Minnekonzeptionen im Nibelungenlied - Hochzeit aus Liebe oder pragmatische Ehe


Examensarbeit, 2006
78 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Minnekonzeptionen der mittelalterlichen Literatur
1.1. Feudale Ehepraxis
1.2. Höfische Liebe und Ehe in der Epik
1.3. Brautwerbungsschemata der mittelalterlichen Epik
1.4. Phänomen der Fernliebe
1.5. Nonverbale Zeichen

2. Ehe-Minne bei Siegfried und Kriemhild
2.1. Siegfrieds Minneaffekt
2.1.1. Notwendigkeit des Beweises der Minnetauglichkeit für Siegfried
2.1.2. Entstehung der Minne bei Siegfried
2.1.3. Werbung um Kriemhild – Planung, Ausführung und Wirkung
2.1.4. Erste Begegnung mit Kriemhilde und die Zeit am burgundischen Hofe
2.2. Kriemhildes Minneaffekt
2.2.1. Tauglichkeit – Schönheit und militärisches Potential
2.2.2. Entstehung der Minne bei Kriemhild
2.2.3. Entscheidung für Siegfried – subjektiv und frei?
2.2.4. Kriemhild als Witwe – der herzen jâmer
2.3. Besonderheiten des Minnekonzeptes

3. Ehe-Minne bei Gunther und Brünhild
3.1. Entstehung der Minne bei Gunther
3.2. Ein verschobenes Verhältnis von Schönheit und Macht bei Brünhilde?
3.3. Werbung um Brünhild – Planung, Ausführung und Wirkung
3.4. Nachweis der Herrschertauglichkeit Gunthers
3.4.1. Ankunft und Darstellung von Reichtum und Macht auf Isenstein
3.4.2. Demonstration der physischen Stärke
3.5. Siegfrieds Dienstmannlüge als Grundlage von Brünhilds Eheversprechen
3.6. Gunthers Nachweis der Herrschertauglichkeit in Worms
3.7. Entstehung der Minne bei Brünhild
3.8. Politischer Zusammenschluss zweier Reiche durch die Ehe-Minne
3.9. Besonderheiten des Minnekonzeptes

4. Ehe-Minne bei Etzel und Kriemhild
4.1. Werbung um Kriemhild – Planung, Ausführung und Wirkung
4.1.1. Entstehung der Minne bei Etzel
4.1.2. Politische Dimension des Witwerdaseins Etzels – Das Fehlen der Herrinnen- tugent am Hunnenhof
4.2. Problem der Religion
4.3. Kriemhilds Einwilligung in die Heirat ohne herzeliebe
4.3.1. Linderung des Leids durch die machtvolle Position an Etzels Seite?
4.3.2. Kriemhilds Zustimmung durch die Aussicht auf dienstbares militärisches Potential
4.4. Besonderheiten des Minnekonzeptes

5. Zusammenfassung - Ehe-Minnen im Vergleich
5.1. Werbungsfahrten im Vergleich
5.2. Minne – Entstehung und Exklusivität
5.2.1. Bei den Werbern
5.2.2. Bei den Umworbenen
5.3. Arten der Minne

Fazit

Literaturverzeichnis

Erklärung

Einleitung

Minnekonzeptionen stellen ein bestimmendes Element der Handlungsschemata der mittelalterlichen Literatur dar. Gerade diese ist bekannt für die Verwendung immer wiederkehrender Handlungsmuster, Motive, Sprachformeln und vieler anderer konventioneller Erzählelemente, welche in den verschiedenen Dichtungen auftauchen und von den unterschiedlichsten Autoren benutzt wurden.

Die wiederkehrenden Muster, dieser „Schematismus“[1], waren in ihrer Beständigkeit wichtig für die damaligen Rezipienten und lassen sich als Folge der Produktions- und Rezeptionsbedingungen erklären. Es wurde zumeist im Kollektiv gehört, möglicherweise in größerer Runde, in welcher die durchgehende Aufmerksamkeit einzelner Zuhörer nicht immer gegeben und nach dem Erkennen eines bestimmten Schemas auch nicht nötig war. Wenn eine Erzählung sich eines gewissen Schemas bediente und der Grundinhalt in einer bekannten Form vermittelt wurde, wusste der Zuhörer grob, wie sich die Geschichte entwickeln würde und konnte es sich erlauben, nicht konzentriert an den Lippen des Erzählers zu hängen. Die Aufnahme der Texte wurde erleichtert. Deshalb verlangt die Kollektivrezeption aber einen Konsens in Bezug auf die vermittelten Normen und Werte und der historischen Erfahrung – „Spielregeln“[2], wie Müller es in einem klingenden Begriff zusammenfasst.

Für einen Dichter galt es sich der Tradition zu bedienen, bekannte Handlungsmuster und damit auch bekannte Inhalte zu verwenden und mit ihnen zu arbeiten. Durch diese generelle Schemagebundenheit unterscheidet sich die mittelalterliche Literatur von modernen Erzählungen.

Die objektive Realität wird als Ausprägung eines festen Systems betrachtet, weshalb Handlungen der Figuren nicht als kausale Prozesse, sondern als das Ringen um eine Normerfüllung in einem eng verzahnten, hierarchisch gegliederten Wertesystem zu sehen sind.[3] Das abstrahierbare, idealtypische Schema, das Erzählgerüst, dient nur der Norm- und Wertevermittlung.[4] Brach der Autor diese Schemata durch absichtliches Abweichen von der gewohnten inhaltlichen Grundstruktur, durch neue, ungewöhnliche Handlungsweisen der Personen, so vermittelt er thematische Relevanz. Durch den Bruch wird signalisiert, welche Normen und Werte zur Diskussion stehen.[5] Es ließ sich so gezielt auf spezielle Probleme hinweisen, ohne diese explizit auszuformulieren. Daher ist das Auffinden von Schemabrüchen bei der Interpretation mittelalterlicher Texte von besonderer Bedeutung.

Diese Arbeit ist der Versuch, die Funktion und die Bedeutung eines besonders komplexen und vielseitigen Schematismus, den der Minnekonzeptionen, im Nibelungenlied zu erfassen.

Das Nibelungenlied wird von drei großen Minnebeziehungen charakterisiert: Die Verbindung zwischen Siegfried und Kriemhild bildet den Auftakt für das Werk und lässt alle nachstehenden Handlungsentwicklungen direkt aus ihr folgen oder ist mit ihnen durch Verzahnung verbunden, wie die Ehe-Minne zwischen Brünhild und Gunther, die erst durch das Werben Siegfrieds und seine damit verbundene temporäre Dienstbarkeit dem burgundischen Hof gegenüber zustande kommt. Die dritte große Minnebeziehung im Epos ist die Ehe zwischen der Witwe Kriemhild und dem Witwer Etzel. Eine ,kleinere‘ Beziehung wie diejenige zwischen Giselher und Rüdegers Tochter bleibt aufgrund der kurz gehaltenen Beschreibung und damit geringen Analysegrundlage außen vor.

