Vergleich von Wolfram von Eschenbachs "Sîne klâwen" und "Den morgenblic". Rolle und Darstellung des Tages


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

27 Seiten, Note: 13 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 ,Sine klâwen‘
2.1.1 Übersetzung
2.1.2 Formale Analyse
2.1.3 Handlungsablauf
2.1.4 Interpretation des Tages im Tagelied ,Sîne klâwen‘
2.1.5 Vergleich zwischen Tag und Nacht
2.2 ,Den morgenblic‘
2.2.1 Übersetzung
2.2.2 Formale Aspekte
2.2.3 Handlungsbeschreibung
2.2.4 Der Tag im Tagelied ,Den morgenblic‘ - Interpretation
2.3 Vergleich der beiden Tagelieder ,Sine klâwen‘ und ,Den morgenblic‘ in Bezug auf den Tagesanbruch

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1 Wolfram von Eschenbach: ,,Sîne klâwen‘‘ – Originalversion
6.2 Wolfram von Eschenbach: ,,Den morgenblic‘‘ – Originalversion

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit mit dem Untersuchungsinteresse des Tages in Wolframs Tageliedern ,Sîne klâwen‘ sowie ,Den morgenblic‘ möchte ich zuerst etwas zu Tageliedern generell erwähnen, um den Schwerpunkt bzw. das Thema von Tageliedern näherzubringen. Im Hauptteil werde ich zu beiden Tageliedern eine selbstverfasste Übersetzung sowie jeweils formale Analysen und Handlungsabläufe aufschreiben, um die Tagelieder besser nachvollziehen sowie verstehen zu können. Daraufhin werde ich die Tagelieder in meiner Analyse der Elemente in ihren Einzelheiten nennen, um ein gewisses Gespür beim Lesen wecken zu können. Explizit in ,Sîne klâwen‘ werde ich allerdings hinzufügend den Tag sowie die Nacht miteinander vergleichen. Letztlich werde ich beide Tagelieder miteinander vergleichen und somit zu meinem Schlussteil einleiten, um auf das erwünschte Ergebnis, nämlich der monströsen Darstellung des Tages zu kommen.1

Die Gattung des Tagelieds kann als Weckruf beschrieben werden. ,,Tagelieder besingen den Trennungsschmerz der Liebenden beim Anbruch des Tages‘‘2, weshalb ich den Tagesanbruch für das Thema meiner Hausarbeit gewählt habe, da Wolfram von Eschenbach den Tag in seinen Tageliedern nicht so beschreibt, wie er wahrgenommen werden sollte. Das Liebespaar wird im Tagelied erwähnt, sei es, während es beisammen ist oder weil sie sich aneinander erinnern und dabei Schmerzen erleiden. Das Geschehen spielt sich meistens in einer Burg oder gar im Zimmer der Dame ab.3 Hinzu kommt eine dritte Person, nämlich der Wächter, welcher den Tagesanbruch mithilfe seines Morgenrufs verkündet. Der Wächter kann in Form eines Menschen, aber auch in Form eines singenden Vogels, den Morgenstrahlen oder Ähnliches vorkommen.

Wolfram hat insgesamt neun Lieder überliefert, von denen die meisten Tagelieder sind4. Vier von fünf dieser Tagelieder Wolframs weisen auf einen identischen Handlungsablauf hin5: ,,Morgenanbruch, Weckruf, Trennungsklage, letzte Vereinigung der Liebenden und Abschied‘‘6, welche auch in den Tageliedern ,Sîne klâwen‘ und ,Den morgenblic‘ so sind. Das Tagelied ,,Sîne klâwen‘‘ von Wolfram von Eschenbach ist sein bekanntestes Tagelied, welches eine erotische Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau, welches ein typisches Tageliedelement ist, thematisiert. Auch in diesem Tagelied existiert, wie in der Gattung üblich, keine Freude ohne Leid, weil vor allem die Trauer sowie der Kummer der liebenden Frau zum Vorschein kommen.

