Gendertheorien. Eine Analyse von Riccardo Simonettis "Raffi und sein pinkes Tutu"


Hausarbeit, 2020

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Gendertheorien - verschiedene Ansätze im Überblick
2.1 Entwicklung der Gendertheorien
2.2 Von Geschlechterrollen zum doing gender - Judith Butler

3 Analyse und Interpretation des Bilderbuches
3.1 Vorstellung des Buchinhaltes
3.2 Produktionsästhetische Aspekte: Gestaltungselemente und deren Funktionen
3.3 Kritische Reflexion des Bilderbuches

4 Formulierung eines Fazits und Ausblicks

Literatur

1 Einleitung

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (de Beauvoir 1951, S. 34)

Die berühmte Schriftstellerin und französische Philosophin Simon de Beauvoir fasst mit ihrer Aussage das gegensätzlich-komplementäre Modell der Zweigeschlechtlichkeit zusammen. Ge­schlecht als sex und als gender wird an dieser Stelle getrennt voneinander betrachtet. Auf diese Weise ist es möglich mit einem biologischen Geschlecht geboren zu werden (sex), jedoch nicht auf dieses natürliche Geschlecht festgelegt zu sein (gender). (Vgl. Distelhorst 2009, S. 22; But­ler 1956, S. 22f.; West & Zimmerman 1987, S. 131ff.; Gildemeister 2010, S. 139). Gender beschreibt somit das soziale (medizinische Bestimmung des Geschlechts) und das kulturelle Geschlecht (bipolares System der Geschlechterkultur) (vgl. Schweizer & Richter-Appelt 2019, S. 13).

Die Anfänge der Gendertheorie reichen zurück ins 19. Jahrhundert (vgl. Dausien & Walgen­bach 2015, S. 19). Die Relevanz des Themas ist jedoch heute aktuell wie nie zuvor. Die breite Aufmerksamkeit in vielfachen Lebensbereichen, politisch, gesellschaftlich, literarisch und auch privat erlauben neue Definitionen der Geschlechtertheorie. Das Aufgeben starrer Modelvorstel­lungen einerseits und die strikte Ablehnung des Anderssein auf der anderen Seite polarisiert wie nie zuvor. Bereits im jungen Alter Heranwachsender findet das Thema der Geschlechter- zugehörigkeit Aufmerksamkeit. Hierzu können unterschiedliche Beispiele aufgezeigt werden: „Ich bin Sophia! Leben als Transgender-Kind“ (Jaenke 2018), „In mir drin bin ich ein Mäd­chen“ (Springer 2016).

Rein biologisch betrachtet kommen bei einer Geburtenrate von 680.000 Kindern mehr als 340 Neugeborene intersexuell auf die Welt. Der Begriff Intersexualität bedeutet, dass bei einem Menschen die „körperliche[n] Geschlechtsmerkmale [...] nicht alle einem Geschlecht entspre­chen” (Schweizer & Richter-Appelt 2010, S. 17). Hierzu gehören beispielsweise Genitalien, Chromosomen oder das Mengenverhältnis der Hormone (vgl. ebd.). Schon Neugeborene kön­nen biologisch gesehen mit nicht eindeutig zugeordnetem Geschlecht zur Welt kommen. Die früher übliche Methode das Geschlecht mittels Operation festzulegen, wird heutzutage äußerst kritisch betrachtet. (Vgl. Hoenes, Januschke & Klöppel 2019). Im Dezember 2018 hat der Bun­destag deshalb die Einführung eines dritten Geschlechts divers beschlossen (vgl. Deutscher Bundestag 2018, S. 1). Diese positive Entwicklung schafft für Betroffene einen gesetzlichen Rahmen, sie fühlen sich ernst genommen. Der Umgang mit „gender identity disorder” (Bradly & Zucker 2001, S. 6011) ist für die Betroffenen eine enorme Herausforderung: „Das war nicht einfach für mich“ (Springer 2016). (Vgl. Hoenes et al. 2019, S. 2) Um schon im Kindesalter darauf aufmerksam zu machen, schrieb Riccardo Simonetti ein Bilderbuch, welches diese Un­eindeutigkeit der Geschlechterzugehörigkeit, der sex - und gender -Theorie und der Möglichkeit der Begegnung mit Betroffenen thematisiert. Hieraus ergibt sich die Fragestellung dieser Ar­beit: Inwiefern werden Geschlecht und Geschlechternormen im Bilderbuch Raffi und sein pinkes Tutu thematisiert und reproduziert? Im Folgenden wird zunächst eine theoretische Grundlage geschaffen, wobei die Entwicklung der Gendertheorie und verschiedene Ansätze vorgestellt werden. Für die Beantwortung der formulierten Fragestellung erfolgt nach der Vor­stellung des Bilderbuches im Allgemeinen und der entstehungsgeschichtlichen Zusammen­hänge des Buches die inhaltliche Darstellung. Daran anschließend werden verschiedene pro­duktionsästhetische Aspekte analysiert und deren Funktion untersucht. Aus dieser Analyse geht eine kritische Reflexion des Bilderbuches hinsichtlich der Darstellung von Geschlecht und Ge- schlechternormen unter Zuhilfenahme der vorgestellten Theorie hervor. Zum Abschluss der Arbeit wird ein Fazit gezogen, in dem die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst und ein Ausblick gegeben wird.

