Gangs als attraktiver Zufluchtsort für Jugendliche. Anreize für den Eintritt und Verbleib in Jugendgangs


Hausarbeit, 2020

38 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Das Phänomen der Jugendgangs als zentrales Problem

2 Reflexion über Daten und Quellen

3. Theoriekapitel
3.1. Jugendgangs
3.2. Gruppensoziologie

4 Empirische Analyse mit dem Beispiel „mara“
4.1. Gründe für das Eintreten Jugendlicher
4.2. Mitgliedschaftsmotivation Kollegialität
4.3. Mitgliedschaftsmotivation Zwang
4.4. Anomietheorie nach Merton

5. Fazit und Ausblick

6 Literatur

1. Einleitung

Das Phänomen der Jugendgangs als zentrales Problem „Wie viele Menschen hat Ihre Gang unter Ihrer Führung ermordet?“ „Etwa 150. Ich habe dem Richterjeden Mord geschildert. Irgendwann haben wir unsere Opfer zerhackt und enthauptet, auch bei lebendigem Leib. Eine Art Wettbewerb unter uns Banden: Wer mordet am grausamsten.“ (Wiechmann 2017)

Kriminelle Jugendgangs sind ein weit verbreitetes Problem und dennoch wird es wenig themati-siert und diskutiert, da vor allem in den letzten 20 Jahren die Forschung zu Jugendgangs deutlich abgenommen hat. Das Problem ist jedoch noch immer so präsent wie zuvor, da vor allem in Zentralamerika Gangs die Straßen regieren. In Deutschland sind Jugendgangs eher ein kurzfris­tiges, epochales Phänomen, welches sich oft nach der Adoleszenz auflöst, wenn die Mitglieder erwachsen werden. Die USA hingegen ist am stärksten von der Gang-Problematik betroffen. Hier gibt es tradierte Gangs, die bereits seit Generationen bestehen (vgl. Baumann 2010, S. 193). Eine Gang als Beispiel ist die mara. Die maras bestehen seit mehreren Jahrzehnten vor allem in Zentralamerika und nehmen ganze Städte ein. Insbesondere in Honduras, Guatemala und EL Salvador sind sie stark verbreitet (vgl. Peetz 2004, S. 49). Hier werden allein in El Salva-dor die Mitgliederzahlen auf ungefähr 60.000 geschätzt (vgl. Wiechmann 2017). Oben genanntes Zitat stammt von einem Reporter, welcher mit einem ehemaligen Gang-Anführer der Barrio 18 gesprochen hat und zeigt schon jetzt, welch großes Ausmaß die Gangs auf ihre Länder haben, wenn sie im Stande sind, oft so grausam töten zu können.

Oftmals gehen Gangmitglieder so weit, dass sie erpressen, stehlen und töten, um sich und ihre Gang zu erhalten und beschützen. Aufgrund des Zustandes in Ländern wie Zentralamerika soll sich diese Hausarbeit nun mit dem Thema genauer beschäftigen. Das Ziel der Arbeit besteht darin, die Frage zu klären, warum Gangs für Jugendliche so ein attraktiver Zufluchtsort sind und welche Anreize für die Mitglieder bestehen, um einzutreten und ihnen so lange erhalten zu blei-ben.

Die Arbeit behandelt zuerst allgemein im Theoriekapitel das Thema Jugendgangs, definiert diese und nennt Charakteristiken und Merkmale. Im weiteren Verlauf wird sich mit dem Strukturtypus der Jugendgangs beschäftigt und geschaut, wie diese aufgebaut sind, wie die Hierarchie aus-schaut und was das Territorium für eine Bedeutung hat. Daraufhin wird Bezug auf die Rekrutie-rung neuer Mitglieder genommen, welche im Alltag von Jugendgangs eine erhebliche Rolle spielt. Im anschließenden Kapitel wird die Gruppensoziologie genau betrachtet und Gemeinsam-keiten und Differenzen zwischen Gangs und Gruppen werden herausgearbeitet, um die wichtige Frage beantworten zu können, ob Gangs als Gruppen verstanden werden können. Derzweite Hauptteil, der empirische Teil dieser Arbeit, widmet sich dem schon genannten Beispiel der ma-ras. Hier wird vorerst erklärt, worüber sie sich charakterisieren, wie sie strukturiert sind und wie sie überhaupt zustande gekommen sind. Anschließend wird sich auch in diesem Kapitel auf die Gruppensoziologie bezogen, da sich die Frage stellt, ob eine internationale Gang in solch einer Größe auch noch als Gruppe bezeichnet werden kann. Anschließend werden Gründe dargelegt, warum Jugendliche in Gangs, speziell in die maras eintreten und ihnen ihr Leben widmen. Dafür wird auch die Jugendsoziologie genauer in Betracht genommen. Um nun die Frage beantworten zu können, warum Jugendliche in den Gangs bleiben, werden anschließend die Mitgliedschafts-motivationen Zwang und Kollegialität als Paradox dargestellt. Zuletzt wird auf die Anomietheorie von Merton eingegangen, um den Eintritt und Bestand in und von Jugendgangs noch einmal rein soziologisch erklären zu können.

2. Reflexion über Daten und Quellen

Einleitend in den Hauptteil der Hausarbeit wird vorerst eine Reflexion über Methoden, Quellen und Daten vorgestellt. Diese Arbeit beschreibt sich als eine sekundäranalytische Reinterpretation und bedient sich vorwiegend theoretischer, jedoch auch journalistischer, empirischer Literatur für die Darstellung des Beispiels der maras. Zwar können journalistische Artikel nicht dem wissen-schaftlichen Standard zugeordnet werden, dennoch stellen sie eine sehr gute Veranschauli-chung für die Problematik des Phänomens maras dar, da aus eigenen Erfahrungen des Autors berichtet wird.

