Geschichte als vergangene Wirklichkeit ist aus der gegenwärtigen Position nicht direkt erfahrbar und wahrnehmbar. Historische Ereignisse sind daher nur retroperspektivisch über bestimmte Medien zugänglich. Geschichte ist folglich stets eine narrative Konstruktion, die mithilfe von Medien des historischen Erinnerns rückblickend vorgenommen wird. Bei dem hier verwendeten Medienbegriff ist darauf zu achten, die Spezifika des historischen Denkens mit zu berücksichtigen. Denn für die Geschichtsdidaktik ist weniger die Unterteilung in verbal, visuell, akustisch und audiovisuell – wie sie in der allgemeinen Didaktik und der Mediendidaktik vorgenommen wird – von Belang, sondern es wird unterschieden zwischen drei Gruppen von Medien: Monument, Dokument und Historiographie. Neben diesen drei Arten von Medien historischen Erinnerns gibt es noch historische Fiktionen. Da historisches Lernen Authentizitätsansprüche stellt, werden die Medien historischen Lernens kategorisiert nach ihrem unterschiedlich starken Bezug zu Quellen. Das Kriterium der Nähe zur Quelle wird ergänzt durch die Überprüfung von Darstellungsanteil und Fiktionszusatz.
Gerade bezüglich ihres Fiktionsanteils wird den historischen Kinder- und Jugendbüchern häufig vorgeworfen, nicht für den Geschichtsunterricht geeignet zu sein. In dieser Hausarbeit soll daher dieses Medium des historischen Lernens genauer betrachtet werden. Zunächst wird geklärt, worum es sich bei historischen Kinder- und Jugendbüchern überhaupt handelt und welche Textarten darunter zu subsumieren sind. Anschließend wird die Entwicklung der historischen Kinder- und Jugendliteratur betrachtet von der Aufklärung bis in die Gegenwart. Der nächste Punkt ist dem Problem der Fiktion gewidmet, bevor der didaktische Wert der Kinder- und Jugendliteratur im Geschichtsunterricht anhand einiger die gegenwärtige Diskussion prägender Stichworte (Geschichtsbewusstsein, historische Imagination, Alltagsgeschichte, Multiperspektivität, Personifizierung und Schülerinteressen) gezeigt werden soll. Daraufhin werden mehrere Auswahl-und Analysekriterien vorgestellt, welche z. B. die literarische und fachliche Qualität sowie den Lesegenuss betreffen. Den Abschluss bilden konkrete Ideen für den Einsatz der Kinder- und Jugendliteratur im Unterricht am Beispiel des Buches "Ein Trümmersommer" von Klaus Kordon.
Inhaltsverzeichnis
1. MEDIEN HISTORISCHEN LERNENS
2. DEFINITION „HISTORISCHES KINDER- UND JUGENDBUCH“
2.1. DAS „KINDER- UND JUGENDBUCH“
2.2. DER BEGRIFF „HISTORISCH“
2.3. UNTER „HISTORISCHE KINDER- UND JUGENDBÜCHER“ ZU SUBSUMIERENDE TEXTARTEN
3. DIE ENTWICKLUNG DER HISTORISCHEN KJL
3.1. VON DER AUFKLÄRUNG BIS ZUR MITTE DES 19. JAHRHUNDERTS
3.2. VOM KAISERREICH BIS ZUM ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES
3.3. DIE ENTWICKLUNG IN DER BRD UND DER DDR
3.4. GEGENWÄRTIGE SITUATION
4. DAS PROBLEM DER FIKTION
5. DIDAKTISCHER WERT DER KJL IM GESCHICHTSUNTERRICHT
5.1. GESCHICHTSBEWUSSTSEIN
5.2. HISTORISCHE IMAGINATION
5.3. ALLTAGSGESCHICHTE
5.4. MULTIPERSPEKTIVITÄT
5.5. PERSONIFIZIERUNG
5.6. SCHÜLERINTERESSEN
6. AUSWAHL- UND ANALYSEKRITERIEN
6.1. LITERARISCHE QUALITÄT
6.2. BRÜCKE ZUR FREIZEITLEKTÜRE
6.3. KLASSIKER
6.4. VORWISSEN
6.5. FACHLICHE QUALITÄT
6.6. MULTIPERSPEKTIVITÄT
6.7. PERSONIFIZIERUNG VON GESCHICHTE
6.8. LESEGENUSS
7. IDEEN FÜR DEN EINSATZ IM UNTERRICHT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Eignung historischer Kinder- und Jugendliteratur als Medium für den Geschichtsunterricht. Dabei steht die Frage im Fokus, wie fiktionale Erzählungen trotz ihres fiktiven Charakters zur Förderung eines kritischen Geschichtsbewusstseins, historischer Imagination und Alltagsgeschichte beitragen können, ohne dabei wissenschaftliche Standards zu verletzen.
- Definition und Abgrenzung des historischen Kinder- und Jugendbuchs.
- Historische Entwicklung der historischen Jugendliteratur in verschiedenen Epochen.
- Diskussion des Fiktionsproblems und des didaktischen Mehrwerts.
- Entwicklung von Kriterien zur Auswahl und Analyse historischer Texte für den Unterricht.
- Praktische Einsatzmöglichkeiten und unterrichtsmethodische Ansätze.
