identität gesteuert würde, ergäben sich Konsequenzen für das Verhalten von Personen. Damit wurde dem Selbstkonzept bereits ein hoher Stellenwert für Prozesse der sozialen Kategorisierung beigemessen (vgl. Hastedt 1998: 7–8, 29–30). Unklar blieb jedoch, wie überhaupt Informationen über sich selbst und Andere (somit auch über deren Verhalten) gespeichert und erinnert werden, sodass eine „Wissensstruktur“ (vgl. Hastedt 1998: 32) bereitsteht, an der ein Wahrnehmungsprozess orientiert werden kann. Hierbei ist die eher abstrakte Vorstellung des Selbstkonzepts in den Ansätzen zur sozialen Identität in Einklang zu bringen mit stärker an konkreten Modellen orientierten Ansätzen zur kognitiven Struktur individueller Selbstkonzepte (vgl. Hastedt 1998: 29–30, 49–50). Hastedt (1998: 33) hebt hervor, dass bei Kategorisierungen im Sinne der Selbstkategorisierungstheorie nicht nur ein einziger „Selbst-Aspekt“ beachtet werden kann, sondern das „gesamte Set von Merkmalen, die im Selbstkonzept vereint sind“ in den Vergleichsprozess einbezogen werden muss. Außerdem sei im Sinne der Theorie nicht zwischen situativem und überdauerndem Selbstkonzept zu unterscheiden, da dieses „in jeder neuen Situation neu konstruiert werde“ (Hastedt 1998: 46). Ein Modell, das diesen Ansprüchen gerecht werde, sei die Vorstellung des Selbstkonzepts als assoziativem Netzwerk (vgl. für eine ausführliche Diskussion unterschiedlicher Strukturvorstellungen des Selbstkonzepts Hastedt 1998: 34–39). Hierin sei ein „Modell des Selbst“ gegeben, das dieses sowohl als eine „flexible, situationsspezifische Struktur“ begreife, als auch der Anforderung genüge, „nicht als abgeschlossene, eingegrenzte Sektion im Wissensspeicher“ definiert zu werden (vgl. Hastedt 1998: 39): „Das Modell des Selbst als kognitives Netzwerk beschreibt das Selbst als den in einer bestimmten Situation mit der eigenen Person assoziierten Teil des Gesamtwissens der Person“ (Hastedt 1998: 39).

Die Vorstellung einer „kognitiven Netzwerkarchitektur“ (Schemer 2013: 154), bzw. eines „Aktivierungsnetzwerks“ (Sommer 2017: 67) ist darüber hinaus die Grundlage zentraler Theorien zu direkten Medienwirkungen auf die kurz- und langfristige Zugänglichkeit von Stereotypen (vgl. Früh 2013: 137–138; Schemer 2013). Hierbei wird davon ausgegangen, dass das Wissen eines Menschen als Struktur von miteinander vernetzten Knoten gedacht werden kann (vgl. Früh 2013: 137). Der Inhalt dieser Knoten seien Informationen, wobei es sich sowohl um „Kognitionen (z.B. Vorstellungen oder Überzeugungen)“ handeln könne, als auch um „Emotionen (z.B. überdauernde Emotionen oder affektive Prädispositionen)“ (Schemer 2013: 154). Das Netzwerk zeichne sich außerdem durch zweierlei Eigenschaften aus. Die erste sei, dass Knoten unterschiedlich stark miteinander verbunden sein können (z.B. im Sinne einer variablen Distanz, vgl. Früh 2013: 137). Zweitens könnten die Knoten entweder positiv oder negativ bewertet sein, wodurch sich aktivierte Elemente des Netzwerks entweder unterstützen, oder aber auch unterdrücken können (vgl. Schemer 2013: 154–155; Sommer 2017: 68). Sommer (2017: 68) erklärt in diesem Zusammenhang, dass z.B. als negativ empfundene Verhaltensweisen ein ebenfalls aktiviertes positives Stereotyp zu relativieren vermögen. Hierbei offenbart sich auch erneut, dass es sich bei dem thematisierten Netzwerk um ein Modell handelt, das sowohl abgespeichertes Wissen umfasst (das positive Stereotyp), als es auch situative Eindrücke enthält (das beobachtete negative Verhalten).

Insofern das Netzwerkmodell der Informationsverarbeitung sowohl den Ansprüchen der Selbstkategorisierungstheorie an ein flexibles und situatives Selbstkonzept genügen kann, als auch die Grundlage gängiger Theorien zu Medienwirkungen auf die Aktivierung von Stereotypen darstellt, soll es in den folgenden Ausführungen zu den eingangs angeführten Fragestellungen Anwendung finden. Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Kontakt mit Personen und Gruppen bestimmte mit dem Selbst verknüpfte Wissenseinheiten aktiviert (vgl. Hastedt 1998: 37), wobei sich die Aktivierung auf benachbarte Knoten ausbreiten kann und näher liegende Knoten stärker aktiviert werden, als ferne („spreading activation“, vgl. Collins und Loftus 1975: 411; Früh 2013: 138; Schemer 2013: 155).

Als eine wichtige Frage wurde zu Beginn dieses Kapitels diejenige danach benannt, welche Stereotype zur Anwendung gelangen. Hierbei falle auf, dass manche Kategorien quasi „chronisch“ zugänglich zu sein scheinen36 (Sommer 2017: 45). Sommer (2017: 43–46) führt dies neben salienten Motiven und der Passung von Stereotypen, auch darauf zurück, wie häufig diese aktiviert werden und wie lange die letzte Aktivierung zurückliegt. Im Sinne des Aktivierungsnetzwerks bedeutet dies, dass kürzlich oder aber häufig aktivierte Komponenten stärker zugänglich sind, als andere. Eine wichtige Ergänzung ist in diesem Zusammenhang auch die Annahme, dass die Aktivierung von bestimmten Stereotypen mit der aktiven Unterdrückung anderer Stereotype einhergehe, wodurch diese in der Folge weniger zugänglich seien (vgl. Sommer 2017: 46). Die Zugänglichkeit von Kategorien ist also maßgeblich dadurch beeinflusst, welche Aktivierungsprozesse in der Vergangenheit stattgefunden haben. Hier setzen auch Theorien zu den Folgen der Aktivierung von Stereotypen und der Einflussnahme durch Medieninhalte auf diese Prozesse an. Sommer (2017: 83–91) unterscheidet dabei chronische Folgen der Mediennutzung einerseits, sowie situative Effekte durch stereotype Medieninhalte andererseits. So liegen beispielsweise der „Kultivierungsthese“ Fragestellungen zugrunde, die sich mit dem Einfluss starker Medienrezeption auf die Wahrnehmung der Realität (Effekte auf „erster Ebene“) und der Beurteilung anderer Personen und Gruppen (Effekte auf „zweiter Ebene“) auseinandersetzen. Studien in diesem Kontext legen nahe, dass die Rezeption stereotyper Darstellungen in Medien bei „Vielnutzern“ insbesondere dann zu einer chronischen Zugänglichkeit derselben führen können, wenn zeitgleich nur wenig Kontakt zur betroffenen Gruppe besteht (vgl. Sommer 2017: 84, 87).37 Die Forschung zur Kultivierungsthese weist somit einerseits erneut darauf hin, dass die Häufigkeit, mit der verfügbares Wissen zur Anwendung kommt eine wichtige Rolle bei dessen zukünftiger Zugänglichkeit spielt. Andererseits scheinen auch die Quellen von Informationen von Bedeutung, z.B. ob es sich um einen direkten Personenkontakt handelt, oder um über Medien vermittelte Inhalte zu diesen Personen, bzw. Personengruppen.

