„Haltet die Ohren steif! Hornhaut müsst ihr kriegen! Ihr sollt hart im Nehmen werden […]. Ihr sollt lernen, Schläge einzustecken und zu verdauen.“
Mit diesem Appell wendet sich Erich Kästner im Vorwort an die Leser des Kinderbuchs „Das fliegende Klassenzimmer“. Eine pädagogische Maxime, die Marianne Bäumler als „defensive Konfliktvermeidungsstrategie“ bezeichnet. „Selbstbeherrschung um den Preis eigensinniger Widerstandsfähigkeit fordert Kästner als vorzeigbare Tugend; genau so zielt auch sein oft belehrender Erzählton auf eine Konditionierung zu probatem Stillhalten ab.“
Welches Jungenbild vermittelt Kästner in „Das fliegende Klassenzimmer“? Wie verhalten sich die Jungen in Interaktion innerhalb der Gruppe, im Zusammensein mit Erwachsen und wenn sie allein sind? Welche Tugenden propagiert Kästner und welche erzieherische Absicht scheint sich dahinter zu verbergen? Wie ist sein Jungenbild in Hinblick auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge der Weimarer Republik zu verstehen?
Diesen Fragen möchte ich in meiner Arbeit nachgehen.
Ich werde zuerst einige Hintergrundinformationen zur Entstehungszeit des Kinderbuchs geben, im Hauptteil der Arbeit eine Analyse in Hinblick auf die oben genannten Fragen durchführen und zuletzt Rückschlüsse auf Kästners Jungenbild und die beabsichtigten Wirkungen seines Werks ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehungszeit des Kinderromans „Das fliegende Klassenzimmer“
3. Analyse des Jungenbilds in „Das fliegende Klassenzimmer“
3.1 Die Hauptfiguren
3.2 Die Hierarchie innerhalb der homogenen Jungengruppe
3.3 Die Rolle der Erwachsenen
3.4 Konditionierung zum Stillhalten
4. Das von Kästner entworfene Jungenbild
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Jungenbild in Erich Kästners Kinderroman „Das fliegende Klassenzimmer“ vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Bedingungen der Weimarer Republik. Dabei wird analysiert, wie durch die Darstellung interner Gruppendynamiken, den Einfluss erwachsener Vorbilder und moralische Appelle bestimmte Tugenden und Verhaltensweisen vermittelt werden, die den damaligen bürgerlichen Erziehungsidealen entsprachen.
- Darstellung und Analyse der Hauptfiguren und ihrer Charakteristiken.
- Untersuchung der Gruppendynamik und internen Hierarchien innerhalb der Internatsschüler.
- Bewertung der erzieherischen Rolle und des Einflusses der Erwachsenenfiguren.
- Hinterfragung der Konditionierung der Jungen zu Stillhalten und Selbstbeherrschung.
- Einordnung des Jungenbildes in den sozio-kulturellen Kontext der Weimarer Republik.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Hierarchie innerhalb der homogenen Jungengruppe
„Im Fliegenden Klassenzimmer bilden Jungen von sehr unterschiedler Herkunft […] eine durch den Handlungsort des Internats von der Außenwelt abgeschnittene, homogene Gruppe […]“, in der sich eine klare Hierarchie abzeichnet.
Ihr Anführer ist Martin. Er erteilt Befehle, woraufhin die anderen Jungen sofort gehorchen (z.B. „Sebastian, hau ab und bring sie zum Bauplatz!“; „Vor dem Baugelände ließ Martin halten. […] ‚[…]Ist das klar? Ihr geht also sofort zum Angriff über.’“) Seine Rolle als „unbestrittener Anführer“ ist ihm dadurch sicher, dass er alle bürgerlichen Werte vertritt: Er intellektuell – der Klassenbeste – und hat zudem eine glückliche, harmonische Familie, also gewissermaßen „alle Pluspunkte [in sich] vereint“. Sebastian und Johnny sind ihm untergeordnet, „denn Johnny mangelt es am Familienglück und Sebastian ist manchmal arrogant und sarkastisch.“ Uli stellt in einem Dialog mit Matz fest, dass Martin schon „ein echter Kerl“ ist, da er die Gerechtigkeit liebt, was Matz ihm bestätigt: „[…] er lässt sich von niemandem was bieten. […] wenn er im Recht ist, benimmt er sich wie eine Herde wilder Affen.“ Als die Realschüler ihr Wort brechen, zeigt sich Martin daher deutlich in seinem Gerechtigkeitsgefühl verletzt: „‚Das ist unglaublich!’, rief er außer sich. ‚Haben die Kerle denn keinen Anstand im Leibe?’“ Der Nichtraucher pflichtet ihm bei, dass die Vereinbarung eines Zweikampfs „natürlich nur unter anständigen Menschen möglich“ sei, woraufhin die Gymnasiasten die Realschüler zu einem letzten Kampf auffordern, wie Martin begründet:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Fragestellung ein, wie Erich Kästner in seinem Werk ein spezifisches Jungenbild konstruiert und welche erzieherischen Absichten sich hinter dem Appell zur Selbstbeherrschung verbergen.
