Religionskritik in Günter Grass' "Danziger Trilogie"

Interpretation vor dem Hintergrund der Feuerbach’schen Anthropozentrik


Diplomarbeit, 2000

104 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zur Anthropozentrik Ludwig Feuerbachs (1804 - 1872)
1.1 Die „Rückholung Gottes“ auf die Erde
1.2 Eine Religion der Liebe in Form eines sozialen Humanismus

2 Überblick über Leben und Werk von Günter Grass
2.1 Ein Leben als Ehrung eines Autors
2.2 Politisches Engagement: Sozialdemokratie und christliche Perspektiven

3 Die Danziger Trilogie: Die Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre
3.1 Hintergrund und Entstehung
3.2 Die Blechtrommel: Roman über den Antichristen?
3.2.1 Konzeption eines Gegenmessias’
3.2.2 Nachfolge und Jüngerschar
3.2.3 Der Dritte Prozess Jesu
3.2.4 Obszönitäten, Respektlosigkeiten und moralische Bedenken
3.3 Katz und Maus: eine Messiaserzählung?
3.3.1 Der scheiternde „zweite Adam“
3.3.2 Ödipaler Marienkult als Gottesersatz
3.4 Hundejahre: Moralismus oder Blasphemie?
3.4.1 Frühschichten
3.4.2 Liebesbriefe
3.4.3 Materniaden
3.4.4 Gottsucher Walter Matern und Erlöser Eduard Amsel

Schluss: Grass’ Auseinandersetzung mit dem Menschlichen und dem Göttlichen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wer hier glaubt, Günter Grass ist aus dem Grunde das Thema dieser Diplomarbeit, weil er durch die Zuerkennung des Literaturnobelpreises 1999 gerade wieder in aller Munde ist, der irrt. Die Idee, über den zur Zeit wohl bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller zu schreiben, kam mir bereits 1998, also zu einer Zeit, in der eher noch sein, bei den Kritikern durchgefallener Roman „Ein weites Feld“ Anlass gab, darüber zu sprechen, dass wohl auch ein derartiger Erfolgsautor einmal alt wird ...

Nein, meine Intention lässt sich simpel von der Tatsache ableiten, dass ich meine beiden Studienfächer, Kombinierte Religionspädagogik und Deutsche Philologie (Lehramt), in meiner Diplomarbeit verbinden und also ein literarisches Thema verarbeiten wollte. Und was liegt wohl näher, als dazu einen Schriftsteller heranzuziehen, den man ohne mit der Wimper zu zucken als seinen „Lieblingsautor“ bezeichnen kann? Man kann sich natürlich die höchst angenehme Überraschung vorstellen, dass dieser Schriftsteller einerseits gerade zu jener Zeit zu einer Lesung nach Graz kam, als das Thema der Arbeit bereits fixiert war und man andererseits eine Woche später erfahren darf, dass dieser Schriftsteller den Literaturnobelpreis erhalten würde.

Doch nun zur Arbeit selbst: Kennt man Günter Grass, weiß man um seine zutiefst satirisch eingefärbte Kritik, die vor keinem ideologischen Gebilde und keiner noch so fest verankerten Institution Halt macht. Dies gilt natürlich auch für die Inhalte des christlichen Glaubens, vornehmlich der katholischen Kirche, die sich seit Aufkommen der traditionellen Religionskritik immer wieder vor diversen Schriftstellern und Schriftstellerinnen behaupten oder verteidigen muss.

Bezeichnet sich ein gläubiger, praktizierender und noch dazu theologisch geschulter Christ als Grass-Fan, so scheint dies zuerst ein Widerspruch zu sein, wurde der Autor aufgrund seiner „unmoralischen“ und angeblich kirchenfeindlichen Inhalte doch jahrelang besonders von Seiten christlicher Leser und Kritiker besonders geächtet. Dennoch kann sich ein Theologe der heutigen Zeit gerade solcher literarischer Werke nicht entziehen, da gerade sie ihm immer wieder Anlass dazu geben, über seinen Glauben nachzudenken. Ist man zudem auch noch literaturwissenschaftlich vorbelastet und gebildet, so steht man ohnehin ständig in einer inneren Auseinandersetzung zwischen der Frage „Ist das moralisch (oder auch dogmatisch) vertretbar, was der/die da schreibt“ und der Frage: „Welchen literarisch künstlerischen Gehalt kann betreffendes Werk aufweisen?“

Nun, auch die Schmerzgrenze des Christen hat sich mittlerweile nach oben verschoben, und so erscheinen Bücher, die ehemals verpönt waren, nun als Glanzstücke literarischen Schaffens. Gerade Günter Grass kann eine Mittlerrolle zwischen Glauben und Religionskritik zugestanden werden, sind seine Romane doch zutiefst katholisch geprägt und verfügen trotz aller kritischen Elemente über einen theologischen Gehalt, den sich manches spirituelle Büchlein nur wünschen kann.

Da die Behandlung religionskritischer Elemente in Grass’ Danziger Trilogie das vornehmliche Ziel dieser Arbeit ist, soll auch ein Vertreter der traditionellen Religionskritik als Rahmen für die weitere Betrachtung herangezogen werden. Ludwig Feuerbach kann dafür die richtige Wahl sein - obwohl Karl Marx inhaltlich vielleicht näher läge -, da sein materialistisches und anthropozentrisches Weltverständnis quasi die Grundlage für jene Strömungen darstellt, die jeglicher Religion bis heute kritisch bis ablehnend gegenüberstehen.

Diese Arbeit gliedert sich wie folgt:

Nach einem erläuternden Kapitel über Ludwig Feuerbach und seine Philosophie, soll auf das Leben und Werk Günter Grass’ sowie sein politisches Engagement eingegangen werden. Im Anschluss daran erfolgt die eigentliche Besprechung der „Danziger Trilogie“, die erst als Ganzes (Hintergrund und Entstehung) dann in ihren Teilen, „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ untersucht werden soll. Die Untersuchung der drei Bücher im Einzelnen folgt im Großen und Ganzen ihren inhaltlichen Verläufen und wird unter hauptsächlich textimmanenter Methode in Bezug auf die theologische Fragestellung angestellt. Die Referenz zur Theologie erfolgt vorwiegend durch den vorgegebenen Rahmen, der während der Literaturanalyse immer wieder einfließt und am Schluss der Arbeit die Grundlage des Resümees bildet.

Im Zusammenhang mit dem Verfassen dieser Arbeit gilt mein Dank v.a. Herrn Prof. Dr. Gerhard Larcher, dem Betreuer meiner Arbeit und Herrn Ass. Prof. Dr. Erich Renhart, der überhaupt eine der ausschlaggebenden Personen war, die mich auf das Studium der Theologie brachten und mir zudem bei der Korrektur half.

1 Zur Anthropozentrik Ludwig Feuerbachs (1804 - 1872)

Vielleicht erscheint es ein wenig ungewöhnlich, das Werk des deutschen Literaturnobelpreisträgers gerade unter dem Blickwinkel einer philosophischen Strömung des 19. Jahrhunderts zu untersuchen. Zudem hat sich Grass in seinen literarischen wie theoretischen oder politischen Werken nie dezidiert mit Feuerbach beschäftigt oder gar an ihm orientiert; und dennoch lassen sich Parallelen ausfindig machen, die den Autor nun zwar nicht gerade in der Nachfolge des deutschen Philosophen erscheinen lassen, ihn aber doch in einen gewissen Zusammenhang mit den Folgen der Feuerbach’schen Religionskritik sehen, die sich etwa - wenn auch mit erheblichen Abstrichen - im Marxismus fortgesetzt und sicherlich einen erheblichen Nährboden für den modernen Atheismus gelegt hat. Auch wenn Grass seine politische Heimat gerade nicht im Kommunismus findet, so doch in der Sozialdemokratie, für die er bis heute vehement eintritt, und deren Ideologie ohne den auf Feuerbach begründeten (formalen) Materialismus[2] wohl nicht denkbar wäre.[1]

Ob bzw. inwiefern das Werk Günter Grass’ im Allgemeinen, die „Danziger Trilogie“ im Speziellen, im Sinne dieser Religionskritik zu betrachten ist, das herauszufinden ist Aufgabe dieser Arbeit. Was jedoch vorweg gesagt werden kann, ist, dass bei Feuerbach wie bei Grass die Beschäftigung mit Gott bzw. dem Göttlichen - sofern der Schriftsteller diesen Inhalt tatsächlich bewusst in seine Interessen einbeziehen will - nicht aus offenbarungstheologischer Sicht geschieht, sondern aus dem Blickwinkel menschlicher Reflexion über einen etwaigen Sinnhorizont, wobei der Mensch hierbei eindeutig im Mittelpunkt des Prozesses steht. Wie Feuerbach Gott auf die Erde „heruntergeholt“ hat, so versucht Grass in gewissem Sinne das verklärte Göttliche auf irdisches Niveau zu bringen und den Leser damit zu konfrontieren. Bestes Beispiel hierfür ist die Entwicklung der Konzeption des Romans „Die Blechtrommel“. Hatte Grass ursprünglich vorgehabt, die Geschichte aus der Sicht eines Säulenheiligen zu schreiben - also von oben herab -, so entschloss er sich schließlich gerade für das Gegenteil. Er erfand die Figur des Oskar Matzerath, der quasi als Gnom die Welt von unten betrachtet und in weiterer Folge immer wieder versucht, sich als irdischer, manchmal antichristlicher Part an und mit Christus zu messen[3] (mehr dazu in Kapitel 3.2.)