2 Gendertheorien - verschiedene Ansätze im Überblick

Im Folgenden wird ein Überblick über die Entwicklung der Gendertheorien gegeben und ver­schiedene Ansätze genauer beleuchtet.

2.1 Entwicklung der Gendertheorien

Die Anfänge der Gendertheorie bildet die Geschlechtersozialisation in den 1970er Jahren. Der Begriff Sozialisation wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Emile Durkheim formuliert (vgl. Durkheim 1973). Hiermit ist die „Prägung der menschlichen Persönlichkeit durch soziale und ökonomische Bedingungen, durch die sich Gesellschaft reproduziert” (Raithel, Döllinger & Hörmann 2009, S. 59) gemeint. Die feministische Debatte in den 70er Jahren beschäftigte sich mit Konzepten der Gleichheit und Differenz. Der liberale Feminismus behandelte die Gleich­heit von Männern und Frauen hinsichtlich Rechte und Pflichten. (Vgl. de Beauvoir 1951) In den 70er und 80er Jahren standen die geschlechtsspezifische Sozialisation und Arbeitsteilung hinsichtlich der Verschiedenheit von Männern und Frauen im Fokus, wobei zum einen auf die Gleichheit gezielt wurde. Zum anderen entwickelte sich die Frauenkultur weiter (Differenz). Aus dieser Debatte entwickelte sich die Sex-Gender-Debatte. (Vgl. Bendl, Leitner, Rosenbich- ler & Walenta 2007, S. 36) Mitte der 80er Jahre herrschte die Diskussion über das Geschlecht als gesellschaftliche Strukturkategorie vor, welche den Übergang von der Frauen- in die Ge- schlechterforschung einleitete (vgl. Beer 1984, S. 161ff). „Mit der zunehmenden Internationa­lisierung der Frauenbewegung in den 1980er Jahren entsteht auch ein Verständnis, dass Ge­schlecht in gesellschaftlichen Diskursen unterschiedlich hergestellt und reproduziert wird” (Bendl et al. 2007, S. 36). Dadurch wurde das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit Anfang der 90er Jahre in Frage gestellt (vgl. ebd.; Butler 1991).

