Nord- und südkoreanische Annäherung seit 2017. Analyse der koreanischen und außerkoreanischen Perspektive


Hausarbeit, 2019

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Forschungsfrage
1.2. Hypothesesen

2. Wandel und Prozesse in Nordkorea, USA und Südkorea
2.1. Wandel in Nordkorea
2.2. Wandel in den USA
2.3. Wandel in Südkorea
2.4. Atombomben- und Raketentests
2.4.1. Atombombentest
2.4.2. Raketentests
2.5. UN-Sanktionen

3. Windows of opportunity

4. Akteursanalyse – Nordkorea, China, Südkorea und die USA
4.1. Nordkorea – Interessen und Strategien
4.1.1. Interessen Nordkorea
4.1.2. Strategie Nordkorea
4.2. China - Interessen und Strategien
4.2.1. Interessen China
4.2.2. Strategie China
4.3. Südkorea - Interessen und Strategien
4.3.1. Interessen Südkorea
4.3.2. Strategie Südkorea
4.4. USA - Interessen und Strategien
4.4.1. Interessen USA
4.4.2. Strategien USA

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Ereignisse in Bezug auf Nordkorea sind in den Medien oft sehr präsent. Leider tendieren die Schlagzeilen und Artikel häufig in eine reißerische Richtung. Jedoch war die Annäherung zwischen Nordkorea und Südkorea, sowie die Konfrontation zwischen den USA und Nordkorea seit 2017, und die Vorbereitungen auf ein (historisches) erstes direktes Treffen zwischen dem Präsidenten der USA und dem „Obersten Führer“ Nordkoreas etwas besonders, und eröffneten eine andere Perspektive auf die Geschehnisse auf der koreanischen Halbinsel.

Im Folgenden sollen die verschiedenen Akteure, sowie die vorausgegangenen Veränderungen bei diesen näher betrachtet, sowie die verschiedenen Interessenlagen und Strategien ergründet werden, welche letztendlich für ein Aufbrechen der Starre in diesen Konflikt gesorgt haben.

1.1. Forschungsfrage

Um herauszufinden, wieso die Gespräche zwischen Süd- und Nordkorea wieder aufgenommen wurden, welche unter anderem zu dem prominenten Aufeinandertreffen Kim Jong-Uns und Moon Jae-Ins am 27. April 2018 in Panmunjeom führte, in der sich beide Staatsführer freundlich die Hand gaben, und sich einluden gegenseitig die Grenze zu übertreten, und dabei aber auch die Außenfaktoren mit einzubeziehen, werde ich in dieser Arbeit folgender Forschungsfrage nachgehen:

Welche Interessen, Strategien und windows of opportunity führten zu einer Wiederaufnahme der Gespräche der direkt und indirekt Beteiligten im Korea-Konflikt?

Gemeint sind in diesem Fall Nordkorea, Südkorea, die USA und China. Je nach Perspektive gehört China dazu oder nicht. Aus diesem Grund kam es zu dieser Formulierung.

1.2. Hypothesesen

Nach einem ersten Überblick über den Forschungsstand und den für mich markantesten Infos, stellten sich für mich folgende Annahmen heraus, welche Überprüft und gegebenenfalls falsifiziert werden sollen:

1. Trumps „maximum pressure“-Strategie führte zu Eingeständnissen Nordkoreas.
2. China hat ein Interesse am Status-quo-Erhalt der koreanischen Halbinsel.
3. Südkorea ist nicht an einem Zusammenbruch Nordkoreas interessiert.
2. Wandel und Prozesse in Nordkorea, USA und Südkorea

2.1. Wandel in Nordkorea

Unter Kim Jun Ils Machtübernahme 1995 fokussierte sich die Politik Nordkoreas ein wenig mehr auf wirtschaftliche Schwierigkeiten und externe Bedrohungen, jedoch ohne von der „military first“ Politik abzuweichen (vgl. Hong & Cho 2018: 498).

