Rollenbilder im realistischen Mädchenroman der 1980er Jahre am Beispiel von Christine Nöstlingers "Gretchen Sackmaier" Trilogie


Examensarbeit, 2007

95 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung
Forschungsstand

B) Hauptteil
1. Theoretische Grundlagen
1.1 Realismus in der Jugendliteratur
1.1.1 Kurzer historischer Abriss der Entwicklung des realistischen Jugendromans
1.2 Konstituenten der Mädchenliteratur
1.2.1 Das Mädchenbuch und seine Leserschaft
1.2.2 Entwicklung der Mädchenbücher: vom traditionellen Mädchenroman zur modernen, emanzipatorischen Mädchenliteratur
2. Rollenbilder im Mädchenroman der 1980er Jahre
2.1 Familiale Strukturen im Mädchenroman
2.1.1 Mutter- und Tochterbilder
2.1.2 Vater- und Männerbilder
2.1.3 Beziehung zwischen den jugendlichen Eltern und erwachsenen Jugendlichen
2.2 Konstituenten der Rolle der Protagonistin
2.2.1 Partnerschaft
2.2.2 Körperbild und weibliche Sexualität
2.2.3 Mädchenfreundschaften
2.2.4 Charakter und Identität der Protagonistinnen
3. Realisierung der Rollenbilder in Christine Nöstlingers „Gretchen Sackmeier“- Trilogie
3.1 Biographisches zu Christine Nöstlinger und kurze Charakteristik ihres Werkes
3.2 Inhaltliche Zusammenfassung der Gretchen-Trilogie
3.3 Familiale Rollenbilder
3.3.1 Das Rollenbild der Mutter
3.3.2 Die Rolle des Vaters
3.3.3 Gretchens Bruder Hänschen
3.3.4 Oma und Mädi als Gegenpole weiblicher Identität
3.4 Außerfamiliale Rollenbilder
3.4.1 Die Rolle der Freundin
3.4.2 Entscheidung zwischen zwei Rollenbildern Hinzel und Florian
3.5 Gretchen Sackmeier

C) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

A) Einleitung

Sowohl die gesellschaftliche Stellung der Frau als auch die Erziehung haben sich in den letzten dreißig Jahren des 20. Jahrhunderts drastisch verändert. Die in dieser Zeit entstandenen Mädchenbücher sind ein guter Spiegel dieser Veränderungen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie sich männliche und weibliche Rollenbilder sowie Familienstrukturen in der Mädchenliteratur der 1980er Jahre darstellen. Die Roman-Trilogie der „Gretchen Sackmeier“ von Christine Nöstlinger bietet eine gute Möglichkeit, diese Rollenbilder zu untersuchen, da sie in vielerlei Hinsicht genau in das Schema der realistischen Mädchenliteratur der 80er Jahre passt. Die Gretchen-Romane stellen exemplarisch die gewünschten und realen, weiblichen und männlichen Rollenbilder der 80er Jahre dar.

Die 80er Jahre sind zwar gesellschaftspolitisch lange nicht so brisant oder gar revolutionär wie die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, dennoch kann man in dieser Zeit die Umsetzung der in den Vorjahren gestellten emanzipatorischen Forderungen verfolgen.

Zudem sind die 80er Jahre in soziologischer Hinsicht durch einen Entwicklungsprozess gekennzeichnet, den Ulrich Beck 1994 in seinem Band Riskante Freiheiten mit der Individualisierung der Lebensformen bezeichnet hat.[1] Die dort beschriebenen Veränderungsprozesse bilden die Matrix zum Verständnis der in der Gretchen-Trilogie geschilderten Adoleszenzproblematik. Dies bezieht sich vor allem auf die seit den späten 60er Jahren zu beobachtende Erosion der starren Rollenbilder und die Verlagerung des Identitätskonflikts von Außen nach Innen. Was dies genau bedeutet, vor allem im Hinblick auf die Mädchenliteratur der 80er Jahre, wird in der vorliegenden Arbeit zu klären sein.

Nach Beck meint Individualisierung „die Auflösung vorgegebener sozialer Lebensformen – zum Beispiel das Brüchigwerden von lebensweltlichen Kategorien wie Klasse und Stand, Geschlechtsrollen, Familie, Nachbarschaft usw. (…).“[2]

Entscheidend ist dabei der Umstand, dass die alten tradierten Lebensformen zwar bröckeln und zum Teil absterben, neue Lebensformen sich aber erst konstituieren müssen. Wurde man in traditionellen Gesellschaften qua Stand oder Religion in lebensregulierende Mechanismen hineingeboren, müssen nun aktiv neue Lebensformen entwickelt werden. Es gibt keine unveränderbaren Identitäten mehr, in die man schlüpfen kann. Vielmehr bedeutet Individualisierung gleichzeitig auch den Zwang zur „Selbstinszenierung (...) der eigenen Biographie.“ Der Mensch wird zum „Baumeister (...) seiner eigenen Lebenswelt.“[3]

Nun gehören in starkem Maße zu diesen im Wandel begriffenen Lebensformen die Geschlechterrollen, die sich im Laufe der 80er Jahre immer stärker entpolarisieren. Die in Jahrhunderten eingeübten starren Rollen von Mann und Frau lösen sich seit den 60er Jahren auf. Diese Zusammenhänge führten maßgeblich zu einem Paradigmenwechsel in der Jugendliteratur weg von einer als überholt begriffenen Idylle hin zum Realismus.

Analog dazu manifestieren sich emanzipatorische Aspekte auch in der realistischen Mädchenliteratur jener Zeit. Gleichzeitig kann man durch die Mädchenliteratur, als Spiegel ihrer Zeit feststellen, wie diffizil die Umsetzung der emanzipatorischen Ideen im Privaten war.

In der vorliegenden Arbeit sollen nun die Rollenbilder im realistischen Mädchenroman der 80er Jahre anhand der „Sackmeier“ Trilogie untersucht und beschrieben werden.

Dazu werden im theoretischen Teil die Kennzeichen der realistischen Jugendliteratur markiert, ein historischer Überblick über die realistische Jugendliteratur und die Mädchenliteratur seit den 50er Jahren gegeben. Desweiteren wird untersucht, was weibliche und männliche RezipientInnen unterscheidet.