Dies setzt allerdings voraus, dass Themen gleich oder zumindest auf ähnliche Weise dargestellt werden (z.B. durch eine „deutliche Überrepräsentation von straffälligen Ausländern“ in der Zeitung, vgl. Sommer 2017: 84). Im Umgang mit Medien ist also auch relevant, welche Aspekte der Realität kommuniziert werden und auf welche Art und Weise. Forschungsansätze zu dieser Fragestellung beschäftigen sich daher mit den durch Medien erzeugten „Framing-Effekten“ (vgl. Schemer 2013: 157–159). Schemer (2013) unterscheidet diesbezüglich zwischen an Themen orientierten Framing-Ansätzen und solchen, die sich auf unterschiedliche Themen anwenden ließen. Im Sinne der ersteren Ansätze bedeute Framing die „journalistische Selektion und Betonung bestimmter thematischer Aspekte der Realität auf Kosten anderer“ (Schemer 2013: 157). Demgegenüber scheinen in „themenunspezifischen“ Ansätzen eher Überlegungen zu konkreten Darstellungsformen zu dominieren. Hier finden zum Beispiel Unterscheidungen zwischen „episodischem“ und „thematischem“ Framing statt, wobei ersteres eher an Fallbeispielen, letzteres stärker an „nüchternen Hintergrundberichten“ orientiert sei (Schemer 2013: 158). Relevant scheint im Kontext der vorliegenden Arbeit, dass über Medien folglich eine gewisse Vorauswahl als bedeutsam eingestufter Themen stattfindet. Gleichzeitig kann auch die Art und Weise, wie Inhalte dargestellt werden variieren und so einen Einfluss darauf nehmen, wie (bzw. ob) diese wahrgenommen werden. Dabei können ausgewählte Informationen „eine bestimmte Perspektive betonen und eine andere vernachlässigen“ (Schemer 2013: 158). Eine offene Frage ist, inwiefern sich derartige Framing-Effekte im Internet wiederfinden. Offenbar liegt hier ein Verständnis von Medien vor, deren Inhalte insbesondere durch eine professionelle Redaktion geprägt sind, also unter anderem durch eine journalistische Selektion. Während dies zumindest auf die Online-Repräsentationen von Print- und Rundfunkmedien zutreffen mag, ist die Voraussetzung z.B. bei den stärker interaktiv organisierten Plattformen der sozialen Medien wohl kaum gegeben (wobei mit „interaktiv“ durchaus nicht die gleichberechtigte Teilhabe aller an der Erstellung der Inhalte gemeint ist. Für eine ausführliche Reflexion der „Teilhabe an Wissenswelten“ auf den Plattformen „sozialer Medien“, vgl. Schmidt 2018: 76–95). Eine Annäherung ist womöglich, auch hier zwischen unterschiedlichen Medienöffentlichkeiten zu unterscheiden. Während bestimmte Internetangebote allen Nutzern (zumindest eine theoretische) Zugänglichkeit zu ihren Inhalten gewährleisten, sind andere durch eine stärkere (u.a. professionelle) Selektion geprägt und nur durch autorisierte Nutzer bearbeitbar. Gleichzeitig verfügen inzwischen viele Online-Plattformen über eine Kommentarfunktion, die den Nutzern zumindest eingeschränkte Möglichkeiten bietet, den Inhalt einer Internetseite mitzugestalten (wenngleich nicht den ursprünglichen Artikel). Da auch Hate Speech insbesondere ein Phänomen der Kommentarbereiche (bzw. „Encounter-Öffentlichkeiten“, vgl. Kapitel 2.3.4.1. (Wahrnehmung und Kategorisierung)) zu sein scheint, muss zuletzt ebenfalls von Interesse sein, welche kurzfristigen Effekte die Rezeption bestimmter Medieninhalte erzeugt. Unter Bezugnahme auf die kognitive Netzwerkarchitektur werden hier unter anderem sogenannte „Priming-Effekte“ diskutiert. Demnach werden durch Medieninhalte bestimmte Elemente des kognitiven Netzwerks aktiviert, die dann der Urteilsbildung eher zur Verfügung stehen, als jene, die nicht aktiviert wurden (vgl. Schemer 2013: 156). Insbesondere eine dominante Berichterstattung zugunsten bestimmter Themen führe demnach zu einer durch Medien induzierten erhöhten Zugänglichkeit derselben bei der situativen Urteilsbildung (vgl. Schemer 2013: 157).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Kultivierungsthese und Ansätze zu Framing-Effekten darauf hinweisen, dass durch Medien (teilweise aktiv) ein gewisses Bild der Realität vermittelt wird und dass dies auch langfristige Auswirkungen auf die individuelle Verarbeitung von sozialen Informationen haben kann. Durch Selektion werden bestimmte Aspekte der Realität stärker betont und andere vernachlässigt. Auch die Häufigkeit, mit der über bestimmte Themen berichtet wird, scheint die Aktivierung bestehenden Wissens zu begünstigen. Fraglich ist, inwiefern die eher an „klassischen“ Massenmedien orientiert scheinenden Konzepte auch auf das Internet anwendbar sind. Als eine mögliche Annäherung an das Internet als mediale Umwelt könnte eine Unterscheidung verschiedener Öffentlichkeiten dienlich sein. Um die individuelle Verarbeitung von Informationen im Zusammenhang mit direkten Medienwirkungen zu verstehen, wurde dagegen das Selbstkonzept als assoziatives Netzwerk konkretisiert. Dieses wird in jeder Situation neu konstruiert, wobei es sowohl abgespeichertes Wissen zu einem Thema enthält, als auch situative Eindrücke. Da prinzipiell in jeder Situation mehrere Kategorisierungen denkbar sind, wird angenommen, dass sie in einem Wettbewerb um ihre Aktivierung stehen, wobei hierzu eine Schwelle zur Aktivierung zu überwinden ist. Nicht aktivierte Kategorisierungen werden darüber hinaus aktiv unterdrückt und sind so in folgenden Situationen weniger zugänglich. Je häufiger dagegen bestimmte Kategorisierungen aktiviert werden, desto höher wird ihre Zugänglichkeit. Es ist leicht vorstellbar, dass sich durch häufige und stereotype Darstellungen von Personengruppen in Medieninhalten eine bessere Zugänglichkeit damit assoziierter Wissensinhalte entwickelt.

Zuletzt bleibt jedoch auch zu erwähnen, dass die Nutzer von Medien nicht als „Opfer“ entsprechender Darstellungen gesehen werden sollten. Die hier diskutierten Effekte werden häufig relativiert, wenn Individuen zu einer gründlichen und aufwändigen Verarbeitung der bereitgestellten Informationen angehalten werden (vgl. z.B. Sommer 2017: 87). Es obliegt also auch der individuellen Motivation und Gelegenheit, aktivierte Stereotype zu hinterfragen und sich damit nicht zu einer oberflächlichen Urteilsbildung verleiten zu lassen. Entsprechend soll auch im folgenden Kapitel 2.3.5. die Frage im Vordergrund stehen, inwiefern, basierend auf den bisherigen Erkenntnissen, eine individuelle Verantwortlichkeit, das heißt die situative Kontrolle über diskriminierendes und aggressives Verhalten angenommen werden sollte.

