Oasen in der Wüste. Das orientalische Wohnhaus


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,7

Shirin Shi (Autor:in)


Leseprobe

Einleitung

Das Wasser ist die Grundlage jedes Lebens auf der Erde, und zugleich ist es für den Menschen seit jeher ein beeindruckendes und faszinierendes Element der Natur. Besonders, wenn es in großen Mengen (Meere und Ozeane), in hoher Geschwindigkeit (reißende Flüsse, Wasserfälle, starke Wellen), oder in unterschiedlich wirkenden Farben (Grotten, tropische Strände) erscheint. Nicht umsonst hat das Wasser eine besondere Bedeutung in vielen Kulturen und Religionen, gleichzeitig besitzt es jedoch neben dieser Rolle auch eine immense technische Wichtigkeit für den Menschen und prägt den infrastrukturellen Fortschritt menschlicher Zivilisationen. Im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung der Erde ist die Wasserknappheit mancherorts heute schon ein sehr akutes Problem - doch das Thema ist nichts neues. Ein Leben in wasserarmen Regionen war schon vor Jahrtausenden durch technische Entwicklungen möglich. Im Folgenden möchte ich die Architektur in heiss-trockenen Regionen mit Wüstenklima, dem nahen Osten und Nordafrika, näher betrachten - genauer: das Hofhaus. Dabei möchte ich auf folgende Fragestellungen eingehen: Was zeichnet das Hofhaus aus? Welche Rolle spielt das Wasser? Und vor allem: Was bleibt heute noch übrig vom orientalischen Wohnhaus?

Die Bedeutung von Wasser

Das Wasser als Naturelement spielt im nahen Orient eine große Rolle, nicht nur als Mittel zur Abkühlung in von heiß-trockenem Klima geprägten Regionen, sondern vor allem auch als wichtiges Element des islamischen Glaubens, welchem die meisten Menschen der arabischen und nahöstlichen Staaten angehören.

Im Islam gilt das Wasser als die Quelle des Lebens, ein Geschenk Allahs und die Lebensgrundlage vor allem für Vegetation in wüstenähnlichen Gebieten. Der bewässerte Garten symbolisiert somit die Abhängigkeit des Menschen von seinem Schöpfer.1 Nicht nur im Koran, sondern auch in der Dichtkunst ist es ein wiederkehrendes Motiv, sei es in Form von Fruchtbarkeit bringendem Regen, sprudelnden Quellen oder fließenden Bächen. Eine besondere Bedeutung erhalten Gärten, der islamische Garten gilt hier als „Metapher des Paradieses“2 und soll, ähnlich dem Himmel im christlichen Glauben, ein Ort der Belohnung des Gläubigen Moslems nach seinem Ableben im Jenseits sein. Gleichzeitig nimmt dieser fiktive Ort Einfluss auf die Gestaltung der Gärten im diesseitigen Leben und inspiriert zur Architektur prachtvoller Gartenanlagen, welche auch in zahlreichen Bilddarstellungen verschiedener Künstler als Vorbild dienten.3 Es bildet sich eine eigene Stilrichtung das „koranischen Gartens“4 ; es ist hierbei zu betonen, dass Zweck des Gartens nicht im Anbau von Nutzpflanzen oder dergleichen liegt, sondern das Augenmerk liegt darauf, einen ästhetischen Ort der Entspannung zu schaffen, „immergrün“5, welcher den Besucher erfreut und mit seiner Pracht und Schönheit einen Ausblick auf den Paradiesgarten bietet.

Neben den großflächig und aufwendig angelegten Gartenanlagen und Palästen, initiiert durch Könige und Shahs, bestehen die Privatgärten des einfachen Menschen, umbaut mit dem typischen Hofhaus.

Das orientalische Wohnhaus - damals

Die hohe Bedeutung des Wassers und des Gartens lässt sich in der entstandenen, weit verbreiteten Typologie des nahöstlichen Hofhauses sowie in der Gestaltung des in ihm liegenden Gartens, der „Oase des Hauses“6, deutlich erkennen.

Zunächst bietet das Hofhaus Schutz gegen Witterungsverhältnisse wie starker Sonneneinstrahlung und eingehende Sandwinde, und sorgt durch die Öffnung des Hofes für ein angenehmes Klima trotz herrschender Hitze (siehe Abb.9). Doch wichtiger noch ist seine Funktion auf sozialer Ebene: Durch eine geschlossene Gestaltung nach außen hin schottet es einen Haushalt nach außen hin ab und bietet damit die kulturell bedingt hoch geschätzte Privatsphäre (siehe Abb.1).7 Der Innenhof im Garten dient dabei nicht nur zur natürlichen Belüftung des Hauses, er ist vielmehr ein zentraler Treffpunkt aller Mitglieder der Haushaltes und bietet Raum für alle möglichen Anlässe - sei es als Wohnzimmer, Garten, zum Wäsche waschen oder für Familienfeiern. Er bildet einen vor Blicken geschützten Aufenthaltsraum im Freien - vor allem während heißer Sommer ein großer Vorteil Dabei ist das Ziel eines jeden Hausherren, seinen Garten möglichst ansprechend zu gestalten um seiner Funktion als privater Oase und Spiegel des Paradiesgartens gerecht zu werden. Pflanzen, Blumen und Wasser waren dabei elementare Teile zur Gestaltung,8 ergänzt durch Ornamente und Dekor an Türen und Fenstern (siehe Abb.3 und Abb.8).9 Zusammen mit üppiger Vegetation wurden Hof und Garten zu einem „häuslichen Mikrokosmos“10, der „alle Komponenten der Schöpfung in sich trägt“11.