Im zweiten Teil dieser Arbeit wird der Wandel und Status quo der Rollenbilder der mädchenliterarischen 80er Jahre dargestellt, um dann im dritten Abschnitt die Realisierung dieser Rollenbilder in der Romantrilogie der „Gretchen Sackmeier“ von Christine Nöstlinger zu erläutern. Hierbei werden familiale Strukturen und außerfamiliale Rollenbilder genau analysiert, um schließlich die Rolle der Protagonistin, die sich aus all den vorher genannten Beziehungen ergibt zu untersuchen.

Doch zunächst folgen einige Ausführungen zur Entwicklung der Kinder- und Jugendliteraturforschung allgemein und der für diese Arbeit hauptsächlich verwendeten Literatur im Besonderen.

Forschungsstand

Seit den 70er Jahren beschäftigt sich die Literaturwissenschaft intensiv mit dem Genre der Mädchenliteratur, das zuvor meist als reine Unterhaltungsliteratur betrachtet wurde. Die Mädchenliteraturforschung ist also ein noch jüngeres Forschungsgebiet als die allgemeine Kinder- und Jugendliteraturforschung. Die Kinder- und Jugendliteraturforschung hat ihre Anfänge in der Aufklärung, deren ideologisches Konzept auf der Erziehung des Menschen aufbaute. Einer der Vertreter dieser ersten Kinder- und Jugendbuchforschung ist z.B. Joachim Heinrich Campe (1746-1818), ein weiterer jüngerer Kinder- und Jugendliteraturforscher ist Heinrich Wolgast (1860-1920), der erstmals vehement das Niveau der Kinder- und Jugendbücher kritisierte und sich gegen eine Trennung von Kinder- und Jugendliteratur und Erwachsenenliteratur aussprach. Als weitere wichtige Forscherpersönlichkeit ist Hermann Leopold Köster (1872-1957) zu nennen, der erstmalig eine durchgängige Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur verfasste. Für die moderne Jugendliteraturforschung spielt der Name Hans-Heino Ewers eine große Rolle, der in verschiedenen Bereichen grundlegend ist, vor allem in der Begriffsbestimmung.

Die für diese Arbeit grundlegende Literatur bezieht sich auf verschiedene Autoren, prägend sind jedoch die Dissertation von Sabine Keiner mit ihrer sehr genauen Analyse der emanzipatorischen Mädchenliteratur der 80er Jahre, Heinrich Kaulen, der sich mit den Rollenbildern der Mädchenliteratur dieses Zeitraums beschäftigt hat und Inge Wild, dank derer verschiedene Analysen zu Christine Nöstlingers Werk allgemein und zur Gretchen-Trilogie im Besonderen vorliegen. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die moderne Mädchenliteraturforschung ein breites Spektrum aufweist. Im Forschungsfokus stehen dabei der Adoleszenzroman, familiale Strukturen, Beziehungsanalysen und Rollenkonstrukte. Mädchenbilder werden dabei häufig durch Beziehungen zu anderen Romanfiguren beschrieben, ein allgemein gültiger Entwurf der Identitätskonzepte der Mädchenliteratur der 80er Jahre steht noch aus, und obwohl es viele verschiedene Einzelanalysen gibt, lassen sich diese jedoch, aufgrund ihrer Verschiedenheit, schwer zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

B) Hauptteil

1. Theoretische Grundlagen

Ein zum Thema hinführender theoretischer Abschnitt soll die Arbeit einleiten, wobei zunächst die Realismusdebatte in der Jugendliteratur dargestellt wird, anschließend deren Entwicklung beschrieben, um im Folgenden die weiblichen und männlichen Lesesozialisationsdifferenzen darzustellen. Abschließend wird dann die historische Entwicklung der Mädchenliteratur skizziert.

1.1 Realismus in der Jugendliteratur

Bei der Roman-Trilogie der Gretchen Sackmeier handelt es sich um ein realistisches Mädchenbuch. Was der Begriff ,realistisch’ im Zusammenhang mit der Jugendliteratur bedeutet, soll im folgend erklärt werden.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse der späten 60er Jahre des letzten Jahrhunderts führten dazu, dass man sich in der Jugendliteratur von der als überlebt angesehenen und reaktionär begriffenen Idylle ab- und dem Realismus zuwandte. Im Verlauf literaturkritischer Untersuchungen hat es zahlreiche Debatten über den Realismus in der Literatur gegeben. Dabei traten verschiedenste Ansichten und Kennzeichen von realistischer Literatur zutage. Im nächsten Abschnitt soll der Begriff der realistischen Jugendliteratur deshalb näher erläutert werden.

Literatur allgemein und Kinder- und Jugendliteratur im Besonderen ist nie reines Spiegelbild der Realität. Gundel Mattenklott merkt hierzu an: „Dennoch hat jede Epoche ihre Kinderbücher, und in jedem Buch finden wir Reflexe wirklicher Kindheit und ihrer politischen und sozialen Bedingungen.“[4] Wenn Martin Walser den Protagonisten seines Romans Ohne einander sagen lässt, „beim Schreiben (…) setze sich das Mögliche durch“[5], zielt dies darauf ab, dass der realistisch schreibende Autor reflektiert, welche Handlungsweisen in der Logik der Psyche der Romanfiguren denkbar und realistisch erscheinen, „natürlich immer nur so, wie es dem jeweiligen Autor aufgrund seiner Lebenserfahrung und seiner Weltsicht entspricht.“[6] Die Grundlage für Realismus in der Literatur liegt also zunächst im Grad der Nachvollziehbarkeit der Handlungsschritte der Romanfiguren.