Der Fokus des Tagelieds liegt somit nicht auf der schönen gemeinsam verbrachten Nacht des Liebespaares, sondern auf dem Abschied7, weil der nächste Tag anbricht und sich das Liebespaar deshalb verabschieden muss. Aber auch im Tagelied ,,Den morgenblic‘‘ muss sich das Liebespaar aufgrund des sehr frühen Weckrufs verabschieden. In beiden Tageliedern wird der Tag sehr boshaft dargestellt, jedoch auf verschiedene Weisen und mit unterschiedlichen Vorgehensweisen, um dem Tag entgegenzuwirken.

2. Hauptteil

2.1 ,Sine klâwen‘

2.1.1 Übersetzung

1 Seine Klauen

durch die Wolken sind geschlagen. Er steigt herauf mit großer Kraft.

Ich sehe ihn grauen, täglich, wenn er anbrechen will:

den Tag, der ihm, den edlen Mann, das Zusammensein mit der Geliebten

beenden will,

den ich voll Sorge hereinließ.

Ich bringe ihn weg, wenn ich es kann.

Seine große Tugendhaftigkeit hat mich dazu verpflichtet.

2 Wächter, du singst etwas,

das mir viel Freude nimmt

und meine Klage vermehrt.

Nachrichten bringst du mir,

die mir leider nicht gefallen,

immer morgens, wenn der Tag anbricht.

Die sollst du mir gänzlich verschweigen.

Das gebiete ich dir bei deiner Treue.

Dafür belohne ich dich, wie ich es kann.

So bleibt mein Geliebter hier.

3 Er muss wirklich hinfort,

schnell und ohne zu zögern.

Nun gib ihn frei, süße Dame.

Lass ihn dich später so heimlich lieben,

dass er seine Ehre und sein Leib behalten kann.

Er gab sich meiner Treue hin,

dass ich ihn auch wieder fort brächte.

Es ist nun Tag. Nacht war es, als

du ihn mir mit einer Umarmung und einem Kuss abgewonnen hast.

4 Was auch immer dir gefällt,

Wächter, das singe, aber

lass den (Geliebten) hier,

der mir Liebe brachte und Liebe empfing.

Von deinem Geschall (Lärm) sind er und ich immer erschrocken,

Wenn noch nicht der Morgenstern aufging

über ihm, der hergekommen ist wegen der Liebe

und das Licht des Tages noch nicht leuchtete.

Du hast ihn mir aus den Armen genommen,

aber nicht aus dem Herzen.

5 Von den Blicken/ Strahlen,

die der Tag durch das Fenster warf,

und der Wächter seine Warnung sang,

erschrak sie

um den, der bei ihr war.

Ihre Brüstlein drückte sie an seine Brust.

Der Ritter verspürte noch einmal Leidenschaft, davon

wollte ihn der Gesang des Wächters abbringen (= mit seinem Lied).

Der Abschied war nah und immer näher,

mit einem Kuss und anderem erfüllte sich ihre Liebe.

2.1.2 Formale Analyse

Das Tagelied ,, Sîne klâwen ‘‘ Wolframs von Eschenbach, das im 13. Jahrhundert überliefert wurde, handelt von einem Liebespaar, das die Nacht zusammen verbracht hat und sich verabschieden muss, sobald der nächste Tag anbricht, damit der Mann bzw. der Ritter seine Ehre und sein Leib behalten kann ,, daz er behalte êre unde den lîp ‘‘ (S. 3, V. 6).

