Zwischen autoritärer und totalitärer Diktatur. Das Beispiel der Deutschen Demokratischen Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

17 Seiten, Note: 1,666

Kendra Schirrmeister (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2.Totalitarismus-Theorien
2.1. Der Autoritarismus-Begriff nach Juan J. Linz
2.2. Autoritäre posttotalitäre Regime

3. Totalitäre und autoritäre Diktatur-Merkmale der DDR

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1 Einleitung

Es gibt wenige Aussagen, die die hervorstechenden politischen Merkmale des 20. Jahrhunderts so treffend beschreiben wie die Feststellung, dass sich in ihm die größten und stabilsten Demokratien, aber auch die totalitärsten und die Gesellschaft am meisten durchdringendsten Diktaturen gebildet haben. Es verwundert nicht, dass sich vor diesem Hintergrund auch alles dazwischen ausbildete. Um einen Aspekt, eine Ausbildungsform dieses „Dazwischen“ geht es in dieser Hausarbeit. Es stellt sich nämlich die Frage, wie Systeme zu bewerten und als was zu bezeichnen sind, die sich weder in die Kategorie der Demokratie einordnen lassen, sondern eindeutig Diktaturen zu sein scheinen, noch aber vollständig als „totalitär“ betrachtet werden können, da ihnen bestimmte, totalitären Diktaturen immanente Strukturen fehlen.

Hierzu wird diese Arbeit zuerst die Begriffe „Totalitarismus“ und „Autoritarismus“ erläutern, woran eine diesbezügliche Analyse der Deutschen Demokratischen Republik als ein Beispiel für ein autoritäres Staatsgefüge anschließt. Ist es überhaupt möglich, ein über die ganze Existenzdauer der DDR gleichermaßen zutreffendes Modell zu finden, oder veränderte sich die Erscheinungsform der Herrschaftsausübung im Laufe der Zeit? Aus diesem Grunde wird untersucht, zu welchen Zeitabschnitten die DDR-Führung eher auf das Konzept der totalitären Regierungsform und zu welchen auf das der autoritären setzte und ob dieses überhaupt bewusst geschah oder sich mehr aus der Praxis des gelebten „real existierenden Sozialismus“ ergeben hatte. Die Analyse der DDR deckt nur eine der verschiedenen Facetten einer autoritären Diktatur ab (s. Kap. 2.2), jedoch würde die genaue Betrachtung weiterer über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen. Auch die Erläuterung der Begriffe des Totalitarismus und Autoritarismus können aus diesem Grunde nur knapp und verkürzt und auf einige Autoren beschränkt ausgeführt werden, das gleiche gilt für die Analyse der DDR bezüglich ihrer Diktaturform.

Der Begriff „Diktatur“ bezieht sich auf die Definition von Dirk Berg-Schlosser, nach der eine Diktatur eine meist zentralistisch ausgeübte Herrschaftsform einzelner oder weniger ist. Diese Regime werden autoritär oder totalitär geführt.1 Das hier zur Anwendung kommende Autoritarismus-Konzept stützt sich im Wesentlichen auf die Theorie des spanisch-amerikanischen Politologen Juan J. Linz.

Forschungen zum Themenfeld Totalitarismus existieren schon seit den 1920er und 30er Jahren. Mit Entstehen der totalitären Systeme in der Sowjetunion und in Deutschland sowie mit dem Aufkommen der wichtigsten Theorien seit den 50er Jahren, die in Kap. 2.1 behandelt werden, vermehrten sich Beiträge zu diesem Komplex. Dementsprechend vielfältig ist die Literaturlage. Die in dieser Arbeit behandelte Frage nach den Unterschieden von Diktaturen und der diesbezüglichen Einordnung der DDR ist in der Forschung nicht unumstritten und wird von den Wissenschaftlern unterschiedlich bewertet, sowohl, was die Theorien des Totalitarismus und Autoritarismus betrifft2, als auch die Einordnung des DDR-Regimes unter diese.3

2.Totalitarismus-Theorien

Der Begriff stammt aus dem faschistischen Italien unter Mussolini, als die Opposition die Faschisten negativ als “totalitär“ bezeichnete. Die Faschisten selbst übernahmen diesen Ausdruck, werteten ihn aber positiv um. Er gelangte mit intellektuellen Emigranten nach England und in die USA, wurde von Politologen in Frankreich und Deutschland aufgegriffen.4

Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzesinski sahen v.a. sechs Gesichtspunkte als eine totalitäre Diktatur hinreichend definierend an, wozu das Vorhandensein einer Massenpartei mit dem Monopol auf die Kommunikationsmittel und einer gewaltanwendenden Geheimpolizei gehört, außerdem eine Ideologie, eine staatlich gelenkte Zentralwirtschaft und ein staatliches Monopol auf Waffen. Nach Friedrich müssen alle sechs Kategorein erfüllt sein, um eine Diktatur als totalitär bezeichnen zu können, da einzelne Elemente auch in anderen Staatsformen vorkommen könnten. Mit den Bereichen Familie, Militär, Kirchen und Universitäten seien trotz des hohen Ideologisierungsgrades Orte der Nicht-Durchdringung, von ihm als „Inseln der Absonderung“ bezeichnet, gegeben. An der Theorie ist Kritik in Bezug auf eine mangelnde Flexibilität und Differenzierung geübt worden, da sich Friedrich sämtliche totalitäre Staaten als „basically alike“5, also als „in ihren wesentlichen Zügen gleich“6 vorstellte.7 Hannah Arendt wiederum reduzierte die Kennzeichen des Totalitarismus primär auf die Ideologie und den vom Staatsapparat ausgeübten Terror. Sie geht im Gegensatz zu Friedrich, der einen empirischen Realtypus vertrat, von einem Idealtypus aus, d.h., sie stellt den Herrschaftsanspruch als prinzipiell unbegrenzt dar, der in der Realität noch nicht eingelöst wurde, aber potentiell drohend überall, selbst in Demokratien, vorhanden ist. Diese Theorie führte zu der Kritik, sie würde das Totalitarismus-Konzept zu eng fassen.8 Andere Ansätze, z.B. der von Ernst Nolte, sehen v.a. die Wechselbeziehungen verschiedener totalitärer Staaten und ihrer unterschiedlichen Ideologien als eine totalitäre Diktatur generierend.9 Einige Wissenschaftler wie Eric Voegelin, Raymond Aron u.a. betonen v.a. den quasi-religiösen Charakter des Totalitären, das aufgrund der schwindenden Bedeutung des Christentums zu einer Art „säkularer“ Ersatzreligion mit heilsbringendem Charakter geworden ist.10 Karl Dietrich Bracher fügte die unterschiedlichen Aspekte zu einer Theorie zusammen und sieht v.a. die Ideologie ebenso wie Wechselbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Regimen wie auch den Gedanken des Religionsersatzes als bedeutend an.11 Nach Jesse ist der totalitäre Staat das Gegenteil des demokratischen Verfassungsstaates. Er unterscheidet sich von diesem ebenso wie von autoritären Diktaturen und autokratischen Formen.12 Der totalitäre Staat benötigt eine hohe politische Mobilisierung im Sinne einer Mitwirkungsbereitschaft der Bevölkerung, was einen Anschein von Demokratie herstellen soll, er ist also „pseudo-demokratisch“. Er ist außerdem antidemokratisch, weil jeder Pluralismus im Ansatz erstickt wird und postdemokratisch – denn ohne zumindest einen demokratischen Anschein z.B. in Form einer nach außen vertretenen Volkssouveränität kommt er nicht aus.13

