Die Kontroverse um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Auswirkungen auf die Raumgestaltung in Berlin


Seminararbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Stand der Forschung zum Willensbildungsprozess und Stadtplanung

Die Kontroverse um den Wiederaufbau

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Kontroverse um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses und Auswirkungen auf die Raumgestaltung in Berlin.

Gerade in Deutschland und Mitteleuropa wurden während des Krieges oder in der Zeit des Wiederaufbaus nach 1945 viele historische Gebäude zerstört oder abgerissen und oftmals durch Zweckbauten ersetzt wie in beinahe allen deutschen Innenstädten erkennbar ist. Vielerorts besinnt sich die lokale Bevölkerung wieder auf ihr architektonisches Erbe und werden Rufe nach Restauration oder Wiederherstellung des alten Stadtbildes laut. Jedoch kann die Wiedererrichtung von Baudenkmälern aufgrund verschiedener Faktoren kontroverse Diskussionen auslösen. Besonders wenn dafür andere Gebäude weichen müssen, Grünflächen verbaut werden, wenn die Rekonstruktion politisch oder geschichtlich auf irgendeine Weise aufgeladen wird oder lediglich aus Gründen der Verteilung knapper Mittel, ist Konfliktpotenzial vorhanden. In die letztendliche Entscheidung, vor allem in demokratisch verfassten Gemeinschaften fließen jedoch auch zusätzlich Aspekte der städtischen Raumgestaltung und mitunter auch Fragen der Erinnerungskultur ein. Buttlar betont, dass auch Fragen der Denkmalpflege, ein falsch verstandener Umgang mit der Erinnerungskultur oder schlicht ökonomische Interessen nur einige Problemfelder sind, denen sich solche Projekte stellen müssen (Buttlar, 2011).

Ein Beispiel für die Rekonstruktion eines monumentalen Pracht- und Repräsentationsbaus stellt das Berliner Stadtschloss in Berlin dar, welches in Zukunft das Humboldt Forum beherbergen wird. Auch hier, und in besonderem Maße wurde und wird um die Realisierung heftig debattiert und werden auch kleinere Baumerkmale wie das Kuppelkreuz kontrovers diskutiert (FAZ.net, 2020). So schreibt dazu Bredekamp: „Offenkundig ist das Humboldt Forum zu einer riesigen Projektionsfläche geworden, auf die sich die gedanklichen Scheinwerfer zahlreicher Diskurse richten“ (Bredekamp, 2017). Hier wird in das Stadtbild einer Millionenstadt derart eingegriffen, dass die neuere Baugeschichte Berlins durch die Konzeption der „historischen Mitte“ in Teilen rückgängig gemacht wird (Hesse, 1994, S.69). Im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen wie etwa Paris, fügt sich der Stadtgrundriss ebenfalls nicht harmonisch mit dem Stadtschloss zusammen (ebd., S.68).

In der Zwischenzeit sind die Bauarbeiten weit vorangeschritten wenn auch durch Mehrkosten und Verzögerungen noch nicht wie geplant abgeschlossen (Jürgens, 2018). Geplant ist die Eröffnung des Humboldt Forums für September 2020, nach und nach sollen auch die Außenbereiche landschaftsarchitektonisch gestaltet werden (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020a). Bei Abschluss der Bauarbeiten werden aus den zu Beginn veranschlagten 590 Millionen Euro Baukosten 660 Millionen Euro geworden sein (Szent-Ivanyi & Paul, 2020).

Bis es soweit war standen sich bei dem Projekt von Beginn an begeisterte Befürworter und strikte Gegner gegenüber. Beide Seiten argumentierten mit unterschiedlichsten Argumenten für oder gegen den Palast der Republik und somit für oder gegen die Rekonstruktion des Stadtschlosses. Die Planungen und die Idee reichen bis ins Jahr 2000 als eine Expertenkommission erste Vorschläge ausarbeiten sollte (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020). Nach der Grundsteinlegung 2013 und der definitiven politischen Willensbekundung gingen die Kontroversen jedoch weiter (Prost, 2012).