Die Literatur besteht aus einer Mischung von Organisations- und Gruppensoziologie, da im Laufe der Hausarbeit deutlich wird, dass sich Gangs als ein Hybrid zwischen beiden Strukturtypen ver­stehen können. Für die Erklärung der Gruppensoziologie werden Texte von Neidhardt, Tyrell und Kühl verwendet und mit einem systemtheoretischen Verständnis behandelt. Aufgrund vieler mangelnder und nicht eindeutiger Definitionen für Gruppen, stellt sich in dieser Arbeit heraus, dass eine genaue Definition schwierig ist. Für Teile der Organisationssoziologie wird ebenso Kühl angewendet, jedoch soll der Fokus dieser Arbeit schließlich primär auf der Gruppensozio-Iogie anstelle der Organisationssoziologie liegen, weshalb nur das nötigste von ihr verwendet wird, da es sonst den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Kapitel 3.1. behandelt neben soziologischer Literatur zu Jugendgangs noch die Signaling-Theo-rie von Densley, um die Rekrutierung neuer Mitglieder optimal darzulegen. Auch in der Definition von Jugendgangs wurde deutlich, dass bei ihr -wie in der Gruppensoziologie- wegen vieler un­eindeutiger und verschiedener Definitionen eine genaue sich als sehr schwierig erweist.

Im zweiten Hauptteil, dem empirischen Teil dieser Hausarbeit, wird sich vor allem Fachliteratur über die maras und journalistischer Artikel sowie einer Dokumentation der maras bedient. Es wird jedoch auch noch einmal Literatur der Organisationssoziologie von Kühl angewandt. Als Theorie der Hausarbeit wird die Anomietheorie von Merton analysiert, um die gesamte Entste­hung, das Eintreten und den Erhalt von Gangs zu erklären.

3. Theoriekapitel

Das folgende Theoriekapitel beschäftigt sich mit der Thematik der Jugendgangs und der Einord-nung in die Gruppensoziologie. Vorerst werden Jugendgangs definiert, im Nachhinein wird auf Merkmale und Charakteristiken eingegangen. Ein weiterer Fokus wird anschließend daraufge-legt, wie Jugendgangs strukturiert sind, welche Hierarchien entstehen und wie die Rekrutierung neuer Mitglieder ausschaut. In Kapitel 3.2. wird die Gruppensoziologie definiert. Hier wird das systemtheoretische Vokabular angewandt, da einem systemtheoretischen Verständnis von Gruppen gefolgt wird. Zur Erklärung werden Texte von Kühl, Neidhardt und Tyrell verwendet .Ab-schließend wir die Frage geklärt, welcher Zusammenhang zwischen Jugendgangs und derGrup-pensoziologie besteht.

3.1. Jugendgangs

„The gang is an interstitial group originally formed spontaneously, and the integrated through conflict. It is characterized by the following types ofbehavior: meeting face to face, milling, movement through space as a unit, conflict, and planning. The result of this collective behavior is the development of tradition, unreflective internal structure, esprit de corps, solidarity, mo-rale, group awareness, and attachment to a local territory.”(Thrasher 1968, S. 46)

Obiges Zitat nennt fast alle wichtigsten Punkte, die für einen kurzen Überblick für Jugendgangs wichtig sind. Da das Thema „Jugendgangs“ aber erwartungsgemäß in den wenigen Worten nicht erklärbar ist, wird im folgenden Kapitel eine genaue Beschreibung derJugendgangs dargelegt. Eine verbreitete, alleinige Definition für Gangs gibt es nicht. Generell kann aber gesagt, werden, dass „Gangs [...] aufengem Raum agierende, aufein Territorium begrenzte, homogene Gruppen [sind], die sich ursprünglich spontan formiert haben und sich dann durch Konflikte integrieren“ (Thiele 1996, S.335). In diesem Zitat sind vier wichtige Punkte, über die Gangs definiert werden können, genannt: ihr Territorium, die Homogenität, die Spontanität und die Konflikte. Wie Gangs aus der Spontanität heraus entstehen können, beschreibt Thrasher genauer. In seiner Definition (siehe oben) erwähnt er zwar die spontane Bildung, beschreibt es vorher in seinem Buch aber exakter: Gangs bilden sich oft aus Spielgruppen heraus. Kinder treffen sich in ihren Wohngebie-ten, oft Slums und verabreden sich zum Spielen. Durch den engen Raum tritt schnell Konfliktpo- Zwarwurden im Seminar zu dem Thema noch Texte von beispielweise Shils, Wilke, Geser, Wimmer oder Schäfers behandelt, jedoch werden in dieser Arbeit aufgrund des geringen Rahmens nur oben genannte gefolgt. tenzial zwischen den einzelnen Gruppen auf, da alle Anspruch auf ihren eigenen Platz zum Spie-Ien- ihr Territorium- erheben (vgl. 1968, S. 23). Aufgrund dieser spontanen Bildung als Spiel-gruppe entwickeln sich mit der Zeit jugendliche Gruppen, die die Rivalität untereinander immer weiter ausbauen und ihr Territorium und ihre Freunde beschützen. Letztere sind weitere zwei wichtige Merkmale, die Thiele beschreibt. Sie zählen zu ihren Bedingungen, um eine Gang so nennen zu dürfen: Territorialität, eine stabile Mitgliedschaft, internale Strukturen (Anführer und Rollenzuweisungen) und face-to-face-Kommunikation (vgl. 1996, S. 336). Doch dazu später mehr.

