Kant und Swedenborg. Von den Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeiten


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Swedenborg

3 Die Träume.
3.1 Swedenborg in den Träumen eines Geistersehers

4 Die philosophischen Positionen Kants und Swedenborgs

5 Fazit

1 Einleitung

1766 erschien Kants Schrift „Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik“. In dieser ursprünglich anonym veröffentlichten Schrift1 setzt sich Kant in einem oft ungewohnt sarkastischen Ton mit Fragen der Metaphysik auseinander: Ist es möglich, dass geistige Wesen existieren? Können wir Erkenntnis von Gegenständen er­langen, die wir nicht direkt beobachten können? Und was sollte die eigentliche Aufgabe der Metaphysik sein?

Die Träume sind neben einem kurzen Vorbericht in 2 Hauptteile gegliedert: dem ers­ten Teil, „welcher dogmatisch ist“2 und dem zweiten Teil, „welcher historisch ist“3. Diese Arbeit soll sich vornehmend auf das Verhältnis zwischen Kant und „berühmtesten Geisterseher(s) seiner Zeit“, Emanuel Swedenborg4 fokussieren. Kant behandelt Swe­denborg hauptsächlich im zweiten Teil der Träume. Auch wenn Kant die von Sweden­borg vermittelten Inhalte ablehnt und diese durchgehend als „Unsinn5 “ oder „Hirnge- spinste“6 bezeichnet, kann dies doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass für Kant auch eine gewisse Faszination von Swedenborg ausgeht, denn letzten Endes würde Kant auch gerne an diese von Swedenborg beschriebene immaterielle Welt und damit ein Leben nach dem Tod glauben. Swedenborg dient Kant als ein Beispiel um die Metaphysik seiner Zeit zu kritisieren. Zum einen wird hier die Faszination deutlich, die Kant für die von Swedenborg vermittelten Inhalte verspürt, zum anderen macht Kant sich über die Lehre Swedenborgs lustig, der nach eigener Aussage in direktem Kontakt zu Gott stand und direktes Wissen durch Engel und andere Geistwesen empfangen habe. Swedenborg dient Kant als Beispiel dafür, welche Gefahren für den eigenen Verstand bestehen, sobald man sich auf das „Luftschiff der Metaphysik“7 wagt.

Auch wenn es umstritten ist, inwiefern die Träume eines Geistersehers das Ende ei­ner empiristischen Phase bei Kant darstellen, scheint es unwiderlegbar, dass hier bereits viele kritische Gedanken zu finden sind, die 15 Jahre später in der „Kritik der Vernunft“ ihren Höhepunkt finden.

2 Swedenborg

Swedenborg wurde 1688 in Stockholm geboren. Dass er jemals eine Berühmtheit als Geisterseher erlangt, lässt sich aus seiner Biographie zunächst nicht schließen: Seine na­turwissenschaftlichen Interessen, die ihn in England Mathematik, Mechanik und Astro- nomie8 studieren ließen, sowie seine spätere Arbeit als Bergwerkassesor zeichnen zu­nächst nicht das Bild eines „Phantasten“9, der sich im „Schattenreich“, einem „unbe­grenzten Land“10 aufhalte und Kontakt zu immateriellen Geistwesen aufnimmt, die mit den objektiven Kriterien der Naturwissenschaften nicht erfasst werden können.

Dabei war es genau jener Anspruch, die von ihm untersuchten Phänomene naturwis­senschaftlich zu erklären, die Swedenborg zur Abkehr von rein physikalischen Erklärun­gen bewegten. Während er zunächst bei seinen Forschungen zu dem menschlichen Ge­hirn auf rein materielle Beschreibungen setzt, verzweifelt er zunehmend bei der Erklä­rung seelischer Vorgänge: Wie können die geistigen Phänomene rein mechanisch aus den materiellen Strukturen des Gehirns hervorgehen? Die durch die Naturwissenschaften ver­mittelte reduktionistische Sichtweise ließ Swedenborg jedoch auch an den in der Bibel beschriebenen Wundertaten und damit an seinen religiösen Überzeugungen zweifeln11. Die unzureichenden materialistischen Erklärungen führten bei ihm zu einer inneren Krise, die schließlich in dem Erleben einer Christusvision gipfelte und damit auch den Wende­punkt von den rationalen, objektiven Begründungen für die Phänomene der Welt hin zu einer subjektiven, visionären Sichtweise, welche sich auf Traumerlebnisse und veränderte Bewusstseinszustände, ausgelöst etwa durch extreme Atemreduktion12, stützte. Nachdem Swedenborg durch eine Vision Gottes der Sinn seines Lebens mitgeteilt wurde, welcher in der Verkündigung des „geistigen Sinn(s) der Heiligen Schrift“13 bestünde, fand die endgültige Abkehr vom wissenschaftlichen Naturalismus zu einer rein spirituell orien­tierten Wahrheitssuche statt.