Der biologische Aspekt

Das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit unterstreicht die physiologischen und physischen Merkmale von Männern und Frauen mit „geschlechtlich diversifizierender Kleidung, mit Ge­schlechtseinträgen in Geburtsregistern und Ausweispapieren” (Voß 2010, S. 11). Anhand von äußerlichen Merkmalen, zu denen Kleidung oder Namen gehören, ist es bereits sehr jungen Kindern möglich, Menschen nach ihrem Geschlecht - weiblich oder männlich - zu unterschei­den (vgl. ebd.). Obwohl das nach außen sichtbare Geschlecht nicht mit dem sozialisierten Ge­schlecht oder der individuellen Definition des eigenen Geschlechts einer Person übereinstim­men muss, übt die Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter Einfluss auf die gesellschaft­liche Teilhabe aus (vgl. Garfinkel 2007, S. 116ff.). Dies ist beispielsweise an der Chancenun­gleichheit zwischen Männern und Frauen zu erkennen, wenn es um das Erreichen von macht­höheren Positionen geht (vgl. de Beauvoir 1951). Die Uneindeutigkeit der bipolaren Zuordnung geht mit der Intersexualität einher, bei der körperlich gesehen keine Eindeutigkeit hinsichtlich des Geschlechts besteht (vgl. Schweizer & Richter-Appelt 2010, S. 16f.).

Aufgrund dessen wurde im Jahr 2018 das dritte Geschlecht divers eingeführt (vgl. Hoenes et al. 2019, S. 2; Deutscher Bundestag 2018, S. 1). Die Zuordnung zu einem der bisher vorherr­schenden Zweigeschlechtlichkeit ist aus biologischer Sicht nicht mehr notwendig. Die These vom dritten Geschlecht wurde bereits ab Mitte der 1860er Jahre formuliert. Durch das Abschaf­fen der medizinischen Eingriffe, die zu einer Angleichung des Geschlechts und somit zu einer Bestätigung der bipolaren Geschlechternorm, wurde ein Wechsel der Sichtweise in der Medizin initiiert (vgl. Hoenes et al. 2019, S. 3).

2.2 Von Geschlechterrollen zum doing gender - Judith Butler

Die Anfänge von Judith Butler

Zu Beginn der Gendertheorie begann die Philosophin Judith Butler mit ihrem Studium an der Yale Universität. 1987 veröffentlichte sie ihre Dessertation Subject of Desire Hegelian Reflec­tions in Twentieth Century France. Ihre Ausführungen erweiterten die Gedanken anderer Phi­losophen wie Foucault, Lacan, Derrida und Deleuze. Zwei Jahre später veröffentlichte sie ihr Buch Das Unbehagen der Geschlechter. Nachdem sie in Yale ein Kolloquium zum Feminismus organisiert und feministischen Sexkriege miterlebt hatte, lehnte Butler die Zuordnung zu einer Gruppe nach bestimmten Kriterien ab: Sie „[.] zeigte sich immer dann skeptisch, wenn ein­zelne Personen oder Gruppen für sich in Anspruch nehmen, genau definieren zu dürfen, wer als

„Feminist“, als „Lesbe“ oder als „Frau“ zu gelten hat und wer nicht“ (Lépine & Lorenz 2018, S. 8). Geeigneter als eine solche Ausgrenzungspraktik, die durch die Zuordnung zu einer Iden­tität entstehen könnte, empfand sie eine Streuung der Begriffe. Bereits in ihrer Kindheit zählten Diskriminierung und Abweichungen von der Norm zu ihrem Leben, wie an den homosexuellen Cousins und dem Onkel mit anatomischen Abweichungen des Körpers deutlich wird. Auch Butler selbst erfuhr dieses durch ihr Bekenntnis zur Homosexualität im Alter von sechzehn Jahren. Die Nicht-Zugehörigkeit zur „heterosexuellen Geschlechtsidentität” (Duden 2020e) be­schreibt den Begriff queer. Die Zuordnung Lesbe zu ihrer Identität widerstrebte ihr und zielte auf eine Schaffung von Unklarheiten bezüglich der genauen Definition dieses Begriffs. (Vgl. ebd., S. 8f.)