Gangs bestehen aus mindestens drei, meistens aber sechs bis 20 Mitgliedern (vgl. Thrasher 1968, S. 222) und werden im Deutschen auch Banden genannt, die einen „Zusammenschluss mehrerer kooperierender Straftäter bzw. für die damit einhergehende kriminelle Vereinigung“ (Frey 2018, S. 334) bilden. Der Punkt der Kriminalität ist eine der wesentlichen Eigenschaften, weshalb sich eine Gang von anderen Gruppen abgrenzt. Es gibt Gruppen wie Gangs, welche sich nach kriminellzentrierten Aktivitäten formen und jene, die sich über sozialzentrierte Aktivitä-ten formen. Diese können zum Beispiel sein: Freundschaftsgruppen, Sportmannschaften oder ein Schuljahrgang (vgl. White 2013, S. 18f). Doch nicht nur durch den Punkt der Kriminalität grenzen sich Jugendgangs von anderen Gruppen ab. Reine Stadtteilcliquen oderJugendgrup-pen definieren sich beispielweise über einen lockeren Rahmen und somit einer Zugehörigkeit, der es keiner ausgesprochenen Definition bedarf. Der Hauptgrund liegt darin, sich zwecklos zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. Illegale Handlungen spielen hier eher eine Neben-rolle. Aus diesen Punkten wird deutlich, dass sich Gangs als eine geschlossene Gruppe definie-ren und auch von ihrem Umfeld als solche wahrgenommen werden (vgl. Baumann 2010, S. 94). Im Deutschen gibt es, wie oben bereits gesagt, keinen Unterschied zwischen Gangs und Ban-den. Thrasher legt diesen jedoch genau fest und grenzt Banden somit von Jugendgangs ab . Banden sind in seinen Augen lediglich ursprüngliche Spielgruppen, welche im Wettstreit um be-schränkte Freiräume und Territorien kämpfen und somit Konkurrenzgruppen entwickeln. Gangs formieren sich schließlich als richtige Organisation, die sich durch Führungspersonen, feste Mit-gliedschaften und Traditionen auszeichnen, um so eine möglichst feste Stabilität zu erlangen. Hier herrscht die übereinstimmende Meinung, dass sie als Gesetzlose gegen die vorhandenen Normen und das System antreten (vgl. Youkhana 1996, S. 54).

Wie durch die hier beschriebene Definition bemerkbar wurde, heben sich Gangs mit vielen Merk­malen von anderen Gruppen ab: Sie stellen eine geschlossene Einheit, die als selbstorganisierte Gruppe verstanden werden kann, die einen Gang-Namen und eigene wiedererkennbare Sym-bole trägt. Weiterhin einen Anführer besitzt und durch diesen geleitet wird, über ein eigenes Ter-ritorium verfügt und herrscht und gemeinsame Tätigkeiten zur Durchführung illegalerAktivitäten Aufgrund des deutlich größeren Teils männlicher Geschlechter in Gangs wird für die einfachere Lesbarkeit im Zu-sammenhang mit Gangs nur die männliche Form verwendet. Es werden aber alle Geschlechter impliziert.

Für ein besseres und klareres Verständnis wird in dieser Arbeit nicht von Banden gesprochen, sondern nur von Gangs, um den wesentlichen Kern dieserjederzeit klar herauszustellen. plant (vgl. Howell 1997, S. 1). Merkmale und Charakteristiken Am Anfang ist es wichtig zu sagen, dass sich jede Jugendgang anders charakterisiert, beispiel­weise durch die Mitglieder, Mentalitäten der Anführer, Art der Organisation, Interessen, Aktivitä-ten und dem Ansehen des sozialen Umfelds (vgl. Thrasher 1968, S. 36). So ist die logische Konsequenz, dass nicht alle beschriebenen Merkmale und Charakteristiken auf jede Gang an-wendbar sind. Daher werden im diesen Kapitel primär die für uns relevanten Grundzüge darge-legt, da das Darstellen aller mögliche Eigenschaften und damit Arten von Gangs, den Rahmen derArbeit sprengen würde.

Um die Merkmale von den Jugendgangs herauszufinden, sollte zuerst auf den Ursprung dieser geschaut werden. Denn dieser erklärt bereits die Genese und viele Verhaltensweisen der Ju­gendlichen. Thiele nennt in ihrem Buch die niedrige soziale Schicht als einen „Faktor der Entste­hung jugendlicher Banden“ (1996, S. 335). Drei dahinterstehende sozioökonomische Entste­hungsgründe gibt sie wie folgt an: Zum einen werden die Armut der Jugendlichen, eine hohe Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit dargestellt, welche sich alle gegenseitig begründen. Au­ßerdem ist die soziale Desintegration ein weiterer Punkt für die Entstehung. Die Jugendlichen können sich aufgrund der oben genannten Lage nicht vernünftig in die Gesellschaft integrieren und fühlen sich somit ausgeschlossen. Ihr letztes Merkmal ist die ökonomische Stagnation, wel-che sich ebenso durch vor allem die Armut und die Arbeitslosigkeit erklärt. Daraus schließend weisen die Jugendlichen Charakteristiken der niedrigen sozialen Schicht, den Aufenthalt in des-organisierten Gebieten und der Aussetzung der Straßensozialisation auf (vgl. Thiele 1996, S. 335). Die niedrige soziale Schicht wird ferner durch die mangelnde Fähigkeit zur Verhaltenssteu-erung aufgrund der fehlenden Bindung an die Familien und konforme Institutionen deutlich. Dies hat problematische biographische Entscheidungsprozesse der Jugendlichen zur Folge (vgl. Küh-nel 2002, S. 1450). Das können zum Beispiel der Eintritt in eine Gang, das Ausführen krimineller Handlungen oder das Schwänzen von Schule sein.

Gangs können als eine organisierte lokale Gruppe verstanden werden (vgl. Thiele 1996, S. 336) und sind langfristig angelegt (vgl. Thiele 1996, S. 342). Die ursprünglich spontan entstandene Gruppe kann sich nach einigen Jahren in eine richtige Organisation entwickeln. Sie wird von einem Anführer geleitet, den Mitgliedern werden Positionen zugewiesen und es entstehen Tra-ditionen (vgl. Thrasher 1968, S. 26). Somit können Gangs gut verglichen werden mit jeglichen Organisationen, die auch aus Chefs, Mitarbeiterinnen oder Mitgliedern in festen Anstellungen und ihren Mustern bestehen. Denn reziproke Handlungen und auch Reaktionen sind bei den Mitgliedern ein wichtiger Bestandteil (vgl. Thrasher 1968, S. 40) und damit für den Bestand der Gruppe wesentlich. Überdies können Gangs auch durch die souveräne Ordnung, den Aufbau, die Solidarität und die Moral ebenso mit der Mafia verglichen werden. Sie kennzeichnen sich durch eine ungewöhnliche Struktur -auf welche in Kapitel 2.3. noch näher eingegangen wird- und kriminelle Handlungen, die großen Schaden anrichten können (vgl. Thrasher 1968, S. 42), zum Beispiel Mord oder (Schutzgeld-)Erpressung. Durch diese Struktur entkoppeln sie sich von jeg­lichen sozialen Ordnungen und Vorgaben und leben nach ihren eigenen Regeln, Normen und Traditionen (vgl. Thrasher 1968, S. 45).