Die vorliegende Arbeit will die Motive der Minnenden erforschen, welche zu diesen Eheschließungen führten, der Frage auf den Grund gehen, warum diese Verbindungen geschlossen werden, wie sich diese Entscheidungen für die handelnden Personen und ihr Umfeld auswirken – auf persönlicher und politischer Ebene. Welche Schemata nutzt der Autor und durchbricht er sie an bestimmten Stellen? Ebenfalls soll die Frage nach Erotik und Politik in der Minne beantwortet werden. Ein Ansatz, der wiederum die Motivation des Minne-Affektes hinterfragt. Treffen die Minnenden eine subjektive Entscheidung für den Partner oder wird im Kollektiv des Hofes aus politischen und ständisch-sozialen Gründen eine Entscheidung getroffen? Und vor allen Dingen: Unterscheiden sich die Minne-Beziehungen des Nibelungenliedes grundlegend und wie äußert sich dies?

Um diese Fragen zu beantworten, wird es nötig sein, im ersten Teil des Textes auf die Minnekonzeptionen selbst einzugehen, den Unterschied zwischen hoher und niederer Minne zu klären, die Formen, Funktionen und Anwendungen der Konzepte zu erörtern, sowie die Unterschiede zwischen der Minne der Epik und der in ihr dargestellten Rollenverteilung von Mann und Frau und der Realität des Mittelalters zu beschreiben, da die feudale Ehepraxis doch erheblich von dem in der Literatur vermittelten Bilde abweicht.

Eine einführende Bezugnahme auf die Realität des mittelalterlichen Adels, wie auch die allgemeine Situation bezüglich Ehe und Kirche im sozialkritischen Kontext ist angebracht, um gewisse Eigentümlichkeiten mittelalterlichen Denkens in die Überlegungen zu Handlungen und Motiven der Figuren einbeziehen zu können. Dem Hauptteil der Arbeit, der Analyse der drei Ehe-Minnen, steht in einem weiteren Unterpunkt eine Erläuterung der Brautwerbungsschemata voran, welche im Vorfeld der Eheschließungen eine wichtige Rolle einnehmen. Ihre große Bedeutung in Vorbereitung und Ausführung wird vor jeder der drei großen Ehen des Nibelungenliedes sichtbar, stehen Brautwerbung und Minne doch in engem Zusammenhang.

Zwei weitere Themen, welche im Hauptteil eine wichtige Rolle spielen werden, da beide in Beschreibung und Analyse häufiger auftreten, sind die Fernliebe – ein Phänomen, welches speziell in der Minneliteratur des Mittelalters gehäuft auftaucht und zum Verständnis der Entstehungsbedingungen einiger Arten der Minne nötig ist – und die nonverbalen Zeichen – die Körperzeichen. Diese spielen gerade in der mediävalen Epik insofern eine wichtige Rolle, da die Dichter die handelnden Figuren nur äußerst selten durch innere Monologe charakterisieren und deshalb deren Gedankenwelt nur andeutungsweise vermittelt wird. Besondere Zuneigung, Wertschätzung etc. oder auch deren Antonyme werden deshalb durch eine höfische Choreographie der Gesten und Zeichen, einer rechten Bewegung zur rechten Zeit (etwa einem Kuss auf die Wange oder ein schüchterner Druck der Hand) usw. offenbart.

Es wurde versucht, Gliederung und Arbeit so aufzubauen, dass gewisse Kapitel, welche besonders der Gegenüberstellung der Minnebeziehungen dienlich sind, durch ähnliche lautende Überschriften ersehbar und parallel lesbar zu machen.

Die Arbeit am Text erfolgte auf der Grundlage der von De Boor herausgegebenen Edition, welche nach der Ausgabe von Karl Bartsch entstand. Die inzwischen unüberschaubare Flut an Sekundärliteratur zum Nibelungenlied ist insofern selektiv zitiert, dass nur diejenigen Titel Aufnahme fanden, die sich konkret mit dem Themenkreis ,Minne‘ befassen oder dem Verständnis von Zeit und Umfeld dienlich sind.

Ist allgemein vom „Nibelungenlied“ die Rede, so sind jeweils umfassend „Der Nibelunge Not“ und die „Klage“ gemeint. Strophen- und Versangaben in Klammern beziehen sich immer auf das Nibelungenlied, sofern nicht anders angegeben. Alle Textzitate aus dem Nibelungenlied stehen kursiv.

1. Minnekonzeptionen der mittelalterlichen Literatur

Vorweg sei gesagt, dass der Begriff ,Minne‘ im Mittelhochdeutschen allgemein und auch im Nibelungenlied im Speziellen in vielerlei Bedeutungsvarianten auftaucht, sei es nun im Sinne von ,Versöhnung‘, als ,Liebe zu Freunden und Verwandten‘, ,Nächstenliebe‘ und vielen anderen. Geht es in dieser Arbeit um ,Minne‘, so ist damit durchgängig der Bedeutungskreis um die eheliche Verbindung zwischen Mann und Frau gemeint, der ,Liebe‘, ,Zuneigung‘, ,Hingabe‘ und die Ehe selbst mit einschließt.[6]

Die höfischen Dichter setzten im Mittelalter gegen die Vorstellung der Minderwertigkeit der Frau ein neues, fiktives Leitbild, eines der Schönheit und Vollkommenheit, welches in dieser Art ein neues Konzept darstellte.[7] Die Preisungen der Dichter zielten jedoch nicht auf individuelle Schönheiten ab, sondern beschrieben ein Ideal, das einem festen Kanon von Prädikaten folgte.

Die Beschreibung der körperlichen Schönheit erfolgte zumeist von oben nach unten, vom Kopf bis zu den Füßen und ging sehr oft in eine ausführliche Schilderung der Kleidung über, da sich in beidem zusammen die innere Tugendhaftigkeit und der Stand offenbarte.[8]

Hieraus ergibt sich eine wichtige gesellschaftliche Funktion der höfischen Dame, da sie die von ihr repräsentierten Werte an den Mann vermittelte.[9] Durch ihre Schönheit und Vollkommenheit weckte sie im Manne die hohe Minne und hält ihn zu ritterlichem Leben an, zu Heldenmut, zu tugendhafter Gesinnung, verschafft ihm höfische Freude, spendet Trost und sonstige Fürsorge. So heißt es beim Stricker: DITZ ist die ere, die si gebent: daz Ritter Ritterlichen lebent, daz hant si von den vrowen[10]. Painter schreibt diesbezüglich: „[…] während der männliche Geist [der lyrischen Dichtkunst] die Form gab, […] gab ihr die weibliche Schönheit die Inspiration“[11]. Diese Verbindung von Minne und Rittertum kam im Hochmittelalter zur Blüte.[12] Die Minne ist Bestandteil des höfischen Lebens und der materiellen Hofkultur und als solcher wird der Dienst an der Frau im Nibelungenlied bei allen festlichen Gelegenheiten herausragend gerühmt. Der Frauendienst gehört zur höfischen Kultur und ist eine Vorraussetzung für vorbildliches Leben bei Hofe. Fehlt dem Herrscher die Minne, fehlt sie dem ganzen Hofe und dem ganzen Lande.[13] Der Tod Etzels vrouwe – seiner Gattin Helche – versetzt das ganze Land in getrübte Stimmung. Seine Herrschaft ist durch die geschwundene Freude geschädigt. Als aber Kriemhild als neue Königin an Etzels Seite gewonnen werden kann, kehrt die Freude, kehren die Feste und Ritterspiele ins Land zurück (1310ff.).

