Die Eigenlogik der Städte. Ein Paradigmenwechsel oder nur eine Ergänzung zur etablierten Stadtsoziologie?


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Die Eigenlogik der Städte

3 Eigenlogik der Städte: München und Frankfurt am Main

4 Kritik der Eigenlogik der Städte

5 Fazit

Quellenverzeichnis:

1 Einleitung

Um die Entstehung des Konzepts der Eigenlogik der Städte besser zu verstehen, soll kurz auf die bisherigen Ansätze der Stadtsoziologie eingegangen werden. Bislang wurde der Fokus in der Stadtsoziologie auf gesellschaftliche Prozesse anstatt auf die ,Stadt‘ selbst gelegt. Bei der Subsumptionslogik, die von der New Urban Sociology vertreten wird, gilt die Stadt als ,,Laboratorium für Gesellschaftsprozesse“1, um ,,gesellschaftliche Wandlungsprozesse früher und intensiver beobachten zu können.“2 Die Stadt wird bei diesem Konzept der Gesellschaft untergeordnet und dient somit als sekundärer Forschungsgegenstand. Ein anderer Ansatz, bei dem die Stadt nicht im Vordergrund steht, beschreibt die ,,Konkretionslogik“, die Studien der Chicago School zum Inhalt hat. Dabei wird nicht die Stadt als Ganzes untersucht, sondern das Interesse fällt auf ein bestimmtes Milieu oder eine ,,konkrete Lebenswelt“, wie zum Beispiel ein Einwandererviertel. Bei den beiden Konzepten steht die Stadt nur im Forschungskontext und kann als eine Erforschung der Stadt ohne diese selbst zu untersuchen, betrachtet werden.3 Die Stadt als eigenes Forschungsobjekt wirft somit eine neue Perspektive in der Stadtsoziologie auf. Der Raum ist demzufolge mehr als ein Ort, an dem sich gesellschaftliche Prozesse abspielen. Durch die konsistente Beschaffenheit der Infrastruktur und durch die ,,Heterogenität“ zusammenkommender Menschen können verschiedene Differenzen von Städten herausgearbeitet werden.4

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll der Eigenlogikansatz der Städte genauer definiert und erklärt werden. Außerdem wird eine Fallstudie zur Eigenlogik von München und Frankfurt am Main vorgestellt, um das Eigenlogikkonzept noch ausführlicher zu konkretisieren. Anschließend soll auf die allgemeine Kritik des Eigenlogikkonzepts eingegangen und ein abschließendes Fazit gezogen werden, ob die Eigenlogik einen Paradigmenwechsel bedeutet oder ob sie nur als Ergänzung für die bisherige Stadtsoziologie gezählt werden kann.

2 Die Eigenlogik der Städte

Der Eigenlogikansatz versucht das jeweils typische Charakteristikum einer Stadt herauszufinden. Es soll untersucht werden, ,,ob Städte eigene Strukturlogiken“5 entwickeln können und ob diese Einfluss auf das Handeln und Denken nehmen. Es wird angenommen, dass sich ,,die Welt in jeder Stadt auf eine je eigene Weise manifestiert“6. Im Rahmen einer Stadtforschung wurde das Konzept der Eigenlogik im Jahr 2005 an der Technischen Universität Darmstadt vorgestellt. Dabei werden drei Perspektiven deutlich, die der Eigenlogikansatz einschließt.

Als erste Perspektive beschreibt das Thomas-Theorem, dass Menschen Situationen als real definieren und somit diese in ihren Konsequenzen real werden.7 Das bedeutet, dass Menschen Städte als unterschiedlich interessant und schön wahrnehmen und aufgrund dieser eingeprägten Attribute auch so handeln. Zum anderen ist die Stadt nicht nur ein physischer Raum8, der gesellschaftliche Prozesse beinhaltet. Es wird vorausgesetzt, dass sich der Raum selbst aus gesellschaftlichen und historischen Prozessen organisiert. Als letztes kommt es durch die Verdichtung in der Großstadt zu einer zunehmenden Entstehung kollektiver Routinen. Somit entsteht eine gemeinsame Wirklichkeit, die von den dort lebenden Menschen geteilt wird und als eine Einheit betrachtet werden kann.9

