Ullstein zwischen Kunst und Kommerz

Der Verlag als Wirtschaftsunternehmen


Seminararbeit, 2006

43 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Forschungsbericht
1.1. Von der Berliner Zeitung zum Ullstein-Konzern
1.2. Die Anfänge 0
1.3. Ullstein-Buchverlag, Propyläen-Verlag Co
1.4. Von Zeitungen und Zeitschriften

2. Ullstein - ein Medienunternehmen?
2.1. Die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts
2.2. Leopold Ullstein
2.3. Die Brüder Ullstein und der Buchverlag
2.4. Vertikale Diversifikation im Ullstein-Konzern
2.4.1.Ullstein-Nachrichtendienst und Annoncenexpedition
2.4.2.Druck und Vertrieb

3. Werbung: externes Kommunikationsmittel
3.1. Klassische Werbung
3.2. Innovative Werbung

4. Medien- versus Wirtschaftsunternehmen

Anhang Quellen

Sekundärliteratur Bilderverzeichnis

Diese Arbeit erfolgt in neuer deutscher Rechtschreibung. Als die wichtigste Aufgabe gilt es darauf zu achten, dass kaufmännische Luft das Haus durchzieht, und dass Schablone und Bürokratismus, Verkalkungskeime eines Großbetriebs ferngehalten werden. (Gustav Willner, Stellvertretendes Vorstandsmitglied der Ullstein AG

Forschungsbericht

D er Ullstein-Verlag, zunächst ein reiner Presse-, ab 1903 auch Buchverlag, gilt als eines der modernsten Medienunternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ende der 20er Jahre war die Familie Ullstein führend unter den preußischen Millionären. Besonders die Werbe- und die Vertriebsstruktur waren einmalig für ihre Zeit und wegweisend für die Entwicklungen der Verlagswelt nach dem Zweiten Weltkrieg. 1934 zwangsverkauft und nach 1945 ohne Erben, ging das Unternehmen 1959 in den AxelSpringer-Konzern ein, wurde in den letzten Jahren immer wieder verkauft, u.a. an Random House, und besteht heute als Imprint der Bonnier-Gruppe.1

Vor diesem Hintergrund soll im Folgenden untersucht werden, was den Ullstein-Verlag zu einem solch modernen Medienunternehmen gemacht hat und ob er nicht eher als Wirtschaftsunternehmen zu sehen ist. Die Seminararbeit setzt ihren Schwerpunkt dabei auf die Zeit von der Verlagsgründung bis zum Zwangsverkauf, also auf die Jahre 1877 bis 1934. Das erste Kapitel umreißt den verlagsgeschichtlichen Hintergrund, um das Unternehmen in seiner vielfältigen Gesamtheit zu präsentieren und die Einordnung der späteren Darstellungen zu ermöglichen. Es geht dabei weniger um Vollständigkeit, als vielmehr um das Aufgreifen exemplarischer Fakten. Das dritte Kapitel analysiert dann vor dem Hintergrund der technischen, sozialen und politischen Errungenschaften das Presseunternehmen hinsichtlich seines Status als Medienunternehmen. Dabei spielen die Verzweigungen des Ullstein-Konzerns eine besondere Rolle. Die Propagandaabteilung wird im vierten Kapitel schließlich detaillierter untersucht, da die Werbung als das Instrument zur Verwirklichung der ökonomischen Ziele gelten kann und für die Fragestellung der Seminararbeit damit besonders interessant ist. Ein abschließendes Kapitel soll die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und eine Typzuordnung des Ullstein-Verlags zum Ergebnis haben. Zur Einführung in die Thematik eignet sich der Ullsteinroman von Sten Nadolny, der als solcher nur begrenzt zitierfähig bleibt.2 Basis für die Seminararbeit sind die Jubiläumsschriften des Unternehmens, die aber als Mittel der Selbstdarstellung und als Medium der Unternehmenskommunikation einer kritischen Betrachtung unterworfen werden müssen. Die Aufsätze der Festschrift 50 Jahre Ullstein 3 sind hauptsächlich von damaligen Verlagsmitarbeitern verfasst, wohingegen bei den Publikationen Hundert Jahre Ullstein 4 und 125 Jahre Ullstein 5 der Anteil der Verlagsexternen dominiert. Eine durchgängige Verlagsmonographie gibt es bisher nicht. Obwohl 50 Jahre Ullstein und Hundert Jahre Ullstein einen chronologischen Abriss bieten, liegt bei beiden der Schwerpunkt auf der Beleuchtung von Einzelaspekten. Für die Bearbeitung der Themenstellung sind außerdem die Ullstein- Berichte 6 und die Publikation Ullstein zum Welt Reklame Kongress 7 von Bedeutung. Da es sich dabei um Organe der Public Relations gehandelt hat, ist mit den Quellen vorsichtig umzugehen.

1 Von der Berliner Zeitung zum Ullstein- Konzern

1877, im Alter von fast 50 Jahren, erwarb Leopold Ullstein das Neue Berliner Tageblatt, und legte damit den Grundstein für den heutigen Ullstein-Verlag.8

1.1 Die Anfänge

D as Neue Berliner Tageblatt wurde 1879 zur Berliner Zeitung, einer Zeitung mit liberalem Profil, die auch die Interessen der Sozialdemokraten, deren Zeitungen im Kaiserreich verboten waren, vertrat. In den folgenden Jahren kam es zu mehreren Prozessen wegen Kanzlerbeleidigung und zu einem Verbot für preußische Soldaten Ullstein-Zeitungen zu lesen. Am Wochenende gab es bald eine Unterhaltungsbeilage mit dem Namen Deutsches Heim und zweimal wöchentlich erschien ein juristisches Beiblatt, die Gerichtslaube, das eine ausführliche und scharfsinnige Prozessberichterstattung bot.9 Trotz ihres Erfolges lastete die Berliner Zeitung die Druckerei nicht aus. Um die freien Produktionskapazitäten zu nutzen, aber auch um eine Zeitung für die Landbevölkerung zu schaffen, brachte der Ullstein-Verlag am 1. September 1887 erstmals die Berliner Abendpost heraus. Besonders für die Anzeigenschaltung von Kaufhäusern und Versandgeschäften, die einen erheblichen Teil der Finanzierung ausmachten, war sie noch interessanter als die lokale Berliner Zeitung.10

Daneben sorgten fremde Druckaufträge, wie z.B. der Druck der Berliner Illustrierten Zeitung (BIZ) für zusätzliche Einnahmen. Als die Zeitschrift 1894 in den Besitz der Familie Ullstein überging, fiel die Entscheidung für einen Vertrieb ohne Abonnements. Dies war eine für den Zeitschriftenvertrieb neuartige und zunächst riskante Entscheidung, da der Absatzmarkt so unbestimmt blieb. Für nur 10 Pfennig pro Ausgabe wurde die BIZ an Kiosken und von fliegenden Händlern an Straßenecken verkauft und erschloss sowohl für den Bahnhofs- als auch für den Straßenbuchhandel den Zeitschriftenverkauf. Um die Kunden aber nicht nur mit einem niedrigen Preis zu locken, sondern auch ohne Abonnement an sich zu binden, bediente die Redaktion sich des populären Konzepts der Fortsetzungsromane. Daneben war die konsequent großformatige Bildberichterstattung ein überzeugendes Novum. Und schließlich hoben bekannte Künstler, wie der Maler Edelmund Edel und der Zeichner Fritz Koch-Gotha die Illustrierte aus der Masse der Presseerzeugnisse heraus.11

Die letzte von Leopold Ullstein eingeführte Zeitung war die noch heute existierende Berliner Morgenpost. Unter dem Motto „Mehr Berlin. Mehr kritische Berichterstattung. Mehr Frechheiten.“ bot sie ab dem 19. September 1898 schnelle, umfassende und preisgünstige Informationen zu Politik, Kultur und Wirtschaft sowie brandneu einen Sportteil.12

Am 3. Dezember 1899 starb Leopold Ullstein.13 Das Unternehmen mit den seinerzeit 1.600 Mitarbeitern wurde fortan von seinen fünf Söhnen geleitet14 (Abb.1). Wegen des immensen Wachstums wurde 1901 ein größeres Firmengebäude in der Kochstraße 23 und 24 gebaut, in welchem auch der am 31. Oktober 1903 gegründete Buchverlag untergebracht wurde.15

1.2 Ullstein-Buchverlag, Propyläen-Verlag Co

S chon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts waren einige Bücher bei Ullstein erschienen, allerdings noch im Verlag der Berliner Zeitung.16 Es handelte sich meist um Sachbücher und Ratgeber, die den Lesern Hilfestellung in einer Welt der Industrialisierung und Urbanisierung bieten wollten. Die Einstellung von Emil Herz17 als Programmchef galt als Beginn des Ullstein-Buchverlags und erweiterte das Produktportfolio um die belletristische Sparte. Zu den Autoren zählten die Redakteure der Zeitungen, aber auch renommierte Autoren, darunter Clara Viebig18 und Bertolt Brecht.19

Einige dieser Autoren publizierten ab 1919 in der Propyläen-Verlag GmbH des UllsteinKonzerns. Der aus den Beständen des Georg-Müller-Verlags gegründete Verlag erweiterte das Buchprogramm um klassische, geisteswissenschaftliche und anspruchsvolle belletristische Titel. Die Bücher waren brillant ausgestattet und von dem renommierten Buchgestalter Hugo Steiner-Prag gestaltet.20 Der Propyläen-Verlag galt damit von Anfang an als die „Weinabteilung“ des Unternehmens und grenzte sich so von der Massenproduktion des Ullstein-Buchverlags, der „Bierabteilung“, ab.21

1920 folgte die Gründung der Slovo-Verlag GmbH, deren Programm hauptsächlich russische und moderne Literatur umfasste,22 der Logos AG für fremdsprachliche Texte und der Uco mbH Filmverlagsgesellschaft. Damit konnten die Manuskripte mehrfach verwertet und Synergieeffekte genutzt werden. Beispiel dafür ist der Kriegsroman Im Westen Nichts Neues von Erich Maria Remarque, der 1928 unter dem Titel Nichts Neues im Westen in der Vossischen Zeitung abgedruckt wurde und 1929 als Buchausgabe in einer Erstauflage von 30.000 Exemplaren erschien.23 1929/30 kam der Bestseller dann als Tonfilm in die Kinos.24 Dabei übernahm die Uco, später auch die Ufa, Filmherstellung und -vertrieb, während die Romanabteilung für Manuskriptbearbeitung und künstlerische Ausführung und die Ullstein-Druckerei für Drucksachen und Reklame verantwortlich waren. Mit der Akardia Verlag GmbH für Theaterstücke25 und der Deutschen Gesellschaft für Literatur und Musik GmbH war das Portfolio des Ullstein-Konzerns bis zum Kriegsende komplett. Es ließ sich in drei Redaktionen einteilen: In die naturwissenschaftlich-technische, die belletristische, die so genannte Romanabteilung und die geisteswissenschaftliche. 1921 wechselte die Geschäftsform des Ullstein-Konzerns von einer OHG zu einer AG.26

1.3 Von Zeitungen und Zeitschriften

E in Jahr nach der Gründung des Ullstein-Buchverlags brachte Ullstein die erste deutsche Boulevardzeitung heraus. Sie trug den Namen BZ am Mittag, war bekannt als „die schnellste Zeitung der Welt“ und spiegelte gewisse Amerikanisierungstendenzen wider. Sie wirkte über die fetten Überschriften sowie die Masse an Bildern und Zeichnungen und war mit den Adjektiven seriös, sensationell und aktuell zu beschreiben.27 Traditionsbewusster zeigte sich das Unternehmen 1914 mit dem Kauf der 210 Jahre alten Vossischen Zeitung, oftmals auch als „alte Tante Voss“ bezeichnet. Sie galt als zuverlässiges Blatt. Ihr Stil war gepflegt. Ihre politische Ausrichtung war eher konservativ. Die Zeitung war schon von Beginn an ein Zuschussprojekt, wurde aber trotzdem vom Verlag bis 1934 publiziert.28

Auch in den folgenden Jahren wuchs die Zahl der Zeitungstitel beständig und hatte 1926 die Einrichtung eines eigenen Nachrichten- und Bilderdienstes, 1927 den Bau eines größeren Druckhauses zur Folge. Ullstein hatte zu diesem Zeitpunkt 18 Presseprodukte im Kirstin Gouverneur: Ullstein zwischen Kunst und Kommerz: der Verlag als Wirtschaftsunternehmen 6 Angebot. Neben den Produktgruppen Zeitung und Buch verlegte das Unternehmen seit 1910 auch Zeitschriften, Magazine und Fachblätter.29 Die Bauwelt (1910) und die populärwissenschaftliche Koralle (1925) waren Monatspublikationen im Bereich Natur und Technik. Uhu und Querschnitte, das eine ein satirisches Magazin, das andere eine Kunstzeitschrift, beide aus dem Jahr 1924, wurden dem geisteswissenschaftlichen Zweig zugeordnet. Außerdem gehörten auch die Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin (1921), das Programmheft Sieben Tage (1931) und die Dame (1912), eine Mischung aus Frauen- und Modezeitschrift, ins Haus Ullstein.30 Im Bereich Mode war das Unternehmen noch für ein weiteres Produkt bekannt: die Ullstein-Schnittmuster. Es gab sie bereits seit 1906. Anfänglich als Beilage der Zeitschrift Modewelt entwickelten sie sich schon bald zu einem eigenständigen Markenprodukt und bedeuteten für Ullstein ein zusätzliches, rentables Standbein.31

2 Ullstein - ein Medienunternehmen?

D ie Entwicklung des Ullstein-Verlags zum Medienkonzern wäre hundert Jahre früher, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so nicht möglich gewesen. Erst vor dem

Hintergrund der technischen, sozialen und politischen Veränderungen wird das Phänomen Ullstein verständlich.

2.1 Die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts

D urch die Erfindung der Schnellpresse, den Maschineneinband sowie Ottmar Mergenthalers Linotype wurde eine qualitativ verbesserte und zudem schnellere Zeitungs- und Buchproduktion möglich. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes aber auch die Fernsprechapparate bedeuteten eine zusätzliche Erleichterung. Mit der Photographie, den ersten Filmen der Brüder Lumière und der Errichtung des Rundfunks wurde die Ära der „Neuen Medien“ eingeleitet. Daneben war die Erfindung der Glühlampe durch Edison für die Verlagswelt von nicht geringer Bedeutung, denn sie ermöglichte der viel beschäftigten Bevölkerung auch abends und nachts zu lesen.32

Der Großteil der Bevölkerung lebte in Städten, da diese im Zuge der Industrialisierung und der, mit der Reichsgründung 1871 einhergehenden ökonomischen Blüte einen besseren Arbeitsmarkt versprachen. Das Bildungsbürgertum verlor neben den aufstrebenden Naturwissenschaftlern und Nationalökonomen zunehmend an Bedeutung. Dies implizierte eine größere Leserschaft für die Verlage, forderte aber auch eine Neuausrichtung des Programms.33 Die Kriegsjahre 1914 bis 1918, aber auch die Inflation 1923, die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die daraus resultierende Massenarbeitslosigkeit bedeuteten einerseits eine große wirtschaftliche Belastung für die Bevölkerung, andererseits galt: „Wo Krisen schwelten, florierten Zeitungen.“34

Das Nachrichtenwesen hatte sich schon in den vorangegangenen Jahren auf Berlin konzentriert. Die Nachrichtenagenturen zogen viele neue Zeitungen in die Hauptstadt, die ihre Unternehmen von dort zentral steuerten.35 Berlin war die deutsche Großstadtmetropole geworden. Die Berliner tummelten sich gerne in Kinos und Revuetheatern, in Tanzpalästen und bei Sportveranstaltungen.36 In diese Kultur, die von amerikanischen Einflüssen geprägt war, fügte sich die Entstehung der Warenhäuser. Ihr Werbeetat war höher als der von Einzelhandelsunternehmen, was ihnen die Werbung in überregionalen Zeitungen ermöglichte. Damit begann die Blütezeit des Anzeigenwesens, eines Geschäftes, das sich schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ausgeprägt hatte.37

2.2 Leopold Ullstein

L eopold Ullstein wurde 1926 als der zweite Sohn eines jüdischen Papiergroßhändlers in Fürth geboren. Die Lehre im väterlichen Papiergeschäft vermittelte ihm seine

kaufmännischen Kenntnisse und gab ihm einen Bezug zu Papier, Druck und Verlag. Trotz seines großen Interesses an Literatur und seines politischen Engagements als Kirstin Gouverneur: Ullstein zwischen Kunst und Kommerz: der Verlag als Wirtschaftsunternehmen 8 Stadtverordneter im Anschlagsäulenausschuss und Erleuchtungswesen ruhte die Verlagsgründung zuerst auf wirtschaftlichen Überlegungen.38 Am 15. Juli 1877 schrieb er an seine Tochter Käthe:

Gestern habe ich nun in der That und wirklich einen großen Kauf gethan, nämlich eine Zeitung nebst Buchdruckerei; ich glaube dadurch für Hans und Louis gesorgt zu haben. Hans kann einst die Redaction übernehmen, Louis soll Buchdrucker, wie ich es immer vorhatte, werden; inzwischen habe ich aber die Arbeit, es ist eine mir zusagende Beschäftigung und macht mir deshalb Vergnügen. Durch dieses neue Geschäft weiß ich nun nicht, ob und wann ich meine Sommerreise machen kann […]39 Die Zeitung war antimilitaristisch, antichauvinistisch, europäisch und, sofern ihre wirtschaftliche Situation es zuließ, dem politischen Liberalismus und der modernen Kultur verpflichtet.

Obwohl er auch jüdische Mitarbeiter beschäftigte, blieb seine jüdische Sozialisation für das eigene Unternehmen weitgehend unbedeutend. Prägender als sein Glaube war das frühe Erlebnis der Technik. In Fürth geboren, fuhr Leopold Ullstein als einer der ersten Deutschen mit der Eisenbahn. Seine Reise nach England, der Besuch der dortigen Weltausstellung (1851) und die neuen Kontakte mögen ein weiterer Grund für seine Innovations- und Risikobereitschaft gewesen sein. Leopold Ullstein blieb Zeit seines Lebens Presseverleger.40

2.3 Die Brüder Ullstein und der Buchverlag

D er Buchverlag wurde erst 1903, in der zweiten Generation Ullstein, gegründet. Es handelte sich dabei um eine Professionalisierung, da Ullstein, wie bereits erwähnt,

auch schon in den 80ern des vorangegangen Jahrhunderts Bücher produziert hatte, wenngleich auch nur als Werbeartikel. Der Buchverlag entstand aus einem volksbildnerischen Gedanken heraus, wie er auch den Volkshochschulen oder dem Reclam-Verlag zu Eigen war. Der vorrangige Grund für seine Gründung jedoch war geschäftliches Kalkül. Er sollte mehr Geld einbringen, Fortsetzungsromane für die Zeitschriften liefern, und so teure Lizenzgebühren umgehen.41 Damit verbunden war ein extremer Zwang zur Schablone: Publiziert wurden nur Romane, die leicht und schnell lesbar waren. Sie sollten trotz einfacher Handlungsstränge spannend und unterhaltsam sein, mussten sich für die Verwertung als Fortsetzungsroman gut portionieren lassen und möglichst auch noch Berliner Lokalkolorit zeichnen. Mit diesen Eigenschaften, nämlich unterhaltsam, kurzweilig und berlinerisch, konnten die Romane durchaus mit den übrigen Freizeitangeboten konkurrieren.42 Das Programm des Ullstein-Buchverlags war sehr diversifiziert und entsprach damit der veränderten Leserzusammensetzung. Vom Ratgeber über den Unterhaltungsroman zur Kunstgeschichte war alles im Angebot. Die zunächst roten, ab 1926 gelben Ullstein-Bücher zum Preis von nur einer beziehungsweise drei Mark43 waren für das weniger betuchte Publikum, aber nicht ausschließlich für dieses gedacht. Und auch die Bücher des Propyläen-Verlags waren nicht unerschwinglich, denn der Verlag bot sie für die unterschiedlichen Zielgruppen in unterschiedlicher Ausstattung und verschiedenen Preislagen an. Der Zukauf von Verlagen sowie die bereits erwähnten Neugründungen waren eine Reaktion auf die Neuen Medien. Zeitung, Buch, Radio, Kino und Theater wurden vom Konzern keineswegs als Konkurrenzmedien betrachtet, sondern mit ihren Synergieeffekten erkannt und für die gegenseitige Vermarktung strategisch genutzt.

Die strategischen Fragen wurden von der Geschäftsleitung getroffen. Diese bestand aus den fünf Brüdern Ullstein, die nach amerikanischem Vorbild vom Vater in das Kaufmännische eingeführt und schrittweise in die Geschäftsleitung aufgenommen worden waren.44 Aus den vorangegangen Darstellungen wird ersichtlich, dass, während Leopold Ullstein die Funktionen Redakteur, Drucker und Verleger zumindest noch ansatzweise in seiner Person vereinen konnte, dies für seine Söhne nicht mehr möglich war. In Konsequenz der Entwicklung von den Gebiets- zu den Massenmärkten und dem damit verbundenen Anstieg der Verlagsproduktion teilten sie sich die Verantwortung entsprechend ihrer jeweiligen Fähigkeiten und Kenntnisse. Hans und Franz kümmerten sich hauptsächlich um die juristischen Belange sowie die Beratung. Louis, der Kaufmann, repräsentierte den Verlag nach außen und war im Berlin der Weimarer Republik als der „Fürst“ bekannt. Nach seiner Ausbildung bei Rockstroh und Schneider in Dresden war Rudolf als Drucktechniker für Produktion und Vertrieb zuständig. Nebenbei arbeitete er in der Sportredaktion und organisierte die Öffentlichkeitsarbeit des Verlags, die so genannten Public Relations. Der jüngste Bruder, Hermann, beteiligte sich erst sehr spät am Familienunternehmen. Obwohl er lieber Geschichte studiert hätte, hatte der Vater auch bei ihm auf eine kaufmännische Ausbildung bestanden. Er war im Unternehmen für die Werbung, die damals noch Propaganda hieß, verantwortlich. Seine Erkenntnisse legte er 1935 in dem Buch Wirb und werde dar.45 46

2.4 Vertikale Diversifikation im Ullstein-Konzern

D ie explosionsartige Verlagsproduktion bedingte außerdem eine Delegierung der Aufgaben an leitende Angestellte und Vertrauenspersonen. So entstanden eigenständige Abteilungen, die miteinander in regem Austausch standen, aber wie selbstständige Unternehmen im Unternehmen funktionierten und sich gegenseitig im Sinne moderner Profitcenter beispielsweise Rechnungen stellten. So konnte die Rentabilität verschiedener Projekte evaluiert und gegebenenfalls über eine Querfinanzierung entschieden werden. 1927 gliederte sich der Verlag in mehr als zehn Abteilungen, die oftmals den Status GmbH hatten.