Ein wichtiges Kennzeichen realistischer Jugendliteratur ist die besondere Form der Sprachverwendung. Da gerade Jugendsprache sich mit dem Strom der Zeit bewegt, kann man hier anhand der vom Schriftsteller wahrgenommenen Jugendsprache Jugendepochen erkennen. Besonders beim sprachlichen Merkmal tritt jedoch das Problem realistischer Jugendliteratur deutlich zutage. Zwischen der Realität und dem realistischen Roman stehen immer der Autor, der Schreibprozess und die Entstehungszeit des Textes. Gemeint ist hier folgendes: Ein Autor schreibt ein Jugendbuch entweder aus der Beobachtung oder er schreibt aus der Erinnerung. Beobachtet nun ein erwachsener Schriftsteller Jugendliche, so kann seine Perspektive nie die des jugendlichen Protagonisten sein. Besonders im sprachlichen Bereich kann das zu Peinlichkeiten führen, infolge derer der exakte Ton der Jugendsprache zwar versucht wird zu treffen, jedoch nicht getroffen wird. Schreibt der erwachsene Schriftsteller nun über seine eigene Jugend, so werden Ton und Färbung der Sprache, Stimmungen und Strömungen der Zeit vermutlich besser getroffen, die Erzählung ist also näher an der Realität, doch ist diese Realität zum Erscheinungszeitpunkt des Buches längst Vergangenheit.

Hierbei wird die Frage aufgeworfen, ob realistische Jugendliteratur ihrem Anspruch als Gesellschaftskritik und Lebenshilfe durch Darstellung der Realität und infolge dessen der besseren Identifikation der RezipientInnen mit den ProtagonistInnen immer gerecht werden kann. Realität in Kinder- und Jugendbüchern entspricht eben auch immer der Vorstellung von Kinderrealität, dem Bild der Erwachsenen von Kindheit. Dennoch sind diese Vorstellungen nicht marginal, sie beschreiben und „setzen Normen“[7] von Kindheit. Weiter schreibt Mattenklott: „Sehr unterschiedlich kann das Maß an Realität sein, was auf diesen Wegen in ein Kinderbuch einfließt. Erinnerungen und Beobachtungen und ihre sprachliche Verarbeitung können genau und detailliert sein, können bewusst, kritisch, sorgfältig geprüft und von Vorurteilen und ideologischem Ballast so weit wie möglich befreit sein. Die Beobachtung kann wie die Erinnerung aber auch verstellt sein durch die Kindheitsbilder wie durch Vorurteile.“[8] Realistische Kinderliteratur steht deshalb nicht nur in Abhängigkeit zur Realität sondern auch in Abhängigkeit zum Autor.

Die Themen, Stoffe und Motive der realistischen Jugendliteratur entsprechen dem Anspruch derselben. Sie stammen aus dem alltäglichen Bereich der Kinder und Jugendlichen und stehen unter dem Motto: „Die Welt ist schlecht und dies soll gezeigt werden“. So finden wir vermehrt seit den späten 60er Jahren Themen, die Schwierigkeiten von Kindheit in der Moderne spiegeln. Da geht es um zerrüttete Familien, Emanzipation, AIDS, Behinderung, Tod, Gewalt, sexuellen Missbrauch oder die Drogenproblematik.

Demzufolge bilden die Stoffe der realistischen Kinder- und Jugendendliteratur die reale Erlebniswelt der Leser/innen ab, haben also nachvollziehbaren Charakter, um eine Identifikation mit den Protagonisten zu ermöglichen. Über diese Identifikation soll den Rezipienten die Verarbeitung oder bestenfalls die Bewältigung der realen Probleme gelingen. Elvira Armbröster-Groh zeigt die Problematik bei der literarischen Wirklichkeitsverarbeitung auf. Literatur kann sich der Realität zwar „stärker oder schwächer“ anpassen, sie kann selbst aber niemals Wirklichkeit sein. Elvira Armbröster-Groh meint in diesem Zusammenhang: „Zwischen Realität und literarischer Wirklichkeit existiert ein entscheidender Unterschied. Die literarische Wirklichkeit ist stets gestaltete Wirklichkeit, eine Wirklichkeit zweiten Grades. (…) Auch der gelungenste Versuch, Wirklichkeit so detailgetreu wie möglich wiederzugeben, ist immer ein Kunstprodukt, eine Fiktion.“[9] Literatur, die versucht, die Realität abzubilden, wird sich mit ihr verändern müssen.

Die Bezeichnung Realismus stellt in der Jugendliteratur also keine zeitliche Epoche dar, sondern eine bestimmte stiltypische Kategorie, die es den Lesern „ermöglicht, das Erzählgeschehen (…) nach logisch nachvollziehbaren und rational durchschaubaren Handlungsschritten“[10] zu erfahren. Insofern unterliegt die realistische Kinder- und Jugendliteratur Veränderungen und kann somit nicht als „Epochenbezeichnung“[11] verstanden werden.

Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass realistische Jugendliteratur die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen abbilden soll, um diesen im Prozess des Lesens eine Identifikation mit den Romanfiguren zu ermöglichen. Das Ziel ist hierbei die Verarbeitung adoleszenzbedingter Probleme.[12] Dabei steht realistische Jugendliteratur immer in Abhängigkeit zu gesellschaftlichen Veränderungen, was sich auf inhaltlicher, struktureller und sprachlicher Ebene widerspiegelt.

1.1.1 Kurzer historischer Abriss der Entwicklung des realistischen Jugendromans

Aufgrund der vorangegangenen Schilderungen wird deutlich, dass realistische Kinder- und Jugendliteratur im historischen Kontext zu betrachten ist. Deshalb lassen sich unterschiedliche Ausprägungen der realistischen Darstellung in der Jugendliteratur ausmachen, die stets ein Spiegelbild der historischen Realität bezüglich der Moralvorstellungen, Lebenswelten, Sichtweisen, Sprache, formeller und informeller Regeln darstellen.

Im 18. Jahrhundert gibt es eine Form des Realismus, die heute als formaler Realismus bezeichnet wird. Gesellschaftlich bedeutende Werte wie Tugendhaftigkeit, Sparsamkeit und Gehorsam wurden exemplarisch durch nachahmenswerte Romanhelden dargestellt.[13] Das moralische Vorbild des Romanhelden blieb zwar auch im 19. Jahrhundert noch prägend, änderte sich aber insofern, als dass es sich nunmehr am überhöhten klassischen Typus orientierte. Zu dieser Zeit entsteht das realistische Kinder- und Jugendbuch, durch das das Kind zum „ästhetischen Genuß“[14] erzogen werden soll. Einer der Vertreter dieser als poetisch ästhetischer Realismus bezeichneten Epoche ist Heinrich Wolgast.