,,[E]very city has a life of its own“10

Dieses Zitat beschreibt, dass jede Stadt in Anlehnung an Pierre Bourdieu einen eigenen Habitus besitzt. Bourdieu definiert den Habitus als eingeprägte Verhaltensweise und Denkmuster eines Menschen, die gesellschaftlich geformt sind.11 Der Habitus einer Stadt ordnet die Handlungen der Bewohner und ist an den Praktiken ablesbar.12 Städte sind somit ,,eigene Welten“, in denen sich soziale Gegebenheiten jeweils anders bilden können. Bei einem Vergleich von zwei Großstädten unterscheiden sich Städte in ihrer räumlichen Form, in ihren sozialen Verhältnissen und in ihren städtischen Diskursen. Diese Differenzen müssen herausgearbeitet werden um eine Stadt gegenüber anderen Städten abgrenzen und charakterisieren zu können. Die Grundelemente des Eigenlogikansatzes implizieren die Stadt als räumliche Form und städtische Sinnstrukturen. Die Stadt ist nicht territorial und administrativ gebunden und ,,erhöht somit die Dichte und Heterogenität im Inneren“13. Ein Beispiel dafür sind Migrationsprozesse, bei denen verschiedenste Kulturen auf engem Raum zusammenkommen.14

Ein weiterer Begriff, der beim Eigenlogikkonzept eine wichtige Rolle spielt, ist die ,Doxa‘. ,Doxa‘ stellt Routinen und Gewohnheiten dar, die auf einen großen Teil des Bewertens und Handelns im Alltag Wirkung ausüben. Jede Stadt hat somit ihre eigene Einstellung zur Welt und besitzt ihr eigenes Wissen über spezifische Thematiken. Es kommt zur Orthodoxie, wenn Gewohnheiten und Routinen legitimiert werden. Durch die Kontrolle vorzeitlicher Meinungen und Gewissheiten, die teils in Zweifel gezogen werden, entstehen im historischen Kontext eingebettete neue Sinnbezüge. Die Änderung von Doxa zur Orthodoxie beschreibt somit Wandlungsprozesse.

Um historische Umbrüche und Veränderungen zu verdeutlichen, wird der Ausdruck der ,kumulativen Textur‘ verwendet. Die ,kumulative Textur‘ veranschaulicht durch materielle und nichtmaterielle Artefakte das Bedeutungsmuster einer Stadt und knüpft die Gegenwart an die Vergangenheit an. Somit können einzelne Feststellungen in der Geschichte der Stadt verordnet werden.15

Als nächstes sollen die empirischen Verfahren des Eigenlogikkonzepts vorgestellt werden. Diese Methoden unterteilen sich in die Suche nach Homologien, die Suche nach Brüchen in der kumulativen Textur und das Aufzeigen von Differenzen im Vergleich mit anderen Städten.

