Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe, dessen erste Fassung 1771 zunächst ohne Titel entstand und als geänderte zweite Fassung 1789 als „Willkomm und Abschied“ erschien, ist eines der Erlebnisgedichte überhaupt. Den Stoff lieferte das Leben des Autors selbst, denn das Gedicht hat die Liebesbeziehung mit der Pfarrerstochter Friederike Brion zum Gegenstand. Es thematisiert den Beginn und das Ende einer Liebe, die Spannung zwischen Glücks- und Schmerzempfinden.
Doch inwiefern gehört die heute am häufigsten verbreitete zweite Fassung wirklich zur Erlebnislyrik, wenn man bedenkt, dass diese lediglich eine Überarbeitung der ersten Fassung darstellt, welche kurz nach dem eigentlichen Erlebnis entstand? Ist es dann noch immer ein reines Erlebnisgedicht, obwohl sich die Perspektiven ändern und der Autor bzw. das lyrische Ich einen objektiveren Blick auf die Geschehnisse haben? Und was hat es mit der Fassungsänderung eigentlich auf sich? Welche Gründe könnte Goethe haben, das Gedicht nach 18 Jahren umzuschreiben, es womöglich zu „korrigieren“?
Um alle Fragen zu klären, soll sich diese Arbeit erst einmal mit der Definition von Erlebnislyrik beschäftigen. Zudem ist es notwendig, den historischen Kontext zu beleuchten und das Gedicht in Form und Inhalt zu analysieren und mit der Beziehung zu Friederike in Bezug zu setzten. Diese Analyse soll sich zunächst auf die erste Fassung beschränken. Um jedoch zu klären, inwiefern Goethe Änderungen vorgenommen hat, ob sich diese nur auf die Form oder ebenso auf den Inhalt seines Werkes auswirken und ob es sich auch nach der Änderung noch um ein Erlebnisgedicht handelt, müssen beide Fassungen miteinander verglichen werden.
Um einzelne Argumente zu untermauern bzw. Begebenheiten zu veranschaulichen, sollen ebenso Zitate aus Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. herangezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition „Erlebnislyrik“
3. Historischer Kontext
3.1 Beeinflussung durch Herder in Straßburg
3.2 Begegnung und Beziehung mit Friederike Brion
4. Analyse der ersten Fassung „Mir schlug das Herz“
4.1 Formale Gedichtsanalyse
4.2 Interpretation
5. Fassungsvergleich
6. Zusammenhang zwischen Fassungsänderung & Goethes Biografie
7. Erlebnis & Lyrik?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel und die unterschiedlichen Intentionen zwischen den beiden Fassungen von Goethes berühmtem Gedicht „Willkommen und Abschied“. Das primäre Ziel besteht darin zu klären, inwiefern die Überarbeitung der ersten Fassung („Mir schlug das Herz“) Auswirkungen auf das Verständnis des Werkes als „Erlebnislyrik“ hat und wie sich Goethes gereifte Sichtweise auf die biographische Liebesbeziehung zu Friederike Brion in den textuellen Änderungen widerspiegelt.
- Definition und theoretische Einordnung des Begriffs „Erlebnislyrik“.
- Historische Einbettung des Gedichts im Kontext von Goethes Zeit in Straßburg und Sesenheim.
- Detaillierte formale Analyse und Interpretation der ersten Fassung „Mir schlug das Herz“.
- Vergleichende Analyse der beiden Fassungen hinsichtlich Perspektive, Form und emotionaler Wirkung.
- Untersuchung der biographischen Hintergründe und der Intention hinter der Fassungsänderung.
Auszug aus dem Buch
4.2 Interpretation
Schon in den ersten beiden Zeilen des Gedichts drückt das lyrische Ich seine Situation und Verfassung aus: indem die erste Verszeile, durch eine Inversion bedingt, mit „Mir“ beginnt, wird klar, dass hier jemand über sich erzählt und dass es dieser Person auch sehr wichtig zu sein scheint, dies direkt auszudrücken. Somit erhält das Gedicht eine äußerst subjektive Prägung.