Das Geschehen selbst beinhaltet einen Sprecherwechsel zwischen dem Wächter und der Dame sowie dem Erzähler, der in der fünften Strophe ebenfalls zu Wort kommt. Das Tagelied ist in insgesamt fünf Strophen mit jeweils zehn Versen gegliedert, die das Tagelied in zwei Kanzonenformen aufbauen. Sie haben die Kanzonenstrophe abcabc-dede, das heißt, dass die Strophe in zwei Teile aufgeteilt wird. Im ersten Teil der Strophe (abcabc) bilden dabei den Aufgesang und der zweite Teil (dede) den Abgesang, wodurch eine ,,metrische Übereinstimmung‘‘8 entsteht, was der Gliederung dienen soll. Diese metrische Übereinstimmung steht jedoch im Gegensatz zur Gefahr, die der Tagesanbruch bringt. Die Gefahr, die der Leser bereits im ersten Vers der ersten Strophe wahrnimmt, wird mithilfe der Hebungen und Senkungen des zweiten Verses ,, durch die wolken sint geslagen ‘‘ nahezu verstärkt. I n den darauffolgenden Versen wird noch einmal deutlich, über welche Kraft der Tag tatsächlich besitzt und wie Grauen erregend er ist. Die Verse sind meistens sehr kurz und nicht verschachtelt, wodurch jedem Vers eine eigene Identität verliehen und die Spannung nach jedem Vers größer wird. Dagegen wirken die letzten Verse jeder einzelnen Strophe in Relation zu den vorherigen lang. Diese beenden auch jeweils immer den Sprechanteil der sprechenden Person. Außerdem wird kein einziges Mal ein Fragesatz gestellt, dafür aber viele Ausrufesätze (S. 2, V. 7 ,, Diu solt du mir verswîgen gar. ‘‘, S. 3, V. 3-5 ,, nu gip im urloup, süezez wîp./ lâze in minnen/ her nâch sô verholn dich ‘‘ und S. 4, V. 2 ,, […] sinc und lâ den hie, ‘‘) und in Hochsprache zwischen dem Wächter und der Dame gesprochen. Aus den Sprechanteilen der Figuren wird deutlich, dass sich das Geschehen in der Gegenwart abspielt, da Wolfram den Augenblick des Geschehens in seinem Tagelied darstellt, und die Figuren sich nicht an ein bereits geschehenes Ereignis erinnern.

2.1.3 Handlungsablauf

Bereits in der ersten Strophe beginnt der Wächter, sein Wecklied zu singen, das die Liebenden aufweckt und die idyllische Stimmung, die bis zu diesem Zeitpunkt herrschte, in Vergessenheit geraten lässt, da ab diesem eine sehr grauenvolle Atmosphäre einbricht. Der Tageseinbruch, welcher der Grund für die Diskussion zwischen der Dame und dem Wächter war, wird zur Gegebenheit, die die restlichen Schritte herbeiführt.9 Den Geliebten der Frau ließ der Wächter jedoch erst zur Geliebten kehren, das heißt, dass er dieses Treffen überhaupt erst ermöglich hat, wodurch klar wird, dass der Wächter mehr als nur eine Wächterrolle einnimmt, sondern auch eine Art Freund des Liebespaares ist und eine enge Beziehung zu ihnen führt (S. 1, V. 8 ,, den ich mit sorgen în [ ] verliez ‘‘). Die Frau antwortet dem Wächter auf diesen Weckruf, indem sie ihm vermittelt, welche Gefühlslage dieser Weckruf bei ihr ausgelöst hat, nämlich die der Freudelosigkeit, wodurch auch gleichzeitig ihr ,,hilfloser Protest‘‘10 beginnt (S. 2, V. 1-3 , ,Wahtaer, du singest,/ daz mir manige vreude nimt/ unde mêret mîn klage ‘‘). Daraufhin wird auch schon ersichtlich, dass die Nacht, die das Liebespaar miteinander verbracht hat, nicht ihre erste gemeinsam verbrachte Liebesnacht war, da die Frau nicht zum ersten Mal aufgrund des Weckrufs traurig wird bzw. ihre Klage sich vermehrt ,, immer morgens gegen dem tage ‘‘ (S. 2, V. 6). Das ,, immer ‘‘ spielt dabei die Schlüsselrolle. Letztlich bittet sie den Wächter bei seiner Treue darum, ihr das Tagelied und somit die dahinter verbirgte Nachricht nicht zu singen bzw. zu bringen, damit ihr Geliebter bei ihr bleiben kann und sie sich somit nicht aufgrund des schrecklichen Tagesanbruchs trennen müssen, wofür sie sogar dazu bereit wäre, den Wächter zu belohnen (S. 2, V. 7-10). In der dritten Strophe erwidert der Wächter der Frau, dass das Fortgehen des edlen Ritters sehr wichtig sei, ohne dabei Zeit verlieren zu dürfen, weshalb sie sich auch so schnell wie möglich von ihm verabschieden soll, damit sie nach dem Abschied noch heimlich geliebt wird und der Ritter somit seine Ehre und sein Leib behalten kann (S. 3, V. 1-6), weil dieser sein Ansehen als Ritter auch weiterhin vorbildlich präsentieren muss. Da der Wächter der Dame ihren Geliebten überreicht hat, weil dieser sich der Treue des Wächters ergab, ist es auch so wichtig, dass er den Ritter auch wieder fortbringen muss (S. 3, V. 7-8 ,, Er gap sich mîner triuwen alsô,/ daz ich in braehte ouch wider dan. ‘‘). Da nun auch bereits der so schrecklich beschriebene Tag angebrochen ist und die Nacht vorbei ist, als die Geliebte den Ritter mit einer Umarmung und einem Kuss abgewonnen hat (S. 3, V. 10 ,, mit drúcken an [ ] brúst dîn kus mir in an gewan ‘‘), hatte das Liebespaar, so der Wächter, genug Zeit miteinander verbracht, wodurch die Zeit des Abschieds gekommen ist.

