Erziehung und Bildung im Nationalsozialismus. Wie konnte die nationalsozialistische Erziehung viele Kinder und Jugendliche begeistern?


Hausarbeit, 2018

20 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DAS „FUNKTIONALE ERZIEHUNGSSYSTEM“
2.1. HITLERS WELTANSCHAUUNG/ IDEOLOGIE
2.2. PÄDAGOGISCHE KONZEPTE NACH ERNST KRIECK
2.3. DAS POLITISCH - PÄDAGOGISCHE KONZEPT NACH BALDUR VON SCHIRACH

3. SCHULE UND BILDUNG IM DRITTEN REICH
3.1. DIE VEREINHEITLICHUNG DES SCHULSYSTEMS
3.2. AUSSERSCHULISCHE BILDUNG - HITLERJUGEND

4. ERKLÄRUNGSVERSUCHE FÜR DEN ERFOLG DER NS-IDEOLOGIE

5. FAZIT

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Der Nationalsozialismus ist eine Weltanschauung, geprägt durch die radikale und rassistische Ideologie Adolf Hitlers, die nach dem ersten Weltkrieg entstand und sich in dem Zeitraum von 1933 bis 1945 erstreckte. Noch heute ist er ein wichtiger Gegenstand in den Geschichtsunterrichten deutscher Schulen. Das zentrale Thema dieser Arbeit bezieht sich auf die Bildung und Erziehung im Nationalsozialismus mit all seinen dazu beitragenden Komponenten. Sie bezeichnen im Allgemeinen die nicht nur theoretische sondern auch praktische Erziehung von Kindern und Jugendlichen, die der totalitären Bewegung unterliegen. Die nationalsozialistische Erziehung umfasst die schulische und außerschulische Erziehung, die in dieser Arbeit thematisiert werden. Nach den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung sollen die Jungen und Mädchen nicht mehr wie im Liberalismus erzogen werden, sondern nach den Ansichten des Führers, die als richtig anerkannt sind, aufwachsen. Die Erforschung der Pädagogik zu dieser Zeit räumt sowohl negative wie auch positive Ereignisse und Erfahrungen ein. Sie, die Pädagogik, hatte einen extrem hohen Stellenwert innerhalb des politischen Geschehens, weshalb die folgenden Kapitel dieser Arbeit sich ausschließlich darauf beziehen. Bei der Bearbeitung der einzelnen Themen stellte ich mir, aufgrund der kritischen Aspekte über die nationalsozialistische Erziehung im dritten Reich, eine hoch diskutable Frage, die wie folgt lautet: „Wieso begeisterte die Erziehung und Bildung im Nationalsozialismus so viele Kinder und Jugendliche“?

Im ersten Abschnitt („das funktionale Erziehungssystem“) meiner Arbeit lege ich die Ideologie Hitlers da, die seine Werte- und Zielvorstellungen beschreiben, welche nicht nur die erzieherischen Maßnahmen und Sichtweisen betreffen, sondern auch seine allgemeinen nationalsozialistischen Ansichten. Darauf folgen wichtige Konzepte von Hitlers Gefolgsmännern Ernst Krieck und Baldur von Schirach, die bedeutenden Einfluss auf das Erziehungswesen nahmen. Hierbei wird versucht, die Theorien der Erziehungswissenschaft zu dieser Zeit besser zu verstehen und die Gedanken und Handlungen der oben genannten Politiker nachvollziehen zu können. Im zweiten Teil kommen die „Schule und Bildung im Dritten Reich“ zum Tragen. Neben der schulischen Erziehung spielt besonders die außerschulische Bildung und Erziehung eine große Rolle. Sie bilden das Fundament für die künftige Elite Deutschlands und sind mehr von Bedeutung als vermuten lässt. In diesem Kapitel wird insbesondere der Weg zum Ziel, die Inhalte sowie die Maßnahmen zur Erziehung Jugendlicher in Organisationen und Gemeinschaften vermittelt. Zum Schluss werde ich auf meine anfänglich gestellte Frage eingehen und Vermutungen aufstellen, wie es zum Erfolg des NS-Regimes, in Bezug auf die kindliche Erziehung, gekommen ist und warum ihr Ansehen bei den Jugendlichen so enorm hoch war.

