Das Jungenbild in Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer"

„Haltet die Ohren steif! Hornhaut müsst ihr kriegen!“


Hausarbeit, 2006

14 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Entstehungszeit des Kinderromans „Das fliegende Klassenzimmer“

3. Analyse des Jungenbilds in „Das fliegende Klassenzimmer“
3.1 Die Hauptfiguren
3.2 Die Hierarchie innerhalb der homogenen Jungengruppe
3.3 Die Rolle der Erwachsenen
3.4 Konditionierung zum Stillhalten

4. Das von Kästner entworfene Jungenbild

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Haltet die Ohren steif! Hornhaut müsst ihr kriegen! Ihr sollt hart im Nehmen werden […]. Ihr sollt lernen, Schläge einzustecken und zu verdauen.“[1]

Mit diesem Appell wendet sich Erich Kästner im Vorwort an die Leser des Kinderbuchs „Das fliegende Klassenzimmer“. Eine pädagogische Maxime, die Marianne Bäumler als „defensive Konfliktvermeidungsstrategie“[2] bezeichnet. „Selbstbeherrschung um den Preis eigensinniger Widerstandsfähigkeit fordert Kästner als vorzeigbare Tugend; genau so zielt auch sein oft belehrender Erzählton auf eine Konditionierung zu probatem Stillhalten ab.“[3]

Welches Jungenbild vermittelt Kästner in „Das fliegende Klassenzimmer“? Wie verhalten sich die Jungen in Interaktion innerhalb der Gruppe, im Zusammensein mit Erwachsen und wenn sie allein sind? Welche Tugenden propagiert Kästner und welche erzieherische Absicht scheint sich dahinter zu verbergen? Wie ist sein Jungenbild in Hinblick auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Weimarer Republik zu verstehen?

Diesen Fragen möchte ich in meiner Arbeit nachgehen. Aufgrund des begrenzten Umfangs muss ich angrenzende und ebenfalls interessante Themenbereiche wie den Zusammenhang zwischen der Jungengruppe im „Fliegenden Klassenzimmer“ zu der Jugendbewegung seiner Zeit oder das bürgerliche Selbstverständnis sowie das daraus resultierende Selektionsdenken leider ausklammern.

Ich werde zuerst einige Hintergrundinformationen zur Entstehungszeit des Kinderbuchs geben, im Hauptteil der Arbeit eine Analyse in Hinblick auf die oben genannten Fragen durchführen und zuletzt Rückschlüsse auf Kästners Jungenbild und die beabsichtigten Wirkungen seines Werks ziehen.

2. Die Entstehungszeit des Kinderromans „Das fliegende Klassenzimmer“

Erich Kästners Kinderroman „Das fliegende Klassenzimmer“ wurde 1933 veröffentlicht. Er entstand somit zum Ende der Weimarer Republik unmittelbar vor der Machtergreifung. Daher ist er als das Produkt einer Übergangszeit zu verstehen, in der „die traditionellen wilhelminischen Wertvorstellungen des Gehorsams, des Respekts vor patriarchalischer Autorität und klassische Bildungsvorstellungen auf neue Ideen der Freiheit und Selbstbestimmung [prallten], die als Reaktion auf veränderte Verhältnisse des öffentlichen Lebens im Zuge der Industrialisierung und den daraus resultierenden veränderten Sozialstrukturen entstanden waren.“[4] Diese Diskrepanzen, die Kästner stark beeinflussten, sind bei der Betrachtung des in seinen Werken vorliegendem „Nebeneinander von moderner Pädagogik und bedingungsloser Autoritätsausübung durch den bürgerlichen Intellektuellen“[5] zu berücksichtigen.

So wollte er in seinen Kinderbüchern die „Lebensanschauung und moralische[…] Werteskala der nachfolgenden Generation [beeinflussen] […], mit dem Ziel, sie dem status quo anzupassen […].“[6] Kästner richtete sich dabei vor allem an die acht- bis zwölfjährigen, bürgerlichen Jungen der Weimarer Republik.[7] Die damaligen gesellschaftlichen Veränderungen führten zu „größerer Abhängigkeit der Jugend gegenüber familiärer und staatlicher Autorität“[8], was viele Jugendliche orientierungslos machte. Überfordert mit der ungewohnten Freiheit entwickelte sich ein „Bedürfnis nach neuen Vorbildern“[9], das Kästner erkannte. „Er […] sah darin, wie so viele andere auch, eine Chance, Grundsätze und Ansehen des Mittelstandes für die Zukunft zu sichern.“[10] Selbst dem bürgerlichen Stand angehörig propagierte Kästner „Bildung und die bürgerlichen Tugenden als Grundlage einer ’richtigen’ Erziehung“[11], welche für ihn selbstverständlich waren und nicht in Frage gestellt wurden. „Alle bürgerlichen Tugenden sind in Kästners Kinderbüchern in den Hauptdarstellern verkörpert“[12], sie sind mit „Eigenschaften wie „intelligent“, „mutig“, „ehrlich“, „verlässlich“ usw.“[13] ausgestattet. Sie erfüllten zur Zeit der Veröffentlichung die Funktion von Vorbildern, denen die jungen Leser nachstreben sollten, wie Kästner u.a. im Nachwort von „Pünktchen und Anton“ appellierte: „Vielleicht werdet ihr […] wie diese Vorbilder, so fleißig, so anständig, so tapfer und so ehrlich?“[14]