Die Reformpädagogen stellen, im fin de siecle, das Kind ins Zentrum des Geschehens, rücken dessen Wirklichkeitserfahrung in den Mittelpunkt der Darstellung. Die Aufmerksamkeit wird erstmals auch auf „kindersprachliche Erscheinungen“[15] gelenkt. Diese literarische Ausprägung wird methodischer Realismus genannt.

Die Großstadt und deren Auswirkungen auf das Kind steht im Interesse der Kinder- und Jugendliteratur der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Erich Kästners Emil und die Detektive oder Pünktchen und Anton Geschichten sind Beispiele für diese Milieustudien.

Der Nationalsozialismus bedeutet im Sektor der Kinderliteratur, wie in vielen anderen Bereichen auch, Regression. Romanhelden entsprechen nun wieder den starren geschlechtsspezifischen Rollenbildern des 19. Jahrhunderts und zeichnen sich zudem „durch eine ungebrochene Moralität im Sinne der herrschenden Ideologie aus“[16].

Literaten der Nachkriegszeit knüpfen zunächst an den Vorkriegszustand an und ignorieren die Realität des Nationalsozialismus. So bleibt auch die aktuelle Realität der sogenannten Stunde Null in der Kinder- und Jugendliteratur vorerst unerwähnt. Themen wie Arbeitslosigkeit, Schwarzmarkt, Konzentrations- oder Kriegsgefangenenlager sind in der Kinder- und Jugendliteratur der Nachkriegsjahre nicht existent. Am Ende der 1940er Jahre allerdings entsteht wieder neues kinder- und jugendliterarisches Leben.

1949 erscheint Kästners Konferenz der Tiere, ein sehr politisches Kinderbuch, in München wird die Internationale Jugendbibliothek zum Zwecke der Sammlung und Verbreitung von internationaler Jugendliteratur gegründet, Astrid Lindgren veröffentlicht ihre Pippi Langstumpf und setzt damit neue, antiautoritäre Maßstäbe: „Mit diesem Buch war die Autorität der Erwachsenen, die in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur seit zwei Jahrhunderten mehr oder minder unangefochten war, nicht mehr selbstverständlich. Nun änderten sich auch festgeschriebene Geschlechterrollenbilder, die in Mädchenbüchern wie Trotzkopf oder Nesthäkchen tradiert worden waren.“[17]

In den 1950er Jahren werden weitere jugendliterarische Institutionen geschaffen, wie z.B. der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. (1955), der den deutschen Jugendliteraturpreis auch heute noch vergibt. Ansonsten stehen die 50er Jahre noch mehr im Zeichen der Wiederherstellung denn der Erneuerung. In Kinder- und Jugendbüchern dieser Zeit werden die RezipientInnen vor der problembehafteten Realität der Erwachsenen verschont. Beispielhaft hierfür sind Ottfried Preußlers poetisch fantastische Geschichten Die kleine Hexe und Der kleine Wassermann.

Die 1960er Jahre markieren eine deutliche Wende hin zur antiautoritären emanzipatorischen Kinderliteratur. Thematisch geht es um die Befreiung des Kindes von patriarchalischen Erziehungsstilen, weshalb diese Epoche pädagogischer Realismus genannt wird . Das Kind respektive der Jugendliche in der Literatur werden dem Erwachsenen mehr und mehr gleichgestellt. Dies hat zur Folge, dass sich die Kinder- und Jugendliteratur der Erwachsenenliteratur in punkto Themen, Anspruch und Realitätsbezug weiter angleicht. Die Kinder- und Jugendliteratur wird dadurch stark aufgewertet und der pädagogische Anspruch wächst.

In den 1970er Jahren herrschen zwei Hauptströmungen in der Kinder- und Jugendliteratur vor.

Die Vertreter des sozialkritischen Realismus der 70er Jahre verändern den für Kinder oft schwer zugänglichen, pädagogischen Stil zugunsten eines besseren Verständnisses. Im Zuge einer allgemeinen Politisierung der Gesellschaft („Mehr Demokratie wagen“[18]) finden nun auch stark politische Themen ihren Platz in der Jugendliteratur.

Die Vertreter der zweiten großen Stilrichtung, der phantastischen Jugendliteratur hingegen entwickeln, sozusagen als Flucht vor den gesellschaftlichen Entwicklungen und Krisen märchenhaft romantische Fantasiewelten. Beispiele hierfür sind Michael Endes Momo oder J.R.R. Tolkiens Der kleine Hobbit und Herr der Ringe.

1980 gelangt mit Michael Endes Die unendliche Geschichte erstmalig ein Kinderbuch in die Spiegel-Bestsellerliste und bleibt dort jahrelang. Ein Zeichen dafür, dass Kinder- und Jugendliteratur in der Bevölkerung eine starke Aufwertung erfährt. Der Leserkreis von Kinder- und Jugendliteratur vergrößert sich nun zusehends und weitet sich auf erwachsene RezipientInnen aus, was unter anderem an der Ausdehnung der Kindheits- und Jugendphase (an späterer Stelle näher erläutert) liegt. Die Popularität der phantastischen Literatur ist Anfang der 80er Jahre enorm - ein Trend, der sich bis heute fortsetzt.[19]

Zeitgleich zur phantastischen Strömung manifestiert sich jedoch auch die sozialkritische Stilrichtung und wird zum sogenannten problemorientierten Jugendroman ausgebaut. Eine weitere Form des Realismus ist der psychologische Kinderroman. Armbröster-Groh schreibt: „An die Stelle einer extensiven Weltdarstellung tritt eine verstärkte Thematisierung der inneren Realität. Probleme existentieller Art rücken in den Vordergrund: Es geht um die Bewältigung von Ängsten, Unsicherheiten und Traumata, um Verlusterfahrungen und Trauerarbeit, um Vereinsamung und deren Überwindung, um Ich-Stabilisierung und die Suche nach vorübergehendem Halt.“[20]

Die Perspektive verlagert sich „von der gesellschaftlichen Ebene auf die kindliche Innenwelt.“[21] Dabei verschwindet zunehmend der „pädagogische Zeigefinger“ oder wird zumindest stark verschleiert. Kinder- und Jugendliteratur ist immer auch pädagogisch, nie allein literarisch zu betrachten. In fantastischen und realistischen Geschichten geht es nun vorrangig um die Bestandsaufnahme der als negativ empfundenen gesellschaftlichen Bedingungen, wobei der emanzipatorische Optimismus der Aufklärung der 70er Jahre zusehends verschwindet.

