Migrationshintergrund und transkulturelle Identität in Jakon Arjounis Krimireihe. Privatdetektiv Kemal Kayankaya auf den Spuren seiner Zugehörigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historischer Hintergrund
2.1 Migration in Deutschland
2.2 Brennpunkt Frankfurter Bahnhofsviertel

3 Populärkulturelle Darstellung: Gattung der Kriminalliteratur
3.1 Tradition der Hardboiled-School und Identität
3.2 Autor Jakob Arjouni und Protagonist der Kayankaya-Reihe Kemal Kayankaya

4 Analyse und Darstellung der Migrationsthematik
4.1 ‚Happy Birthday, Türke!‘ (1985)
4.2 ‚Bruder Kemal‘ (2012)

5 Veränderung der Darstellung von Migration und Diversität in den Romanen

6. Fazit

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Frankfurt am Main ist eine pulsierende Stadt in Hessen, sie liefert Schlagzeilen wie „Jeder Zweite hat Migrationshintergrund“1 gefolgt vom inoffiziellen Titel der Stadt als „Hauptstadt des Verbrechens“2. Verwunderlich scheint es kaum, dass darauf Verunsicherung in der Bevölkerung entsteht bis hin zu einer diffusen Angst. Dabei ist die Kriminalität im Jahr 2018 so niedrig, wie seit 1980 nicht mehr. Als besonders gefährlich gilt das legendäre Frankfurter Bahnhofsviertel rundum den Frankfurter Hauptbahnhof. Die größte Angst der Deutschen gilt dabei Terroranschlägen, Extremismus und Zuwanderung. Rassismus und eine ablehnende Haltung gegenüber Muslimen sind die Folge. Unterschieden wird dabei selten zwischen EinwanderInnen, Deutschen mit Migrationshintergrund oder Geflüchteten. Viele wünschen sich mehr Sicherheit was eine höhere Polizeipräsenz oder Videoüberwachung an öffentlichen Orten zur Folge hat. Trotzdem ist das Bahnhofsviertel ein Raum, in dem andere Regeln gelten. Junkies werden geduldet, Prostitution und Gewalt gehören zum Alltag.3 Populärkulturell wird diese Thematik vielfach, der Rapper Haftbefehl schreibt seine Frankfurt-Hymne ‚069‘, was die Vorwahl von Frankfurt und Offenbach am Main ist. Dabei spricht er mit dem Songtext direkt eine bestimmte Zielgruppe an: „Das ist für die Azzlacks, für die Straßenninjas, für die mit den Skimasken auf den Motorrad Ninjas (…) hier knallen Pistolen, während ihr rappt (…) ich bin der Zuhälter, Deutscher Rap ist mein Bordell“4 gefolgt von der Hookline „Welcome to 06-06-9, cho, 06-06-9, 06-06-9, cho, 06-06-9“5. Filmen lässt er sich dabei im dazugehörigen Musikvideo im Frankfurter Bahnhofsviertel in einer Rotlichtmeile. Gezeigt werden Junkies, die Drogen konsumieren, Szenen aus einer Stripclub, gewalttätigen Auseinandersetzungen, Drogenhandel, eine Polizeiweste wird verbrannt um nur einige prägnante Inhalte zu nennen.6 Das Geschäftsmodell von Rapper Haftbefehl (bürgerlich Aykut Anhan) fußt auf den Klischees des Bahnhofsviertels und Frankfurts harter Szene.7

Dem Stadtteil wohnt eine Anziehungskraft inne, die popkulturell mehrfach aufgegriffen wurde. Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gemacht, anhand der Krimi-Reihe von Jakob Arjouni um den Privatdetektiv Kemal Kayankaya, herauszuarbeiten inwiefern Identitätsbildung und Zugehörigkeitszuschreibung bei Personen mit Migrationshintergrund in einem ominösen Kontext wie dem Frankfurter Bahnhofsviertel dargestellt werden. Dabei soll zunächst die historische Perspektive der Migration nach in Deutschland bzw. Frankfurt nach 1945 beleuchtet werden. Anschließend folgt eine kritische Charakterisierung des Stadtteils Bahnhofsviertel, um die Arbeit mit dem Primärtext zu untermauern. Die Gattung des Kriminalromans (und der ‚Hardboiled-School‘) stellt die Voraussetzung dar und gibt dem Protagonisten dabei seine primären Persönlichkeitseigenschaften. Für die Darstellung in der Entwicklung Kemal Kayankayas und seine Zugehörigkeit bzw. Identiät wurden der erste und der letzte Band der Reihe gewählt. Anhand von Textbeispielen soll die Problematik des Einzelgängers, aufgrund seines Migrationshintergrundes charakterisiert werden. Für den Gesamtkontext liegt eine kurze inhaltliche Zusammenfassung der ganzen Reihe vor. Dabei geht es vordergründig um „Lebenslinien, die sich kreuzen und von kulturellen Barrieren und Vorurteilen, mit denen sich Privatdetektiv Kemal Kayankaya täglich auseinandersetzen muss“8.