Für den Vergleich von totalitären mit autoritären Regimen ist es sinnvoll, auch auf den Totalitarismus-Begriff von Juan Linz einzugehen. Besonders drei Charakteristika sind nach ihm wichtig: Erstens das Vorhandensein einer sinnstiftenden, die Realität erklärenden Ideologie, die exklusiv und die gesamte Gesellschaft durchdringend ist. Zweitens die Massenmobilisierung, der sich niemand entziehen kann. Diese ist von der Einheitspartei organisiert. Aktive Teilnahme des Bürgers ist erwünscht, ein Rückzug ins Private nicht vorgesehen. Besonders diesen Gesichtspunkt sieht der Autor als wichtig an für die Unterscheidung von anderen nicht-demokratischen Systemen. Zuweilen wirkt es durch die Mobilisierung so, als seien die Möglichkeiten der Menschen in totalitären Systemen zur Mitbestimmung höher als in Demokratien, in denen man v.a. wählen gehen kann. Jedoch darf nicht vergessen werden, dass diese Teilnahme von dem Machtzentrum kanalisiert und auf die eigenen Zwecke ausgerichtet wird. Allerdings kann denjenigen, die mit dem System einverstanden sind, somit das Gefühl einer politischen Einbeziehung und einer Zugehörigkeit gegeben werden, die weit über die in autoritären Diktaturen und auch in Demokratien hinausgeht. Außerdem können hier Personen zu wichtigen Positionen in einer Gesellschaft gelangen, die sie in einem anderen System nicht hätten. Die Gesellschaft wird also egalisiert und gleichzeitig wieder neu geordnet, und wer regime-konform ist, wird belohnt, nach Lenz eine der größten Anziehungskräfte einer totalitären Staatsform. Drittens gibt es eine Person oder Gruppe, die die Macht innehat, der Wählerschaft nicht verantwortlich ist und nicht friedlich und legal abgelöst werden kann. Die vor der Übernahme der Regierung bestehenden Strukturen und Institutionen werden geschwächt oder ganz vernichtet. Jedoch kann es innerhalb der politischen Elite durchaus verschiedene Gruppierungen geben, die konkurrieren, wie z.B. in Nazideutschland die SS und die SA. Die Führung des totalitären Staates ist also monistisch, aber nicht monolithisch. Linz betont, dass alle drei Punkte erfüllt sein müssen, da sie einzeln auch in anderen Systemen vorkommen könnten. Frühere, eine wichtige Rolle spielende Institutionen wie die Kirche oder das Militär werden in totalitären Staaten nur wichtig, wenn sie der Instrumentalisierung des Machthabers dienen. Das Militär untersteht diesem in einer totalitären Diktatur ebenfalls vollständig.14 Der Terror entsteht aus Angst vor Machtverlust, dem Wunsch nach Kontrolle und der Bindung an die Ideologie. Besonders innerhalb der politischen Elite zeige sich der Terror am stärksten, mehr noch als gegen oppositionelle Gegner. Terror ist aber nicht wesentlich für einen totalitaristischen Staat, wenn seine Existenz auch sehr wahrscheinlich ist. Ebenso sieht Linz den Eroberungs- und Expansionsdrang in andere Länder nicht als Voraussetzung für die Bestimmung einer Diktatur als totalitär, aber er ist dort häufiger zu finden als in anderen Regierungsformen, das Gleiche gelte für das Vorhandensein eines politischen Führers, der da sein kann, aber nicht zwingend muss.15

Es herrscht kein wissenschaftlicher Konsens über die Frage, welche vergangenen Regime alle als totalitär bezeichnet werden können. Doch zumindest bei der Bewertung der Sowjetunion unter Stalin und dem nationalsozialistischen Deutschland unter Hitler ist man sich einig.16

2.1. Der Autoritarismus-Begriff nach Juan J. Linz

Nach Juan Linz sind diejenigen politischen Systeme als autoritäre Regime zu betrachten, die „einen begrenzten, nicht verantwortlichen politischen Pluralismus haben; die keine ausgearbeitete und leitende Ideologie, dafür aber ausgeprägte Mentalitäten besitzen und in denen keine extensive oder intensive politische Mobilisierung, von einigen Momenten in ihrer Entwicklung abgesehen, stattfindet und in denen ein Führer oder manchmal eine kleine Gruppe die Macht innerhalb formal kaum definierter, aber tatsächlich recht vorhersagbarer Grenzen ausübt.“17 Betont wird die Eigenständigkeit dieser Systeme, die nicht einfach eine abgeschwächte totalitäre Diktatur darstellen und auch keinen Mischtypen aus totalitärer Diktatur und Demokratie. Besonders von ersteren ist dieser zweite Typus abzugrenzen. Linz bezieht sich in seiner Begriffsbestimmung auf die Kriterien Machtausbildung, Organisationsformen, Glaubens- und Wertesysteme, die Verbindung staatlicher Macht mit der Gesellschaft und die Bedeutung, die die Bevölkerung einnimmt. Nicht betrachtet werden bei diesem Konzept die politischen Inhalte, die Ziele und die Legitimation des Staates.18

