"Ein Stummer, den es zu sprechen drängt" - Der "Stechlin" in Fontanes Werk


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2.1 Der Stechlin in den ‚Wanderungen’
2.1.1 Die Menzer Forst
2.1.2 Die Fahrt durch den Forst
2.1.3 Der Große Stechlin
2.1.4 Globsow
2.1.5 Groß-Menz
2.2 Zwischenfazit

3.1 Der Stechlin in ‚Der Stechlin’
3.1.1 Der Stechlin als Romananfang
3.1.2 Czako und der Stechlinkarpfen
3.1.3 Der winterliche Besuch am Stechlinsee
3.1.4 Schlussworte
3.2 Fazit

4 Autor und Erzähler: einige Fragen über die Realität

5 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wohl keinem anderen seiner Werke widmete Theodor Fontane mehr Zeit und Engagement als seinen ‚Wanderungen durch die Mark Brandenburg’. Bereits 1859 unternahm er erste Reisen in die Grafschaft Ruppin, aus denen bis 1862 der Band ‚Wanderungen durch die Mark Brandenburg’ erwachsen sollte, später unter dem Titel ‚Die Grafschaft Ruppin’ der erste Teil der insgesamt vierbändigen Wanderungen.[1] Noch kurz vor seinem Tod 1898 beschäftigte sich Fontane mit einem weiteren Werk über Friesack und die Familie Bredow. Es zu vollenden, war ihm jedoch nicht mehr vergönnt.[2]

Nachdem Fontane lange, auch zu seinem eigenen Leidwesen, primär als Reiseschriftsteller wahrgenommen worden war, wertete die Forschung die ‚Wanderungen’ später zunehmend ab, bis sie innerhalb des Gesamtwerkes als kaum mehr galten, denn „als interessante Stoffsammlung für seine Romane“.[3]

Erst die zunehmende Beachtung der Reiseliteratur bescherte den ‚Wanderungen’ eine Renaissance, die sie manchem heutigen Forscher gar wieder als ein „neu zu entdeckende[s] Hauptwerk[…]“[4] erscheinen lassen.

Diese Arbeit hat sich das Ziel gesetzt, am Fallbeispiel des Stechlin-Sees, den Fontane im ersten Band seiner Wanderungen beschrieb und später zum Titel gebenden Leitmotiv des gleichnamigen Romans machte, zu untersuchen, in welchem Umfang der Autor die in den ‚Wanderungen’ entwickelte Charakterisierung des Sees für sein Romanwerk adaptierte, welche Veränderungen und Ergänzungen er vornahm und wie es ihm dadurch gelang, einen bereisten realen Ort für die Romanfiktion zu instrumentalisieren.

2.1 Der Stechlin in den ‚Wanderungen’

Fontane betrachtete gerade seine Wanderungen nie als abgeschlossenes Projekt, sondern strebte immer nach einer noch weiter gehenden Vervollkommnung. Daher überrascht es nicht, dass er mit jeder neuen Auflage umfangreiche Veränderungen und Ergänzungen am ersten Teil seines „opus maximum“[5] vornahm.[6] Auch für die dritte Auflage von 1875 unterzog er das Buch diversen Umgestaltungen, zu denen die Neuaufnahme des Kapitels ‚Die Menzer Forst und der Große Stechlin’ gehörte. Es entstand 1873 als Ergebnis einer erneuten ‚Wanderung’ durch die Mark.[7]

In einem ersten Schritt soll eine Analyse dieses Kapitels Auskunft darüber geben, wie der Stechlin-See hier in Szene gesetzt wurde und welche Rolle er in der Textkomposition spielt.

