Klischee- oder Charakterstudie? Selbst- und Fremdbilder in Jens Sparschuhs "Der Zimmerspringbrunnen"


Hausarbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Figur Hinrich Lobek

3. Lobeks Beziehung zu seiner Frau Julia

4. Lobek in Beziehung zu seiner Arbeit

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Nur die Oberflächlichen kennen sich gründlich.“[1]

Dieses Zitat von Oscar Wilde stellt Jens Sparschuh seinem Roman Der Zimmerspringbrunnen einleitend voran und gibt so dem Rezipienten einen kleinen Vorgeschmack darauf, wie sein stark satirisches Werk zu verstehen sei.

Hauptfigur und Erzähler in Sparschuhs Heimatroman ist der Ostberliner Hinrich Lobek. Aus der Ego- Perspektive berichtet der Protagonist von seinen Versuchen im wiedervereinten Deutschland nach der Wende beruflich wie auch privat wieder Fuß zu fassen. Stets an den „[...] Gesetzmäßigkeiten, nach denen die, Wirklichkeit‘ in der DDR funktionierte [...]“[2] festhaltend, scheint er zunächst erfolgreich und ist doch am Ende zum Scheitern verurteilt.

Die Art und Weise auf die Lobek sich und seine Welt darstellt ist oft ungewollt komisch und lässt eine stark ironische Distanz zur Realität erkennen.

Die Gestaltung des Charakters Hinrich Lobek ist durchaus interessant und untersuchenswert und soll somit den Gegenstand dieser Hausarbeit darstellen. Im Zentrum der nachfolgenden Untersuchung soll die Selbstdarstellung Lobeks sowie die Darstellung der anderen Figuren im Zimmerspringbrunnen stehen. Ziel der Arbeit ist, dem Sinn bzw. der Bedeutung nahe zu kommen, welche sich hinter dieser scheinbaren Oberflächlichkeit verbirgt.

2. Zur Figur Hinrich Lobek

Hinrich Lobek, ein Ostberliner mittleren Alters, war zu DDR-Zeiten als Sachbearbeiter bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung im Berliner Osten tätig. Seine Aufgabe bestand darin, Mängel- und damit verbundene Reparaturanzeigen der einzelnen Mietparteien aufzunehmen und diese nach ihrer Dringlichkeit zu ordnen und zu bearbeiten. Die zeitnahe Abwicklung der Schadensmeldungen stellte sich in den meisten Fällen als unmöglich dar. In dieser Position gelang es Lobek schon vor der Wende einen tieferen Einblick in die Defizite des sozialistischen Systems zu gewinnen.

Damals, in den Jahren als Sachbearbeiter bei der Kommunalen Wohnungsverwaltung, hatte meine Spezialaufgabe darin bestanden, wiederholt und nachhaltig beschwerdeführende Mieter zu Hause aufzusuchen, um mir an Ort und Stelle ein Ausmaß ihrer Schäden zu machen. Das reichte von einer Schlafzimmerdecke, auf der Pilze wuchsen, weil es seit Jahren durchregnete, über durchgefaulte Küchendielungen, die den Blick aufs – wie lange noch? – tragende Gebälk freigaben, bis hin zu Fenstern, die sich mit samt ihren Rahmen aus dem morschen Mauerwerk lösten.[3]

Die höchste Dringlichkeitsstufe, mit denen Lobek die Mängelanzeigen versehen konnte, lautete im nächsten Jahr.[4] Jedoch bedurfte diese erst der Bestätigung seines Vorgesetzten. Lobeks Hilflosigkeit gegenüber diesen Mängeln steht exemplarisch für die Diskrepanz zwischen staatlichem Anspruch und der alltäglichen Realität in der DDR. Diese Missstände sind auch der Grund dafür, dass Lobek Freude und Erleichterung verspürt, als die Firma nach der Wende zusammenbricht.[5]

Als dann der Laden zusammenbrach, war ich erleichtert. Ich empfand das als gerechte Strafe. Ich lebte auf, es war eine glückliche Zeit.[6]

Trotz der anfänglichen Erleichterung erfährt Lobek auch die negativen Seiten der deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Zwar gibt er an, seine Arbeitslosigkeit nicht als Minderung seiner Lebensqualität zu verstehen, jedoch spricht der völlige Rückzug in seine Wohnung eher für eine Art Selbstbetrug.