Andererseits wird etwa ab der Mitte der 80er Jahre, als Reaktion auf die problemorientierte Jugendliteratur, das komische Element wiederentdeckt.“[22] Die Problematik wird, wider den Ernst des Daseins, mit einem Lachen erzählt, um so beim Rezipienten nicht bloße Betroffenheit, sondern auch Gelöstheit zu erzeugen. Das Genre des komischen Familienromans fühlt sich nicht mehr der alleinigen Gesellschaftskritik und Psychoanalyse verpflichtet, sondern auch der durch humoristische Mittel evozierten Versöhnung des Individuums mit der Gesellschaft. Die Komik zeigt sich im „spielerischen Umgang mit Sprache“[23], durch Umkehr der Rollen (Kinderrolle-Erwachsenenrolle, Frauenrolle-Männerrolle), durch Ironisierung und Infragestellung der gesellschaftlichen Normen, Werte und Autoritäten.[24] Eine der Hauptvertreterrinnen dieser Stilrichtung im deutschen Sprachraum ist Christine Nöstlinger.

Weiter kann man im Verlauf der 80er Jahre Einschnitte bemerken, welche die Jugendliteratur allgemein und besonders die Gattung des Adoleszenzromans betreffen. Diese Einschnitte sind: „Entdramatisierung des Generationenkonflikts, Individualisierung, Pluralisierung, Medialisierung, ,Ende des Selbst’ bzw. Abkehr von rigiden Identitätskonzepten - all dies bisweilen zusammengefaßt unter der Überschrift: Jugend und Postmoderne.“[25]

Die Komponenten der Postmoderne, welche die Matrix der Jugendliteratur der späten 80er und der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts bilden, sind vielfältig.

Eine entscheidende strukturbildende Komponente der Postmoderne ist die bereits erwähnte Ausdehnung der Jugendzeit.

Zwischen dem Kindheits- und Jugendbild des 18. Jahrhunderts und der Mythologisierung der Jugendlichkeit in unserer heutigen Gesellschaft „liegen Welten“.[26] Mit dem Zugeständnis der jugendlichen Rechte und der Erweiterung der Handlungskompetenzen von Jugendlichen geht seit den späten 70er Jahren eine deutliche Verlängerung und Idealisierung von Jugend einher. „Noch zur Jahrhundertwende konnte man die Jugendphase relativ klar auf die wenigen Jahre zwischen der Pubertät und dem Beginn des Berufs- bzw. Familienlebens eingrenzen.“[27] Heute beginnt körperliche Akzeleration früher und gleichzeitig wird, durch die Verlängerung der Ausbildungszeit, der Eintritt in die Erwachsenenwelt verzögert. Die psychologischen Auswirkungen sind vielfältig und die literarischen ebenso. Zu bemerken sind in diesem Zusammenhang das Verschwinden des Generationenkonfliktes, aufgrund der verwaschenen Grenzen zwischen den Adoleszenzstufen und das Verschwinden eines festgelegten, relativ stabilen Identitätskonzeptes. Eine Einebnungstendenz zwischen Jugendliteratur und Erwachsenenliteratur hat vor allem in der modernen realistischen Jugendliteratur stattgefunden.

Quasi auf die Spitze getrieben wird diese Vermischung von Erwachsenen- und Jugendliteratur im Genre Popliteratur, wobei der Begriff Popliteratur so ungenau und schwer zu beschreiben ist wie die Postmoderne selbst.

Am ehesten könnte man noch feststellen, dass Popliteratur den Gedanken der Moderne weiterzuspinnen versucht. Einer der Kernbegriffe ist Entpolitisierung, die auf die Spitze getrieben, bloße Provokation bedeutet. In Christian Krachts Roman 1979 beispielsweise freut sich der Protagonist am Ende des Romans während des Besuchs eines Konzentrationslagers darüber, dass er an Gewicht verloren hat. Überhaupt spielt das Äußere, die Ästhetik, eine große Rolle. Es geht darum, ein realistisches Bild der Gesellschaft zu zeichnen, die Dinge darzustellen ohne sie zu kritisieren. Insgesamt steht die deutsche Popliteratur unter dem Zeichen der „Tristesse Royal“[28]. Romanfiguren befinden sich im Zustand einer hedonistischen Dekadenz, wollen sich von anderen abheben und doch „in“ sein und warten, dass endlich etwas passiert. Nicht mehr aktives Handeln sondern nur noch passives Konsumieren steht im Zentrum. Die Langeweile und Trivialität der Protagonisten überträgt sich dabei nicht selten auf die Qualität des Romans.

Die Popliteratur hat versucht, die Gedanken der Moderne zu überwinden und ist in der Postmoderne angelangt. Was danach kommt, etwa die Post-Postmoderne, bleibt von der Literaturwissenschaft vorerst noch unbeantwortet.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass es im historischen Verlauf der Jugendliteratur verschiedene Strömungen gibt, wobei die Gretchen-Trilogie zur Gattung des modernen realistischen Mädchenromans gehört.

Der Begriff Mädchenliteratur wird im nun folgenden Kapitel beschrieben.

1.2 Konstituenten der Mädchenliteratur

Im Folgenden werden die Konstituenten sogenannter Mädchenliteratur erklärt, um dann deren Leserschaft genauer zu untersuchen und schließlich auf die historische Entwicklung des Mädchenromans einzugehen.

Zunächst muß erwähnt werden, dass es keine einheitliche Definition und Abgrenzung der Mädchenliteratur gibt, dennoch sind allgemeingültige Konstituenten grundlegend für alle Mädchenbücher. Die Literaturforschung stellt nicht selten die Frage, ob Literatur überhaupt geschlechtsspezifisch ist, also auf ein Lesergeschlecht festgelegt werden sollte oder kann. Es besteht heute jedoch Konsens darüber, dass auch Jungen Mädchenliteratur lesen können, vielleicht sogar sollten und dabei einen Erkenntnisgewinn haben. Das ist historisch bedingt nicht immer so gewesen. Dennoch, allgemein wird Mädchenliteratur dadurch definiert, dass die

- Hauptperson weiblich ist,
- sich die Geschichte thematisch auf einen Teilausschnitt des Lebens der weiblichen Protagonistin bezieht und
- dass eine potentiell weibliche Rezipientin intendiert wird, was sich u.a. in der Einbandgestaltung und dem Titel, sowie den vermeintlich weiblichen Themen zeigt.