2.3.5. Diskriminierung, Aggression & Verhaltenskontrolle

Hate Speech wurde in Kapitel 2.1. (Onlinebasierter Hass als sozialpsychologisches Phänomen) bereits als ein Phänomen vorgestellt, das auf Stereotype Bezug nimmt und durch Vorurteile begünstigt scheint, somit also als diskriminierende Verhaltensweise verstanden werden kann. Gleichzeitig handelt es sich um ein Verhalten, das sowohl gesellschaftliche Normen verletzt, als auch die Rechte anderer Menschen. Es kann somit ebenfalls den aggressiven Verhaltensformen zugeordnet werden, die oft „intentional darauf ausgerichtet [sind], ein Objekt – sei es einen Gegenstand, ein Tier oder einen Mensch – zu (be)schädigen “ (vgl. Döring 2003: 270, Hervorhebungen im Original). Inwiefern ein Verhalten als aggressiv bewertet werden könne, hängt dabei gemäß Döring (2003: 270) von der „Perspektive der Urteilenden“ ab. Im Kontext der Hate Speech im Internet scheint von Relevanz, dass einer dieser Urteilenden der Akteur selbst ist. Im Folgenden ist daher zu klären, ob das Verhalten von diesem überhaupt als (norm-)verletzend empfunden wird, oder unter Umständen auch als angemessene Reaktion (z.B. als Abwehr auf einen als feindselig empfundenen Medieninhalt im Sinne des in Kapitel 2.3.3. erwähnten „Hostile Media“-Effekts). Darüber hinaus ist eine Frage, die sich den Ausführungen der vorherigen Kapitel (2.3.4.1. und 2.3.4.2.) anschließt, inwiefern mit Stereotypen und Vorurteilen zusammenhängende Verhaltensweisen durch die betroffenen Individuen kontrollierbar sind. Dies gilt in zweierlei Hinsicht. Einerseits kann angenommen werden, dass Individuen im Internet eine stärkere Kontrolle gegenüber verschiedenen Verhaltensweisen empfinden, etwa da die Möglichkeit zu deren Sanktionierung gering erscheinen (z.B. aufgrund von Anonymität bzw. Pseudonymität, vgl. Döring 2003: 272). Zum anderen scheint es sich bei Hate Speech auch um ein Verhalten zu handeln, das im Zusammenhang mit starken Emotionen steht, weshalb der Verdacht nahe liegt, dass es sich der individuellen Kontrolle zumindest teilweise entzieht.

Grundsätzlich kann angenommen werden, dass die Anwendung von Stereotypen bei Urteilen und Entscheidungen stark davon abhängt, inwiefern Personen sowohl motiviert sind, als auch Gelegenheit haben, ihre (expliziten38 ) Einstellungen unter Kontrolle zu halten (vgl. Sommer 2017: 72; Turner und Hewstone 2011: 326). Sommer (2017: 72) erläutert diesbezüglich, dass bei Kontakt mit einer Gruppe, sowie einer guten Zugänglichkeit von Kategorien bzw. Einstellungen, diese „aktiviert werden [können] und bestimmte Verhaltensweisen nach sich ziehen (Fazio, 1990, 2001)“. Dies sei sowohl als unmittelbare und unkontrollierbare Reaktion auf eine bestimmte Situation denkbar, als auch indirekt, nämlich in Form einer durch aktivierte Kategorien und Einstellungen beeinflussten Wahrnehmung. Inwiefern bestehendes soziales Wissen, Stereotype und Einstellungen zur Interpretation einer Situation herangezogen werden (können), wurde daher in den vorangegangen Kapiteln 2.3.4.1. (Wahrnehmung & Kategorisierung) und 2.3.4.2. (Organisation & Abruf von sozialem Wissen) diskutiert. Von Interesse ist nun, wie Individuen in unterschiedlichen Online-Situationen zu bestimmten Schlussfolgerungen und Urteilen gelangen. Gleichzeitig wird darauf einzugehen sein, wie aggressive und diskriminierende Verhaltensweisen bei der computervermittelten Kommunikation begünstigt werden können.

Zunächst ist festzuhalten, dass Menschen bei Schlussfolgerungen dazu neigen, „das Verhalten anderer Personen auf deren Eigenschaften [...] zurückzuführen, während sie ihr eigenes Verhalten eher aus den situativen Umständen erklären.“ („fundamentaler Attributionsfehler“, vgl. Döring 2003: 253). Diese Tendenz wird im Internet vermutlich insofern unterstützt, als gerade unter Bedingungen der Anonymität bzw. Pseudonymität nur wenige Informationen über das Gegenüber vorliegen, sodass man auf Spekulationen angewiesen ist (vgl. Döring 2003: 252). Dies kann Problematisch sein, da angenommen werden kann, dass die meisten Menschen im Internet nicht „durchgängig als merkmalslose anonyme Gestalten [agieren], sondern [...] soziodemografische Eckdaten durch Realnamen und Nicknames, Profile, persönliche Homepages und Äußerungen in Online-Konversationen typischerweise bekannt [geben].“ (Döring 2003: 276)

Wenngleich viele soziale Kategorien im Internet weniger offensichtlich gemacht oder sogar verborgen werden können, kann keinesfalls davon ausgegangen werden, dass gängige Kategorien des „Offline-Lebens“ hier keine Rolle spielen. Im Gegenteil zeige sich, dass Stereotypisierung (und folglich Diskriminierung) unter bestimmten Bedingungen wahrscheinlicher würde, da zwar weniger Kategorien zur Urteilsbildung bereitstehen (vgl. Döring 2003: 276–277). Diese können jedoch als Information hervorstechen, wenn sonst nur wenige Bezugspunkte bestehen um ein Urteil zu bilden.39 Eine Perspektive, die diesen Umstand aufgreift, ist das „ Modell der sozialen Identität und Deindividuation SIDE (Spears, Lea & Lee, 1990; Spears & Lea, 1994; Reicher, Spears & Postmes, 1995)“ (Döring 2003: 174, Hervorhebungen im Original). Demnach werden „bei Anonymität im Netz die zuvor aktivierten sozialen/kollektiven und personalen/individuellen Identitäten kognitiv besonders akzentuiert [...]“ (Döring 2003: 174, Hervorhebungen im Original). Bei Salienz einer sozialen Identität blieben individuelle Merkmale ausgeblendet, wodurch die Gruppenmitgliedschaft zum dominanten gemeinsamen Merkmal werde. Im Gegensatz dazu käme es bei einer salienten personalen Identität zwar ebenfalls zu einem identitätsverstärkenden Effekt. Anders, als bei Salienz einer sozialen Identität, trete jedoch die individuelle Distinktheit zu den anderen Ingroup-Mitgliedern in den Vordergrund. Gewissermaßen verhindert die Anonymität also je nach Abstraktionsebene (vgl. Kapitel 2.2.4. (Selbstkategorisierungstheorie)) die Wahrnehmung gemeinsamer Eigenschaften – entweder auf Gruppenebene (keine wahrgenommene Gemeinsamkeit mit Outgroup-Mitgliedern) oder als Individuum (keine Identifikation mit der Ingroup). Eine wesentliche Leistung des SIDE-Modells ist auf diesen Vorüberlegungen aufbauend, die Prognose bestimmter Verhaltensweisen. So führe die Akzentuierung einer sozialen Identität zu einer verstärkten Orientierung an der entsprechenden Gruppennorm, wohingegen bei salienter personaler Identität die eigenen (individuellen) Standards als Orientierung dienten. Es komme zu einer Stabilisierung bereits salienter Identitäten und damit zusammenhängender Verhaltensweisen (vgl. Döring 2003: 174–175). Diese These ist in zweierlei Hinsicht bedeutend. Zunächst lässt sie eine Interpretation von Hate Speech zu, die das Verhalten nicht als reine Normverletzung beschreibt. Vielmehr kann angenommen werden, dass Individuen sich durchaus an den Verhaltensstandards ihrer Bezugsgruppe orientieren (oder aber an ihren eigenen, bei Salienz einer personalen Identität). Darüber hinaus rückt bei an Gruppen und Stereotypen orientierten Verhaltensweisen wie Hate Speech die Frage nach den spezifischen Gruppennormen, an denen sich Individuen bei der computervermittelten Kommunikation orientieren, in den Vordergrund.