Ferner ist ein weiteres sehr bedeutendes Merkmal ihr eigenes Territorium (vgl. Thrasher 1968, S. 45). Ein Territorium ist ein Viertel einer Gang (auch Gangland genannt) und stellt ein sozial und geographisch abgegrenztes Gebiet zum restlichen Teil der Stadt dar (vgl. Thrasher 1968, S. 20). Das Ziel der Gangmitglieder ist es, ihr Gebiet von der Umgebung abzugrenzen und ein geschütztes Territorium entstehen zu lassen (vgl. Dubert 1997, S. 228). Oftmals hängen dafür beispielsweise Turnschuhe an Stromleitungen, um das Revier einer Gang zu markieren. Es ent-stehen aber auch unsichtbare Grenzen, die respektiert werden müssen, da Eindringlinge sonst schnell in Gefahr geraten können (vgl. Ulferts 2019). In der Regel verkörpert das eigene Terri-torium einen Ort der kriminellen Machenschaften der Jugendgang. Diese können beispielweise der Drogenhandel sein, der Verkauf gestohlenen Dinge an die Bewohnerinnen des Viertel, wie auch „illegal erworbenes Geld[, das ...] wieder unter die Leute gebracht wird“ (Dubert 1997, S. 228). Wegen genannter krimineller Aktivitäten und auch, weil sie es als ihr Gebiet ansehen und kein Fremder Zutritt hat, sind die Gangmitglieder allzeit bereit, ihr Territorium vor Eindringlingen oder befeindeten Gangs mit allen Mitteln zu verteidigen (vgl. Thrasher 1968, 46). Aus diesem Grund schweben vor allem Busfahrer in großer Gefahr, da sie durch verschiedene Reviere fah-ren und somit anfällig für vor allem (Schutzgeld-)Erpressung sind (vgl. Ulferts 2019).

Die Bedrohung von befeindeten Gangs oder durch andere Jugendliche dient der Sicherung und Aufrechterhaltung von Respekt. Diesen verschaffen sie sich mit einem Bild der Härte und Ableh-nung gegen Autoritäten anderer, denen sie nicht vertrauen. Der Respekt wird oft ausgebaut durch Gewalt oder Schikanen, um anderen Angst einzuflößen (vgl. Mitchell et al. 2017, S. 1197). Die Jugendlichen lassen sich auszeichnen durch ein mangelndes Vertrauen gegenüber anderen Personen außerhalb der Gang. Dadurch entsteht ein intensiver Sinn für Konkurrenz (vgl. Kühnel 2002, S. 1450), denn jede*r Außenstehende ist ein mögliches Opfer der Gang (vgl. Thiele 1996, S. 336).

Ihr Merkmal sind die vertrauten Beziehungen. Oftmals leben Mitglieder sogar zusammen (vgl. Thrasher 1968, S. 40) oder nehmen sich gegenseitig beieinander auf, wenn einer in Not ist. Dies beweist auch anfangs genanntes Zitat von Thrasher, indem er das Merkmal „esprit de corps“ wahrscheinlich absichtlich im Gegensatz zur gesamten Definition nicht kursiv schreibt. Es kann vermutet werden, dass er die Eigenschaft, die so viel heißt wie Kameradschafts- oder Gemein­schaftsgeist, extra hervorheben möchte. Die Loyalität steht in Jugendgangs an oberster Stelle. „Petzen“ und damit die Loyalität verletzen, ist die größte Verletzung in den ungeschriebenen Gesetzen von ihnen (vgl. Thrasher 1968, S. 202). Sobald ein Gangmitglied in Gefahr ist, helfen alle anderen ihm bedingungslos, denn Zusammenhalt ist ein wichtiges Gut in ihrer Struktur.

Diese unglaubliche Solidarität stellt jedoch nicht nur für andere Gangs oder auch einzelne Men­schen Schwierigkeiten dar, sondern auch für die Kirche oder die Behörden (vgl. Thrasher 1968, S. 196). Den Mitgliedern ist es egal, ob sie Gesetze brechen oder sogar töten, um ihre Kamera-den zu retten. Wenn ihnen andere dabei im Weg stehen, kann dies bis zum Tod führen (mehr in Kapitel 3). Dies ist der Grund, warum Jugendgangs immer gewinnen. Der Wille der Mitglieder, immer alles füreinander zu geben, ist das Wichtigste in der Gruppe (vgl. Thrasher 1968, S. 195). Die Art von Gemeinschaft kann auch „Ethnozentrismus“ genannt werden. Es ist eine Form des Nationalismus, bei welcher das eigene Volk als Mittelpunkt angesehen wird und gegenüber an-deren Völkern (hier Behörden, Kirche oder die allgemeine Bevölkerung) überlegen ist (vgl. Thrasher 1968, S. 211). Die Überlegenheit kann bewiesen werden an der langen Existenz von Gangs. Sie bestehen seit mehreren Jahrzehnten und finden sich vor allem in Amerika in großen Mengen. Das Land oder die Behörden sind ihnen gegenüber machtlos (siehe Kapitel 3).