Eine Aussage in Bezug auf die Entwicklung der Kriminalität kann bei der nachfolgenden Fragestellung nicht berücksichtigt werden, da nur schwer Daten für die zu vergleichenden Orte und Zeiträume gefunden werden konnten und dies im Umfang der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden kann. Außerdem muss beachtet werden, dass die polizeilichen Kriminalstatistiken niemals der Realität entsprechen sondern nur eine mehr oder weniger starke Annäherung darstellen.9 Die Bearbeitung einer Fragestellung in Bezug auf Kriminalität und Migration und deren gemeinsame Darstellung in der Populärkultur wären ein durchaus interessantes Thema für eine eigenständige Fragestellung.

2 Historischer Hintergrund

Für die Analyse und den Vergleich der beiden ausgewählten Romane ‚Happy Birthday, Türke!‘ und ‚Bruder Kemal‘ soll zunächst kurz betrachtet werden, welche Bedeutung der Begriff Migration für Deutschland hat, welche Rolle die Kriminalität spielt und ob ihr hinsichtlich der Entwicklung zwischen den 1980er bis zu den 2010er Jahren dabei eine gewisse Relevanz im Kontext zugeschrieben werden kann. Bei dieser deduktiven Betrachtungsweise soll darauffolgend untersucht werden, ob sich Frankfurt bzw. das Frankfurter Bahnhofsviertel im Speziellen anderweitig abhebt.

2.1 Migration in Deutschland

Die für das heutige Deutschland und die vorliegende Arbeit relevante Migrationsgeschichte beginnt in der Literatur mit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungs-, Arbeits- und Konzentrationslager wurden durch die Alliierten und Hilfsorganisationen in Obhut genommen, sollten jedoch möglichst zeitnah wieder in ihre Heimatländer zurückgeführt werden. Die Bereitschaft zur Rückkehr war allerdings eher gering aufgrund der kommunistischen Regimes in Ostmittel- und Südosteuropa. Die zu dieser Zeit gegründete „Internationale Refugee Organization“ versuchte daher andere Perspektiven wie Abwanderungsprogramme in die USA, Australien oder Kanada zu schaffen.10 Vermehrte Migrationsprozesse folgten ab den 1950er Jahren, bedingt vor allem durch die Grenzpolitik der sozialistischen Staaten und die Teilung Deutschlands in BRD und DDR. Weiteres Zuwanderungswachstum folgte in den 1980er Jahren aufgrund des Zusammenbruchs des Staatssozialismus und der Aufhebung der Reisebeschränkung.11 Es folgte die Welle der Gastarbeiter, da im Zuge des Wirtschaftswunders eine Vielzahl an Arbeitsplätzen geschaffen und Arbeitskräfte benötigt wurden. So kam es zu Anwerbeverträgen mit Italien, der Türkei, Spanien Griechenland und Jugoslawien.12 Mit der darauffolgenden Wirtschaftskrise stoppte der Zuzug und viele Gastarbeiter entschieden sich - statt einer endgültigen Rückkehr in ihr Heimatland - für einen Familiennachzug.13 Es gilt jedoch, dass die Einwanderungsgesellschaft ein selbstständiger Sozial- und Kulturprozess ist und somit eine von Steven Vertovec als gesellschaftliche ‚Super-Diversity‘ bezeichnete, bildet.14

Die Heterogenität an Gründen für Migration fordert also einen Definitionsversuch dafür, welchen Personen ein Migrationshintergrund zugewiesen wird. Weitgefasst sind dies alle