2. DAS „FUNKTIONALE ERZIEHUNGSSYSTEM“

Bereits während des Nationalsozialismus gab es verschiedenste Theorien und Ansätze zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Dennoch existierte noch keinerlei nationalsozialistische Pädagogik, lediglich Hitlers Vorstellungen aus seinem Werk „Mein Kampf“ diente als Grundlage. Hierbei beziehen sich meine Ausführungen nur auf die Weltanschauung und den pädagogischen Ansichten von Adolf Hitler und seinen Gefolgsmännern Ernst Krieck und Baldur von Schirach, da kaum andere Ansätze zur nationalsozialistischen Erziehung nicht wahrgenommen und umgesetzt wurden. Wichtig ist mir an dieser Stelle, bei jeder Darstellung die Fakten herauszustellen, die wichtig für den NS-Staat und seine Organisation von Erziehung waren.

2.1. HITLERS WELTANSCHAUUNG/ IDEOLOGIE

„Die nationalsozialistische Revolution [...] sei eine Revolution der Erziehung, die sich auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung beziehe“. (Lingelbach, 1969: S.27) Und im Zentrum dieser Weltanschauung steht der Begriff „Rasse“. Wer sich zwischen 1933 und 1945 mit Erziehungsproblemen auseinandersetzte, wurde mit den Inhalten der Ideologie Hitlers konfrontiert. Vorstellungen und Leitbilder deutscher nationaler Bürger werden durch ein „Ideenkonglomerat“ verbunden. Machteliten und insbesondere der „Führer“ setzten mit der instrumentalen Funktion der Ideologie nur wenige Grundprinzipien und Glaubenssätze. Daraus lässt sich schließen, dass der Nationalsozialismus von jeglicher Ideologie fernblieb. (Lingelbach, 1969: S.27f)

Laut Hitler wird die Weltgeschichte durch Rassen bestimmt und für ihn gibt es nur eine hochwertige Rasse: die Arier. Sie sind die Kulturschöpfer mit geistigen und organisatorischen Fähigkeiten, die Herrenmenschen, die Edlen und Selbstlosen. Die anderen Rassen sind nur Kulturträger oder eine ebene tiefer: Kulturzerstörer. Der reine Rassenbegriff dient dazu, das Bewusstsein des Nationalsozialismus zu stärken. Daher muss insbesondere der Arier erzieherisch sowie auch schulisch besonders gefördert werden. (Hojer, 1996: S.22f) Aber nicht nur sie sondern allgemein Kinder „gesunder“ Eltern fallen unter der verstärkten staatlichen „Sorge“. Hitler sieht in ihnen das „Material“, aus dem die „Elite“ gezüchtet werden müsse. Die Erziehung beschränkt sich hier keineswegs nur auf Bildung und Wissensvermittlung, sondern hat die Absicht kerngesunde Körper heranzuzüchten. Die Forderung der Willens- und Entschlusskraft, also die allgemeine „Charaktererziehung“ steht in der nationalsozialistischen Erziehung an zweiter Stelle. Die Gesamte Erziehungsarbeit des völkischen Staates soll darin bestehen, das „Rassegefühl instinktiv und verstandesmäßig in Herz- und Gehirn einzubrennen“. (vgl. Lingelbach, 1969: S.32)

Hitler verdeutlicht seine Vorstellungen zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen wie folgt:

"Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibeserziehungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das Erste und Wichtigste. [...] Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das lernen, was sie ihrem natürlichem Spieltriebe folgend sich freiwillig aneignen. Aber Beherrschung müssen sie lernen. Sie sollen mir in den schwierigsten Problemen die Todesfurcht besiegen lernen“. (Hitler, 1940: zit. n.: Stahlmann/ Schiedeck, 1991)

In diesem Zitat erkennt man deutlich, wie die Vorstellungen Hitlers zur Nationalerziehung aussahen. Bildung spielte nur eine nebensächliche Rolle, was daran liegen kann, dass ein erhöhtes Maß an Bildung zu Gegnern des Nationalsozialismus führen kann. Auch wird die Verantwortung, in die er sich sieht, um die Jugend zu erziehen und zu formen, zum Ausdruck gebracht. In einer Rede von 1938 charakterisiert Hitler sein Erziehungsideal, welches er bereits weitgehend verwirklicht sah:

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes, als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum ersten Male überhaupt frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK usw. Und wenn sie dort zwei Jahre oder eineinhalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs oder sieben Monate geschliffen, alles mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS usw., und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben“. (Giesecke zit. n.: Fest 1980: S.17) Eine ausbruchslose NS-Karriere ohne wählbare Alternativen. So stellt sich Hitler die Kindheit eines jeden Deutschen vor.