Die folgende Abhandlung soll veranschaulichen mit welchen Argumenten und aufgrund welcher Interessen für die Wiedererrichtung des Stadtschlosses gekämpft wurde. Dabei sollen die unterschiedlichsten Positionen Gehör finden und dargelegt werden, sowie, soweit möglich, auf Ihre Validität hin im Nachgang überprüft werden. Befürchtungen und Hoffnungen, die mit dem Projekt verknüpft sind, können heute, bei weitgehender Fertigstellung zumindest bereits teilweise entkräftet oder bestärkt werden. Dabei richtet sich die Argumentation von Gegnern und Befürwortern des Schlosses auch auf die Rolle des Gebäudes hinsichtlich Raumplanung und Stadtgestaltung an seinem Standort im Herzen Berlins. Hierbei geht es vor allem um die Relevanz des Gebäudes für das gesellschaftliche Stadtgefüge für die Bewohner des Stadtteiles sowie die mit ihm verknüpfte Erinnerungskultur. Hierbei soll untersucht und veranschaulicht werden mit welchen Konnotationen und Assoziationen das Stadtschloss bereits aufgeladen ist, worin diese gegebenenfalls historisch begründet sind und welche unter Umständen durch den Wiederaufbau neu in Erinnerung gerufen werden. Dabei wird es auch darum gehen, welche erinnerungspolitische Absicht überhaupt mit der Rekonstruktion verknüpft ist.

Politikwissenschaftliche Relevanz erhält die Themenstellung durch die Verknüpfung von Willensbildungsprozess, Entscheidungsprozessen und politischer Willensbekundung, die zwar „von oben“ getroffen wurde, welche aber im Vorhinein aufgrund eines Interessenverbandes ins Leben gerufen wurde und im Nachgang in der Öffentlichkeit einer breiten und kontroversen Diskussion unterzogen wurde, die bis heute anhält. Des Weiteren beeinflusst der Wille einer zunächst überschaubar großen Interessensgemeinschaft in Zukunft das Stadtbild und damit die Lebensumstände von tausenden von Bürgern, die für dieses Projekt indirekt auch einen Teil der Kosten tragen. Der historisch aufgeladene Ort des Wiederaufbauprojektes und die Auswirkungen auf die Erinnerungskultur haben zudem Einfluss auf das Lebensgefühl, auf die Heimat vieler Menschen und das gemeinsame historische Erbe der Stadt, sowie das kollektive Gedächtnis der Bewohner Berlins. Auch aus tourismuspolitischer Perspektive stellt das Stadtschloss mit Humboldt-Forum eine bemerkenswerte Aufwertung des Stadtteiles und dadurch eine interessante Facette der Untersuchung dar.

Die Fragestellung der Ausarbeitung soll daher lauten:

Wie kann die Kontroverse um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses bewertet werden und welche Rolle spielt das Gebäude in der Argumentation der Gegner und Befürworter für die Raumgestaltung an seinem historischem Standort in Berlin?

Stand der Forschung zum Willensbildungsprozess und Stadtplanung

„Niemand hat die Absicht, den Palast nicht abzureißen. Schloss mit der Debatte!“, nach diesem Satz des damaligen Sprechers für Kultur und Medien der CDU/CSU-Fraktion im Juni 2005 wurde ein gutes halbes Jahr später mit dem Abriss des Palastes der Republik begonnen (Birkholz, 2008, S. 7). Seit dieser Zeit wurden durch immer tiefer gehende Planungen und dem schlichten Baufortschritt Fakten geschaffen, und heute steht der Neubau des alten Berliner Schlosses zum größten Teil, wenn auch noch nicht vollständig fertiggestellt. Der aktuelle Forschungsstand beleuchtet in diesem Zusammenhang zunächst einmal den Willens- und Entscheidungsbildungsprozess in Politik und Gesellschaft und orientiert sich an den Ausführungen von Beate Binder und Tim Birkholz, Alexander Barti sowie Susanne Ledanff. Außerdem werden die allgemeinen Auswirkungen stadtplanerischen Handelns auf das Stadtgefüge und Stadtgefühl, die u.a. bei Michael Hesse, Adam Sharr und Beate Binder dargelegt werden angesprochen.