„Ausländerinnen und Ausländer (auch soweit sie in Deutschland geboren sind); im Ausland geborene und zugewanderte Personen seit dem 1.01.1950; Eingebürgerte; alle in Deutschland als Deutsche Geborenen, bei denen mindestens ein Elternteil in eine der vorstehend genannten Kategorien fällt.“15

So teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) im August 2019 mit, dass jede vierte Person in Deutschland 2018 einen Migrationshintergrund und davon über die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.16 Dennoch (oder gerade wegen des hohen Anteils an MitbürgerInnen mit Migrationshintergrund) wird diesen Menschen eine Reihe von Vorurteilen zugeschrieben, was zur Ausgrenzung, Alltagsrassismus und Kulturangst führt. In einem Einwanderungsland wie Deutschland, welches eine Einwanderungsgesellschaft hat, sollte für alle Mitglieder gleiche Teilhabe an verschiedensten Lebensbereichen gesichert sein.17

2.2 Brennpunkt Frankfurter Bahnhofsviertel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Frankfurt Bahnhofsviertel heute18

Wie der Name schon verrät, befindet sich das Frankfurter Bahnhofsviertel (gehörend zum Stadtteil Gallus) um den Hauptbahnhof Frankfurt am Main. Auf einer Fläche von 52,5 Hektar leben rund 4000 Einwohner.19 Die Hotspots sind vor allem die Münchener Straße, Kaiserstraße, Taunusstraße und die Niddastraße (siehe Abb. 1). Das Frankfurter Bahnhofsviertel „[ist in] der externen Wahrnehmung oft: das sagenumwobene Hauptquartier der lokalen Krimi-, Sex- und Drogenszene.“20 Dieser Ruf folgt bereits einer langen Geschichte: In der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges war dieser Ort bereits während des Wiederaufbaus ein Anlaufpunkt für viele heimatlose Menschen. Sowohl Flüchtlinge, aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Soldaten, ehemalige Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge begannen sich hier ein improvisiertes Leben aufzubauen. An Geld mangelte es allen und so entwickelte sich ein Schwarzmarkt, Frauen prostituierten sich und Männer begangen Diebstahl um über die Runden zu kommen. Gewalttaten und Überfälle standen an der Tagesordnung und die deutsche Polizei war auf die Hilfe der amerikanischen Militärpolizei angewiesen. Gerade amerikanische Soldaten waren gute Kunden der Drogen- und Prositutionsangebote und schreckten vor Gewalt nicht zurück. Auch organisierte Kriminalität durch arabischstämmige Männer in Form von Drogenhandel nahm hier ihren Anfang.21 Es entwickelten sich enorme Kontraste: auf der einen Seite die verruchte Seite des Viertels, Anlaufstelle für jeden, der in irgendeiner Form seinen Spaß haben wollte, und auf der anderen Seite das Bürgertum, welches sich einen soliden Lebensstandard aufbaute. So wurde in den 50er Jahren schon die damalige Rhein-Main-Bank (später Dresdner Bank) in Form eines Hochhauses errichtet.22 In den darauffolgenden Jahren blieben mehrere Konzepte und Ansätze, das Bahnhofsviertel in seinem Ruf aufzupolieren erfolglos. Ab den 70er Jahren etablierten sich diverse Bordelle und stellten sich bei Investoren als äußerst ertragreich im Vergleich zu konventionellen Mietshäusern heraus. In heruntergekommenen, sanierungsbedürftigen Häusern lebten ab diesem Zeitpunkt zu einem Großteil illegale Einwanderer Gastarbeiter, da diese geringere Ansprüche an ihre Unterkunft hatten. Das Bild des Viertels änderte sich wesentlich. Es entstand ein internationales Zusammenleben aus neuen Geschäften, Kneipen und auch Gebetshäusern, also jene Vielfalt, die man im Bahnhofsviertel heute noch findet.23