3 Die Träume

Bevor Kant in dem zweiten Teil der Schrift auf Swedenborg zu sprechen kommt, expliziert er in dem ersten Teil die Bedeutung des Begriffs „Geist“. Dieser wird erklärt als etwas Immaterielles, das nicht die Möglichkeit besitzt einen Raum materiell auszufül­len, in diesem jedoch als „inneres Prinzip oder immaterielle Kraft“7 wirksam sein kann. Es könne unterschieden werden in einfache immaterielle Wesen, als auch in solche, die Vernunft besäßen. Nur letztere würden als „Geister“ bezeichnet.8 Kant sei „sehr geneigt, das Dasein immaterieller Naturen und in der Welt zu behaupten, und meine Seele selbst in die Klasse dieser Wesen zu versetzen. Als dann aber: Wie geheimnisvoll wird nicht die Gemeinschaft zwischen einem Geist und einem Körper?“.9 Es ist also insbesondere die Verbindung und das vermeintliche Wechselspiel zwischen Geist und Materie, später von Bieri als das „Leib-Seele-Problem“ bezeichnet, welches Kant Kopfzerbrechen berei­tet. Er steht somit vor einem ähnlichen Problem wie Swedenborg, welcher die geistigen Phänomene nicht in den materiellen Eigenschaften des Gehirns verorten konnte. Während sich Swedenborg jedoch ganz der Meditation und der Suche nach der Wahrheit in selbst­induzierten Trancezuständen und Träumen sucht, schlägt Kant in den Träumen einen ent­gegengesetzten Weg ein, der bereits eine Abkehr von der „rationalistischen Metaphy- sik“10 darstellt.

Bereits im ersten Teil des „Vorberichts“ der Träume werden grundlegende Annah­men und Haltungen von Kant deutlich. Hier wird das „Schattenreich“ als ein „Paradies der Phantasten“ bezeichnet, in welchem diese „ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können“11 vorfänden. So impliziert der Begriff des „Phantasten“ be­reits, dass die Schriften Swedenborgs von Kant nicht als eine adäquate Beschreibung der metaphysischen Wirklichkeit gesehen werden, sondern lediglich eingebildete Phantasie­welten darstellen. Kant zweifelt jedoch nicht daran, dass Swedenborg diese Welten auch tatsächlich für sich selbst erlebt habe, denn Swedenborg „scheint vollkommen von dem, was er vorgibt, überredet zu sein ohne einigen Anschein eines angelegten Betruges oder Charlatanerei. So wie er, wenn man ihm selbst glauben darf, der Erzgeisterseher unter allen Geistersehern ist, so ist er auch sicherlich der Erzphantast unter allen Phantasten.“12 Doch auch mit der Beschreibung des „unbegrenzten Lands“ deutet Kant bereits auf ein von ihm behandeltes Hauptthema in den „Träumen eines Geistersehers“ hin, denn bereits hier, 15 Jahre vor der „Kritik der reinen Vernunft“ geht es um die Frage, wo die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens liegen. Swedenborg hat für Kant diese Grenze klar überschritten.

3.1 Swedenborg in den Träumen eines Geistersehers

Swedenborg wird von Kant im ersten Hauptstück des zweiten Teils der Träume be­schrieben als „ein gewisser Herr SWEDENBORG ohne Amt oder Bedienung von einem ziemlich ansehnlichen Vermögen. Seine ganze Beschäftigung besteht darin, daß er, wie er selbst sagt, schon seit mehr als zwanzig Jahren mit Geistern und abgeschiedenen See­len im genauesten Umgange stehet, von ihnen Nachrichten aus der andern Welt einholet und ihnen dagegen welche aus der gegenwärtigen erteilt, große Bände über seine Entde­ckungen abfaßt und bisweilen nach London reiset, um die Ausgabe derselben zu besor- gen“13. Anschließend folgt die schon erwähnte Bezeichnung Swedenborgs als „Erzphan­tast unter allen Phantasten“.