Auszug aus dem Buch
5.2. HISTORISCHE IMAGINATION
Eine weitere wichtige Kategorie der Geschichtsdidaktik ist die historische Imagination. Das Vorstellungsvermögen ist wichtig im Prozess der historischen Rekonstruktion, weil Geschichte nicht direkt erlebbar ist. Das, was wir als Geschichte über die Vergangenheit wissen, ist ein Vorstellungskomplex aus Fiktivem, Erforschtem und Erdachten. Um nun solches Wissen zu vermitteln, muss man die wissenschaftlichen Ergebnisse veranschaulichen und vergegenwärtigen. Die KJL ist eine Möglichkeit zur Veranschaulichung von vergangener Wirklichkeit, verweist aber schon durch ihren belletristischen Charakter darauf, dass Geschichtswissen literarisch verarbeitet wurde. Damit neben der Veranschaulichung auch die Vergegenwärtigung stattfinden kann, muss der historische Zusammenhang verallgemeinert werden.
„Einen historischen Ereigniszusammenhang gleichzeitig zu detaillieren und zu generalisieren schaffen historische Jugendbücher häufig problemlos. Denn die dichterische Freiheit erlaubt eine fiktive, anschauliche Ausschmückung der wissenschaftlich gesicherten Kenntnisse und lässt Geschichte als Handlung lebendig werden. Eine fiktive Figur wird in die historische Zeit hinein versetzt, ihr Lebensumfeld und ihre Lebensumstände werden detailliert beschrieben, sie handelt, ihr Handeln wird begründet, ihre Reaktionen auf historische Ereignisse werden dargestellt, und doch erscheint diese Figur mit ihren typisch jugendlichen Problemen, Gedanken und Ideen dem jugendlichen Leser vertraut. Er kann sich mit der Figur identifizieren. Diese Identifikation bewirkt Emotionen und trägt entscheidend zur historischen Imaginationsfähigkeit bei.“
Aber das allein bedeutet noch nicht historisches Lernen. Dies gelingt erst durch die sog. Irritation, die verhindert, dass der Schüler sich ohne kritische Reflexion mit der Vergangenheit beschäftigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. MEDIEN HISTORISCHEN LERNENS: Einführung in die Einteilung geschichtsdidaktischer Medien und die Rolle von Fiktionen im Kontext des historischen Lernens.
2. DEFINITION „HISTORISCHES KINDER- UND JUGENDBUCH“: Herleitung einer Definition für historische Jugendliteratur unter Berücksichtigung von Gattungsmerkmalen und Zielgruppen.
3. DIE ENTWICKLUNG DER HISTORISCHEN KJL: Überblick über die historische Entwicklung der Gattung von der Aufklärung bis zur Gegenwart, inklusive ideologischer Einflüsse in den verschiedenen Epochen.
4. DAS PROBLEM DER FIKTION: Auseinandersetzung mit der Kritik am Einsatz fiktionaler Texte im Geschichtsunterricht und Strategien zur Entschärfung dieser Bedenken.
5. DIDAKTISCHER WERT DER KJL IM GESCHICHTSUNTERRICHT: Analyse der didaktischen Potenziale wie Geschichtsbewusstsein, Imagination, Alltagsgeschichte und Personifizierung.
6. AUSWAHL- UND ANALYSEKRITERIEN: Vorstellung von Kriterien zur Prüfung historischer Texte auf literarische, fachliche und pädagogische Qualität für den Einsatz im Unterricht.
7. IDEEN FÜR DEN EINSATZ IM UNTERRICHT: Konkrete methodische Umsetzungsvorschläge und Möglichkeiten zur Einbettung von historischer Jugendliteratur in den Geschichtsunterricht am Gymnasium.
Schlüsselwörter
Geschichtsdidaktik, historische Jugendliteratur, Geschichtsbewusstsein, historische Imagination, Fiktion, Alltagsgeschichte, Multiperspektivität, Personifizierung, Leseförderung, Geschichtsunterricht, historische Quellen, fachliche Qualität, Quellenarbeit, Identifikationsfigur, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Relevanz und den didaktischen Mehrwert von historischer Kinder- und Jugendliteratur als Ergänzungsmedium im Geschichtsunterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung umfasst die Definition des Begriffs, die historische Entwicklung der Literaturform, eine kritische Auseinandersetzung mit fiktionalen Elementen sowie praktische Kriterien für die Auswahl im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie historische Jugendliteratur trotz ihres fiktiven Kerns gezielt und wissenschaftlich fundiert eingesetzt werden kann, um Lernprozesse zu bereichern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch geschichtsdidaktische Fachliteratur und verknüpft diese mit einer analytischen Bewertung des Mediums anhand spezifischer Kriterien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine methodische Kritik zur Fiktionsthematik, die Erläuterung didaktischer Werte und die Aufstellung konkreter Auswahlkriterien für die Lehrpraxis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind das Geschichtsbewusstsein, die historische Imagination, die Multiperspektivität sowie die fachliche und literarische Qualitätssicherung.
Wie trägt die Personifizierung in Erzähltexten zum Verständnis bei?
Die Personifizierung ermöglicht es Schülern, sich durch Identifikationsfiguren besser in historische Zusammenhänge hineinzuversetzen, ohne dabei die historische Wirklichkeit nur durch „große Männer“ zu betrachten.
Warum wird das Werk „Ein Trümmersommer“ von Klaus Kordon als Beispiel angeführt?
Das Werk dient als konkretes Anwendungsbeispiel für die 9. Klasse am Gymnasium, um zu zeigen, wie ein historischer Roman komplexe Themen wie den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit für Schüler zugänglich macht.
Welchen Stellenwert nimmt die „Irritation“ beim historischen Lernen ein?
Irritation ist notwendig, um zu verhindern, dass Schüler historische Romane unreflektiert als Wahrheit akzeptieren; sie zwingt zum kritischen Hinterfragen und zur Differenzierung zwischen Fakt und Fiktion.
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- Tanja Wagner (Author), 2007, Historische Kinder- und Jugendbücher als Medien historischen Lernens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92218