Seit Kim Jong-Un zum neuen Führer Nordkoreas wurde, deuteten sich schon zu Beginn Änderungen in der nordkoreanischen Politikführung und dessen Zielen an (vgl. Süddeutsche Zeitung 2018, Mai 13). Bei einem Treffen der Koreanischen Arbeiterpartei im März 2013 erklärte Kim Jong-Un eine neue Politik. Von nun an soll „Byungjin“, also eine parallele Entwicklung von Atomwaffen und Wirtschaft, anstatt wie bisher „Songun“ (Militär zuerst) verfolgt werden (vgl. CFR 2013, November 20; Süddeutsche Zeitung 2018, Mai 13). Unter anderem soll dadurch eine Hauptfokussierung auf Atomwaffen, anstatt konventionellen Waffen, gerichtet werden, um dadurch die freiwerdenden Mittel in die Wirtschaft des Landes investieren zu können (vgl. Spiegel Online 2013, April 04).

Aber auch insgesamt soll sich Kim Jong-Un in privater Ebene von seinem Vater und Großvater unterscheiden – er ist materialistischer und moderner, insgesamt eine leichter zugängliche Person – zumindest legt er in der öffentlichen Wirkung darauf Wert. Darunter zählt unter anderem die zur Schau gestellte Vorliebe zu US-Basketball, wie unter anderem seine Freundschaft mit Dennis Rodman zeigt; zeitgenössische Popkultur, wie beispielsweise für die südkoreanische K-Pop-Band „Red Velvet“; direkte Reden an sein Volk, während sein Vater nur ein einziges Mal in seiner Herrschaft eine öffentliche Rede hielt; eine leichte Öffnung der heimischen Wirtschaft für mehr Autonomie; und die Erbauung von Wasserparks und Skigebieten für nordkoreanische Eliten und ausländische Touristen. All das wird unter anderem auf seine Schulzeit in der Schweiz zurückgeführt (vgl. South China Morning Post 2019, Februar 09; Park 2018).

2.2. Wandel in den USA

Unter Obama wurde mittels Cyberangriffen versucht, das nordkoreanische Raketenprogramm zu verlangsamen, insbesondere durch Sabotage der Startsequenzen bei Raketentests. Nach Meinung mancher Analysten wurde damit einige Jahre Zeit erkauft, bevor Nordkorea in der Lage ist, mit seinen Atomraketen US-amerikanische Städte zu erreichen (vgl. New York Times 2017, März 04). Die New York Times schrieb am 04. März 2017, dass die USA immer noch nicht in der Lage wären, das nordkoreanische Nuklear- und Raketenprogramm zu stoppen. So soll Obama deshalb im Übergabegespräch Trump schon gewarnt haben, dass Nordkorea sein wohl akutestes Problem werden würde, mit dem er sich auseinandersetzen muss (vgl. New York Times 2017, März 04).

Obamas Nordkorea-Strategie wird oft als „ignorance strategy“ (vgl. Kim 2017: 2) oder auch als „strategic patience“ beurteilt (vgl. The Diplomat 2017, April 28), unter der es Nordkorea gelang, vier Atombombentests während seiner Amtszeit durchführen, und die USA sich hauptsächlich nur auf Wirtschaftssanktionen, sowie nur wenig Druck auf Drittländer beschränkte (vgl. Kim 2017: 2).

Die Trump‘sche Nordkorea-Strategie unterscheidet sich von der Obamas in der Intensität und Varietät, sowie der intensiveren Einbeziehung bzw. ebenfalls Druckausübung auch auf die Drittländer, die mit Nordkorea Handel treiben – insbesondere China, sowie auch der militärischen und diplomatischen Bereiche, und aggressive Statements nach nordkoreanischen Raketenstarts (vgl. Kim 2017: 2f.), aber auch mit dem deutlichem Signal, dass man unter den „richtigen Umständen“ für direkte Gespräche mit Nordkorea bereit sei (vgl. Kim 2017: 3; The Diplomat 2017, April 28).

Um das Ziel, die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel, zu erreichen, und um andere Länder wie China zu gemeinsamen Sanktionen zu bewegen, nutzte Trump unter anderem die zuvor angesprochenen militärischen Mittel der USA. Beispielsweise verkündete Trump noch vor dem ersten Trump-Xi Treffen im April 2017 in Florida, dass der Flugzeugträger „Carl Vinson“ zur koreanischen Halbinsel verlegt werden sollte, und die USA notfalls auch bereit seien alleine gegen Nordkorea zu handeln (vgl. Kim 2017:2; New York Times 2017 April 10; New York Times 2017, April 18), gefolgt von einem symbolischen Raketenangriff auf syrische Bodenziele, welche als Warnung an Bashar Al-Assad gedacht war, nachdem ein Giftgasangriff stattfand, aber nicht ganz zufällig während des Treffens mit Xi angeordnet wurde, sondern auch um Entschlossenheit zu signalisieren, mit Blick auf eine gewünschte chinesische Beteiligung an Nordkorea-Sanktionen (vgl. New York Times 2017, April 18; Reuters 2017, April 7; Kim 2017: 2).