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass die Mitglieder in der Loyalität, der Mitgliedschaft als Familie, dem Ansehen der Persönlichkeit, dem Schutz, den finanziellen Vorteilen und in den Möglichkeiten für Spaß ihre Vorteile sehen. Natürlich gibt es aber auch Nachteile, die die Mitglie-der selbst empfinden (aus einer Studie von Aumair und Warron 1980 in Melbourne (Australien)): Die Inhaftierung, der schlechte Ruf, die Schwierigkeiten einen legalen Job zu erlangen, das Nie­derlassen mit der eigenen Familie und die Angst, verfolgt zu werden (vgl. White 2013, S. 11). Nichtsdestotrotz hält es die Jugendlichen nicht davon ab, in eine Gang einzutreten und ihr das eigene Leben zu widmen. Strukturtypus Laut Youkhama können aus kindlichen Spielgruppen Banden oder auch Gangs entstehen (vgl. 1996, S. 54). Sie lösen sich damit von dem Typ der Gruppe ab und nehmen die Zwischenform an. Die Entwicklung einer Gang kann in fünf Kategorien eingestuft werden: Die erste wird die Scavenger-Gang genannt, welche sich in einem Frühstadium der Entwicklung befindet und mit einer Jugendkultur vergleichbar ist. Anschließend kommt die Phase der Territorial-Gang. Beide sind zusammenzufassen als eine Entwicklungsform hin zum organisierten Stadium. Die Com-mercial- Gang, Corporate-Gang und Covert-Gang werden nun als organisierte Gangform in der Wachstumsphase verstanden, mit einer streng hierarchischen Führung. Dennoch unterscheiden sich alle in ihren Absichten, Zielen, der Organisationsstruktur und im Verhalten (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 102). Richtige Gangs im Endstadium können laut Thrasher letztendlich als enge Organisationen angesehen werden, die auf einer geschäftlichen Basis agieren. Sie lösen sich somit immer mehr ab vom Systemtyp Gruppe und wandern hin zum Typ der Organisationen. Dies wird erkenntlich an den geheim organisierten Meetings, dem Entwickeln von Plänen und Kämpfen, den Aufgaben, welche von den Anführern an die Mitglieder übergeben werden und zuletzt daran, dass die Einnahmen zusammengelegt und aufjedes Mitglied der Gruppe in Form von zum Beispiel Bargeld, Eintrittskarten, persönlichen Gegenständen oder anderen Kleinigkei-ten übergeben werden (vgl. 1968, S. 215). Somit liegen Jugendgangs einer geschlossenen und hierarchisch gegliederten Organisationsstruktur zugrunde. Sie können als eigene Gesellschaft verstanden werden, die aber einer Organisation mit gesellschaftlichen Normen entspricht, Bei­spiele sind hierfür Familien oder auch militärische Formen. Denn der Platz jedes einzelnen Mit­glieds ist bestimmbar, wie etwa in allen Familien oder militärischen Formen (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 97). Die Organisationsstruktur lässt sich weiterhin erkennen in der sorgfältigen Rekru­tierung neuer Mitglieder, die über einen längeren Zeitraum eine Art „Probezeit“ zu absolvieren haben (vgl. Thrasher 1968, S. 215) (siehe Kapitel 2.5.). Weiterhin gibt es Jungendgangs, welche sich mit anderen Gangs zusammentun, um befeindeten Gangs entgegenzutreten. Damit ist klar: Eine Gang kann sich in einer Großstruktur befinden (vgl. Thrasher 1968, S. 225) und auf die Hilfe von befreundeten Gangs vertrauen, wenn sie mit feindlichen Gangs im Konflikt stehen. Hier wird abermals die Solidarität der Mitglieder und die Selbstverständlichkeit zu helfen, erkennbar.

Für die Beziehungen zu den anderen Gangs sind -wie so oft- die Anführer verantwortlich und sind ebenfalls in der Machtposition, unter bestimmten Umständen den Krieg zu erklären oder andersherum die Waffen zu entziehen. Dies veranschaulicht erneut das militärische Modell, wel-ches hinter Gangs steht. Jugendgangs spiegeln jedoch nicht nur das Modell der Organisation Militär wider, sondern auch das Modell einer gesellschaftlichen Organisation: Sie werden identi-fiziert durch den festgelegten Präsidenten (hier einem Anführer), einem Vize­präsidenten (die rechte Hand vom Anführer) und einem Sprecher. Weiter ist ihr Territorium als ihr Geschäftsbe-reich festgelegt (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 98). Durch die breit gefächerte Struktur und Hierar-chie entsteht ein umfassendes und flexibles System von Abhängigkeiten, bei dem selbst die Ärmsten durch das Gangverhalten von Vorteilen (wie beispielshalber Schutz, Unterstützung und Hilfe) profitieren (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 100).

Diese Abhängigkeiten können auch als Kontrolle angesehen werden, welcher jedes Mitglied un­terliegt (vgl. Thrasher 1968, S. 204). Die Kontrolle drückt sich insofern aus, als dass alle Mitglie-der darauf achten, wie die anderen über ihr Verhalten denken und sich fragen, was wohl xy (beispielsweise der Anführer) dazu sagen würde. Durch dieses Denken wird deutlich, welches Ziel jedes Gangmitglied verfolgt: Applaus der anderen zu erhalten und angebetet zu werden. Dafür machen sie alles und verhalten sich dementsprechend nach den Ideal und Grundsätzen der Gang, um den Ruhm so schnell und weit wie möglich voran zu treiben. Somit kann das Gefühl der Macht die moralische Perspektive der Gangmitglieder vollkommen verzerren, was auch „Gang spirit“ genannt wird (vgl. Thrasher 1968, S. 207ff). Dies kann so viel bedeuten wie: Willst du bestehen, musst du mitziehen. Aufgrund dieser Züge entsteht eine vollkommene Be-rechnung der Persönlichkeit und der Garantie der Zuverlässigkeit. Die Mitglieder entwickeln aus-nahmslos einen Sinn für Solidarität und Gemeinschaft und passen sich der Struktur der Gang vollkommen an, da ihnen bewusst ist, dass der Rang in ihrer Gang aus eigener Kraft erkämpft (wortwörtlich) werden muss. Genau deshalb ist eine Gang „so reich an sozialen und natürlichen Prozessen“ (Taylor/ Thiele 1998, S. 102), weil die Struktur nicht gezwungen entsteht, sondern aus den Handlungen und Bemühungen jedes einzelnen Mitglieds. Die Rangordnung ist folglich ein Ergebnis der Interaktionen und Aktionen woraus ein System gegenseitiger Verpflichtungen resultiert, welches eine fundamentale Bedeutung für den Gruppenzusammenhalt hat (vgl. Whyte 2011, S. 260). Denn kommt ein Mitglied seinen Aufgaben nicht nach, vernachlässig sie oder macht das, was es möchte, droht das ganze System einzustürzen und es kann schwere Folgen für das Mitglied bedeuten. Ein Resultat kann zum Beispiel der Verstoß und damit der Ausschluss aus der Gang bedeuten, dabei ist der Tod sogar keine ungewöhnliche Konsequenz (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 97). Bei ihnen heißt es erbarmungslos, hat ein Mitglied den Code der Loyalität gebrochen, führt dies zur Strafe bis hin zum Tod (vgl. Thrasher 1968, S. 205). Doch nicht nur der Verstoß gegen das Fügen kann das Sterben zur Konsequenz haben, auch ein einfacherAustritt aus der Gang. Häufig kommt es vor, dass ein freiwilliger Austritt ohne größere Probleme möglich ist. Dies ist jedoch abhängig von der Stellung in der Gang und dem eigenen Durchsetzungsvermögen (Hat es genug Wille, um auszutreten?). Ist das Mitglied dann aber in alle Strukturen und Prozesse eingeweiht, muss es mit Strafen jeglicherArt rechnen (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 102). Hier ist nun zu sehen, zu was die Gangmitglieder im Stande sind zu tun, wenn ihnen nicht gefällt, was jemand anderes macht. Sie schrecken vor nichts zurück und gehen soweit, eigene Mitglieder zu töten, damit die Loyalität und die Struktur der Gang aufrecht erhalten bleiben. Doch hinter der Jagd nach Anerkennung und Erfolg steckt eigentlich nur die Angst vor genau dem, was oben beschrieben wurde. Die Mitglieder fürchten sich vor oben genannten Folgen, sozialer Ächtung oder Deklassierung, weshalb die gegebenen Normen und Vorschriften ausnahmslos akzeptiert werden (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 97f). Denn Spott kommt oft vor, als Art der Kontrolle. Und verspottet werden will in logischer Konsequenz niemand (vgl. Thrasher 1968, S. 206f). Daher sind physische Strafen oder Prügel keine Seltenheit, welche durch den Anführer bestimmt wer-den (vgl. Thrasher 1968, S. 205).

