Integration durch Sport

Welchen Einfluss kann ein Sportverein haben? Eine qualitative Forschung im Parkoursportverein


Bachelorarbeit, 2018

34 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1.0 Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse
1.2 Lösungsansätze für Integration durch Sport

2.0 Vorüberlegungen
2.1 Milieu: Parkour
2.2 Integration im Sport, Verein

3.0 Forschungsdesign
3.1 Gütekriterien qualitativer Forschung
3.2 Datenerhebung: Narrative Interviews:
3.3 Auswertung: Qualitative Inhaltsanalyse
3.4 Der Forscher als Teil des Feldes

4.0 Auswertung und Analyse
4.1 Interviewpartner
4.2 Kategorien und Analyse
4.2a Sportliche Fähigkeiten erlernen / verbessern
4.2b Sozialer Einfluss
4.2c Soziale Fähigkeiten erlernen / verbessern
4.2d Persönliche Fähigkeiten erlernen / verbessern
4.2e Bestärkung des Selbstwertes
4.2f Analoge Anwendung erlernter Fähigkeiten
4.2g Milieu oder Sportart Parkour, Vergleich mit anderen Sportarten
4.2h Sportverein & Integration?
4.2i Seiteneffekte
4.2j Subjektiver Einfluss vom Parkoursportverein auf dein Leben

5.0 Fazit

Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Eine Suche bei Google zum Thema „Integration durch Sport“ bringt viele und themenübergrei­fende Ergebnisse hervor. Doch folgender Schwerpunkt kommt immer wieder zum Vorschein: Sport fördert die Integration - diese Annahme liegt sämtlicher Literatur zu Grunde. Dies führt zum Beispiel das Institut der Soziologie der Humboldt Universität zu Berlin in der Beschrei­bung ihrer Projekte zum Thema: „Integration, Migration und Sport“1 sehr schön aus. Seit der aktuell anhaltenden „Flüchtlingskrise“ ist die Thematik Integration immer stärker in den Vor­dergrund gerückt. Ein wichtiger Forschungsgegenstand kristallisiert sich dabei heraus: Sport als begleitende Integrationsmaßnahme. Integration ist ein sehr weit gefächerter Begriff, wobei in dieser Abhandlung untersucht werden soll, inwiefern der organisierte Vereinssport die sozi­ale Integration fördert. Im Sport wird eine besondere Form der Sprache gesprochen, die jeder auf der ganzen Welt versteht - egal welcher Herkunft, Kultur oder Hautfarbe.

Der hilfreiche Einfluss von Sport für Migranten lässt sich insbesondere im Lernen der Sprache gut darstellen. So wird die Sprache im Sport spielerisch gelernt. Mit intrinsischer Motivation werden Vokabeln wie „Tor“, „Pass“, „Foul“, „Fuß“, „Ball“ etc. zum Ausführen des Sports ge­lernt, man unterhält sich im Umkleideraum vor oder nach dem Training oder unternimmt sogar was in der Freizeit mit anderen Spielern. In der Europäischen Ethnologie betrachten wir den Menschen als soziales Wesen. Dabei spielt die Gruppenzugehörigkeit eine wesentliche Rolle - Verweis auf die Wurzeln unseres Faches: die „großen vier S“ nach Riehl in „Die deutsche Ar­beit“ (1861): Stamm, Sprache, Sitte und Siedlung. „Alle vier verweisen auf den Bereich sozia­len und kulturellen Gemeinschaftshandelns [.. ,]“2.

Ein weiterer Begriff, der hier zum Tragen kommt, ist die Ethnizität - mitunter stark geprägt durch Andre Gingrich's sieben Thesen im Artikel: Ethnizität für die Praxis3. Ethnizität be­schreibt die Einordnung der kulturellen Identität und steht in Verbindung mit dem sozialen Be­dürfnis, sich einer Gruppe zuzuordnen, welches auch durch beispielsweise eine Vereinsmit­gliedschaft mitgeprägt werden kann. Ein soziales Miteinander in einer gesellschaftlichen Ge­meinschaft, die durchaus die Integration in die Gesellschaft positiv bestärken kann. Sport im Verein macht man gemeinsam, in einer Gruppe. Sport ist soziale Praxis, wir reden miteinander, führen Diskussionen und lernen soziales Verhalten im und durch den Sport. Oft geht der Kon­takt über das Umfeld des Sportes hinaus.