„Die Kreise, in denen ich mich bewegte, waren in den letzten Jahren immer kleiner, immer enger geworden. Eigentlich bewegte ich mich gar nicht mehr, sondern saß, seit meiner Abwicklung, nur noch in der Wohnung herum. Oder: ich lag einfach auf dem Sofa und starrte zum Fenster, ganze Nachmittage [...]“[7]

Nach der Wende stellt seine Umgebung für Lobek keine Heimat mehr dar. Auf den Verlust des Gefühls der inneren Sicherheit, reagiert er mit freiwilliger gesellschaftlicher Isolation. Die Wohnung ist für Lobek Heimat und Exil zugleich. Hier wendet er sich komplett vom gesellschaftlichen Geschehen ab.

Lobek ist nicht im Geringsten daran interessiert etwas zu unternehmen, was ihm helfen könnte sich in der neuen Gesellschaft zu integrieren. Man kann davon ausgehen, dass er gar kein Teil dieser Gesellschaft werden möchte. Dadurch, dass Lobek aus der verbalen Kommunikation der Gesellschaft aussteigt, verliert er automatisch das Gefühl, überhaupt ein Teil dieser Gesellschaft (gewesen) zu sein. Er erachtet die verbale Kommunikation mit seiner Umwelt gar nicht für erforderlich, da sie aus seiner Sicht nicht wirklich notwendig ist. Lobek empfindet diesen Entschluss nicht als Verlust, sondern vielmehr als Ergebnis seiner qualitativ höherwertigen Persönlichkeitsentwicklung.

Alle meine Versuche, draußen im feindlichen Leben, wieder Fuß zu fassen, waren bis dahin ja erfolglos geblieben. Einziger Erfolg: ich wurde immer schweigsamer. Es gab ja auch nichts zu erzählen![8]

Dass Lobek, wie alle Menschen, aber doch auf irgendeine Art Kommunikation angewiesen ist, zeigt sich darin, dass er beginnt ein Protokollbuch zu führen, das zu seinem ständigen Begleiter wird. Dieses Protokollbuch ist eine Art Tagebuch, indem Lobek Beobachtungen aus dem Alltagsleben oder Gesprächsnotizen festhält. Der Schreibstil dieser Einträge ist betont sachlich und zeigt Verknappungen auf, wodurch die Sätze syntaktisch unvollständig sind. Der Tonfall dieses Protokollbuchs und das akribische Notieren sämtlicher Schritte seiner Frau in selbigen, lässt den Rezipienten vermuten, dass es sich bei Lobek um einen ehemaligen Mitarbeiter der Staatssicherheit handelt.

Eintrag ins Protokollbuch: »Observationsobjekt J. verlässt gegen 7.15 Uhr die eheliche Wohnung (Lila Lippenstift ...!) Vorausgegangen am Vorabend: telefonische Absprache der J. mit einem gewissen Hugelmann oder Hugemann – offenbar der neue Abteilungsleiter (nähere Informationen liegen derzeit nicht vor). Es fielen im Gespräch wiederholt die Worte ›toll‹, und ›wirklich, das ist ja toll‹«.[9]

Lobeks Partizipation am Überwachungssystem der DDR bleibt jedoch spekulativ, da es sich nicht definitiv am Text belegen lässt. Der Begriff des Protokollbuches suggeriert dem Rezipienten absolute Objektivität. Diese Annahme wird jedoch wiederum durch die „[...] subjektiv gefärbte Perspektive Lobeks und seine zugespitzte Form sprachlicher Darstellung [...]“[10] relativiert. Lobeks angeblich emotionslos und wertungsfrei festgehaltene Beobachtungen sind durch Darstellungsweisen gekennzeichnet, die an Wahnvorstellungen und Realitätsverlust grenzen. Der Grund für dieses Verhalten liegt in seiner Unfähigkeit, sich den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nach der Wende anzupassen.

