Ein Blick in den Spiegel - Selbstentfremdung und Doppelgängermotiv in Hugo von Hofmannsthals "Reitergeschichte"


Hausarbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Biografische Einordnung des Werkes

3 Inhaltsbetrachtung
3.1 Lerchs Psyche und Verhalten: Die Sehnsüchte eines Soldaten
3.1.1 Mailand: Erwachen
3.1.2 Träumereien
3.2 Die Entwicklung Anton Lerchs unter dem Aspekt des Erzählsystems
3.2.1 Abschnitt 1 (Seite 39; Zeile 1 bis Seite 41; Zeile 3)
3.2.2 Abschnitt 2 (Seite 41; Zeile 5 bis Seite 45; Zeile 35)
3.2.3 Abschnitt 3 (Seite 45; Zeile 35 bis Seite 47; Zeile 30)
3.2.4 Abschnitt 4 (Seite 47; Zeile 30 bis Seite 48; Zeile 7)
3.2.5 Abschnitt 5 (Seite 47; Zeile 7 bis Zeile 20)
3.3 Bilanz

4 Der Doppelgänger
4.1 Auftritt des Doppelgängers
4.2 Wer ist der, der Lerch ist?

5 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als Benno von Wiese vor 50 Jahren schrieb, die „Reitergeschichte“ Hugo von Hofmannsthals sei „bisher kaum beachtet worden“[1], konnte er nicht ahnen, dass diese Novelle in den folgenden Jahrzehnten zu einem der meistuntersuchten Werke des Österreichers werden würde.[2] In einer bemerkenswerten Anzahl von Interpretationen wurde versucht, die „Reitergeschichte“ zu verstehen und zu erklären, wobei eine überraschende Vielzahl von Ansätzen in der Forschungs-literatur zu finden ist. Die Novelle wurde auf ihren historischen Hintergrund hin interpretiert, in psychologischer, soziologischer und philosophischer Hinsicht ausgelegt, auf ihre Tier- und Todessymbolik hin geprüft. Daher muss jede Arbeit, die sich diese Novelle als Untersuchungstext wählt, zuerst festlegen, welche Grundannahmen sie als gültig behandeln wird. Ein ganzheitlicher Ansatz, der alle verschiedenen Theorien beachtet, ist auf Grund ihrer fundamentalen Differenzen kaum möglich. Er soll hier auch nicht versucht werden.

Die folgende Arbeit widmet sich dem Versuch, die „Reitergeschichte“ auf eine psychologisch orientierte Fragestellung hin zu überprüfen. Die Novelle wird als Geschichte einer Selbstentfremdung gelesen werden, in der der Zentralcharakter Wachtmeister Anton Lerch sich von seiner bisherigen Lebenssituation und seinen gewohnten Denkmustern entfernt. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf der Frage liegen, inwieweit der Doppelgänger, der dem Wachtmeister erscheint, eine Manifestation seiner psychischen Situation ist.

Im Rahmen der Analyse wird zuerst eine Untersuchung des Entwicklungs-prozesses vorgenommen, den Lerch durchläuft und ohne dessen Verständnis keine Auslegung des Doppelgängers möglich ist. Damit verbunden ist eine ausschnitthafte Betrachtung des Erzählsystems, um dessen Verbindung mit dem inneren Wandlungsprozess aufzuzeigen. Im Anschluss erfolgt daraus eine genauere Betrachtung des Doppelgängers.

2 Biografische Einordnung des Werkes

Hofmannsthal beschäftigte sich seit 1896 mit mehreren Stoffen, die im Soldaten-milieu angesiedelt waren. Er erwähnte die „Reitergeschichte“ erstmals in einem Brief vom Juli 1898 und plante zu diesem Zeitpunkt, sie zur Veröffentlichung in der Zeitschrift „Pan“ fertig zu stellen. Er konnte den anvisierten Termin jedoch nicht einhalten, die Erstveröffentlichung der Novelle erfolgte erst am 24. Dezember 1899 in der „Neuen Freien Presse“. Als Inspiration dienten vermutlich die Erlebnisse während der Ableistung des Freiwilligenjahres in Göding 1894/95 und während der Teilnahme an Waffenübungen in Tlumacz im Mai 1896 und Czortkow im Juli 1898.[3]

Der Autor selbst stand dieser Novelle in späteren Jahren kritisch gegenüber,[4] sie wurde darüber hinaus von Otto Brahm als „kleistisierend“ kritisiert, von Arthur Schnitzler sogar mit einem Plagiatsverdacht belegt.[5]