2.3. Wandel in Südkorea

Seit den Präsidentschaftswahlen 2008 waren die Regierungen in Südkorea von konservativen Kräften dominiert, welche wenig mit der Sunshine-policy von Kim Dae-Jung gemein hatten (vgl. Schäfer 2018: 635f.).

Nach der Amtsenthebung der konservativen Präsidentin Roh Moo-Hyun Ende 2016, und den Neuwahlen 2017, infolge dessen Moon Jae-In zum neuen Präsidenten Südkoreas wurde, rückte wieder eine Annäherung an Nordkorea in den Blickpunkt, nachdem dieser schon im Wahlkampf u.a. damit warb, die innerkoreanischen Beziehungen wieder zu verbessern, sowie für eine unabhängigere Politik Südkoreas plädierte (vgl. Schäfer 2018: 638f).

Des Weiteren kommt hinzu, dass Südkorea, wie der Name schon andeutet, ein Teil von etwas ehemals Größerem ist, und eine gemeinsame Sprache und eine jahrtausendealte Kultur mit Nordkorea teilt. Jedoch ist dieses Gemeinsame immer weiter am Abnehmen, je weiter die Teilung andauert.

Bereits jetzt ist die Jugend von einer Wiedervereinigung mit Nordkorea weitestgehend abgeneigt (vgl. DW 2018, August 07; NZZ 2018, April 30), die Wirtschaftlichen- und Lebensumstände weisen eine fortschreitende Lücke zwischen Nord und Süd auf. Auch sprachlich unterscheiden sich die eigentlich gemeinsame Sprache immer mehr, sodass neben den Anglizismen auch koreanische Worte unterschiedlich interpretiert werden (vgl. Welt 2015, März 17). Aufgrund dessen ist es möglich, dass der neue südkoreanische Präsident Moon Jae-In möglicherweise der vorläufig letzte Präsident Südkoreas sein könnte, der einen Wahlkampf u.a. mit dem Werben einer Annäherung mit Nordkorea gewinnen kann.

2.4. Atombomben- und Raketentests

Um einen zeitlichen Eindruck über die vorangegangenen Ereignisse zu ermöglichen, sowie eine Einordnung der weiteren Inhalte zu gewährleisten, sind die folgenden beiden Übersichten der Atomwaffentests, sowie eine Zusammenstellung ausgewählter Raketenstarts Nordkoreas unverzichtbar.

2.4.1. Atombombentest

Folgende Randdaten der Atomwaffentests seitens Nordkoreas (vgl. CSIS 2017, November 29), sowie zum Vergleich die US-amerikanische Atombombe „Fat Man“, welche 1945 in Nagasaki abgeworfen wurde (vgl. Washington Post 2015, August 05):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 : Atomwaffentests Nordkroeas Eigene Darstellung der Daten von CSIS 2017

2.4.2. Raketentests

Nach der Datensammlung des Center for Strategic and International Studies (CSIS 2017, November 29), kann man eine verstärkte Anhäufung von Nordkoreanischen Raketentests seit 2014 beobachten. Waren es beispielsweise 2013 noch 8 Raketenstarts, so waren es 2014 schon 17 Raketenstarts, gefolgt von 18 in 2015, 21 im Jahr 2016 und letztendlich 24 Raketenstarts im Jahr 2017 (vgl. CSIS 2017, November 29). Im Folgenden wird eine Auswahl der wichtigsten Raketentests seit Januar 2016 bis Ende 2018 vorgestellt, wobei zu beachten ist, dass Nordkorea seit dem 28. November 2017 bisher keine weiteren Raketen getestet hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : CSIS Nordkoreas vermutete Raketenreichweite

Am 7. Februar 2016 startete Nordkorea eine Taepodong-2 Rakete (vgl. CSIS 2017, November 29) um einen Satelliten in den Orbit zu schießen. Jedoch wird vermutet, dass der Start hauptsächlich zum Test ballistischer Raketen verwendet wurde. Zudem wird befürchtet, dass die Rakete zukünftig soweit ausgebaut und zu einer Interkontinentalrakete umfunktioniert werden könnte, dass sie eine Distanz von bis zu 10.000 km erreichen könnte (vgl. 38North, 2016, Februar 9).