Auch in der vierten Strophe bittet die Dame den Wächter darum, ihren Geliebten bei ihr zu lassen, auch wenn der Wächter sein Wecklied singt und dabei klagt, weil sie mit ihrem Geliebten eine erfüllte Liebesnacht durchlebt hat, was im dritten Vers der vierten Strophe erkennbar wird ,, der minne brâht und minne enpfienc ‘‘. Ihr Geliebter brachte ihr Liebe und sie empfang welche von ihm, doch der Lärm (der Weckruf), den der Wächter bei Tagesanbruch singt, erschrecke das Liebespaar jedes Mal aufs Neue (S. 4, V. 4-5 ,, von dînem schalle/ ist er und ich erschrocken ie ‘‘). Letztendlich klagt die Frau zwar weiterhin über den Morgenstern, der über ihnen kam, um ihr ihren Geliebten, der ihr Liebe gab, aus den Armen zu nehmen (S.4, V. 6-8), dennoch sieht sie aber ein, dass ihr Geliebter, auch wenn er nicht mehr in ihren Armen ist, er noch in ihrem Herzen ist und er ihr aus dem Herzen auch nicht genommen werden kann, anders als aus den Armen (S. 4, V. 9-10 ,, du hâst in dicke mir benomen/ von blanken armen, und ûz herzen niht ‘‘). In der fünften und auch der letzten Strophe erzählt der Erzähler, wie der Abschied zwischen dem Liebespaar abläuft und sich die Akteure, also die Frau und ihr Geliebter, dabei fühlen, aber auch, was der Wächter dabei gedacht hat (S. 5, V. 6-10 ,, ir brüstlîn an brust si dwanc./ Der rîter ellens niht vergaz;/ des wold in wenden wahtaers dôn;/ urloup nâh und nâher baz/ mit kusse und anders gap in minne lôn‘‘). Die fünfte Strophe ist auch die einzige, in der die Stimmungslage des Geliebten wiedergegeben wird (S. 5, V. 7), da er während des ganzen Geschehens kein einziges Wort von sich gibt, während die Frau klagt und versucht, sich gegen die Trennung zu wehren.