Neben dem lebhaften Rotlichtmilieu ist die Drogenszene aus dem Stadtteil nicht weg zu denken. Mitte der 60er Jahre begann es mit „Hippies, Freaks, Spontis und Ausgeflippte, man diskutierte über Politik, spielte Politik und kiffte“24, vielmehr hatte es den Charakter einer Protestbewegung. Dabei blieb es nicht, Hasch wurde günstig aus der Türkei importiert und bald wurde auch mit LSD und Heroin gedealt. Vor allem Heroinabhängigkeit war bald keine Seltenheit mehr und die ersten Drogentoten folgten. Viele Jugendliche aus problematischen sozialen Verhältnissen fanden in den harten Drogen einen Ausweg. Die ‚Junkie-Szene‘ vergrößerte sich schnell, gewalttätige Konflikte häuften sich. Den Bahnhof und seine Umgebung als äußerst günstigen Standpunkt übernahmen sukzessive organisierte internationale Händlerringe aus dem Ausland (meist Israelis, Araber, Italiener, Jugoslawen) das Geschäft. Alsbald stellte sich die Verknüpfung von Drogen- und Prostitutionsgeschäft als lukrativ heraus, junge Mädchen wurden angefixt und somit körperlich als auch finanziell abhängig und somit gefügig gemacht.25 Heute sieht es so aus, dass geschätzt zwischen 300 und 500 ‚Junkies‘ ihren Lebensmittelpunkt im Bahnhofsviertel haben.26

In den letzten Jahren findet ein erneuter Wandel statt:

„Wer durch die Straßen läuft, sieht Frauen mit Kopftuch, Männer mit Turban, tätowierte Hipster mit bunter Mütze, trifft auf Anzugträger und Damen im feinen Kostüm aus den nahen Bankentürmen, auf Prostituierte, Bettler und Junkies. Man hört ein Sprachengewirr, in dem Deutsch nur eine von vielen Sprachen ist, begegnet Chinesen und Japanern, Afghanen, Indern und Rumänen. Einwohner aus fast 100 Ländern sind in dem Stadtteil registriert. Bei knapp 60 Prozent liegt der Ausländeranteil.“27

Durch diverse Förderprogramme und Initiativen wurde versucht den Stadtteil aufzuwerten und für eine breitere Masse attraktiver zu gestalten. Beispiele dafür sind der Bahnhofsviertelchor, der Gewerbeverein, die Werkstatt (offene Diskussionsplattform für Bürger, die die Interessen des Viertels in der Öffentlichkeit vertreten möchten) oder das Stadtteilbüro Rote Treppe, das es sich zur Aufgabe gemacht hat die Zukunft des Bahnhofsviertels gestalten. Unteranderem gibt es das OSSIP (Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention, Prävention), bei dem Drogenhilfe und Polizei zusammenarbeiten. Um Menschen anzulocken und um jenen die Angst oder das Unbehagen dem Stadtteil gegenüber zu nehmen, wird seit 2008 jährlich die Bahnhofsviertelnacht veranstaltet.28 Als ‚Szeneviertel‘ haben sich mittlerweile stylische Bars und Clubs, sowie schicke Restaurants neben den Trinkhallen, dem Druckraum für die Junkies und Bordellen angesiedelt.29

3 Populärkulturelle Darstellung: Gattung der Kriminalliteratur

Um im Folgenden auf die Strömung der ‚Hardboiled-School‘ und den ‚Anti-Detektivroman‘ eingehen zu können, muss zunächst eine Abgrenzung erfolgen. Die Literaturwissenschaft teilt die gemeinhin Kriminalliteratur in zwei Stränge: den Thriller (engl. Schauerroman) und den Detektivroman bzw. –erzählung, die dennoch Gemeinsamkeiten aufweisen können.30 Der klassische Detektivroman soll für die Arbeit etwas genauer kategorisiert werden. Hierbei steht nicht das Verbrechen, sondern die Ermittlungen und die Aufklärung durch den Detektiv im Vordergrund. Vereint werden hier ‚mystery‘ also das ungeklärte Verbrechen und ‚analysis‘ als Fähigkeit der analytischen Ermittlungskompetenz.31 Alles was zu Beginn ein Rätsel (mystery) darstellt, wird am Ende logisch erklärt und aufgelöst (analysis) (oftmals durch Zuhilfenahme der Wissenschaften).32 Edgar Allen Poe legte hierfür 1841 mit seiner Erzählung ‚The Murders in the Rue Morgue‘ und dem ermittelnden Detektiv Dupin den Grundstein eines Genres.33 Der international bekannteste Detektiv damals wie heute ist jedoch Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle, der mehrfach adaptiert wurde. Gerade die Abgeschlossenheit, man könnte auch sagen Berechenbarkeit der Fälle gilt als Manko, da der Story oftmals ein zu naives und simples Weltbild zugrunde liegt.34

