Das jüdische Leben in München des 19. Jahrhundert


Seminararbeit, 2005
23 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Rückblick

3. Die Entstehung und die Wesensmerkmale der Orthodoxie

4 . Die jüdischen Gemeinden in München
4.1 Rechtliche Vorgaben
4.2 Die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinden
4.2.1 Landjuden
4.2.2 Ostjuden
4.3 Die wirtschaftliche Situation
4.4 Das Erziehungswesen

5. Die Orthodoxie in München des 19. Jh.
5.1 Ohel Jakob
5.2 Kleine jüdische Betstuben in München

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der jüdischen Bevölkerung Münchens im 19. Jahrhundert. Dabei wurde ein Schwerpunkt auf die Orthodoxie gelegt. Allerdings werden sämtliche Aspekte des Lebens der jüdischen Minderheit behandelt, wobei die Orthodoxie einer weitergehenderen Betrachtung unterworfen wird, als andere Bereiche. Die Beschäftigung mit der Orthodoxie im Judentum des 19. Jahrhundert ist gleichsam die Geschichte ihrer Entstehung. Da die jüdische Orthodoxie im 19. Jahrhundert entstand und auf dem Gebiet Deutschlands ihren Anfang genommen hat, werden viele Erkenntnisse, die aus dieser lokalen Perspektive gewonnen werden können, auch auf andere Städte übertragbar sein.

Einleitend gewährt der folgende Text einen Einblick in die Jüdische Geschichte auf deutschem Gebiet. Ferner folgen einführende Einblicke in das jüdische Leben im Königreich Bayern. Der einführende Teil endet mit einer Beschreibung der Entstehung der Orthodoxie. Nach der Schilderung der Vorraussetzungen und benötigter Definitionen wird der Fokus auf die Juden in München gelegt. Hierbei wird die rechtliche, wirtschaftlich-soziale und religiöse Seite ihres Lebens dargelegt. Anschließend folgt die Betrachtung der orthodoxen Positionen, die in München zu Tage traten und mit den rechtlichen, wirtschaftlich-sozialen und religiösen Bedingungen in Bezug gesetzt werden.