Doch Sport ist nicht gleich Sport. Man muss hier Unterscheidungen treffen: spricht man von Fußball, Jonglieren oder Schach (Denksport) oder gar dem modernen e-Sport (Elektronischer Sport) - dem professionellen Spielen von Computerspielen. Je nachdem, welche Sportart, wel­che Organisation dieser zu Grunde liegt und je nach Teilnehmern, unterscheidet sich das Po­tential und der Einfluss des Sports auf die Ausführenden stark. Beispielsweise ist Schulsport Pflicht, in vielen klassischen Sportarten herrscht Leistungsdruck, oft auch Zwang der Eltern. Aus persönlicher Erfahrung hat sich gezeigt, wie essentiell der Einflussfaktor des Trainers bzw. der anleitenden Personen ist. Meine Beschäftigung mit dem Thema hat mehrere Gründe. Zum einen bin ich selbst schon seit vielen Jahren als Trainer tätig und sehe wie sich der Stress und Leistungsdruck auf die Kinder und Jugendlichen unserer Zeit auswirkt. Mein zweites Hauptau­genmerk liegt auf dem Umgang mit Flüchtlingen, Migranten und Außenseitern weil ich erlebt habe, wie Kinder und Jugendliche, die in frühen Jahren gemobbt, ausgegrenzt oder schlichtweg nicht akzeptiert werden, traumatische soziale Schädigungen davongetragen haben.

1.1 Erkenntnisinteresse

Wie fördert Sport den Integrationsprozess? Was für einen Einfluss hat dabei die aktive Mit­gliedschaft in einem Sportverein?

Aus eigener Erfahrung als Sportler seit nunmehr 22 Jahren, Ein- und Austreten aus mehreren Vereinen und Austausch mit vielen anderen Sportlern, möchte ich eine zugegeben hoch gegrif­fene Thesis für diese Bachelor-Arbeit aufstellen: „Sportvereine können Leben verändern.“

In der folgenden kulturanthropologischen Studie soll anhand von drei ausgewählten narrativen Interviews mit vier Vereinsmitgliedern und einer qualitativen Inhaltsanalyse ein tiefer Einblick in eindrückliche Veränderungen von Kindern und Jugendlichen durch die aktive Mitgliedschaft in einem Parkoursportverein aufgezeigt werden. Gerade in der frühen Sozialisationsphase der Enkulturation und den Anfängen der Akkulturation haben wir noch einen stark prägenden Ein­fluss auf Kinder und Jugendliche. Es sollte die Pflicht eines jeden Bürgers sein, dem die Zukunft der Gesellschaft und Gemeinschaft am Herzen liegt, sich für die positive Unterstützung von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. In ihnen liegt unsere Zukunft, die Zukunft der Gesell­schaft.

Integration bedeutet in diesem Zusammenhang sowohl Integration für Fremde in die bestehen­den Normen und Werte der Gruppe, als auch Integration in ein soziales Umfeld - wie Freunde, Sportveranstaltungen sowie Auftritte und Shows. Eine Besonderheit ist das Milieu des Parkour­sports, auf das später noch genauer eingegangen werden soll. Eine schwierige Frage, die im Verlauf der Arbeit noch genauer herausgearbeitet werden muss, ist die Frage nach der Verall­gemeinerung der hier untersuchten und aufgestellten Thesen - gerade aufgrund des besonderen Milieus Parkour.

1.2 Lösungsansätze für Integration durch Sport

Da Deutschland schon sehr lange ein Migrationsland ist, gibt es schon viele Maßnahmen, um die Integration durch Sport zu stützen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) geht mit gutem Beispiel mit seinem Projekt „Integration durch Sport“ voran. Hier ein kleiner Auszug aus der Projektbeschreibung4:

„Das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ (IdS) versorgt Sportvereine und -ver­bände mit vielem, was sie für die integrative Arbeit benötigen: Die 16 Programmleitun­gen in den Landessportbünden und - jugenden beraten und begleiten Vereine und Ver­bände, bieten interkulturelle Qualifizierungen an und unterstützen sie mit einer ange­messenen Finanzierung. Das versetzt bundesweit mehrere Tausend Sportvereine in die Lage, Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchteten konkrete und auf ihre Be­dürfnisse zugeschnittene, niedrigschwellige Angebote zu machen, die oft über reine Sportkurse oder Trainingsgruppen hinausreichen“