2.4.1 Ullstein-Nachrichtendienst und Annoncenexpedition

F ür die Zeitungsredaktionen spielte der Ullstein-Nachrichtendienst eine ganz besonders große Rolle. Dieser bestand seit 1914, seit jenem Jahr, in welchem Ullstein die Vossische Zeitung übernahm, und die Informationen fortan für vier Ausgaben, nämlich die Morgen- und Abendausgabe der Vossischen, die BZ am Mittag und die Berliner Morgenpost, verwertet werden konnten. Mit Kriegsbeginn verkaufte das Unternehmen seine Nachrichten auch an andere Zeitungen, z.B. das Prager Tageblatt. Dies brachte zusätzliche Einnahmen und ermöglichte die Finanzierung weiterer Auslandsbüros. 1927 wurden Ullstein-Informationen an 15 deutsche und zehn ausländische Blätter gegeben. Nach dem Vorbild der Londoner Times war damit oftmals ein territoriales Alleinrecht verbunden.

[...]


1 Vgl. Die Ullstein Buchverlage - Biografie einer Verlagsgruppe (2006). In:

http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/verlag.php (eingesehen am 3.2.2006).

2 Vgl. Nadolny, Sten: Ullsteinroman. Roman. Berlin: Ullstein 2004. [Im Folgenden: Ullsteinroman]. Sten

Nadolny, geboren 1942 ist Lehrer und Schriftsteller. Er war Stadtschreiber der Stadt Mainz für das Jahr 2005. Im Zusammenhang mit Ullstein hat er auch in 125 Jahre Ullstein publiziert.

3 Vgl. Osborn, Max (Hg.): 50 Jahre Ullstein. 1877-1927. Berlin: Ullstein 1927. [Im Folgenden: 50 Jahre Ullstein].

4 Vgl. Freyburg, Joachim u. Wallenberg, Hans (Hg.): Hundert Jahre Ullstein. 1877-1977. Berlin: Ullstein 1977. [Im Folgenden: Hundert Jahre Ullstein].

5 Vgl. Fels, Edda (Hg.): 125 Jahre Ullstein. Presse- und Verlagsgeschichte im Zeichen der Eule. Berlin: Springer 2002, S.146-148. [Im Folgenden: 125 Jahre Ullstein].

6 Vgl. Ullsteinberichte. 1926-1933.

7 Vgl. Der Verlag zum Weltreklamekongress Berlin 1929. Berlin: Ullstein 1929. [Im Folgenden: Der Verlag zum Weltreklamekongress].

8 Vgl. Mendelssohn, Peter de: Die Anfänge. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.1, S.47/48. [Im Folgenden: Die Anfänge].

9 Vgl. Bernhard, Georg: Die Geschichte des Hauses. In: 50 Jahre Ullstein, S.11/12 u. 22. [Im Folgenden: Die Geschichte des Hauses].

10 Vgl. Scherrer, Hans-Peter: Von der Annonce zur Kommunikationsstrategie. Hundert Jahre Anzeigen in den Ullstein Blättern. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.3, S.84. [Im Folgenden: Hundert Jahre Anzeigen in den Ullstein Blättern].

11 Vgl. Die Geschichte des Hauses, S.31 - 37 u. Koff, Kurt: Die Berliner Illustrierte. In: 50 Jahre Ullstein, S.288/289 u. 296.

12 Ullsteinroman, S.196/197.

13 Vgl. Die Geschichte des Hauses, S.45.

14 Vgl. Ullstein-Berichte 2 (1928), S.12.

15 Vgl. 125 Jahre Ullstein, S.144.

16 Vgl. Schwab-Felisch, Hans: Bücher bei Ullstein. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.1, S.180. [Im Folgenden: Bücher bei Ullstein].

17 Vgl. Die Ullstein Buchverlage - Biografie einer Verlagsgruppe (2006). In:

http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/verlag.php (eingesehen am 3.2.2006).

18 Vgl. Bücher bei Ullstein, S.189 u. 193.

19 Vgl. Schneider, Ute: Der Buchverlag in der perfektionierten Vermarktungskette. In: 125 Jahre Ullstein, S.46. [Im Folgenden: Der Buchverlag in der perfektionierten Vermarktungskette].