Schweiger (2017: 60) stellt fest, dass Online-Diskussionen so gut wie nie im Konsens enden, da sich die Teilnehmer der Diskussion nicht von Argumenten überzeugen ließen. Dies deutet darauf hin, dass die Debatten oftmals durch eine Dynamik gekennzeichnet sind, wie sie bereits in Kapitel 2.2.4.2. (Die Polarisierung von Gruppen) beschrieben wurde: weder haben Argumente aus der wahrgenommenen Outgroup eine besondere Überzeugungskraft, noch gibt es eine übergeordnete soziale Norm, an der sich die Diskussionsteilnehmer orientieren. An Bedeutung gewinnen dagegen die Normen der jeweiligen Gruppen. Mehr noch zeige sich, dass die Diskursqualität mit der „moralischen Ladung eines Themas und der Stärke eines weltanschaulichen Konflikts“ sinke: „Je polarisierender ein Thema, desto wahrscheinlicher werden beispielsweise Diskussionen, in denen es an gegenseitigem Respekt und argumentativer Tiefe mangelt“ (Schweiger 2017: 60). Aggressive und diskriminierende Verhaltensweisen variieren folglich mit dem Verhältnis der jeweiligen Gruppen zueinander, wobei in Übereinstimmung mit den Ausführungen in Kapitel 2.1. (Onlinebasierter Hass als sozialpsychologisches Phänomen) angenommen werden kann, dass oft im Vorhinein Prozesse der Radikalisierung und Polarisierung stattgefunden haben.

In Hinblick auf die erste einleitend genannte Fragestellung, inwiefern aggressives Verhalten als normverletzend empfunden wird, ist zu entgegnen, dass dies von den Personen abhängt, die darüber urteilen. Döring (2003: 270) erklärt, dass zur Identifikation aggressiven Verhaltens drei Kriterien wesentlich sind: „Zugeschriebene Schädigungsabsicht, tatsächlicher Schaden und auch Normverletzung “ (Hervorhebungen im Original). Alle diese Kriterien sind aus einer Beobachterperspektive erfüllt. Fraglich ist jedoch, inwiefern den Akteuren selbst die eigene Aggression bewusst ist. Es kann angenommen werden, dass eine subjektive Empfindung von Normkonformität besteht, einerseits durch das beobachtete Verhalten anderer Diskussionsteilnehmer (auch über mehrere Situationen hinweg) und andererseits durch die Orientierung an einer radikalen Gruppennorm. Hinzu kommt, dass der tatsächliche Schaden in vielen Fällen unterschätzt wird, da die (emotionale) Reaktion des Gegenübers zumindest teilweise verborgen bleibt (vgl. Döring 2003: 272). Die Frage nach der Kontrolle eines Akteurs über das infrage stehende Verhalten ist daher ebenfalls differenziert zu betrachten. Einerseits kann davon ausgegangen werden, dass bei der Ausübung des Verhaltens eine geringe Furcht vor Isolation besteht, selbst wenn in der jeweiligen Situation wenig Unterstützer der eigenen Position angenommen werden40. Genauso scheinen die Möglichkeiten zur Sanktionierung unerwünschter Verhaltensweisen im Internet eher gering, da die Teilnehmer einer Diskussion in der Regel anonym bleiben können. Andererseits scheint im Internet ein gewisser Enthemmungs-Effekt beobachtbar, der eben gerade eine geringe Kontrolle oder zumindest eine mangelnde Reflexion des eigenen Verhaltens nahelegt. So wird der Schädigungsgrad von verbalen Aggressionen unterschätzt und durch die Akzentuierung von Gruppenidentitäten unter Umständen eine radikalere Position vertreten, als dies von Angesicht zu Angesicht der Fall wäre (vgl. Döring 2003: 155, 175, 272).

2.2.6. Zusammenfassung: Hate Speech, Medien und computervermittelte Kommunikation

Döring (2003: 130) betont, dass aus der medienökologischen Perspektive, die auch in der vorliegenden Arbeit eingenommen wurde, insbesondere das „Wechselspiel von Medienmerkmalen und Nutzerverhalten in verschiedenen sozio-kulturellen Kontexten“ bei der Analyse von Internet-Effekten betrachtet werden sollte, sodass „neben der Medienkritik auch eine Nutzerkritik möglich ist.“ In diesem Sinne wurden einerseits Theorien diskutiert, die sich mit der Wirkung und dem Wandel der medialen Öffentlichkeit als Umwelt für die im Internet kommunizierenden Individuen auseinandersetzen. Andererseits galt es zu zeigen, wie Individuen mit den verfügbaren Informationen umgehen und inwiefern hierbei auch eine Erklärung für aggressives und diskriminierendes Verhalten gefunden werden kann. In diesem Sinne ist die Verantwortung für die Verbreitung von Hate Speech im Internet weder einseitig den jeweiligen agierenden Individuen zuzuschreiben, noch kann die Ursache allein im Strukturwandel öffentlicher Kommunikation gesehen werden. Vielmehr zeigt sich, dass in der Betrachtung von Gruppenprozessen eine Möglichkeit zur Integration von strukturellen und individuellen Erklärungsansätzen liegt. So zeigt sich beispielsweise, dass im Rahmen einer computervermittelten Diskussion nur wenige Informationen über andere Diskussionsteilnehmer verfügbar sind und in Bezug auf das ausgeübte eigene Verhalten nur geringes „emotionales Feedback“ besteht. Es obliegt jedoch auch der individuellen Motivation, das eigene Urteil und Verhalten zu reflektieren und Informationen nicht nur oberflächlich, sondern sorgfältig zu verarbeiten. Anonymität im Internet kann dabei das strategische Ausüben von aggressiven Verhaltensweisen begünstigen. Gleichzeitig scheint es sich hierbei jedoch nicht um die Ursache, sondern um einen Katalysator diskriminierenden und aggressiven Verhaltens zu handeln. Wahr scheint vielmehr, dass der letztendlichen Äußerung von Hasskommentaren Prozesse der Polarisierung von Meinungen vorangehen. In diesem Sinne wurden in Kapitel 2.3.3. (Indirekte Medienwirkungen & Wahrnehmungsphänomene) Ansätze diskutiert, die Prozesse der Meinungsbildung in einen Zusammenhang mit der Bereitschaft bringen, diese auch zu äußern. Hierbei zeigte sich, dass insbesondere durch eine wachsende Diskrepanz zwischen wahrgenommenen Medieninhalten (die z.B. aus Kommentaren anderer Nutzer oder aus journalistischen Artikeln zu einem bestimmten Thema bestehen können) und der eigenen Vorstellung der Realität eine ablehnende Haltung zu diesen Inhalten entstehen kann. Diese Haltung kann sich verstärken, sodass Individuen schließlich zu der Einschätzung gelangen, dass das durch Medien vermittelte Bild von bestimmten Themen absichtlich verzerrt werde („Hostile-Media“-Effekt). Aus einer medienkritischen Perspektive ist daher zu fragen, inwiefern tatsächlicher Qualitätsverlust und oberflächliche, an Stereotypen orientierte Berichterstattungen dazu beigetragen haben, entsprechende Weltbilder zu bestätigen und zu verstärken. Hierbei scheinen generalisierende Aussagen über „die Medien“ zu kurz zu greifen, da neben journalistischen Formaten inzwischen auch neue Formen des Informationsaustausches im Internet entstanden sind. Gleichzeitig sind durch das Internet vielfältige Möglichkeiten des Kontakts gegeben, die theoretisch einen Abbau von Vorurteilen begünstigen können, da davon ausgegangen werden kann, dass negative Stereotype einem offenen Umgang mit Mitgliedern aus diesen Gruppen nicht standhalten (Zumindest unter angemessenen Bedingungen. Vgl. zur „Kontakthypothese“ Turner und Hewstone 2011: 345–347). Zur „Kultivierung“ von Vorurteilen und Stereotypen scheint dagegen insbesondere die massive Rezeption entsprechender Medieninhalte zu führen, bei gleichzeitig geringem oder feindseligem Kontakt zu den betroffenen Gruppen. In diesem Sinne obliegt es den Nutzern, einen reflektierten Umgang mit den im Internet verfügbaren Informationen zu pflegen und gegebenenfalls gründlich zu prüfen. Zuletzt mag enthemmtes und aggressives Verhalten im Internet zwar aus einer analytischen Perspektive durch strukturelle Faktoren und die Polarisierung von Gruppen (mit-)begründbar sein. Dies vermag jedoch keinesfalls die individuelle Verantwortlichkeit hierfür zu relativieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Prozesse, Medienwirkungen und mögliche Effekte bei der computervermittelten Kommunikation. Quelle: eigene Darstellung.