Welches Jungen- und Männerbild diesen Forderungen zu Grunde liegt, möchte ich am Roman „Das fliegende Klassenzimmer“ herausarbeiten.

3. Analyse des Jungenbilds in „Das fliegende Klassenzimmer“

„Das fliegende Klassenzimmer“ gilt als das komplexeste Erich Kästners Kinderbücher, da in ihm fünf eigenständige Handlungsstränge miteinander verstrickt sind: Die Inszenierung eines Theaterstücks, der Kampf zwischen den Internatskindern und den Realschülern, Ulis Mutprobe, die Zusammenführung von Dr. Bökh und seinem alten Freund dem Nichtraucher und Martins Sorgen wegen der Arbeitslosigkeit seines Vaters und der daraus resultierenden Armut seiner Familie.[15] In meiner folgenden Analyse beschränke ich mich auf den Kampf gegen die Realschüler, Martins Sorgen und Ulis Mutprobe, werde andere Passagen aber ggf. zum Zwecke der Charakterisierungen mit einbeziehen.

3.1 Die Hauptfiguren

Die Hauptfiguren des Kinderromans sind fünf befreundete Internatsschüler.

Matthias Selbmann und Uli von Simmern sind enge Freunde. Matthias, der von seinen Freunden Matz genannt wird, hat immer Hunger, denkt nur ans Essen und ist schlecht in der Schule[16]. Er möchte einmal Boxer werden und will Konflikte daher immer mit Gewalt lösen („Soll ich dem Laban eins vor den Latz knallen?“[17]).

Uli wird als kleiner blonder Junge beschrieben, der Matz gegenüber hilfsbereit und fürsorglich ist. Er ist sehr ängstlich und empfindlich und möchte in Konfliktsituationen immer „auskneifen“[18]. Die anderen machen sich lustig über ihn, nennen ihn Kleiner oder sogar „Angströhre“[19]. Dass Uli im Theaterstück ein Mädchen spielen muss, manifestiert, dass er weder charakterlich noch äußerlich dem männlichen Ideal der übrigen Jungen entspricht. In seinem Kostüm hätte er „zum Verwechseln einem Mädchen geglichen“[20].

Johnny Trotz, der Verfasser des Theaterstücks, und Martin Thaler, „Primus und Bühnenmaler in einer Person“[21] sind ebenfalls gute Freunde. Martin, der sich im Laufe der Geschichte als eigentliche Hauptfigur herauskristallisiert, ist sehr selbstbewusst und gerechtigkeitsliebend. Geschieht ihm Unrecht, bekommt er seinen „weit und breit bekannten roten Kopf“[22]. Dass er sehr gerecht und noch dazu der „Klassenerste“[23] ist, qualifiziert ihn für die anderen als Anführer der Klasse. Johnny ist als „Dichter“[24] der Gruppe sehr schweigsam, nachdenklich und eher zurückhaltend, erzählt aber gern Geschichten.

[...]


[1] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 18

[2] Bäumler: Die aufgeräumte Wirklichkeit des Erich Kästner, S. 170

[3] Ebd.

[4] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 181

[5] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 98

[6] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 12

[7] vgl. Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 24

[8] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 142

[9] Ebd.

[10] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 143

[11] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 53

[12] Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument, S. 57

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Steck-Meier: Erich Kästner als Kinderbuchautor, S. 296.

[16] Vgl. Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 43

[17] Ebd.

[18] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 22

[19] Ebd.

[20] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 29

[21] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 25

[22] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 26

[23] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 29

[24] Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, S. 45

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Jungenbild in Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer"
Untertitel
„Haltet die Ohren steif! Hornhaut müsst ihr kriegen!“
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Kinder und Jugendliteratur
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V92202
ISBN (eBook)
9783638058957
ISBN (Buch)
9783638948913
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jungenbild, Erich, Kästners, Klassenzimmer, Kinder, Jugendliteratur
Arbeit zitieren
Ina Brauckhoff (Autor:in), 2006, Das Jungenbild in Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92202

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