3 Inhaltsbetrachtung

3.1 Lerchs Psyche und Verhalten: Die Sehnsüchte eines Soldaten

Die Überlegungen über die Psyche Anton Lerchs können nur spekulativ bleiben, da es kaum direkte Informationen gibt, die Aufschluss über seinen persönlichen Hintergrund oder seinen Werdegang erlauben. Doch scheint es plausibel, davon auszugehen, dass er bis zum Tag seines Todes ein „guter Soldat“ gewesen ist.[6] Interpreten der „Reitergeschichte“ sind immer wieder der Versuchung erlegen, Lerch in einem subjektiven Licht zu sehen. Ob Wiese unterstellt, der Wachtmeister verkörpere „das Animalische, Anarchische, Kreatürliche dieser Schwadron, alles Unsaubere, Gewaltsame und Triebhafte“[7] oder Alewyn das Dorf, das der Wacht-meister durchreitet, als „innere Landschaft“ einschätzt, „die Landschaft seiner öden und verwahrlosten Seele“[8] – häufig wird das Verhalten des Wachtmeisters negativ bewertet. Hoppe hielt dem entgegen, dass es „weder moralisch noch sonstwie verwerflich“ sei, „daß ein Soldat im Augenblick des Sieges an die Vorteile und Bequemlichkeiten denkt, die ihm der Sieg einbringen kann.“[9] Diesem Gedanken folgend, wird sich dieses Kapitel nicht um moralische Fragen kümmern, sondern zu beschreiben versuchen, was Lerch motiviert.

3.1.1 Mailand: Erwachen

Der Wachtmeister Anton Lerch von der zweiten Eskadron von Wallmoden-kürassieren unter Rittmeister Baron Rofrano tritt erstmals als Hauptfigur in Erscheinung, als er Vuic erblickt, eine Bekannte aus früheren Wiener Tagen, deren Anblick trotz der vergangenen Zeit eine starke emotionale Reaktion bei dem Wachtmeister auslöst. Lerch schert aus, verlässt seine Eskadron, die durch das feindliche aber wehrlose Mailand reitet. Ihn treibt die „Neugierde“[10] auf das Gesicht, das er an einem Fenster erblickt hat. Da er am Rand reitet, entsteht dadurch auch keine Störung des Rittes seiner Kameraden. Er begründet dieses Ausscheren gegenüber sich selbst mit dem Verdacht, sein Pferd habe sich „einen Straßenstein eingetreten“[11], doch ist die Prüfung des Hufes sofort beendet, als Vuic das Haus verlässt. Er erblickt in einem Spiegel die Einrichtung ihres Zimmers und einen rasierten Mann, der sich soeben zurückzieht. Ganz erfüllt vom „Bewusstsein der heute bestandenen Gefechte und anderer Glücksfälle“[12] verkündet er ihr, ihr Haus als Quartier nehmen zu wollen. Es ist nur dem Rausch der errungenen Siege zuzuschreiben, dass der Wachtmeister zu diesem spontanen Entschluss kommt, denn die Frau

lächelte ihn in einer […] Weise an, die ihm das Blut in den starken Hals und unter die Augen trieb, während eine gewisse gezierte Manier, mit der sie ihn anredete, sowie auch der Morgenanzug und die Zimmereinrichtung ihn einschüchterten.[13]

Es ist überraschend, dass sich der augenscheinlich robuste Lerch[14] vom Anblick einer Frau und einer bürgerlichen Zimmeridylle eingeschüchtert fühlt, zumal ihn die Frau gleichzeitig sichtlich erregt. Möglicherweise ist es ein Zurückschrecken vor dem Fremden, dem Ungewohnten, dem der Mann gegenübersteht, der auf Schlachtfeldern zuhause und ein Leben im Kreis seiner Kameraden gewohnt ist. Doch die Zurückhaltung wird sofort überwunden und Lerch beginnt, sich Fantasien hinzugeben, über ein Leben in einem seltsamen Mischverhältnis aus einer „Zivilatmosphäre, durch welche doch das Kriegsmäßige durchschimmerte“, wo „Behaglichkeit“ und „angenehme[…] Gewalttätigkeit ohne Dienstverhältnis“ vereint sind.[15] Es „erwacht die Sehnsucht nach der im Spiegel erscheinenden Wirklichkeit“ und ein „ganz alltägliches Erlebnis wirft den Wachtmeister aus der gewöhnlichen Ordnung seines Lebens“.[16] Es erscheint daher plausibel, anzunehmen, dass Lerch unter dem Eindruck des Siegesgefühls den inneren Mut findet, Dinge für sich zu formulieren, die bereits in ihm waren, ohne dass er sie für sich annahm. Die Sehnsucht nach dem Zimmer in Mailand wird „der Splitter im Fleisch, um den herum alles von Wünschen und Begierden schwärte.“[17] Was ihn eben noch einschüchterte wird zum Zentrum einer rasch wachsenden Welt von Bildern in Lerchs Kopf, der er sich nicht zu entziehen vermag. „Der Wachtmeister, der sich beeilt, seine Eskadron wieder einzuholen, ist nicht der gleiche, der sie verlassen hat.“[18]