2.1.4 Interpretation des Tages im Tagelied ,Sîne klâwen‘

,,Ein Dialog, der seine Intensität aus seiner <Irrealität> gewinnt‘‘11 wird zwischen dem Wächter und der Frau geführt, da bereits am Anfang des Tagelieds eine Grauen erregende Stimmung herrscht, weil sich etwas Dämonenartiges durch die Wolken schlägt und in den Himmel aufsteigt, was das Liebespaar selbst erst einmal gar nicht selbst sieht oder hört, sondern durch den Gesang des Wächters mitbekommt (S. 1, V. 1-4).

,, Die Strophe beginnt mit einem großartigen Bild: gleichsam ein riesiger Raubvogel, hat der Tag […] seine Klauen durch das Gewölk geschlagen‘‘12. Dieser Raubvogel ist einem Dämon ähnlich, da er ,,kraftvoll, unaufhaltsam, bedrohlich ‘‘13 beschrieben wird. Dieses Dämonische wird mit ,,Klauen‘‘ (S. 1, V. 1 ,, klâwen ‘‘) personifiziert - die die ersten Sonnenstrahlen meinen -, das den Weg durch die Wolken nicht einfach nur ,,geht‘‘, stattdessen wird dem Leser vermittelt, dass dieses Dämonische sich den Weg voller Gewalt aufreißt und dann auch noch mit voller Kraft aufsteigt (S. 1, V. 2-3). Der erste Eindruck ist, dass eine boshafte Stimmung herrscht, da ,,Klauen‘‘ ohnehin schon Gliedmaßen sind, die sehr kraftvoll sowie nicht klein sind, und man sie nur bei wenigen Tieren finden kann. Aber auch boshaften Fantasiewesen wie Dämonen werden Klauen zugeschrieben und dieses dämonenähnliche Etwas wird im zweiten Vers des Tagelieds auch näher beschrieben, so, als würde es etwas Grauenvolles wie den Weltuntergang einbrechen lassen. Begriffe wie ,, klâwen ‘‘ (S. 1, V. 1), ,, geslagen ‘‘ (S. 1, V. 2), ,, grôzer kraft ‘‘ und ,, in grâwen ‘‘ (S.1, V. 4) verdeutlichen den Ernst der Lage sowie die schreckliche Stimmung. Dem Leser wird bis zum vierten Vers der ersten Strophe noch gar nicht ersichtlich, ob es sich tatsächlich um etwas Dämonisches handelt14, jedoch wird ihm durch die darauffolgenden Verse klar, worum es sich tatsächlich handelt, nämlich den Tagesanbruch (S. 1, V. 6-7 ,, den tac, der im geselleschaft/ Erwenden will, dem werden man ‘‘). Bis zu diesem Zeitpunkt scheint das Gespräch zwischen der Dame und dem Wächter noch nicht irreal, da die Existenz von dämonischen Wesen, Geistern etc. nicht auszuschließen ist. Die Irrealität entsteht erst bei der ,,Enthauptung‘‘ des Monsters, nämlich, den Tag. Dieser bringt Verzweiflung sowie Trauer bei dem Liebespaar hervor, wodurch erst ersichtlich wird, dass es sich um ein Tagelied handelt. Die Verzweiflung aufgrund des Tagesanbruchs lässt sich an der Gefühlslage der Frau festmachen, die dem Wächter aufgrund ihrer Verzweiflung vorschlägt, das Tagelied nicht zu singen, damit ihr Geliebter bei ihr bleiben kann (S. 2, V. 8-10 ,, daz gebuit ich den triuwen dîn./ des lôn ich dir, als ich getar,/ sô belî`bet híe dér geselle mîn.‘ ‘‘). Durch das Verneinen des Wächters lässt sich, laut WAPNEWSKI, die Irrealität des Tagelieds aber erst herauszulesen, als der Wächter das Angebot der Dame ablehnt, weil er es nicht könne, obwohl er ,, die Stimme des Tages, d.h. der Helligkeit, des Bewusstseins, des Wissens, des Gewissens, der Notwendigkeit ‘‘15 sei. Weiterhin wird er beschrieben als das,, Organ also der rationalen, der <herrschenden> Ordnung – das sich gegen die Elementarmacht des Kreatürlichen stellt ‘‘16. Dies widerspricht der eigentlichen Rolle des Wächters, welcher stattdessen für die Vernunft17, aber hier auch für den Schutz des Mannes sowie der Liebe zwischen dem Liebespaar, welcher aufgrund des natürlichen Tagesanbruchs entrissen wird, steht. ,, Für die Dame dagegen ist Wächter Verkörperung jener gesellschaftlichen Normen, die mit dem Anbruch des Tages störend in ihre minne-Gemeinschaft mit dem geliebten Mann eingreifen ‘‘.18 Der Wächter dient lediglich der Ankündigung des Tagesanbruchs, steht aber selbst nicht für den Tag und ist auch nicht dazu in der Lage, dieses ,, Ungeheuer ‘‘19 aufzuhalten. Dennoch möchte das ,, wîp ‘‘ (S. 3, V. 3) nicht einsehen, aufgrund des Tagesanbruchs ,, immer morgens gegen dem tage ‘‘ (S. 2, V. 6) erneut zu leiden, weshalb sie die Situation des Tagesanbruchs nicht akzeptieren möchte.20