2.2. PÄDAGOGISCHE KONZEPTE NACH ERNST KRIECK

Ernst Krieck, deutscher Lehrer, Schriftsteller und Professor, ist neben Alfred Bäumler einer der wichtigsten führenden nationalsozialistischen Erziehungswissenschaftler im dritten Reich. Bereits 1922, also noch lange vor der Zeit des Nationalsozialismus, erlangte Krieck große Anerkennung durch sein Werk „Philosophie der Erziehung“. Dieses enthält unkritische Denkmuster und Grundzüge der „funktionalen Erziehung“, die es ihm ermöglicht, seine Auffassungen mit der nationalsozialistischen Weltanschauung zu verbinden und sich mit dieser zu identifizieren. Krieck schwebte ein totaler Erziehungsstaat vor, der den gesamten pädagogischen Bereich, aber auch alle Gebiete der Kultur, Kunst, Wissenschaft, sowie des Rechts und der Gesellschaft umfassen und von einer gemeinsamen, nationalen Staatsidee durchdrungen sein sollte. Erst dadurch werde die wahre Persönlichkeit und wahre Kultur erfüllt. (Hojer, 1996: S.67f.) Mit „funktional“ bezeichnet Krieck die Art und Weise, wie Kinder in der sozialen Gemeinschaft aufwachsen. Wichtig seien nicht die Einflüsse von Eltern und Lehrern sondern die Mobilität des Aufwachsens innerhalb einer sozialen Gruppe, welche das Ziel verfolgt, die Kinder nach ihrem kollektiven Leitbild zu prägen. Diesen Angleichungsprozess bezeichnet er als „Zucht“, wobei Zucht verstanden wird als „Prägung durch Sitten und Normen der jeweiligen Gemeinschaft“. (vgl. Giesecke, 1993: S.35)

Die Erziehung sei die Urfunktion einer Gesellschaft und dadurch keine Aufgabe, sondern natürlich gegeben. Ernst Krieck spricht hier eher von einer funktionalen statt von einer intentionalen Erziehung. Diese befindet sich auf der Ebene von drei gleichrangigen Schichten. Dabei besteht die unterste Schicht aus der Beziehung von Mensch zu Mensch und bildet die Basis des Gemeinschaftslebens. Auf der Ebene des sozialen Handelns in der Familie ist die zweite Schicht der funktionalen Erziehung zu finden. „Die Menschen werden sich darin zu gegenseitig bildenden Mächten: sie müssen sich nacheinander richten, aufeinander einstellen, ineinander fügen, und das Maß, das Ergebnis der dabei beteiligten Wirkungskräfte bestimmt die innere Form, die Bildung, die Richtung des geistigen Werdens bei allen Teilnehmern“. (Giesecke, 1993: S.35f.) Die oberste Schicht beinhaltet Erziehungsabsichten, Methoden und Zwecke, die im Zusammenspiel mit irrationalen „Lebenskräften“ das Ganze organisch binden.

Nach Kriecks Auffassungen zufolge spielt die Gemeinschaft die größte Rolle in der funktionalen Erziehung. Denn im Grunde ist jeder einzelne Mensch Mitglied von Gemeinschaften und Organisationen und trägt mit seiner sozialen Teilhabe zur Erziehung anderer bei.

Der Pädagoge teilt die Erziehung in vier gleichberechtigte Formen:

1. Die Gemeinschaft erzieht die Glieder.
2. Die Glieder erziehen einander.
3. Die Glieder erziehen die Gemeinschaft.
4. Die Gemeinschaft erzieht die Gemeinschaft.