Unterschieden werden muss an dieser Stelle zwischen hoher und niederer Minne. Als die Bereiche Rittertum und Minne, die beide aus religiöser Sicht belastet waren (das Rittertum durch das Töten und die Minne durch die Sünde), in enge Verbindung traten, setzten die ritterlichen Laien diesen klerikalen Vorwürfen etwas entgegen, indem sie den irdischen Eros in einem neuen Licht erscheinen ließen.[14]

Die hohe Minne entstand, indem der profane Eros überhöht wurde.[15] Texte, die uns mit den Regeln der hohen Minne vertraut machen, wurden im 12. Jahrhundert an den Höfen verfasst und so wird sie (nicht zu Unrecht) auch als ,höfisch‘ bezeichnet. Der ,gemeine‘ Mann wird so von vornherein ausgeschlossen und die hohe / höfische Minne als Privileg des Höflings angesehen.[16] Die hohe Minne steht weit über allem anderen und konnte deshalb natürlich von Klerikern und nichthöfischem Volk nicht erreicht werden.

Am Hof zeichneten sich durch sie speziell die Ritter aus, unter denen die hohe Minne als ein Ideal des Ritters auch ein Instrument zur Aufrechterhaltung der Ordnung sein sollte. Die Jugend konnte durch ihre hohen Ideale zur Mäßigung erzogen werden und gleichzeitig rief die hôhiu minne auch zum Wettbewerb auf, indem es darum ging, alle Konkurrenten zu übertreffen und die Dame für sich zu gewinnen.

Die Dame hatte die Funktion, den Eifer der Männer anzustacheln und die Eigenschaften der Anwärter mit Verstand und Übersicht einzuschätzen. Bei Wettkämpfen zeichnete sie den jeweils Besten aus – und der Beste war derjenige, der am besten gedient hatte. Nicht nur der Dame, sondern damit auch dem Hof. Die höfische Minne erzog so zu Dienstbarkeit, Treue und Selbstlosigkeit.[17]

Siegfrieds minne für die Königin aus dem fernen Burgundenlande ist der traditionelle Auslöser für eine gefährliche Brautwerbung, jedoch nicht für den höfischen Frauendienst, der auch ohne die Absicht der Freiung ausgeübt werden kann. Im Gegensatz zur entsagenden Liebe des Minnesangs bedeutet hôhiu minne im Nibelungenlied stæte minne, „beständige Liebe“[18]. Der Begriff hôhiu minne schließt hier eine politische Dimension mit ein, da sie sich nicht auf eine vrouwe richtete, die aufgrund dessen, dass sie den Inbegriff der Vollkommenheit darstellt, außer Reichweite ist. Oder durch einen bereits vorhandenen Ehemann, wie im Tagelied üblich. Stattdessen steht die hohe Minne für die Liebe zu einer Frau, die durch ihren überlegenen Status und die Macht ihrer Familie (Kriemhild, vgl. 49) oder aber wegen großer Entfernung und besonderer Proben, wie es bei Brünhilde der Fall ist (die Prünhilde sterke in wæn’ uns hât benomen. Sô wære ir hôhiu minne uns ze grôzem schaden kommen; 544, 3-4) schwer erreichbar ist. Der Begriff ,hohe Minne‘ wird also hier und im weiteren Verlauf des Epos im Hinblick auf eine besonders schwierige Brautwerbung genutzt.[19]

1.1. Feudale Ehepraxis

Der weltliche Laienadel sah die Ehe primär als ein Instrument der dynastischen Politik, eine politische Institution, deren wichtigste Funktion die Fortsetzung der eigenen Blutlinie war. Das dynastische Prinzip erforderte, dass nur der Ehemann die Ehefrau schwängern durfte, um legitime Erben, bevorzugt Söhne, zu zeugen. Während aus diesem Grunde der Ehebruch der Frau nach weltlichem Recht als Verbrechen gewertet wurde, stellen die außerehelichen Beziehungen des Mannes keinen Straftatbestand dar. Unfruchtbarkeit der Frau, also die Unfähigkeit der Dynastie eine nächste Generation zu bescheren, war der häufigste Scheidungsgrund, da dies die zuallererst wichtigste Aufgabe der Frau sein musste.[20]

Das fiktive Frauenbild, welches die höfischen Dichter ersannen, steht im Gegensatz zur mächtigen Tradition der christlichen Frauenfeindlichkeit, welche in der „weltverachtenden, körper- und sinnenfeindlichen Grundeinstellung“[21] des Christentums wurzelte.

Verehrt wurde die Frau durch die Christen nur im Zustand absoluter Unberührtheit, während sie als Geschlechtswesen immer verdächtig war, leicht den sündhaften Verlockungen des Fleisches zu erliegen. Der Sündenfall der Genesis wurde als Offenbarung der weiblichen Natur interpretiert, ihrer Schwäche gegenüber den Verführungskünsten des Bösen und ihrem natürlichen Ungehorsam. So war die Minderwertigkeit der Frau und ihre Unterordnung gegenüber dem Manne ein fester Bestandteil der christlichen Gesellschaftslehre.

Die scholastische Theologie legte fest, dass die Frau aufgrund der Schwäche ihres Verstandes allein den Begierden nicht widerstehen könne und deshalb der festen Hand des Mannes bedürfe, der sie, wenn nötig, „verbis, et verbere“[22] – mit Worten und mit Schlägen – strafen solle. So auch Siegfried, der Kriemhild mit grober Hand zur Ordnung ruft und dies, als guter Mann seiner Zeit, auch tun muss („ez sol ir werden leit“; 858, 1-2 und „ouch hât er sô zerblouwen dar umbe mînen lîp“; 894, 1-4).