Neben der Frau sowie dem Wächter wirken der Mann sowie der Tag eher hintergründig, jedoch nicht funktional, da der Tag und der Mann das Zusammenstoßen der beiden erst bewirken und der Grund für diesen emotionalen Dialog sind.21 Die Trauer der Frau lässt sich auch in all ihren Sprechanteilen herauslesen (S. 2, V. 2-5 und 7-8, S. 4, V. 3-4 und 9-10), die des Mannes jedoch nicht, weil er auch gar nicht spricht oder gar klagt. Es wird nur einmal vom Erzähler geschildert, dass der Ritter während des Abschieds ,,Leidenschaft‘‘ verspürte (S. 5, V. 7 ,, Der rîter ellens niht vergaz; ‘‘). Letztendlich wird erst durch die verspürte Leidenschaft des Ritters deutlich, dass dieser die Dame nicht nur für sexuelle Zwecke benutzt hat, sondern sie auch wirklich liebt, obwohl er nicht geklagt hat und ihm der Abschied auch nicht so schwer fällt wie der Frau, welche nur den Moment des Geschehens genießen möchte, aber nicht an das Danach denkt22, welches durch den Tag erst so fürchterlich wird. Der Mann dagegen agiert stumm, so als wäre er nicht da.23 Auch wenn man von einer erfüllten Liebe während der Nacht sprechen kann, wirkt diese unbedeutend, da der Fokus dabei nicht auf dem Liebeserlebnis, sondern auf dem schmerzerfüllten Abschied bei Tagesanbruch liegt. Die Liebenden leiden nämlich unter dem Gedanken, dass man sie in ihrem geheimen Dasein erwischen könnte. Der Abschied während des Tagesanbruchs ist daher auch vonnöten, da ihr Beieinandersein gegen gesellschaftliche Normen der damaligen Zeit verstößt, da ein Ritter nicht mit einer Herrin eine Beziehung führen durfte.

Dadurch entsteht auch eine ,, Trennungsnot ‘‘.24 WAPNEWSKI interpretiert jedoch aus der Rede der Frau in Strophe 2, Vers 7-10, dass die Frau verlangt, der Tag solle nicht anbrechen, was sie dem Wächter befehle, wofür sie ihn auch belohnen würde.25

Allerdings deutet die Rede der Frau wahrscheinlich eher auf einen innigen Wunsch von ihr hin, dass der Wächter das Tagelied nicht singen soll, auch wenn der Tag anbricht, damit sie sich nicht von ihrem Geliebten verabschieden muss. ,, Diu solt du mir verswîgen gar. ‘‘ (S. 2, V. 7) weist auf die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Frau hin, allerdings dürfte sie sich bewusst sein, dass der Wächter keine Kontrolle über den Anbruch des Tages hat. Sie wünscht sich daher von ihm lediglich, nicht zu erfahren, dass der Tag angebrochen ist, verlangt aber nicht das Unnatürliche von ihm.