20 Vgl. Die Geschichte des Hauses. S.106/107 u. 110.

21 Vgl. Bücher bei Ullstein, S.186.

22 125 Jahre Ullstein, S.145.

23 Vgl. Bücher bei Ullstein, S.212.

24 Vgl. Der Buchverlag in der perfektionierten Vermarktungskette, S.51.

25 Vgl. Die Ullstein Buchverlage - Biografie einer Verlagsgruppe (2006). In: http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc/verlag.php (eingesehen am 3.2.2006).

26 Vgl.125 Jahre Ullstein, S.145.

27 Vgl. Jödicke, Carl: Als die Werbung noch Propaganda hieß. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.3, S.135. [Im Folgenden: Als die Werbung noch Propaganda hieß].

28 Vgl. 125 Jahre Ullstein, S.144/145.

29 Vgl. Ullstein, Hermann: Aus Ullsteins großer Zeit. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.1. S.138-140, Mendelssohn, Peter de: Publizistische Großunternehmen. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.1, S.175/176 [Im Folgenden: Publizistische Großunternehmen]., Matuschke, Walter: Führend in Deutschland, anerkannt in der Welt. Technik im Hause Ullstein/Axel Springer. In: Hundert Jahre Ullstein. Bd.3, S.30 u. Hundert Jahre Anzeigen in den Ullstein Blättern, S.95.

30 Vgl. Die Geschichte des Hauses, S.76/77, 110 u. 114/115 u. 125 Jahre Ullstein S.142.

31 Vgl. Igen, Volker: „Sei sparsam Brigitte, nimm Ullstein-Schnitte!“ In: 125 Jahre Ullstein, S.59/60. [Im Folgenden: Sei sparsam Brigitte].

32 Vgl. Janzin, Marion u. Günter, Joachim: Das Buch vom Buch. 5000 Jahre Buchgeschichte. 2., verb. Aufl. Hannover: Schlüttersche 1997, S.398/399. [Im Folgenden: Das Buch vom Buch].

33 Vgl. Ebd.S.399.

34 Der Ullsteinroman, S.136.

35 Vgl. Mendelssohn, Peter de: Publizistische Großunternehmen, S.154-157 u. 172.

36 Vgl. Der Buchverlag in der perfektionierten Vermarktungskette, S.47.

37 Vgl. Hundert Jahre Anzeigen in den Ullstein Blättern, S.85-87.

38 Vgl. Die Geschichte des Hauses, S.6.

39 Die Anfänge, S.47.

40 Vgl. Ullsteinroman, S.13-21, 24-30 u. 41-46.

41 Vgl. Ebd.S.180 u. 213.

42 Vgl. Der Buchverlag in der perfektionierten Vermarktungskette, S.48/49.

43 Vgl. Bücher bei Ullstein, S.193 u. 125 Jahre Ullstein. S.145.

44 Vgl. 125 Jahre Ullstein, S.144.

45 Vgl. Ullsteinroman, S.114, 147-149, 177. 189 u. 243-245.

46 Vertikale Diversifikation, d.h. die Aufnahme von Leistungen einer vorgelagerten oder nachgelagerten Produktions- oder Vertriebsstufe in das Produktionsprogramm. Weiter dazu siehe in Diller, Hermann (Hg.): Vahlens Großes Marketing Lexikon. Ungekürzte Ausg. München: dtv 1994, S.222-224. [Im Folgenden: Vahlens Großes Marketing Lexikon].

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Details

Titel
Ullstein zwischen Kunst und Kommerz
Untertitel
Der Verlag als Wirtschaftsunternehmen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (für Buchwissenschaft)
Veranstaltung
Raum für Kommunikation
Note
1,2
Autor
Jahr
2006
Seiten
43
Katalognummer
V92292
ISBN (eBook)
9783638061056
Dateigröße
5527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ullstein, Kunst, Kommerz, Raum, Kommunikation
Arbeit zitieren
M.A. Kirstin Gouverneur (Autor), 2006, Ullstein zwischen Kunst und Kommerz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92292

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