Die folgende Arbeit zur Rekonstruktion der marxschen Klassentheorie im Kontext der Kritik der politischen Ökonomie stellt sich die Aufgabe, vier als zentral herausgearbeitete Probleme der marxschen Klassentheorie zu thematisieren und zu kontextualisieren. Zunächst wird eine systematische Definition des marxschen Klassenbegriffs anhand der drei Bände des Kapitals gegeben. Anschließend wird auf die These eingegangen, dass Marx' Bestimmung des Klassenverhältnisses zu seinen Lebzeiten nicht zutraf.
Des Weiteren wird der Widerspruch innerhalb der marxschen Schriften behandelt. Dieser besteht insbesondere zwischen der Betonung von zwei (manchmal auch drei) zentralen Klassen in seinen ökonomischen Texten und der Vielschichtigkeit von Klassen in seinen konkreten politischen Analysen. Zuletzt wird analysiert, welche Rolle der Begriff der Entfremdung in der marxschen Theoriebildung spielt. Lässt sich aus ihm eine Klassentheorie entwickeln, oder ist es der Begriff eines jungen idealistischen Marx, der auf den späten Marx des Kapitals keinen Einfluss hatte?
Die Verbannung von Marx ins 19. Jahrhundert wird in der Soziologie besonders auf Basis seiner Klassentheorie vollzogen. Im soziologischen Mainstream gilt Marx’ Klassentheorie gemeinhin als veraltet oder zumindest modernisierungsbedürftig. Der intelligentere Vorwurf lautet, dass sie die komplexe soziale Realität simplifiziere.
Marx selbst würde auf den Vorwurf, sein Denken sei nicht mehr zeitgemäß, vermutlich antworten, dass gerade die Leidenschaft, mit der versucht wird, ihn ins 19. Jahrhundert zu verbannen, ein Beleg für seine Relevanz im 21. Jahrhundert ist. Waren für ihn doch „die herrschenden Ideen einer Zeit stets nur die Ideen der herrschenden Klasse."
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Probleme der marxschen Klassentheorie
Exkurs: Denker des 19. Jahrhunderts?
2. Probleme der marxschen Klassentheorie Forschungsfragen
3. Lösungsansätze für diese Probleme
4. Marx’ Methode
4.1 Drei methodologische Grundkonzepte
4.2 Allgemeine Klassentheorie
5. Erste Zusammenführung
6. Entfremdung
Lösung Entfremdungsproblem
7. Marx’ Theorie des Wertes und der Arbeit
7.1 Arbeit Arbeitskraft
7.2 Mehrwert, Ausbeutung und Akkumulation
7.3 Variables und Konstantes Kapital, Mehrwertrate
Absoluter Mehrwert Arbeitstag
7.4 Exkurs: Produktive/Unproduktive Arbeit
7.5 Zusammenführung der Arbeitskraft
7.6 Ursprüngliche Akkumulation
8. Was ist also das Kapital?
8,1 Bestimmung des Kapitals durch die Kritik moderner Kapitaltheorien
8.2 Exkurs: Klassismus
8.3 Exkurs: tendenzieller Fall der Profitrate
9. Klasse für sich
10. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert die marxsche Klassentheorie im Kontext seiner Kritik der politischen Ökonomie, um zentrale Probleme und Widersprüche in seiner Theoriebildung zu identifizieren und zu klären, insbesondere das Verhältnis zwischen ökonomischen Kategorien und politischer Analyse.
- Methodologische Grundlagen von Marx
- Die Entwicklung und Kritik des Entfremdungsbegriffs
- Analyse des Wertes, der Arbeit und des Kapitals
- Entstehung und Bedeutung der Arbeiter_innenklasse
- Das Konzept der "Klasse für sich" und Klassenbewusstsein
Auszug aus dem Buch
6. Entfremdung
Arbeit bildet aber nicht nur, wie noch gezeigt werden wird, die Basis der marxschen Theorie des Kapitals und der historischen Entwicklung, sondern auch die des Begriffes der Entfremdung. Der Begriff der Entfremdung wird von Marx in dem zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Text Ökonomisch-philosophische Manuskripte 1844 ausgearbeitet. Auch diesen Begriff entnahm Marx der deutschen Philosophie, insbesondere von Hegel und Feuerbach. Hegel thematisierte den Begriff in seinem Buch Phänomenologie des Geistes als eine Entfremdung des Geistes. Entfremdung war für ihn „ein rein geistiges Phänomen, Ergebnis einer bestimmten falschen Weltanschauung“, was offensichtlich im krassen Widerspruch zur marxschen Methode des dialektischen Materialismus steht.
Bei Feuerbach wurde der Begriff insbesondere im religiösen Kontext verwendet. Religion sei die „Entzweiung des Menschen mit sich selbst“ und ist in diesem Sinne ein Werk der Selbstentfremdung. Die Vorstellungskraft des Menschen erschafft einen Gott, welcher nach dieser Vorstellungskraft dazu berufen ist, das Leben der Menschen zu kontrollieren. Darum entfremdet sich der Mensch von sich selbst, weil er seinen Subjektstatus freiwillig in ein anderes Wesen hineinprojiziert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Probleme der marxschen Klassentheorie: Darstellung der gängigen Kritik an der Aktualität marxschen Denkens und der soziologischen Mainstream-Sicht auf seine Klassentheorie.
2. Probleme der marxschen Klassentheorie Forschungsfragen: Diskussion der Schwierigkeiten, die sich aus dem unvollendeten dritten Band des Kapitals und der redaktionellen Bearbeitung durch Engels ergeben.
3. Lösungsansätze für diese Probleme: Formulierung der Zielsetzung, durch eine methodologische Untersuchung der marxschen Texte Ordnung in die Debatte zur Arbeiter_innenklasse zu bringen.
4. Marx’ Methode: Analyse der marxschen Methodologie, insbesondere der Dialektik, des Materialismus und der Methode des Aufstiegs vom Abstrakten zum Konkreten.
5. Erste Zusammenführung: Synthese der methodologischen Überlegungen zur Klärung der Widersprüche im marxschen Gesamtwerk.
6. Entfremdung: Untersuchung des Entfremdungsbegriffs, seiner Herkunft, Kritik und seiner Bedeutung im Übergang vom Früh- zum Spätwerk.
7. Marx’ Theorie des Wertes und der Arbeit: Entwicklung der Klassentheorie aus der Kritik der politischen Ökonomie, unter besonderer Berücksichtigung von Wertform, Arbeitskraft und Akkumulation.
8. Was ist also das Kapital?: Erarbeitung des Marxschen Kapitalbegriffs als soziales Verhältnis und Kritik moderner Kapitaltheorien.
9. Klasse für sich: Auseinandersetzung mit dem Prozess der Herausbildung von Klassenbewusstsein und der "Klasse für sich".
10. Abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende Beantwortung der zu Beginn aufgeworfenen Fragestellungen und Fazit zur Rekonstruktion.
Schlüsselwörter
Marx, Klassentheorie, Kapitalismus, Politische Ökonomie, Arbeit, Arbeitskraft, Entfremdung, Mehrwert, Akkumulation, Klassenbewusstsein, Materialismus, Dialektik, Historischer Materialismus, Ausbeutung, Klassenkampf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit unternimmt eine Rekonstruktion der marxschen Klassentheorie, um deren Relevanz und innere Logik innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie kritisch zu hinterfragen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die methodologischen Grundlagen von Marx, die Theorie der Entfremdung, die Kategorien Wert, Arbeit und Kapital sowie die Entwicklung der Arbeiter_innenklasse zur "Klasse für sich".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Widersprüche in Marx’ Schriften zu identifizieren und durch eine methodisch fundierte Rekonstruktion einen Klärungsprozess für eine aktuelle marxistische Klassentheorie zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die dialektisch-materialistische Methode und das Prinzip des Aufstiegs vom Abstrakten zum Konkreten, um die marxschen Texte zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Analyse des Kapitals, die Differenzierung von produktiver und unproduktiver Arbeit, die ursprüngliche Akkumulation und das Verständnis von Kapital als soziales Verhältnis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören die Unterscheidung von lebendiger und toter Arbeit, der Doppelcharakter von Ware und Arbeit, sowie die historische Dimension der Klassenteilung.
Welche Rolle spielt der Entfremdungsbegriff in der Argumentation des Autors?
Der Autor argumentiert, dass der Entfremdungsbegriff zwar eine wichtige Rolle im Frühwerk einnimmt, im ökonomischen Spätwerk jedoch keine konstitutive Rolle mehr spielt und durch die Theorie des Warenfetischismus ersetzt wird.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Klasse "an sich" und Klasse "für sich"?
Diese Unterscheidung wird genutzt, um zwischen dem objektiven Vorhandensein ökonomischer Klassenstrukturen und der bewussten, politischen Formierung einer Klasse als Akteur der Geschichte zu differenzieren.
- Arbeit zitieren
- David Reisinger (Autor:in), 2019, Rekonstruktion der marxschen Klassentheorie im Kontext der politischen Ökonomie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921517