Zeitanalyse von Arno Schmidts "Schwarze Spiegel"


Seminararbeit, 2007

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Erzählzeit und erzählte Zeit
2.2 Die Verhältnisse der Erzählzeit und erzählten Zeit zueinander
2.3 Das Erzähltempo

3. Das Erzähltempo in „Schwarze Spiegel“

4. Schmidts Erzähltheorie: Berechnungen I

5 Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Für die Analyse einer Erzählung kann es sehr hilfreich sein, wenn man die Zeit untersucht. Die Manipulation der Zeit gehört zu den „wichtigsten erzählerischen Verfahren“ und deren Analyse ist dabei „vergleichsweise einfach als auch außerordentlich aufschlussreich“.[1] Die Untersuchung der Zeit kann somit ein guter Einstieg in die Besprechung einer Erzählung sein.

Allerdings fällt unter die Kategorie „Zeit“ in der Erzähltheorie eine Vielzahl von Begriffen. Es kann einmal die „äußere“ Zeit betrachtet werden. Gemeint ist die Zeitstruktur des Werkes. Hierzu gehören Punkte wie das Erzähltempo, die Ordnung oder die Frequenz. Interessant ist auch, welche Bedeutung die Zeit für den Helden einer Erzählung hat („innere“ Zeit). Man kann sich dem Aspekt der Zeit auf unterschiedliche Weise nähern.

Wir wollen unser Augenmerk bei der Besprechung von Arno Schmidts Roman „Schwarze Spiegel“ auf das Erzähltempo richten. Dafür ist es zunächst notwendig, sich der theoretischen Grundlagen bewusst zu werden. Aus diesem Grund werden Eingangs die Begriffe Erzählzeit und erzählte Zeit, sowie ihr Verhältnis zueinander geklärt, um in der Vorstellung der Erzählgeschwindigkeit zu münden. Im Anschluss an diesen theoretischen Teil wird das Erzähltempo in „Schwarze Spiegel“ analysiert. Diese Untersuchung zielt auf die Frage der Erzählform dieses Romans hin. Zu deren Beantwortung wird schlussendlich Schmidts eigene Erzähltheorie herangezogen.

Grundlage für die Besprechung des theoretischen Teils ist Bodes Werk „Der Roman“, welches durch Ausführungen Müllers und Genettes ergänzt wird.

2. Theorie

2.1 Erzählzeit und erzählte Zeit

Eine Erzählung braucht Zeit. Sie braucht sie im doppeltem Sinn: um sich zu entfalten und um erzählt zu werden. Somit muss zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit unterschieden werden. Die Erzählzeit ist dabei die Zeit, die für das Erzählen einer Geschichte benötigt wird, also eine „bestimme (sic!) Spanne der physikalischen Zeit.“[2]. Der Begriff kann und wird vom mündlichen Erzählen zum Lesen der verschriftlichten Form der Geschichte übertragen.[3] Die exakte Lesegeschwindigkeit spielt dabei keine Rolle, dafür ist sie zu variabel. Das „Lesetempo kann nicht mit dem Metronom ein für allemal festgelegt werden“[4]. Die Größenordnung der Dauer an sich ist entscheidend. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die Erzählzeit von Romanen innerhalb einiger Stunden liegt, abhängig nach Umfang der jeweiligen Geschichte.[5]

Die erzählte Zeit hingegen ist der erzählte Vorgang[6], der Zeitraum, „der in einer Erzählung narrativ abgedeckt wird.“[7] Die erzählte Zeit kann sich somit von Stunden über Wochen bis zu Jahren und länger hin erstrecken.

Untersuchenswert ist nun das Verhältnis beider Größen zueinander. Bode kann sich dabei drei Situationen vorstellen: die Erzählzeit ist kleiner als, gleich groß oder größer als die erzählte Zeit.[8] Hinzu fügt er zwei als Grenzfälle bezeichnete Situationen, die Gérard Genette eingeführt hat: die Pause und die Ellipse.[9] Alle fünf Fälle sollen im folgendem kurz dargestellt werden.

2.2 Die Verhältnisse der Erzählzeit und erzählten Zeit zueinander

Zunächst setzt Bode für die Erzählzeit a ein und für die erzählte Zeit b, um eine Gleichung aufzustellen. Diese wird hier übernommen.