Grass dabei jedoch als Atheisten zu bezeichnen - was man Feuerbach mit gewissen Einschränkungen vorhalten könnte -, ist unzutreffend, zumal er dies selbst bestreitet: „Ich würde mich nie als Atheist bezeichnen, ich schreibe nicht für, nicht gegen Gott.“[4] Und doch wurde ihm gerade das immer wieder vorgehalten[5] - und wird es vielleicht auch heute noch. Zu erinnern sei in diesem Zusammenhang etwa an die zahlreichen Proteste von christlich-sozialen Gruppierungen gegen die Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Günter Grass 1965.[6]

Ich will die „Danziger Trilogie“ in Bezug auf Ludwig Feuerbach unter zwei bestimmten Gesichtspunkten untersuchen: der Konfrontation des Menschlichen mit dem Göttlichen im Sinne einer Art Konkurrenzkampf seitens des Irdischen, was der Schwerpunkt meiner Interpretationen von „Die Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ sein wird. Der zweite Gesichtspunkt resultiert aus der „Enttranszendentierung“ der göttlichen Wirklichkeit und bedingt den Aspekt des Humanismus, der bei Feuerbach durch die Zentrierung des Menschen, der „dem nahen, unentbehrlichen anderen Menschen [...] in Liebe zugetan ist“[7], radikalisiert wird. Bei Grass kommt dieser Aspekt vor allem in der Behandlung des Antisemitismus im Roman „Hundejahre“ zum Ausdruck. Gerade dieser Humanismus, den Ernst Bloch eine „Art religiöse[n] Humanismus“[8] nennt, ist es aber, der Feuerbach für das Christentum vielleicht generell so interessant macht, da er - nach aller oft übertriebenen individuellen Projektion der Bedürfnisse und Wünsche in Gott - in seiner „Religion der Liebe“, wie Friedrich Engels Feuerbachs Philosophie eher polemisch bezeichnet[9], uns damit den Nächsten wieder vor Augen führt. Die Frage ist jedoch, ob Grass diesen Humanismus in seinem Werk durchhält oder sich doch als posthumanistischer Autor präsentiert.

1.1 Die „Rückholung Gottes“ auf die Erde

Feuerbachs Philosophie, seine Umlegung göttlicher Attribute auf die menschliche Gattung, scheint einfach und hat vielleicht auch aus diesem Grund ab der Mitte des 19. Jh.s. bis ins 20. Jh. hinein eine große Popularität erlangt. Künstler und Schriftsteller wie Richard Wagner, Gottfried Keller, Georg Herwegh, Ludwig Börne oder Heinrich Heine ließen sich von ihm ebenso beeinflussen wie die russischen Revolutionäre Michail A. Bakunin, Wissarion G. Belinskji, Alexander Herzen oder Georgji W. Plechanow, der Begründer des russischen Marxismus. Auch Wladimir I. Ulanow, genannt Lenin, schließt sich in seinem Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ Feuerbach an. Dessen Betonung des Menschen und der Immanenz der Realität bildet den treibenden Hintergrund für den um 1830 entstehenden poetischen Realismus bzw. für den Sozialismus in Russland.

Als Sohn des Juristen Anselm Feuerbach - bekannt durch seine Verteidigung des Findlings Kaspar Hauser - begann Ludwig Feuerbach als Neunzehnjähriger mit dem Studium der protestantischen Theologie in Heidelberg. Enttäuscht von den Lehren und Ideen der Heidelberger Theologen ging er nach Berlin, setzte dort das Studium in Kombination mit Philosophie fort und fand in Georg W. F. Hegel seinen Lehrer. Zwischen 1927 und 1828 hegt Feuerbach erste Zweifel an ihm. Als „abtrünniger Hegelianer“ kritisierte er Hegels Verbindung von Philosophie und Religion und folglich dessen Idealismus (vor allem in seinem Aufsatz: „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“ von 1839.) „In ihm erklärte er, nicht die Idee bestimme das Konkret-Wirkliche, sie selbst werde vielmehr von diesem bestimmt. Weltprinzip sei nicht der Geist, sondern die Natur“[10] - ein Gedanke, der im Übrigen auch bei Günter Grass zu finden ist.[11] Die Natur spiele demnach bei Hegel, der in seinen Jugendschriften durchaus danach trachtet, „die ,Schätze’, die an den Himmel verschleudert worden sind, als Eigentum der Menschen zu vindizieren“[12], eine untergeordnete und unnatürliche Rolle, deren wahre Stellung nur durch das Ersetzen des Weltgeistes mit dem lebendigen Menschengeist gefunden werden kann. Der Begriff der Natur ist es auch, der zum Materialismus führt und durch das Buch „Das Wesen des Christentums“ Anklang bei Marx und Engels fand. Mittels des bei Feuerbach artikulierten Naturbegriffs konnten beide auf dem Gedanken aufbauen, dass außerhalb der Natur, deren Produkt der Mensch ist, nichts sei. Der Feuerbach’sche Materialismus, seine These, dass alle Erscheinungen „nur eine Form der konkreten Natur“[13] seien, lieferten die Voraussetzungen für Marx’ Historischen Materialismus, in dem allerdings dem geschichtlichen Aspekt im Unterschied zu Feuerbach eine viel größere Rolle zukommt.

Von Sensualismus und Empirismus wesentlich beeinflusst, sieht Feuerbach durch die Anschauung das Ich vom Gegenstand bestimmt, den Gegenstand wiederum im Denken vom Ich bestimmt:

[I]m Denken bin ich Ich, in der Anschauung Nicht-Ich. Nur aus der Negation des Denkens, aus dem Bestimmtsein vom Gegenstande, aus der Passion, aus der Quelle aller Lust und Not erzeugt sich der wahre objektive Gedanke.[14]

An der Hegel’schen Philosophie, die er wegen ihrer Immanenz einerseits rühmt, kritisiert er andererseits deren theologisch transzendente Züge. Das Defizit Hegels sei es, dass dieser das Ding selbst im Gedanken des Dings ergreifen möchte, den konkreten Begriff dabei jedoch nur sehr schwer fasst. Damit sei aber die Hegel’sche Philosophie dem empirischen Sein entfremdet.[15]

Nun kann man die Kritik Feuerbachs jedoch nicht so verstehen, dass er sich vollends gegen seinen Lehrer gestellt habe. Nach den Ausführungen Ernst Blochs muss man sogar davon ausgehen, dass er ein äußerst leidenschaftlicher Schüler Hegels war und dessen Philosophie „zu Ende konkretisieren“[16] wollte - allerdings in einer strikt anthropologischen Sichtweise.