3.1 Tradition der Hardboiled-School und Identität

Die ‚Hardboiled-School‘ verkörpert das Gegenmodell zum klassischen Detektivroman und entstand in den 1920er Jahren. Dashiell Hammett und Raymond Chandler gaben dem Genre durch ihre Werke seine wesentlichen Merkmale:

„Als Hauptfigur ein Privatdetektiv; ein Klient oder eine Klientin, dem/r der Detektiv von Anfang an misstraut; eine städtische Umgebung als Schauplatz; ein korrupter Polizeiapparat, dessen Vertreter mit den Gangstern unter einer Decke stecken; eine femme fatale, die den Detektiv durch ihre erotische Ausstrahlung in Gefahr bringt; eine scheinbar neutrale Erzählinstanz; und der Gebrauch einer als realistisch verstandenen Alltagssprache“..35

Typischerweise weicht die ‚analysis‘ zu einem Teil einer actionreicheren Ermittlungsweise. Der Privatdetektiv ist eine verletzliche Person – im Vergleich zu den perfekten Ermittlern der klassischen Detektivromane – und wird auch dadurch und vor allem durch Erlebnisse im urbanen Umfeld und einer pessimistischen Gesellschaft zu der abgebrühten Person. Er kämpft im Laufe seiner Ermittlungen öfters um sein Leben und bewegt sich außerhalb bürgerlicher Gesetze und Gepflogenheiten. Die Herstellung der Gerechtigkeit innerhalb seiner Moral- und Wertvorstellungen durch die Aufklärung des Falls bleibt oft erfolglos. Eine solche Darstellung erweckt beim Leser ein realitätsnäheres Gefühl und birgt oft eine Form von Sozialkritik.36 Im sogenannten Anti-Detektivroman der Postmoderne spielt die Konstruktion der Identität eine grundlegende Rolle. Der (Anti-)Detektiv befindet sich in einer kontinuierlichen Phase seiner Identitätsbildung. Das Ziel dabei ist jedoch nicht eine kohärente Einheit, sondern das Zusammenfügen einzelner Fragmente im Zuge der Bearbeitung seiner Fälle37, die Suche nach der Lösung ist gleichzeitig eine Form der Selbstsuche. Orientierungsverlust und Scheitern skizzieren auf zweifacher Ebene die Krise der jeweiligen Zeit.38

Jakob Arjouni stellt seine Kayankaya-Reihe damit in eine deutsche Tradition kriminalistischen Erzählens, indem er den Plot um seinen deutsch-türkischen Privatdetektiv im kriminell geprägten Bahnhofsviertel der Großstadt Frankfurt am Main zentriert und sogleich während der Bearbeitung seiner Fälle auf die Reise nach der Suche seiner Identität schickt.

3.2 Autor Jakob Arjouni und Protagonist der Kayankaya-Reihe Kemal Kayankaya

Der Autor Jakob Arjouni (geb. Bothe) wurde 1964 in Frankfurt am Main geboren und verstarb im Alter von 48 an Krebs in Berlin. Er veröffentlichte im Laufe seines Lebens sowohl Romane, Theaterstücke und Erzählungen. Er erhielt unter anderem den deutschen Krimi Preis für ‚Ein Mann, ein Mord‘ im Jahr 1992. Sein Werk wurde in 23 Sprachen übersetzt.39 Sein Leben verbrachte er in Südfrankreich und Berlin, studierte ohne Abschluss Literatur und Schauspiel, nebenher schrieb er Krimis. Mit 22 Jahren veröffentlichte er ‚Happy Birthday, Türke!‘.40 Er erklärte sich in einem Interview im Jahr 2003 folgendermaßen, wie und warum es zu dem Gerücht kam, er sei Türke:

Als ich zu schreiben begann, waren es zunächst Theater-Stücke. Da meine beiden Eltern im Theaterbereich tätig waren, wollte ich da als no name nur mit meinen Texten reinkommen. Theater ist ja noch puffiger als der Literaturbetrieb, noch enger, kleiner, hinterrückser und korrupter. Das war der einzige Grund, weshalb ich mir einen anderen Namen gab. Und da ich damals mit einer Frau verheiratet war, die Arjouni hieß, hab’ ich ihren Namen genommen. Der gefiel mir. Mit neunzehn kannte ich den Betrieb noch viel zu wenig und war ziemlich überrascht, als das Gerücht aufkam, ich wäre Türke.41

[...]


