Das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit liegt darin, eine Tradition, bzw. ein Ritual, das im 21. Jahrhundert etwas antiquiert wirkt, zu untersuchen. Es soll überprüft werden, inwiefern das Debütieren und insbesondere das Debütieren auf dem Wiener Opernball ein (Initiations-)Ritual ist und welche Rolle während dieses Prozesses die Kleidung darstellt. Dafür soll als erstes ein historischer Blick auf die Entwicklung des Balls bis hin zum Opernball heute geworfen werden und welcher Tradition das Debütieren zugrunde liegt. Im zweiten Teil der Arbeit soll eine definitorische Annäherung an den Forschungsgegenstand gemacht werden. Begriffe wie der des Rituals werden vor allem anhand der Theorien von Arnold van Gennep und Victor Turner genauer eingegrenzt, sowie die Ritualhaftigkeit des Debütierens anhand der Forschung der amerikanischen Kulturwissenschaftlerin Karal Ann Marling aufgezeigt. Die Kleidung von DebütantInnen soll in ihrer Bedeutsamkeit untersucht werden, um Rückschlüsse auf den Zusammenhang mit dem Ritual ziehen zu können.
Als Exemplifizierung werden aktuelle Vorgaben, Regelungen und Richtlinien für die DebütantInnen herangezogen. Um zusätzlich einen tieferen Einblick in die Schwellenphase des Rituals zu erhalten, werden einige Beiträge der Bloggerin HappyFace untersucht, die vor allem die Jungdamen während der Vorbereitungen auf ihren Auftritt begleitet hat. In der Forschungsliteratur findet sich erstaunlich wenig über das Debütieren an sich. Abgesehen von der bereits benannten Marling, die jedoch das Debütieren in den USA erforscht hat, gibt es nur knappe Ausführungen im Zusammenhang zu höfischer Kultur. Die folgende Arbeit möchte also hiermit einen kleinen Beitrag zur europäischen bzw. österreichischen "Debütierforschung" leisten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historischer Einblick und Begriffsbestimmung des Balls und des Debütierens
3 Definitorische Annäherung Initiationsritual
3.1 Debütieren als Initiationsritual
3.2 Kleidung als Teil des Rituals
4 Wiener Opernball als Erhaltungsrahmen des Debütierens
4.1 Debütieren am Wiener Opernball als Initiationsritual
4.2 Reglementierung Kleiderordnung
4.3 Liminalität bzw. Schwellenphase der DebütantInnen
5 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Debütieren am Wiener Opernball als Initiationsritual im 21. Jahrhundert und analysiert dabei insbesondere die rituelle sowie identitätsstiftende Funktion der streng reglementierten Kleidung.
- Historische Entwicklung der Ballkultur und des Debütierens
- Theoretische Fundierung des Ritualbegriffs nach Arnold van Gennep und Victor Turner
- Analyse der Kleiderordnung als notwendiges Element zur Erzeugung von Communitas
- Untersuchung der Schwellenphase durch qualitative Betrachtung von Blog-Inhalten
- Kritische Reflexion über Tradition, Anachronismus und gesellschaftliche Transformation
Auszug aus dem Buch
3.2 Kleidung als Teil des Rituals
Zunächst soll erläutert werden, warum Kleidung eine so bedeutende Rolle für das Ritual spielt. Auffallend ist jedenfalls, dass oft bestimmte Kleidung zu bestimmten Ritualen getragen wird. Bekanntestes Beispiel dafür ist unter anderem das Brautkleid, ein Taufkleid oder Trauerkleidung. Dabei wird bereits deutlich, dass alle diese Kleidungsstücke zu einem Anlass getragen werden, der mit einem Übergang zu tun hat, wie zuvor benannt. Es gibt allerdings weitaus mehr, unter Umständen weniger gängige Situationen, die einen ritualisierten Dresscode erfordern, auch wenn sie eventuell nur einen Teilbereich der Gesellschaft betreffen.