Um die Forschungsfrage zu beleuchten wird auf die Arbeiten von Binder in ihrem Werk „Vom Preußischen Stadtschloss zum Humboldt-Forum: Der Berliner Schlossplatz als neuer nationaler Identifikationsort“ zurückgegriffen, der die Auseinandersetzungen um das Gebiet in eine Phase vor der Jahrtausendwende einteilt, die von der Frage „Schloss oder Palast?“ gekennzeichnet war und eine zweite Phase danach die sich bereits mit der zukünftigen Nutzung unter dem Einfluss eines Humboldtforums beschäftigte (Binder, 2013, S. 104). Die Erkenntnisse der Forschung hinsichtlich der Ausgestaltung der Kontroverse befassen sich demnach zunächst mit den drei Lesarten der Argumente, nämlich Stadtplanerischen, denen gelebter Erinnerungskultur und der eines „Gesamtkunstwerkes Berlin“, städtischer Raum wird von ihr als Gegenstand und Forum für gesellschaftliche Konflikte angesehen (Binder, 2013, S. 101, 105-106). Barti betrachtet den heftigen Schlagabtausch, den sich Schlossgegner und Befürworter liefern, innerhalb dessen Begriffe wie Denkmalpflege, „sozialistischer Symbolbau“ und Identität kursieren findet zunächst zwischen den Parteien statt, wird über die mediale Berichterstattung jedoch zunehmend auch in der Bevölkerung wahrgenommen (Barti, 2007, S. 81). Unterschiedlichste Konzepte, Ideen aber auch Ansprüche, Eitelkeiten und Forderungen kommen im Politbetrieb zutage, darunter die gesamte Spanne von Abriss, über Umbau, Ausbau bis zur vollständigen Rekonstruktion des Originalschlosses, und alle Möglichkeiten wiederum mit den unterschiedlichsten Nutzungskonzepten (Barti, 2007, S. 82-84).

Für diese Phase wird auch aufgezeigt, wie die Bebauung dieser Fläche zur Einschreibung politischer Bedeutung genutzt wird (Ledanff, S. 35). Ledanff beleuchtet in ihrer Ausarbeitung „The Palace oft the Republic versus the Stadtschloss“ das Dilemma der Verantwortlichen, im Herzen Berlins eine so weitreichende stadtplanerische Entscheidung treffen zu müssen (Ledanff, S. 30-32). Binder beschreibt die Dringlichkeit einer Nutzungsentscheidung, welche die Bundesregierung und den Berliner Senat zur Einsetzung einer Expertenkommission veranlassten, wodurch die zweite Phase markiert wird (Binder, 2013, S.107). Im Zuge der folgenden Ereignisse verschob sich der Fokus dann zunehmend hin zur Sichtweise eines nationalen Zukunftsprojektes, welche unter dem Dach des sogenannten Humboldtforums allmählich Gestalt anzunehmen begann (Binder, 2013, S.107). Der gesteigerte Enthusiasmus, mit dem das Projekt seither vorangetrieben wurde, wird dann auch dieser Nutzungsstrategie zugeschrieben, denn diese Idee konnte den grundsätzlichen Streit befrieden (Binder, 2013, S.108). „Dies gelang, weil das Projekt trotz aller Konventionalität unterschiedliche Ansprüche und Ideen bedient, die im Verlauf der Schlossplatzdebatte als wesentlich (an-)erkannt worden waren. Das mit dem Humboldt-Forum verknüpfte Narrativ verzahnt diese untereinander und zugleich mit nationalen Selbstbildern“ (Binder, 2013, S.108).

