Goffman partizipiert an keiner kennzeichnenden Schule innerhalb der Soziologie, und auch anhand seiner Arbeiten lässt sich keine direkte Tradition festmachen. Die Auffassungen über ihn sind daher so kontrovers wie nur irgend möglich. Er galt als ‚der’ Soziologe, der in geschliffenen Sätzen – manchmal komisch, manchmal zynisch - ganz ohne ‚theoretic talk’ Romane schreibe. Und auch wenn es paradox erscheint: sein populärer Stil führte und führt eher dazu, seine Bücher zu ‚konsumieren’ anstatt sich intensiv mit ihren Inhalten zu befassen und hinter den kuriosen Details die Komplexität seines Forschungsprogramms zu entdecken. Daher halten viele Leser sein Werk für abgehackt und auch vulgär. Abgehackt und unzusammenhängend, weil Goffmans Bücher nicht den üblichen formellen Anforderungen an gelehrte Publikationen entsprechen, und vulgär, weil sie sich mit Dingen beschäftigen, über die man - nach allgemeinem Ermessen - nicht spricht und schon gar nicht in der unempfindlichen Art und Weise, wie Goffman dies tut. Goffmans Reputation, so jedenfalls erläuterte es Collins, rühre vornehmlich von einer ‚popularistic audience’, die ihn bejubele, weil er sage, was andere sich nicht trauen – was aber trotzdem gesagt werden müsse. Während ihm schon zu Lebzeiten eine ausnehmend große Reputation in der Philosophie, bei den Anthropologen, bei Sprachwissenschaftlern, Psychiatern und Politikwissenschaftlern zu attestieren ist, haben ihn seine wissenschaftlichen Zeitgenossen, die sich dem strengen systematischen Denken verschrieben hatten, mehr oder weniger geschnitten. Um die Waage zu halten muss aber auch gesagt werden, dass es Goffman dem soziologischen Establishment schwer gemacht hat, ihn zu mögen – so versuchte er sich eher dem akademischen Zirkel zu entziehen. Der andere Grund, weshalb Goffman nicht in das Zentrum einer Theoriediskussion gerückt ist, hat damit zu tun, dass er selbst nie versucht hat, seine Theorien zu explizieren oder gar zu erläutern. Er liess es einfach darauf ankommen, dass man ihn verstand - oder auch nicht. Wenn er überhaupt das Anliegen gehabt hat, die Theoriediskussion zu befruchten, dann höchstens in der Weise, dass er die Soziologen neu sehen lehren wollte
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Goffman
III. Goffmans Interaktionsbegriff: ‚Was’ macht der Mensch? - Er interagiert!
IV. Goffmans Rollenverständnis: ‚Wo’ interagiert er? - Er interagiert in einer Rolle!
V. Rahmenstruktur: ‚Wie’ verhält sich der Mensch zu seiner Rolle? - Rahmenanalyse!
V.1. Rahmenkonzept
V.2. Spontane und geplante Rahmenbrüche
V.3. Primäre Rahmen
V.4. Transformation primärer Rahmen - Modulation
V.5. Täuschung
V. 6. Klammern
V.7. Kommunikation außerhalb des Rahmens
V. 8. Engagement
VI. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das soziologische Werk "Rahmenanalyse" von Erving Goffman mit dem Ziel, die immanente Logik der dort entwickelten Theorie zur Organisation von Alltagserfahrungen zu verdeutlichen und deren Bedeutung für die Analyse sozialer Wirklichkeit herauszuarbeiten.