Durch die aktuell anhaltende Flüchtlingswelle gibt es auch sehr junge Programme. 2016 habe ich über unseren Sportverein eine „Ausbildung zum Sportassistenten für Geflüchtete und nicht Geflüchtete“ beim Württembergischen Landessportbund (WLSB) absolviert. Unter diesem Ti­tel wurde die Ausbildung zur Sportassistenz in diesem Jahr zum ersten Mal durchgeführt. Diese Zweideutigkeit ist bewusst gesetzt: die Ausbildung selbst ist für Geflüchtete und es ist ein Schwerpunkt, wie man mit Geflüchteten trainiert. Dabei wurde ein besonderer Fokus auf Ken­nenlernspiele, pädagogische Spiele sowie den Umgang mit sprachlichen Barrieren gelegt. So­mit soll das oberste Ziel sein, jeden in die Gruppe zu integrieren.

Ein erfolgreicher Integrationsprozess beschreibt verschiedene Stadien. Beim gemeinsamen Treffen für Sport, Vereinssport, Hobbygruppen oder auch in vielen Fällen im Leistungssport ist ein sehr wichtiger Faktor meist schon gegeben: die Teilnahme ist freiwillig. Wenn jemand aus freien Stücken irgendwo hingeht, ein grundlegendes Interesse vorliegt und dann Möglich­keiten gegeben werden, sich in eine Gruppe zu integrieren, dann stehen die Chancen für eine „erfolgreiche Integration“ schon einmal sehr gut. Hierbei sollten folgende drei Annahmen zu­treffen:

1. Die zu integrierende Person wird in der Gruppe akzeptiert und akzeptiert auch die anderen Mitglieder der Gruppe.
2. Die zu integrierende Person tauscht sich mit anderen über private und persönli­che Anliegen aus - dies soll das Wohlbefinden und Vertrauen der Person aus­drücken.
3. Die Person unterstützt die Integration von anderen Personen in die Gruppe.

Neben den oben dargestellten Programmen gibt es aktuell noch viele weitere, in denen mit Sport als Hilfe zur Integration gearbeitet wird, und das Interesse wächst stetig weiter an. In vielen Gemeinden wurden eigene Integrationskonzepte entwickelt. Eines ist zum Beispiel “Netzwerk Integration” der Stadt Kehl. Ich habe mich aktiv an diesen Netzwerktreffen beteiligt, und im Zentrum stand immer die Frage: wie können wir, die Bürger der Stadt Kehl, den Integrations­prozess verbessern?

Der Austausch untereinander über einzelne Mitglieder, die allgemeine Situation oder gar kon­krete Methoden, wie man mit gewissen Integrationsproblemen umgehen kann, haben vielen sehr gut weitergeholfen. Die Stadt finanziert dabei zum Beispiel auch Dolmetscher. Diese kön­nen hinzugezogen werden, falls jemand besonders schüchtern ist oder noch nicht gut Deutsch spricht. Jeder wird dazu aufgefordert, seinen Beitrag zu leisten.

Im Zuge der Veranstaltungen wurden auch alle Sportvereine der Stadt Kehl und der Umgebung dazu aufgerufen, die Vereinstüren aktiv zu öffnen. Es wurde eine Mitmachwoche organisiert, bei der die Teilnehmer über zwei Wochen in möglichst viele Sportvereine schnuppern konnten und für jeden Verein einige Punkte sammelten, für die sie am Ende kleine Preise erhielten. In diesem Zuge wurden auch Flyer und Broschüren verteilt, auf denen die Vereinsaktivitäten so­wie die Trainingszeiten und die Adresse zu finden waren. Ziel war es, den Zugang zum Sport­verein besonders einfach zu gestalten. Für viele Vereine wurden Integrationsbeauftragte ausge­wählt, normale Mitglieder des Vereins, die direkten Kontakt zu allen haben, die Probleme er­kennen und direkt lösen können. Es geht aber auch darum, aktiv auf „noch Fremde“ zuzugehen, um ihnen die Ängste vor den ersten Schritten zu nehmen - dies wird beispielsweise im Jugend­treffpunkt „Haus der Jugend“ in Kehl praktiziert. In vielen Gemeinden werden auch regelmä­ßige Dauerläufe angeboten. Schon sehr einfache Aktivitäten machen in der Gruppe gleich viel mehr Spaß. Es wird dabei auch darauf geachtet, dass sowohl Flüchtlinge als auch Nicht-Flücht­linge dabei sind. Besonders durch den Austausch untereinander wird der Integrationsprozess gefördert, weil Integration bekanntlich nur beidseitig funktioniert.