3. Reflexion und Diskussion

Im vorangegangen Kapitel wurden Theorien und Ansätze diskutiert, die unterschiedliche Zugänge zu Hate Speech im Internet ermöglichen. Neben Ansätzen auf struktureller Ebene (z.B. soziale Netzwerke und soziale Medien, Kapitel 2.3.2.) wurden auch Theorien diskutiert, die sich den Konsequenzen der individuellen Verarbeitung sozialer Informationen widmen (Kapitel 2.3.4.). Auffällig ist unter anderem, dass keiner der Ansätze eine eigenständige Klärung der Ursachen dieser Problematik vermag. Tatsächlich zeigt sich, dass das Internet sowohl die Themenvielfalt, als auch die Kontaktmöglichkeiten bereithält, die einem Abbau von Konflikten und Polarisierung dienen könnten. Entsprechend vermerkt etwa Döring (2003: 177), dass „wegen der Pluralität der Publika in öffentlichen Foren auch die Chance [besteht], dass Diskussionen sich eben nicht in einer Pro- und Kontra-Struktur festfahren, sondern vielfältigere Perspektiven eröffnen, die es den Angehörigen unterschiedlicher Kategorien auch ermöglichen, in einem dritten oder vierten Fokus eine inklusive Kategorie zu entdecken.“

Dass Hate Speech im Internet dennoch zu einem Problem wurde, ist keine triviale Entwicklung, die sich in diesem Ausmaß allein durch die mediale Umwelt oder durch persönliche Eigenschaften der kommunizierenden Individuen erklären ließe. Vielmehr offenbart sich, dass sowohl auf struktureller, als auch auf individueller Ebene Dynamiken zu beobachten sind, die nicht unabhängig von einander begriffen werden können. Zielführend scheint daher eine Integration verschiedener Ansätze, ebenso wie eine Perspektive, die den vielfältigen Prozessen Rechnung trägt, die im Zusammenhang mit komplexen Phänomenen stehen. So zeigte sich etwa, dass reale Strukturen sozialer Netzwerke (Kapitel 2.3.2.) oder aber auch die Polarisierung des öffentlichen Meinungs-klimas (Kapitel 2.3.3.) dynamische Komponenten aufweisen, die zu einem großen Teil auf Kommunikations- und Austauschprozesse unter Individuen zurückführbar sind. Individuen handeln in diesem Sinne interaktiv eine soziale Wirklichkeit aus, die ihrerseits reale Auswirkungen auf individuelle Prozesse (z.B. auf die Verarbeitung sozialer Informationen, vgl. Kapitel 2.3.4.) und damit auch auf das soziale Handeln und Verhalten hat (Kapitel 2.3.5.). Die zentralen Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit, die die wesentlichen Konzepte, Wirkungen und Zusammenhänge zu Hate Speech im Internet aus verschiedenen Perspektiven zusammenfassen, sind in Tabelle 5 dargestellt.

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Tabelle 5: Hate Speech im Internet: Zentrale Konzepte, Wirkungen und Zusammenhänge. Quelle: eigene Darstellung.

Das Ziel war jedoch nicht allein, auf die Vielfalt und den dynamischen Charakter der Ursachen hinzuweisen, die das Phänomen der Hate Speech im Internet hervorzubringen vermögen. Um eine mögliche Prävention oder gar Vorhersage problematischer Entwicklungen zu gewährleisten, genügt es nicht existierende Strukturen zu beschreiben oder individuelles Problemverhalten aufzuzeigen. Daher ist es wichtig, die zugrundeliegenden Prinzipien zu identifizieren und von der konkreten Problematik zu abstrahieren (vgl. Tabellen 3 und 4). Dieses Vorgehen gewährleistet nicht nur ein tieferes Verständnis der Ursachen und offenbart Gemeinsamkeiten zu ähnlichen Dynamiken, sondern es deutet ebenfalls auf alternative Entwicklungsmöglichkeiten hin. Neben unterschiedlichen denkbaren Netzwerkstrukturen (Kapitel 2.3.2.) wurde daher sowohl die Rolle der Medien, als auch der Nutzer von Online-Angeboten kritisch diskutiert (Kapitel 2.3.3. bis 2.3.5.). Es zeigt sich, dass insbesondere durch eine Betrachtung von Gruppenprozessen der scheinbaren Dichotomie auf Makro- und Mikroebene begegnet werden kann. In diesem Sinne wurden insbesondere die Polarisierung von Gruppen und Meinungen sowie die Stereotypisierung von Individuen als Triebkräfte und Motivation diskriminierender und schädigender Verhaltensabsichten genannt.

Hierbei ist anzumerken, dass polare Gruppenverhältnisse und konkrete Stereotype zwar weitreichende Auswirkungen haben können und tatsächlich im Zusammenhang mit problematischen Verhaltensweisen wie Hate Speech zu stehen scheinen. Es handelt sich jedoch keinesfalls um Tatsachen und Konstrukte, die über die Zeit unveränderlich fortbestehen. Theorien, die sich mit der Konstruktion und dem Wandel von Gruppen und Stereotypen auseinandersetzen, wurden daher in Kapitel 2.2. (Motivation und Katalyse von Vorurteilen und Diskriminierung) diskutiert. Durch Ansätze zur sozialen Identität ist ein Zugang zu diskriminierendem Verhalten gegeben, der sich, wie gezeigt wurde, auf komplexe Phänomene wie Hate Speech im Internet anwenden lässt. Problematisch scheint aus praktischer Sicht dagegen, dass sich die bis hierhin ausgearbeiteten Theorien, Ansätze und Zusammenhänge in der Realität nur schwer überprüfen lassen. So weist etwa Döring (2008: 303) in Bezug auf das in Kapitel 2.3.5. vorgestellte „Soical Identity Model of Deindividuation Effects (SIDE)“ auf dessen beschränkte Aussagekraft hin, da einerseits nur textbasierte Kommunikation betrachtet und andererseits „Einflüsse von weiteren Medienmerkmalen“ nicht thematisiert würden. Dieser Problematik wurde hier insofern Rechnung getragen, als das Modell in einen komplexen Erklärungsansatz integriert wurde, der eine umfangreiche Beschreibung der medialen Umwelt, ihrer Dynamik und ihren Wirkungen beinhaltet. Ernstzunehmender scheint dagegen, dass die „favorisierte Methodik der experimentellen Laborforschung [...] die Generalisierbarkeit der Befunde auf reale Internetkontexte“ (ebd.) deutlich einschränke. Hiermit ist auf ein bereits einleitend thematisiertes Problem der Sozialwissenschaften verwiesen, nämlich die gängige Methodik. Es offenbart sich die grundlegende Schwierigkeit den Prozesscharakter vieler Phänomene in angemessenen Untersuchungsdesigns zu erfassen. Neben der erwähnten Schwäche experimenteller Ansätze, zu generalisierbaren Aussagen zu gelangen, stehen diesen zum anderen statistische Verfahren gegenüber, die die in Bezug auf komplexe Systeme zumeist ungerechtfertigte Annahme linearer Zusammenhänge unterstellten. Ein Ansatz, dieses Dilemma aufzulösen, wird in Computermodellen und -simulationen gesehen (vgl. Waldherr 2017: 542–543). Hierdurch ist die explizite Simulation dynamischer Prozesse möglich, die sonst oft nur in kleinen Gruppen beobachtbar sind (Labor-Experiment) oder mitunter nicht adäquat berücksichtigt werden (Statistik). In diesem Sinne wird in „agentenbasierten Modellen“ (ABM), die sich durch eine Spezifizierung von Annahmen über Interaktionen auf der Mikroebene auszeichnen, eine Möglichkeit gesehen, die Emergenz komplexer Phänomene nachzuvollziehen, theoretische und methodische Schwächen zu überwinden und darüber hinaus kritische Variablen zu identifizieren (vgl. Eberlen u. a. 2017).