- Goffmans Konzept der Interaktionsordnung und des Rollenhandelns
- Die theoretische Fundierung des Rahmenbegriffs als kognitives Wissenskonstrukt
- Mechanismen der Rahmentransformation: Modulation und Täuschung
- Die Rolle von Engagement und Aufmerksamkeit in sozialen Situationen
Auszug aus dem Buch
V.1. Rahmenkonzept
„Framework“ wird mit „Rahmenanalyse“ übersetzt, was eine unglückliche Übertragung aus einem Topf nicht besser passender Übersetzungsversuche ist. Denn im Deutschen assoziiert man mit Rahmen wohl zunächst einen Bilderrahmen, allenfalls metaphorisch eine Limitierung. Trotz der Vieldeutigkeit von ‚frames’ ist jedoch das Gleichnis des Bilderrahmens keine sinnvolle Allegorie. Denn ein ‚frame’ sichtet die festgestellten Teilchen einer Situation und fasst sie kombinatorisch so zusammen, dass sie im Kontext gesehen begreifbar werden. Wie lässt sich Goffmans Rahmenkonzept nun definieren? Goffman fertige seinen Rahmenbegriff in Anlehnung an Batesons Untersuchungen zum Spielverhalten von Tieren: „(...) in dem dasselbe Verhalten je nach Kontext eine vollkommen andere Bedeutung zeigt: Innerhalb der eigenen Gruppe erscheint das Kampfverhalten als Spiel, in Beziehung zu Fremden als Kampf, wobei zu beachten ist, dass das Spielverhalten etwas an sich bereits Sinnvollem genau nachgebildet ist. Aus dem sich hieraus ableitenden Problem der Kontextualisierung von Verhalten und Äußerungen entwickelte Goffman seine Rahmenanalyse.“
Es handelt sich also um ein kognitives Wissenskonstrukt, das dem Menschen hilft, die ihm ständig widerfahrenden Situationen und die daraus resultierenden Erfahrungen zu erfassen und kontextualisierend zu deuten. Der Alltag, in den wir hineingeworfen werden, wird spontan und intuitiv als Realität und zwar universaler und nicht privater Art erlebt. Und solange unsere Empirien nicht misslingen, nehmen wir unsere Bezugsschemata und unseren Wissensfundus hinsichtlich dieser Realität ernst. Wir nehmen an, dass sie uns die Dinge so seriös darbieten, wie sie nun einmal sind bei all den Menschen mit ihren Selbstdarstellungen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einführung erläutert Goffmans Ziel, die Ordnungsmuster aufzuzeigen, mit denen Menschen soziale Situationen interpretieren, und verortet die "Rahmenanalyse" in seinem Gesamtwerk.
II. Goffman: Dieses Kapitel skizziert Goffmans soziologische Einordnung, seinen populären Stil und die Rezeption seines Werkes durch das wissenschaftliche Establishment.
III. Goffmans Interaktionsbegriff: ‚Was’ macht der Mensch? - Er interagiert!: Hier wird das Konzept der Interaktionsordnung als System dargelegt, das auf einem sozialen Vertrag und Konsens basiert.
IV. Goffmans Rollenverständnis: ‚Wo’ interagiert er? - Er interagiert in einer Rolle!: Dieses Kapitel analysiert das Rollenhandeln im Sinne des symbolischen Interaktionismus und das damit verbundene Impression Management.
V. Rahmenstruktur: ‚Wie’ verhält sich der Mensch zu seiner Rolle? - Rahmenanalyse!: Dieses Hauptkapitel erläutert die zentrale Theorie der Rahmenanalyse, von der Definition kognitiver Wissenskonstrukte über die Transformation durch Modulation und Täuschung bis hin zur Bedeutung von Engagement.
VI. Resümee: Das Resümee bilanziert die Bedeutung der Rahmenanalyse für einen Perspektivwechsel weg von einer individuum-zentrierten Soziologie hin zur konstituierenden Macht des Rahmens.
Schlüsselwörter
Rahmenanalyse, Erving Goffman, Alltagserfahrung, Interaktionsordnung, Rollenhandeln, Impression Management, Rahmenkonzept, Modulation, Täuschung, Engagement, soziale Situation, Wissenskonstrukt, soziale Wirklichkeit, Symbolischer Interaktionismus, Rahmentransformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Erving Goffmans theoretischem Hauptwerk "Rahmenanalyse" und dessen Beitrag zur Soziologie der Alltagserfahrungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von sozialer Interaktion, das menschliche Rollenhandeln, der kognitive Prozess der Rahmung von Situationen sowie die verschiedenen Formen der Transformation sozialer Ereignisse.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, die immanente Logik hinter Goffmans Theorieansatz aufzuzeigen und zu verdeutlichen, wie Rahmen soziale Realität erst konstituieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit Goffmans Originalschriften und einer Reflexion der soziologischen Sekundärliteratur zu seinem Werk.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Interaktionsordnung, das Rollenverständnis und eine detaillierte Erläuterung der Rahmenstruktur, inklusive Konzepte wie Modulation, Täuschung, Klammern und Engagement.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Rahmenanalyse, Interaktionsordnung, Rollenhandeln, Impression Management und Rahmentransformation.
Was unterscheidet bei Goffman eine "Modulation" von einer "Täuschung"?
Bei der Modulation sind sich die Beteiligten des Wechsels bewusst (z. B. Spiel oder Theater), während bei der Täuschung eine asymmetrische Informationsverteilung herrscht, bei der das Opfer ein "geradliniges Handeln" annimmt, das in Wahrheit transformiert wurde.
Warum ist das Konzept des "Engagements" für Goffman so wichtig?
Engagement bezeichnet die psychobiologische Tiefe der Beteiligung an einer Situation; es ist essentiell, damit ein Rahmen überhaupt Sinn stiftet und ein Individuum in einer sozialen Situation handlungsfähig bleibt.
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- David Liebelt (Author), 2007, Zu Erving Goffmans Rahmenanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92322