Wie man sieht wird schon sehr viel in diesem Bereich getan, doch auch das ist noch ausbaufä­hig. Wir haben bereits viele Ausländer, Flüchtlinge, Migranten über mehrere Jahre in unserem Verein begleitet und auch festgestellt, dass die Offenheit der Anleiter oder Trainer den wohl bedeutsamsten Faktor darstellt. Man muss sehr feinfühlig und vorsichtig sein, dass man nicht durch sein Agieren einen negativen Einfluss nimmt. (a la: der Helfer bringt das Opfer durch seine Hilfe in die Opferrolle). Flüchtlinge dürfen eben nicht wie „Opfer“ oder „Außerirdische“ behandelt werden, von ihnen sollte größtenteils genau das Gleiche verlangt werden wie von allen anderen, natürlich nicht, falls sprachliche Barrieren das Problem sind, so muss man unter die Arme greifen, aber auf keinen Fall zu viel.

2.0 Vorüberlegungen

2.1 Milieu: Parkour

Was macht nun den Parkoursport so besonders?

In vielen Sportarten existieren gleiche Effekte, welche die Persönlichkeit stärken. Wenn etwas nicht klappt, versucht man es nochmal, und wieder und wieder - bis es klappt. Daraus entwi­ckeln wir eine Strategie: Wenn ich an etwas dranbleibe, dann bekomme ich es auch hin. In zahlreichen Gesprächen und Interviews mit Parkourrunnern haben sich folgende zwei Grund­werte herauskristallisiert: Freiheit und Grenzen überwinden. Es gibt meist nur sehr wenige Re­geln und keine Ausführungsnormen der Bewegungen. Wenn eine Bewegung für dich funktio­niert, nicht schlecht für die Gesundheit ist (beispielsweise durch zu starkes Aufprallen), dann ist diese Bewegung für dich richtig. So entwickelt jeder seinen eigenen Style. Für Parkour spielt es keine Rolle, wie groß man ist, wie viel man wiegt, welche Hautfarbe man hat oder wie alt man ist. Worauf ich hinaus möchte, ist, dass die Menschen, die Parkour machen, aus unter­schiedlichsten Bereichen kommen. Diese Vielfalt in der eigenen Gruppe zu entdecken, das schafft Toleranz. Man wird im Sport danach beurteilt, wie gut man Sport treibt, nicht aufgrund von abweichenden kulturellen Werten, Hautfarbe, Sprache oder anderem.

2.2 Integration im Sport, Verein

Der Prozess der Integration beginnt bereits mit dem Vorstellen der Neuen vor der Gruppe. Durch kleine Kennenlernspiele soll jeder zunächst einmal Alter, Wohnort, Herkunft, Name kennenlernen, um bereits die ersten Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Wenn die erste Phase des Beäugens und Kennenlernens vorbei ist, muss das neue Mitglied seine Mitgliedschaft durch irgendetwas bestätigen. Macht es etwas für das Gemeinwohl der Gruppe? Freundet es sich mit angesehenen Vereinsmitgliedern an? Wird er/sie noch auf die Probe ge­stellt oder direkt akzeptiert?

Meine/unsere Arbeit ist dann erledigt, wenn das neue Mitglied folgende Kriterien erfüllt:

- Kommt gerne und regelmäßig zum Sport
- Vertraut den Trainern
- Fühlt sich als Teil der Gruppe
- Hat mehrere Freunde/Partner im Sport
- Wird von anderen akzeptiert und nicht ignoriert oder ausgegrenzt
- Nimmt auch Pflichten wahr (wie zum Beispiel abbauen, helfen etc.)
- Optional: Trifft sich auch außerhalb des offiziellen Trainings mit anderen Mit­gliedern

Wenn diese Kriterien erfüllt sind, dann stellt der Verein für das Mitglied mehr als nur eine Sportgelegenheit dar. Erst dann wird der Verein zu einer stabilen Säule und spendet auch Kraft für andere Lebensbereiche.