Gretchen Sackmeier ist demnach ein Mädchenbuch und doch hat die Autorin, auch wenn Christine Nöstlinger ihren Roman Ein Familienroman untertitelt, denn dieser Untertitel symbolisiert das Hauptthema des Romans und nicht die Gattung.

1.2.1 Das Mädchenbuch und seine Leserschaft

Im Hinblick auf die Leserschaft des Mädchenromans drängt sich zunächst die Frage auf: Ist Lesen geschlechtsspezifisch?

In verschiedenen Punkten, muß diese Frage mit ja beantwortet werden. Was dies konkret bedeutet, wird im Folgenden näher erläutert. Die Aussagen beziehen sich dabei im Wesentlichen auf einen Aufsatz von Christine Garbe, die verschiedene Studien der neueren Leseforschung und Lesesozialisation ausgewertet hat.[29]

Die internationale PISA- Studie hat gerade im Bereich der Lesekompetenzen und Leseinteressen große Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Leseverhalten ans Licht gebracht. Mädchen lesen demnach mehr, ander(e)s und besser als Jungen. In Tests stieg mit der Schwierigkeit der Leseaufgaben auch der qualitative Leseunterschied zwischen den Geschlechtern. „Je anspruchsvoller die Aufgaben waren, (…) desto besser schnitten die Mädchen ab.“[30] Desweiteren waren Mädchen beim Lesen von kontinuierlichen Schrifttexten besser als Jungen, deren Defizit sich bei Texten mit eingeschlossenen Bildern, Graphiken oder Karten verringerte. Deutliche Überlegenheit zeigten die Mädchen im Bereich der Lesegeschwindigkeit, die sich proportional zur Lesehäufigkeit verhält, die wiederum auf dem Lustgewinn beim Lesen beruht. Mädchen haben also, statistisch betrachtet, mehr Spaß am Lesen, lesen dadurch häufiger und können so ihre Lesekompetenz gegenüber den Jungen mit zunehmendem Alter deutlich steigern.

Bettina Hurrelmann stellt als Ergebnis ihrer Studie von 1993 zum „Leseklima in der Familie“[31] fest, dass es vor allem eine Komponente ist, die das Leseverhalten von Kindern prägt: das Geschlecht.

Die geschlechtsspezifischen Präferenzen bezüglich der Textart bestehen darin, dass Mädchen sich häufiger mit fiktionalen Texten beschäftigen und Jungen mit Sachbüchern. Dabei fällt es Mädchen leichter, sich auf fiktionale Schicksale einzulassen und diese zu interpretieren. Mädchen bevorzugen Geschichten mit starkem Beziehungsaspekt, d.h. mit hohem emotionalem Faktor, während Jungen eher informationsorientierte Sachtexte vorziehen. Emotionale Inhalte werden von Jungen häufiger akzeptiert, wenn sich in anderen Welten abspielen wie z.B. in Science Fiction- oder Fantasyromanen.

Weitere Unterschiede bestehen darin, dass Mädchen gedruckte Texte bevorzugen, Jungen eher audio-visuelle Medien. Jungen lassen sich im Gegensatz zu Mädchen nicht so leicht auf ästhetisch anspruchsvolle Literatur ein und halten sich bei der Buchauswahl eher an Lesetrends der peergroup und die in den Medien vermittelten, aktuellen Lesetrends. Dagmar Grenz bemerkt hierzu, dass Jugendliteratur zwar „nicht primär als Medium der Lebenshilfe und Normenvermittlung (…), sondern als Spielraum von Denk- und Handlungsmöglichkeiten, als eine Art Probehandeln“[32] gesehen wird, dennoch ist gerade die moderne, also emanzipatorische Mädchenliteratur immer auch didaktisch und infolgedessen literaturpädagogisch zu betrachten. Mit „emanzipatorischer“ Mädchenliteratur ist die Richtung innerhalb der Mädchenliteratur gemeint, die stark von emanzipatorischen Intentionen getragen ist.

Die unter diese Kategorie fallenden Texte verstehen sich, wenn auch nicht nur, so eben doch auch, als Lebenshilfe und „können eine große Wirkung bei Leserinnen haben.“[33] Diese Wirkung besteht vor allem darin, dass die dargestellten emanzipierten Rollenbilder Vorbildcharakter aufweisen. Kinder wachsen in einer Welt auf, in der die verschiedensten männlichen und weiblichen Rollenbilder transportiert werden, dies geschieht auch im Bereich des Lesens. Der Begriff „doing gender“, der aus der Genderforschung stammt, beschreibt, dass sich Mädchen und Jungen an den von der Gesellschaft erwarteten Rollenbildern orientieren. Dies muß aber nicht heißen, dass sie diese Rollenbilder fortführen, vielmehr kann dies bedeuten Rollenmodelle, auch negative, zu thematisieren und gerade Rollenzuschreibungen, die geschlechtsbedingte Nachteile mit sich bringen, aufzuheben. Deshalb bedeutet Leseförderung auch immer eine Arbeit mit den Rollenbildern.

Dabei geht es nicht darum, Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen einzuebnen, also Jungen und Mädchen gleich zu machen, sondern darum, sie in ihren geschlechtsspezifischen Eigenheiten zu erkennen, zu fördern, gleichwertig zu behandeln um deren Handlungskompetenzen zu erweitern.

Die Identifikation mit den dargestellten Mädchenfiguren wirkt unterstützend bei der Suche der Rezipientinnen nach der eigenen Identität. Die Rezipientin sieht ihr eigenes Empfinden, Wollen und Denken gespiegelt und fühlt sich dadurch mit der Buchheldin identisch. Wirklichkeitsnahe Lesewelten haben dabei besonders großen Einfluss auf Verhaltensänderungen oder Verhaltensverstärkung im Sinne der Intention des Buches.