Demnach gehört zu den herausragenden Kennzeichen ein eingeschränkter Pluralismus. Dieser ist lange nicht so unbegrenzt und weitgehend wie in einer Demokratie, aber er ist im Ansatz vorhanden – und hierin liegt der entscheidende Unterschied zum totalitären Staat, der parteiunabhängige Gruppen nicht zulässt. In einer autoritären Diktatur wird aber von der Regierung kontrolliert, welche Institutionen und Gruppierungen es jenseits der Staatsführung gibt. Die Partei in solchen Regimen ist meist zwar offiziell eine Einheitspartei mit totalitärem Anspruch, jedoch wird diese in der Realität nicht straff in einer Hand geführt, sondern von sehr differenzierten Elementen durchsetzt.19 Linz bezeichnet die Opposition in einem autoritären System als „Semi- bzw. Pseudoopposition“. Als diese bezeichnet er Gruppen, die nicht in der Regierung vertreten sind, die durchaus Mängel am Regime sehen und dieses auch zur Sprache bringen, die es aber nicht grundsätzlich infrage stellen. Die autoritäre Führung wird akzeptiert, man möchte gern auch an der Macht teilhaben oder zumindest einzelne, von der Regierung nicht vertretene Interessen vorangebracht wissen. Opposition entsteht hier häufig unter jungen Leuten, Intellektuellen und Älteren aus der Gründungsphase, die allesamt enttäuscht wurden von nicht eingelösten Erwartungen. Opposition ist im Gegensatz zur Situation in totalitären Regimen in autoritären durchaus erlaubt, wenn sie sich innerhalb gewisser Grenzen bewegt. Zugleich kann in einem autoritären Regime auch illegale Opposition vorhanden sein, wenn die Opponenten jegliche Hoffnung auf eine Veränderung des Regimes von innen heraus aufgegeben haben. Der Unterschied zur Demokratie liegt in der Begrenzung der Opposition und deren fehlender Institutionalisierung.20

Linz unterscheidet eine im autoritären System herrschende „Mentalität“ von der Ideologie der totalitären Staaten. Letztere ist ein stark ausgearbeitetes utopisches Gedankenkonstrukt, das auf Reflexion und Interpretation beruht und fest geformt ist. Die Ideologie gehört zum Bereich der Institutionalisierungen in der Machtbeziehung. Herrscher und Beherrschte gehen über die Ideologie eine gegenseitige verpflichtende Verbindung ein. Mentalitäten hingegen betrachtet der Autor als „Wege des Denkens und Fühlens“, sie sind nicht so greifbar wie Ideologien und geben keine Handlungsanweisungen vor, wie das in totalitären Strukturen geschieht. Sie beruhen mehr auf Emotionen, sind formlos und haben nicht so einen bindenden Charakter wie Ideologien, wobei die Bandbreite in den verschiedenen Formen der autoritären Regime sehr unterschiedlich ist, von einem Konsens der Bevölkerung bis zu aus verschiedenen Elementen zusammengestellten, eine Ideologie vortäuschenden Ideenansammlungen reicht. Der Grund, warum es nur zur Ausprägung einer Mentalität kommt, liegt vermutlich im begrenzten Pluralismus, der von den Agierenden lediglich eine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ermöglicht und erfordert. Durch die Ungenauigkeit der Mentalität können vielfältigere Haltungen und Ansichten erreicht und Konflikte gemindert werden. Die Handlungen des autoritären Regimes können besser variiert, politische Kräfte vereint und Opponenten somit in Schach gehalten werden. Zugleich stellt das Fehlen einer stringenten Ideologie für Menschen, denen Werte und Ideen wichtig sind, eine Schwäche dar, was besonders auf stark Religiöse, Jugendliche und Intellektuelle zutrifft. Ihnen fehlt die Identifizierung mit dem System.21