Integration hat oft damit zu tun, sich einen nächsten Schritt zu trauen, Mut zu fassen und auf jemanden zuzugehen, nachzufragen, jemanden kennenzulernen. Viele Leser dieser Arbeit wer­den folgende Situation kennen: Man steht auf dem 3-Meter-Sprungbrett ganz vorne, blickt in die Tiefe. Man sieht aber nicht nur drei Meter tief bis zum Wasser - das Wasser ist durchsichtig. Wir sehen bis zum fünf Meter entfernten Boden. Die Knie zittern, Angst überkommt den Kör­per. Bei manchen nicht auf dem 3-Meter-Brett, dann aber auf dem 10er Turm! Springt man und es passiert einem nichts, so wird es als positives Erlebnis gespeichert. Klettert man wieder run­ter, lässt man die Angst gewinnen. Im Parkour steht man ständig vor genau diesen Hürden. Jeden Tag werden physische Grenzen überwunden, die Angst auf die Probe gestellt und oft durch bewussten Umgang überwunden. Diese Strategie, wie der Körper den Umgang mit Hin­dernissen lernt, KANN auch auf andere Lebensbereiche übertragen werden. Es muss nicht sein, nicht bei jedem. Doch der Effekt wird verstärkt, wenn mit genau diesem Thema ein bewusster Umgang angesprochen wird, wenn es thematisiert wird. So wächst durch den Sport auch der Geist mit.

3.0 Forschungsdesign

Bei jeder Forschung liegt die große Herausforderung darin, die richtigen Methoden zu verwen­den. Somit stellt sich die Frage, welche Methoden man anwendet, um mit wissenschaftlicher Korrektheit eine Lebensveränderung zu analysieren? Ausgehend von der Grundannahme, dass Vereinssport - oder vielmehr die aktive Mitgliedschaft in einem Sportverein - Leben verändern kann: Wie lässt sich dies objektiv messen? Vor allem wird man niemals einen Vergleich ziehen können, wie sich ein Mensch entwickelt hätte, wenn er einen anderen Weg gegangen wäre. Der zu untersuchende, höchst individuelle Einfluss des Vereins auf die jeweilige Person hängt ganz stark von individuellen Rahmenfaktoren ab. Um für dieses Thema zu sensibilisieren, sollen ein paar Fragen aufgeworfen oder Beispielszenarien dargestellt werden. Hierbei geht es nicht da­rum, für jede Frage eine Antwort zu finden. Es soll vielmehr ein Gefühl für die Komplexität des Forschungsobjektes erlangt werden: Wie sind die familiären Verhältnisse? In welcher Le­bensphase befindet sich die Person? Schule? Arbeit? Was beschäftigt die Person? Wie stabil stehen die Säulen des Lebens - Beziehung, Freunde, Familie, Hobby, Finanzen, Beruf? Wie ist die „psychische Stabilität“ der Person? Bekommt die Person ausreichend Anerkennung im Le­ben?

Es besteht gewiss die Gefahr, hier von der kulturwissenschaftlichen Perspektive abzuweichen in die Pädagogik, Psychologie oder in die Soziologie. Ganz wichtig ist der kulturwissenschaft­liche Rahmen für diese Arbeit, das Erkenntnisinteresse im Auge zu behalten. Auf der anderen Seite ist es sehr wichtig, in den Kulturwissenschaften auch offen zu sein für interdisziplinäre Methoden, den Menschen und die Kultur ganzheitlich zu betrachten. Also wird das eine oder andere wissenschaftsübergreifende Thema auch eine Rolle spielen. Es soll aber nur angedeutet werden, um weitere Forschungsfelder anzuschneiden oder zu eröffnen. Durch den Austausch mit Pädagogen, Psychologen und Soziologen habe ich schon mehrfach ein tieferes Verständnis für verschiedene Geschehen im Verein erlangen können. Man ist als Trainer oft nicht nur Trai­ner, sondern wird zu einer Vertrauensperson, der selbst familiäre Probleme anvertraut werden, Probleme in der Schule oder mit Freunden. Das Erkenntnisinteresse verlangt nicht nach nume­rischen Ergebnissen, sondern vielmehr nach der subjektiven Einschätzung der untersuchten Personen. Empirische Forschung liefert uns Zahlen und Statistiken, doch in meinen Augen ist es schwer, die individuellen Einstellungen und Empfindungen eines Menschen in Zahlen und Statistiken widerzuspiegeln. Wichtig bei der qualitativen Forschung ist jedoch, sich an ein vor­her definiertes Regelwerk zu halten: die Gütekriterien für qualitative Forschung nach Jerome Mayring.