Dabei lassen sich Mädchen gerne von Stimmungen und durch das Buch evozierte Gefühle mitreißen. Ob und wie weit emotionale Ansprechbarkeit ein geschlechtsspezifisches oder vielmehr sozialisationsbedingtes Merkmal ist, kann bis jetzt nicht ausreichend beantwortet werden. Fakt ist jedoch, dass es auch hier Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt.

Inwieweit die geschlechtsspezifische Lesesozialisation in der Zukunft noch auseinanderdriftet oder driften muss, hängt auch vom tatsächlichen Fortschreiten der Emanzipation ab.

War es in den 1970er Jahren auf dem Bildungssektor das berühmte „katholische Mittelschicht - Mädchen vom Lande“ das es zu fördern galt, könnte der Förderbedarf in Zukunft, gerade im Bereich der Lesekompetenz, eher unter Jungen nötig sein.

Obwohl gerade die emanzipatorische Mädchenliteratur stark intentional ist, sollte doch nicht vergessen werden, dass auch Kindern und Jugendlichen das Lesen in hohem Maße Lustgewinn sein sollte, damit die allgemeine Leseunlust nicht noch zunimmt.

Im folgenden Kapitel wird zunächst die Entwicklung der Mädchenliteratur im Allgemeinen beschrieben um dann im nächsten Abschnitt dieser Arbeit die Auseinandersetzung mit den in den 80er Jahren propagierten Rollenbildern nachzuvollziehen.

1.2.2 Entwicklung der Mädchenbücher: vom traditionellen Mädchenroman zur modernen, emanzipatorischen Mädchenliteratur

Frauen und Mädchenliteratur gibt es bereits seit dem 16. und 17. Jahrhundert. Mit der Aufklärung verändert sich auch das Bild von Kindheit und Jugend, das es so im Mittelalter kaum gab. Aufklärung bedeutete Erziehung zum guten Menschen. „Erziehung, auch jetzt schon geschlechtspezifisch ausgeprägt“[34], zielte in weiblicher Hinsicht auf die Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau ab. Diese Erziehungsziele spiegeln sich noch lange Zeit in der Mädchenliteratur, obwohl sich seit dem 18. Jahrhundert die gesellschaftliche Funktion von Frauen stetig, von der allein häuslichen Position hin zur arbeitenden Frau, verändert.

Indirekt proportional zur Zunahme weiblicher Berufstätigkeit, wird in der Literatur, die Rolle der Frau innerhalb der Familie betont und idealisiert.[35] Der Frau werden charakterliche, psychologische und physiologische Eigenschaften zugeschrieben, welche die theoretische Grundlage, der in der Frauenliteratur vermittelten moralischen Ansprüche bildet. Mädchenbücher sind in jener Zeit stark intentional und werden es lange bleiben, wenn auch stark verschleiert.

Im 19. Jahrhundert werden moralische Werte deutlich weniger offenkundig vermittelt, die didaktische Literatur wird stärker fiktional und intendiert mehr und mehr die bürgerliche Jugendliche als Rezipientin.

Die sogenannte „Backfischliteratur“[36] wird geboren, in der jugendliche Mädchen zwar zunächst aufbegehren doch letztlich ihre Fehler selber erkennen und geläutert den ihnen vorgeschriebenen Platz in der Gesellschaft einnehmen. Der dargestellte Wirklichkeitsausschnitt ist durch enge Handlungsmöglichkeiten der Protagonistin und die „stark stilisierte Welt des bürgerlichen oder auch adligen jungen Mädchens bis zur Verlobung oder Heirat“[37] gekennzeichnet. Neu ist allerdings, dass den Mädchen ein gewisser Freiraum zugestanden wird, in dem sie Ihr Aufbegehren ausleben dürfen. Dieser ist aber zeitlich auf die Entwicklungsstufe der Kindheit und frühen Pubertät beschränkt. Letztlich enden die Geschichten, noch sehr im Sinne der konservativen shakespeareschen Zähmung der Widerspenstigen.

Die Erzählstrategie ist hier eine Art Scheinrealismus, der traditionelle gesellschaftliche Regeln unterschwellig vermittelt.[38] Bemerkenswert dabei ist, dass die ungezähmte junge Frau das erotische Moment der Geschichte ist, sie ist der Schlüsselreiz der Begierde des zukünftigen Ehemannes, als Ehefrau jedoch, in ihrer Ungezähmtheit und Erotik untragbar. Erst durch die Beschneidung und Unterdrückung ihrer Natur, ihrer Gefühle und Bedürfnisse wird sie zur gesellschaftlich Akzeptierten, andernfalls scheitert sie. Bei Theodor Fontanes Effi Briest (1895) wird dieses Scheitern deutlich geschildert und die Gesellschaft mit ihren Konventionen dabei scharf kritisiert.

Zeitgleich vollziehen sich aber dennoch gesellschaftliche Veränderungen. 1892 werden zum ersten Mal Frauen als Zuhörerinnen an der Universität zugelassen, ein Jahr später macht das erste deutsche Mädchen Abitur. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat sich auch die weibliche Autorenschaft verändert. Nicht mehr nur Schriftstellerinnen aus dem bürgerlichen Milieu schreiben, sondern auch Frauen der proletarischen Frauenbewegung, die in ihren Büchern gegen das gesamte bürgerlich-kapitalistische System anschreiben. Zu ihnen gehören Autorinnen wie Gabriele Reuter, Helene Böhlau und Clara Viebig.

Der erste Weltkrieg bringt einen Wandel im Frauen und Mädchenbild. Das bescheidene, schöngeistige Mädchen dient nun nicht mehr dem gesellschaftlichen und militärischen Interesse. „Bruchlos wird das Kriegsmotiv in die Erzählstruktur des traditionellen Backfischbuches integriert, statt des Pensionats tritt jetzt der Krieg als Erzieher des Mädchens auf.“[39]

In den 1920er Jahren hat sich die Rolle der Frau in der Gesellschaft deutlich gestärkt. Dies, eine Folge des ersten Weltkriegs, in der die daheimgebliebenen Frauen männliche Positionen einnehmen müssen und auch können hat dennoch wenig Einfluss auf die Mädchenliteratur der Weimarer Republik.