Zusammenfassend kann nun gesagt werden, dass das grundlegende Motiv für den Erfolg der Kontrolle Angst vor Ärger, Strafen und Prügel ist (vgl. Thrasher 1968, S. 205). Die Gangs sind so strukturiert, dass die Mitglieder vollkommen beeinflussbar sind und den Normen und Ansprü-chen durchweg folgen.

Hierarchie und Herrschaft

In diesem Teil soll nun ein kurzer Blick auf ein Strukturelement der Gangs geworfen werden: Die Hierarchie beziehungsweise Herrschaft. Das Kapitel soll dazu dienen, um erkennbar zu machen, wie streng hierarchisch Gangs wirklich aufgeteilt sind und was für eine Macht die Anführer haben. Zu Anfang ist wichtig zu nennen, dass es eine soziale und eine sachliche Komponente im Ge-flecht der Hierarchien gibt. Durch die Hierarchie beziehungsweise ein dafür erstelltes Organi­gramm können die sozialen Beziehungen gesteuert und das Verhalten jeden Mitglieds organi-siert werden. Auf der sachlichen Ebene werden die Zuständigkeiten der Mitglieder zugewiesen, sodass jedem seine Aufgaben und sein Platz in der Hierarchie zugeteilt wird (vgl. Kühl 2011, S. 71). Es kann direkt gesagt werden, auch in Gangs sind die klassischen Positionen grundlegend verteilt: Es gibt einen Boss (die oberste Instanz), eine Stellvertretung, Berater und ihre „Soldaten“ (vgl. Frey 2018, S. 341). Positionen in einer Gang können auch in vierEbenen aufgeteilt werden:

1) Hardcore (der harte Kern): Er stellt fünf bis zehn Prozent der Mitglieder dar, welche am längs-ten in der Gang sind, schon oft im Gefängnis waren, häufig arbeitslos sind und mit Drogen dealen. Das Durchschnittsalter beträgt hier Anfang bis Mitte 20. Der harte Kern hat den größ-ten Einfluss auf die Gang (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 100).
2) Regular Members (normale Mitglieder): Bei ihnen beträgt das Durchschnittsalter 14 bis 17 Jahre. Sie sind bereits gut eingeführt in die Strukturen und unterstützen den harten Kern. Bei ihnen ist die Chance groß, aufsteigen zu können (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 100f).
3) Associates oder want to be’s (Verbündete oder Möchtegern-Mitglieder): Ihr Durchschnittsal­ter beträgt zwölf bis 17 Jahre und sie sind noch nicht offizielle Mitglieder. Sie bewundern die Gang jedoch und ahmen ihnen beispielweise durch das passende Outfit nach (vgl. Taylor/Thiele 1998, S. 101).
4) Potentials oder could be’s (Anwärter): Sie sind die Jüngsten und wohnen meist im Gang­Gebiet. Oftmals sind sie Familienmitgliedervon Gangmitgliedern und haben noch die Wahl, ob sie in die Gang eintreten möchten oder nicht (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 101).

Der harte Kern kann auch als inner circle bezeichnet werden und bildet sich um den Anführer (vgl. Thrasher 1968, S. 229). Die Anhänger hier sind territorial nicht so gebunden wie die restli­chen Mitglieder und können sich auch außerhalb frei bewegen (vgl. Densley 2013, S. 76). Oftmals wechseln die Positionen innerhalb jedoch durch beispielsweise irgendwelche Kämpfe, bei denen Mitgliedern etwas zustößt (vgl. Frey 2018, S. 341). Dadurch müssen sich Gangs fle­xibel gliedern lassen und spiegeln daher -wie im vorherigen Kapitel bereits beschrieben- eine Sozialordnung wider, die natürlich angelegt ist und nicht festgelegt wurde. Die Rollen sind fest­gelegt durch Handlungen in bestimmten Situationen (vgl. Thrasher 1968, S. 45) oder durch be­stimmtes, notwendiges (Fach)Wissen (vgl. Densley 2013, S. 76).

So entspringt auch die Rolle des Anführers. Der wichtigste Charakterzug für diesen ist zum Bei­spiel Mut, der Anführer fürchtet sich nicht vor Dingen, wovor andere Angst haben. Wenn er vo­rangeht, fühlen sich die anderen sicher und verliert er mal einen Kampf, schreitet die Gang ein und versucht die Feinde zu eliminieren. Dies ist jedoch nicht so oft der Fall, da der Boss meist auch der beste Kämpfer ist. Außerdem ist er „ein Mann der Taten“ und schnell und sicher in seinen Entscheidungen. Er würde für die Gang alles tun (vgl. Thrasher 1968, S. 239ff). Ein wei-terer wichtiger Punkt ist das unternehmerische Denken, welches einem Anführer sehr gut liegen muss, da die Gang ohne Wachstum stagniert oder gar scheitert (vgl. Densley 2013, S. 75). Je-doch kann es auch dazu kommen, dass ein Wechsel an der Spitze vorgenommen wird, wenn die Mitglieder wechseln. Macht der Anführer vor seinen neuen Mitgliedern einen Fehler oder missbraucht er deren Vertrauen, kann es das Ende seiner Führerschaft bedeuten und ein neuer Anführer wird gewählt (vgl. Thrasher 1968, S. 246f).

Daraus wird ersichtlich, dass sich der Anführer auch trotz seiner Machtposition an die Wünsche der Mitglieder anpassen muss. Er kann seine Gang zwar in gewisser Maßen führen, wie er es für richtig hält, darf ihre Loyalität und das Vertrauen jedoch nicht ausnutzen. So gelingt ihm eine gute Führerschaft und die Mitglieder unternehmen nichts ohne seine Einwilligung (vgl. Thrasher 1968, S. 245f). Diese klaglose Unterwerfung kann so groß sein, dass der Boss sie ins Gefängnis bringen kann, obwohl er selbst einen Fehler gemacht hat und dennoch wird er nicht verraten (vgl. Taylor/ Thiele 1998, S. 100).

Der Anführer kann von seinen Mitgliedern die Bereitschaft erwarten, ihm ohne hinterfragen zu folgen. Denn sind sie dazu nicht bereit, besteht die Möglichkeit ihre Mitgliedschaft infrage zu stellen (vgl. Kühl 2011, 84) und Folgen wie ein Ausschluss oder schlimmeres können entstehen. Das bedeutet, dass der Anführer die „Exit-Macht“ über seine Gang hat und entscheiden kann, wer ihr angehören darf oder nicht. Dennoch darf auf hier der Anführer nicht die Komponente der „Karriere­Macht“ vergessen, denn es muss gut überlegt sein, ob das Mitglied einen elementaren Beitrag für die Gang leistet und ihr beim Bestehen und Wachsen hilft (vgl. Kühl 2011, S. 86).

Als Zusammenfassung ist nun zu sagen, dass dieser starke Fokus der Hierarchie eher einen Schwerpunkt auf die Ungleichheit als auf die Gleichheit setzt (vgl. Oswald 1993, S. 356). Den­noch fügt sich jedes Mitglied seiner Position und erledigt die Aufgaben, die von ihm erwartet werden. Solange dies geschieht, ist die Struktur der Gang sicher.

Rekrutierung neuer Mitglieder

Und obwohl solch eine starke Hierarchie herrscht, ist die Rekrutierung neuer Mitglieder Alltag in einer Gang. Wie bereits geschrieben, deckt sich vor allem die Rekrutierung von neuen Mitglie-dern mit dem Finden von neuen Mitarbeiterinnen in Organisationen und stellt beide vor eine große Herausforderung. Aus diesem Grund wird in diesem Kapitel veranschaulicht, wie Mitglie-der rekrutiert werden, was es zu beachten gibt und welche Gefahren entstehen können. Dies wird wie bei James A. Densley veranschaulicht, der die Signaling-Theorie angewandt hat. Meistens rekrutiert eine Gang ihre neuen Mitglieder aus dem eigenen Gebiet (vgl. Thiele 1996, S. 336), da diese im vertrauten Territorium leben und aufgewachsen sind und sich die Mitglieder noch mit am meisten auf sie verlassen können. Denn das Bestehen einer Gang ist dynamisch, weshalb eine vertrauliche und schnelle Rekrutierung von Nöten ist. Gründe für das Verlassen einer Gang können Gefängnisaufenthalte, Morde, neue Freunde, ein Umzug, das Finden einer attraktiveren Gang, Streit zwischen den Mitgliedern oder eine Hochzeit sein, was einer der häu-figsten Gründe ist. In jedem Fall ist jedoch klar, dass sich die Anzahl der Mitglieder oder das Leben bei Austritten nicht ändert, da die ausgetretenen direkt durch neue Mitglieder ersetzt wer-den (vg. Thrasher 1968, S. 32).

Wie dies von Statten geht, lässt sich am besten anhand der Signaling-Theorie erklären. Die Sig-naling-Theorie stammt von Densley und beschäftigt sich mit der Rekrutierung von neuen Mitglie-dern. Die Rekrutierung ist in Gangs eine zentrale Aktivität. Sie suchen nach Signalen, die mit deren Eigenschaften korrelieren. Die Mitglieder durchleuchten mögliche neue Mitglieder nach „hard-to-fake“-Signalen, was so viel bedeutet wie Signale, die schwierig vorzutäuschen sind. Das Rekrutieren in Gangs kann mit den organisierten Kriminellen oder rebellischen Aufständischen verglichen werden, denn alle haben das gleiche organisatorisch Problem: Der Bedarf an vertrau-enswürdigen, loyalen und kompetenten Mitarbeitern unter den erschwerten Bedingungen wie Illegalität. Sie können jedoch sogar mit jeder Art von Organisation verglichen werden, da grund-sätzlich die Schwierigkeit besteht, glaubwürdige und loyale Mitglieder zu finden. Daher werden oft diejenigen rekrutiert, die schon einmal auffällig waren (vgl. Densley 2012, S. 301f), weil sie bereit für illegale Aktivitäten sind.

Wichtig für die Gang ist, dass die Signale zuverlässig sind („in order to be effective, signals have to be reliable“) (Densley 2012, S. 304). Die strategischen Kosten in Form von Aufwand, Raub oder Risiko stellen diese zuverlässigen Signale dar und vermitteln die Ehrlichkeit (vgl. Densley 2012, S. 305).

Um allerdings überhaupt Mitglieder rekrutieren zu können, muss vorerst der Kreis möglicher neuer Mitglieder eingegrenzt werden. Um so loyale und vertrauenswürdige Mitglieder wie mög-lich zu finden, findet die Rekrutierung normalerweise in der lokalen Umgebung statt, weil dort die potenziellen Leute besser zugänglich sind. Denn die Herkunft beschreibt eine zentrale Frage. Daher stellt die Nachbarschaft -wie oben bereits gesagt- eine wichtige Rekrutierungsquelle dar (vgl. Densley 2012, S. 308). Ein Beispiel hierfür ist: Eine in einer gewalttägigen Familie aufge-wachsene Frau, welche stets miterlebte, wie ihre Mutter geschlagen wurde. Durch diese Erfah-rung ist Gewalt auf der Straße nichts Neues für sie. Die örtliche Nähe legt ein weiteres Zeichen für die Berechtigung zur Gangmitgliedschaft dar und die Menschen kennen die Möglichkeit, Op-fer oder Täter der Gewalt zu werden (vgl. Densley 2012, S. 309). Ein weiterer wichtiger Punkt für die Eingrenzung ist die Frage, ob das potenzielle Mitglied die nötigen Aufgaben erfüllen kann. Denn scheidet ein anderer aus, kann stark vermutet werden, dass er seine Position mit den Aufgaben zu übernehmen hat. So muss erst die Aufgabe für das Mitglied definiert werden, bevor eine Person für genau diese ausgewählt wird (vgl. Kühl 2011, S. 26).

Dennoch muss vorerst auch geschaut werden, ob die Anwärter und Gang überhaupt zusammen­passen. Daher werden das Engagement (beispielsweise regelmäßiges Erscheinen, Bereitschaft zur Kriminalität) und auch ihre Kompetenzen (zum Beispiel Kämpfen) geprüft und gewertet. Au-ßerdem werden die Werte und Fähigkeiten getestet und mit denen der Gang verglichen. Hier wird sich die Frage gestellt: Passt die Identität auch zu der Gruppe? Für diese Eignung werden verschiedene Tests durchgeführt: Die Testperson muss bereit sein, ihre ganze Zeit der Gang zu widmen und immer pünktlich zu Treffen erscheinen (vgl. Densley 2012, S. 314).

Automatische Signale sind für das Screening auch ein wichtiger Bestandteil. Gangs vertrauen grundsätzlich nur der Familie, den engsten Freunden oder anderen, die so sind wie sie selbst. Dem kann Kühls Argument gegenübergestellt werden, dass es Organisationen egal ist, welchen ethnischen Hintergrund oder aus welcher Schicht die Mitglieder stammen (vgl. Kühl 2011, S. 26). Denn Gangs würden niemals ein Mitglied aufnehmen, dass aus einem anderen Territorium oder einer anderen Schicht kommt. Daher ist der Zutritt in eine Gang meist ohnehin schon einge-schränkt durch vorherige Verbindungen in eine Gang. Oftmals kann die Gangmitgliedschaft aber auch als eine „Familientradition“ angesehen werden, weshalb die Anwärter klar ausgewählt sind. Ferner erhöhen Freundschafts- und Familienbeziehungen die Informationen über eine Person und geben dadurch mehr Sicherheit was die Person betrifft (vgl. Densley 2012, S. 307f). Aber auch Gewaltpotenzial, kriminelle Kompetenz und Treue sind vertrauensbildende Eigenschaften fürdie Rekrutierung (vgl. Densley2012, S. 315).

Das Gewaltpotenzial ist eine grundlegende Fähigkeit, diejedes Mitglied mitbringen sollte. Denn jedermann sollte kämpfen und vor allem auch siegen können (vgl. Densley 2012, S. 310f). Au­ßerdem schreibt Densley: „violence potential constitutes a trust-warranting property within the gang context” (2012, S. 311), weshalb Gewaltpotenzial nicht nur ein wichtiges Gut an sich ist, sondern auch der Beweis für Vertrauen und Loyalität. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass zu viel und wahllose Gewalt ebenfalls nicht gut ist und die Mitglieder daher in der Lage sein müssen, die Notwendigkeit der Gewalt einzuschätzen (vgl. Densley 2012, S. 311). Um das Po­tenzial besser einschätzen zu können, greifen bestehende Mitgliederein neues Mitglied auf der Straße an und kämpfen mit ihm oder rauben es aus, um seine Reaktion zu testen. Dennoch ist wichtig zu sagen, dass die Bereitschaft zur Gewalt wichtiger ist, als die der Fähigkeit, denn das kann gelernt werden. Doch ist ein Mitglied nicht bereit, Gewalt anzuwenden, ist es nicht brauch-bar (vgl. Densley 2012, S. 311).

Ein potentielles Mitglied muss jedoch nicht nur Gewalt signalisieren, sondern auch Kriminalität. Denn die kriminelle oder straffällige Komponente ist genau das, was Gangs von Peer Groups unterscheidet. Daher ist die Suche nach kriminellem Potenzial von hoher Bedeutung und ver­gangenes kriminelles Verhalten wird in der Gang hoch angesehen. Aber auch Jugendliche ohne eine kriminelle Vergangenheit können sich in der Gegenwart der Bande -bei zum Beispiel Dieb-stählen- beweisen. Dieser Punkt ist für die Mitglieder so wichtig, da Kriminalität ein ehrliches Signal ist. Zudem schaffen illegale Handlungen ein Band zwischen allen Gangmitgliedern, weil jeder über das Verhalten des anderen Bescheid weiß und sie einen Grund finden, ihre Handlun-gen geheim zu halten. Dies fördert nochmals die Loyalität, das Vertrauen und den Zusammenhalt in der Gang (vgl. Densley 2012, S. 311ff).

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Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Gangs als attraktiver Zufluchtsort für Jugendliche. Anreize für den Eintritt und Verbleib in Jugendgangs
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,7
Jahr
2020
Seiten
38
Katalognummer
V923359
ISBN (eBook)
9783346250681
ISBN (Buch)
9783346250698
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gangs, Jugendliche, Groups, Peer groups, Jugengsgangs, Jugendgruppen, Jugendgewalt, Gewalt, mara
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Gangs als attraktiver Zufluchtsort für Jugendliche. Anreize für den Eintritt und Verbleib in Jugendgangs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923359

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