Das Mündlichkeits- und Schriftlichkeits-Modell von Wulf Oesterreicher und Peter Koch, welches dazu dient Äußerungsformen zu klassifizieren, wird die Grundlage für diese Arbeit bieten. Der Schwerpunkt liegt auf der schriftlichen online-Kommunikation, wie es in chatrooms üblich ist und dessen Einordnung in das Konzept zu Mündlichkeit und Schriftlichkeit bzw. Nähe und Distanz.
Zunächst wird das Protokoll einer halbstündigen Chatsitzung, der Seite www.portalchat.es im Raum #amistad, einer sprachlichen Analyse unterzogen. Im anschließenden Abschnitt gehe ich genauer auf die theoretischen Grundlagen des Modells von Koch/Oesterreicher ein, um zu sehen, inwieweit der Chat Phänomene der kommunikativen Nähe, wie Koch/Oesterreicher behaupten, aufweist.
Inhaltsverzeichnis
1. HISTORISCHE UND TECHNISCHE GRUNDLAGEN INTERNETBASIERTE KOMMUNIKATIONSFORMEN
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN: DAS MÜNDLICHKEITS-/SCHRIFTLICHKEITS-MODELL VON PETER KOCH UND WULF OESTERREICHER
3. VERORTUNG DER DISKURSART IM NÄHE/DISTANZ-KONTINUUM VON PETER KOCH UND WULF OESTERREICHER
4. SPRACHLICHE ANALYSE IM SYNTAKTISCHEN BEREICH
4.1 Kongruenz-Schwächen und constructio ad sensum
4.2 Anakoluthe, Kontaminationen, Nachträge, Engführungen
4.3 Die Ellipse
4.4 Syntaktische Komplexität
5. SPRACHLICHE ANALYSE IM SEMANTISCHEN BEREICH
5.1 Geringe syntagmatische Lexemvariation: Wort-Iteration
5.2 Geringe paradigmatische Differenzierung und Unschärfen in der Referentialisierung: passe-partout-Wörter
6. FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern sich die moderne Diskursart „Chat“ unter Anwendung des Mündlichkeits-/Schriftlichkeits-Modells von Peter Koch und Wulf Oesterreicher innerhalb des Nähe-Distanz-Kontinuums klassifizieren lässt. Ziel ist es, die spezifischen kommunikativen Bedingungen des Chats linguistisch zu verorten.
- Historische und technische Entwicklung internetbasierter Kommunikation
- Anwendung des theoretischen Modells von Koch/Oesterreicher auf digitale Textsequenzen
- Analyse syntaktischer Phänomene wie Kongruenz-Schwächen, Ellipsen und Anakoluthe
- Untersuchung semantischer Charakteristika, insbesondere Lexemvariation und Referentialisierung
Auszug aus dem Buch
1. Historische und technische Grundlagen internetbasierte Kommunikationsformen
Die Geburtsstunde des Internets im Jahr 1969 hat sowohl neue Möglichkeiten der Informationsverbreitung und -beschaffung, als auch neue Kommunikationsformen hervorgebracht. Die Anfänge dieser Kommunikationsformen reichen in die frühen 1970er Jahre zurück. Im Jahr 1988 entwickelte der finnische Student Jarkko Oikarinen an der Universität von Oulu, eine Plattform, in der erstmalig mehr als zwei Personen per Computerterminal „synchron und gleichzeitig“ kommunizieren konnten (https://www.univie.ac.at/linguistics/publications/diplomarbeit/schepelmann/Daten/was_ist_irc.htm). Hierbei handelte es sich um den Internet Relay Chat (IRC). Der IRC wurde innerhalb kürzester Zeit, zu einer überaus beliebten Kommunikationsform. Verwendung fand es zunächst bei einigen wenigen Nutzern der Universität von Oulu, jedoch kam es zu einer rasanten Verbreitung des IRC, wodurch es schließlich an den verschiedensten Universitäten und Institutionen zugänglich war. Diese Kommunikationsform ermöglicht es, sich auf sogenannten Kanälen in Gruppen oder zu zweit unterhalten zu können. Zuvor muss man einen Client, d.h. ein lokal ablaufendes Programm aufrufen, um Verbindung mit einem Server aufzunehmen. Dieser „nimmt Kommandos und Nachrichten entgegen, führt sie aus bzw. verteilt sie, je nach Bedarf, an andere Server, die sie wiederum an andere Benutzer weitergeben können“. Der IRC-Client ist bereits auf zahlreichen Großrechnern installiert und wird als „irc“ bezeichnet (vgl. irc-pages.de/intro.html). Kennzeichnend für diese Art der Kommunikation ist, dass der Nutzer einen Nicknamen verwenden muss. Anschließend betritt der User einen Raum, den sogenannten Channel, von dem es in einem Server hunderte geben kann. Mögliche Namen solcher Channels können zum Beispiel #amistad oder #barcelona sein. Der Name des Channels sagt viel darüber aus, worum es sich im jeweiligen Raum thematisch handelt und lässt zudem Schlüsse auf die generelle Atmosphäre im Raum zu. Eröffnet ein User einen neuen Channel, so ist dieser der Operator oder Host des Channels. Dieser hat bestimmte Privilegien in seinem Channel. So ist es ihm möglich, einen störenden User aus dem Raum zu verbannen oder ihn zu einem Operator zu erklären.
Zusammenfassung der Kapitel
1. HISTORISCHE UND TECHNISCHE GRUNDLAGEN INTERNETBASIERTE KOMMUNIKATIONSFORMEN: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung des Internet Relay Chats (IRC) und dessen technische Funktionsweise sowie die Entwicklung hin zu modernen Instant-Messaging-Systemen.
2. THEORETISCHE GRUNDLAGEN: DAS MÜNDLICHKEITS-/SCHRIFTLICHKEITS-MODELL VON PETER KOCH UND WULF OESTERREICHER: Hier werden die theoretischen Konzepte von Medium und Konzeption sowie die Parameter des Nähe-Distanz-Kontinuums zur Klassifizierung von Äußerungsformen vorgestellt.
3. VERORTUNG DER DISKURSART IM NÄHE/DISTANZ-KONTINUUM VON PETER KOCH UND WULF OESTERREICHER: Anhand von Chat-Protokollen wird untersucht, wie sich die Kommunikation im Chat in Bezug auf Parameter wie Privatheit, Emotionalität und Kooperation im Modell verortet.
4. SPRACHLICHE ANALYSE IM SYNTAKTISCHEN BEREICH: Dieses Kapitel analysiert syntaktische Besonderheiten wie Kongruenz-Schwächen, Anakoluthe, Ellipsen und die syntaktische Komplexität innerhalb der Chat-Kommunikation.
5. SPRACHLICHE ANALYSE IM SEMANTISCHEN BEREICH: Die Untersuchung fokussiert sich hier auf semantische Merkmale wie Wort-Iteration und die Verwendung von passe-partout-Wörtern im Chat.
6. FAZIT UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Tendenz des Chats zur Nähe-Sprache bei gleichzeitiger Problematisierung der Auswirkungen auf die Schriftsprache.
Schlüsselwörter
Chat, Internet Relay Chat, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Nähe-Distanz-Kontinuum, Koch/Oesterreicher, Syntax, Semantik, computervermittelte Kommunikation, Sprachwandel, Nähe-Sprache, Distanz-Sprache, Anakoluth, Ellipse, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Kommunikationsform „Chat“ aus linguistischer Perspektive und untersucht deren Einordnung in das Mündlichkeits-/Schriftlichkeits-Modell nach Koch und Oesterreicher.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die technischen Grundlagen des Chats, die Anwendung eines theoretischen Modells zur Bestimmung von Nähe- und Distanzsprache sowie die linguistische Analyse syntaktischer und semantischer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die digitale Kommunikation im Chat anhand spezifischer Parameter im Nähe-Distanz-Kontinuum verorten lässt und ob sie als Nähe-Sprache charakterisiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine qualitative linguistische Analyse von Chat-Protokollen, um sprachliche Phänomene systematisch den Parametern des Modells von Koch und Oesterreicher zuzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Verortung des Chats im Kontinuum sowie eine detaillierte sprachwissenschaftliche Untersuchung syntaktischer (z.B. Kongruenz, Ellipsen) und semantischer (z.B. Wortwiederholungen) Auffälligkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Chat, Nähe-Distanz-Kontinuum, computervermittelte Kommunikation, Syntax, Semantik und Sprachwandel.
Inwieweit beeinflusst die Anonymität im Chat die Kommunikation?
Obwohl die Nutzer Nicknames verwenden und sich oft fremd sind, zeigt die Arbeit, dass durch regelmäßigen Austausch und spezifische sprachliche Strategien dennoch ein hohes Maß an Vertrautheit entstehen kann.
Wie gehen Chat-Teilnehmer mit syntaktischen Regeln um?
Die Arbeit stellt fest, dass aufgrund der geringen Planungszeit im Chat häufig syntaktische Konstruktionen wie Ellipsen oder Anakoluthe auftreten, die grammatikalisch zwar abweichend sein können, jedoch im Kontext der Nähe-Sprache funktional sind.
- Quote paper
- Valentina Kameraj (Author), 2017, Inwieweit lässt sich die Diskursart "Chat" in die Nähesprache des Mündlichkeits-/Schriftlichkeits-Modell von Koch/Oesterreicher einordnen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/922916