Der markante Frauenüberschuss in den Städten sorgte in seinen Auswirkungen kaum dafür, dass sich das negative Frauenbild zum Positiven ändern konnte. Frauen, die den sicheren Hafen der Ehe nicht zu erreichen vermochten, waren gezwungen, sich als billige, ungelernte Arbeitskräfte oder als Prostituierte zu verdingen. So wird sie durch äußere Umstände tatsächlich zu dem von der Kirche verdammten Objekt männlicher Sinnlichkeit, zur Verführerin und die Ehe zur Lebensversicherung für die Frau und zur Belastung für den Mann.[23] Es gab zwar einen Weg für die Frau geistige und moralische Stärke zu demonstrieren und so ihre angenommene Minderwertigkeit zu überwinden, jedoch führte dieser ins Kloster. Hier erwartete sie zwar der Verzicht auf ein erfülltes Leben, allein war dies die Alternative zur Ehe und dem alltäglichen Kampf ums Überleben.

Im Adel wird die Ehe schon deshalb vom Manne beherrscht, weil er der Träger des öffentlichen Lebens ist, während das Aufgabenfeld der Frau weniger das Notwendige als das Erwünschte umfasst. Trotz aller kirchlichen Gebote ist der mittelalterliche Ehebund aber keine lang währende Einrichtung, da auch die religiöse Weihe eine Auflösung nicht verhindern konnte. Wenn mittelalterliche Ehen hielten, dann zuallererst aufgrund der sozialen Kontrolle durch die Öffentlichkeit und die prinzipielle biologische Kurzlebigkeit, welche dafür sorgte, dass Eheleute nur sehr selten länger als 20 Jahre zusammen lebten. Erst seit dem 12. Jahrhundert dann wurde das Ehesakrament ernster genommen.[24]

Die generell angenommene Minderwertigkeit der Frau steht aber nicht im Widerspruch dazu, dass bei der Ehe auf Ebenbürtigkeit geachtet wurde, da man daran glaubte, Rang und Wert der Menschen würden sich durch das Blut fortpflanzen. Des Weiteren hing an der Vermählung Erhalt und Erwerb von Grundbesitz, also von Macht.

Der eheliche Zusammenschluss von adliger Abstammung und bürgerlichem Reichtum ist möglich, da die soziale Kontrolle jetzt weniger von der Verwandtschaft als von der Öffentlichkeit ausgeübt wird, welche standesgemäßes Leben und musterhafte Einehe verlangte.[25]

Die größere Benachteiligung der Frau im Adel gegenüber anderen Schichten ist wenig verwunderlich, da ihr Lebensziel in der Eheschließung lag und danach ihre Aufgaben im Gebären von Kindern und in der Repräsentation bestanden. Die Bauersfrau hatte eine anders geartete Position. Sie war in den alltäglichen Erwerb des Lebensunterhaltes einbezogen, für Haushalt und Kinder verantwortlich, weshalb sie weit weniger entbehrlich und austauschbar war. Daraus könnte man schließen, dass im bäuerlichen Kreise die Frau offenbar mehr zählte als in der adligen Gesellschaft oder anderen spezialisierten Gemeinschaften im Bürgertum.

1.2. Höfische Liebe und Ehe in der Epik

In der höfischen Epik wirkten die Frauendarstellungen zumeist ,realistischer‘ als das Bild, welches in Lyrik und Minnesang gezeichnet wurde. Oft wurde die Hochstilisierung der höfischen Dame mit negativen Motiven verbunden.[26] Hielten die Autoren auch weiterhin Lobreden auf die Frauen, auf ihre Schönheit und Tugendhaftigkeit, so waren die weiblichen Figuren in ihren Handlungen doch oftmals Opfer ihrer geistigen und moralischen Schwäche – wie etwa Kriemhild, als sie mit dem Vorweisen von Ring und Gürtel die Stimmung bei Hofe verdirbt und dafür von ihrem Manne gezüchtigt wird. Nicht nur hält sie die Strafe für gerechtfertigt, sondern sieht auch ihren Fehler ein: „Daz hât mich sît gerouen“, sprach daz edel wîp (894, 1), während sie im gleichen Atemzuge Siegfried einen „helt küene unde guot“ (894, 4) nennt. Dieser tat seine Pflicht, indem er ihr „verbis et verbere“ zur Aufklärung über ihre Schwächen verhalf. Häufig wird im höfischen Epos erzählt, wie Frauen benachteiligt, entwürdigt und geschlagen werden – obwohl diese Motive im Gegensatz zur direkt ausgeübten verbalen Frauenverherrlichung der Gattung standen.

Beispielhaft steht eine Szene aus Hartmanns ,Erec‘, in welcher Graf Oringles Enite nach dem Scheintod ihres Ehemannes zur baldigen Eheschließung drängen möchte und bei diesem Vorhaben weder vor körperlicher Gewalt zurückschreckt (daz er si mit der hant sluoc alsô daz diu guote harte sêre bluote; Erec 6521-6523) noch vor Beleidigungen (er sprach: „ir ezzet, übel hût!“; Erec 6524). Die Kritik seines Hofes an seiner Handlungsweise weist der Graf grob zurück: „ir herren, ir sît wunderlich, daz ir dar umbe strâfet mich swaz ich mînem wîbe tuo. dâ bestât doch niemen zuo ze redennę übel noch guot, swaz ein man sînem wîbe tuot“ (Erec, 6540-6545). Davon abgesehen, dass Oringles nicht Enites Ehemann war, wird aber deutlich, dass der tatsächliche Gatte eine absolute Verfügungsgewalt über seine Frau hat, denn nach diesen seinen Worten verstummen die Kritiker. Dies wird mit Erecs Anweisung zu Beginn des Epos, welche ihr bei Todesstrafe das Reden verbietet, ebenso klar (vgl. Erec 3095-3099). Wie auch Kriemhild berichtet Enite selbst von Schwächen ihres Geschlechts – ein Zeichen für ihre Qualität als Ehefrau.[27] Frauenverherrlichung und Frauenschelte lagen in der Literatur des Mittelalters dicht beieinander.[28]

1.3. Brautwerbungsschemata der mittelalterlichen Epik

Den mittelhochdeutschen Brautwerbungsdichtungen kommt in der Literatur des Mittelalters eine Sonderstellung zu, da sich vergleichbare Schemata in anderssprachiger Literatur der Zeit nicht entdecken lassen. Dies fällt um so mehr auf, da viele Stoffe der mittelhochdeutschen Zeit Bearbeitungen französischer, lateinischer etc. Quellen sind, sich aber annähernd vergleichbare Formen der Brautwerbungsdichtung lediglich in der slawischen Helden- und Skomorochendichtung finden.[29] So scheinen die Dichter und Autoren des deutschen Sprachraumes in diesem Bereich besonders produktiv gewesen zu sein.

Das Thema der Brautwerbung tritt in der mittelhochdeutschen Literatur gehäuft auf. Dies passiert oft in auffallend ähnlicher Form, so dass Schmid-Cadalbert sie Varianten eines Grundmusters nennt, welchem er die Bezeichnung „mittelhochdeutsches Brautwerbungsschema“[30] verlieh.