Der zweite Aspekt des Standes der Forschung, nachdem der Ablauf und die Kontroverse um den Willensbildungsprozess beleuchtet wurden, befasst sich mit den Auswirkungen stadtplanerischen Handelns. Der Neubau des Stadtschlosses ändert gewissermaßen die Gedächtnislandschaft auf kultureller Ebene, aufgrund der pluralisierten Gesellschaft bietet er unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen auch Angriffs- und Projektionsflächen für Imaginationsprojekte, denn die Umdeutung der Stadtlandschaft ist immer auch Ausdruck von Machtverhältnissen (Binder, 2013, S. 102-103). Nur durch eine zunächst eigenartig anmutende Allianz aus konservativen Vorstellungen der Behörden, wirtschaftlichen Überlegungen im Bezug auf den Tourismus sowie von Stadtschlossromantik eines verloren geglaubten Monumentes ließ sich das Projekt in der jetzigen Form überhaupt durchsetzen (Sharr, 2010, S. 416). Es lässt durch die Prämissen, die im Laufe seiner Begründung entstanden sind, einen Raum für kosmopolitisches Denken und kulturelle Erfahrungen entstehen (Binder, 2013, S.114). Dieser Raum wird nicht mehr durch das Nationale eingehegt, sondern ermöglicht einen fließenden Übergang und soll die Weltoffenheit und Toleranz der Hauptstadt und ihrer Nation bezeugen (Binder, 2013, S.114). Für Berlin, welches sich als Hauptstadt nach dem Mauerfall neu erfinden musste, und dabei zusätzlich die Probleme der Spaltung in Ost und West überwinden musste, bedeutet diese Umwidmung und Erweiterung der Bedeutung des Schlossplatzes eine Einbindung in das gesamtstädtische Gefüge (Binder, 2013, S.114-115). Die Relationierung des Schlossplatzes im Stadtbild geschieht dabei durch die Gegenüberstellung zum einen zum Potsdamer Platz, der für das Globale steht und „[...] dessen Neugestaltung als Ausdruck von grundlegenden gesellschaftlichen wie ökonomischen Wandelprozessen gedeutet wird“ gegenüber eines lokalen Identifikationsraumes, der nicht globalisierend über die Grenzen der Stadt hinaus weist sondern für Tradition und Geschichte stehen soll (Binder, 2013, S. 116). Und zum anderen gegenüber dem Regierungsviertel bei dem die Unterscheidung anhand des Schlossplatzes als Ort der Zivilgesellschaft im Gegensatz zum Ort nationaler Politiken herausgestellt wird (Binder, 2013, S. 117). „Aus räumlicher Perspektive sollen am Schlossplatz zwei Karten von Berlin zur Deckung gebracht werden: eine nationale und eine kosmopolitische“ (Binder, 2013, S. 118). Dabei kann davon ausgegangen werden, dass allein die Größe des Bauwerks ausreicht um in Zukunft weitere Debatten, jenseits von Fragen der Fassadengestaltung, anzuregen, da es seine Umgebung maßgeblich beeinflussen wird (Birkholz, 2008, S. 54).

Die Kontroverse um den Wiederaufbau

Die kontrovers geführte Debatte um Palast der Republik, Folgennutzungskonzept und schließlich das Berliner Schloss, die bereits mit dem Asbestgutachten der letzten DDR- Regierung begann war bereits zu Beginn keine reine Fachdebatte sondern beinhaltete stets auch Elemente einer Architektur- und Identitätsdebatte (Thiel, 2010, S. 146). Dies äußerte sich in Aussagen und Deutungen, die mit der Wiederherstellung des Schlosses und der dadurch gleichzeitigen Tilgung des sozialistischen Erbes den Sieg der westlichen Welt gegenüber dem Staatssozialismus in Europa verbanden (Thiel, 2010, S. 147). Die Gruppe um den Schlossbefürworter Wilhelm von Boddien, Gründer des Fördervereins Berliner Schloss e.V. begannen eine kontinuierliche und stringente Überzeugungsarbeit, die mit der Herstellung einer Schlossattrappe zum Jahresende 1993 ihren Höhe- und Wendepunkt der öffentlichen Meinung zugunsten der Schlossaktivisten fand (Birkholz, 2008, S. 18-19; Thiel, 2010, S. 147). Die Gegner des Schlossneubaus und Palastbefürworter konnten durch die Heterogenität der Gruppe keine einheitliche Argumentation und keine durchgängige Strategie finden wodurch die medienwirksamere und erfolgreichere Kampagne die Diskurshoheit innerhalb der maßgeblichen Eliten auf Seiten der Schlossbefürworter etablierte (Thiel, 2010, S. 147, 150). Noch während der laufenden Asbestsanierungsarbeiten sollte eine Expertenkommission mit dem Namen „Historische Mitte Berlin“ eine Entscheidung vorbereiten, die von beiden Seiten mit unterschiedlichsten Argumenten zu deren jeweiligen Präferenzen gebracht werden sollte (Birkholz, 2008, S. 23; Abgeordnetenhaus Berlin, 2001).