2.1.5 Vergleich zwischen Tag und Nacht

Die Nacht stellt im Tagelied ,, Sîne klâwen ‘‘ von Wolfram eine spezifische Rolle dar. Sie dient nämlich als eine Metapher für einen Zufluchtsort der unerwünschten Liebe der sich zwei Liebenden, in der sie ihrer Liebe freien Lauf lassen können und sich sicher fühlen, da sie beisammen sind und sich voneinander beschützt fühlen. Während es Nacht ist können die Frau sowie der Mann ihre Alltagsprobleme vergessen, gleichzeitig wird aber auch durch die Erfüllung ihres Liebesglücks der Schmerz des jeweils anderen gelindert, bis nun mal der Morgenstern, der im sechsten Vers der vierten Strophe erwähnt wird, der das Zimmer, in dem sich das Liebespaar befindet, beleuchtet und der Wächter sein Wecklied singt. Diese gemeinsam verbrachten Nächte stellen einen Verstoß gegen gesellschaftliche Normen dar. Der Weckruf dagegen, den der Wächter ruft, soll die Liebenden ,,warnen‘‘, damit das Liebespaar vor den schrecklichen Folgen der Liebesnacht verschont bleibt, da ihre Liebe eine heimliche ist und das Liebespaar nicht gemeinsam entdeckt werden darf. Schließlich half der Wächter ihnen bei Nacht auch, um wieder zueinander zu finden (S. 1, V. 8). Die Nacht dient ihnen also als Schutzraum sowie einem ,,Ort der Freiheit‘‘, in dem sie sich lieben, küssen, anfassen und vieles mehr dürfen, was sie außerhalb, also während des Tags, nicht dürfen. Denn nur zu dieser Zeit werden sie in ihrem Zufluchtsort beschützt und versteckt. Außerdem ist sie die einzige Zeit, in der ihnen Glück geschenkt wird, beispielsweise durch die Hilfe des Wächters und der Erfüllung des Liebesglücks.

Der Tag dagegen wird bereits anfangs sehr böse dargestellt und nimmt dem Liebespaar, aber vor allem der Frau, viel Freude, die sie die ganze Nacht lang verspürte. Gleichzeitig nimmt der Tag dem Liebespaar das Schutzgefühl bzw. das Gefühl, geborgen zu sein, weg, wodurch hauptsächlich die Frau Angst bekommt und sich hilflos fühlt. Das Raubtier, der Tag, reißt dem Liebespaar beim Hervortreten innerhalb von Sekunden, also während der Ankündigung des Auftretens, den Zufluchtsort aus den Händen (S. 2, V. 6 und S. 3, V. 8-9). Dadurch bleibt den sich zwei Liebenden nur noch wenig Zeit, bis der unvermeidbare sowie herunterziehende Spott der Gesellschaft26, den die Gesellschaft empfinden würde, wenn sie das Liebespaar gemeinsam entdecken würde, sie ,,trifft‘‘ und angreift. Weil sie diesen vermeiden möchten, sind sie demnach dazu gezwungen, sich zu verabschieden bis zur nächsten sicheren Nacht, in der sie sich wieder sehen können (S. 4, V. 5 ,, ist er und ich erschrocken ie ‘‘). Der Spott der Gesellschaft ist demnach auch der Grund, weshalb sie nicht mehr mit ihrem Geliebten sein darf, und metaphorisch für den Tag. Klar ist auf jeden Fall, dass der Ritter, wenn er sich nicht von seiner Geliebten bei Tagesanbruch trennen würde, seine ,,Ehre‘‘ und sein ,,Leib‘‘ verlieren würde (S. 3, V. 6 ,,* daz er behalte êre unde den lîp ‘‘). Unklar ist jedoch, ob sie sich tatsächlich innerhalb von weniger als 24 Stunden wieder sehen dürfen, weil die Frau so sehr klagt, dass es dem Leser so erscheint, als würden sie sich bis zum nächsten Treffen sehr lange nicht sehen dürfen, da der Tag bei ihr solche Gefühle auslöst, dass mit dem Tag gleichzeitig ihr Hass verbunden werden kann (S. 2, V. 1-7). Die Bedrohung, die durch den Tag entsteht, ist zweiseitig zu betrachten. Einerseits haben die zwei Geliebten keine Zeit, sich auf ihn vorzubereiten, weil er mit seiner Schnelligkeit auftritt und andererseits, weil er gewaltvoll und kraftvoll die Wolkendecke in Fetzen reißt (S. 1, V. 1-5 ,, Sîne klâwen/ durch die wolken sint geslagen,/ er stîget ûf mit grôzer kraft;/ ich sich in grâwen/ tegelîch, als er will tagen:‘‘). Vor allem im vierten und fünften Vers wird deutlich, dass der Tagesanbruch unvermeidbar und auch viel zu mächtig ist, als dass man ihm aus dem Weg gehen könnte, weil er sich seinen Weg durch die Wolken ,,erkämpft‘‘27.