Konkrete Modellansätze, die zur Modellierung der Theorie der sozialen Identität nutzbar wären bestehen, sie müssten jedoch integriert und teilweise weiterentwickelt werden. So identifizieren etwa Kopecky et al. (2010) als zentrales Konzept die These aus der Selbstkategorisierungstheorie, dass die Salienz einer Identität in einer Situation als das Produkt aus Zugänglichkeit und Passung zu verstehen sei und diskutieren, inwiefern dieses Konzept bereits in unterschiedlichen Modellen Umsetzung fand. Gleichzeitig offenbarte sich in der vorliegenden Arbeit, dass insbesondere ein flexibles und situatives Verständnis, sowohl des individuellen Selbstkonzepts (Kapitel 2.3.4.2. (Organisation und Abruf von sozialem Wissen)), als auch von Gruppen und Stereotypen (Kapitel 2.2.4.1. (Die Bildung von Gruppen & Handeln im Sinne einer Gruppe) sowie Kapitel 2.2.1. (Stereotypisierung und Vorurteile)) notwendig ist, um die Dynamik zu verstehen, die sich hinter einem komplexen Phänomen wie Hate Speech im Internet verbirgt. Entsprechende Modellansätze sollten dieses Verständnis reflektieren und nicht von vornherein von der Existenz bestimmter Identitäten oder Gruppen ausgehen. Zwei Ansätze, die sich hiermit gut vereinbaren ließen, sind das Meta-Kontrast-Modell von Laurent Salzarulo (2004, 2006), sowie das „Dynamic Identity Model for Agents (DIMA)“ von Dimas und Prada (2014). Diese Modelle wurden (unter anderem) bereits in einer vorangegangen Projektarbeit diskutiert (Ostrowski 2017). Hervorgehoben werden soll jedoch an dieser Stelle die Fähigkeit des Meta-Kontrast-Modells, anhand eines spezifischen Kontext auch spezifische Kategorisierungen dynamisch zu erzeugen. Integrierte man dieses Prinzip darüber hinaus in individuelle Repertoires an Erfahrungen und Informationen (Selbstkonzept), so ließen sich unter Umständen die in Kapitel 2.3.3. diskutierten indirekten Medienwirkungen und Wahrnehmungsphänomene reproduzieren, wie z.B. der „false consensus“-Effekt. Die komparative Passung, d.h. der Meta-Kontrast einer möglichen Kategorisierung ist jedoch nur ein Teil dessen, was zur Formalisierung von Ansätzen zur sozialen Identität nötig wäre. Als weitere wichtige Komponente wird unter anderem die Zugänglichkeit von Kategorisierungen genannt. In diesem Sinne ist eine Schwäche des Meta-Kontrast-Modells die Vernachlässigung der Vielfalt an möglichen Kategorisierungen in einer Situation. Mit dem Modell von Dimas und Prada (2014) wird neben dem Meta-Kontrast-Verhältnis daher auch die Zugänglichkeit einer Kategorisierung ermittelt und anhand individueller Erfahrungen auch angepasst, so dass die Interaktion mit anderen Agenten einen Einfluss auf das zukünftige Verhalten hat („Emotionale Valenz“, vgl. Dimas und Prada 2014).

An dieser Stelle soll keine detailliertere Diskussion der Modelle vorgenommen werden. Es zeigt sich aber, das bereits mancher Ansatz besteht, eine Formalisierung der Annahmen zur Theorie der sozialen Identität bzw. zur Selbstkategorisierungstheorie vorzunehmen. Zu zeigen wird noch sein, inwiefern sich konkrete soziale und komplexe Phänomene wie etwa die hier diskutierte Hate Speech im Internet nachbilden lassen. Hierbei sind bestehende Konzepte zu integrieren und gegebenenfalls den jeweiligen Eigenheiten und Randbedingungen des zu modellierenden Phänomens anzupassen. Verschiedene theoretische Konzepte wurden in der vorliegenden Arbeit diskutiert und können als mögliche Anhaltspunkte dienen.

4. Fazit

Das Internet hat eine Reihe komplexer Phänomene mit sich gebracht, die mitunter problematisch sind. Hierzu gehören unter anderem Hate Speech, „Cybermobbing“ oder „Shitstorms“. Es sind jedoch auch viele Möglichkeiten gegeben, bestehende Konzepte und Theorie der Sozialwissenschaften zu prüfen und anzuwenden oder neue (und alte) Zusammenhänge zu erkennen. So lassen sich etwa soziale Netzwerkstrukturen anschaulich visualisieren oder Medieninhalte besser auswerten, da sie inzwischen in digitaler Form vorliegen. Gleichzeitig zeigt sich, dass sozialpsychologische Theorien, wie die hier diskutierten Ansätze zur sozialen Identität zwar einen entscheidenden Beitrag zur Erklärung komplexer Phänomene leisten können. Es offenbaren sich jedoch auch Schwierigkeiten, die dynamischen Prozesse anhand „klassischer“ sozialwissenschaftlicher Methoden wie dem Labor-Experiment oder durch statistische Verfahren zu beobachten, zu beschreiben oder zu prüfen. Daher gilt es, alternative Methoden weiterzuentwickeln, wie etwa die hier diskutierte agentenbasierte Modellierung.

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[...]


1 Wenngleich Nutzungsformen und Nutzertypen nach wie vor variieren, wird das Internet inzwischen von den meisten Deutschen zumindest selten, von knapp zwei Dritteln täglich genutzt (ARD-ZDF-Onlinestudie 2016: 2).

2 „Meiden Sie die digitalen Medien. Sie machen [...] tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich“ (Spitzer 2012).

3 Anbieter großer sozialer Netzwerke unterliegen damit einer halbjährlichen Berichtspflicht über den Umgang mit Beschwerden und sind verpflichtet ihren Nutzern ein „wirksames und transparentes Verfahren“ des Beschwerdemanagements zur Verfügung zu stellen (vgl. BMJV 2017b: §§ 2 und 3).

4 Im Online-Kontext wird für „Hassrede“ oft der Begriff „Hate Speech“ verwendet, wobei durch beide Begriffe im Wesentlichen dieselbe Problematik beschrieben wird (vgl. Meibauer 2013: 1; Robertz u. a. 2016: 7; vgl. außerdem Kapitel 2.1. ). Sie werden daher im Folgenden synonym verwendet.

5 Entsprechend Art. 5 Abs. 2 GG: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“

6 Wobei zwischen der Äußerung einer extremen Meinung (Verhalten) und tatsächlichem Extremismus (Einstellung) zu unterscheiden sein wird.

7 Genau genommen geschieht diese Zuschreibung in zweierlei Hinsicht. So werden der „fremden“ Gruppe i.d.R. negative, der „eigenen“ Gruppe dagegen überwiegend positive Eigenschaften unterstellt und deren „Mitgliedern“ zugeschrieben (vgl. Küpper 2016: 22–23).

8 Es soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, dass auch andere soziale Konflikte im Zusammenhang mit Hate Speech diskutiert werden. Ein Beispiel hierfür ist die Auseinandersetzung mit Hassrede in sexistischem Kontext. Wesentlich ist jedoch, dass manche dieser Konflikte (z.T. erheblich) mehr öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, als andere.