Die folgenden Beschreibungen „geschwind“, „fort“ und „wild“ lassen das Hasten und die Unruhe des Reiters erkennen. Durch den unreinen Jambus in Vers 2 (das Wort „wild“ ist hier betont) scheint es, als stolpere das Pferd in seinem Galopp. Doch wirkt dadurch ebenso der Reiter ungeordnet, aufgewühlt und von seinen unterbewussten Trieben gesteuert, was durch die ellipsenhafte zweite Verszeile verstärkt wird. Auch das Bild des „Held[en] zur Schlacht“ verkörpert eine Art Männlichkeit, die für Leidenschaft, Entschlossenheit und Kraft steht. Es ist das Bild eines selbstbewussten jungen Mannes, der fest entschlossen ist, alles auf sich zu nehmen, um zu seiner Geliebten zu gelangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas und der Problemstellung hinsichtlich der Definition von „Erlebnislyrik“ und der Bedeutung der Fassungsänderungen bei Goethes Gedicht.
2. Definition „Erlebnislyrik“: Erläuterung des Begriffs durch historische Definitionen und die Bedeutung der „individuellen Subjektivität“ für das Verständnis des Genres.
3. Historischer Kontext: Darstellung des Einflusses von Herder in Straßburg sowie der biographischen Verbindung Goethes zu Friederike Brion in Sesenheim.
4. Analyse der ersten Fassung „Mir schlug das Herz“: Formale Untersuchung der Metrik, Reimstruktur und rhetorischen Mittel, ergänzt um eine tiefgehende Interpretation der ersten Version.
5. Fassungsvergleich: Gegenüberstellung beider Fassungen mit Fokus auf die sprachlichen und inhaltlichen Anpassungen sowie den Wandel der Subjektivität.
6. Zusammenhang zwischen Fassungsänderung & Goethes Biografie: Erörterung der Gründe für die Überarbeitung nach 18 Jahren, unter anderem als mögliche Entschuldigung oder Reflexion über das vergangene Leid.
7. Erlebnis & Lyrik?: Fazit über die Einordnung der beiden Fassungen als Erlebnis- bzw. Erinnerungslyrik und die Frage nach deren Authentizität.
Schlüsselwörter
Goethe, Erlebnislyrik, Willkommen und Abschied, Mir schlug das Herz, Friederike Brion, Fassungsvergleich, Lyrik, Sturm und Drang, Klassik, Subjektivität, Interpretationsanalyse, Liebesgedicht, Erinnerungslyrik, Gattungstheorie, Biografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Fassung von Goethes berühmtem Gedicht „Willkommen und Abschied“ und untersucht, wie sich der biographische Hintergrund des Autors auf diese Änderungen auswirkt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Definition von Erlebnislyrik, der Vergleich zweier Textfassungen, die Bedeutung der Beziehung zu Friederike Brion sowie der Wandel der literarischen Ausdrucksweise zwischen Sturm und Drang und Klassik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern die Überarbeitung des Gedichts das Verständnis als Erlebnislyrik beeinflusst und welche Gründe Goethe dazu bewegten, das Werk nach 18 Jahren maßgeblich zu verändern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die eine formale Gedichtsanalyse, einen textvergleichenden Fassungsvergleich sowie die Einbeziehung biographischer und literaturtheoretischer Sekundärliteratur umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, den historischen Kontext, die detaillierte Analyse der ersten Fassung, den Vergleich zur späteren Fassung sowie die biographische Interpretation der Textanpassungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Goethe, Erlebnislyrik, Fassungsvergleich, Friederike Brion, Subjektivität, Sturm und Drang sowie Erinnerungslyrik.
Warum gilt die erste Fassung als „Erlebnislyrik“?
Da die erste Fassung unmittelbar nach dem Erlebten entstand und eine hohe subjektive Betroffenheit des lyrischen Ichs aufweist, erfüllt sie die klassischen Kriterien einer Lyrik, die auf einem realen Erlebnis fußt.
Wie verändert sich die Perspektive in der zweiten Fassung?
In der zweiten Fassung nimmt sich das lyrische Ich zurück; der Fokus verschiebt sich von einer sehr persönlichen, stürmischen Schilderung hin zu einer objektivierteren, „geglätteteren“ Darstellung, die stärker dem Geist der Klassik entspricht.
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- Carolin Fuchs (Author), 2006, Erlebnis und Lyrik: Goethes "Willkommen und Abschied", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92078