Für den ersten Fall kommt er somit auf die Gleichung a<b.[10] Dabei ist er sich mit Müller einig, dass dieses Verhältnis in Romanen vorwiegt.[11] Dies ist auch gar nicht anders denkbar, da es schließlich unmöglich ist, „einen Lebensvorgang völlig erschöpfend zu erzählen, weil sonst das Geschehen jeder einzelnen Zelle, jedes Muskels, jedes Kreislaufsystems erzählt werden müsste.“[12] Da eine solche Schilderung jedes einzelnen Details aber den Rahmen einer jeden Erzählung sprengen würde, wird die erzählte Zeit mithilfe von Raffungen, Auslassungen usw. verkürzt. Somit können Handlungen schneller erzählt als ausgeführt werden.[13]

Das nächste Verhältnis der beiden Zeiten zueinander ist a=b. Die zum Lesen benötigte Zeit ist so groß, wie die „erzählte Handlung selbst ’in Wirklichkeit’ erfordern würde.“[14] Dialoge sind für dieses Verhältnis beispielhaft.[15]

Das Verhältnis a>b (Erzählzeit ist größer als erzählte Zeit) liegt dann vor, wenn eine kurze, nur Sekunden dauernde Handlung äußerst detailliert erzählt wird. Dadurch übersteigt die Erzählzeit die Dauer des erzählten Vorgangs. Nach Bode tritt dieser Fall beispielsweise ein, wenn außer dem Dialog gleichzeitig stattfindende innere Vorgänge der handelnden Personen wiedergegeben werden. Somit ist die Hauptaufgabe dieses Zeitverhältnisses die Darstellung von Bewusstseinsvorgängen.[16]

Der erste der von Bode charakterisierten Grenzfälle ist die von Genette eingeführte Pause. Genette diskutiert dieses Phänomen anhand einiger Beispiele der französischen Literatur. Dabei wird deutlich, um was es sich bei Pausen im Grunde handelt: Sie sind deskriptiver Natur.[17] Bei einer Pause ist die erzählte Zeit (also b) gleich Null. Die Handlung wird unterbrochen und eine Beschreibung eingefügt.[18]

Das andere Extrem ist die Ellipse. Eine Ellipse ist eine Auslassung. Bei der Betrachtung der Zeitebene einer Geschichte handelt es sich folglich um die „ausgesparte Zeit der Geschichte“.[19] Es hat sich also etwas ergeben, was nicht berichtet wird, a ist also Null.[20]

Alle denkbaren Verhältnisse von Erzählzeit zu erzählter Zeit sind somit vorgestellt. Um aber einen größtmöglichen Erkenntniswert aus der Zeitanalyse eines Romans zu gewinnen, ist es nötig, diese im Zusammenhang zu betrachten.

[...]


[1] Bode, Christoph: Der Roman. Eine Einführung. Tübingen und Basel: A. Francke 2005. S. 97.

[2] Müller, Günther: Die Bedeutung der Zeit in der Erzählkunst. In: Ders.: Morphologische Poetik. Gesammelte Aufsätze. 2. Aufl. Tübingen: Max Niemeyer 1974. S.257.

[3] Vgl. Bode. S. 97.

[4] Müller, Günther: Erzählzeit und erzählte Zeit. in: Ders.: Morphologische Poetik. Gesammelte Aufsätze. 2. Aufl. Tübingen: Max Niemeyer 1974. S. 275.

[5] Vgl. Bode. S. 97.

[6] Vgl. Lämmert, Eberhard: Bauformen des Erzählens. 8. Aufl. Stuttgart: Metzler 1991. S 23.

[7] Bode. S. 98.

[8] Vgl. ebd. S. 98.

[9] Vgl. ebd. S. 106.

[10] Vgl. Bode. S. 98.

[11] Vgl. ebd., Müller: Bedeutung der Zeit. S. 258.

[12] Ebd. S. 258f.

[13] Vgl. Bode. S. 98.

[14] Ebd. S. 98.

[15] Vgl. ebd.

[16] Vgl. ebd. S. 100.

[17] Vgl. Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Wilhelm Fink 1994. S. 71ff.

[18] Vgl. Bode. S. 106.

[19] Genette. S. 76. Genette unterscheidet im Folgenden noch zwischen impliziten, expliziten und hypothetischen Ellipsen. Dazu Genette. S. 76ff.

[20] Vgl. Bode. S. 108.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zeitanalyse von Arno Schmidts "Schwarze Spiegel"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Roman nach 1945
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V92220
ISBN (eBook)
9783638060653
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeitanalyse, Arno, Schmidts, Schwarze, Spiegel, Roman
Arbeit zitieren
Christoph Wowtscherk (Autor), 2007, Zeitanalyse von Arno Schmidts "Schwarze Spiegel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92220

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