9 Wenngleich Gruppen in dieser Analyse nicht als konsistent begriffen werden, sollte ihre Bedeutung im Sinne von real geteilten Überzeugungen und Erfahrungen, sowie daraus resultierenden (Handlungs-)Konsequenzen unterstrichen werden. „If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas-Theorem) (Thomas/Thomas 1928: 572, zitiert nach Thiele 2015: 32).

10 Hierunter kann z.B. die Vorstellung von Stereotypen als „ideologische Repräsentationen“ verstanden werden. Demnach dienen sie der Rationalisierung bestehender sozialer Verhältnisse. Aus dieser Perspektive haben Stereotype die Funktion ein bestimmtes System (status quo) zu rechtfertigen bzw. zu legitimieren und dienen gesellschaftlich dominanten Gruppen (Augoustinos und Walker 1998: 637–638).

11 Augoustinos und Walker (1998: 632) erläutern diese Behauptung anhand eines Beispiels von Stereotypen der australischen Bevölkerung gegenüber den Ureinwohnern des Kontinents: „Thus, most people in Australia can easily describe the stereotypes of Aboriginal Australians, precisely because these stereotypes have a social life, existing beyond the individuals and groups who expound them (Augustinous, Ahrens, & Innes, 1994).“

12 Unter „Metastereotypen“ werden Vermutungen einer Person über die Selbst- und Fremdwahrnehmung einer Fremdgruppe verstanden (vgl. Thiele 2015: 32).

13 Umgekehrt zeigte sich in Experimenten, dass derartige Konflikte abgebaut werden können, wenn Gruppen Ziele verfolgen, die sich wechselseitig begünstigen (vgl. Turner und Hewstone 2011: 328).

14 Inkonsistenter Begriff: Wird mal als ingroup bias oder ingroup favoritism, mal als intergroup bias oder auch als outgroup bias genannt, in jedem Fall geht es um die Favorisierung der Eigengruppe gegenüber einer Fremdgruppe sowohl bei ihrer Bewertung, als auch im konkreten Verhalten (vgl. Tajfel und Turner 1986: 13).

15 Vorausgesetzt, die auf eine bestimmte soziale Identität bezogene Gruppenmitgliedschaft ist nicht zufriedenstellend, bestehen für das betroffene Individuum zweierlei Alternativen: die Gruppe zu verlassen um einer positiver bewerteten Gruppe beizutreten und / oder auf anderem Weg ein positives Selbstkonzept zu erlangen. Einer dieser Wege ist die Abwertung einer Fremdgruppe (vgl. Turner u. a. 1987: 30).

16 Turner und Hewstone (2011: 331–332) führen diesbezüglich aus, dass das Verhältnis zwischen ingroup bias (dort: „inter-group bias“) und Selbstwertgefühl auf zweierlei Arten gedacht werden kann: Entweder, dass ein ingroup bias das Selbstwertgefühl steigere, oder, dass ein niedriges Selbstwertgefühl zu einem erhöhten ingroup bias führe. Während einige Belege für die erste Hypothese sprechen, finden sich gegenüber der zweiten insbesondere widersprüchliche Befunde. Demnach legen Ergebnisse aus Experimenten den Schluss nahe, dass sogar umgekehrt ein „ hohes [Hervorhebung im Original] Selbstwertgefühl auf eine stärker konkurrenzbetonte Diskriminierung hinausläuft.“

17 In diesem Sinne ist auch die wechselseitige Anziehungskraft in Abhängigkeit eines identifizierbaren Gruppen-Prototyps definiert: „One likes people that represent positive categories or that are less representative of negative catrgories.“ (Turner u. a. 1987: 58). Somit ist die Anziehungskraft einer einzelnen Person dadurch bestimmt, inwiefern sie für eine bestimmte Kategorie als „typisch“ wahrgenommen wird.

18 „Zugänglichkeit“ hat hierbei zwei wesentliche Determinanten. Dies sind erstens das Wissen einer Person über die Struktur ein Situation (Erfahrung) und zweitens ihre momentanen Absichten. Es zeigt sich außerdem, dass soziale Kategorisierungen im Gegensatz zu rein kognitiven Konstrukten eine bewertete (emotionale) Signifikanz haben, die ihre relative Zugänglichkeit beeinflussen kann. Die „situative Passung“ sei dagegen bestimmt durch ein komparatives Element, das im wesentlichen mit dem Meta-Kontrast Verhältnis übereinstimmt. Daneben ist die Passung einer Kategorie abhängig von normativen Aspekten, d.h. es wird ebenfalls evaluiert, inwiefern eine soziale Kategorisierung übereinstimmt mit bestehenden Stereotypen (vgl. ausführlich Oakes 1987: 131–132).

19 Ein Beispiel für eine schlechte normative Passung führt beispielsweise Hastedt (1998: 13) anhand einer geschlechtsbezogenen Quotenregelung aus: Seien die bekannten Stereotype, dass Männer gegen eine derartige Regelung seien, Frauen jedoch dafür. Dann würde eine Situation in der Männer geschlossen für die Einführung einer Quote argumentierten und Frauen (ebenfalls geschlossen) dagegen, als Stereotypdiskonform wahrgenommen. Es ergäbe sich zwar ein hoher Meta-Kontrast Wert (komparative Passung), aber keine normative Passung und eine andere Kategorisierung wäre demnach naheliegender (nach Hastedt z.B. die Kategorisierung nach Parteizugehörigkeit oder Alter).

20 Dass somit oft bereits vor der Diskussion ein Trend zu bestimmten Positionen besteht, ist laut Wetherell (1987: 145) als eine mögliche Erklärung des ‚persuasive arguments‘-Ansatzes für die Tendenz zur Polarisierung zu nennen. Argumente, die den bereits dominanten Trend unterstützen seien leichter zugänglich.

21 Wetherell (1987: 156) ergänzt: Wäre B nicht Mitglied der Gruppe und diese bestünde nur aus A und C, dann wäre C tatsächlich der Prototyp und noch einflussreicher.

22 Die tägliche Nutzungsdauer des Internets beträgt dabei inzwischen durchschnittlich 149 Minuten, womit sich dieser Wert im Vergleich zur Erhebung im Jahr 2016 um 21 Minuten erhöht hat (ARD-ZDF-Onlinestudie 2017: 3).

23 „Die ARD-ZDF-Onlinestudie unterscheidet [...] private Communitys, deren Fokus auf dem Kontakt und Austausch auf privater, persönlicher Ebene liegt, und berufliche Communitys, deren Fokus darin besteht, sich auf dem Online-Arbeitsmarkt zu präsentieren und ein berufliches Netzwerk zu pflegen.“ (Busemann 2014: 32)

24 Eine solche Dynamik beschreibt auch Busemann (2014: 31) anhand eines Kommentars Angela Merkels in Zusammenhang mit der Überwachung und Auswertung digitaler Kommunikation durch den US-amerikanischen Auslandsgeheimdienst NSA. Merkel bezeichnete das Internet als Neuland, was eine Welle der Empörung nach sich zog. Interessant ist hierbei vor allem, dass das Thema im Internet bereits diskutiert wurde, bevor es unter dem Stichwort „#neuland“ von den „klassischen“ Medien aufgegriffen wurde.

25 Eine Erläuterung verschiedener Ausprägungen sozialer Medien findet sich bei Schmidt (2018: 12–15). Insbesondere identifiziert er Netzwerk- und Multimediaplattformen, Weblogs und Microblogs, sowie Instant-Messaging und Wikis.