Diese beiden erstgenannten Kategorien, der eingeschränkte Pluralismus und die Mentalität, führen schließlich zum Mangel an Mobilisierung. Die Gruppierungen innerhalb des pluralistischen Systems wie Kirchen oder Armee könnten einen höheren Grad an Mobilisierung als Konkurrenz empfinden, weshalb aufgrund des Gleichgewichts eine wirklich effektive Mobilisierung nicht möglich ist (von einigen Situationen, wie z.B. die Einbindung neuer Gesellschaftsschichten in die Elite oder der Kampf um staatliche Unabhängigkeit, abgesehen). In totalitären Systemen existiert dieses Problem nicht, daher eignen sie sich besser zur Mobilisierung der Bürger. Diese fehlende Mobilisierung in autoritären Diktaturen bewirkt auch innerhalb der Mitglieder der Partei eine Apathie, denn der Zugang zu Macht ist in solch einem System nur begrenzt möglich. Die Staaten, die vorher demokratisch waren und autoritär wurden, weil es ungelöste Probleme auf der politischen Ebene gegeben hatte, begrüßen sogar eine gewisse politische Apathie, denn damit nehmen die früher herrschenden Spannungen ab. Je mehr dies geschieht, desto mehr nimmt die politische Apathie zu. Die fehlende Ideologisierung der Gesellschaft tut ihr übriges zur Verhinderung von politischer Mobilisierung. Ohne Ideologie kann keine effektive Propaganda existieren, die Menschen sind nicht für Veranstaltungen, Aufmärsche u. ä. zu motivieren. Das Fehlen einer größeren Utopie führt dazu, dass diejenigen nicht in die Politik mit einbezogen werden, für die Politik ein ideeller Wert an sich ist. Von Momenten wie des Bestehens von Gefahr für den Staat abgesehen, wird Politik in einem autoritären Regime eher pragmatisch-verwaltend gesehen und als Interessendurchsetzung einzelner durchgeführt, wobei möglichst jeder Konflikt vermieden werden soll.22

Nach Jesse ist noch der Grad der Repression zu ergänzen, da ein totalitäres Regime willkürlich Gewalt und Unterdrückung ausübt, ein autoritäres dieses nicht tut, wobei zu beachten ist, dass auch in einem solchen kein Anspruch auf eine rechtlich sichere Behandlung besteht.23

Nach der Teilhabe unterschiedlicher Gruppen an der Macht lassen sich autoritäre Regime weiter unterteilen. Linz unterscheidet bürokratisch-militärische Regime, die eher pragmatisch orientiert und nicht-mobilisierend sind, den „organischen Staat“, der durch kontrollierte Partizipation und Mobilisierung über den ersten Typ hinausgeht, und des Weiteren mobilisierende autoritäre Regime in postdemokratischen Gesellschaften, in denen eine Massenpartei nach einer Krise in der Demokratie an die Macht gelangte. Außerdem gibt es nach Linz postkoloniale autoritäre Mobilisierungsregime, in denen sich eine autoritäre Führung nach der Befreiung von der Kolonialherrschaft durchsetzen konnte, sowie Rassen- oder ethnische „Demokratien“, in denen Teile der Gesellschaft aus ethnischen Gründen ausgeschlossen sind, aber die übrigen relativ pluralistisch teilhaben können, außerdem „unvollkommene“, „prätotalitäre“ politische Situationen und Regime, in denen der Totalisierungsprozess gestoppt wurde und die sozusagen in der autoritativen Phase „steckengeblieben“ sind oder die kurz vor der vollständigen Umwandlung in eine totalitäre Diktatur stehen.24 Genauer betrachtet soll hier nun der siebte Typus, der der posttotalitären Regime, werden, da sich die DDR in diesen einordnen lässt.

2.2. Autoritäre posttotalitäre Regime

Dieser Begriff bezieht sich v.a. auf die ehemals sozialistischen Regime Ost- und Mitteleuropas nach Überwindung des Stalinismus. Im Gegensatz zu den unvollkommenen totalitären und den anderen, niemals totalitär gewesenen sind hierbei bestimmte Elemente in Politik und Gesellschaft, die aus der Zeit der totalitären Phase resultieren, erhalten geblieben. Manche Protagonisten möchten die positiven Aspekte des früheren Regimes fortführen. Auch der Terror der Vergangenheit beeinflusst das Handeln der Akteure.25

Nach dem Tode Stalins war eine Konsequenz die Schwächung der Polizei, um eine Wiederholung der „Säuberungen“ zu vermeiden. Der Wunsch nach einer gewissen rationaleren staatlichen Routine und nach Sicherheit führte zu mehr Bürokratie und mehr Vielfalt. Er war von oben diktiert, da man den Anforderungen und Wünschen der Elite mehr als vorher entsprechen wollte. Die Veränderungen konnten aber nur schleichend geschehen, denn sonst hätte das Regime eine Revolution riskiert. Die Führer in den sozialistischen Ländern merkten, dass es effektiver und stabiler für den Bestand des Staates ist, wenn auf eine ständige Mobilisierung verzichtet und die Ideologie den Menschen nicht aufgezwungen wird. Gleichzeitig waren in den sozialistischen Regimen die Grundlagen des Sozialismus wie die Kollektivierung der Landwirtschaft oder die Macht der führenden Partei schon in der Phase des Totalitarismus gelegt worden, so dass die Voraussetzungen für eine begrenzte Liberalisierung gegeben waren und ein Regimezerfall nicht befürchtet werden musste. Die Partei verliert an Macht, ist oft Staat und Polizei untergeordnet. Mit der Bürokratisierung wird die Politik zunehmend unbeweglicher, die Utopie spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, die Massen sind nur noch formell an Prozessen teilnehmend. Der Staat akzeptiert die verschiedensten Gruppierungen, bemüht sich aber, diese zu beschränken.26

Linz unterscheidet posttotalitäre Regime von genuin autoritären, da er hier ein paar wesentliche Unterschiede sieht. Die Regime entstehen aus einem totalitären Staat, der demnach Voraussetzung ist, wobei sie durch Verfall entstehen können oder durch Wahl der politischen Elite, die aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus beschließt, die Machtbefugnisse des Führers zu beschränken. Aus „gesellschaftlichen Eroberungen“, nachdem soziale, wirtschaftliche und kulturelle Räume entstanden waren, die sich dem staatlichen Zugriff entzogen hatten, können sie ebenfalls hervorgehen.27 Es gibt nach Linz einen „frühen“, dem Totalitarismus eher nahestehenden Posttotalitarismus (bei dem aber zumindest die Führungsperson in ihrer Macht begrenzt wurde), außerdem einen „eingefrorenen“, bei dem zwar Kritik zugelassen, aber sich die Partiekontrollmechanismen nicht weiterentwickeln konnten sowie einen „reifen“ Posttotalitarismus, in dem Veränderungen auf allen Ebenen geschahen und der den entwickelten autoritären Regimen am nächsten steht.28

In posttotalitären Regimen ist zwar Pluralismus vorhanden, er ist jedoch weniger ausgeprägt als bei den anderen autoritären Formen, besonders in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, aber auch politisch, da die führende Partei immer noch maßgeblich ist. Es existiert jedoch eine parallele Kultur (auch als „zweite Kultur“ bezeichnet), die über ein erhebliches Oppositionspotential verfügt. Führer der Partei sind weniger charismatisch als in totalitären Staaten, sondern eher bürokratisch orientiert. Oft wird nach dem Tod einer totalitären Führungsposition darauf geachtet, die Macht der nächsten zu beschränken, ein erster Schritt in Richtung eines autoritären Regimes. Allerdings rekrutieren sich die Mitglieder der Regierung noch ausschließlich aus der Partei und ihren eigenen Strukturen, während dies in gefestigten autoritären Systemen zumindest teilweise durch Wettbewerb auch anderen offensteht. Das macht posttotalitäre Regime unflexibler, da sie wenig neue Gruppierungen in die Elite aufnehmen. Wenn ein solches Regime in der Führung vergreist, dann reagiert es noch lethargischer, was wiederum die Opposition weiter befördert und zum Zusammenbruch des Staatsgebildes führen kann. Die mittlere und untere Ebene der Pateiführung ist dann häufig nicht in der Lage, auf die Opposition zu reagieren, denn die Diskrepanz zwischen Ideologie und Realität lässt die Bindung an das Regime zunehmend schwinden. Oft entsteht aus diesen Reihen die größte Opposition.29

[...]


1 Arnósson, Audunn: Totalitäre und autoritäre Machtformen. Versuch einer Typologie, in: Kühnhardt, Ludger, Leutenecker, Gerd, Rupps, Martin und Waltmann, Frank (Hg.): Die doppelte deutsche Diktaturerfahrung. Drittes Reich und DDR – ein historisch-politikwissenschaftlicher Vergleich, Frankfurt/Main 1994, 199-211, 199 f.

2 Jesse, Eckhard: Diktaturen in Deutschland. Diagnosen und Analysen, Baden-Baden 2008, 357 f. Vgl. auch Schmiechen-Ackermann, Detlef: Diktaturen im Vergleich, Darmstadt 2006, 22-29 und 47 f.

3 Z.B. für die totalitaristische Betrachtungsweise mit dem Begriff des „bürokratischen Totalitarismus“ belegt: Friedrich, Wolfgang-Uwe: Bürokratischer Totalitarismus – Zur Typologie des SED-Regimes, in: Ders. (Hg.): Die totalitäre Herrschaft der SED. Wirklichkeit und Nachwirkungen, Perspektiven und Orientierungen 18, München 1998, 1-21, 17 f. Ebenso Weber, Jürgen: Die DDR – eine totalitäre Diktatur von Anfang an: Zur Einleitung, in: Ders. (Hg.): Der SED-Staat: Neues über eine vergangene Diktatur, München 1994, 1-4. Für die autoritäre Betrachtungsweise für die Zeit die 80er Jahre Jesse, Diktaturen, 392 und 396. Hier wird auch der Begriff „autalitär“ als Ausdruck einer Mischung von Totalitarismus und Autoritarismus vorgeschlagen.

4 Es ist an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass aufgrund der Knappheit der Darstellung nur einige wesentliche Autoren angesprochen werden können.

5 Brzesinski, Zbigniew und Friedrich, Carl J.: Totalitarian Dictatorship and Autocracy, Cambridge/Mass. 1956, 7, zit. nach Schmiechen-Ackermann: Vergleich, 36.

6 Friedrich, Carl J.: Totalitäre Diktatur, Stuttgart 1957, 17, zit. nach Schmiechen-Ackermann: Vergleich, 36.

7 Jesse, Diktaturen, 15 und 28-30 sowie Schmiechen-Ackermann: Vergleich, 34-36. Vgl. auch Rudzio, Wolfgang: Die Aufarbeitung des Totalitarismus – Eine politikwissenschaftliche Kontroverse, in: Kevenhörster, Paul und Thränhardt (Hg.): Demokratische Ordnungen nach den Erfahrungen von Totalitarismus und Diktatur. Eine international vergleichende Bilanz, Studien zur Politikwissenschaft 96, Münster 2003, 47-61, 47-54.

8 Schmiechen-Ackermann: Vergleich, 31-34 und Jesse, Diktaturen, 30-33.

9 Jesse, Diktaturen, 35 ff.

10 Schipperges, Karl-Josef: II. Zur Instrumentalisierung der Religion in modernen Herrschaftssystemen, in: Maier, Hans (Hg.): Totalitarismus und politische Religionen. Band III: Deutungsgeschichte und Theorie, Paderborn 2003, 223-236, 223-227 und 234-236.

11 Jesse, Diktaturen, 38 ff. Vgl. auch Franke, Harald: Der Systemvergleich anhand der klassischen Totalitarismus-Theorie, in: Kühnhardt, Ludger, Leutenecker, Gerd, Rupps, Martin und Waltmann, Frank (Hg.): Die doppelte deutsche Diktaturerfahrung. Drittes Reich und DDR – ein historisch-politikwissenschaftlicher Vergleich, Frankfurt/Main 1994, 169-184, 172 ff.

12 Jesse, Diktaturen, 11.

13 Jesse, Diktaturen, 20.

14 Linz, Juan J.: Totalitäre und autoritäre Regime, Potsdamer Textbücher 4, Berlin 2000, 20-29.

15 Ebd., 30-34.

16 Jesse, Diktaturen, 12 f.

17 Linz, Totalitäre und autoritäre Regime, 129.

18 Linz, Juan J.: Autoritäre Regime, in: Nohlen, Dieter (Hg.): Wörterbuch Staat und Politik, Neuausgabe Bonn 1995, 40-43, 40.

19 Linz, Totalitäre und autoritäre Regime, 131 f.

20 Ebd., 139-142.

21 Linz, Totalitäre und autoritäre Regime, 132-136.

22 Ebd., 136 ff.

23 Jesse, Diktaturen, 384.

24 Linz, Totalitäre und autoritäre Regime, 142-153.

25 Ebd., 227 f.

26 Ebd., 229-234.

27 Ebd., 252.

28 Ebd., 245.

29 Ebd., 245-251.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zwischen autoritärer und totalitärer Diktatur. Das Beispiel der Deutschen Demokratischen Republik
Hochschule
Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Brühl - Fachbereich Allgemeine Innere Verwaltung
Veranstaltung
Lehrveranstaltung Politikwissenschaft / Politische Ideengeschichte
Note
1,666
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V922384
ISBN (eBook)
9783346244659
ISBN (Buch)
9783346244666
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diktaturen, DDR, Totalitarismus, Autoritäre Systeme, Totalitäre Systeme, Juan J. Linz, Extremismus- und Totalitarismusforschung
Arbeit zitieren
Kendra Schirrmeister (Autor), 2015, Zwischen autoritärer und totalitärer Diktatur. Das Beispiel der Deutschen Demokratischen Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922384

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