2.1.1 Die Menzer Forst

Bereits das Motto, das dem Kapitel ‚Die Menzer Forst und der Große Stechlin’ vorangestellt ist,[8] verspricht dem Leser „dieses Waldes sagenvolle Stätte“.[9] Bezeichnenderweise fällt dieser letzte Vers des Mottos aus dem Reimschema heraus, was ihn besonders prägnant und für den Leser auffällig macht.[10]

In einer im Präsens gestalteten Einführung klärt der autodiegetische Erzähler[11] den Leser sodann über den Menzer Forst auf, der „[i]n der Nordostecke der Grafschaft liegt“, einer „verlorenen Grafschaftsecke“, in der ein „ganz eigenartiges Leben“ waltet.[12]

Schon dieser Beginn, der dem Leser die Gegenwart des Ortes zeigt, wie sie nach Betrachtung des Erzählers erscheint, kommt nicht ohne den Hinweis aus, in diesem Menzer Forst liege „der sagenumwobene ‚Große Stechlin’“.[13] Der Erzähler scheint bestrebt, den Leser von Anfang an mit einer mystischen Atmosphäre von Abgeschiedenheit und Legenden zu konfrontieren, was sich im Verweis auf die Einsamkeit und Rückständigkeit der Gegend[14] ebenso ausdrückt wie im Erwähnen der Schmugglervergangenheit. Der Leser wird so auf das Kommende vorbereitet, ihm wird durch den Tempusgebrauch außerdem nahe gelegt, dass es in der Gegenwart noch so ist, der Besuch des Wanderers nur einen kurzen Moment darstellte.

Es folgt eine Rückschau in „die Mitte des vorigen Jahrhunderts“,[15] ein im Präteritum gestalteter Exkurs auf die fast völlige Vernichtung des Menzer Forstes als Folge des Brennstoffraubbaus und seine glückliche Regenerierung.[16] Folgerichtig schließt der Erzähler den Rahmen mit einer Rückkehr ins Präsens und einer direkten Einladung des Lesers, mit ihm in den Forst zu reisen, dessen Panorama er soeben vor ihm entfaltet hat und „der ein Leben für sich führt“[17]: „In ihn hinein wolle mich jetzt der Leser begleiten.“[18]

2.1.2 Die Fahrt durch den Forst

Als wäre der Leser ein anwesender Gast, der mit ihm im Wagen sitzt, bietet der Wanderer einen „Platz auf dem Pürschwagen“[19] an, mit dem es durch den Forst geht. In einem die Unmittelbarkeit steigernden Präsens wird die Fahrt mit ihren Hindernissen und Freuden ausgemalt.[20]

In Form von erlebter Rede, die jedoch unheimlicherweise der Forst selbst zu erzählen scheint,[21] geht es um die gruselige Vergangenheit dieses Waldgebietes. „Förster und Wildschütz“ hätten hier ihre Kämpfe ausgetragen, es ist gar von „Menschenopfern“ die Rede, zu denen sich die „tiefen Waldseen […] von uralter Zeit her einen Hang […] bewahrt haben“.[22] So verwandelt sich das Gespräch über den Tod eines ermordeten Försters in eine kurze Geschichte dieser ungesühnten Bluttat, in die das plötzliche Erscheinen des Stechlin regelrecht hinein bricht, den Leser an der Unmittelbarkeit des Erstaunens des beeindruckten Erzählers teilhaben lässt.[23]

2.1.3 Der Große Stechlin

Das Auftauchen des Stechlin in dem Geschehen wird von einem erneuten Wechsel der Zeitform begleitet, der Erzähler nutzt nun wieder das Präteritum zur Schilderung seiner Eindrücke des Sees, wodurch der Stechlin-Abschnitt eine Abgrenzung von der vorherigen Darstellung erfährt.[24] Der Leser ist nicht länger ein ‚Begleiter’ des Wanderers, sondern nur noch ein Lauschender, dem eine Legende aus der Vergangenheit geschildert wird.