3.1 Gütekriterien qualitativer Forschung

„Die Gütekriterien müssen den Methoden angemessen sein.“5, mit diesem Grundsatz eröffnet Mayring den Zugang zu den Gütekriterien in der qualitativen Forschung. In der empirischen Forschung verlangt es vor allem nach den Gütekriterien der „Validität, der Gültigkeit (Habe ich wirklich das erfasst, was ich erfassen wollte?) und der Reliabilität, der Genauigkeit (Habe ich den Gegenstand exakt erfasst?)“6, so Mayring nach Kerlinger und Lienert. Mayring postuliert im Weiteren sechs qualitative Gütekriterien, die hier kurz beschrieben werden sollen, um den methodologischen Rahmen und die Qualität der Forschung zu sichern:

1. Verfahrensdokumentation

Die spezifischen Methoden müssen bis ins Detail definiert werden, um den For­schungsprozess für andere nachvollziehbar werden zu lassen. Dies betrifft die Expli­kation des Vorverständnisses, Zusammenstellung des Analyseinstrumentariums, Durchführung und Auswertung der Datenerhebung.

2. Argumentative Interpretationsabsicherung

In qualitativer Forschung ist die Interpretation der Ergebnisse ein entscheidender Faktor. Diese lässt sich nicht beweisen wie beispielsweise Rechenoperationen. Dem­nach müssen Interpretationen argumentiert werden und in sich schlüssig sein. Ein adäquates Vorverständnis und eine theoriegeleitete Deutung sollen dies ermöglichen.

3. Regel geleitetheit

Verfahrensregeln zur Bearbeitung des Materials sollen ein systematisches Vorgehen gewährleisten. Dennoch muss darauf geachtet werden, die Offenheit beizubehalten.

Vor allem durch schrittweises Interpretieren des Materials ist es möglich, das Regel­werk weiter an die Theorie anzupassen. Mit der Analyse von Ablaufmodellen im Sinne eines Hermeneutischen Zirkels7 wird dies gewährleistet.

4. Nähe zum Gegenstand

In der qualitativen Forschung sollte man möglichst nahe an der Alltagswelt der be­forschten Subjekte anknüpfen. Konkrete soziale Probleme spielen eine wichtige Rolle, diese kommen oft erst zum Vorschein, wenn der/die Beforschte sich sicher und geborgen fühlt. In Laborexperimenten könnte genau diese Offenheit verloren gehen.

5. Kommunikative Validierung

Erst wenn die Beforschten sich in den Interpretationen und den Analyseergebnissen wiederfinden, ist die Gültigkeit der Ergebnisse erwiesen. Kommunikative Validie­rung meint, dass die Ergebnisse im Gespräch mit den Beforschten überprüft werden sollen.

6. Triangulation

Das Heranziehen von verschiedenen Datenquellen, Analyseinstrumenten und der Vergleich von alternativen Lösungswegen wird die Qualität der Forschung verstärkt. Dabei soll keine völlige Übereinstimmung erreicht werden, es geht vielmehr darum, die Ergebnisse verschiedener Perspektiven miteinander zu vergleichen.

3.2 Datenerhebung: Narrative Interviews:

Beim narrativen Interview8 soll der „Interviewpartner nicht mit standardisierten Fragen“ kon­frontiert, „sondern ganz frei zum Erzählen“ animiert werden9. Dadurch erlangt man Erkennt­nisse über die „subjektiven Bedeutungsstrukturen, die sich im freien Erzählen über bestimmte Ereignisse herausschälen, sich einem systematischen Abfragen aber verschließen würden.“10, so Mayring. Es ist dabei ganz wichtig, dass der Interviewer in die Erzählung nicht eingreift - lediglich, um den roten Faden aufrecht zu erhalten. Bei Abschweifungen oder zu langen Aus­schweifungen kann also durch einfache Fragen wieder zurück zum eigentlichen Thema geführt werden11. Linguistische Untersuchungen haben gezeigt, „dass Erzählungen in der Alltagskon­versation eine feste Struktur, einen immer ähnlichen Aufbau, eine universelle Grammatik be­sitzen.“.12 Es wurde herausgefunden, dass folgende sechs Teile in einer Erzählung enthalten sind:13

- Abstract als einführender Überblicksteil;
- Orientierung als Schilderung, worum es geht;
- Komplikation;
- Evaluation als Einschätzung des Geschehens;
- Auflösung;
- Koda als Schlussbetrachtungen.