Im April testete Nordkorea die Hwasong-12 Mittelstreckenraketen gleich drei Mal, wobei alle drei Tests fehlschlugen. Das Debut der Rakete war am 5. April 2017, gefolgt von dem 16. und 29. April. Der erste bekannte erfolgreiche Test war der 14. Mai 2017 (vgl. The Diplomat 2017, Juni 03).

Am 3. Juli 2017 startete Nordkorea eine zweistufige Hwasong-14 Rakete, welche damals mit einer Reichweite von mindestens 5.500km eingeschätzt wurde, und damit erstmals (wenn auch gerade so) den Kriterium einer Interkontinentalrakete entsprach, und damit die USA, wenn auch zunächst nur Alaska, erreichen werden könnte (vgl. CNN 2017, Juli 05).

Keinen Monat später, am 28. Juli 2017, startete Nordkorea erneut eine Hwasong-14 Rakete, welche fast senkrecht für 45 Minuten auf eine Höhe von ca. 3.700 km stieg, und später in das japanische Ostmeer fiel. Übertragen auf eine normale ballistische Flugbahn, wird eine Distanz von ungefähr 10.400 km geschätzt, was eine komplette Abdeckung der US-amerikanischen Westküste entspricht, und damit Großstädte wie Los Angeles, Denver und Chicago in Reichweite Nordkoreanischer Raketen lägen (siehe u.a. Abbildung 1). Zudem befürchtet der Experte David Wright, dass mit der Erdrotation hinzugenommen, nordkoreanische Raketen eventuell auch Boston oder New York erreichen könnten (vgl. Washington Post 2017, Juli 28; Wright 2017, Juli 28).

Die nächsten erwähnenswerten Raketentests fanden am 28. August & am 14. September 2017 statt, indem jeweils eine Hwasong-12 Mittelstreckenrakete über Japan hinweg geschossen wurde. Es wird vermutet, dass damit eine Demonstration der Macht insbesondere in Richtung Japan und dem US-Stützpunkt Guam gerichtet wurden, wobei auch letzteres, Guam, welches 3.400 km von Nordkorea entfernt ist, ohne Probleme erreicht werden könnte (vgl. Washington Post 2017, August 28; AP 2017, September 15).

Am 28. November 2017 startete Nordkorea eine völlig neue Rakete, die Hwasong-15. Sie flog 4.500 km hoch, und flog 8 Minuten länger als die vorherige Interkontinentalrakete, die Hwasong-14. Es ist die nun größte und mordernste je von Nordkorea hergestellte Rakete, welche nach Berechnungen in der Lage ist, 13.000 km weit zu fliegen, und damit jeden Punkt in den USA (siehe u.a. Abbildung 1) treffen kann (vgl. Washington Post 2017, November 28).

2.5. UN-Sanktionen

UN Sanktionen seit Januar 2013 bis Dez 2018 gegen Nordkorea (vgl. Arms Control Association 2019):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 : UN-Sanktionen gegen Nordkorea seit 2013 - Eigene Darstellung der Daten Arms Control Association 2019

3. Windows of opportunity

Nordkoreas innenpolitischer Wandel einer ökonomischen Transformation fiel passsenderweise mit Südkoreas „Engagement“-Strategie zusammen, um externe Spannungen im direkten Umfeld abzubauen (vgl. Hong & Cho 2018: 494).

Nach all dem Hin und Her, den Drohungen seitens den USA und Nordkorea, schien der letzte Schritt, endlich Verhandlungen zu beginnen, zu fehlen.

Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang im Frühjahr 2018 boten eine solche Möglichkeit, eine Plattform für erste Treffen aller Beteiligten, ohne das eigene Gesicht zu verlieren und Schwäche zu zeigen, wenn auch zunächst ohne eine aufgeschlossene Haltung der USA. Südkorea nahm dennoch die Chance in die Hand, und eröffnete so die Möglichkeit für erste Annäherungen, wenn auch zunächst nicht zwischen den USA und Nordkorea, sondern zwischen Nordkorea und Südkorea (vgl. Shin & Lee 2018).

Moon Jae-In hatte seit Monaten offiziell und inoffiziell auf eine Einbindung Nordkoreas in die Olympischen Winterspiele 2018 hingearbeitet, um die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel abzubauen. Unter anderem ging diesem Wunsch eine Reihe informellen Gespräche in China mit nordkoreanischen (Sport-) Funktionären voraus (vgl. Ballbach 2018: 3).