2. Die Entstehungszeit des Kinderromans „Das fliegende Klassenzimmer“: Hier wird der historische Kontext der Weimarer Republik beleuchtet und Kästners Werk als Produkt einer Übergangszeit zwischen traditionellen wilhelminischen Werten und neuen Vorstellungen von Freiheit analysiert.
3. Analyse des Jungenbilds in „Das fliegende Klassenzimmer“: In diesem Kapitel erfolgt die detaillierte Untersuchung der Hauptfiguren, ihrer sozialen Hierarchie, des Verhältnisses zu Erwachsenen sowie der psychologischen Konditionierung der Jungen.
4. Das von Kästner entworfene Jungenbild: Das abschließende Kapitel fasst die in den Figuren verkörperten Attribute zusammen und bewertet Kästners Erziehungsansatz als Versuch, die Jungen zu vernünftigen, starken Männern zu formen.
Schlüsselwörter
Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer, Jungenbild, Weimarer Republik, Erziehungsideale, Tugendhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Gruppendynamik, Kinderliteratur, Internatsschüler, Sozialstruktur, Geschlechterrollen, Pädagogik, Moral, Vorbildfunktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Analyse des Jungenbildes in Erich Kästners Kinderroman „Das fliegende Klassenzimmer“ und untersucht, wie dieses Bild die moralischen Erwartungen der Weimarer Zeit widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind die Gruppendynamik innerhalb der Schülerschaft, die Rolle von Erwachsenen als Erzieher sowie die innere Zerrissenheit der Protagonisten zwischen kindlichen Emotionen und dem gesellschaftlichen Anspruch auf „Tapferkeit“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, das von Kästner entworfene Jungenbild zu dekonstruieren und aufzuzeigen, welche Tugenden – wie Selbstbeherrschung und Gerechtigkeit – gefördert werden sollen, um die Kinder auf die Anforderungen der damaligen Zeit vorzubereiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Romans unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur historischen und pädagogischen Einordnung der Zeit.
Was wird im Hauptteil des Werkes thematisch behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Hierarchien zwischen den Schülern, das distanzierte oder väterliche Verhältnis zu den Lehrern bzw. Betreuern und wie Charaktere wie Martin oder Uli mit privaten Nöten umgehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren den Text am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben dem Autor und Werk vor allem „Selbstbeherrschung“, „bürgerliche Tugenden“, „Erziehung“ und „Weimarer Republik“.
Warum empfinden die Jungen im Buch „Stillhalten“ als eine notwendige Tugend?
In Kästners Darstellung ist Stillhalten eng mit der Angst vor „unmännlichem“ Verhalten verknüpft; die Jungen versuchen, ihre Ängste und Sorgen zu unterdrücken, um dem Ideal des tapferen, bürgerlichen Mannes zu entsprechen.
Welche Rolle spielen Erwachsene wie Dr. Bökh für die Entwicklung der Charaktere?
Sie dienen als väterliche Erzieher, die zwar Freiheiten lassen, aber durch ihre Autorität und ihr Vorbild einen Rahmen schaffen, der die Jungen in ihrem Leistungsdruck und ihrer Anpassung an bürgerliche Normen bestärkt.
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- Ina Brauckhoff (Author), 2006, Das Jungenbild in Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92202