Das Wasser trat im islamischen Hofhaus in den folgenden Formen auf: Als Brunnen, Becken, und/oder Salsabil. Ein Brunnen war in der Regel in der Mitte des Hofes platziert, mit den Wohnzimmern zu ihm gerichtet geöffnet. Er bildet den zentralen Versammlungsort der Familie - ähnlich einem Kamin oder eine Feuerstelle in kälteren Klimazonen. Den Brunnen kann ein flaches Becken umgeben, welches das Wasser in sich sammelt (siehe Abb.6 und Abb.7). Eine symbolische Form des Brunnens, wie ein oktagonal- oder hexagonalförmiges Innenbecken, sowie dessen Gestaltung mit farbigen Mosaiken und geometrischen Mustern (siehe Abb.4), unterstreichen die Wertschätzung des Wassers sowie dessen hohe, symbolische Bedeutung. An Orten, an denen kein ausreichender Wasserdruck zum Betreiben eines sprudelnden Brunnens vorhanden war, wurde ein Salsabil eingesetzt (siehe Abb.5). Dieser besteht aus einer mit Wellen verzierten Marmorplatte, welche schräg an eine Wand einer Nische des Hofes gelehnt wird, die dem Wohnzimmer gegenüberliegt. Nun wird über diese Wasser geleitet, sodass es herabfließt. Durch die Riffelung der Plattenoberfläche gerät das Wasser zusätzlich in Bewegung. Indem es verdunstet, trägt es zusätzlich zu einem angenehmeren Klima bei.12

Das orientalische Wohnhaus - heute

Doch was wurde aus dem für viele heiß-trockene Regionen so typischen Hofhaus und seinem Garten? Gerade in den Stadtzentren großer Städte wie Yazd oder Bagdad lässt sich der Prozess der Urbanisierung am Wandel der früher üblichen Wohnhaustypologien erkennen. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts begannen beispielsweise in Bagdad städtebauliche Maßnahmen, die auch auf die Wohnform des einzelnen Haushaltes Einfluss nahmen. So öffneten sich Fassaden immer mehr nach Außen zum öffentlichen Leben hin,13 internationale Einflüsse bewirkten einen Wandel des Baustils zum Stil europäischer Villen hin14 und anderenorts wurden zentrale Stadtteile baulich verdichtet und moderne Hochhäuser verdrängten die Hofhäuser.15

Das Wasser und sein Ursprung

Das hoch geschätzte Wasser kam nicht nur in Form von Regen vom Himmel herab - sondern vor allem auch durch von Menschenhand konstruierte unterirdischeWasserkanäle, den Qanaten. Diese transportierten das Wasser von Quellen aus den Bergen in die Städte und versorgten so die Bewohner, und vor allem auch die Brunnen der Hofhäuser, mit frischem Wasser in Trinkwasserqualität (siehe Abb.2). Dieses ausgeklügelte System der Wasserversorgung war im persischen und im arabischen Raum verbreitet und kann noch heute besichtigt werden. Leider gibt es trotz der funktionierenden Qanate vielerorts Wasserknappheit und Trockenheit - wie zum Beispiel in Isfahan.16 Durch das Umsatteln auf eine Wasserversorgung durch Staudämme, welche das Verdunsten des gestauten Wasser durch eine große, der Sonne ausgesetzte Wasseroberfläche begünstigen, sowie durch einen erhöhten Wasserbrauch des Einzelnen durch Änderungen des Lebensstils und die landwirtschaftliche Nutzung eigentlich sehr trockener Gebiete, es heute keine ausreichende Wasserversorgung mehr in einigen heiß-trockenen Gebieten. Hier wäre die Frage berechtigt, ob nicht vielleicht antike Wasserversorgungssysteme, wie die Qanate, besser funktioniert haben.

Ausblick

Doch wie kann man das Hofhaus in die heutige Zeit zurückbringen, sodass es alle modernen Ansprüche erfüllt und gleichzeitig seine vielen bauphysikalischen aber auch ästhetischen Vorteile erhalten bleiben? Bauprojekte wie das Fobe House von Guilhem Eustache nahe Marrakesch oder das Sharifi-ha House von Next Offive in Teheran zeigen, wie architektonische Elemente des antiken, orientalischen Wohnhauses in die heutige Zeit übersetzt werden können.

