Toleranz im Hinblick auf das Neue Testament


Referat (Ausarbeitung), 2007

21 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Überlegungen zum Verständnis des Begriffs der Toleranz
1.1. Definition
1.2. kurze Übersicht zum Toleranzbegriff

2. Toleranz im Neuen Testament? Ein Versuch zum Toleranzgedanken in den paulinischen Briefen
2.1. Innerchristliche Konflikte und ihre Bewältigung
2.2. Die Liebesforderung als Ansatzpunkt für Toleranz Das hohe Lied der Liebe (1 Kor 13)
2.3. Die Freiheitsforderung als Ansatzpunkt für Toleranz Zum Problem von Genuss und Askese im 1. Korintherbrief
2.4. Paulus und die Religionen
2.5. Der Toleranzgedanke und das Neue Testamen im Hinblick auf die paulinischen Briefe

3. Überlegungen zum heutigen Toleranzgedanken
3.1. Gedanken zur Toleranz
3.2. Voraussetzungen für Toleranz

4. Literaturverzeichnis

1. Überlegungen zum Verständnis des Begriffs der Toleranz

1.1. Definition

Toleranz wird vom lateinischen Wort „tolerare“ abgeleitet. „Tolerare“ bedeutet „dulden“ oder „ertragen“. Etymologisch ist es mit dem Wort „dolere“ verwandt, was wiederum als „Schmerz empfinden“ übersetzt werden kann.[1]

Toleranz ist meines Erachtens die Fähigkeit das Anderssein von Religionen, Rassen und Ansichten vorurteilsfrei zu respektieren und das Gemeinsame zu entdecken.

Um eine Vorstellung vom Toleranzbegriff zu erhalten, geht Ingo Broer auf Alexander Mitscherlich[2] und auf die christliche Tugend ein. Der Toleranz-begriff wird von Alexander Mitscherlich als schwammig beschrieben, da jeder etwas anderes darunter verstehen kann.[3]

Meistens ist dann auch von Toleranz als christliche Tugend die Rede. Toleranz kann aber so lange keine christliche Tugend sein, weil das Christentum und auch andere Religionen die angeblich „eine und einzige“ Wahrheit vertreten. Durch die immer wiederkehrenden Entwicklungen des Christentums ist entweder eine Distanz oder eine Nähe zur Wahrheit vorhanden, die nicht immer „optimal“ gelehrt werden kann.[4]

Ingo Broer definiert Toleranz folgendermaßen:

„Christliche Toleranz als Tugend und Aufgabe, so möchte ich versuchsweise definieren, müsste eine Haltung meinen, die in Anerkennung der Selbst-Offenbarung Gottes im Christusereignis sowohl zu den jeweils anderen christlichen Denominationen als auch zu den anderen, nicht-christlichen Religionen offen ja sagt, ihr Lebensrecht also nicht nur notgedrungen akzeptiert und sie nicht nur als schlechthin defiziente Modi von Religion ansieht.“[5]

1.2. kurze Übersicht zum Toleranzbegriff

Durch die Reformation mit verheerenden Kriegen stand Toleranz im Vordergrund. Deswegen wurden Verträge zur Absicherungen der Toleranz geschlossen. Diese Verträge waren der Augsburger Religionsfrieden von 1555 und der Westfälische Frieden von 1648.[6] Durch den Augsburger Religionsfrieden mussten alle Untertanen den Glauben des Herrschers annehmen („Cuius regio, eius religio!“). Der Westfälische Friede schränkte die kaiserliche Macht ein und löste das Reiche in souveräne Einzelstaaten auf.[7] John Locke[8] schrieb die Schrift „Brief über Toleranz“, die „[…] unter dem Eindruck der Aufhebung des Edikts von Nantes 1685/86 [entstand] und 1689 nach der „Glorious Revolution“ in England […] publiziert[]“ wurde.[9] Schon 1689 schlug er eine Trennung von Staat und Kirche vor.[10] Das Toleranzpathos taucht auch schon in Lessings „Nathan der Weise“ auf, in dem gefordert wird, dass die Vernunftreligion von den widersprechenden Offenbarungsreligionen unterschieden wird und somit der allgemeingültigen Vernunftreligion untergeordnet werden.[11] Lessing ist also gegen alle „positiven Religionen“.[12] Die positiven Religionen wurden aber nicht durch ihre Wahrheit, sondern durch politische Macht und Zwangsmittel durch die Obrigkeit durchgesetzt.[13]

Dies änderte sich im 17. und im 18. Jahrhundert, als die Wirtschaft und die nationale Identität mehr und mehr an Wichtigkeit erlangte. Durch den Wandel der Konsensgrundlage wurde den ersten religiösen Toleranzforderungen der Weg geebnet. Dies wurde durch den Verzicht einer konfessionellen Homogenität seitens der Obrigkeit gewährleistet. Die Toleranzforderungen waren aber nur gesichert, wenn es nicht der Herrschaftsrationalität widersprach oder sie in diesem Sinne unterstützte.[14] Der „aufgeklärte Herrscher“ sah Vorteile in der Duldung verschiedener Konfessionen. So konnte unter anderem der Machterhalt ohne Waffengewalt bestehen bleiben und die Wirtschaft auf Kosten des Seelenheils der Untertanen angekurbelt werden.[15] Durch die „politische Neutralisierung religiöser Wahrheitsansprüche“ nahm die Bedeutung des Seelenheils ab. Konsensfähig waren nur die „gemeinsamen Wahrheiten“, die allein als heilsrelevant galten. Durch die Aufklärungsphilosophie kamen die ersten Forderungen nach der bürgerlichen Wahlfreiheit der Religion auf, die von der Obrigkeit ohne Konsequenzen toleriert wurden. Die einzigen Bedingungen waren, dass die Untertanen zu moralischen und loyalen Bürgern erzogen wurden.[16]

Die Religionsfreiheit tauchte erst als Menschenrecht in der „Bill of Rights“ von 1776 sowie während der Französischen Revolution von 1789 auf.[17] Die Forderung nach der Religionsfreiheit führte zur Trennung von Politik und Religion. Das Religiöse wurde zur „Privatsache“.[18]

Der Philosoph Samuel Pufendorf schrieb 1672, dass die Religion die Privatsache des Menschen sei. Atheisten wurden aber von seinem Toleranzbegriff ausgeschlossen, da der Glaube an Gott ein „Indikator“ für einen moralischen und loyalen Bürger war. Der jüdische Aufklärer Moses Mendelssohn war 1782 für eine „Funktionsteilung“. Die Religion war für die Erziehung und der Staat war für das Herrschen verantwortlich.[19] „Religionszugehörigkeit sei keine Zwangsverpflichtung. Weder der Staat noch die Kirche hätten ein Recht auf die Gesinnung des Individuums. Vielmehr sei diese das unveräußerliches Recht eines jeden Einzelnen. Damit forderte Mendelssohn nicht nur Religions- sondern auch Denkfreiheit.“[20]

2. Toleranz im Neuen Testament? Ein Versuch zum Toleranzgedanken in den paulinischen Briefen

2.1. Innerchristliche Konflikte und ihre Bewältigung

Durch die Briefe des Paulus erhält man einen Einblick in die urchristlichen Gemeinden. Sie zeigen uns auch Konflikte auf, die der Apostel Paulus lösen musste. Unter anderem gab es in Galatien Prediger, die eine Abweichung vom Evangelium lehrten. Dies betraf zum einen die Beschneidung und zum anderen die Einhaltung der Gesetze, die als heilsnotwendig von den Predigern interpretiert wurden.[21] Durch die falsche Interpretation des Evangeliums entstand eine Debatte in der galatischen Gemeinde, die das Maß an christlicher Vielfalt, die es auch in der Gemeinde von Korinth gab, für Paulus überschritten wurde. So will er diesen Abfall vom Evangelium verhindern und wendet sich mit einem Brief an die Galater, um sie zu Christus zurückzuführen.[22] Des Weiteren schickt er ihnen Briefe, um ihnen deutliche Anweisungen für Ämter, Unterweisungen und für die Reinhaltung der Lehre zu geben.[23]

Dem Galaterbrief zufolge forderten die judenchristlichen Gegner die Erfüllung des ganzen Gesetzes und nicht nur die Beschneidung. Nach Paulus können sich das Evangelium und die von den Gegnern geforderte Gesetzeserfüllung aber nicht ergänzen. Niemand kann durch Werke des Gesetzes gerecht werden. Schließlich sind ja auch die Nichtchristen durch die Urgemeinde von der Gesetzeserfüllung befreit.[24] Auch der Sinai-Bund kann das Heil nicht vermitteln. Allein der Glaube an Jesus Christus ist heilsnotwendig. Wer sich an das Gesetz bindet, macht den Tod Christi vergeblich.[25]

Paulus „toleriert“ nicht die falschen Verkündigungen, da somit das Evangelium in Gefahr gerät.[26] Paulus spricht nicht direkt die Verkünder an, sondern tut dies über den Galaterbrief, indem er sie verflucht, da sie die Galater vom Heil ausschließen wollen.[27] Des Weiteren wird nicht ersichtlich, was mit den judenchristlichen Gegnern passiert ist. Einige Autoren sind der Meinung, dass die Gegner aus der Gemeinde verbannt wurden. Diese Ansicht vertreten sie durch das Erscheinen der Hagar-Sara-Allegorie im Galaterbrief. Broer ist der Meinung, dass sich die Allegorie nicht auf die Gegner, sondern auf das Judentum allein bezieht. Dies begründet er damit, da sich das Zitat in den Kontext hineinfügt. Außerdem werden sie als Bestrafung dem göttlichen Strafgericht übergeben. Das Strafgericht wird ein negatives Urteil fällen, da die Gegner die Galater vom Heil ausschließen wollten.[28]

[...]


[1] vgl. Thies, Fundamentalismus - Toleranz – Gleichgültigkeit.

[2] Mitscherlich (1908-1982) untersuchte die Folgen des Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland.

[3] vgl. Mitscherlich, Toleranz, S. 7 zit. n. Broer 1996, S. 58.

[4] vgl. Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 59f.

[5] Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 60.

[6] vgl. Ebd. Thies, Fundamentalismus - Toleranz – Gleichgültigkeit.

[7] Microsoft Encarta Enzyklopädie 2004: "Westfälische Friede".

[8] John Locke (1632 - 1704) war ein englischer Philosoph und Staatsmann, der der Begründer des Liberalismus und der englischen bürgerlichen Revolution im 17. Jahrhundert war.

[9] Thies, Fundamentalismus - Toleranz – Gleichgültigkeit.

[10] vgl. Thies, Fundamentalismus - Toleranz – Gleichgültigkeit.

[11] vgl. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 107.

[12] vgl. Lessing, Werke, S. 770. zit.n. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 107 .

[13] vgl. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 107.

[14] vgl. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 108.

[15] vgl. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 108; siehe auch: PNN online, Thein, Von der Toleranz zur Religionsfreiheit.

[16] vgl. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 109.

[17] vgl. Thies, Fundamentalismus - Toleranz – Gleichgültigkeit.

[18] vgl. Werbick, Toleranz und Pluralismus, S. 110. siehe auch: Thies, Fundamentalismus - Toleranz – Gleichgültigkeit.

[19] vgl. PNN online, Thein, Von der Toleranz zur Religionsfreiheit.

[20] Ebd.

[21] vgl. Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 76.

[22] vgl. a.a.O., S. 61.

[23] vgl. Rahner, Sämtliche Werke, S. 321.

[24] vgl. Gal 2,6-9.

[25] vgl. Gal 2,15-21; siehe auch: Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 63.

[26] vgl. Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 63.

[27] vgl. Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 64; siehe auch: Gal 1, 8f; siehe auch: Gal 4,17; siehe auch: Gal 5,4.

[28] vgl. Broer, Toleranz im Neuen Testamen?, S. 66.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Toleranz im Hinblick auf das Neue Testament
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Katholische Theologie FB 04)
Veranstaltung
Fundamentaltheologische und philosophische Grundlagen eines interreligiösen Gesprächs zwischen Christen und Muslimen
Note
2+
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V92079
ISBN (eBook)
9783638053365
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Toleranz, Hinblick, Neue, Testament, Fundamentaltheologische, Grundlagen, Gesprächs, Christen, Muslimen
Arbeit zitieren
Alicja Hoppe (Autor), 2007, Toleranz im Hinblick auf das Neue Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92079

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