1 o. A.: Jeder Zweite hat Migrationshintergrund. (01.06.2015), <https://www.fr.de/frankfurt/jeder-zweite-migrationshintergrund-11174044.html> (09.09.2019).

2 o. A.: Aktuelle Kriminalstatistik. Frankfurt am Main bleibt Verbrecher-Hochburg (12.05.2013), <https://www.focus.de/panorama/welt/aktuelle-kriminalstatistik-2012-frankfurt-am-main-bleibt-hauptstadt-des-verbrechens_aid_987092.html> (08.09.2019).

3 o. A.: Kriminalität in Frankfurt. Frankfurts Orte einer diffusen Angst (30.08.2019), <https://www.fr.de/rhein-main/blaulicht-sti879542/frankfurts-orte-einer-diffusen-angst-10962200.html> (08.09.2019).

4 o. A.: 069 Lyrics (o. J.), <https://genius.com/Haftbefehl-069-lyrics> (10.09.2019). Siehe auch Anhang Lyrics zu 069.

5 Ebd. o. S.

6 Universal URBAN: Haftbefehl – 069 (Prod. By BAZZAZIAN) (07.01.2016), <https://www.youtube.com/watch?v=rNhfieU2Xt8> (09.09.2019).

7 Ebbing, Sven: Rapper Haftbefehl. „Vercheck das Kokain“ (13.01.2016), <https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/rapper-haftbefehl-zu-den-razzien-in-frankfurt-14007401.html> (09.09.2019).

8 Cosmo, Claudia: Kismet. (02.07.2001), <https://www.deutschlandfunk.de/kismet.700.de.html?dram:article_id=80201> (10.09.2019).

9 Bundeskriminalamt: Dunkelfeldforschung, <https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/ViktimisierungssurveyDunkelfeldforschung/viktimisierungssurveyDunkelfeldforschung_node.html;jsessionid=34017EB3616545265A743E9E93842C32.live2301> (13.09.2019).

10 Oltmer, Jochen: Zuwanderung und Integration seit dem Zweiten Weltkrieg. In: Gesemann, Frank/ Roth, Roland (Hrsg.): Lokale Integrationspolitik in der Einwanderungsgesellschaft. Migration und Integration als Herausforderung von Kommunen. Wiesbaden 2009, S. 151 – 169., S. 151 – 152.

11 Mecheril, Paul/ Castro Varela, Mario do Mar/ Dirim, Inci et al: Migrationspädagogik. Weinheim und Basel 2010, S. 26 – 27.

12 Oltmer, 2010, S. 157.

13 Ebd. S. 159.

14 Vertovec, Steven: Super-Diversity and its Implications. In: Ethnic and Racial Studies 30 (6), 2007 (= New Directions in the Anthropology of Migration and Multiculturalism). S. 1024 – 1054. Zitiert nacht: Bade, Klaus, J.: Prolog. Kulturvielfalt, Kulturangst und Negative Integration in der Einwanderungsgesellschaft. In: Kazzazi, Kerstin/Treiber, Angela/Wätzold, Tim (Hrsg.): Migration – Religion – Identität. Aspekte transkultureller Prozesse. Wiesbaden 2016, S. 3.

15 Marschke, Britta/ Brinkmann, Heinz Ulrich (Hrsg.): Handbuch Migrationsarbeit. Wiesbaden 2014, S. 12 -13.

16 Statistisches Bundesamt (Destatis): Jede vierte Person in Deutschland hatte im Jahr 2018 einen Migrationshintergrund. Pressemitteilung Nr. 314 vom 21. August 2019, <https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2019/08/PD19_314_12511.html> (11.09.2019).

17 Bade, Klaus, J.: Prolog. Kulturvielfalt, Kulturangst und Negative Integration in der Einwanderungsgesellschaft. In: Kazzazi, Kerstin/Treiber, Angela/Wätzold, Tim (Hrsg.): Migration – Religion – Identität. Aspekte transkultureller Prozesse. Wiesbaden 2016, S. 4 – 5.