In der folgenden Beschreibung treten die natürlichen und typischen See-Eigenschaften des Stechlin sofort in den Hintergrund.[25] An ihrer Stelle findet sich eine konsequente Personifizierung des Sees, der dem Erzähler „geheimnisvoll“[26] erscheint, „einem Stummen gleich, den es zu sprechen drängt“.[27] Dieses Gleichnis des Erzählers nimmt der Führer sogleich auf, dessen in direkter Rede wiedergegebene Erklärungen den Stechlin weiter vermenschlichen.[28]

Still liege er da, berichtet der Führer, doch die Leute wüssten von ihm zu erzählen. Dass er einer von den „Vornehmen“ sei, „die große Beziehungen unterhalten“.[29] Dass er „Launen“ habe, „wie eine Frau“.[30]

Dem See wird ein menschlicher „Eigensinn“ unterstellt, der ihn „sein Antlitz“ runzeln und verdunkeln lasse.[31] Die Fischer wüssten am besten, wie mit ihm umzugehen sei, doch wolle es ein „Waghals […] ertrotzen“, so steige „der Hahn“ auf, „rot und zornig, der Hahn, der unten auf dem Grunde des Stechlin sitzt“.[32] Und der wütende Hahn greife das Boot an, wie er die „ganze Menzer Forst“ durchkrähe – „von Dagow bis Roofen und bis Altglobsow hin“.[33]

2.1.4 Globsow

Angesichts der sinkenden Sonne verlässt der Wanderer mit seinen Begleitern kurz darauf den See, um noch einen Abstecher in das Revier der Globsower Glas-hütten zu machen. Er freut sich kurz am Spiel der Kinder, doch sind es nicht so sehr die Menschen, die hier am See leben, die ihn interessieren, schon gar nicht die Arbeiter der Glashütten – es ist eine neue Gruselgeschichte über das Grabmal „Metas Ruh“, die er sich von einem Einheimischen im starken örtlichen Dialekt darstellen lässt.[34]

[...]


[1] Es ist umstritten, ob ‚Fünf Schlösser’ von 1889 als eigenständiges Werk oder als fünfter Band der ‚Wanderungen’ zu betrachten ist. Es war nicht Teil der Gesamtausgabe von 1892. Vgl. Walter Erhart: Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. von Christian Grawe und Helmuth Nürnberger. Stuttgart: Kröner 2000. S. 819.

[2] Ebd. S. 818-819.

[3] Ebd. S. 820.

[4] Ebd.

[5] Andreas Amberg: Poetik des Wassers. Theodor Fontanes „Stechlin“: Zur protagonistischen Funktion des See-Symbols. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 115. Band (1996). S. 542.

[6] Vgl. Theodor Fontane. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Teil. Die Grafschaft Ruppin. Hrsg. von Gotthard Erler und Rudolf Mingau. 3. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau 1987. S. 609-641.

[7] Vgl. Ebd. S.622-624 und 738-739.

[8] Über den Mottoeinsatz bei Fontane vgl. Erdmut Jost: Das poetische Auge. Visuelle Programmatik in Theodor Fontanes Landschaftsbildern aus Schottland und der Mark Brandenburg. In: „Geschichte und Geschichten aus Mark Brandenburg“. Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg im Kontext der europäischen Reiseliteratur. Internationales Symposium des Theodor-Fontane-Archivs in Zusammenarbeit mit der Theodor-Fontane-Gesellschaft. 18.-22. September 2002 in Potsdam. Hrsg. von Hanna Delf von Wolzogen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2003. S. 76-77.

[9] Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Erster Teil. Die Grafschaft Ruppin. 3. Auflage. Berlin und Weimar: Aufbau 1987. S. 369.

[10] Das Reimschema folgt allerdings auch im Original der Strophe diesem Aufbau. Fontane veränderte für das Motto ein Poem von Lenau, dessen letzter Vers eigentlich lautet: „Auf dieses Urwalds grauenvolle Stätte.“ Vgl. A. Amberg: Poetik des Wassers. S. 544.

[11] Das Thema des Erzählers in den ‚Wanderungen’ ist eine kompliziertere Fragestellung, als es auf den ersten Blick erscheint. Vergleiche die Ausführungen unten.

[12] T. Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. S. 369.

[13] Ebd.

[14] „Hundert Jahre haben hier wenig oder nichts geändert“ (Ebd.).

[15] Ebd.

[16] Ebd. S. 369-371.