Mode steht in einem engen Zusammenhang mit den rituellen Abläufen. Warum dies so ist, soll zunächst ein kurzer Abriss aus Gertrud Lehnerts Mode als kulturelle Praxis darlegen. Zunächst wird der Begriff Mode hier in Bezug auf Kleidung verwendet. Lehnert beschreibt Mode als eine Art kulturelles Zeichensystem, dabei können Aussagen über die Geschichte einer Kultur, Geschlechterbilder und Ästhetik gemacht und vor allem interpretiert werden. Wie viele kulturelle Phänomene kann auch der Mode eine gewisse Dynamik zugeschrieben werden, da die Menschen sie zwar entwerfen, aber umgekehrt Mode auch Menschen formt. In unserer Gesellschaft ist es völlig alltäglich, Kleidung zu tragen und dabei unsere individuelle Identität zum Ausdruck zu bringen. Interessant ist, dass Mode bei Lehnert als ein Prozess beschrieben wird, der sich „durch das Zusammenspiel von Kleidern, Körpern, Wahrnehmung und Bedeutungszuweisungen in Zeit und Raum konstituiert.“ Genau hier entsteht auch die Schnittstelle zwischen dem Initiationsritus innerhalb der Schwellenphase: Eine Eingrenzung in Zeit und Raum findet statt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung des Wiener Opernballs als traditionsreiches Ereignis ein und formuliert das Forschungsinteresse, das Debütieren als rituellen Prozess im 21. Jahrhundert zu analysieren.
2 Historischer Einblick und Begriffsbestimmung des Balls und des Debütierens: Dieses Kapitel zeichnet die kulturhistorische Entwicklung des Balls und des Debütierens von der Antike bis zur Etablierung des Wiener Opernballs nach.
3 Definitorische Annäherung Initiationsritual: Hier werden zentrale ritualtheoretische Begriffe nach van Gennep und Turner eingeführt und das Debütieren theoretisch als Übergangsritus verortet.
4 Wiener Opernball als Erhaltungsrahmen des Debütierens: Das Kapitel untersucht die praktischen Anforderungen, die strikten Kleiderordnungen und die Schwellenphase der DebütantInnen anhand konkreter Beispiele.
5 Schlusswort: Das Fazit resümiert das Debütieren als ein fortgeführtes, anachronistisches Ritual, das eine "Scheintradition" darstellt und primär der Selbstdarstellung dient.
Schlüsselwörter
Wiener Opernball, Debütieren, Initiationsritual, Schwellenphase, Kleiderordnung, Ritualtheorie, Communitas, Mode, Tradition, gesellschaftliche Rolle, Identität, Liminalität, Arnold van Gennep, Victor Turner, Anachronismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Debütieren am Wiener Opernball unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten als ein Übergangsritual, das sich durch strenge Traditionen und Kleidungsvorgaben auszeichnet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ritualtheorie, der historischen Entwicklung des Balls und der symbolischen Bedeutung von Kleidung innerhalb von sozialen Übergangsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu überprüfen, inwiefern das Debütieren am Wiener Opernball im 21. Jahrhundert noch als valides Initiationsritual fungiert und welche Rolle die rituelle Kleidung dabei spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kulturwissenschaftliche Analyse, die auf bestehender Ritualtheorie sowie auf einer qualitativen Untersuchung von Weblog-Beiträgen und offiziellen Vorgaben basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung (Ritual, Schwellenphase) und eine empirische Anwendung dieser Konzepte auf den Wiener Opernball inklusive der Reglementierung von Dresscodes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Opernball, Debütieren, Initiationsritual, Liminalität, Kleiderordnung und kulturelle Identitätsbildung.
Wie unterscheidet sich die "Schwellenphase" beim Debütieren vom Alltag?
Die Schwellenphase zeichnet sich durch eine bewusste Inszenierung aus, die den Teilnehmer aus seinem Alltag löst und ihn in eine rituell autorisierte Gemeinschaft (Communitas) innerhalb eines festgelegten Zeit- und Raumrahmens integriert.
Welche Rolle spielt die Kleidung für die "Communitas"?
Die strikte Reglementierung der Kleidung (weißes Kleid, Frack) eliminiert individuelle Unterschiede und erzwingt Uniformität, wodurch die DebütantInnen als geschlossene Einheit wahrgenommen werden.
Ist das Debütieren heute noch als "echtes" Initiationsritual zu verstehen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass es sich eher um ein "Scheindasein" bzw. eine fortgeführte Scheintradition handelt, da die ursprüngliche Funktion – die Heiratsermahnung – in der heutigen Gesellschaft nicht mehr notwendig ist.
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- Pauline Breitwieser (Author), 2020, Rituelle Aspekte des Debütierens. Betrachtung des Übergangsrituals unter dem Aspekt der Kleidung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920340