18 Benkel, Thorsten (Hrsg.): Das Frankfurter Bahnhofsviertel. Devianz im öffentlichen Raum. Wiesbaden 2010, S. 12.

19 Stadt Frankfurt am Main: Bahnhofsviertel, <https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2835&_ffmpar[_id_inhalt]=12687> (13.09.2019).

20 Benkel, Thorsten: Vorwort. Das Bahnhofsviertel der Gesellschaft. In: Benkel, Thorsten (Hrsg.): Das Frankfurter Bahnhofsviertel. Devianz im öffentlichen Raum. Wiesbaden 2010, S. 8.

21 Janke, Klaus: Eine Welt der Kontraste. Das Leben im Viertel 1945 bis heute. In: Janke, Klaus/Häfner, Markus: Banker, Bordelle & Bohème. Die Geschichte des Frankfurter Bahnhofsviertels. Frankfurt am Main 2018, S. 81 – 83.

22 Ebd. S, 86.

23 Ebd. S. 93 – 95.

24 Ebd. S. 179.

25 Janke, 2018, 180 – 181.

26 Bernard, Christiane/Werse, Bernd/Müller, Oliver: Zur Lebenswelt der offenen Drogenszene im Frankfurter Bahnhofsviertel. In: Benkel, Thorsten (Hrsg.): Das Frankfurter Bahnhofsviertel. Devianz im öffentlichen Raum. Wiesbaden 2010, S. 125.

27 Hauptmeier, Carsten: Frankfurt-Bahnhofsviertel. Ein Viertel von Welt. (20.09.2016), <https://www.zeit.de/entdecken/reisen/merian/frankfurt-bahnhofsviertel-hipster-multi-kulti/komplettansicht> (13.09.2019).

28 Chronik des Frankfurter Bahnhofsviertels (31.08.2019), <https://frankfurt-bahnhofsviertel.de/chronik> (13.09.2019).

29 Hauptmeier, Carsten: Frankfurt-Bahnhofsviertel. Ein Viertel von Welt. (20.09.2016), <https://www.zeit.de/entdecken/reisen/merian/frankfurt-bahnhofsviertel-hipster-multi-kulti/komplettansicht> (13.09.2019).

30 Nusser, Peter: Der Kriminalroman. Stuttgart 2009, S. 2.

31 Genç, Metin: Gattungsreflexion/Schemaliteratur. In: Düwell, Susanne/Bartl, Andrea/Hamann, Christof et al (Hrsg.): Handbuch Kriminalliteratur. Theorien – Geschichte – Medien. Stuttgart 2018, S. 4

32 Schmidt, Mirko F.: Der Anti-Detektivroman. Zwischen Identität und Erkenntnis. Paderborn 2014, S. 20 – 22.

33 Schmidt, 2014, S. 19.

34 Ebd. S. 23 – 24.

35 Kniesche, Thomas: Einführung in den Kriminalroman. Darmstadt 2015, S. 68.

36 Schmidt, 2014, S. 31 – 32.

37 Schmidt, 2014, S. 260 – 261.

38 Ebd. S. 267 – 268.

39 o. A.: Jakob Arjouni. (o. J.), <https://www.diogenes.ch/leser/autoren/a/jakob-arjouni.html> (12.09.2019).

40 Förster, Jochen: Mach mal langsam. (03.05.2003), < https://www.welt.de/print-welt/article691769/Mach-mal-langsam.html> (12.09.2019).

41 Kammann, Petra: Kayankaya ermittelt wieder in Jakob Arjounis neuem Roman »Kismet«. (o. J.), <https://web.archive.org/web/20070405163950/http://www.buchjournal.de/sixcms/detail.php?id=40073> (12.09.2019).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Migrationshintergrund und transkulturelle Identität in Jakon Arjounis Krimireihe. Privatdetektiv Kemal Kayankaya auf den Spuren seiner Zugehörigkeit
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V920346
ISBN (eBook)
9783346247056
ISBN (Buch)
9783346247063
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migrationshintergrund, identität, jakon, arjounis, krimireihe, privatdetektiv, kemal, kayankaya, spuren, zugehörigkeit
Arbeit zitieren
Pauline Breitwieser (Autor), 2019, Migrationshintergrund und transkulturelle Identität in Jakon Arjounis Krimireihe. Privatdetektiv Kemal Kayankaya auf den Spuren seiner Zugehörigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920346

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