Diese vier Formen werden durch zwei Formen der Selbsterziehung ergänzt:

1. Die Gemeinschaft erzieht sich selbst.
2. Der Einzelne erzieht sich selbst. (Giesecke, 1993: S.37)

Dieser komplexe Zusammenhang der Erziehung nennt Krieck „organisch“. Es handle sich hier nicht um eine soziologische Erziehungstheorie, wie zu Beginn vermuten lässt, sondern es geht ihm um die irrationalen Untergründe in den Gemeinschaften. Dabei gibt Krieck zu verstehen, dass Gemeinschaften nicht dem Zweck gelten, sondern jeder Mensch sich dem eingebunden fühlen sollte. Wer sich dem objektiven Gemeinschaftswillen nicht fügen wollte, sollte Zwang erleiden. Damit kam Krieck der Einstellung des Nationalsozialismus sehr entgegen.

In seiner Pädagogik sieht er Erziehung und Entwicklung als „pädagogischen Realismus“ und „kritischen Wirklichkeitssinn“, die in der funktionalen Lebensganzheit eingeschlossen sind. Daraufhin kam Krieck zum Begriff des menschlichen Wachstums, welches den erregenden und formenden Einfluss der Gemeinschaft zur Voraussetzung nötig hat.

Zusammenfassend wird der Mensch in der Krieck´schen Erziehungswissenschaft als ein nicht autonomes und reflexives Individuum darstellt, welches Verhaltensweisen genetisch übernimmt, sondern der Gemeinschaft unterliegt und zu einem Menschen erzogen wird, der die Eigenschaften und Verhaltensmuster von der Gesellschaft übernimmt und aneignet. (Müller, 1978: S. 262)

3.2 DAS POLITISCH - PÄDAGOGISCHE KONZEPT NACH BALDUR VON SCHIRACH

Baldur von Schirachs Erfolgsgeschichte begann im Jahr 1925, in dem er Adolf Hitler kennenlernte. Nur kurze Zeit später trat er der NSDAP bei und wurde von dort an ein schlicht unkritischer Gefolgsmann des Führers. Um in den Vordergrund zu gelangen, versuchte er 1927 Studenten aus dem „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“ für Hitler zu gewinnen. Trotz der Unsicherheiten Hitlers gelang es ihm und stand bereits 1928 an der Spitze des Studentenbundes. Noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde Schirach „Reichsjugendführer der NSDAP“ und übernahm die Hitlerjugend sowie den Schülerbund. Mit der Ernennung zum „Jungführer des Deutschen Reiches“ erhielt Schirach alleinige Macht über alle bestehenden Jugendverbände und schaffte es somit nach ganz oben. Bis zu diesem Punkt war jedoch noch keinerlei pädagogisches Konzept erkennbar. Diese entwickelten sich erst nach der Machtergreifung allmählich. (Giesecke, 1999: S. 165ff.)

Zu seinen ersten politisch-pädagogischen Zielen gehören fünf wesentliche Punkte. Wichtig ist ihm hierbei:

1. Die Jugend auf die Person Hitler zu verpflichten.
2. Eine die ganze deutsche Jugend umfassende Organisation aufzubauen.
3. Das Prinzip der Selbst-Führung durchzusetzen (Jugend muss von Jugend geführt werden).
4. Die Verbesserung der sozialen Lage der Jugend.
5. Die Musische und Kulturelle Differenzierung. (vgl. Giesecke, 1999: S.172)

Diese Ziele, die er bereits vor 1933 festsetze, sind die bislang einzigen und bedeutendsten, die zu dieser Zeit eine Rolle spielten. Der Sinn der Selbst-Führung bestand darin, eine unabhängige und größtenteils eigenständige Jugendorganisation zu entwickeln. 1934 gab Schirach bekannt, dass dieses Prinzip für ihn etwas Praktisches hat. „"Das fast gleichzeitige Entstehen der großen nationalsozialistischen Organisationen band alle Führungskräfte in ihre eigenen Altersklassen. Politische Organisation, SA und SS waren außerstande, Führer an die entstehende Jugendorganisation abzugeben“. (Giesecke, 1999: S.180f.)

