Soll und Haben: Ein Roman und seine bearbeitete Neuauflage

Gustav Freytags Originalausgabe im Vergleich zu Dr. Fritz Skowronneks bearbeiteter Fassung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2. Die erste Auseinandersetzung mit der bearbeiteten Fassung von Gustav Freytags Soll und Haben
2.1 Vorwürfe von Albert Zimmermann
2.2 Verteidigung Skowronneks
2.3 Beschuldigungen des Verlags Schlüter & Co.
2.4 Eine jüdische Meinungsäußerung

3 Der Roman
3.1 Die Charaktere
3.1.1 Anton Wohlfart
3.1.2 Veitel Itzig
3.1.3 Baron von Rothsattel
3.1.4 Die Herren des Kontors
3.1.5 Weitere Charaktere
3.2 Die Umgebung

4 Zusammenfassung

Bibliographie

1 Einleitung

Im Jahr 1855 ist Breslau eine Stadt im Wandel: es werden erste Schienenstücke in die nähere Umgebung verlegt, kurz darauf auch längere Verbindungen zu den Städten Berlin, Wien, Dresden und Krakau gebaut. Der erste deutsche Hauptbahnhof entsteht in Breslau, die Industrialisierung und Urbanisierung hält Einkehr. Die Stadt beginnt bedeutungsvoll zu wachsen.

Mitten in dieser Stadt konstruiert Gustav Freytag das Leben der Figuren seines Romans ´Soll und Haben´ in sechs Büchern. Er verknüpft Fiktion und Realität dermaßen geschickt, dass man kein Problem damit hätte, die fiktionalen Gegebenheiten als reell anzuerkennen. So beschreibt Freytag z.B. im zweiten Kapitel des dritten Buches die Revolution in Polen, indem er zwei seiner Figuren ins Grenzgebiet reisen lässt, wo sie von einigen unschönen Ereignissen heimgesucht werden.

Weiterhin stellt Freytag das für die damalige Zeit zum größten Teil typische Misstrauen dem jüdischen Handel gegenüber dar. Die ersten beiden Bücher sind gespickt von Passagen, in denen die Charaktere der jüdischen Romanfiguren vorgestellt und beschrieben werden. Dabei entsteht in der Regel kein positives Bild der Juden, werden sie doch als frech[1], Schurken[2], jämmerliche Schacherer[3] etc. bezeichnet.

Als am 01.01.1926 die Urheberrechte an Gustav Freytags Romanen erlischen, beginnt 30 Jahre nach dessen Tod der Wettlauf der bearbeiteten Herausgaben[4]. Die nationalistischen Verleger beispielsweise hatten das Ziel, mit einer preiswerteren einfachen Volksausgabe die antisemitischen Ressentiments auch in weitere Volksschichten tragen zu können.

Die erste gekürzte Ausgabe von Soll und Haben erschien jedoch im Sommer 1926 beim Verlag Schlüter & Co. in Leipzig. Der Verfasser war Dr. Fritz Skowronnek, ein in Ostpreußen geborener, streng nationaler Heimatschriftsteller mit stark polenfeindlicher Tendenz, der wegen seiner antislawischen Ausfälle sogar ein Einreiseverbot in Polen erhielt[5].

Im Vorwort dieser Ausgabe erklärt er seine Intentionen, dieses Buch zu kürzen:

„[…] Die durchaus erforderlichen Kürzungen konnten nur durch Beseitigung unwesentlicher Episoden erreicht werden. Auch eine gewisse Redseligkeit des Dialogs gab Anlaß zu kürzeren oder längeren Strichen, die in pietätvoller Form von mir vorgenommen worden sind. Die große Linie der Handlung, der innere Zusammenhang sind mit aller Gewissenhaftigkeit gewahrt worden. […]“[6]

Glaubt man diesen Worten, sollte man die Zusammenhänge im Roman und Gustav Freytags Bestreben nach einer möglichst differenzierten Darstellung von dem deutschen und dem jüdischen Händler ohne Probleme nachvollziehen können.