Vorstellung der Grundzüge Butlers Theorie

Judith Butler regte eine Vielzahl von Diskussionen über Grundannahmen an, um diese neu zu bestimmen (vgl. Bublitz 2002, S. 7). Ihre Denkansätze stehen im Zusammenhang mit dem Post­strukturalismus, dem Dekonstruktivismus und den Ansätzen von Vertretern wie Derrida und Foucault. Butlers Theorie kann in fünf Komplexe unterteilt werden:

1. Ihr Theorieprogramm und seine sprachphilosophischen und diskurstheoretischen Grundannahmen, -begriffe und -bezüge.
2. Die genuin feministische Theorie (zentrale Strukturen des Denkens der Zweigeschlecht­lichkeit und deren normierende Wirkung)
3. Butlers Kritik am Identitäts- und Subjektbegriff sowie am Konzept eines normativen Geschlechterapparats und einer heterosexuellen Zwangsmatrix'
4. Punkt 3 mündet in ein philosophisches Programm, das in der Darstellung subjekttheo­retischer Annahmen die Dimensionen performativer Machtwirkung ausleuchtet, zu­gleich aber auch die normativen Grenzen des Subjekts sichtbar macht. (Vgl. ebd., S. 14f.)

Im Folgenden werden die Grundzüge dieses Theoriekomplexes beispielhaft vorgestellt, um für die anschließende Analyse des Bilderbuches Raffi und sein pinkes Tutu eine theoretische Grundlage zu schaffen.

Zu den zu verändernden Grundannahmen zählten beispielsweise „Kategorien und festgelegte Vorstellungen wie das Denken in Kategorien des Körpers und der Identität“ (Bublitz 2002, S. 7). Butlers stellte die These auf, dass das biologische Geschlecht (sex) durch die gesellschaftli­chen regulierenden und reglementierenden Ideale und Normen eine Macht ausüben, „die Kör­per herstellt“ (ebd., S. 9) (vgl. Butler 2014, S. 21). Die Zuordnung zu einem der in unserer Gesellschaft zweipolig angelegten Geschlechternorm „stellt eines der grundlegenden Typisie­rungsmuster dar, in denen die soziale Welt sich ordnet“ (Gildemeister 2010, S. 139). Ein Aus­brechen aus dieser Norm führt jedoch nicht zu einem Umdenken in der Gesellschaft, sondern zu Ausgrenzung und somit zu einer Allgegenwärtigkeit der Kategorie Geschlecht (vgl. Garfin- kel 2007, S. 118; Gildemeister 2010, S. 139f.). Butler spricht an dieser Stelle vom „Verwor­fene^]“ (Butler 2014, S. 23, 335f.). Das Denken in Geschlechterrollen entwickelte sich in der interaktionstheoretischen Soziologie zum Konzept des doing gender. Hiermit ist eine Perspek­tive zur sozialen Konstruktion von Geschlecht gemeint, die synonym mit dem Begriff des doing gender verwendet werden kann. Es werden die Prozesse in den Blick genommen, die eine ein­deutige Zuordnung zu einem Geschlecht beeinflussen. (Vgl. Gildemeister 2010, S. 137) „Sub­jekte [erhalten] eine Geschlechtsidentität [...], indem sie sich als männlich oder weiblich kon­struieren“ (Mecheril & Plößer 2009, S. 200) und von ihrem Gegenüber als solches wahrgenom­men werden (vgl. ebd.; Bublitz 2002, S. 74; Müller 2009, S. 58). (Vgl. West & Zimmerman 1987, S. 127f.)