Das Gespräch soll dabei vom Interviewer in diesen sechs Teilen wenn möglich unterstützt wer­den, er nimmt aber selbst keine Strukturierung vor. Durch diese Technik ist es dem aufmerksa­men Forscher möglich, auch sehr unterschwellige Bedeutungen für das Individuum wahrzu­nehmen. Bei den Analysen ist es besonders wichtig, auch auf Details, wie zum Beispiel Pau­senzeiten, zu achten. Bestimmte Betonungen können aufschlussreich sein und beispielsweise Trauer oder Freude ausdrücken. Bei der Forschung, inwieweit ein Sportverein einen Einfluss auf ein Leben haben kann, spielen eben auch kleinste Details eine wichtige Rolle. Alle Inter­views wurden mit dem Smartphone aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Mit vier Sub­jekten wurden drei Interviews geführt. Die Interviewpartner sind aus verschiedenen Altersgrup­pen, sowie in verschiedenen Lebensbereichen. Vika, die jüngste Teilnehmerin ist zwölf, Max ist der älteste mit 24 Jahren. Vika hat das Interview mit Petru zusammen gemacht, weil sie sich sehr gut verstehen und sie sich so sicherer fühlte. Dies hatte allerdings zum Nachteil, dass sie einige Gedanken von Petru aufgegriffen hat und diese damit nicht zu 100% eigenständig waren. Weil sie sich aber so viel besser fühlte, war diese Lösung dennoch ein guter Mittelweg. Das Interview mit Max wurde telefonisch geführt und erst drei Wochen nach den anderen Inter­views. Somit war schon ein besseres Vorverständnis gegeben und Fehler, die in den vorherigen Interviews gemacht wurden, konnten behoben werden. Beispielsweise das Einbringen von ei­genen Gedanken im ersten Interview konnte durch eine Reflektion in den folgenden Interviews behoben werden.

Es wurden einige Standardfragen festgelegt, die jeder Teilnehmer beantworten sollte, um seine aktuelle Lebenssituation darzustellen:

Wie heißt du?

Wie alt bist du?

Woher kommst du?

Was machst du beruflich bzw. welche Schule besuchst du?

Wie lange bist du im Verein?

Ist der Verein für dich etwas Besonderes?

Wie wichtig ist der Verein für dich?

Falls es zu einer Schweigepause während des Interviews kam, waren noch zwei bis drei weitere Fragen definiert, um das Schweigen aufzulösen und/oder wieder zurück zum roten Faden zu finden:

Was machst du im Verein (Trainer/normales Mitglied/Showteam)?

In welchen anderen Sportvereinen warst du?

Inwiefern hat der Verein dein Leben beeinflusst oder verändert?

Die letzte Frage ist auf den ersten Blick etwas gewagt bzw. suggeriert vielleicht schon eine Veränderung. Doch die meisten Interviewpartner sprachen bereits von sich aus von einer Ver­änderung, zum Beispiel durch das Schließen von neuen Freundschaften. Gerade durch die be­wusste Anspielung darauf wurden die Interviewpartner auch selbst zum Nachdenken angeregt und kamen sogar auf Erkenntnisse, die ihnen neu waren.

3.3 Auswertung: Qualitative Inhaltsanalyse

Für die Analyse der Interviews wurde das „Ablaufmodell strukturierender qualitativer Inhalts­analyse“14 gewählt, weil dadurch die drei Interviews genau kategorisiert werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ablaufmodell strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring, 2002, S.120)

Sie eignet sich besonders gut für die „systematische, theoriegeleitete Bearbeitung von Textma­terial“.15 Mit dieser Methode wird das Material in fünf Schritten bearbeitet. Im ersten Schritt werden die Kategorien theoriegeleitet festgelegt, wie zum Beispiel: „Subjektiver Einfluss des Parkoursportverein auf dein Leben“.