Der Werber ist fast immer ein Königssohn oder stammt aus angesehenem Geschlecht. Er gilt als „wunschgemäß, wenn er Tapferkeit, hohe Geburt und Reichtum in sich vereint.“[31] Das Brautwerbungsschema setzt mit einer Schilderung der königlichen Residenz des Werbenden ein, einer Darstellung seines Machtbereichs und seiner Eigenschaften. Dies muss, wie auch im Nibelungenlied, nicht zwingend den Beginn des Gesamtwerkes darstellen. Auch lässt das Auftreten einer derartigen Herrschaftsbeschreibung allein noch keinen Schluss auf ein Brautwerbungsschema zu, denn erst die folgende Ratsszene, in der sich der königliche Herrscher beraten lässt und anschließend den Beschluss fasst, um die schwer erringbare, möglicherweise weit entfernt lebende auserwählte Königstochter zu freien, kennzeichnet den Text als schemaverhaftete Brautwerbungshandlung.[32] Hier erfolgt die Unterscheidung von den ebenfalls in Sequenzen mittelhochdeutscher Chroniken oder Epen auftretenden einfachen bzw. ungefährlichen Werbungen.

Die Ratsszene markiert insofern eine Schlüsselstelle im Epos: Ein König wird dargestellt, der aus bestimmten Gründen keine Gattin besitzt - aufgrund seiner Jugend oder weil sie verstarb. An diesem Punkt nun wird ihm von seinen Ratsleuten eine adäquate Ehefrau vorgeschlagen oder er selbst entschließt sich zur Werbung. Zumeist wird die künftige Braut aber durch den Werber nicht selbst gewählt, sondern durch Eltern, Dienstleute oder Ratgeber vorgeschlagen bzw. bestimmt, da die Auswahlkriterien für einen so mächtigen König, wie er zumeist im Eingangstext beschrieben wird, recht eng gesteckt sind. Ein angemessener, ebenso königlicher und mächtiger Stand sind erforderlich, um sich zu qualifizieren. Grenzler nennt dies die „kollektive Motivierung des Minne-Affekts“[33], da eine subjektive Wahl durch den König selbst kaum erfolgt, sondern sein Umfeld nach objektiven Kriterien die Wahl für ihn trifft. Ebenso objektiv sind Sinn und Zweck der Werbung, nämlich die von der Kirche gewollte Ehe zur Sicherung der Erbfolge oder des persönlichen Heils (wie z.B. dem Beweis der Minnetauglichkeit bzw. Herrschertauglichkeit). Damit ist das Bemühen um eine angemessene, zum König und seinem Reich passende, Ehefrau primär ein staatspolitischer Akt. Der Werber handelt in seiner politischen Funktion, als Träger des Herrscheramtes oder als Anwärter auf den Thron mit dem Einverständnis der Eltern und/oder seiner höfischen Ratgeber.[34] Das Interesse des Hofes, des Reiches steht hierbei über den subjektiven Interessen des Werbers bzw. im besten Falle im Einklang mit denselben, seine persönlichen Neigungen spielen keine Rolle.

Typisch hierfür ist die übliche Fernminne, in der der Beschluss zur Freiung einer Frau gefasst wird, die der Werber noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen hat und deren Merkmale er nur durch die mit konventionellen Formeln erfolgte Beschreibung seiner Ratgeber kennt: „er liebt ein Merkmalbündel.“[35]

Der staatspolitische Charakter der schemagebundenen Werbung lässt sich auch daran ersehen, dass große Teile von ihr in einem öffentlichen Bereich ablaufen: Die Beziehung zwischen Werber und Braut stellt den privaten Bereich dar, während zunächst die Planung der Werbung als auch später die Beziehung zum Brautvater und deren Entwicklung in einem öffentlichen Bereich ablaufen. Da im traditionellen Brautwerbungsschema der Brautvater gegen die Verbindung ist, muss auch er überzeugt/überwunden werden, wie auch, im privaten Bereich, die Tochter gewonnen werden muss. In beiden Bereichen, im öffentlichen und im privaten, ist der Werber gezwungen, Hindernisse zu überwinden.[36]

Elemente der Brautwerbungsdichtung treten auch im Aventiureroman auf – wobei in diesem Stoffkreis die Übergänge zwischen beiden Arten fließend sind. Der Aventiureroman unterscheidet sich insofern von der Brautwerbungsdichtung, dass die Werbung um die Frau nicht sein thematisches Zentrum darstellt, sondern die Suche nach sich selbst, nach seiner Bestimmung[37]. Die Brautwerbung ist dort nur als ein Handlungsort auf der Suche nach seinem Schicksal zu sehen. Im Aventiureroman kann die Ratsszene am Hofe wegfallen und der persönliche Kontakt zur Frau zum Handlungsmovens werden, welcher zum Beschluss der Werbung führt. An die Stelle des konventionellen Minne-Mechanismus tritt der Dienstgedanke.[38] Minne ist hier der Lohn für Bewährung und der Dienst für die Minne wird zur Werbungs-Teilhandlung des Aventiureromans.

Nach Beratung und Beschluss beginnen die Vorbereitungen auf die eigentliche Werbung, die im jeweiligen weiteren Verlaufe der Handlung in drei grundlegende, verschiedene Richtungen gehen kann. Gernentz nimmt folgende Typisierung vor: Im ersten Typ erfolgt die Brautwerbung mit militärischer Gewalt und mittels einer Entführung. Aus einer Schemadopplung resultiert ein Rückführungsversuch des Brautvaters.

In der zweiten Variante geschieht die Brautwerbung stellvertretend oder persönlich durch eine List, die auf verschiedenerlei Art möglich ist:

1. mit Märchenhilfe (Hier sind märchenhafte Elemente gemeint, wie beispielsweise die Tarnkappe.)
2. nach der Kaufmannsformel
3. nach der Geächtetenformel
4. durch Betörung mit Gesang
5. durch Verkleidung

Der dritte Typ stellt eine friedliche Werbung dar, in welcher der Werber entweder seine Angebetete zur Belohnung für seine Verdienste ehelichen darf oder aber eine Heirat aus Vernunftsgründen (Braut, Brautvater und Werber sehen sich jeweils Vorteile erwachsen). Unter den letzten Punkt fällt auch eine Heirat aus Liebe, aus echter Zuneigung. Eine vierte Möglichkeit bietet die Rückführung eines / einer Gefangenen.[39]

Selten ist es der Fall, dass einer der Typen ,rein‘ verwirklicht wurde, vielmehr sind Mischformen üblich – gerade zwischen den ersten beiden Varianten. In beiden trat ursprünglich ein ablehnender Vater auf, der sich im zweiten Typ schlussendlich zufrieden gibt.[40]

Da Gernentz diese Typisierung anhand von vielerlei Beispielen der mittelhochdeutschen Heldensage entwarf, werden nicht alle ihre Elemente im Nibelungenlied zu finden sein. Dem Respekt vor Gernentz Arbeit geschuldet erfolgt hier die Wiedergabe des Schemas dennoch komplett.