„Lobek sieht sich als Opfer der Verhältnisse und begründet die Kritik an den Neuerungen mit seiner Perspektivlosigkeit. [...] Angesichts der für ihn negativen Konsequenzen der Wende sieht er sich in seiner Skepsis bestätigt.“[11]

Nach der Wende entsteht bei Lobek eine gewisse Hilflosigkeit. Jedoch verspürt er kein Gefühl des Verlusts gegenüber dem verloren gegangenen politischen System, sondern gegenüber seinem für ihn verloren gegangenem Lebensabschnittes. Diese Situation veranlasst ihn, über sein bisheriges Leben nachzudenken. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass es wohl besser wäre, diesen Lebensanschnitt als Vor-Leben anzusehen.

Ratlos blätterte ich in den Papieren, diesen abgehefteten, abgelegten Zeugnissen meines Vorlebens... Je länger ich darüber nachdachte, desto vernünftiger erschien mir übrigens dieses Wort: Vor-Leben. Noch nicht das richtige Leben, aber eines davor, eine Phase der Vorbereitung, es musste sich erst noch entpuppen. (Eine andere Frage: Ob nicht unser ganzes Leben ein Vor-Leben ist? [...][12]

Dieses so genannte Vor-Leben erachtet Lobek in seiner Bewerbung für die Firma PANTA RHEIn als nicht erwähnenswert, denn in Anbetracht der politischen und gesellschaftlichen Umstände erscheinen ihm seine bisherigen Leistungen als wertlos.

Von meinem alten Lebenslauf war, abgesehen von ein paar Daten, [...] leider nicht mehr viel zu gebrauchen. [...] Mein Leben, dachte ich so bei mir, ist die Summe von Peinlichkeiten und Missverständnissen.[13]

Diese maßlose Übertreibung lässt durchblicken, wie verzweifelt Lobek wirklich ist und wie die gesellschaftlichen und kulturellen Neuerungen seine Lebensqualität und damit auch sein Selbstwertgefühl gemindert haben. Sein passives und resignatives Verhalten bezeichnet eine regelrechte Flucht aus der Realität, weswegen er sich auch vor jeglicher Verantwortung, sein Leben selbst zu bestimmen, drückt. Er ist mit dieser neuen Situation komplett überfordert und resigniert, anstatt sich der wachsenden Herausforderung zu stellen.

[...]


[1] Sparschuh, Jens: Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman . 12. Auflage. Köln: Goldmann Verlag. (1995). S. 5.

[2] Wehdeking, Volker (Hrsg.): Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990-2000 ). Berlin: Erich Schmidt Verlag. (2000). S 169.

[3] Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 136.

[4] Vgl ebd. S. 137

[5] Vgl. Bremer, Ulrike: Versionen der Wende: eine textanalytische Untersuchung erzählerischer Prosa junger deutscher Autoren zur Wiedervereinigung. Osnabrück: Universitätsverlag. (2002). S. 187.

[6] Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 137.

[7] Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 10.

[8] Ebd. S. 14.

[9] Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S 8.

[10] Bremer, U.: Versionen der Wende. S. 198.

[11] Ebd. S.190.

[12] Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S. 135-136.

[13] Sparschuh, J.: Der Zimmerspringbrunnen. S.19 u. 99.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Klischee- oder Charakterstudie? Selbst- und Fremdbilder in Jens Sparschuhs "Der Zimmerspringbrunnen"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V92086
ISBN (eBook)
9783638055178
ISBN (Buch)
9783640562985
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klischee-, Charakterstudie, Selbst-, Fremdbilder, Jens, Sparschuh’s, Zimmerspringbrunnen
Arbeit zitieren
Anna Stöhr (Autor), 2006, Klischee- oder Charakterstudie? Selbst- und Fremdbilder in Jens Sparschuhs "Der Zimmerspringbrunnen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92086

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