Hier werden die Besonderheiten der Rhetorik, welcher sich Kant in den Träumen bedient, deutlich: Durch das gesamte Werk ziehen sich ironische, sarkastische und für das Werk Kants ungewohnt emotionale14 Bemerkungen, wenn es um die Möglichkeit übernatürlicher Phänomene geht. Es ist offensichtlich, dass Kant sich Sorgen um seine Reputation macht und sich dieser rhetorischen Mittel als Abwehrmechanismus bedient, um nicht der Leichtgläubigkeit beschuldigt zu werden. Dabei greift Kant in solchen Situ­ationen zu einer „anti-okkulten Rhetorik als Strategie um sich von Swedenborg zu dis­tanzieren“22 und benutzt verschiedene „rhetorische Kunstgriffe“ um sich nicht dem Spott der Öffentlichkeit preiszugeben. In den Träumen werden verschiedene Situationen deut­lich, in denen Kant zwar auf die theoretische Möglichkeit solcher geistigen Phänomene verweist, sie dann jedoch - aus besagter Reputationsangst - mit einer die Phänomene verspottenden Rhetorik ins Lächerliche zieht, wie etwa bei der Bezeichnung eines geisti­gen Einflusses auf die Materie als einen „hypochondrischen Wind in den Eingeweiden“.23

Doch Kants häufige Verwendung von Ironie und Sarkasmus im Hinblick auf die Er­lebnisse und die Überzeugungen Swedenborgs, sowie mitunter herablassende Formulie­rungen, so wird Swedenborg von Kant fast durchgängig Schwedenberg genannt,24 dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kant die 8 Bände der „Arcana“ Swedenborgs sowohl teuer gekauft als auch ausgiebig studiert hat und Swedenborg bereits vor den Träumen in seinen Studentennotizen „in einer teils herablassenden und teils respektvollen Weise er­wähnt“ hat25 und Swedenborg sogar Briefe schrieb um ihn über seine übersinnlichen Er­lebnisse zu befragen.26 Im Hinblick auf seine Leserschaft versucht Kant in den Träumen den Anschein zu erwecken, dass er der gesamten Materie gleichgültig gegenüberstehe, so leitet er etwa die Beschreibung Swedenborgs am Anfang des zweiten Teils mit „völliger Gleichgültigkeit“27 ein um sie „dem geneigten oder ungeneigten Urteile der Leser preis­zugeben“.

Damit der Leser einen Einblick von den Visionen und wunderhaften Eingebungen Swedenborgs bekommt, stellt Kant drei Erzählungen vor, die an ihn herangetragen wur­den. Die erste handelt von einer Swedenborg erst sehr kritisch gegenüberstehenden Fürs­tin, die eigentlich nur damit gerechnet habe, „sich mit seinen Einbildungen zu belusti- gen“28. Als sie Swedenborg jedoch eine besondere Aufgabe stellt und er diese zu ihrem Erstaunen auch korrekt beantwortet, ohne dass ihm diese Lösung von einem „lebendigen Menschen konnte erteilt werden“ ist sie von den geheimnisvollen Fähigkeiten Sweden­borgs überzeugt.

Die zweite Erzählung handelt von einer Witwe in Schweden, die sich an Swedenborg wendete, um eine verlorengegangene Quittung wiederzufinden. Ein Goldschmied stellte ihr seine Leistung in Rechnung, doch sie war überzeugt, dass ihr kürzlich verstorbener Mann die Rechnung des Goldschmiedes bereits bezahlt hatte. Die Quittung konnte durch die Hilfe Swedenborgs schließlich wiedergefunden werden, nachdem dieser von ihrem verstorbenen Ehemann den Hinweis auf ein verborgenes Schrankfach bekam und sich die Quittung tatsächlich dort wiederfand.

In der letzten Erzählung beweist Swedenborg seine hellseherischen Fähigkeiten, in­dem er einer Gesellschaft in Gotenburg von einem schwerwiegenden Feuer in Stockholm erzählte. Dabei berichtete er sowohl vom Ausmaß des Feuers, als auch vom Zeitpunkt als dieses wieder eingedämmt wurde. Als zwei Tage später die Nachrichten vom Feuer aus Stockholm eintraten, bestätigten sich die Angaben Swedenborgs.15

[...]


1 Rauer, C. (2007): S.149.

2 Kant, I. (1766): S. 333.

3 Kant, I. (1766): S. 369.

4 Geier, M. (2003): S. 109.

5 Kant, I. (1766): S. 377.

6 Kant, I. (1766): S. 377.

7 Geier, M. (2003): S. 107.

8 Geier, M. (2003): S. 107.

9 Kant, I. (1766): S. 342.

10 Röd, W. (1996): S.140.

11 Kant, I. (1766): S. 331.

12 Kant, I. (1766): S. 371.

13 Kant, I. (1766): S. 370.

14 Hanegraaff, W.J. (2009): S.164.

15 Kant, I. (1766): S. 347.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kant und Swedenborg. Von den Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeiten
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V922817
ISBN (eBook)
9783346257307
ISBN (Buch)
9783346257314
Sprache
Deutsch
Schlagworte
immanuel kant, swedenborg, aufklärung, geister, grenzen, der, vernunft, verstand
Arbeit zitieren
Philip Speer (Autor), 2020, Kant und Swedenborg. Von den Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922817

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