Hier kommt es nun auch zur berühmten „Vertauschung“ Gottes mit dem Menschen, durch die laut Wolfhart Pannenberg Feuerbachs philosophisches System zur „erste[n] Gestalt des vollendeten Atheismus“[17] geworden ist. Hegel habe, indem er meinte, dass Gott sich im Menschen wisse, Subjekt und Objekt vertauscht. Feuerbach dreht Hegels Satz um und sagt, dass der Mensch in seinem Gott nur sich wisse. „Das Subjekt der Gottheit sei die Vernunft, das Subjekt der Vernunft jedoch der Mensch.“[18] Indem er Hegels mystische Auflösung des Gottinhaltes dadurch streicht, dass er die anthropologische Auflösung umso strikter verfolgt, wird das Göttliche als Wunschinhalt des Menschen auf transzendenter Ebene und somit „als der bessere Teil des entzweiten Menschen“[19] erklärt. Alle Eigenschaften, die der Mensch Gott bzw. dem Göttlichen zuspricht, sind nichts anderes als die Projektion der menschlichen Eigenschaften in ein dem Menschen entäußertes Jenseits. Die Religion ihrerseits erklärt er aus einem Bedürfnis des Menschen nach dessen Selbstverwirklichung. Demnach ist der eigentliche Gegenstand der Religion der Mensch selbst:

Das Bewußtsein Gottes ist das Selbstbewußtsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen. Aus seinem Gotte erkennst du den Menschen, und wiederum aus dem Menschen seinen Gott, beides ist eins. Was dem Menschen Gott ist, das ist sein Geist, seine Seele, sein Herz, das ist sein Gott: Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen; die Religion die feierliche Enthüllung der verborgenen Schätze des Menschen, das Eingeständnis seiner innersten Gedanken, das öffentliche Bekenntnis seiner Liebesgeheimnisse. ([20])

Oder an anderer Stelle:

Das Bewußtsein des unendlichen Wesens ist nichts anderes als das Bewußtsein des Menschen von der Unendlichkeit seines Wesens, oder: in dem unendlichen Wesen, dem Gegenstande der Religion, ist dem Menschen nur sein eignes unendliches Wesen Gegenstand. ([21])

Gerade aus dieser Tatsache, dass Gott nun nicht mehr Subjekt ist, sondern vielmehr diesem, nämlich dem Menschen, sein ideelles Sein verdankt, zieht Feuerbach im Gegensatz zu Hegel die atheistische Konsequenz.

1.2 Eine Religion der Liebe in Form eines sozialen Humanismus

Ich habe bereits unter Punkt 1 erwähnt, dass der Ausdruck „Religion der Liebe“ von Friedrich Engels eher polemisch verwendet wurde. Seine wie auch Marx’ Kritik bezieht sich auf den Umstand, dass Feuerbach ihrer Meinung nach „den Menschen nur in seinem Verhältnis zur Natur, nicht aber in seinem Verhältnis zur Gesellschaft gesehen [...] habe“[22]. Damit habe er gleichzeitig „die geschichtliche Entwicklung und die sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen außer acht gelassen“[23]. Nicht die Liebe verbinde demnach die Menschen, sondern lediglich die Arbeit. Damit wurde Feuerbach gleichzeitig der Vorwurf gemacht, seinen Atheismus nicht zur Gänze vollzogen und damit auch die Religion nicht überwunden zu haben. Doch trotz aller Vorwürfe - oder gerade wegen dieser - lohnt es sich, ihn im Zuge theologischer Untersuchungen heranzuziehen.

„Durch die Selbstentzweiung in der Religion habe der Mensch sich aber auch von der Gattung abgesondert und sei zu einem isolierten, egoistischen Individuum geworden.“[24] Feuerbach wollte dem Menschen den Menschen wieder näher bringen - ein Gedanke, den ich ebenfalls unter Punkt 1 als für das Christentum interessant bezeichnet habe. Und tatsächlich scheint es so, als hätten gerade diese Ideen den Aspekt der Nächstenliebe innerhalb des Christentums im 20. Jahrhundert wieder erstarken lassen. Zumindest dürfte die Auseinandersetzung mit dem modernen Atheismus dazu beigetragen haben, dass sich die christlichen Kirchen von einer eher autoritären, vor allem um die strikte Einhaltung des Lehramtes besorgten, Institution wieder auf ihr Selbstverständnis als Gemeinschaft besonnen haben. Zu beachten ist hierbei die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geforderte Fairness in der Diskussion mit den diversen atheistischen Systemen[25], gerade auch weil das Konzil „für die humanistische Basis und Tendenz dieses Atheismus sehr sensibel war“[26].

Allerdings sieht Feuerbach die Vorzeichen dazu anders gesetzt. Betrachtet der Christ den Nächsten als Abbild Gottes und schließt von der Liebe zu Gott auf die Liebe zum Nächsten, so möchte Feuerbach die Gottesliebe durch die Menschenliebe ersetzen und sie „zum höchsten Gesetz“[27] erheben. Die Liebe zum Menschen als höchstes Wesen führt zur Lehre eines „sozialen ,Humanismus’“[28], der - von Marx, Engels oder Moses Heß verarbeitet - durchaus anregend für den deren Sozialismus war.

Die Perspektive wird radikal ins Diesseits gelenkt, die Liebe als die Menschen verbindend gesehen. Gerade in diesem Punkt wurde Feuerbach der Vorwurf gemacht, im Endeffekt doch wieder religiös zu sein, indem er eine neue Religion, „die ,Religion der Liebe’ zu schaffen“[29] versuchte. Und tatsächlich kommt er nicht an diesem Begriff vorbei; denn obwohl er durch Übertragung der göttlichen Attribute auf die Natur des Menschen allein der Gattung (Mensch) das Vermögen zusprach, die Religion aufheben zu können, ließ er am Ende doch wieder eine Religion bestehen: „Keine Religion haben heißt nur an sich selbst denken, Religion haben an andere denken. Und diese Religion ist die allein bleibende.“[30] Diese Religion sieht er in Form der Politik, deren Höchstes in der Anschauung der Mensch als Gattung ist, der seinerseits wiederum die Politik zur Religion macht. Politik als Religion der Vernunft meint in diesem Zusammenhang vor allem „die zum Zweck der Einheit gemachte Einheit“[31]. Die Liebe gilt also demnach nicht einem vom Menschen unterschiedenen Gott, sondern dem Menschen selbst, den Feuerbach jedoch nicht so sehr individuell betrachtet als vielmehr in der wesenhaften Bestimmung der Gattung. Die Liebe nämlich sei „nur identisch mit der Vernunft, aber nicht mit dem Glauben; denn wie die Vernunft, so ist die Liebe freier, universeller, der Glaube aber engherziger, beschränkter Natur“[32].

Auch hier muss wieder der Gattungsbegriff angestrengt werden, da er bei Feuerbach aus der „Umkehrung“ Gottes zum Kriterium für die diesseitige Liebe, die gleichzeitig - wie schon in der griechischen Philosophie - als Bewegung zu sehen ist, wird. Feuerbach erläutert in „Das Wesen des Christentums“, dass für den Christen „die unmittelbare Einheit der Gattung und Individualität [...] das höchste Prinzip, der Gott des Christentums“[33] sei, und „der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit“ sei „ganz identisch mit dem Glauben an den persönlichen Gott[34]. Allerdings würde der direkte Weg in den Himmel um den Preis der Ehe- und Geschlechtslosigkeit erkauft werden:

Dem Glauben an die persönliche Unsterblichkeit liegt der Glaube zugrunde, daß der Geschlechtsunterschied nur ein äußerlicher Anflug der Individualität, daß an sich das Individuum ein geschlechtsloses, für sich selbst vollständiges, absolutes Wesen ist.([35])

Dies könne jedoch für Feuerbach, für den „der Mensch zugleich, wie etwas für sich, so etwas für andere, für das Allgemeine, die Gattung als einer Wahrheit“[36] ist, nicht gelten. Nicht umsonst sprechen wir hier von einer „Religion der Liebe“, in der die Menschen durch ihre Bewegung zueinander bestimmt sind:

Wer aber keinem Geschlecht angehört, gehört keiner Gattung an [...] und wer keiner Gattung angehört, der gehört nur sich selbst an, ist ein schlechthin bedürfnisloses, göttliches, absolutes Wesen [...] Wer im Bewußtsein der Gattung und folglich ihrer Wahrheit lebt, der lebt auch im Bewußtsein der Wahrheit der Geschlechterbestimmtheit. ([37])

Gott werde - auch im Zuge christlich motivierter Leibfeindlichkeit - als Gattungsbegriff transzendentiert, Sinnlichkeit erst im Himmel als „Objekt der Phantasie[38] erfahrbar.

Unser eignes zukünftiges, aber von uns, wie wir gegenwärtig in dieser Welt, in diesem Leibe existieren, unterschiednes, nur ideal gegenständliches Wesen ist Gott - Gott ist der Gattungsbegriff, der sich dort erst verwirklichen, individualisieren wird.([39])

Diese Trennung des Menschen von Gott müsse überwunden, das selige Leben demnach als Einheit mit Gott auf „irdisches Niveau“ gebracht werden, womit auch der Gattungsbegriff und damit die Leib- bzw. Geschlechtsbezogenheit des Menschen zu ihrer Geltung finde. „Das allgemeine Wesen des Menschen erweise sich als die sich ständig selbst überschreitende Tendenz auf ein immanentes Ziel hin.“[40] Die Natur wird somit zum grundlegenden Kriterium für eine immanente Eschatologie. Dabei kommt vor allem der Sexualität eine besondere Bedeutung zu, da sich in ihr der Mensch „am meisten unmittelbar ist zu seiner Natur“[41]. Die Einheit von Mann und Frau, in der sich die Einheit von Geist und Natur steigert, verwandle die transzendente Erfahrung einer Einheit mit Gott in das „sinnlich-empirische Einheitsgefühl“[42]. In der Sexualität verwirkliche sich das Wesen des Menschen durch die „Vereinigung des Individuellen mit dem Allgemeinen“[43] und ersetze somit eine transzendente Eschatologie.