In der ersten Variante schließt sich an die Entführung und versuchte Rückführung der Braut ein Kampf des Werbers mit dem Brautvater an, in dem Letzterer sein Leben lassen muss. Ein unbezwungener oder unversöhnter Brautvater bedeutet eine unabgeschlossene Werbungshandlung, denn dieser wird in jedem Fall die Beziehung zwischen Werber und Braut gefährden, was zum Tode des Werbers führen kann.[41] Zur Brautvaterproblematik kommt hinzu, dass sowohl die erste, als auch die zweite Variante mit den Motiven List und Entführung arbeitet und so eine Vermischung beider um so leichter möglich ist.

In beiden Fällen ist es möglich, dass der Werber Proben bestehen muss, um seine Tauglichkeit unter Beweis zu stellen. Diese werden „meist von den Eltern oder den nächsten Verwandten des Mädchens bzw. solchen Menschen gestellt, an die das Mädchen durch Blutsbande oder moralisch gebunden ist. Im Vordergrund aller ,Proben‘ stehen die körperlichen Kämpfe des Werbenden mit dem Brautvater, dem Bruder oder dem Schwager der Umworbenen.“[42]

Der dritte Typ, die friedliche oder auch einfache Brautwerbung, kommt in der mittelhochdeutschen Literatur nicht als selbstständige Dichtung vor, da ihr das Konfliktpotential fehlt. In ihr begehrt zwar auch der Werber die Braut, jedoch betrachtet der Brautvater dieses Ansinnen als legitim und sieht sich nicht bedroht. Die Rolle des außergewöhnlichen Werbungshelfers, welche für die beiden ersten Typen immanent erscheint, wird hier nicht benötigt.

Im vierten Typ erhält der Werber die Braut aufgrund einer Gefangenenrückführung. Dies stellt ein von der Brautwerbung trennbares Motiv dar, welches aber, wie im Kudrun-Lied, an die erste Variante angeschlossen werden kann.[43]

Immer wieder gibt es leichte Abwandlungen dieser Schemata, beispielsweise die Werbung um eine starke Frau (z.B. Brünhild), die die Position des Brautvaters mit übernimmt und sich selbst gegen die Werbung zur Wehr setzt. Weiterhin kann die Brautwerbung von einem Boten übernommen werden, der an des Werbers statt die Umworbene durch Überlisten des Brautvaters gewinnt / entführt und gegebenenfalls gefangen genommen, durch die Braut befreit und mit positiver Antwort an den Werber entlassen wird. Auch in der ungefährlichen Brautwerbung kann ein Bote im Namen des Werbers um die Hand der Zukünftigen anhalten.

1.4. Phänomen der Fernliebe

Zwei Arten der Entstehung von Minne gibt es im Nibelungenlied: Zunächst diejenige, welche die physische Anwesenheit der Partner voraussetzt, um im persönlichen Kontakt zueinander zu finden. Weiter treffen wir auf die so genannte ,Fernliebe‘ oder ,Fernminne‘, bei deren Auftreten ein Mann von einer überaus schönen und tugendhaften Frau hört, im Nu Feuer und Flamme für diese ist und sofort eine Werbungsfahrt durchführt, um sie zu erringen. Beiden Arten ist gemein, dass sie plötzlich auftreten und den Betroffenen zum Handeln zwingen.[44]

Woher die Minnesänger und höfischen Autoren des Mittelalters das Motiv der Fernminne entlehnten, scheint nicht erklärbar, da es sowohl in antiker Dichtung, in frühmittelalterlicher Geschichtsschreibung und in der arabischen Literatur nachweisbar ist.[45] Im Gegensatz zu anderen Belegstellen in der Literatur wird die Fernminne in der höfischen Liebesdichtung als Qualitätskriterium verstanden und eine Liebesbeziehung durch sie aufgewertet. Außerhalb der höfischen Literatur wurde die Möglichkeit der Auszeichnung einer Minne durch ihre Entstehung aus der Entfernung nur selten genutzt.[46]

Innerhalb des Fernliebe-Motivs sind zwei Varianten möglich. Jemand liebt

a) eine Person, bevor er sie gesehen hat
b) eine Person, die er bereits sah, die aber nun abwesend ist.

Gerade die letztere Variante diente dazu, besonders die Aufrichtigkeit und Tiefe einer Minne zu betonen. Die Fernliebe der ersten Variante kommt zustande, indem vor dem ersten äußeren Erblicken einer Dame das Denken über ihre Schönheit und ihre inneren Vorzüge steht. Dadurch entsteht im Kopf des zukünftigen Werbers ein Wunschbild, das durch den tatsächlichen Kontakt bestätigt werden muss.

1.5. Nonverbale Zeichen

Die nonverbalen Zeichen, die Körperzeichen, verdienen Beachtung aufgrund der kaum vorhandenen Reflexion der Figuren und der nur wenig thematisierten Gefühle und Empfindsamkeiten durch den Erzähler. Durch sie können bestimmte Handlungsweisen und die zugrunde liegenden Motive deutlicher analysiert und interpretiert werden. Neben den ,üblichen‘ Gesten des normalen Lebens existiert in der von Ritualen und Zeremonien geprägten Welt des Laienadels eine spezifische Zeichenwelt der sozialen Praxis. Im Nibelungenlied wird am Hofe ein systematisches Arrangement von Grenzüberschreitungen und Bewegungen im Raum dargestellt, basierend auf gelungenen oder gescheiterten Akten der höfischen Präsentation.[47] Solange höfische Normen gelten, hat auch unhöfisches Verhalten einen Sinn und kann entsprechend eingesetzt werden.[48]

Kriemhild küsst nur Giselher und ergreift seine Hand, während sie Hagen und ihre beiden anderen Brüder mit Nichtachtung straft, als die Burgunden Etzels Hof erreichen (1737, 1-3). Sie demonstriert, indem sie bestimmten Personen den höfischen Gruß verweigert, dass ihr Leid noch nicht verwunden ist. Diese Geste, oder vielmehr das Ausbleiben dieser ist gleichzeitig als Kampfansage zu verstehen. Des Weiteren kann der Autor durch den Erzähler mittels des Berichtes von kulturell codierten Gesten und Gebärden Beziehungen und Stellungen der Personen untereinander verdeutlichen. Nehmen wir nur das Festziehen des Helmes – eine Geste der Wappnung, der Ahnung von Gefahr, aber auch ein Zeichen des Misstrauens, welches Hagens Gefühle bei der Ankunft am Hunnenhof verdeutlicht (1737, 4). Demonstrativ fassen er und Dietrich sich daraufhin an den Händen. Der Recke aus Bern zeigt allen Anwesenden, auf welcher Seite er steht.