3.1.2 Träumereien

Es hat zu Irritationen geführt, dass Lerch sich in seinen Gedanken so ausgiebig mit der Gestalt des fremden Mannes, des „Rasierten“, beschäftigt, den er im Spiegel in Vuics Zimmer erblickt hat. Doch ist dabei immer das Detail ignoriert worden, dass die Formulierung, der Rasierte „spielte darin eine bedeutende Rolle, fast mehr noch“[19] als Vuic und ihr Bett, nicht aussagt, dass Lerch wirklich mehr über den Rasierten nachdenkt, als über die Frau. Sie legt im Gegenteil nahe, dass seine Vuic betreffenden Fantasien nur nicht ausführlicher geschildert werden, aber durchaus vorhanden sind!

[...]


[1] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen. Fünftes bis achtes Tausend. Düsseldorf: August Bagel Verlag 1956. S. 284.

[2] Martin Stern erwähnt für 1991 unter Berufung auf Rüdiger Steinlein über 30 Einzelinterpretationen. (Martin Stern: Die verschwiegene Hälfte von Hofmannsthals „Reitergeschichte“. In: Basler Hofmannsthal-Beiträge. Hrsg. von Karl Pestalozzi und M. Stern. Würzburg: Königshausen & Neumann 1991. S. 109.) Eine Zahl, die seither zweifellos noch zugenommen hat.

[3] Hofmannsthal. Sämtliche Werke XXVIII. Erzählungen 1. Hrsg. von Ellen Ritter. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1975. S. 217-218.

[4] Er bezeichnete sie als „Schreibübung“. (Ebd. S. 211.)

[5] Ebd. S. 220-221.

[6] Er befindet sich in einem „vieljährigen Dienstverhältnis“. (Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte. In: Hofmannsthal. Sämtliche Werke XXVIII. Erzählungen 1. Hrsg. von Ellen Ritter. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1975. S. 47.)

[7] Benno von Wiese: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. S. 298.

[8] Richard Alewyn: Über Hugo von Hofmannsthal. Vierte, abermals vermehrte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1967.

[9] Otfried Hoppe: Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte. In: Deutsche Novellen von Goethe bis Walser. Interpretationen für den Deutschunterricht. Band 2: Von Fontane bis Walser. Hrsg. von Jakob Lehmann. Königstein/Ts.: Scriptor 1980. S. 54.

[10] Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte. S. 41.

[11] Ebd.

[12] Ebd. S. 42.

[13] Ebd. S. 41.

[14] Wunberg hat sich darüber gewundert, dass „von dem Wachtmeister niemals gesagt wird, daß er Angst habe“ und ihn treffend als „Landsknechtstyp“ charakterisiert (Gotthart Wunberg: Der frühe Hofmannsthal. Schizophrenie als dichterische Struktur. Stuttgart Berlin Köln Mainz: W. Kohlhammer Verlag 1965. S. 64.)

[15] Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte S. 42.

[16] Rolf Tarot: Hugo von Hofmannsthal. Daseinsformen und dichterische Struktur. Tübingen: Max Niemeyer Verlag Tübingen 1970. S. 340.

[17] Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte. S. 43.

[18] Richard Alewyn: Über Hugo von Hofmannsthal. S. 82.

[19] Hugo von Hofmannsthal: Reitergeschichte. S. 42.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ein Blick in den Spiegel - Selbstentfremdung und Doppelgängermotiv in Hugo von Hofmannsthals "Reitergeschichte"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V92107
ISBN (eBook)
9783638058582
ISBN (Buch)
9783638949514
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstentfremdung, Doppelgängermotiv, Hofmannsthals, Reitergeschichte, Hugo von Hofmannsthal, Symbolismus, Österreich, österreichische Literatur, Doppelgänger
Arbeit zitieren
Stefan Krause (Autor), 2007, Ein Blick in den Spiegel - Selbstentfremdung und Doppelgängermotiv in Hugo von Hofmannsthals "Reitergeschichte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92107

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