Den sexuellen Aspekt der Feuerbach’schen Anthropozentrik betone ich an dieser Stelle auch deswegen, weil er ebenso bei Günter Grass einen enormen Stellenwert einnimmt, wenn auch in bewusst pornographischer und oft destruktiver Konzeption - was vor allem auch den Grund für die bereits erwähnte Kritik gegen die Verleihung des Georg-Büchner-Preises an ihn darstellte. Doch trotz des betont dekadenten Charakters der Sexualität in Grass’ Werk kann sie darin - wie noch zu zeigen sein wird - durchaus in einer eschatologisch (und natürlich anthropologisch) orientierten Weise betrachtet werden, da sie immer wieder in Zusammenhang mit endgültigen Bedürfnissen und Zielvorstellungen der jeweiligen Protagonisten thematisiert wird - Ziele, die für das Handlungsgeschehen konstitutiv sind, da die betont sexuelle Ausrichtung der Hauptfiguren in den drei zu untersuchenden Texten als Basis für die Entwicklung der Figuren und damit auch des Inhaltsverlaufes fungiert.

2 Überblick über Leben und Werk von Günter Grass

So sehr für meine Untersuchungen vor allem die textimmanente Interpretationsmethode (unter dem Raster der im ersten Kapitel behandelten Thematik) dominieren soll, so wichtig ist es doch, Leben und Werk von Günter Grass zu erläutern, denn gerade durch das Wissen um die Persönlichkeit des Autors, die durchwegs autobiographisch in seinem Werk verfolgbar ist, lassen sich die Verbindungen zur Philosophie Ludwig Feuerbachs herstellen. Aus diesem Grund stelle ich der näheren Interpretation der „Danziger Trilogie“ ein Kapitel über Günter Grass selbst voran, wobei das Augenmerk weniger auf sein literarisches Schaffen als viel mehr auf sein Leben und seine Auszeichnungen gelegt werden soll. Neben der privaten Biographie des Autors ist es im Speziellen die politische Person Günter Grass, die im Mittelpunkt dieser Erläuterungen stehen soll. Gerade durch sein vor allem auch parteipolitische Engagement, das sich durchaus im literarischen Schaffen manifestiert, ist es möglich, Schlüsse zu ziehen, die unseren Fragestellungen – vor allem der Frage nach der Religionskritik - gerecht werden.[44]

2.1 Ein Leben als Ehrung eines Autors

Günter Grass wird am 16. Oktober 1927 als Sohn eines kleinbürgerlichen Kolonialwarenhändlers in Danzig, der Stadt, in der ein Großteil - wenn nicht der überwiegende Teil - seines Werkes spielt, geboren. Seine, für Danzig recht typische, Abstammung ist väterlicherseits „deutschstämmig“, mütterlicherseits „kaschubisch“. Laut René Wintzen verlebt Grass eine sorglose Kindheit.[45] Von 1933 bis 1944 besucht er die Volksschule und das Gymnasium Conradinum, ist mit zehn Jahren Mitglied des Jungvolkes, mit vierzehn in der Hitlerjugend, bis er 1944 als Luftwaffenhelfer der deutschen Wehrmacht eingezogen wird. 1945 wird er am Tage von Hitlers Geburtstag bei Cottbus verwundet und gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft in Bayern, wo auch seine „Umerziehung“ durch die „Führung durch das KZ Dachau“ erfolgt. Doch erst mit der Zeit will Grass, der als Siebzehnjähriger nicht an die Verbrechen des NS-Regimes geglaubt hat, die Gräuel des Krieges begreifen. Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft 1946 und dem Wiederfinden seiner Familie, verzichtet er auf das Nachholen des Abiturs und arbeitet in einem Kalibergwerk. Während dieser Tätigkeit, die ihn mit „verbitterte[n] Kommunisten“, „[k]leine[n] harmlose[n] Nazis“ und Altsozialdemokraten zusammenbringt, nähert er sich den gemäßigten Sozialdemokraten, „die weder vom Tausendjährigen Reich noch von der Weltrevolution faselten“[46].

1947 beginnt Grass eine Steinmetzlehre in Düsseldorf und wird - am „Waschbrett“ - Mitglied einer Jazzband, eher er 1948 mit dem Studium an der Kunstakademie Düsseldorf beginnt und bis 1951 Bildhauerei bei Sepp Mages und Graphik bei Otto Pankok lernt.

Auf einer Frankreichreise 1952 fasst er zum ersten Mal das Romanprojekt „Die Blechtrommel“ ins Auge, übersiedelt 1953 nach Berlin, holt seine Schwester, „die sich verrannt hatte“[47] aus einem katholischen Kloster und setzt das Studium an der Hochschule für bildende Künste bei Karl Hartung fort. In Berlin trifft er auch die Schweizer Ballettschülerin Anna Schwarz wieder, die er bei seiner Rückkehr aus Frankreich kennen gelernt hat und 1954 heiratet. Im selben Jahr, am 19. Februar, findet die Uraufführung des Dramas „Noch 10 Minuten bis Buffalo“ im Schauspielhaus Bochum statt (Regie: Manfred Heidmann.)

Einen wichtigen Stellenwert für Grass’ Karriere nehmen die Tagungen der Gruppe 47 ein: Nach einem kleineren Preis (3. Platz bei einem Lyrikwettbewerb des Süddeutschen Rundfunks) wird er 1955 von Hans Werner Richter eingeladen, Manuskripte mitzubringen und daraus vorzulesen. Grass trägt Gedichte vor und nimmt von da an regelmäßig an den Tagungen der Gruppe teil. 1958 erhält er den bedeutenden Preis der Gruppe 47 für Auszüge aus seinem Roman „Die Blechtrommel“ (Kap. 1 und 34), deren Niederschrift er 1956 beginnt und 1959 vollendet. In der selben Zeit hält sich Grass in Paris auf und freundet sich mit Paul Celan an. Mit der Teilnahme an der Gruppe 47 reiht er sich in die Runde so bedeutender Namen wie Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Martin Walser oder Hans Magnus Enzensberger ein. Die Gruppe wird Grass literarische Heimat, der er in seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“ 1979 ein Denkmal setzen wird.

1956 erscheint „Die Vorzüge der Windhühner“, ein Band mit Gedichten, Prosa und Zeichnungen. Ein Jahr später werden das Stück „Hochwasser“ und das Ballett „Stoffreste“ (Musik: Aribert Reimann, Choreographie: Marcel Luipart) uraufgeführt. Im selben Jahr werden auch seine Kinder, die Zwillinge Franz und Raoul geboren.

1959 erscheint „Die Blechtrommel“. Währenddessen ist Grass mit der Arbeit an „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ unter dem Arbeitstitel „Kartoffelschalen“ beschäftigt. Es wird ihm der Bremer-Literatur-Preis von der Jury zuerkannt, vom Senat jedoch verweigert. Grass beendet seine bildhauerische Arbeit.

1960 übersiedelt er mit seiner Familie nach Berlin und bekommt dort den Berliner-Kritiker-Preis.

1961 scheidet „Katz und Maus“ aus dem Komplex „Kartoffelschalen“ aus und erscheint als selbstständige Novelle. Das Konzept „Kartoffelschalen“ wird geändert in „Hundejahre“. „Die bösen Köche“, ein Drama in fünf Akten, wird uraufgeführt, und seine Tochter Laura geboren. Im selben Jahr beginnt sein Engagement für die SPD. Er unterstützt Willy Brandt, mit dem er sich anfreundet, im Wahlkampf, schreibt politische Reden und wendet sich gegen „die sich christlich nennenden Parteien“[48] und deren Aushängeschild Konrad Adenauer, der „keine Hemmungen [hatte], den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, als ,uneheliches Kind’ zu verleumden und als Emigrant zu denunzieren“.[49] Fortan ist Grass regelmäßig auf der politischen Bühne anzutreffen und setzt seine zahlreichen Veranstaltungen zur Unterstützung der SPD etwa in den Wahlkämpfen 1965, 1969, 1972 oder 1976 (gemeinsam mit Siegfried Lenz) fort, ohne dabei jedoch Mitglied der Partei zu sein. Diesen Schritt, nämlich den Eintritt in die SPD, setzt er erst 1983.

Nach dem Erhalt des französischen Literaturpreises „Le meilleur livre étranger“ für „Die Blechtrommel“ 1962 wird Grass 1963, dem Jahr der Erscheinung von „Hundejahre“, in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen und wird von 1983 bis 1986 deren Präsidentenamt innehaben, bevor er 1988 jedoch aufgrund ihrer mangelnden Solidarität mit dem britischen Autor Salman Rushdie in der Rushdie-Affäre aus der Akademie austreten wird.

1964 reist Grass in die USA, wo er ein Jahr später die Ehrenpromotion des Kenyon Colleges erhält. Im selben Jahr, 1965, wird ihm unter Protesten aus katholisch-konservativen Kreisen der Georg-Büchner-Preis zuerkannt. Mit dem Erlös aus den Wahlreisen für die SPD (52 Veranstaltungen, die einen Überschuss von 27 000 DM gebracht haben) stiftet er im Herbst des Jahres fünf Bibliotheken für die Deutsche Bundeswehr und eine für das Ersatzdienstlager der Wehrdienstverweigerer in Heidelberg. „Jede Bücherei umfaßte etwa 350 Titel“[50].

1966 folgt der Uraufführung des Dramas „Die Plebejer proben den Aufstand“ eine USA-Reise, bei der in New York unter Anwesenheit von Günter Grass „The World of Günter Grass“ mit Ausschnitten aus seinen Gedichten, Stücken und Romanen unter der Bearbeitung und Regie von Dennis Rosa aufgeführt wird.

Neben der erneuten Teilnahme an einem Wahlkampf für die SPD in Schleswig-Holstein und Berlin wird er Berater der Städtischen Bühnen Frankfurt am Main und behält dieses Amt bis 1970. Der Film „Katz und Maus“ (Produzent: Hansjürgen Pohland) wird in Berlin uraufgeführt.

1968 erhält Grass die Carl-von-Ossietzky-Medaille des Kuratoriums der Internationalen Liga für Menschenrechte sowie den Fontane-Preis.

1969 wird ihm der Theodor-Heuss-Preis zuerkannt. Ebenfalls 1969 führt Grass einen Bundestagswahlkampf für die SPD mit 190 Veranstaltungen und tritt bei der Gründung des Verbandes deutscher Schriftsteller für dessen Angliederung an die Gewerkschaft ein. „Der von Grass nach dem Bundestagswahlkampf 1965 gestiftete Preis für ein Schullesebuch“[51] wird u.a. an Wolfgang Langenbucher vergeben, der auch Vorstand des Institutes für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften der Universität Wien war.

1970 wird er in die Amerikanische Akademie für Künste und Wissenschaften gewählt und von Willy Brandt eingeladen, ihn zur Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages nach Warschau zu begleiten. Dieser Einladung Brandts leistet Grass ebenso Folge wie jener der Begleitung nach Israel 1973. Ebenfalls 1970 erfolgt die Uraufführung des Balletts „Die Vogelscheuchen“ (nach der Romanvorlage von „Hundejahre“). Musik und Choreographie stammen wieder von Aribert Reimann und Marcel Luipart.

Ein Jahr darauf hält Grass eine Rede in Nürnberg zum Dürer-Jahr: „Vom Stillstand im Fortschritt - Variationen zu Albrecht Dürers Kupferstich ,Melencolia I’.

1972 wendet er sich nach einem erneuten Bundestagswahlkampf verstärkt der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit zu und beginnt mit den Arbeiten an „Der Butt“.

1973 erscheint „Mariazuehren“, Gedichte und Fotos von seiner künstlerischen Arbeit.

1974 wird die Tochter Helene geboren, das Kind in „Der Butt“, dem auch das Buch gewidmet ist. Am 23.4. tritt Grass aus der katholischen Kirche aus.

Nach einem Indien-Aufenthalt 1975 erscheint 1976 „Mit Sophie in die Pilze gegangen“ (Lithographien und Gedichte zu Themen aus „Der Butt“), und er zeichnet als Mitbegründer des Autorenbeirates im Luchterhand Verlag verantwortlich, erhält die Ehrenpromotion der Harvard University und ist gemeinsam mit Carola Stern und Heinrich Böll Begründer und Herausgeber der Zeitschrift „L76“, die ab 1980 neben der Gründung des Verlages „L80“ unter dem selben Titel weitergeführt wird.

Nach Erscheinen von „Der Butt“ und nach Erhalt des Mondello-Preises - beides 1977 -, wird 1978 „Die Blechtrommel“ unter der Regie von Volker Schlöndorff verfilmt. Grass arbeitet für diesen Film, der 1980 den Oskar für den besten Auslandsfilm erhält, am Drehbuch mit. Im selben Jahr stiftet Grass den Alfred-Döblin-Preis, erhält den internationalen Literaturpreis Premio Lettario Viareggio und die Alexander-Majkowski-Medaille in Danzig. Es ist auch das Jahr seiner Scheidung von seiner Frau Anna.

1979 erhält die Verfilmung „Die Blechtrommel“ die Goldene Schale des Bundesfilmpreises. Grass reist mit seiner zweiten Frau, Ute (geb. Grunert), einer Organistin, die er im selben Jahr geheiratet hat, nach China. Diese Reise hält er im Buch „Kopfgeburten oder Die Deutschen Sterben aus“ (1980), einem Mittelding aus Roman und erzählendem Essay, fest. Noch 1979 erscheint außerdem das bereits erwähnte Buch „Das Treffen in Telgte“.

Nachdem er 1982 den Feltrinelli-Preis erhalten hat, wird Grass 1983 Präsident der Berliner Akademie der Künste und tritt in die SPD ein. Auf der Heilbronner Begegnung zwischen Schriftstellern, Bildenden Künstlern, Politikern und Militärs, an der auch Grass teilnimmt, wird die „Heilbronner Erklärung“, ein Appell zur Kriegsdienstverweigerung abgegeben. Aufgrund verfassungsfeindlicher Einwirkung auf die Bundeswehr folgen Strafanträge des Generalbundesanwaltes, die jedoch keine nennenswerten Auswirkungen nach sich ziehen.

1984 erscheint das Buch „Widerstand lernen“, eine Sammlung politischer Gegenreden und Essays. Mit Heinrich Böll, Alfred Biolek und Peter Scholl-Latour wird Grass Mitbegründer des Pro-Ausländer-Vereins „WIR“.

In Anlehnung an die Stiftung des Alfred-Döblin-Preises schenkt Grass 1985 sein Haus in Wewelsfleth als „Alfred-Döblin-Haus“, das fortan von Schriftstellern zu Arbeitsaufenthalten genutzt wird, dem Land Berlin.

Von August 1986, dem Jahr, in dem „Die Rättin“ auf den Markt kommt, bis Jänner 1987 hält er sich in Calcutta auf und konfrontiert sich mit dem Leiden der armen indischen Bevölkerung. Die Eindrücke des indischen Elends schreibt er in seinem Buch „Zunge zeigen“, das 1988 - dem selben Jahr, in dem er aus der Akademie der Künste in Berlin austritt - erscheint, nieder. Zudem behandelt Grass 1989 diese Thematik in der Rede „Zum Beispiel Calcutta“, die er vor dem Club of Rome hält.

1990 wird er Ehrendoktor der Universität Posznán und wird Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt. Außerdem erscheinen in diesem Jahr einige politisch motivierte Bücher wie etwa: „Schreiben nach Auschwitz“, „Deutscher Lastenausgleich“, „Deutschland, einig Vaterland?“ oder „Ein Schnäppchen namens DDR“. In letzteren drei Werken äußert sich Grass kritisch über die deutsche Wiedervereinigung, die seiner Meinung nach zu rasch erfolgte. Mit seinem Roman „Ein weites Feld“, der 1995 erscheint und dieses Sujet ebenfalls aufgreift, gerät er endgültig ins Kreuzfeuer der Kritik.

1992 erhält Grass die Plakette der Freien Akademie der Künste in Hamburg für seine herausragenden Verdienste und in Anerkennung seines Lebenswerkes. Im selben Jahr, genauer am 18. 12., tritt er aus der SPD aus.

1993 wird er von Comites, der Vereinigung der in Berlin lebenden Italiener, wegen seines Engagements für Menschenrechte, Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit mit dem Premio-Comites-Berlin-1992 ausgezeichnet.

1999 erscheint Grass’ Roman „Mein Jahrhundert“, in dem jedem Jahr des 20. Jh.s. ein Kapitel in Form einer Kurzgeschichte gewidmet ist. Am 30. September verkündet die Schwedische Akademie der Wissenschaften die Zuerkennung des Literaturnobelpreises, der Grass am 10. Dezember in Stockholm feierlich verliehen wird.

2.2 Politisches Engagement: Sozialdemokratie und christliche Perspektiven

René Wintzen schreibt über Grass’ politisches wie gesellschaftliches Eintreten:

Trotz seiner Erfolge hat Grass nichts von seinem freien Mut eingebüßt: er ist unabhängig in einer Gesellschaft, die Anpassung verlangt, die im Intellektuellen mehr einen Wortführer als einen schöpferischen Menschen sieht und ihn ihren Absichten unterordnen möchte. Für Westdeutschland personifiziert Grass die Unordnung, das Auseinanderbrechen der etablierten Regeln, den Non-Konformisten, den Elefanten im Porzellanladen. Nichts bietet ihm Widerstand; er schuldet niemandem etwas und denkt nicht daran, sich anzugleichen. Er zählt weder zur Linken noch zur Rechten und gehört keiner Partei und keiner literarischen Richtung an. Er drückt das aus, was ihm gut dünkt; seine Analyse der Umwelt ist unbarmherzig und mitleidlos.([52])

Nun, das war 1964, als Grass noch weit davon entfernt war, in die SPD einzutreten. Doch für sie ist er zu diesem Zeitpunkt bereits eingetreten, insofern mutet die Unabhängigkeit, die von Wintzen hier heraufbeschworen wird, doch ein wenig übertrieben an. Dennoch wird aus diesem Zitat deutlich, dass Grass in seinem Engagement bis heute immer wieder Pfade betritt, die ihn jenseits diverser Interessensgruppen, Parteien oder gar Lobbys bringen.

Mit seinem politischen Eintreten übertritt Grass im Grunde genommen ein ungeschriebenes Gebot, nach dem es einem Schriftsteller nicht erlaubt sei, einer parteipolitischen Tätigkeit nachzugehen.[53] Doch gerade eine derartige passive und tagespolitisch abstinente Haltung ist es, die er an Literaten und Intellektuellen kritisiert. Seiner Meinung nach ist der Schriftsteller sogar dazu verpflichtet, Partei zu ergreifen. Nach Volker Neuhaus spricht Grass jeder Literatur Wirkungen im politischen und gesellschaftlichen Bereich zu, die den Bürger dazu veranlassen soll, im Sinne seines demokratischen Daseins Partei zu ergreifen. „Der Schriftsteller, der den Stein nicht zum Bewegen auffordern, sondern an ihm den Hebel ansetzen will, kann das nicht vom Schreibtisch aus tun, er muß das als Bürger tun und den ,Schreibtisch umwerfen’“[54] Dabei orientiert sich Grass an Thomas Manns Eintreten für die Weimarer Republik und an seinem großen Vorbild Alfred Döblin.

Grass’ politische Reden lassen sich in etlichen Sammelbändchen finden: „Über das Selbstverständliche“ 1968, „Der Bürger und seine Stimme“ 1974, „Denkzettel“ 1978, „Widerstand lernen“ 1984 oder in „Angestiftet, Partei zu ergreifen“ 1994, das als Zusammenfassung seines politischen Engagements von 1961 an betrachtet werden kann. Dieses politische Werk - von dem mancher Kritiker meint, es sei unpolitischer als sein literarisches Werk[55] - ist geprägt vom Eintreten für die Sozialdemokratie. Immer wieder hat er vor seinem Beitritt zur SPD die nüchterne Haltung der Partei gegenüber betont:

Ich bin nicht Mitglied der SPD. Mein Verhältnis zu den Sozialdemokraten ist nüchtern abwägend. Ihre Partei konnte mir nicht Ersatzheimat sein, zumal ich ein solches Wärme- beziehungsweise Miefangebot für unzeitgemäß halte; wir leben nicht mehr unter dem Druck der Sozialistengesetze. Dennoch begreife ich mich, sobald ich mir rück- wie voranblickend, politisch Rechenschaft gebe, als Sozialdemokrat, das heißt, ich bin unverführbar jemand, der Demokratie und Sozialismus als wechselseitige Voraussetzungen erkannt hat.([56])

Obwohl er die SPD keineswegs als perfekte Mittlerin von Demokratie und Sozialismus betrachtet, kann der Eintritt in die Partei als letzte Konsequenz seines dennoch vehementen Eintretens für dieselbe betrachtet werden, auch wenn er sich bald danach wieder von ihr entfernt hat. Eine Zeitlang ist Grass derart politisch präsent, dass der Politologe und Historiker Golo Mann, ein Sohn Thomas Manns, 1968 in vollem Ernst meint, „er solle Regierender Bürgermeister von Berlin werden“[57].

Entscheidend für sein Engagement für die SPD ist hauptsächlich die Person Willy Brandt. Dieser gilt „Grass auch als Chiffre des ,besseren Deutschen’, der sich durch seinen Widerstand gegen das Nazi-Regime nicht nur das Bewußtsein für die nazistische Vergangenheit aufrecht erhält, sondern überdies die Seite dieser Vergangenheit repräsentiert, an die anzuknüpfen sich lohnt“[58]. Auch orientiert sich Grass selbst an Brandts Haltung der Toleranz und Versöhnung. Im Übrigen scheint, wie wir noch sehen werden, die Haltung zur nationalsozialistischen Vergangenheit sowie der Umgang mit derartigen oder ähnlichen Elementen in der Gegenwart ein wichtiges Kriterium dafür zu sein, ob sich Grass für oder wider eine Person bzw. eine Institution entscheidet.

Wichtig für ihn ist vor allem das basisdemokratische Anliegen. Er warnt davor, die rechtsstaatlichen Grundlagen - obwohl er diese überaus schätzt(!) - mit Demokratie gleichzusetzen; für ihn seien sie dadurch zu formal, an Institutionen gebunden und statisch. Um dem zu entgehen, „optiert Grass unter Stichworten wie Streit und Kompromiß für einen von der Gesellschaft immer weiter vorangetriebenen Prozeß der Demokratisierung“[59]. Dazu fordert er „unbequeme Demokraten“, die sich nicht nur begeistert mitreißen lassen, sondern die Politik nicht mehr nur den Parteien überlassen - wie er es im Realsozialismus des Ostens sieht und ablehnt. Doch obwohl die Ursprünge derartiger basisdemokratischer Vorstellungen in Amerika zu suchen sind, wird dieses von Grass als Vorbild abgelehnt. Die „Unzulänglichkeit des amerikanischen Demokratiebegriffes“[60] sei seiner Meinung nach gekennzeichnet durch eine wirtschaftliche Machtkonzentration, die in Zusammenhang mit einer meinungsbildenden, teils manipulativen Medienpolitik sowie sozialer Ungleichheit stehe.

Zurück zur Demokratie: Demokratie im Sinne sozialdemokratischer Perspektiven ist für Grass eine Entwicklung, die nicht von der Geschichte, sondern von den Menschen getragen wird. Dies erscheint auf den ersten Blick zwar als Binsenweisheit, ist für Grass jedoch nicht von vorne herein selbstverständlich, da seiner Meinung nach Geschichte noch immer vom Hegel’schen Weltgeist beeinflusst sei, und diesen lehnt er, wie bereits ausgeführt wurde, ab. Dies führt uns natürlich wieder - zumindest vorläufig - auf die „Feuerbach’sche Spur“, die den Menschen ins Zentrum des Handelns stellt.

Es wir oft von den Aufgaben gesprochen, die von der Geschichte gestellt werden. Ich bin kein Anhänger Hegels. Ich bezweifle, daß die Geschichte Aufgaben stellt. Für mich ist die Geschichte zuallererst einmal ein absurder Vorgang, in den Menschen mehr oder weniger geschickt einige Perspektiven hineinzubringen versuchen. Der Weltgeist, wie ihn Hegel uns vorgestellt hat und wie er leider bis heutzutage noch die Geschichte und die Geschichtslehre beeinflußt, das sagt mir wenig. Den Auftrag haben die Sozialdemokraten nicht von der Geschichte, sondern von den Wählern bekommen, und das jeweils von vier Jahren zu vier Jahren, und dabei wollen wir bleiben.([61])

Was Feuerbach betrifft, so ist die Gegenüberstellung bzw. der Vergleich mit Grass in Zusammenhang mit dem Geschichtsbegriff dennoch ein wenig komplizierter, weil bei Grass philosophisch nicht genauer ausgeführt. Trotz Ablehnung des Weltgeistes scheint es nämlich, dass Feuerbach als „nichtmechanischer“ Materialist in der Frage der „Geschichte“ von Hegel doch erheblich mehr übernommen hat. Ernst Bloch verweist darauf, dass bei Feuerbach „[J]edes geschichtliche Vorkommnis [.] auf Grund des durch Feuerbach betretenen nichtmechanischen Materialismus ökonomisch analysiert, aber [...] damit innerhalb der Menschengeschichte“[62] bliebe. Gerade in der Hervorhebung des Menschen aber orientiert sich Feuerbach an der Anthropologie Hegels, was auch den Unterschied des historischen zum mechanischen Materialismus herausstreicht. Da ich bezweifle, dass Grass bei all seiner Betonung des sozialen Miteinanders einen „Allmechanismus“ vertritt, kann er meiner Meinung nach ohne Weiteres in dieser Frage mit Feuerbach bzw. in dessen Sinne verglichen werden. Doch sich bei Grass auf eine größere philosophische Analyse einzulassen, nähme wohl den Umfang einer größeren Abhandlung ein - und das vielleicht auch deshalb, weil eine durchgehende Systematik bei Grass aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu erwarten wäre.

Auffallend in Grass’ Reden, Interviews und Aufsätzen ist der immer wieder zum Vorschein kommende Verweis auf christliche Inhalte im Allgemeinen und die katholische „Wesens-“ oder „Eigenart“ im Speziellen bzw. die Verwendung christlich motivierter Elemente als literarische Mittel zur Untermauerung der Aussagen und Argumente. Man kann nun darüber diskutieren, ob diese Elemente lediglich als mythologisch motivierte Stilmittel gebraucht werden, weil sie einfach das typisch Abendländische, also den Kultur- und Gesellschaftskreis, dem sich auch Grass in seinen Werken verpflichtet zu fühlen scheint, repräsentieren, oder ob ihm das Christliche - unter welchen Gesichtspunkten man es auch betrachten mag - in gewissem Maße nicht doch ein Anliegen ist. Jedenfalls scheint immer wieder der Versuch unternommen zu werden, die Sozialdemokratie als die bessere Variante des Christentums bzw. das „wahre“ christliche, nämlich das soziale, Element eben in der Sozialdemokratie als verwirklicht darzustellen, wobei für Grass allem Anschein nach diese christliche Lehre - auch nach katholischer „Fasson“ - einen durchwegs positiven und konstruktiven Wert für seine persönliche politische, aber vor allem soziale Einstellung besitzt:

Innerhalb der katholischen Kirche wird mehr und mehr deutlich, daß die Bergpredigt dem katholischen Wähler einen sozialen Auftrag auferlegt, und gleichfalls wird deutlich, daß die Parteien CDU/CSU, so lautstark sie das „hohe C“ im Munde führen, diesem sozialen Auftrag nicht mehr gerecht werden.([63])

Im Zusammenhang mit einer katholischen Gruppe innerhalb der sozialdemokratischen Wählerinitiative meint er in Wien in einer Rede auf Einladung der SPÖ:

Die Gründung eines Katholischen Arbeitskreises innerhalb der Sozialdemokratischen Wählerinitiative provozierte törichte Reaktionen der katholischen Amtskirche, die sich durch ihre althergebrachte Liaison mit der CDU/CSU besonders bei gläubigen Katholiken um restliche Glaubwürdigkeit gebracht hat. Es mag sein, daß das unsichere, mal trotzig-antiklerikale, mal sich anbiedernd-unterwürfige Verhältnis der SPD zur katholischen Amtskirche durch die politisch erfolgreiche Arbeit engagierter Katholiken innerhalb der Wählerinitiative korrigiert werden wird.([64])

Wie man aus diesem Zitat ersieht, stellt Grass offensichtlich nicht das Christentum selbst in Frage, sondern schon viel eher den christlichen Anspruch der beiden Schwesternparteien CDU/CSU, gegen die sich seine Angriffe immer wieder und vor allem beziehen - das auch deswegen, „weil ihnen Kraft, Mut und Einsicht gefehlt haben, sich vom deutschnationalen bis rechtsradikalen Potential zu trennen“[65].

Bereits zu Beginn des Ouches „Angestiftet, Partei zu ergreifen“ findet sich ein so genanntes „Frommes Wahllied für Katholiken, Schildbürger und Unentschiedene“[66]. Darin wird in äußerst satirischer, aber keineswegs bösartiger Weise dargelegt, wie wenig christliches Gedankengut, vornehmlich dessen Soziallehre, im Widerspruch zur Sozialdemokratie im Allgemeinen und der SPD im Speziellen steht. Bischöfen – namentlich dem damaligen Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Frings – und Nonnen wird attestiert, links zu stehen, und sogar Jesus Christus selbst, der seinem „Rang“ gemäß am Anfang des Gedichtes steht, wird um seiner angeblich sozial(istisch)en – vormals sogar kommunistischen! - Einstellung wegen bemüht:

Der Herr Jesus Christ

War einst Kommunist,

doch Sozi ist er heut’,

hat von Herzen bereut,

hat SPD gewählt,

mit dem Himmel sich vermählt.

Bischöfe stehn links,

auch der Kardinal Frings

verkündet im Dom

einen Hirtenbrief aus Rom:

Vermehrt die SPD

mit katholischem Dreh

Ursulinen, Klarissinnen,

die fromme Äbtissin

hat fleißige Nonnen

für Willy Brandt gewonnen,

hat SPD gewählt,

mit dem Himmel sich vermählt [...]([67])

Deutlich wird hierin auch die Distanz zum Kommunismus, weswegen Grass in den 60er Jahren von Seiten der aufständischen Studenten als konservativ abgestempelt wird. Den Studentenprotesten attestiert er zwar die Förderung der Entwicklung der sozialen Demokratie, doch macht er gleichzeitig darauf aufmerksam, dass sie Randgruppen freigesetzt hätten, „die den politischen Radikalismus mit terroristischen Methoden praktizierten und auch in Zukunft praktizieren werden“[68]. Er wendet sich scharf gegen die „außerparlamentarische Opposition“ (APO) und ihre Wortführer vom „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) bis sogar hin zu Magnus Enzensberger. Als bekennender Gegner der Revolution „scheut [er] auch nicht davor zurück, Rudi Dutschke und Kaiser Wilhelm unter dem Stichwort Imperialismus in einem Atemzug zu nennen“[69]. Er selbst sieht den sozialdemokratischen Weg durchaus als Weg der Mitte zwischen den beiden Extremen Kommunismus und Kapitalismus. Was die Revolution anbelangt, so muss hinzugefügt werden, dass Grass seine Skepsis 1982 anlässlich eines Nicaragua-Aufenthaltes auf Einladung der dortigen Sandinista-Regierung - der im Übrigen der bekannte katholische Priester und Befreiungstheologe, Ernesto Cardenal angehörte - ablegt und zur Solidarität mit dieser revolutionären Bewegung aufruft.[70]

Man muss allerdings beachten, dass Grass als Kommunismus das kritisiert, was sich unter Einfluss Lenins aus den Utopien Marx’ entwickelt hat. Analog dazu unterscheidet er auch Christus und dessen Lehre von dem, was unter Einfluss der Konstantinischen Wende aus dem Christentum in Form einer Institution allmählich geworden ist. Christus und Marx, Christentum und Kommunismus - Pole, die sich im sozialdemokratischen „Mittelweg“ zusammenführen lassen?

Lenin hat etwa so viel mit Marx zu tun, wie Kaiser Konstantin, der als erster unter dem Zeichen des Kreuzes militärisch siegte, mit Christus zu tun gehabt hat. [...] Ich habe das Verhältnis von Marx zu Lenin und von Konstantin zu Christus gebracht, weil ich beide Utopien, und zwar gleichwertig, für das Höchste halte, was im Bereich des Abendlandes hervorgebracht worden ist. Utopie der Nächstenliebe und Utopie des Sozialismus - beide Utopien sind in relativ kurzer Zeit an der Praxis gescheitert. Und wir müssen heute den Bankrott beider Utopien erkennen, wenn wir den ethischen Wert der einen wie der anderen Utopie für uns erhalten wollen.([71])

[...]


[1] Zu L. Feuerbachs Leben und Philosophie vgl. auch die Ausführungen in: Ernst Bloch: Feuerbach und der Hegelgott. In: ders.: Subjekt - Objekt. Erläuterungen zu Hegel. Erw. Ausg. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1985. (= stw. 557.) S. 400 - 408; Peter Ehlen: Der Atheismus im dialektischen Materialismus. München: Pustet 1961. (= Sammlung Wissenschaft und Gegenwart.), S. 52ff.; Alfred Schmidt: Emanzipatorische Sinnlichkeit. Ludwig Feuerbachs anthropologischer Materialismus. 3. Aufl., München/Zürich: 1988 (= SP. 846.), S. 7ff.; bzw. Karl-Dieter Ulke: Der vertauschte Gott: Ludwig Feuerbach. In: ders.: Vorbilder im Denken. 32 Porträts großer Philosophen. Bindlach: Gondrom 1998, S. 158 - 163.

[2] Als formaler Materialismus wird hier das Bemühen bezeichnet, die Welt bzw. den Menschen unter Bezug auf den Begriff der Materie aus sich heraus zu erklären.

[3] Vgl. Hugo Loetscher: Günter Grass. In: Gert Loschütz (Hg.): Von Buch zu Buch - Günter Grass in der Kritik. Eine Dokumentation. Neuwied u. Berlin: Luchterhand 1968, S. 190 - 196, 194.

[4] Günter Grass zit. nach: Manfred Bourrée: Das Okular des Günter Grass. In: G. Loschütz (Hg): Buch, S. 196 - 202, 200.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Jürgen Bevers: Günter Grass in 10 Kapiteln. Eine Dokumentation des WDR für arte 1997, ausgestrahlt am 5.12.1999 um 23.00.

[7] K.-D. Ulke: Feuerbach, S. 162.

[8] Ernst Bloch: Feuerbach, S. 401.

[9] Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: Karl Marx/F. Engels: Ausgewählte Schriften in zwei Bänden, Berlin 1952/53, zit. nach: P. Ehlen: Atheismus, S. 58.

[10] P. Ehlen: Atheismus, S. 52.

[11] Vgl. J. Bevers: Günter Grass in 10 Kapiteln.

[12] E. Bloch: Feuerbach, S. 402.

[13] P. Ehlen: Atheismus, S. 57.

[14] L. Feuerbach: Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie, zit. nach: A. Schmidt: Sinnlichkeit, S. 76.

[15] Vgl. A. Schmidt: Sinnlichkeit, S. 94.

[16] E. Bloch: Feuerbach, S. 401.

[17] Wolfhart Pannenberg: Grundfragen systematischer Theologie. Gesammelte Aufsätze, zit. nach: Johann Figl: Atheismus als theologisches Problem. Modelle der Auseinandersetzung in der Theologie der Gegenwart. Mainz: Grünewald 1977. (= tts. 9.), S. 136.

[18] L. Feuerbach, zit. nach: E. Bloch: Feuerbach, S. 401.

[19] Ebd., S. 402.

[20] Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums. Stuttgart: Reclam 1984. (= Universal-Bibliothek. 4571. 7.), S. 53.

[21] Ebd., S. 414.

[22] Peter Ehlen: Atheismus, S. 57f.

[23] Ebd.

[24] Ebd., S. 55.

[25] Gemeint ist hier der Atheismus, der seine Wurzeln im 18. und 19. Jh. hat.

[26] Die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“. In: Karl Rahner/Herbert Vorgrimmler (Hg.): Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums. Mit einem Nachtrag vom Oktober 1968: Die nachkonziliare Arbeit der römischen Kirchenleitung. 27. Aufl., Freiburg /Basel/Wien: Herder 1998, S. 423 - 552, 428.

[27] Peter Ehlen: Atheismus, S. 55.

[28] Ebd.

[29] F. Engels: Feuerbach, zit. nach: P. Ehlen: Atheismus, S. 58.

[30] L. Feuerbach: Über das „Wesen des Christentums“ in Beziehung auf den „Einzigen und sein Eigentum“, zit. nach: A. Schmidt: Sinnlichkeit, S. 262.

[31] L. Feuerbach: Notwendigkeit einer Veränderung, zit. nach: ebd., S. 265.

[32] L. Feuerbach: Wesen, S. 382.

[33] Ebd., S. 266.

[34] Ebd.

[35] Ebd., S. 264.

[36] Ebd., S. 265f.

[37] Ebd., S. 264.

[38] Ebd., S. 267.

[39] Ebd., S. 267.

[40] Gerhard Ludwig Müller: Die Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes in der Vollendung des Menschen (Eschatologie). In: ders.: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. 3. Aufl., Freiburg/Basel/Wien: Herder 1998, S. 516 - 568, 527.

[41] Ebd.

[42] Ebd.

[43] Ebd.

[44] Zu Günter Grass’ Leben und Werk vgl. auch die Ausführungen in: G. Fritze Margull (Hg.): Günter Grass. Vier Jahrzehnte. Ein Werkstattbericht. Göttingen: Steidl 1991; in: Volker Neuhaus: Biographische Übersicht. In: V. Neuhaus: Günter Grass. 2., überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart/Weimar: Metzler 1992. (= SM. 179.), S. 210 - 216; und in: Carl Paschek (Hg.): Günter Grass. Begleitheft zur Ausstellung der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main 13. Februar bis 30. März 1990. Frankfurt/ Main: Imbescheidt KG 1990.

[45] Vgl. René Wintzen: Günter Grass, der Non-Konformist. In: G. Loschütz (Hg.): Buch, S. 104 - 110, 106.

[46] G. Grass: Aus dem Tagebuch einer Schnecke, zit. nach C. Paschek (Hg.): Grass, S. 30.

[47] G. Grass, zit. nach: C. Paschek: Grass, S. 32.

[48] G. Grass: Vorwort. In: ders.: Angestiftet, Partei zu ergreifen. Hrsg. v. Daniela Hermes. Göttingen: Steidl 1994, S. 7 – 9, 7.

[49] Ebd.

[50] G. Grass: Der Bürger und seine Stimme. Reden, Aufsätze, Kommentare. Darmstadt: Luchterhand 1974, S. 52.

[51] C. Paschek (Hg.): Grass, S. 36.

[52] R. Wintzen: Grass, S. 106f.

[53] Vgl. Martin Kagel/Stefan Soldovieri/Laura Tate: Die Stimme der Vernunft. Günter Grass und die SPD. In: Hans Adler/Jost Hermand (Hg.): Günter Grass: Ästhetik des Engagements. New York (u.a.): Lang 1996. (= German Life and Civilization. 18.), S. 39 - 62, 42.

[54] V. Neuhaus: Aus dem Tagebuch einer Schnecke. In: V. Neuhaus: Grass, S. 114 - 132, 123.

[55] Vgl. M. Kagel/S. Soldovieri/L. Tate: Grass und die SPD, S. 58.

[56] G. Grass: Der Schriftsteller als Bürger - eine Siebenjahresbilanz. Rede in Wien 1973 auf Einladung der SPÖ. In. ders.: Angestiftet, S. 191 - 214, 195.

[57] M. Kagel/S. Soldovieri/L. Tate: Grass und die SPD, S. 44.

[58] Ebd., S. 41.

[59] Ebd., S. 47.

[60] Ebd., S. 48.

[61] G. Grass: Ich bin Sozialdemokrat, weil ich ohne Furcht leben will. In: ders.: Angestiftet, S. 157 - 181, 175.

[62] E. Bloch: Feuerbach, S. 405.

[63] G. Grass: Rede über die Parteien. Rede im Bundestagswahlkampf 1969. In: ders.: Angestiftet, S. 112 – 128, 112.

[64] G. Grass: Der Schriftsteller als Bürger, 206f.

[65] Ebd., S. 209.

[66] G. Grass: Frommes Wahllied für Katholiken, Schildbürger und Unentschiedene. In: ders.: Angestiftet, S. 15f.

[67] Ebd.

[68] G. Grass: Der Schriftsteller als Bürger, S. 203.

[69] M. Kagel/S. Soldovieri/L. Tate: Grass und die SPD, S. 44.

[70] Vgl. ebd.

[71] G. Grass: Ich bin Sozialdemokrat, weil ich ohne Furcht leben will. In: ders.: Angestiftet, S. 158f.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Religionskritik in Günter Grass' "Danziger Trilogie"
Untertitel
Interpretation vor dem Hintergrund der Feuerbach’schen Anthropozentrik
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Fundamentaltheologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
104
Katalognummer
V92364
ISBN (eBook)
9783638061292
ISBN (Buch)
9783638950657
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religionskritik, Günter, Grass, Danziger, Trilogie, Germanistik, Religionswissenschaften, Neuere deutsche Literatur, Literaturwissenschaften, Literatur, Ludwig, Feuerbach
Arbeit zitieren
Mag. Alfons Wrann (Autor), 2000, Religionskritik in Günter Grass' "Danziger Trilogie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92364

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