In der vorliegenden Arbeit wird anhand dieser umstrittenen gekürzten Ausgabe von Soll und Haben aufgezeigt, inwiefern hier die „große Linie der Handlung gewahrt“ wurde. Alle Passagen, die in dieser Arbeit wörtlich der Originalausgabe entnommen wurden, fehlen in Skowronneks Fassung von 1926.

Zieht sich der rote Faden ohne Knoten durch die sechs Bücher? Werden wichtige Charaktere originalgetreu beschrieben? Und wie wurde diese Ausgabe von der Leserschaft aufgenommen?

Dieser Frage möchte ich mich zuerst widmen, indem ich verschiedene Zeitgenossen zu Wort kommen lasse.

2. Die erste Auseinandersetzung mit der bearbeiteten Fassung von Gustav Freytags Soll und Haben

2.1 Vorwürfe von Albert Zimmermann

Der erste offizielle Vorwurf der Verfälschung des Romans wurde im Oktober 1926 in der Deutschen Handelswacht[7] laut. Der gelernte Buchhändler und Mitarbeiter der Zeitschrift des DHV, Albert Zimmermann, schrieb einen offenen Brief an Dr. Skowronnek, in dem er ihn beschuldigte, ganz bewusst charakteristische Passagen gestrichen zu haben. Nach Aufzählung einiger gekürzten Textstellen fragt Zimmermann:

[…] „Beweist diese Fülle von Beispielen nicht, dass Sie, Herr Dr. Skowronnek, bei Ihren „Kürzungen“ ganz systematisch vorgegangen sind? Haben Sie dabei nicht einen ganz bestimmten Zweck verfolgt? Haben Sie Freytag nicht bewußt verstümmelt und „beschnitten“?" […][8]

Hier benutzt Zimmermann ganz bewusst den Begriff „verstümmelt“, um Parallelen zwischen dem jüdischen Ritual und dem Roman zu ziehen. Weiterhin wirft er Skowronnek vor, ausgerechnet das Wichtigste an Soll und Haben gekürzt zu haben: das Rassistische. Er erklärt, dass das Buch „in die Hände der Lehrlinge und jungen Gehilfen gelegt wird, um ihnen den Unterschied zwischen dem deutschen Kaufmann und dem internationalen Händler zu veranschaulichen“.

Dieser offene Brief, der über 100 Mal in unterschiedlichen Zeitschriften nachgedruckt wurde, endet mit dem Satz: „Verteidigen Sie sich, Herr Dr. Skowronnek!“[9]

So antisemitisch die Anschuldigungen auch sind, sie zu widerlegen ist ein schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Vorhaben.

2.2 Verteidigung Skowronneks

Um sein Gesicht zu wahren, musste Skowronnek eine Stellungnahme abgeben. In der Unterhaltungsbeilage der Deutschen Zeitung wurde am 04.11.1926 eine Erklärung zu den Vorwürfen abgegeben. In diesem Artikel gibt er an, vom Verlag Schlüter & Co. beauftragt worden zu sein, den Roman um reichlich ein Drittel zu kürzen, was einen außerordentlich geringen Preis der Neuauflage garantieren würde.

[…] „Ich habe meine Bedenken gegen diese Streichungen nur durch die Ueberlegung überwunden, daß ich sie dem größeren Zweck unterordnen müßte, damit eine billige Volksausgabe zu ermöglichen, durch die Gustav Freytag in noch weitere Kreise als bisher eindringen wird. […]“[10]

Albert Zimmermann hatte auch die Frage aufgeworfen, ob Skowronnek in irgendeiner Weise vom Verlag veranlasst worden wäre, bestimmte Passagen zu streichen. Auch darauf geht der Angegriffene ein, indem er versichert, dass der Verlag ihn „in keiner Weise und nach keiner Richtung“ beeinflusst hätte.