Die Frau ist aufgrund des Tagesanbruchs auch so verzweifelt, dass sie dem Wächter sogar ein ,,Angebot‘‘ macht, das Wecklied nicht zu singen, weil dieser jedes Mal der Grund für den Abschied zwischen ihr und ihrem Geliebten ist (S. 2, V. 9), um das Beisammensein mit dem Ritter weiterhin erhalten und genießen zu können. Daraus lassen sich zwei Sachen rauslesen, nämlich dass die Frau einem gesellschaftlich hohen Stand gehört, obwohl sie vom Wächter nicht als ,,vrouwe‘‘, sondern als ,, wîp ‘‘ (S. 3, V. 3) angesprochen wird, jedoch ist diese Bezeichnung neutral. Stattdessen repräsentiert sie sich dem Wächter herrisch, da nur eine Frau eines höheren Standes dazu in der Lage sein kann, eine solche Belohnung zu bieten. Der zweite Punkt ist, dass der Tagesanbruch bei ihr unangenehme Gefühle verschiedener Art hervorruft. Zum einen löst dieser Angst aus, weil das Liebespaar nicht gemeinsam entdeckt werden darf bzw. möchte. Zum Anderen ruft er die mit der Angst zusammenhängende Verzweiflung hervor, wofür sie bereit ist, dem Wächter das zu geben, was dieser verlangt, damit sie noch länger mit ihrem Geliebten zusammen sein kann28, wobei sie etwas Unmögliches von ihm verlangt, weil der Wächter zum einen den Tagesanbruch selbst nicht kontrollieren kann und er zum anderen für die Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt, da er die Aufgabe hat, jeden Morgen seinen Weckruf zu singen (S. 2, V. 6-10). Neben diesen zwei Gefühlsstimmungen, die der Tagesanbruch auslöst, bringt er gleichzeitig auch Freudlosigkeit und Kummer mit sich ,, daz mir manige vreude nimt unde mêret mîn klage ‘‘ (S. 2, V. 2-3), wobei dieser Vers sich zwar auf den Weckruf bezieht, jedoch wird der Weckruf auch erst aufgrund des Tagesanbruchs gerufen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Vergleich von Wolfram von Eschenbachs "Sîne klâwen" und "Den morgenblic". Rolle und Darstellung des Tages
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Germanistik)
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2018
Seiten
27
Katalognummer
V920368
ISBN (eBook)
9783346246318
ISBN (Buch)
9783346246325
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit wurde mit der Note "sehr gut" bewertet.
Schlagworte
vergleich, wolfram, eschenbachs, sîne, den morgenblic, rolle, darstellung, tages
Arbeit zitieren
Büsra Karakoc (Autor), 2018, Vergleich von Wolfram von Eschenbachs "Sîne klâwen" und "Den morgenblic". Rolle und Darstellung des Tages, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920368

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