So finden sich im Sharifi-ha House ein zentraler Pool, sowie ein Wasserbecken mit gläsernem Boden im Geschoss darüber (siehe Abb.12 u. 13). Das einfallende Sonnenlicht wird sowohl reflektiert, als auch vom Wasser aufgenommen und in den unter dem Glasboden liegenden Raum weitergegeben, was der Zelebrierung des Brunnens im antiken Hofhaus ähnelt. Zudem erinnern die vielen brückenähnlichen Verbindungswege in und um das Atrium an die Räume um den antiken Hof, die sich zu ihm öffneten und somit einen Dialog zwischen dem Hof als Zentrum und seiner Umgebung schafften.

Das Fobe House hingegen wirkt wie eine abstrakte Zerstückelung eines Hauses - doch auch hier finden sich neben einem Pool viele Parallelen zum antiken Hofhaus (siehe Abb.10 u. 11). So sind seine Fassaden nach außen hin sehr geschlossen gestaltet, öffnen sich jedoch nach innen zueinander und zum Pool. Eine starke Inszenierung des Wassers als architektonisches Element, punktuelle und kleine Wandöffnungen nach außen sowie eine massive Bauweise ähneln den Eigenschaften des Hofhauses, auch wenn es sich bei dem Fobe House um eine ganz andere Bautypologie handelt.

Ein weiteres Beispiel ist das Bagh-Janat Haus in Isfahan, entworfen vom Bracket Design Studio. Die dichte Bebauung durch Wohnblocks in der Umgebung stellte eine zusätzliche Hürde dar für die Architekten, deren Ziel es war, die Privatsphäre der zukünftigen Bewohner durch clevere bauliche Lösungen zu schützen und gleichzeitig einen angenehmen Freiraum sowie gut belichtete und belüftete Innenräume zu schaffen. Dies wurde umgesetzt, durch Ver- und Rücksprünge des Gebäudes, die nach Innen kleinere Höfe aufspannen, sowie zuklappbare Fensteröffnungen aus Holz, die komplett in der Fassade verschwinden können und so das Gebäude nach außen hin abschotten. Die ausreichende Belichtung im Innenraum wird unterstützt durch ein zentrales, rechteckiges Oberlicht, welches an den Lichteinfall in den Hof eines Hofhauses erinnert.

Fazit

Alles in allem zeigt sich bei der Betrachtung des antiken Hofhauses deutlich die symbolisch hohe Bedeutung des Wassers für die Bewohner. Diese drückt sich architektonisch aus, indem Wasser als ein Element der Gestaltung an zentralen Stellen genutzt und positioniert wird. Neben seiner symbolischen Bedeutung ist auch die bauphysikalische Funktion zu nennen - als kühlendes Element durch Verdunstung, als Grundlage für schattenspendende und kühlende Vegetation sowie als Belichtungselement durch Reflektion einfallender Sonnenstrahlen. Das zunehmende Verschwinden des Hofhauses in Städten aufgrund von Verdichtung und dem Wandel von Bedürfnissen städtischer Bewohner scheint nicht aufzuhalten zu sein - doch es ist ratsam, eine Übersetzung in die heutige Zeit der vielen Vorteile des Hofhauses und seiner Eigenschaften zu finden, um hiervon zu profitieren, ähnlich wie es in den oben genannten Beispielen umgesetzt wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Grundriss eines Hofhauses mit vier Innenhöfen

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Abb.2: Querschnitt durch abfallendes Gelände, zeigt die Wasserversorgung der Haushalte, der Oase und der Vegetation mithilfe von Qanaten

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Abb.3: Wohnhof der Sahridsch-Madrasa in Fes

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Abb.4: Wasserbecken mit Fontäne und dekorativem Ornament in einem traditionellen Haus in Kairo

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Abb.5: Salsabil mit wellenförmigem Relief

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Abb.6: zentrales Wasserbecken mit Fontäne im Hof der Medersa Ben Youssef in Marrakesch

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Abb.8: Mosaike in türkisen Farbtönen als Dekor, Madreseh-ye Chahar Bagh

[...]


1 S.110, Petruccioli 1995

2 S.13, Petruccioli 1995

3 S.14-18, Petruccioli 1995

4 S.13f., Petruccioli 1995

5 S.15, Petruccioli 1995

6 S.6, Bläser 2004

7 S. 196f., Bianca 1991

8 S. 4, Qasem 1997

9 S. 62, Al-Haidary 2006

10 S.62, Al-Haidary 2006

11 S.62, Al-Haidary 2006

12 S.66f., Fathy 1986

13 S.180, Al-Haidary 2006

14 S.194f., Al-Haidary 2006

15 S.217, Al-Haidary 2006

16 Doku: „Dürre-Alarm: Wassernotstand im Iran“ aus der Arte-Mediathek, Stand 01.07.18

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Oasen in der Wüste. Das orientalische Wohnhaus
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V922740
ISBN (eBook)
9783346254887
ISBN (Buch)
9783346254894
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Architektur; Architekturgeschichte; Wasser; Hofhaus;
Arbeit zitieren
Shirin Shi (Autor:in), 2018, Oasen in der Wüste. Das orientalische Wohnhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922740

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