Im Mittelpunkt seiner Theorie steht nach wie vor das “Volksempfinden“, welches durch die Leitmotive „Dienst“, „Kameradschaft“, „Erlebnis“, „Vorbild“ und „Ehre“ bestimmt war. Beim Motiv des „Erlebnisses“ lag der Fokus auf die positive Erfahrung, die man durch Handlungen und Aktivitäten gewann. Die bloße Wissensvermittlung sah Schirach nicht für effektiv, weshalb er einen anderen Weg zur Erziehung der Jugendlichen einschlug. Eng im Zusammenhang stehend mit diesem ist das „Vorbild“. Aufgabe eines Vorbildes ist die Verkörperung eines Ideals. Den Kindern wird nicht nur ein Verhalten vorgelebt, sondern es trägt auch zur Bildung und Orientierung der Identität bei. So lange der Einzelne keiner Gruppe oder Organisation angehörte, konnte er keine „Ehre“ erlangen. Und ohne Gemeinschaft war das Erleben von „Kameradschaft“ schlicht nicht möglich. Hierbei bezog sich dieses Leitbild auf Toleranz und Achtung gegenüber seiner Kameraden, welche gleichfalls mit Respekt zu behandeln waren. Das wichtigste Element des außerschulischen Lebensraumes war der „Dienst“. Er war zentrale Aufgabe eines jeden Jungvolkmitgliedes und wurde zum Wohle der Allgemeinheit geleistet. Er öffnete den „jugendeigenen Raum“ zur Öffentlichkeit hin. (Giesecke, 1999: S. 218f.)

Wie schon in der Krieck´schen Erziehungswissenschaft legte der Politiker Schirach den Fokus auf das Gemeinschaftsbewusstsein und –leben. Da von Sozialisation von Menschen in Gemeinschaften die Rede ist, wäre es durchaus zutreffender, von einer „HJ-Sozialisation“ statt von einer „HJ-Erziehung“ zu sprechen. Die Bedeutung Pädagogik ist hier eher sekundär und bezieht sich auf Erlebnis- und Lebenssituationen. Ziel war eine neue Ausarbeitung des gesellschaftlichen Lebens und das Bewusstsein dafür zu gestalten. Daher würde ich hier von einer „Gebrauchspädagogik“ sprechen. Denn sein Konzept ist mit keiner wissenschaftlichen Theorie vergleichbar und wird innenständig durch die Bedeutung der Volksgemeinschaft geprägt. (Giesecke, 1999: S.225)

3. SCHULE UND BILDUNG IM DRITTEN REICH

Die zentralen Inhalte der Schulpolitik im Nationalsozialismus äußern sich, wie schon in Hitlers faschistischer Weltanschauung vermuten lässt, in der nationalsozialistischen Ideologie, welche die oberste Priorität zur Erziehung im Schulwesen haben soll. Politiker und Pädagogen zu dieser Zeit fordern von der Schule die Erziehung zu nationalsozialistischen Persönlichkeiten, zum Rassebewusstsein und zur Heimatverbundenheit. Ebenso stehen die Wehrertüchtigung und die Unterordnung der Schüler unter das „Volksganze“ an erster Stelle. Zur Zeit der Weimarer Republik wurden erste Ansätze von Aufklärung und Emanzipation ins Schulwesen getragen. Bereits dort stand der „Geist des deutschen Volkstums“ als Erziehungsziel ganz oben auf der Liste, was den Absichten der Nazis entsprach. Daraus kann man schließen, dass eine Geradlinigkeit zwischen der Weimarer Republik und der NS- Diktatur besteht. Ordnung, Sauberkeit, Ruhe und Disziplin herrschte schon damals in den sogenannten preußischen Sekundärtugenden, die Nationalsozialisten mussten sich dies also nicht erst ausdenken und in das Schulsystem einführen. Jedoch blieben die Schulen ab dem Jahr 1933 nicht eins zu eins bestehen. Wie und was sich im Schulsystem der Nationalsozialisten veränderte und wie Bildung vermittelt wurde werden in den folgenden Abschnitten dargelegt mit expliziter Sicht auf die „Schulzeit unterm Hitlerbild“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Erziehung und Bildung im Nationalsozialismus. Wie konnte die nationalsozialistische Erziehung viele Kinder und Jugendliche begeistern?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,6
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V921489
ISBN (eBook)
9783346247933
ISBN (Buch)
9783346247940
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehung, bildung, nationalsozialismus, kinder, jugendliche
Arbeit zitieren
Katja Trapp (Autor), 2018, Erziehung und Bildung im Nationalsozialismus. Wie konnte die nationalsozialistische Erziehung viele Kinder und Jugendliche begeistern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921489

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