Fontane beschäftigte sich in mehreren Kapiteln seiner ‚Wanderungen’ kritisch mit „Kalk-, Holz-, Torf- oder Obstbedarf Berlins“ (Hans-Heinrich Reuter: Fontane, „Glindow“. Zugleich Anmerkungen zu besserem Verständnis einiger Aspekte der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. In: Wissen aus Erfahrungen. Werkbegriff und Interpretation heute. Festschrift für Herman Meyer zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Alexander von Bormann. Tübingen: Niemeyer 1976. S. 532.). Vgl. beispielhaft die Untersuchung des Kapitels „Glindow“ durch Reuter (Ebd. S. 512-540.).

[17] T. Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. S. 371.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] „[J]etzt über den Graben und jetzt über niedergestürzte Bäume hin […] das Gefühl der Fährlichkeit geht in der Wonne des Hindernisnehmens unter“ (Ebd.).

[21] „So still der Wald, und doch erzählt er auf Schritt und Tritt“ (Ebd.).

[22] Ebd.

[23] Ebd. S. 371-372.

[24] Der Tempuswechsel an dieser Stelle wirkt sonderbar und nicht ganz erklärlich. Der Erzähler schildert den Beginn der Geschichte des Försters noch im Präsens, geht dann in einem Satz ins Präteritum über: „wo das Unterholz sich durch die Waldrinne zieht […] da lag er“ (Ebd. S. 371. Hervorhebungen vom Verfasser S. K.). Nach dem Ende dieser Geschichte kehrt der Erzähler aber nicht in die Gegenwart zurück, das Präteritum bleibt für den gesamten folgenden Text erhalten: „So ging das Geplauder, als plötzlich […] eine […] Wasserfläche sichtbar wurde “ (Ebd. S. 372. Hervorhebungen vom Verfasser S. K.). Somit rückt der Erzähler vom unmittelbar erlebenden Ich, das aber auch Geschichten aus der Vergangenheit schildert, ab und betätigt sich als Berichterstatter vergangener eigener Erlebnisse. Wie bereits erwähnt, stellen die ‚Wanderungen’ den Leser in Bezug auf den Erzähler vor einige Probleme.

[25] Der Leser erfährt wenig mehr, als dass es sich um einen „buchtenreiche[n]“ See handelt (Ebd.).

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Es ist vielleicht eine Erwähnung wert, dass der Führer Hochdeutsch spricht, im Gegensatz zu dem Dorfbewohner, der dem Wanderer kurz darauf Auskunft gibt. Tatsächlich hat Fontane den Dialekt dieses Dörflers bewusst belassen, um das Geschilderte lebensechter zu machen. (vgl. Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe. Abteilung II. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Dritter Band. Hrsg. von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. Anmerkungen von Jutta Neuendorff-Fürstenau. Dritte, im Text und in den Anmerkungen revidierte Auflage. München: Hanser 1987. S.874-875). Ein Beispiel für das Spannungsfeld von realistischer Schilderung und künstlerischem Anspruch (s. u.).

[29] T. Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. S. 372.

[30] Ebd. S. 372-373.

Dieser Vergleich der Landschaft mit einer Frau, ist der Formulierung im Vorwort der zweiten Auflage nahe, die der „märkischen Natur“ die „sieben Schönheiten“ der Frauen zuschreibt (Ebd. S. 5.).

[31] Ebd. S. 373.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

Das Schema der Beschreibung geht vom speziellen und einmaligen Geschehen, dem Lissaboner Erdbeben von 1755, zum Allgemeinen, dem wiederkehrenden ‚Verhalten’ des Sees. Erzähltechnisch ein Wechsel von singulativem zu iterativem Erzählen.

[34] Ebd. S. 373-375.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Ein Stummer, den es zu sprechen drängt" - Der "Stechlin" in Fontanes Werk
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V92108
ISBN (eBook)
9783638058612
ISBN (Buch)
9783638949521
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stechlin, Theodor Fontane, Fontanes Werk, Der Stechlin, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Brandenburg, Naturalismus, Spätwerk, Wanderungen
Arbeit zitieren
Stefan Krause (Autor), 2007, "Ein Stummer, den es zu sprechen drängt" - Der "Stechlin" in Fontanes Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92108

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