So argumentierte die Gruppe der Gegner des Schlosses zunächst einmal damit, dass eine Gesellschaft, die zum Ausdruck ihrer Gegenwart auf die Rekonstruktion von Vergangenem zurückgreift, rückwärtsgewandt handelt und aufgrund der daraus resultierenden Vergangenheitsaura auch demokratisch- zeitgenössische Veranstaltungen nicht denkbar wären (Thiel, 2010, S. 150; Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020c). Außerdem wollte man, bevor man ein „überkommenes Schloss“ wiederaufbaut, weil man nicht in der Lage ist ein überzeugendes Konzept in der Architektursprache der Gegenwart zu finden die Entscheidung der nächsten Generation überlassen (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020c). Darüber hinaus wurde auch an der handwerklichen Fähigkeit derart gezweifelt und diese in Frage gestellt, wodurch das fertige Produkt mangels Qualität, zu einer Art Disneyland verkommen würde (Birkholz, 2008, S. 21; Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020c). Mit mehr Nachdruck und hörbarer waren Stimmen, die den Palast der Republik selbst als ein Gebäude mit dem sich viele Berliner identifizieren, und welches selbst zu einem Denkmal geworden sei, ansahen weshalb zwar die Sprengung des Schlosses ein Fehler gewesen sei, dieser jedoch nicht durch die erneute Tilgung der Geschichte wiederholt werden dürfe (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020c). Des Weiteren dürfe der Ort nicht kommerzialisiert werden und daher eine wie auch immer geartete Umgestaltung nur mit Mitteln der öffentlichen Hand erfolgen, da diese jedoch derzeit klamm sei müsse die Entscheidung vertagt werden (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020c).

Demgegenüber argumentierten die Befürworter des Palastneubaus zuvorderst mit der architektonischen Qualität des Berliner Zentrums, welche durch den Neubau fundamental erhöht würde und dadurch die Möglichkeit einer Renaissance der historischen Mitte Berlins als Oberzentrum der Stadt bestünde (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020b). Hierauf bezieht sich auch die Kritik am als Solitärbau angesehenen Palastes der Republik, der dem historischen Ensemble schade und das Zentrum der Stadt zusammenhangslos erscheinen lässt (Birkholz, 2008, S. 24; Thiel, 2010, S. 151; Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020b). Rekonstruiert man die Fassaden des DDR-Gebäudes und gestaltet ihn ansonsten um ginge zudem auch dessen Identität und Geschichte verloren und würde sich der Corpus nicht in das Gefüge der historischen Stadtarchitektur einfügen lassen (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020b). Die Wiedererrichtung des Berliner Schlosses würde zudem auch dazu beitragen ein Stück ausgelöschte Geschichte wieder in Gedächtnis zu rufen, und im Sinne der Denkmalpflege nicht nur identitätsstiftend wirken sondern auch die Mitte Berlins wieder zum Gesamtkunstwerk machen, ein Gegengewicht zu den modernen, umgebenden Bezirken bieten und den einzelnen Baukunstwerken wieder Zusammenhang und Halt verschaffen (Thiel, 2010, S. 151; Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020b). Letzteres führt, auch und gerade in der Liga der europäischen Kulturstädte zu einem nachhaltigen Besucherplus, welcher dem architektonischen Rang einer Stadt beruht und mit einem teilrekonstruierten Schloss, Innenhof und Ensemble ein Alleinstellungsmerkmal darstellt (Förderverein Berliner Schloss e.V., 2020b).