Das Konzept des doing genders beruht auf Transsexuellenstudien (vgl. Garfinkel 2007; Kessler & McKenna 1978). Am Beispiel der Transsexualität kann beispielhaft gezeigt werden, dass „[a]uch Transsexuelle [...] der Vorstellung einer „Natur der Zweigeschlechtlichkeit“ [folgen]: Sie sind sich ihrer eigenen Geschlechtszugehörigkeit sicher“ (Gildemeister 2010, S. 139). Sie sehen ihr Geschlechtsteil als eine Art Fehler an, „der korrigiert werden müsse“ (ebd.). Eben dieser Wunsch nach Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter - männlich oder weiblich - entspricht der „alltagsweltlichen Überzeugung einer biologisch begründeten Natur der Zwei­geschlechtlichkeit“ (ebd.). Diese Kenntnis über Zweigeschlechtlichkeit resultiert jedoch nicht aus Hormonen, Chromosomen oder der Physiologie, sondern wird durch die Darstellung und Interpretation der beiden Geschlechter in der Gesellschaft realisiert (vgl. ebd.). Die daraus sich ergebene gesellschaftlich anerkannte Norm beschreibt einen Orientierungsmaßstab für ein In­dividuum (vgl. Duden 2020d). Es gibt keine eindeutig formulierten Regeln oder Konsequenzen beim Ausbrechen aus der Norm. „Normen zeichnen sich durch das Paradox aus, einerseits ver­schwiegene Strukturgeber des sozialen Lebens zu sein, andererseits im Falle der Übertretung dramatische Konsequenzen heraufzubeschwören“ (Distelhorst 2009, S. 38; vgl. Butler 2012, S. 73). Durch diese Kenntnisse und die gesellschaftliche Norm entsteht Macht. Macht wird nach Foucault folgendermaßen definiert: „Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt“ (Foucault 1999, S. 113f.). Butlers versteht Macht zum einen als repressiv, zum anderen produktiv: „Durch den Diskurs und die Norm werden die Menschen nicht nur unterdrückt, sondern erst als jene Menschen hervorgebracht, die sie sind, Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Sprache, einer Per­spektive auf die Welt und einem spezifischen Verständnis des Möglichen“ (Distelhorst 2009, S. 37). Die Macht der Gesellschaft mit ihren Idealen und Normen erzeugt somit eine Materia­lität, die eine nicht erkennbare Wirkung der Macht widerspiegelt (vgl. Bublitz 2002, S. 8; Butler 2014, S. 332). Butlers richtet sich mit ihrer Theorie gegen die Gedanken der Ontologie, also der „Lehre vom Sein“ (Duden 2020c):

„Indem Menschen sich verhalten, als gäbe es >>von Natur aus<< Männer und Frauen, bestätigen sie die soziale Fiktion, dass diese Natur existiert. Es gibt sie nicht unabhängig von dem, was Menschen tun. Geschlecht ist eher das, was Menschen zu bestimmten Zeiten tun, als das, was Menschen zu jeder Zeit und jedem Ort, also universell, sind“ (Bublitz 2002, S. 73f.). (Vgl. Butler 1997, S. 98)

Dieses Wissen beeinflusst auch die Macht. „Träger von Norm und Medium der Macht ist [...] der Diskurs“ (Distelhorst 2009, S. 39). Diskurs stellt eine Abhandlung, Diskussion oder Erör­terung dar (vgl. Duden 2020). Nach Butler, die sich an dieser Stelle an Foucault orientiert, geht es bei einem Diskurs um etwas Produktives, darum „wie bestimmte diskursive Formen Objekte und Subjekte in ihrer Intelligibilität ausdrücken“ (Butler 2014, S. 129). Butlers legt damit die Semantik fest, da die Bedeutung eines Begriffs innerhalb einer Gesellschaft zu einem bestimm­ten Zeitpunkt dadurch festgelegt ist. Zusätzlich werden der Nutzen und die Anwendung von Subjekten und Objekten bestimmt. Nach Butler entscheidet somit der Diskurs über das Ver­ständnis dieser. Durch die Beschreibung eines Subjekts, wie beispielsweise eines Homosexu­ellen, wird festgelegt, „wie selbiger zu verstehen ist, wie er lebt, sich gebärdet, denkt und fühlt“ (Distelhorst 2009, S. 42). (Vgl. ebd., S. 41f.) Im Sinne des Menschseins wird das intelligible Individuum angerufen ein Subjekt zu werden. Gleichzeitig entsteht eine Umwendung, indem sich das Individuum fragt, auf welche Weise es den Aufruf der Norm annehmen soll. Vom Gelingen der Ausrufung kann somit nicht ausgegangen werden. Eher steht die Bedeutung der Unvorhersehbarkeit der Wirksamkeit von Anrufen im Vordergrund. (Vgl. Meißner 2012, S. 44) Dieser Prozess der Subjektwerdung, der durch die Anrufung initiiert werden kann, beruht auf der Definition des Begriffs Subjekt:

„Das Wort Subjekt hat einen zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unter­worfen sein und durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein. Beide Bedeutungen unterstellen eine Form von Macht, die einen unterwirft und zu jemandes Subjekt macht“ (Foucault 1994, S. 246f.).

Der Prozess der Subjektwerdung und der Prozess des Unterworfenwerdens durch Macht be­schreibt den Begriff Subjektivation (vgl. Butler 2005, S. 8). Durch die Umwendung der Anru­fung des Individuums entsteht die Performativität, die Butlers erweiternd zu dem Verständnis vom Diskurs in ihr Theorieverständnis einbringt. Hierbei geht es um die Produktivität und „Macht des Diskurses, durch ständige Wiederholungen Wirkung zu produzieren” (Bublitz 2002, S. 71). Produktivität entsteht somit durch Sprache, wie Butler am Beispiel der Geburt verdeutlicht. Sie beschreibt, dass das Kind im Bauch der Mutter ein es ist und erst nach der Geburt, durch die Identifikation des biologischen Geschlechts (sex) zu einem er oder sie wird. Durch die Zuschreibung zu einem der beiden Geschlechter wird das soziale Geschlecht des Kindes (gender) angerufen. (Vgl. Butler 2007, S. 29; Distelhorst 2009, S. 42ff.; Meißer 2012, S. 43) Die Sprache und die sprachliche Subjektwerdung spielt in der Sozialisation eine beson­dere Rolle. Die Art unseres Denkens wird durch die Sprache bestimmt und hat durch ihre Pro­duktivität eine gewisse Macht auf den Menschen: „Das kognitive Begreifen des Körpers findet nur über und in der Sprache statt“ (Müller 2009, S. 57). (Vgl. Distelhorst 2009, S. 14ff.) Es geht hierbei jedoch um ein diskursives Sprachverständnis, das heißt es sind sprachliche Mechanis­men gemeint und keine individuellen Äußerungen (vgl. Müller 2009, S. 29; Butler 1991, S. 212).

Sprechen geht nach Butler mit einer Wiederholung einher: „Die Frage ist nicht: ob, sondern wie wir wiederholen“ (Butler 1991, S. 217). Butler nennt diese Wiederholung subversiv, was mit dem Begriff „umstürzlerisch“ (Duden 2020a) umschrieben werden kann (vgl. Butler 1991, S. 216). Sie zielt darauf eine „Geschlechter-Verwirrung an[zu]stiften“ (ebd., S. 61). Hierbei geht es um einen kreativen und subversiven Umgang mit dem Geschlecht, was jedoch das Über­denken der Ordnung des Geschlechts mit sich bringt. Bei einem solchen Prozess des Umden­kens ist es außerdem notwendig die bestehenden Diskurse und Normen zu überdenken und zu erkennen, dass diese „institutionalisierte Wunschvorstellungen“ (Villa 2010, S. 153) sind. Durch das in Fragestellen der Normen und Diskurse wird das vorliegende Bild vom Geschlecht „brüchig, inkohärent, widersprüchlich und prozesshaft, und damit auch [...] veränderbar“ (ebd.). Die Performativität kann neben der subversiven Umsetzung auch iterativ beziehungs­weise „wiederholend“ (Duden 2020b) realisiert werden. Durch ein iteratives Vorgehen kann etwas von der Norm Abweichendes wiederholt werden, ohne dabei festgelegt zu sein (vgl. Rauchut 2008, S. 164). Nach Butler entsteht durch die Performativität eine Anrufung und zu­gleich eine Unterwerfung, bei der das Individuum einen Platz in der gesellschaftlichen Ordnung bekommt auf diese Weise zu einem intelligiblen Subjekt wird (vgl. Meißner 2012, S. 43). Dies wird am Beispiel der Anrufung eines Geschlechts nach der Geburt eines Kindes deutlich: „[E]rst durch diese Anrede als Mädchen [erhält das Individuum] ein Dasein als Subjekt“ (ebd., S. 49). Wenn sich ein Individuum zur „Norm in Beziehung [setzt], [.] sich aber nicht an ihre Anforderungen [hält]“ (Butler 2009, S. 121) wird eine gewisse Entsubjektivierung riskiert (vgl. ebd.). Nach Foucault kann der Prozess der Entunterwerfung als eine Neuverteilung von Selbst- und Fremdregierung zusammengefasst werden, welcher ein „emanzipatorisches Ziel“ (Schefczyk 2013, S. 238) hat (vgl. Foucault 1992, S. 15).