Es war also allein die Entscheidung von Fritz Skowronnek, welche Passagen er in welcher Weise bearbeitete, der Verlag sah diese Veränderungen angeblich erst beim Druck und konnte somit nicht mehr eingreifen oder das Werk beeinflussen.

Doch kann man diesen Ausführungen Glauben schenken? Wie Albert Zimmermann herausfand, war ein Mitinhaber vom Verlag Schlüter & Co., Moritz Widmann, ein Jude.[11] Konnte das ein Beweis für einen „Spezialauftrag“ von Seiten des Verlags sein?

Sicher ist, dass Skowronnek zum Zeitpunkt des Auftrags in finanziellen Nöten war.[12]

Bis Mitte der zwanziger Jahre bekam Fritz Skowronnek so viele Aufträge, dass er sich sogar zwei Pseudonyme zulegen musste, damit sein Name nicht zu oft in den Blättern erschien. Doch danach endete diese Schaffensphase abrupt. Er erhielt kaum noch Anfragen für Artikel. Es lässt sich nur vermuten, dass er mit zunehmendem Alter dem Druck nicht mehr gewachsen war, der publizistischen Fließbandarbeit standzuhalten.[13]

2.3 Beschuldigungen des Verlags Schlüter & Co.

Der Verlag, der die erste gekürzte Fassung von Soll und Haben herausgab, äußerte sich zu dieser Diskussion erst im Dezember 1926. Er hatte sich bis dato zurückgehalten, befand es nun aber doch als notwendig, den Fokus von sich abzuwenden.

Er unterstellte dem DHV und somit Albert Zimmermann, die bearbeitete Fassung aus merkantilen Interesse in ein schlechtes Licht zu rücken, um so deren Vertrieb zu erschweren bzw. zu verhindern. Hatte Zimmermann doch in seinem ersten Satz des offenen Briefes an Skowronnek erklärt:

„Zu den Büchern, die der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband Jahr für Jahr in Hunderten von Exemplaren verbreitet, gehört Gustav Freytags Soll und Haben.“[14]

Diesen Fakt verschwieg Zimmermann, als es zwei Monate später um seine eigenen finanziellen Interessen ging.

[...]


[1] Freytag, Soll und Haben. 1855. S.49

[2] ebd. S.413

[3] ebd. S.854

[4] Hollender: S.82

[5] Ostdeutsche Monatshefte 1933, S.397

[6] Freytag: Soll und Haben 1926

[7] Zeitschrift für den Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband, derzeit größte und einflussreichste Angestelltengewerkschaft der Welt mit antisemitischer Überzeugung und frühzeitiger programmatischer Nähe zur NSDAP. In: Hollender S. 83

[8] Zimmermann, Albert. In: Völkischer Beobachter vom 22.10.1926

[9] ebd.

[10] Fritz Skowronnek: „Soll und Haben“ zeitgemäß gekürzt. In: Unterhaltungsbeilage der Deutschen Zeitung vom 04.11.1926

[11] Völkischer Beobachter vom 03.12.1926

[12] Hollender. S.87

[13] ebd. S.89

[14] Völkischer Beobachter vom 22.10.1926

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Soll und Haben: Ein Roman und seine bearbeitete Neuauflage
Untertitel
Gustav Freytags Originalausgabe im Vergleich zu Dr. Fritz Skowronneks bearbeiteter Fassung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Osteuropa-Institut)
Veranstaltung
Soll und Haben. Ein Roman und seine historischen Implikationen.
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V92261
ISBN (eBook)
9783638056205
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soll, Haben, Roman, Neuauflage, Soll, Haben, Roman, Implikationen
Arbeit zitieren
Bernadett Huwe (Autor), 2006, Soll und Haben: Ein Roman und seine bearbeitete Neuauflage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92261

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