Bei der Suche nach Homologien werden verschiedene Bereiche der Stadt auf ihre Ähnlichkeit erforscht. Löw stellt die These, dass Städte in bestimmten Milieus ,,eigenlogische Strukturen“ besitzen und ähnliche Praxishaltungen zwischen diesen auftreten. Wenn sich diese Annahme bestätigt, kann das Charakteristische einer Stadt rekonstruiert werden. Eine Homologie bedeutet, dass sich Deutungs- und Handlungsmuster in ungleichen Feldern der Stadt wiederholen und sich gemeinsam bedingen. Um solche Homologien zu suchen und herauszufinden, wird ein Verfahren angewandt, das sich in drei Schritte aufteilt. Zuerst müssen die Untersuchungsfelder ausgewählt werden. Die Auswahl der Bereiche ist forschungsökonomisch begrenzt und richtet sich nach Wunsch des Forschers.16 Der Begriff des Feldes beruht in diesem Fall auf Bourdieu und beschreibt Felder als solche mit Spielregeln, Machtverhältnissen, Zielen und Handlungsressourcen geprägte gesellschaftliche Gebiete, in denen das soziale Handeln differenten Logiken folgt. Beispielsweise können solche Felder verschiedene Bereiche wie Ökonomie, Politik oder Kunst beinhalten. Der nächste Schritt ist die ,,Abstandsvermessung“, bei der die Differenzen zwischen ,,erwarteten Praxisformen“ und den ,,tatsächlich beobachteten Praktiken“ herausgefunden werden sollen. Die Herausforderung besteht darin, ,,die Logik des Feldes zu rekonstruieren“17. Bei Forschungsgegenständen mit objektiviertem Wissen - wie zum Beispiel Lehrbücher – ist dieses Verfahren sehr einfach anzuwenden.18 Allerdings gibt es nicht für alle Untersuchungsgegenstände ein objektiviertes Wissen. Bei lokalpolitischen Problemdiskursen müssen durch Beobachtungen und Interviews, die über Städte hinausgehen sollen, Spielregeln und Ziele entdeckt werden. Der letzte Ablauf behandelt das Herausarbeiten von Thesen, die eine städtische Eigenlogik festlegen können. An einem Beispiel, das die Felder Stadtmarketing und politische Problemdiskurse behandelt, soll dieser letzte Schritt deutlich gemacht werden. Die typische Praxis in Frankfurt ist die Selbstwirksamkeitserwartung. Viele Frankfurter glauben, dass Probleme und Herausforderungen durch eigene Anstrengung gelöst werden können. Sie handeln schneller und eigenständiger als in anderen Regionen. Diese Thesen sind aus einem Interview als Ergebnis aufgekommen. In Frankfurt steht somit das eigene Handeln im Vordergrund. Die Selbstwirksamkeitserwartung tritt als Homologie auf, da sie in zwei unterschiedlichen Feldern als bestimmte Praxisform bestätigt worden ist.19

Das nächste Verfahren bei der Anwendung des Eigenlogikansatzes ist die Suche nach Brüchen in der ,kumulativen Textur‘. Die ,kumulative Textur‘ ist mit einem ,,städtischen Webmuster“ vergleichbar, in diesem politische und ökonomische Ereignisse eingesponnen sind. Um eine Konklusion auf eigenlogische Strukturen ziehen zu können, müssen wiederkehrende Deutungs- und Handlungsmuster aufgedeckt werden. Dabei ist es wichtig, geschichtliche Brüche, wie zum Beispiel politische Auseinandersetzungen, Kriege oder ökonomische Krisen zu betrachten. Denn in diesen bestimmten Zeitabschnitten wird die Doxa zur Orthodoxie. Das Gegebene wird nicht mehr fraglos akzeptiert, da sich neue Vorstellungen entwickeln.20 Ein Beispiel für die Suche nach Anschlüssen und Brüchen in der kumulativen Textur gibt die Organisation von Stadtmarketing in Birmingham und Frankfurt. In Birmingham kam es damals zur Gründung einer gemeinsamen Vermarktungsplattform, die eine Verbindung zwischen Stadtregierung und wirtschaftlichen Unternehmern voraussetzte. Diese enge Kooperation zwischen Politik und Wirtschaft ist an historischen Epochen erkennbar. Der Fokus liegt somit auf gemeinsamen Zielen und die Finanzierung erfolgt durch öffentliche Gelder. Im Gegensatz zu Birmingham trennen sich in Frankfurt die privatwirtschaftlichen Akteure von den öffentlichen Organisationen. Das Stadtmarketing in Frankfurt ist durch Unabhängigkeit gekennzeichnet und die Bestimmung von Projekten und Zielen ist jedem selbst überlassen. Die daraus hervorgehenden Thesen sind, dass in Birmingham eine langjährige Tradition der Zusammenarbeit besteht. Es werden die gleichen Ziele verfolgt, die auf jahrelanger Kooperation und Vertrauen basieren. Die Beobachtung in Frankfurt ist, dass sich die Bewohner von anderen nicht vereinnahmen lassen. Außerdem sind Werte wie Unabhängigkeit und Distanzwahrung für Frankfurt ausschlaggebend. Die Eigenlogiktheorien geben nicht nur Auskunft über gegenwärtige Besonderheiten einer Stadt, sondern liefern Informationen über Potenzialitäten beim Umgang mit zukünftigen Herausforderungen.21

Der letzte methodische Grundzug ist der Vergleich und die Kontrastierung mit anderen Städten, um spezifische Differenzen aufzuzeigen. Denn der Städtevergleich bietet eine Grundlage dazu, über andere zu lernen und das ethnozentrische Denken einzuschränken. Außerdem können wichtige Situationen in ihrem Zusammenhang erforscht werden. Um passende Vergleichsstädte auszuwählen, soll dem ,,Prinzip der Ähnlichkeit“ gefolgt werden. Gibt es nämlich Ähnlichkeiten bei gesetzlichen und ökonomischen Bedingungen, können empirische Differenzen durch diese Faktoren nicht mehr begründet werden, sondern werden durch eigene Strukturlogiken der Städte erklärt. Des Weiteren ist die Entscheidung über die Anzahl der Vergleichsstädte wichtig. Je mehr Städte gegenübergestellt werden, desto sicherer sind die Bestimmungen der gesuchten Differenzen und Praktiken und Institutionalisierungen können genauer umschrieben werden. Die Forschung ist zudem genauer, wenn mehr Beobachtungen gemacht werden. Die herausgearbeiteten Differenzen dienen als Grundlage für die Entwicklung von Thesen, die eine Antwort auf den Grund für beobachtete Ereignisse in einer Stadt geben sollen. Die Voraussetzungen dafür sind die Beobachtungen mit den Beweggründen der Menschen zu verknüpfen und typische Merkmale zu kennen.22

Im folgenden Abschnitt sollen die Beobachtungen und die Entwicklung von Hypothesen der Eigenlogik von München und Frankfurt dargelegt werden.

3 Eigenlogik der Städte: München und Frankfurt am Main

Um Hypothesen über den wenig bekannten Forschungsgegenstand der Eigenlogik von München und Frankfurt erstellen zu können, wurden qualitative Methoden, wie Beobachtungen, Leitfaden-Interviews, aber auch schriftliche Informationen und das Verfahren der Grounded Theory verwendet.23 Als Feld wurden die jeweils regional örtlichen Modeszenen definiert. Der Vergleich der Modeszenen in München und Frankfurt soll typische Besonderheiten aufzeigen. Deutungs- und Handlungsmuster sowie Routinisierungen, die als unbewusste Handlungen gelten, nehmen dabei einen Einfluss auf die Akteure. Bei der Praxis dieser Eigenlogik wird vor allem auf die Idee des Neoinstitutionalismus zurückgegriffen, der Rücksicht auf ,,den Einfluss von institutionalisierten Erwartungsstrukturen auf Organisationen“24 nimmt. ,Institutionen‘ formen in diesem Fall das Verhalten der Gesellschaft und entscheiden über adäquates Handeln der Akteure. ,Die Institutionalisierung‘ definiert gemeinsame kollektive Ansichten, die nicht mehr in Frage gestellt werden.25 Das Handeln der einzelnen Akteure und die Akteure selbst werden somit von den Institutionen beeinflusst und sind ,,als ein Ergebnis von Institutionalisierungsprozessen“ zu betrachten.26

Auf der Suche nach Homologien wurden im Verlauf der Forschung unterschiedliche thematische Bereiche hervorgehoben.