2. Historischer Rückblick

Um das jüdische Leben in München des 19. Jahrhunderts beschreiben zu können, ist es notwendig auf einige bereits Jahrhunderte zurückliegende Ereignisse des Judentums im gesamten Deutschen Reich hinzuweisen. Beginnend mit dem Mittelalter lag der Siedlungsschwerpunkt der jüdischen Bevölkerung in den größeren Städten.[1] Die Städte boten ihnen die Möglichkeit, durch Handel ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die jüdischen Ansiedlungen wurden von Territorialherren begrüßt und teilweise explizit gefördert. Die Juden als Geldverleiher, somit Kreditgeber, förderten die Entwicklung der Städte. Die Territorialherren des Deutschen Reiches nutzten die Dienste der Juden zur Finanzierung und Verwaltung ihrer Aufwendungen und Investitionen. Unter Anbetracht einer sich zuspitzender wirtschaftlichen Lage durch die Pest und allgemeiner Rezession des ausgehenden Mittelalters, änderte sich auch die Stellung der Juden in den Städten. Viele Schuldner konnten an ihre jüdischen Gläubiger die Schulden nicht mehr abzahlen. Die Ursachen für die Lage wurden selten als eigenes Verschulden oder konjunkturelles Ereignis angesehen, sondern die Schuld wurde auf den als „Wucherer“ verschrienen Juden abgeschoben. Die jüdische Bevölkerung konnte sich gegen diese Behauptungen nicht wirklich wehren, da diese Vorwürfe einen rein emotionalen Hindergrund hatten, die logischer Argumentation entgegenstanden. Mit der Zeit war nicht nur die Liquidität der einfachen Schuldner gefährdet, sondern zusehends auch die der Territorialherren. Vielfach waren sie durch aufwendige Kriegsvorhaben oder teuere Hofführung nicht mehr in der Lage, ihre Kredite abzuzahlen. Die Wut der städtischen Bevölkerung und die prekäre Lage der Territorialherren schwächten die Stellung der Juden in den Städten. Sie wurden zunehmend Opfer von Vertreibungen. Einige Landesherren sahen bewusst weg oder unterstützten sogar die Vertreibungen ihrer Kreditgeber. Einige Schuldner konnten auf diese Weise leicht ihrer Verpflichtung zur Zahlung ausweichen, oder durch Erpressen von Schutzgeldern von gefährdeten Juden zumindest die Schuldenlast entscheidend schmälern.[2] Die Folge dieser Vertreibungen war die Ansiedlung der jüdischen Bevölkerung im ländlichen Raum. Die Umsiedlung brachte für die Juden vor allem große wirtschaftliche Nachteile mit sich. Da das Geldgeschäft eines ihrer Haupteinnahmequellen war, waren sie auf dem Land faktisch ohne Einkommen. Der Investitionsbedarf und Handel im ländlichen Raum der Neuzeit, war sehr gering einzuschätzen. Die Juden beschränkten sich nach der Vertreibung aus den Städten auf den Kleinhandel mit landwirtschaftlichen Gütern und Pfandleihe. Zum Bereich des Kleinhandels gehörte auch der Hausiererhandel, der im Verlauf des 19. Jh. noch vielfach diskutiert werden sollte. Erst allmählich begannen die Reichsritter, in Anbetracht der daniederliegenden Wirtschaft der Folgezeit des Dreißigjährigen Krieges, Juden auf ihren Gebieten gezielt anzusiedeln. Sie erhofften sich durch die Ansiedlungen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Als Folge dieser Entscheidungen entstanden sehr ungleichmäßige Siedlungsräume der jüdischen Bevölkerung. Es gab Dörfer mit ausgesprochen hohem Anteil an Juden von 25-50% der Gesamtbevölkerung und Gegenden, wo es gar keine oder nur einzelne jüdische Familien gab. Die Verteilung war jeweils abhängig vom Territorialherren, der entweder die jüdischen Ansiedlungen erlaubte, oder nicht genehmigte. Diese Ungleichverteilung und die Abhängigkeit von den Territorialherren wurde bis zur zweiten Hälfte des 19. Jh. aufrechterhalten und bestimmten das Schicksal der jüdischen Bevölkerung.[3]

3. Die Entstehung und die Wesensmerkmale der Orthodoxie

Das 19. Jahrhundert war für die deutschen Juden von einer Verbesserung ihrer bürgerlichen Stellung geprägt. Der Argwohn, den sie bei den christlichen Nachbarn und Mitbürgern erweckten, war mit ihrem „Anderssein“ verbunden. Es waren in Deutschland und in Westeuropa keine äußerlichen Unterschiede mehr, wie z.B. Kleidung oder Frisur, die die Juden gleichsam exotisch und andersartig erscheinen ließen, sondern ihre religiösen Riten und Traditionen. Zur Ausübung ihrer Religion und bei Festen, fanden sie zusammen. Diese Art der Zusammenkünfte, die naturgemäß nur Menschen jüdischer Religion umfassten, wurde von den Christen als Bedrohung empfunden. Die Politik des 19. Jahrhunderts war um eine Eingliederung der Juden in das gesellschaftliche Leben bemüht. Die Normalisierung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen wurde angestrebt. Allerdings hatte diese Eingliederung in die christliche Mehrheit einen hohen Preis. Man erwartete von den Juden die Übernahme von Werten und Umgangsformen der mehrheitlich christlichen Umgebung. Die jüdische Bevölkerung selbst sah in der Anpassung eine Chance. Die Distanzierung von der jüdischen Identität, die auf der Religion und Tradition beruht, war vielfach die einzige Möglichkeit, um Karriere und gesamtgesellschaftliche Anerkennung zu bekommen, jenseits der rein jüdischen Umgebung. Über Jahrzehnte gewann diese Entwicklung an Dynamik und wurde für die Betroffenen zu einer „zweiten Haut“, die nicht mehr als Last des Abschieds gedeutet wurde, sondern geschätzt wurde, als Modernität und Offenheit. In der jüdischen Gemeinschaft führte diese Geisteshaltung zu starken Tendenzen der Anpassung an christliche Rituale. Dies wurde ganz besonders in der Neugestaltung des Gottesdienstes erkennbar, als zunehmend christliche Elemente in den Synagogen eingesetzt wurden. An diesem Punkt entbrannte zwischen den sgn. Reformern, die die Veränderungen voran brachten und den sgn. Orthodoxen, die sich den religiösen Vorgaben und Traditionen nach wie vor verbunden fühlten, heftiger Streit.[4] Die Orthodoxie wurde zunehmend zu einer eigenen Bewegung bzw. Strömung innerhalb des Judentums in Deutschland. Ihre besondere Prägung lässt sich an vier Wesensmerkmalen herausarbeiten, Diese wären:

- Konsolidierung: Die Orthodoxie hat sich erst in Abgrenzung zu den Reformern entwickelt. Das setzte voraus, dass zu Beginn kleine Zugeständnisse an Erneuerungen gemacht werden mussten, um nach und nach als Bewegung zu wachsen. Dieses Status quo aus leichten Zugeständnissen und gleichzeitigem Festhalten an alten Riten, macht das Besondere der Orthodoxie aus. Die Strömung war konzentriert auf das Bewahren und nicht Zurückentwickeln. Sie verweigerte sich dem weiteren Aufweichen der jüdischen Regeln und Gesetze. Gleichsam verteufelte sie nicht die Gegenwart.[5]
- Autorität: In der jüdischen Orthodoxie war die Autorität des Rabbiners erheblich stärker, als bei den Reformern. Die orthodoxen Rabbiner wurden in die Gemeinschaft stark eingebunden. Ihre Autorität war nicht nur in religiösen Dingen gefragt, sondern auch bei vielen anderen Fragen. In orthodoxen Gemeinden saßen die Rabbiner vielen Vorständen vor, die als Vereine oder andere Institutionen das jüdische Leben prägten und bestimmten. Die Gemeindemitglieder hatten ein besonders liebevolles Verhältnis zu ihren Rabbinern, die auch „Rebben“ genannt wurden. Durch die Konzentration auf die Rabbinerfigur, wurden Streitigkeiten und Uneinigkeiten innerhalb der orthodoxen Gemeinden selten beobachtet. Es war der Rabbiner, der über richtig und falsch richtete. Abweichende Ansichten wurden fallengelassen, wenn sie der Meinung des Rabbiners nicht entsprachen.[6]
- Elitegefühl: Als Minderheit im deutschen Judentum waren orthodoxe Gemeinden mit einem starken Selbstvertrauen ausgestattet. Sie sahen sich als Bewahrer der eigenen Religion. Obwohl ihnen vielfach von den Reformern Rückständigkeit vorgeworfen wurde, stimmt dieses nicht mit der Realität überein. Die Orthodoxen waren oftmals ausgesprochen erfolgreich im Berufsleben und zeigten auf vielen anderen Gebieten durchaus Innovationsfähigkeiten.[7]
- Opferwilligkeit: Die Mitglieder der orthodoxen Gemeinden mussten sich, um Traditionen und jüdischen Gesetzen treu zu bleiben, oftmals in vielen täglichen Dingen erheblich einschränken. Das beinhaltete auch finanzielle Aufwendungen. Orthodoxe Kaufleute hielten sich streng an die arbeitsfreien Tage, die zusätzlich zu den Feiertagen der christlichen Umwebung, als im wirtschaftlichen Sinne ertraglos betrachtet werden müssten. Hinzu kommen vielfache Aufwendungen zum Zwecke der Gemeinden. Die Orthodoxen wurden selten und unzureichend von den Hauptsynagogen, die in der Regel von Reformern geführt wurden, unterstützt. Daher waren die orthodoxen Gemeinden auf die Spenden der eigenen Mitglieder angewiesen.[8]