Letztendlich sagte Kim Jong-Un in seiner Neujahrsansprache 2017/2018 indirekt zu, indem er eine Teilnahme Nordkoreas bei diesen offiziell in Aussicht stellte, was von Experten als ein deutliches Signal für einen neuen moderaten Kurs gewertet wurde. Südkorea begrüßte dies noch am Neujahrestag 2018 (vgl. FR 2018, Januar 01).

4. Akteursanalyse – Nordkorea, China, Südkorea und die USA

4.1. Nordkorea – Interessen und Strategien

4.1.1. Interessen Nordkorea

Als (langfristiges) Ziel Nordkoreas gelte, dass Nordkorea international als Atommacht anerkannt wird, seine Beziehungen mit den USA normalisieren kann, sowie wirtschaftliche mit seinen Nachbarländern eingebunden wird (vgl. TAZ 2019, März 22). Anderenfalls kursieren aber auch Überlegungen, dass Nordkorea (zumindest kurz- oder mittelfristig) nun, wie in den Zeiten des Kalten Krieges – welcher zumindest in leichter Form auch zwischen den USA und China aufzuflammen scheint, als großer Kampf um Einflussräume (vgl. Zeit Online 2018, November 15; WiWo 2019, Februar 01) – für sich nutzen möchte (vgl. Tagesspiegel 2018, Mai 02).

Das Interesse seitens Chinas an Nordkorea ist gering, solange Nordkorea einfach existiert und als Puffer dient. Nordkorea musste zusehen, wie China sich lieber mit Südkorea, anstatt mit Nordkorea trifft. Es buhlte geradezu um die Aufmerksamkeit Chinas, ohne Erfolg.

Inzwischen wird das Verhältnis zwischen China und Nordkorea als „hohl“ betrachtet, was eine Suche Nordkoreas nach anderen Partnern unerlässlich macht, um sich von einer Abhängigkeit des desinteressierten Chinas zu lösen. (vgl. Tagesspiegel 2018, Mai 02).

4.1.2. Strategie Nordkorea

Nordkoreas außenpolitischer Ansatz wurde bisher als „Brinkmanship“, also des „bis auf das Äußerste gehen“, bekannt aus dem Kalten Krieg, beschrieben (vgl. Hong & Cho 2018: 497). Für manche Außenstehenden wirkte die nordkoreanische Strategie teilweise unberechenbar, ergab aber aus der nordkoreanischen Sicht heraus durchaus Sinn, verschaffte man sich damit maximale Verhandlungsmacht (vgl. Hong & Cho 2018: 497), insbesondere dann, wenn man die nordkoreanische politische Stabilität, Führung, Geschichte und Kultur betrachtet, welche diese Strategie reflektiert (vgl. Park, nach Hong & Cho 2018: 497).

Beispielsweise beurteilte der Analyst Bruce Bennet in einem Artikel in der BBC, dass der nordkoreanische Raketenstart am 7. Februar 2016 vermutlich ein Appell an China, sowie eine Absicherung im politischen System war, um noch vor dem 7. Parteikongress (erster unter Kim Jong-Un), dringend gebrauchte politische Erfolge zu erzielen, scheiterte der zuvor so pompös angekündigte Test einer Wasserstoffbombe, welcher jedoch nach Experten lediglich eine Effektivität von nur 10 Kilotonnen erbrachte, und damit weniger als 1% Sprengkraft einer üblichen Wasserstoffbombe aufwies, und dementsprechend nur als Nuklearbombe eingeschätzt wurde . Es wurde angenommen, dass der vormals wichtige chinesische Verbündete Nordkorea als unwichtig betrachtet, da in den letzten 3 Jahren 6 Gipfeltreffen mit Südkorea stattfanden, jedoch keine mit dem Norden (vgl. BBC 2016, Februar 07).

Interessanterweise stellte beispielsweise Min Hong (vgl. Hong 2017: 5) einen Zusammenhang zwischen Raketenstarts und Atombombentests während bzw. kurz vor bestimmter Gipfeltreffen her, wie Beispielsweise dem ersten USA-China Treffen am 06.04.2017, oder dem G-20 Gipfeltreffen am 06.07.2017 in Hamburg, bei dem sich unter anderem Trump vorab mit Moon und Abe (vgl. DW 2017, Juli 06), sowie Xi mit Moon (vgl. GBTimes 2017, Juli 07) trafen, und Nordkorea jeweils vor diesen beiden Terminen Raketen startete, um wahrscheinlich die Gespräche noch deutlicher auf die Nordkorea-Frage während dieser Treffen zu lenken. Aber auch nach Wahlen in Südkorea oder USA, sowie US-Amtseinführungen, nutzte Nordkorea Raketentests als Kommunikationsmittel (vgl. Hong 2017).

Eine solche Strategie verweist offensichtlich auf das Verlangen nach Berücksichtigung bzw. Verhandlungen seitens Nordkoreas, da es aufgrund der fehlenden direkten Kommunikationskanäle mit beispielweise den USA nicht zurückgreifen kann.

Zudem gehörte zur Strategie Kim Jong-Uns offensichtlich, die Reichweite seiner Raketen, und die Bedrohung seiner Nuklearwaffen zu maximieren (siehe Kapitel 2.4.1 & 2.4.2), und damit sein Verhandlungspotential gleichermaßen zu erhöhen, um dann gestärkt in Verhandlungen gehen zu können, und gleichermaßen den Druck seitens der USA der durch die Drohungen Trumps aufgebaut wurde, durch eigene realistische Zweitschlagmöglichkeiten auf das US-Festland zu verringern (vgl. Deutschlandfunk 2018, Juni 11; South China Morning Post 2019, Februar 09).

Bestätigt wird dies unter anderem damit, dass Kim nach dem erfolgreichen Test der Hwasong-15 Interkontinentalrakete, welche in der Lage ist jeden Punkt der USA zu treffen, die Entwicklung der Atombomben und Raketen für abgeschlossen erklärte, und sich in der Neujahresansprache 2017/2018 an Südkorea wandte (vgl. Deutschlandfunk 2018, Juni 11).

Nordkorea ist mit den Reformen und Reformbestrebungen einem riesigen Balance-Akt konfrontiert. So stellt sich unter anderem für Kim Jong-Un die Frage, wie er sein Land öffnen kann, ohne dass das Regime dadurch letztendlich zusammenbricht (vgl. Süddeutsche Zeitung 2018, Mai 13), wie einst die DDR oder die Sowjetunion. Und zusätzlich ist die Frage, wie weit er letztlich überhaupt gehen kann, ohne dass Hardliner in der Armee in stürzen, was in Ländern mit einer starken Stellung des Militärs häufig eine Gefahr ist (vgl. dazu beispielsweise Völkel & Chambers 2010).

Aufgrund dessen ist Kim Jong-Un auf Verhandlungen mit den USA angewiesen. Nur durch Lockerungen der (UN-) Sanktionen und Frieden mit den USA kann Nordkorea an Kredite des IWFs, der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank gelangen, um das Land ohne eine Öffnung wie Vietnam zu vollziehen, da ansonsten die Gefahr wie bei der Grenzöffnung der DDR bestehen würde, und die Menschen in den reicheren Süden flüchten würden (vgl. Deutschlandfunk 2018, Juni 11)

Südkorea kann für Nordkorea daher ein wichtiger und hilfreicher Partner sein, wodurch unter anderem die erfolgte Annäherung seitens Nordkoreas zu erklären wäre, ohne aus nordkoreanischer Sicht wirklich fundamentale Zugeständnisse zu machen, wie unter anderem die Zerstörung des Atomwaffentestgeländes „Punggye-ri“, welches ohnehin schon nach dem letztem Test einer Wasserstoffbombe unbrauchbar wurde (vgl. Spiegel Online 2018, Mai 24.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Nord- und südkoreanische Annäherung seit 2017. Analyse der koreanischen und außerkoreanischen Perspektive
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V921313
ISBN (eBook)
9783346248732
ISBN (Buch)
9783346248749
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trump, USA, Außenpolitik, Teilung Korea, Korea Annäherung, Fire and Fury, Nordkorea, Atomwaffen Außenpolitik, Raketentests Nordkorea, Maximum Pressure Strategie, Moon Jae In, China, Japan, USA Containment Strategie, Kim Jong Un, UN-Sanktionen Nordkorea, window of opportunity
Arbeit zitieren
Maximilian Fiedler (Autor), 2019, Nord- und südkoreanische Annäherung seit 2017. Analyse der koreanischen und außerkoreanischen Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921313

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