Der erste Bereich impliziert die Kooperation in München und Frankfurt. In München dominiert eine hochstrukturierte Stadtplanung, die dem Interesse der Eliten entspricht. Dennoch gibt es eine hohe Beteiligung der Bürger, die durch respektvolles Miteinander und einer organisierten Vernetzung geprägt ist. Viele Angebote von Aktivitäten seitens der Eliten, wie zum Beispiel Fashionevents, werden von den Bürgern gerne angenommen. Demgegenüber werden in Frankfurt einzelne Projekte, wie Fashionevents durch private oder wirtschaftliche Einzelakteure bestimmt, bei denen die Organisation selbst in die Hand genommen wird. Auch die Beziehung zwischen Stadtverwaltung und Bürger ist durch ein distanziertes Verhältnis manifestiert und es herrscht kein Engagement an einer Teilnahme von Veranstaltungen.27 In München versuchen die politischen Eliten die Modeszene durch hohen Arbeitsaufwand als ein wichtiges Element zu repräsentieren. Dies wird möglich, wenn zahlreiche Events angeboten werden, um das Zusammenkommen von einzelnen Modeakteuren zu fördern. In Frankfurt hingegen steht selbstständiges Handeln und Organisieren im Fokus. Die Modeakteure können als einzelne Gruppen verstanden werden, die kein Interesse an anderen Modegruppen aufzeigen und ein stabil berufliches Verhältnis und oftmals auch freundschaftliche Beziehungen innerhalb der Gruppe pflegen. Bei der Stadtplanung dominieren anstatt Gesamtplanungen nur einzelne temporäre Projekte, die von keinem städtischen Netzwerk bestimmt werden und auch die Stadtverwaltung beeinflusst die Modeakteure nur bedingt. Die bisher aufgezeigten Ergebnisse bestärken, dass in Frankfurt eigeninitiatives Handeln ein großer Bestandteil der gesellschaftlichen Kultur ist. In Bezug auf die kumulative Textur wird deutlich, dass nach Ende des zweiten Weltkriegs viele Bürgerinitiativen und Stiftungen gegründet worden sind und dass das seither vorhandene, eigenständige Handeln ohne Hilfe der Stadtverwaltung eine Folge von Tradierung darstellt. Unter Verwendung des Konzepts der Eigenlogik lässt sich somit herausfinden, dass die städtische Geschichte das Handeln der Bürger beeinflusst.28 Ein weiteres sichtbares Themengebiet vermittelt den Umgang mit Traditionen in München und in Frankfurt. Das Bewahren von Traditionen im Stadtbau und in der Mode wird in München stark vertreten. Dies ist besonders erkennbar anhand des Beispiels der Trachtenmode. Während in München ein stets konstantes Selbstbewusstsein herrscht und ein dauerhafter Profit in der Modeszene angestrebt wird, steht in Frankfurt der sofortige Gewinn mit einmaligen Treffen im Mittelpunkt. Frankfurt weist weder im Stadtbau noch in der Mode eine Verbindung zu Traditionen auf. Jedoch löst der Fokus auf die Ökonomie und die Moderne29 eine stetige Kontinuität in Frankfurt aus. Anhand der kumulativen Textur kann ein Bruch im Jahr 186630 festgestellt werden, der auf einen Verlust der Selbstständigkeit deutet. Aus diesem Grund wurde die Zukunftsentwicklung ohne die Verbindung zur vergangenen Geschichte vorangetrieben. Im Gegensatz zu München sind keine Modetraditionen vorhanden und das Aufsehen wird nicht durch extravagante Kleidung erregt. Aus der Sicht des Neoinstitutionalismus bestimmen normative Zwänge die Nachfrage der wirtschaftsnahen Mode. Anders als in München muss für das wirtschaftliche Handeln (z.B. Teilen eines Modeladens) in Frankfurt keine Rechenschaft abgelegt werden. Aufgrund anderer wirtschaftlichen Interessen legen die politischen Eliten keinen Wert an dem Geschäft der Modebranchen. Aus diesen Beobachtungen ist erkennbar, dass in Frankfurt und in München unterschiedliche Handlungspraktiken ausschlaggebend sind. Als Nächstes wird der Aspekt der Emotionalität erläutert, der in München intensiver als in Frankfurt erscheint. In München wird die Geschichte als Hilfsmittel für die Entstehung der Mode verwendet, was an den immer neuen Entwürfen für eine Tracht sichtbar wird. Zudem wird emotionale Kompetenz in München über politische Eliten in den Medien verbreitet und gefördert. Im Vergleich dazu ist die Mode in Frankfurt kein Bestandteil der ganzen Stadt und viele Pendler tragen mehr Business-Kleidung als die Bewohner der Stadt selbst.31 Ein Merkmal der Bewohner Münchens ist das gemeinsame Bewusstsein, dass über die Stadt hinausgeht. Die Münchner Modeszene betrachtet sich selbst als eine Einheit, in der vereinzelte Modeakteure miteinander in Wettbewerb treten. Fernerhin übernimmt die Stadtverwaltung in den Modegruppen die Organisation. Um integriert zu werden, müssen neue zugezogene Modeakteure oder Mitarbeiter in München versuchen, alltägliche Praktiken und Bedeutungsmuster zu übernehmen. In Frankfurt dagegen gibt es verschiedene Modegruppen, die kein städteübergreifendes Bewusstsein besitzen. Die Bevölkerung kann sich eher weniger mit der Stadt identifizieren und es sind keine spezifischen Erwartungen an Neuankömmlinge vorhanden.32

Zum Schluss werden die Themenbereiche des Freizeitstils und der Repräsentation beschrieben.

Anders als in Frankfurt hat die Mode in München eine Doppelfunktion, denn sie kann für die Freizeit und den Beruf genutzt werden. Ein Beispiel dafür ist das Tragen der Tracht in Biergärten von Bedienungen oder Kunden. Außerdem organisieren klare Strukturen, wie zum Beispiel Regelungen bei den Öffnungszeiten, den Alltag bei Modeakteuren und zudem hat die Arbeitskultur in Frankfurt einen großen Einfluss auf die Mode. Das Eingehen auf Bedürfnisse und das Erfüllen von Wünschen der Kunden hat - unabhängig von Öffnungszeiten - höchste Priorität. Wie vorher bereits angesprochen, bezieht sich München oft auf die historische Vergangenheit und Traditionen und kann als eine Stadt der Modernisierungen definiert werden. Der Besitz von Mode wird gezeigt und gelebt (z.B. ,,Schickeria München“) und durch die Medien unterstützt. Die Frankfurter Mode kann als effizient und ideenreich festgelegt werden und der Reichtum der Bürger steht bei der Mode nicht im Mittelpunkt.33

[...]


1 Berking 2008: 15.

2 Marent (et al.) 2013: 60.

3 Vgl. Marent (et al.) 2013: 61.

4 Vgl. Steets 2008: 407.

5 Marent (et al.) 2013: 59.

6 Marent (et al.) 2013: 59.

7 Vgl. Knoblauch 2014: 137.

8 Physischer Raum meint hier den Raum als ein absolutistisches Behältermodell.

9 Vgl. Frank (et al.) 2013: 203 - 206.

10 Berking 2008: 29.

11 Vgl. Treibel 2004: 226f.

12 Vgl. Müller 2013: 48f.

13 Marent (et al.) 2013: 63

14 Vgl. Marent (et al.) 2013: 61ff.

15 Vgl. Marent (et al.) 2013: 64ff.

16 Forschungsökonomisch definiert in diesem Sinn die Frage, wie viele Felder untersucht werden sollen. Das Interesse des Forschers kann je nach Forschungsfrage auf unterschiedliche Felder fokussiert sein. [Vgl. Marent (et al.) 2013: 68.]

17 Marent (et al.) 2013: 68.

18 Vgl. Marent (et al.) 2013: 66ff.

19 Vgl. Marent (et al.) 2013: 69f.

20 Vgl. Marent (et al.) 2013: 71f.

21 Vgl. Marent (et al.) 2013: 72ff.

22 Vgl. Marent (et al.) 2013: 74f.

23 Vgl. Siekermann 2014: 64.

24 Siekermann 2014: 183.

25 Vgl. Siekermann 2014: 183f.

26 Siekermann 2014: 186.

27 Vgl. Siekermann 2014: 233.

28 Vgl. Siekermann 2014: 236f.

29 Ein Beispiel für die Moderne Frankfurts in der Architektur wäre die Frankfurter Skyline.

30 Durch die Preußen verlor Frankfurt seinen Regierungssitz an Berlin.

31 Vgl. Siekermann 2014: 238ff.

32 Vgl. Siekermann 2014: 241f.

33 Vgl. Siekermann 2014: 244ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Eigenlogik der Städte. Ein Paradigmenwechsel oder nur eine Ergänzung zur etablierten Stadtsoziologie?
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V922572
ISBN (eBook)
9783346239228
ISBN (Buch)
9783346239235
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eigenlogik, städte, paradigmenwechsel, ergänzung, stadtsoziologie
Arbeit zitieren
Lena Scharnagl (Autor), 2015, Die Eigenlogik der Städte. Ein Paradigmenwechsel oder nur eine Ergänzung zur etablierten Stadtsoziologie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922572

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