Im zweiten Schritt werden Beispiele formuliert und Kodierregeln festgelegt, was zum Beispiel passiert, wenn eine Textstelle in zwei Kategorien passt. Diese „Ankerbeispiele“ haben prototy­pischen Charakter. Eein Beispiel zur obigen Kategorie: „Der Verein hat mein Leben verändert", "Wenn ich nicht in den Verein gegangen wäre, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen", wenn das Subjekt das Gefühl hat, dass der Verein einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf sein/ihr Leben hat/hatte.

Im Anschluss startet der erste Materialdurchlauf, der nur dazu dient, Textstellen zu finden und sie einer Kategorie zuzuordnen. Erst im nächsten Schritt wird das Material bearbeitet und ex­trahiert. Der letzte Bearbeitungsschritt ist dann die Ergebnisaufbereitung für die fertige Formu­lierung, dies liefert die Basis für die folgende Analyse der Interviews. Das ganze Modell ist auch als hermeneutischer Zirkel zu betrachten: es gibt keinen klaren Weg zum Ziel, dieser muss erst erarbeitet werden. Nach der Ergebnisaufbereitung erlangt man vielleicht neue Erkenntnisse und kann mit einem erweiterten Vorverständnis wieder die Kategorien aufarbeiten.

Durch diese Aufbereitung des Interviewmaterials, welches sich wegen der narrativen Form als sehr subjektiv erweist, soll sichergestellt werden, dass durch Objektivierung und genauer Be­schreibung der einzelnen Schritte keine willkürliche Interpretation des Materials vorliegt. Diese Technik der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse ist somit als Analyseinstrument zu se­hen, mit dessen Hilfe das Material in kleine Bearbeitungsschritte zerlegt werden kann. Somit soll es zu einem klareren Ergebnis führen, bei dem auch die Zwischenschritte vorher theorie­geleitet definiert wurden.

Dennoch muss man sich dessen bewusst sein, dass eine interpretative Willkürlichkeit niemals ganz ausgeschlossen werden kann. Auf der anderen Seite birgt es die Gefahr, dass gerade durch die versuchte Schaffung der Objektivität, durch theoriegeleitete Kategorien, „inhaltliche Nuan­cen verloren gehen“, so die Kritik von Uwe Flick in seiner Einführung in die Qualitative Sozi­alforschung.16

[...]


1 s. Pillath, 2017, Integration, Migration und Sport.

2 s. Kaschuba, 2002, S. 43

3 Thema: Ethinizität, Literatur: Andre Gingrich: Ethnizität für die Praxis. In: Karl R. Wernhart/Werner Zips (Hg.): Ethnohistorie - Rekonstruktion und Kulturkritik. Eine Einführung. Promedia, Wien 2001, S. 99-111.

4 s. Deutscher Olympischer Sportbund, 2018

5 s. Mayring, 2002, S.140

6 Ebd.

7 Der Hermeneutischen Zirkel ist ein Verfahren, bei dem man seine Forschung mit einem gewissen Vorverständnis beginnt. Nach dem ersten Durchlauf des Forschungsverfahrens, hat man ein erweitertes Vorverständnis und über­prüft ob die anfangs getroffenen Ideen sich verändert haben. So kann in jedem Forschungsdurchlauf das Verfahren an das neue Verständnis angepasst werden. Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hermeneutischer_Zirkel

8 vgl. dazu Schütze 1977; Wiedemann 1986

9 vgl. Mayring, 2002, S. 72f

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Vgl. Mayring, 2002, nach Labov, vgl. Wiedemann 1986

13 Ebd.

14 s. Mayring, 2002, S. 120

15 s. Mayring, 2002, S. 120

16 vgl. Flick, 2002

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Integration durch Sport
Untertitel
Welchen Einfluss kann ein Sportverein haben? Eine qualitative Forschung im Parkoursportverein
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Volkskunde - Philologische und Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Bachelor Arbeit - Europäische Ethnologie
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
34
Katalognummer
V923002
ISBN (eBook)
9783346246523
ISBN (Buch)
9783346246530
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine qualitative Forschung im Parkoursportverein, wie verändert ein Sportverein das Leben? Welchen Einfluss kann ein Sportverein haben?
Schlagworte
Integration durch Sport, Parkour, Integration, Sport
Arbeit zitieren
Daniel Armbrüster (Autor), 2018, Integration durch Sport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923002

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