Die Spiegelung der Realität in der Literatur findet eben immer mit einer Verzögerung statt und bis die emanzipatorische Veränderung ihren Ausdruck in der Literatur, respektive der Mädchenliteratur als Randabteilung der Gesamtliteratur finden kann, haben sich die Zeiten schon wieder verändert.

Der Nationalsozialismus bestärkt das Bild der aufopfernden Frau mit dem Unterschied bzw. der Erweiterung, sich nun auch für den Staat zu opfern, nicht nur für den Ehemann. So ist das durch die nationalsozialistische Mädchenliteratur postulierte Mädchenbild das der gebärenden Mutter, die aber jederzeit kampfbereit zu sein hat.

[...]


[1] Vgl. Beck, Ulrich ; Beck-Gernsheim, Elisabeth (Hrsg.): Riskante Freiheiten.

Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt a.M. 1994.

[2] Ebd., S. 11.

[3] Vgl. Keupp, Heiner: Ambivalenzen postmoderner Identität.In: Beck: Freiheiten, S. 342.

[4] Mattenklott, Gundel: Zauberkreide. Kinderliteratur seit 1945. Frankfurt a.M. 1994, S. 8.

[5] Boie, Kristen: Realismus im Kinderbuch. In: Kurt Franz, Franz-Josef Payrhuber (Hrsg.): Blickpunkt: Autor. Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder und Jugendliteratur Volkach e.V., Band 20. Hohengehren 1996, S. 13.

[6] Ebd. S. 13.

[7] Mattenklott, Gundel: Zauberkreide. Kinderliteratur seit 1945. Frankfurt a. M. 1994, S. 7.

[8] Ebd. S. 9.

[9] Armbröster-Groh, Elvira: Der moderne realistische Kinderroman. Themenkreise, Erzählstrukturen, Entwicklungstendenzen, didaktische Perspektiven. Berlin 1997, S.16.

[10] Ebd. S. 73.

[11] Ebd. S. 16.

[12] Realistische Kinder- und Jugendgeschichten beschäftigen sich mit Themen aus dem

Lebenskreis der Kinder und Jugendlichen, d.h. Elternhaus, Schule, Freundschaft, dabei

werden Probleme aus und mit diesen Lebenswelten dargestellt.

[13] Vgl. Armbröster-Groh: Der moderne realistische Kinderroman. S. 18.

[14] Ebd. S. 18.

[15] Ebd. S. 18.

[16] Ebd. S. 19.

[17] http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=591

Stand: 05.07.2007, S.1.

[18] Ein Wahlspruch der SPD im 1972er Wahlkampf von Willy Brandt.

[19] Schon Monate vor der Veröffentlichung des letzten Harry Potter Bandes (2007) belegte dieser den 1. Platz der Spiegel-Bestsellerlisten.

[20] Armbröster-Groh: Der moderne realistische Jugendroman. S. 29 f.

[21] http://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=591 S.2. Stand: 05.07.2007

[22] Vgl. Armbröster-Groh: Der moderne realistische Jugendroman. S. 36.

[23] Ebd. S. 36.

[24] Vgl. ebd. S. 36.

[25] Ewers, Hans-Heino (Hrsg.): Jugendkultur im Adoleszenzroman: Jugendliteratur der 80er und 90er Jahre zwischen Moderne und Postmoderne. München 1994. S. 9.

[26] Vgl. Kaulen, Heinrich: Jugend- und Adoleszenzromane zwischen Moderne und Postmoderne. In: 1000 und 1 Buch, Heft 1 (1999), S. 4.

[27] Ebd. S. 5.

[28] Unter dem Titel „Tristesse Royal“ veröffentlichten fünf deutsche Popliteraten Gespräche, die im Berliner Adlon Hotel geführt wurden und eine Art Programm der Popliteratur bilden.

[29] Garbe, Christine: Mädchen lesen ander(e)s als Jungen. Unterschiedliche Leseinteressen und Leseweisen- Empirische Befunde und Erklärungsansätze. In: Querelles-Net. Rezensionszeitschrift für Frauen und Geschlechterforschung. Im Internet unter: http://www.querelles-net.de/forum/forum10-2.shtml . Stand: 16.08.2007.

[30] Ebd. S. 3.

[31] Garbe, Christine: Mädchen lesen ander(e)s als Jungen. Im Internet unter: http://www.querelles-net.de/forum/forum10-2.shtml . Stand: 16.08.2007. S. 5.

[32] Grenz Dagmar: Zeitgenössische Mädchenliteratur - Tradition oder Neubeginn? In: Dagmar Grenz, Gisela Wilkeding (Hrsg.) Geschichte der Mädchenlektüre. Mädchenliteratur und die gesellschaftliche Situation der Frauen. München 1997, S. 258.

[33] Grenz Dagmar: Zeitgenössische Mädchenliteratur. S. 261.

[34] Vgl. Keiner, Sabine: Emanzipatorische Mädchenliteratur 1980 – 1990. Entpolarisierung der Geschlechterbeziehung und die Suche nach weiblicher Identität. Berlin 1994, S. 30.

[35] Vgl. Ebd. S. 31.

[36] Die Bezeichnung Backfischliteratur ist entstanden durch den Mädchenroman von Clementine Helm Backfischchens Leiden und Freuden. Eine Erzählung für junge Mädchen, aus dem Jahre 1863, in der die 15-jährige Grete zu ihrer Tante nach Berlin gebracht wird um dort die richtige Erziehung zu erhalten.

[37] Keiner, Sabine: Emanzipatorische Mädchenliteratur. S. 33.

[38] Vgl. ebd. S. 35.

[39] Keiner, Sabine: Emanzipatorische Mädchenliteratur. S. 37.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Rollenbilder im realistischen Mädchenroman der 1980er Jahre am Beispiel von Christine Nöstlingers "Gretchen Sackmaier" Trilogie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Neue Deutsche Literatur)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
95
Katalognummer
V92226
ISBN (eBook)
9783638060707
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rollenbilder, Mädchenroman, Jahre, Beispiel, Christine, Nöstlingers, Gretchen, Sackmaier, Trilogie
Arbeit zitieren
Claudia Thieltges (Autor), 2007, Rollenbilder im realistischen Mädchenroman der 1980er Jahre am Beispiel von Christine Nöstlingers "Gretchen Sackmaier" Trilogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92226

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