3 Analyse und Interpretation des Bilderbuches

Die im vorherigen Kapitel vorgestellten Ansätze zur Gendertheorie stellen für den weiteren Verlauf dieser Arbeit die theoretische Grundlage für die Analyse des Bilderbuches Rafft und sein pinkes Tutu dar. Zunächst erfolgt die Präsentation der Buchgattung Bilderbuch. Die Vor­stellung des Buchinhaltes schließt an die Autoreninformationen und generellen Angaben zum Buch an. Da es kein Analysemodell gibt, welches die Komplexität eines Bilderbuches im Gan­zen umfasst „und seiner Erzählform gerecht würde” (Thiele 2003, S. 79), ist es notwendig jede Analyse auf das entsprechende Bilderbuch anzupassen, „um die je spezifischen Qualitäten zu erfassen” (ebd.) (vgl. ebd.). Für das ausgewählte Bilderbuch werden zunächst die produktions­ästhetischen Aspekte untersucht. Daran anschließend werden die bereits vorgestellten theoreti­schen Ansätze zur Analyse und kritischen Reflektion des Bilderbuches eingesetzt.

Bilderbuch

Um eine Grundlage für die folgende Analyse zu schaffen, wird im Folgenden zunächst die Buchgattung des Bilderbuches vorgestellt. Ein Bilderbuch ist für Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren vorgesehen. Es gibt drei Gruppen von Bilderbüchern, die unterschieden werden können: Bilderbücher ohne Textbeigabe, Bilderbücher mit kleinen Textbeigaben, Bilderbücher, in denen Text und Abbildung gleichbedeutend nebeneinanderstehen (vgl. Marquardt 2010, S. 18). Exemplare für ältere Kinder weisen einen größeren Textanteil auf. Das Bild dient nicht ausschließlich der Untermauerung des Textes, sondern nimmt einen eigenen Stellenwert im Bilderbuch ein. Zwischen Text und Bild besteht somit ein besonderes Verhältnis. (Vgl. Hinkel 1984, S. 45; Grünewald & Hinkel 1978, S. 62ff.) Aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher aus dem Text und den Bildern können Eindrücke entstehen, aus denen sich Folgehandlungen für den Leser oder Zuhörer ergeben, die im Text nicht ausdrücklich erwähnt sind (vgl. Hinkel 1984, S. 46). Bilderbücher existieren in unterschiedlichen Formen. Zu diesen gehören beispiels­weise die Szenenbilderbücher, wirklichkeitsnahe Bildergeschichten, fantastische Bilderge­schichten oder Sachbilderbücher (vgl. Marquardt 2010, S. 21ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Gendertheorien. Eine Analyse von Riccardo Simonettis "Raffi und sein pinkes Tutu"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V921669
ISBN (eBook)
9783346245519
ISBN (Buch)
9783346245526
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gendertheorien, eine, analyse, riccardo, simonettis, raffi, tutu
Arbeit zitieren
Laura Grave (Autor), 2020, Gendertheorien. Eine Analyse von Riccardo Simonettis "Raffi und sein pinkes Tutu", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921669

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