Regelhafte Formen des Berührungsverhaltens wie Kuss oder Umarmung sind in verschieden zu gewichtenden Abstufungen möglich. Zusammen mit der Darstellung räumlicher Distanz (bzw. dem Nichtvorhandensein derselben) kann soziale Nähe oder Ferne markiert werden. Heinzle nennt dieses Darstellungsmittel, den Einsatz von Gebärden, die Zeichenfunktion besitzen und oftmals das Verbalisieren von Beziehungen und Empfindsamkeiten überflüssig machen, die „demonstrative Schaugeste“.[49]

Ein ganzes Set von historisch bezeugten körpersprachlichen Zeichen kommt im Nibelungenlied zum Einsatz. An ausgewählten Szenen sollen diese Schaugesten aufgezeigt und interpretiert werden.

2. Ehe-Minne bei Siegfried und Kriemhild

2.1. Siegfrieds Minneaffekt

2.1.1. Notwendigkeit des Beweises der Minnetauglichkeit für Siegfried

Mit Beginn der 2. Aventuire begegnen wir das erste Mal Siegfried, verfolgen sein Heranwachsen in Xanten und sein erstes Sinnen darauf, um eine schöne Frau zu werben: er begúndé mit sinnen werben scœne wîp, di trûten wol mit êren des küenen Sîvrîdes lîp (26, 3-4). Früh begab sich der noch junge Siegfried auf Reisen und er versúochte vil der rîche durch ellenthaften muot (21, 2), bewies also seine Kraft und seinen Mut durch Abenteuer in fremden Landen. Für diese Reisen stellen seine königlichen Eltern Leute und Ausrüstung zur Verfügung: Vil selten âne huote man rîten lie daz kint in hiez mit kleidern zieren Sigmunt und Siglint (25, 1-2) – schon aus Gründen der Schicklichkeit, denn hier greift das von Thum beschriebene „Repräsentationsprinzip“[50], nach welchem Siegfried, als der zukünftige Herrscher über Xanten, auf seinen Wegen die politische Macht des Landes verkörpert.

Sein Auftreten, seine Kleidung und sonstige Ausrüstung legen Zeugnis ab über Macht und Zustand Xantens nach außen. So heißt es: In sînen besten zîten, bî sînen jungen tagen, man mohte michel wunder von Sîvrîde sagen (22, 1-2). Das man zeigt an, dass Siegfrieds Qualitäten nicht nur dem Erzähler, sondern allgemein bekannt sind. Durch seine, schon in jungen Jahren, beträchtlichen Taten sind seine Ehre und seine Schönheit öffentlich anerkannt. Im Zusammenhang mit seinen Taten, seiner Stärke und seiner Pracht werden die Frauen erwähnt, die seine Minne begehren (vgl. 22, 4 und 24, 2-4). Die Minne scheint also ein ebenso wichtiges Element der Herrschertauglichkeit zu sein wie alle zuvor genannten – ein Element, welches Siegfried noch schuldig geblieben ist.

Des Weiteren wird seine Erziehung mit vlîze hervorgehoben (23, 1), jedoch entspringt seine Tauglichkeit als Herrscher nicht der Erziehung, sondern der genealogischen Veranlagung, die ihn von Geburt an zum edlen Manne bestimmte (von sîn selbes muote waz túgendę er ân sich nam; 23, 2), weshalb Panzer die absolute Überlegenheit als unbedingte Folge der edlen Geburt beschreibt. Mit dieser edlen Geburt „ist auch Schönheit gegeben, Klugheit im Rat, Tapferkeit und Stärke zur Tat.“[51]

Siegfried versteht sich im Umgang mit Waffen als auch mit den Frauen und erhält deshalb die Schwertleite (28, 4). Allerdings ist er den Beweis der Minnetauglichkeit noch schuldig geblieben. Da die beiden Elemente der Herrschertauglichkeit die Fähigkeit zum Kampf und zur Minne sind[52], verzichtet er darauf, den Thron von Xanten zu besteigen (42, 3-4). Erst, wenn Siegfried eine standesgemäße Gattin gewonnen, geehelicht und so den Beweis der Minnetauglichkeit erbracht hat, kann er zum vollständigen Herrscher über das Land seiner Eltern werden. Er tut dies nicht um des eigenen Glückes willen, sondern für die Gesellschaft, indem er ein Standesideal anstrebt und als vollkommeneres Mitglied wieder an den Hof zurückkehrt.

2.1.2. Entstehung der Minne bei Siegfried

Siegfried erfährt von der Existenz Kriemhildes durch Kunde von außen (er hôrte sagen mære; 44, 2). Der Minne-Affekt tritt also ohne persönlichen Kontakt ein. Die Schönheit Kriemhildes wie auch ihr hôhgemüete (45, 1) wird durch andere an ihn herangetragen. Dies, sowie auch die Angabe, dass so viele Werbende und manec helt (45, 3) nach ihrer Minne streben, zeigt an, dass ihre herausragenden Qualitäten der Öffentlichkeit bekannt sind und ihre Ebenbürtigkeit verbürgt ist. Der Erzähler teilt mit, dass bisher alle Werbenden erfolglos geblieben sind und er stellt auch sogleich fest, warum: ez was ir aller werben wider in ein wint (47, 2) im Vergleich mit Siegfried ist das Werben der anderen bedeutungslos wie ein Windhauch. Siegfrieds herausragende Qualitäten sind zuvor charakterisiert worden, gegenüber ihm und seinen Tugenden kann niemand in der Gegenüberstellung bestehen. Kriemhild, die Attraktivste, wird vom Mächtigsten gewonnen werden, demjenigen, der seine Tauglichkeit durch die Fähigkeit zur überlegenen Ausübung herrschaftlicher Gewalt demonstrieren kann.

Aus dem Rat des Hofes Im rieten sîne mâge und genúoge sîne man, sît er ûf staete minne trage wolde wân, daz er dan eine wurbe diu im möhte zemen (48, 1-3) zieht Schröder den logischen Schluss: „[…] als der Stärkste muss er die Schönste wollen.“[53] Der Rat seiner Gefolgsleute ist allgemein gefasst, da aber am Hofe das Wissen um Kriemhilde existiert, bleibt nach diesen Zeilen nur die Eine als für Siegfried minne-würdig übrig.

Daraus ergibt sich, dass der Entschluss Siegfrieds, nun um Kriemhilde zu freien (dô sprach der küene Sîvrît: „so will ich Kriemhilden nehmen“; 48, 4) kein individueller Entschluss ist. Der Minneaffekt hat sich durch die Mitsprache des Hofes ,verselbständigt‘ und ist durch die Angemessenheit Kriemhildes zu einem kollektiven Entschluss des ,Herrscherverbandes‘ geworden.[54] Nachdem Siegfried der Rat zur angemessenen Wahl erteilt wurde (48, 1-3), sieht er sofort die geforderten Eigenschaften in Kriemhilde und betont diese in seiner Begründung: Die scœnen juncfrouwen von Burgonden lant durch ir unmâzen scœne. daz ist mir wol bekannt, nie keiser wart sô rîche, der wolde haben wîp, im zæme wol ze minnen der rîchen küneginne lîp (49, 1-49).

Die herangezogenen Argumente sind natürlich dieselben Fakten, die sein Hof zu Beginn der Aventuire an ihn herantrug. Die ,eine‘ Frau ist es für Siegfried, denn keine andere wäre angemessen. Umgekehrt gilt dies natürlich auch, denn Kriemhildes Status als die Schönste und Tugendhafteste verlangt nach dem Mächtigsten und Stärksten.

Das Wissen um die Angemessenheit der Jungfrau aus dem Burgundenlande hat bei Siegfried den Minne-Affekt ausgelöst, die ,Fernminne‘ hat ihn erfasst. Das Phänomen der Fernliebe ist in allen Literaturformen belegbar und wurde gerade im spielmännischen Epos zur typischen Form der Minneentstehung (siehe 1.4).[55]

Die Minne kann spontan im Herzen des Helden entstehen, so er von der tugent und schoene einer Frau hört. Dies schließt aber trotz der räumlichen Entfernung die subjektive Komponente keinesfalls aus, auch wenn Siegfrieds minne durch Hörensagen entstand. Bereits nach dem Entschluss zur Werbung zeigt sich die ganze Macht dieser Minne, als er verlautbart: „vil lieber vater mîn, ân’ edeler frouwen minne wold’ ich immer sîn, ich enwúrbe, dar mîn herze vil grôze liebe hât. swaz iemen reden kunde, des ist deheiner slahte rât.“ (52, 1-4).

Seiner Minne werden so, obwohl vom Hofe initiiert und mitgetragen, persönliche Züge verliehen.

[...]


[1] Schmid-Cadalbert, Christian: Der Ortnit AW als Brautwerbungsdichtung. Ein Beitrag zum Verständnis mittelhochdeutscher Schemaliteratur. Bern 1985, S.43f.

[2] Müller, Jan Dirk: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, S. 3ff.

[3] Schmid-Cadalbert, S. 20

[4] Klein, Hans Adolf: Erzählabsicht im Heldenepos und im höfischen Epos. Studien zum Ethos im „Nibelungenlied“ und in Konrad Flecks „Flore und Blancheflur“. GAG 226, Göppingen 1978, S. 306

[5] Schmid-Cadalbert, S. 20

[6] Achauer, Heinz: Minne im Nibelungenlied. Diss. München 1967, S. 32 ff.

[7] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. München 1999, S. 453

[8] Heinzle, Joachim: Die Nibelungen. Lied und Sage. Darmstadt 2005, S. 80

[9] Bumke, S. 453

[10] Stricker, Frauenehre 642-643

[11] Painter, Sidney: Die Ideen des Rittertums. In: Borst, Arno (Hrsg.): Das Rittertum im Mittelalter. Darmstadt 1976, S. 41

[12] Wolf, Alois: Das Faszinosum der mittelalterlichen Minne. In: Wolf, Alois (Hrsg.): Das Faszinosum der mittelalterlichen Minne. Freiburg 1996, S. 15

[13] Thum, Bernd: Literatur als politisches Handeln. Beispiele aus dem Umkreis der letzten Babenberger. In: Österreichische Literatur zur Zeit der Babenberger. Vorträge der Lilienfelder Tagung 1976. Hrsg. von Alfred Ebenbauer [u.a.] Wien 1977, S. 262

[14] Wolf, S. 15f.

[15] Wolf, S. 15f.

[16] Georges Duby: Die Frau ohne Stimme. Liebe und Ehe im Mittelalter. Frankfurt/Main 1993, S. 88

[17] Duby: Frau ohne Stimme, S. 89

[18] Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung. München 1987, S. 114

[19] Heinzle: Lied und Sage, S. 89

[20] Bumke, S. 534

[21] Bumke, S. 454

[22] Thomas von Aquin: Quaestio 62, Articulus 2 zit. nach Bumke, S. 457

[23] Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter. Frankfurt/Main, Berlin 1995, S. 72

[24] Borst, S. 71

[25] Borst, S. 70

[26] Bumke, S. 461

[27] Bumke, S. 466

[28] Bumke, S. 458

[29] Schmid-Cadalbert, S. 80

[30] Schmid-Cadalbert, S. 40

[31] Geissler, Friedmar: Brautwerbung in der Weltliteratur. Halle 1955, S. 4

[32] Schmid-Cadalbert, S. 59

[33] Grenzler, Thomas: Erotisierte Politik – Politisierte Erotik? Die politisch-ständische Begründung der Ehe-Minne in Wolframs „Willehalm“, im „Nibelungenlied“ und in der „Kudrun.“ Göppingen 1992, S. 19

[34] Schmid-Cadalbert, S. 60

[35] Schmid-Cadalbert, S. 60

[36] Schmid-Cadalbert, S. 63

[37] Schmid-Cadalbert, S. 60

[38] Schmid-Cadalbert, S. 60

[39] Gernentz, Hans Joachim: Brautwerbung in der deutschen Heldensage. Eine gesellschaftskritische Untersuchung. Univ. Rostock, Staatsexamensarbeit, Rostock 1950, S. 76ff.

[40] Gernentz, S. 77

[41] Schmid-Cadalbert, S. 63

[42] Geissler, S. 6

[43] Gernentz, S. 77

[44] Achauer, S. 45

[45] Schnell, Rüdiger: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern, München 1985, S. 275

[46] Schnell, S. 275

[47] Müller, S. 345ff.

[48] Heinzle: Lied und Sage, S. 85

[49] Heinzle, Joachim: Das Nibelungenlied. Eine Einführung. München, 1987, S. 82

[50] Thum, S. 262

[51] Panzer, Friedrich: Das Nibelungenlied. Entstehung und Gestalt. Stuttgart, Köln 1955, S. 457

[52] Grenzler, S.144

[53] Schröder, Walter Johannes: Das Nibelungenlied. Versuch einer Deutung. In: PBB 76 (1955), S.74

[54] Grenzler, S. 145

[55] Achauer, S. 94

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Minnekonzeptionen im Nibelungenlied - Hochzeit aus Liebe oder pragmatische Ehe
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
78
Katalognummer
V92368
ISBN (eBook)
9783638057660
Dateigröße
765 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnekonzeptionen, Nibelungenlied, Hochzeit, Liebe, Thema Das Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Andy Schalm (Autor), 2006, Minnekonzeptionen im Nibelungenlied - Hochzeit aus Liebe oder pragmatische Ehe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92368

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