Die Empfehlung der Expertenkommission zum Nutzungskonzept mündete im „Humboldt-Forum“ welches Wissenschaft, Kunst und Kultur vereinen sollte sowie einer Zwischennutzung bis zum Beginn der Bauarbeiten (Birkholz, 2008, S. 24; Thiel, 2010, S. 147). „Als Ort des Dialogs, der bürgerschaftlichen Teilhabe und der gleichrangigen Zeitgenossenschaft der Weltkulturen [solle das Humboldt-Forum] ein neuartiges Konzept für das 21. Jahrhundert sein, [...] mit kulturpolitischer Ausstrahlung und starker urbaner Wirkung. [Erreicht werden solle dies durch] die Integration von Kunst und Kulturen der Welt, Wissenschaft und ein inhaltlich breit gefächertes Veranstaltungs- und Begegnungsprogramm“ (Internationale Expertenkommission Historische Mitte Berlin, 2002). Im Jahre 2002 beschloss der Deutsche Bundestag mit einer Mehrheit von 65% der Stimmen dann den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, was zur Folge hatte, dass die Diskussion um die Nutzung und Gestaltung vorerst etwas zum Erliegen kam und erst durch die künstlerischen Projekte der Zwischennutzung, die an der Gegenüberstellung des Schlosses als Ort des Großbürgertums gegenüber dem Volk entlangliefen wieder in Bewegung kam (Birkholz, 2008, S. 25; Thiel, 2010, S. 148).

Fazit

Die Asbestverseuchung des Palastes sowie dessen 13-jährige Nichtnutzung und verwahrlosender Leerstand trugen zu dessen Abriss bei, wenngleich sie keine hinreichenden Bedingungen für die getroffene Entscheidung gewesen sind (Birkholz, 2008, S. 46). Jedoch gaben sie der Argumentation und fortwährenden Lobbyarbeit, um den Hauptinitiator von Boddien, die benötigte Grundlage und den Raum überhaupt dahingehende Öffentlichkeitarbeit betreiben zu können. Die anschließende Entscheidung war eine politische, die jedoch vor allem aufgrund städtebaulicher Überlegungen getroffen wurde und einen Kompromiss herzustellen versucht, wenn auch die Tilgung des DDR-Erbes nicht geleugnet werden kann (Birkholz, 2008, S. 46). Die Argumentation der Schlossgegner stellt sich im Nachhinein als nicht verfänglich dar, liegen deren Argumente doch oft in den Bereichen eines Gefühls, einer Stimmung oder einer nicht greifbaren Behauptung und bringen wenig greifbare Gegenentwürfe oder schlüssige Gesamtkonzeptionen. Sie erscheinen zunächst einfach als „dagegen“ ohne eine Alternative anbieten zu können. Demgegenüber konnte die besser organisierte und homogenere Gruppe der Schlossbefürworter sachlicher und geschlossener auftreten und griffigere Gründe für den Wiederaufbau anbringen. Die Lobbyarbeit, die in den maßgeblichen Kreisen durch gute Vernetzung Erfolge zeitigte trug auch zum Stimmungsbild in der Bevölkerung bei, welches durch den geschickten Schachzug des 1:1 Modells gekrönt wurde und im Nachgang auch die politischen Entscheidungsträger beeinflusste.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Kontroverse um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Auswirkungen auf die Raumgestaltung in Berlin
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Kultur und Politik
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V922678
ISBN (eBook)
9783346238955
ISBN (Buch)
9783346238962
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Statdtplanung, Willensbildung, Kontroverse, Pro, Contra, Kulturpolitik, Raumgestaltung, Erinnerungskultur, Berliner Schloss, Palast der Republik, Berlin, DDR, Preußen, Humboldt-Forum
Arbeit zitieren
Dominik Contes (Autor), 2020, Die Kontroverse um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Auswirkungen auf die Raumgestaltung in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922678

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kontroverse um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Auswirkungen auf die Raumgestaltung in Berlin



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden