Der Kulturkampf im Deutschen Kaiserreich bis 1875


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ursachen des Kulturkampfs

3. Die preußischen und deutschen Kulturkampfgesetze bis 1875

4. Intentionen und Ergebnisse: Die Staatsziele vor dem Kulturkampf und seine Resultate

5. Beurteilung des Kulturkampfs

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Kulturkampf im Deutschen Kaiserreich bezeichnet die auf Reichs- und Länderebene stattfindenden Auseinandersetzungen des jungen Nationalstaats mit der katholischen Kirche, die im Juli 1871 mit der Aufhebung der katholischen Abteilung im preußischen Kultusministerium sich abzuzeichnen begannen und im Mai 1875 mit dem Klostergesetz ihren Höhepunkt erfuhren. Zu Beginn der Hausarbeit will ich unter Berücksichtigung mehrerer Historiker zwecks einer differenzierten Darstellungsweise die für den Kulturkampf ursächlichen Faktoren benennen. Im Folgenden werde ich auf gleiche Weise seinen Verlauf schildern, um mich anschließend mit dem Missverhältnis der Staatsziele vor dem Kulturkampf zu seinen Ergebnissen zu beschäftigen. Vor dem Hintergrund der gesammelten Einschätzungen werde ich abschließend aus eigener Sicht den staatlich-kirchlichen Kampf beurteilen. Vorab bitte ich zu berücksichtigen, dass ich auf Grund der vorgegebenen Seitenzahl und der Vielzahl der Gesetze auf einige Kampfgesetze nur in reduzierter Form eingehen werde. Bevor ich mich den Ursachen des Kulturkampfs zuwende, versuche ich einleitend darzustellen, welche Geschehnisse vorausgingen, diesen als solchen zu bezeichnen. Hierbei spielt die Idee des Kulturstaats eine wesentliche Rolle.

Ernst Rudolf Huber stellt diesbezüglich fest, dass „für den Staat des 19. Jahrhunderts, auch für das Bismarcksche Reich, (…) die Synthese von Staat und Kultur eine der fundamentalen neuen Gegebenheiten“[1] war. Seiner Ansicht nach sei Wilhelm von Humboldt, der Leiter der preußischen Unterrichtsverwaltung zu Beginn des Jahrhunderts, durch seine Reform des dortigen Bildungswesens der Vater dieser Verbindung: „Indem er die neue Trias der staatlichen Bildungseinrichtungen- Volksschule, Höhere Schule, Universität- entwickelte, erhob er den Staat zum Kulturstaat.“[2] Durch diese Entwicklung wurden zweifelsohne die Gegensätze zwischen Liberalismus und der den Modernismus bekämpfenden katholischen Orthodoxie verstärkt. Der Aufschwung des Katholizismus unter dem Nachfolger des 1846 verstorbenen Papstes Gregor XVI., Papst Pius IX., der sich unter anderem in der Ausweitung des katholischen Pressewesens und der Entstehung katholischer Parteien und Fraktionen in allen Ländern Deutschlands mit katholischer Bevölkerung gezeigt habe[3], spitzte ebenfalls den Interessenkonflikt zu. Nun drängt sich die Frage auf, warum sich der Staat nicht neutral verhielt und in der Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Katholizismus durch die Kampfgesetze deutlich Stellung bezog. Neben den Gründen, die ich im Folgenden aufführen werde, sei, so Huber, der eingangs erläuterte Kulturstaatscharakter des Reiches für die Entscheidung, die katholische Kirche gesetzlich zu bekämpfen, verantwortlich.[4] Durch diesen sei der Staat unmittelbar in die Kämpfe involviert und nicht zu einer anderen Einstellung im Konflikt in der Lage gewesen. Wie allgemein bekannt ist der Kulturkampf jedoch unter ätiologischen Gesichtspunkten betrachtet multifaktoriell. Jene vielen, unterschiedlichen Ursachen, die auf seine Entstehung rückschließen lassen, will ich nun darlegen.

2. Die Ursachen des Kulturkampfs

Einer der wesentlichen Gründe, die Bismarck dazu bewogen haben, den Kulturkampf zu eröffnen liegt in seinem stark ausgeprägten Misstrauen gegenüber dem Zentrum, der Partei, in der sich seit dem Sommer 1870 die katholische Kirche organisierte.

Seine Einstellung zum Zentrum war durch Vorurteile schwer belastet. Die sogenannte „ultramontane“ Orientierung der Katholiken zum Papst nach Rom habe er als internationalen Charakter der Partei gedeutet, der die Königstreue der Katholiken langfristig auf die Probe stellen würde.[1] Da darüber hinaus das Zentrum sich für Polen, Elsässer oder Welfen einsetzte, Gruppierungen, die dem Reich kritisch gegenüberstanden, habe er die Partei als Sammelbecken von Reichsfeinden betrachtet.[2] Ferner fürchtete Bismarck, dass durch das Zentrum die Religion Gegenstand politischer Fragen werde, dass die eindeutige Abgrenzung von der Politik in Zukunft nicht mehr möglich sei.[3] Weiterhin habe dem Kanzler die fehlende soziale Struktur der Partei Unbehagen bereitet, denn „er wußte mit Klassen umzugehen und war selbst ganz bewußt ein Angehöriger seiner Klasse, der preußischen Junker.“[4] Außerdem sei die Parteigründung in eine Zeit gefallen, in der Deutschland sich zwar territorial geeinigt habe, aber innerlich noch nicht zusammen- gewachsen sei, während sich die katholische Kirche durch den „Syllabus Errorum“ und dem Unfehlbarkeitsdogma auch gegenüber den Staaten gefestigt habe.[5] Die Verkündung des „Syllabus Errorum“ im Jahr 1864 durch den Papst habe die mit der katholischen Lehre unvereinbaren Hauptirrtümer des Jahrhunderts dargelegt. In diesem Dogma wird in sehr harschem Ton unter anderem auch das Staatswesen angegriffen, das unrechtmäßig handle, sofern es die kirchlichen Rechte einzuschrän- ken versucht.[6] Die öffentliche Erregung in Deutschland über den „Syllabus“, besonders in liberalen Kreisen, habe sich aber noch durch die Festlegung des Dog- mas von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) gesteigert.[7] Zu Bismarcks Missfallen habe sich das Zentrum dennoch behaupten können und nach der ersten Reichstags- wahl als zweitstärkste Fraktion hinter den Nationalliberalen festgestanden.[8] Johannes Willms teilt die bisherigen Einschätzungen zu den Ursachen des Kulturkampfs nicht. Er behauptet, dass andere zum Teil egoistische Motive, die Bismarck hinter dem einfacheren und wirksameren Vorwurf des Ultramontanismus

Im Verborgenen gehalten habe, ausschlaggebend für die Entfesselung des Kulturkampfs gewesen sei. Einerseits habe er den großartigen Redner und Führer des Zentrums, Ludwig Windthorst, als gleichwertigen Gegenspieler gefürchtet, andererseits habe er wegen des sozialpolitischen Programms der zudem hervorragenden organisierten „Kirchenpartei“ die Gefahr erkannt, dass das Zentrum attraktiv auf die mit der Reichseinigung unzufriedenen Wähler wirke.[9] Selbstverständlich gibt es für den Kulturkampf auch Gründe, die außerhalb des Zentrums liegen und in der Person Bismarcks zu finden sind. Seine Motivation, die katholische Kirche gesetzlich zu bekämpfen resultiere auch aus der Hoffnung die durch die Dogmen angegriffenen Liberalen für sich zu gewinnen: „Bismarcks Hauptziel sei es gewesen durch Anheizung der Gegensätze die liberale Mehrheit

gleichsam passiv an sich zu binden und sie sich auf diese Weise in allen Bereichen gefügig zu machen.“[10] Auch auf dem Feld der Psychologie lassen sich Anhaltspunkte für einen vom Kanzler gewollten innenpolitischen Kampf feststellen. Dieser sei überzeugt gewesen, „daß wer nicht aktiv, nicht kämpferisch handele, sehr rasch zum bloßen Objekt der Entwicklung werde. (…) Und es gehörte zu seinen ausgeprägtesten politischen Überzeugungen, daß derjenige, der die Wahl des Kampffeldes und der Waffen anderen überlasse, schon bald zu den Geschlagenen gehören werde.“[11]

Abschließend darf nicht unerwähnt bleiben, dass zu den genannten Ursachen grundsätzlich die Charaktere des Kirchenoberhaupts Papst Pius IX. und des Reichskanzlers Bismarcks zur Entstehung des Kulturkampfs beitrugen, denn beide zeichnen sich bekanntermaßen durch wenig Kompromissbereitschaft, Unnachgiebigkeit und Prinzipientreue aus. Nicht ohne Grund wird Bismarck auch als „Eiserner Kanzler“ bezeichnet.

3. Die preußischen und deutschen Kulturkampfgesetze bis 1875

Die den Kulturkampf auslösende Krise stellten die Folgen der Verkündung des Infallibilitätsdogmas, des Dogmas von der päpstlichen Unfehlbarkeit, durch Papst Pius IX. dar. Seine innerkatholischen Gegner, ein großer Teil von Theologen und anderen Kirchenmitgliedern, haben sich daraufhin in der Altkatholischen Kirche von der Mutterkirche abgespaltet, mit der Folge, dass ihnen die kirchliche Ermächtigung für ihre Berufsausübung entzogen sei. Da diese auch für die Bekleidung eines staatlichen Lehr- oder Seelsorgeamtes Voraussetzung gewesen sei, habe die Kirche die Entfernung der abtrünnigen Geistlichen aus den Staatsämtern gefordert. Nahezu überall in den Gebieten des erst kürzlich geeinigten Reiches seien Konflikte darüber entstanden, inwieweit der Staat den Entlassungsforderungen für seine Angestellten wegen derer Nichtunterwerfung unter das Dogma Folge zu leisten habe.[1] Die Tatsache, dass der Beginn des Kulturkampfs durch die Aufhebung der katholischen Abteilung im preußischen Kultusministerium vom 8.7 1871 ausgerechnet in einem protestantischen Staat wie Preußen eingeläutet worden sei, ist nicht verwunderlich, da dort die Konflikte dadurch besondere Brisanz erfuhren, dass „(…) jede staatliche Maßnahme zum Nachteil der katholischen Kirche als eine Diskriminierung der katholischen Minderheit erscheinen musste.“[2] Obwohl bereits mit der Temporaliensperre, der Einbehaltung der einem Bischoff zustehenden staatlichen Finanzleistungen wegen Treu- und Gehorsamsverletzungen gegenüber dem Kaiser und der Amtssperre aus selbigem Grund, der Staat erste repressive Maßnahmen gegen Mitglieder der katholischen Kirche ergriffen habe[3], sei erst durch die Aufhebung der „Katholischen Abteilung“ der Grundstein für weitere Kampfgesetze gelegt worden. Durch ihre Abschaffung habe die dogmenstrenge katholische Bewegung ihrer Verbindung zwischen Staat und Kirche beraubt und dadurch bewusst geschädigt werden sollen.[4]

[...]


[1] Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789 Band IV: Struktur und Krisen des Kaiserreichs, Stuttgart- Berlin- Köln 1994, S. 637

[2] Ebenda

[3] vgl. Ebenda S. 657, 658

[4] vgl. Ebenda S.642

[1] vgl. Haffner, Sebastian: Von Bismarck zu Hitler, München 1987, S. 54

[2] vgl. Jedin, Hubert: Handbuch der Kirchengeschichte Band VI: Die Kirche in der Gegenwart, Freiburg- Basel- Wien 1973, S. 31

[3] vgl. Aschoff, Hans- Georg: Rechtsstaatlichkeit und Emanzipation. Das politische Wirken Ludwig Windthorsts, S. 76

[4] Haffner, Sebastian: a. a. O. , S. 55

[5] vgl. Born, Karl Erich: Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg, Stuttgart 1970, S. 82

[6] vgl. Huber: a. a. O. , S. 653

[7] vgl. Ebenda S. 664 ff.

[8] vgl. Jedin: a. a. O. ; S. 31

[9] vgl. Willms, Johannes: Bismarck- Dämon der Deutschen, München 1997, S. 257- 259

[10] Gall, Lothar: Bismarck- Der weiße Revolutionär; Frankfurt/M.- Berlin- Wien 1983, S. 541

[11] Ebenda

[1] vgl. Huber: a. a. O. , S. 673

[2] Ebenda S, 674

[3] vgl. Ebenda S. 697- 700

[4] vgl. Ebenda S. 676

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Kulturkampf im Deutschen Kaiserreich bis 1875
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar Die Innenpolitik Bismarcks
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V9225
ISBN (eBook)
9783638159890
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturkampf, Deutschen, Kaiserreich, Seminar, Innenpolitik, Bismarcks
Arbeit zitieren
Stefan Göhring (Autor), 2002, Der Kulturkampf im Deutschen Kaiserreich bis 1875, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9225

Kommentare

  • Gast am 13.1.2005

    Lob.

    Lob an den Autor.Weiter so Herr Göhring

  • Gast am 10.11.2005

    Bewertung Hausarbeit.

    Sehr geehrter Herr Göhring,
    Ihre Hausarbeit ist eine Bereicherung in der Topik des Faches Geschichte.Ich kann mich meinem Vorgänger nur anschließen, denn eine solch gelungene Arbeit ist selten vorzufinden.Ich habe sie mit Genuss gelesen, und ich werde Sie als Autor und Gelehrten weiterempfehlen!

    Hochachtungsvoll

    Herr Dr. Prof. rel. Gnarrenberg

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