26 Inwiefern eine Betrachtung als soziale Netzwerkstruktur nahe liegt, kann z.B. bei Ahlf (2013: 20–22) nachgelesen werden. Als wesentliche Grundannahmen werden hier (1) Interdependente Beziehungen unter den Akteuren, (2) die Verbindung über soziale Beziehungen zur Kommunikation von Information, (3) die Bedingtheit von sozialer Aktivität durch die Struktur der Beziehungen, sowie (4) die Abhängigkeit der Gestalt der Beziehungsstrukturen durch individuelle Orientierungen genannt.

27 Das reguläre Netzwerk entspricht einer Ringstruktur, bei der jedes Mitglied mit einer vorgegebenen Anzahl an Nachbarn verknüpft wird. Auch die Anzahl der Netzwerkmitglieder ist vorgegeben. Hierbei muss #NWM >> KN >> ln(#NWM) >> 1 gelten, wobei KN der Anzahl der Kanten entspricht und #NWM der Vorgabe für die Anzahl der Netzwerkmitglieder (vgl. Ahlf 2013: 33).

28 Dies bedeutet im Wesentlichen, dass wenige Knoten sehr stark, die meisten dagegen nur wenig vernetzt sind.

29 Der in diesem Zusammenhang wesentliche Unterschied zur Verteilung nach dem „power law“ scheint dabei die Eigenschaft der Symmetrie. Während beim Scale-Free Netzwerk die Clusterbildung auf einige wenige Knoten entfällt (somit also asymmetrisch verteilt ist), sind die Cluster im Small-World Netzwerk gleichmäßig verteilt. Damit sind die meisten Knoten eher durchschnittlich vernetzt und nur wenige sehr stark oder schwach (vgl. Ahlf 2013: 38).

30 Unter diesen „klassischen“ Funktionen versteht Schmidt (2018: 63) (1) die Bereitstellung von Informationen über die menschliche Umwelt, (2) das Setzen bestimmter Themen auf die Tagesordnung (Agenda-Setting), (3) die Einordnung dieser Informationen in übergeordnete Zusammenhänge (Framing) und dass sie (4) eine Vorstellung über das Meinungsklima in einer Gesellschaft vermitteln (Forumsfunktion). Ein ähnliches Verständnis der Funktionen von Medien wird in Kapitel 2.3.3. (Indirekte Medienwirkungen & Wahrnehmungsphänomene) noch einmal aufgegriffen werden.

31 Auch hier ist darauf hinzuweisen, dass derartige Phänomene nicht technisch determiniert sind. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel aus strukturellen Bedingungen und soziologischen sowie psychologischen Tendenzen einzelner Individuen, die hierbei ein Rolle spielen. Diskutiert werden daher unter anderem die Neigung, den Kontakt zu ähnlichen Personen herzustellen („Homophilie“), sowie die selektive Auswahl von Informationen, bei gleichzeitigem Hang zur Bestätigung der eigenen Meinung (vgl. Schmidt 2018: 67–68).

32 Schweiger (2017: 64–68) kritisiert, dass sich „soziale Medien kaum mehr vom Rest des Internets abgrenzen“ ließen, da die Kriterien der Nutzerbeteiligung durch „User-Generated Content“ und „sozial-interaktiver Kommunikation“ im Internet längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr darstellten. Er definiert daher „öffentliche Bürgerkommunikation (öBK)“ als „sämtliche öffentlichen Aussagen von Urhebern, die diese selbständig in ihrer Rolle als Bürger und nicht als Repräsentant einer Organisation artikulieren. Sie umfasst alle Themen, die das Gemeinweisen im weitesten Sinn betreffen und politische Maßnahmen erfordern können“ (Hervorhebungen im Original). Ein solch differenziertes Verständnis von Kommunikation im Internet ist nicht zwangsläufig mit der eher abstrakten Zielsetzung der vorliegenden Arbeit vereinbar und soll daher nicht ohne Weiteres übernommen werden. Wesentlich ist hier, dass unter öBK also der Austausch und damit die kommunikative Interaktion von Bürgern über „gesellschafts- und politikrelevante Themen“ verstanden wird und dass sie inzwischen als eine wichtige Informationsquelle neben klassischen Medien und persönlichem Umfeld dient. Diese Definition grenzt sich nicht vom Begriff der sozialen Medien ab, weshalb er im Folgenden weiterhin Verwendung finden wird. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass moderne (Massen-)Medien durchaus unterschiedliche Charakteristiken aufweisen und damit auch unterschiedlich auf ihre Rezipienten wirken (vgl. hierzu auch Schweiger 2017: 142).

33 So unterscheidet beispielsweise Schweiger (2017: 134, 142) zwischen „persönlichem Umfeld“, „öffentlicher Bürgerkommunikation online“, „alternativen Medien“ und „journalistischen Medien“.

34 Diese Annahme ist kritisch zu betrachten, da hierbei die Reichhaltigkeit von Face-to-Face-Kommunikation im Allgemeinen überbetont wird – in der Regel bei gleichzeitiger Vernachlässigung netzspezifischer Kompensationsmöglichkeiten (ein Beispiel hierfür ist die Theorie der „Kanalreduktion“, vgl. ausführlich Döring 2003: 149–154).

35 „So kann beispielsweise eine alte Frau als ein „alter Mensch“ oder als eine „Frau“ wahrgenommen werden.“ (Sommer 2017: 42. Dieses Beispiel dient der Illustration. Denkbar ist auch die weniger inklusive bzw. abstrakte Kategorisierung: nämlich als „alte Frau“.).

36 Wobei insbesondere Stereotype bevorzugt würden, die auf relativ viele Menschen zutreffen. „Geschlecht, Rasse bzw. Ethnie, Alter und soziale Klasse“ hätten daher einen Aktivierungsvorteil (Sommer 2017: 46).

37 Zu erwähnen ist hierbei, dass Kultivierungseffekte in der Regel nicht auftreten, wenn Individuen zur systematischen (bzw. „aufwändigen“) Verarbeitung von Informationen angehalten werden (vgl. Sommer 2017: 87).

38 Unter „expliziten Einstellungen“ verstehen Turner und Hewstone (2011: 323) die bewusste (und damit kontrollierbare) positive oder negative Haltung gegenüber einer Gruppe. Demgegenüber stehen „implizite Einstellungen“ als der Anteil an Vorurteilen, der z.B. durch Einflüsse sozialer Erwünschtheit verdeckt wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass Individuen ihre negativen Einstellungen zu einer Fremdgruppe insbesondere dann „unverholen zum Ausdruck bringen“ (Turner und Hewstone 2011: 326), wenn extrem negative implizite und explizite Einstellungen konvergieren, d.h. dass das entsprechende Verhalten als „gerechtfertigt“ erscheint.

39 Etwa, wenn die eigene Online-Repräsentation eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit impliziert. So formuliert Döring (2003: 276): „Wenn bei einer Person im Netz aufgrund des Nickname zunächst nur die Geschlechtszugehörigkeit ins Auge springt, ist eine Stereotypisierung wahrscheinlicher, als beim Face-to-Face-Eindruck, der auch andere Kategorien offensichtlich werden ließe.“

40 Es sollte jedoch zwischen unterschiedlichen Öffentlichkeiten unterschieden werden. Die Aussage bezieht sich auf „kurzfristige“ Begegnungen in „Encounter“-Öffentlichkeiten (vgl. Kapitel 2.3.4.1.).

64 von 64 Seiten

Details

Titel
Hate Speech im Internet
Untertitel
Ein Modellierungsansatz mit der Theorie der sozialen Identität
Hochschule
Universität Osnabrück  (Institut für Umweltsystemforschung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
64
Katalognummer
V920240
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hate Speech, Social Identity Approaches, Self-categorization, Stereotype, Discrimination, Social constructivism, Social Identity, Stereotyping, Salience, Social Networks, Social Media, Ingroup, Outgroup
Arbeit zitieren
Robin Ostrowski (Autor), 2018, Hate Speech im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920240

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