4 . Die jüdischen Gemeinden in München

Erste schriftliche Zeugnisse für die Anwesenheit von Juden in München, finden sich bereits im 12. Jh.. Im Jahr 1225 gab es in München eine kleine Ansammlung von jüdischen Familien. Noch im selben Jahrhundert wurde an den Juden ein Pogrom verübt, mit 185 Opfern. Zwei Jahre später wurde den Juden eine erneute Ansiedlung in München erlaubt, sowie der Wiederaufbau der durch das Pogrom zerstörten Synagoge. Das jüdische Leben in München bestand bis 1442 und wurde durch immer wiederkehrende Pogrome erschwert. Im Jahr 1442 wurde die jüdische Bevölkerung aus Oberbayern, somit auch aus München, vertrieben.[9] Bis ins ausgehende 17. Jh. finden sich keine Zeugnisse für die Anwesenheit der Juden in München. Erst am Ende des 17. Jahrhunderts finden sich einzelne jüdische Familien in München. Ihr Aufenthalt war nicht offiziell erlaubt worden, sondern wurde lediglich geduldet. Trotz eines zwischenzeitlichen Ausweisungsdekrets, hat sich aber die Lage der jüdischen Bevölkerung bis zum Jahr 1800 insgesamt verbessert. Das beweist besonders die Gestaltung eigener Feste und die Anwesenheit von 200 Juden in München im Jahr 1800.[10] Im Jahr 1815 entstand die „Israelische Kultusgemeinde“. Die Gemeinde konnte bereits in den Jahren 1824-1826 ihr wichtigstes Projekt durchführen, den Bau einer Synagoge.[11] Nach dem Jahr 1860 spitzte sich das Verhältnis zwischen den Reformern und Orthodoxen in der Gemeinde zu. Die von den Reformern durchgeführten Erneuerungen führten im Jahr 1876 zur Gründung eines eigenen Vereins, durch die orthodox eingestellten Gemeindemitglieder, die eine eigene Synagoge an der Kanalstraße besuchten.[12][13] Im Jahr 1887 wurde in München eine neue Hauptsynagoge eingeweiht. Die Synagoge, die an der Herzog-Max-Straße entstand, war die drittgrößte Synagoge in ganz Deutschland und war als Bauwerk ein weiteres Schmuckwerk für München.[14]

[...]


[1] Vgl. Illian Martina: Die jüdischen Landgemeinden in Schwaben. Ihre Entstehung und Entwicklung in der früheren Neuzeit. In: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Treml/Kirmeier (Hrsg.). München 1988. S. 209

[2] Vgl. Kirmeier Josef: Aufnahme, Verfolgung und Vertreibung. Zur Judenpolitik bayerischer Herzöge im Mittelalter. In: Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Treml/Kirmeier (Hrsg.). München 1988. S. 95

[3] Vgl. Richarz Monika: Vom Land in die Stadt – Aspekte der Urbanisierung deutscher Juden im 19. Jahrhundert. In: Juden in der Stadt. Fritz Mayerhofer (Hrsg.) Linz 1999. S. 327

[4] Vgl. Angermair/Heusler/Ohlen/Schmidt/Weger: Beth ha-Knesseth – Ort der Zusammenkunft, Zur Geschichte der Münchner Synagogen, ihrer Rabbiner und Kantoren. München 1999. S. 44-46

[5] Vgl. Breuer Mordechai: Jüdische Orthodoxie im Deutschen Reich 1871-1918. Frankfurt am Main 1986. S. 42f

[6] Vgl. ebd., S. 43f

[7] Vgl. ebd., S. 44f

[8] Vgl. Breuer, a.a.O., S. 45ff

[9] Vgl. Baerwald Leo: Juden und die jüdische Gemeinde in München vom 12. bis 20. Jahrhundert. In: Von Juden in München, Hans Lamm (Hrsg.), München 1958. S. 20

[10] Vgl. ebd., S. 21

[11] Vgl. ebd., S. 22

[12] Später wurde diese Straße in Herzog-Rudolf-Strasse umbenannt.

[13] Vgl. ebd., S. 24

[14] Vgl. Baerwald, a.a.O., S. 25

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Details

Titel
Das jüdische Leben in München des 19. Jahrhundert
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V92238
ISBN (eBook)
9783638060806
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leben, München, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Aleksandra Fedorska (Autor), 2005, Das jüdische Leben in München des 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92238

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