Platons Staatsmodell – humanitär oder totalitär?

Kritische Untersuchung am Beispiel der Argumentation von Karl R. Popper


Hausarbeit, 2008

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung.

Kapitel I:
Platons Denkentwurf –
Beschreibung seines Staatsaufbaus

Kapitel II:
Kritische Interpretation von Karl R. Popper –
„Platons Staat – ein totalitäres Regime !“

Kapitel III:
Versuch einer Gegendarstellung: der humanitäre Aspekt in der „Politeia“ –
Gibt es ein „Entweder – oder?“

Schlussbemerkung:
Darf man Platons „Staat“ so einfach kategorisieren ?

Literatur:

- Platon: Der Staat (Politeia), Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2000 (bibliographisch ergänzte Ausgabe), Hrsg. Karl Vretska
- Karl R. Popper: „Die totalitäre Gerechtigkeit“, in: Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde 1: Der Zauber Platons, UTB 472, Francke Verlag Tübingen, Deutsche Ausgabe 1957, 6. Auflage 1980

Einführung

Das Werk Platons hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer wieder Stoff für kontroverse Diskussionen geliefert. Die unterschiedlichen Positionen lassen sich dabei – grob vereinfacht – in zwei Lager spalten: auf der einen Seite stehen die Wissenschaftler, die Platons Ideen idealisieren und mitunter sogar verherrlichen, auf der anderen jene, die seinen Schriften kritisch gegenüberstehen und sie aus einer distanzierteren Haltung heraus begutachten.

Besonders Platons Hauptwerk – die „Politeia“ – hat in dieser Hinsicht für Aufruhr unter den Philosophen gesorgt. Im Zentrum des Diskurses steht dabei vor allem eine Frage: Ist der Staatsentwurf, den Platon hier vorlegt, auch heutzutage ein erstrebenswertes Modell, oder sollten wir seine Ideen angesichts unserer heutigen politischen Situation verwerfen?

Zu dieser Frage liegen höchst unterschiedliche Beurteilungen vor. Ernst Cassirer, dessen Ansicht auf dem Klappentext der Reclam-Ausgabe der „Politeia“ zu finden ist, bezeichnet den Staat, der hier beschrieben wird, als „Norm“ und „Vorbild“ für menschliche Handlungen. In dieser allgemeinen Formulierung geht er sogar noch einen Schritt weiter, indem er Platons Idealstaat als zeitlos betrachtet, als jenseits vom „Hier und Jetzt“. Damit kann seine Position stellvertretend für alle diejenigen gelten, die Platon mit diesem Werk idealisieren und seine Theorien auch heute noch als wertvoll und lobenswert bezeichnen. Weitere Argumente der Verfechter von Platons Gedankengängen sind beispielsweise die Theorie des Guten als Maßstab aller Dinge, die Gerechtigkeit als Grundlage der Verfassung und die Liebe zur Weisheit, die sich darin äußert, dass die Philosophen, als weiseste Bürger im Staat, herrschen sollen.

Demgegenüber steht jedoch eine völlig gegensätzliche Meinung zu dem hier vorliegenden Denkentwurf – Vertreter der kritischen Haltung sind z.B. Crossmann, Toynbee und Russell. Einer der wohl heftigsten Angreifer der Platonischen Sichtweise ist allerdings Karl R. Popper, der den so genannten „Idealstaat“ als totalitäres Regime bezeichnet, das jeglicher Humanität und Individualität widerspricht, und das mit unserer heutigen Auffassung von Gerechtigkeit wenig zu tun hat.

Diese schwerwiegenden Anschuldigungen möchte ich in der vorliegenden Arbeit etwas näher beleuchten, indem ich von folgender Fragestellung ausgehe:

Inwiefern sind Poppers Ansichten hinsichtlich eines totalitären Regimes tatsächlich zutreffend, und inwiefern muss man angesichts der gewaltigen Zeitspanne, die zwischen der Entstehung und der heutigen Rezeption des Werkes liegt, differenzieren? Gibt es Merkmale in Platons Staatsentwurf, die auch aus heutiger Sicht als humanitär bezeichnet werden können, und falls dies so ist, welche Voraussetzungen gehören zu einer solchen Beurteilung?

Ziel meiner Arbeit ist es, anhand einer Argumentation, die beide Positionen berücksichtigt, festzustellen, ob Platons Staat eher totalitär oder eher humanitär zu nennen ist, falls man diese Begriffe überhaupt zur Charakterisierung verwenden darf – darüber hinaus möchte ich in diesem Zusammenhang versuchen, mögliche Probleme aufzuzeigen, die aus heutiger Sicht mit einer solchen Begriffskategorisierung verbunden sind.

Kapitel I

Platons Denkentwurf – Beschreibung seines Staatsaufbaus

Um beurteilen zu können, wie der hier beschriebene Staat aus heutiger Sicht zu bewerten ist, möchte ich meine Überlegungen damit beginnen, den idealen Staatsaufbau Platons grob zu skizzieren. Dabei werde ich mich zunächst weitestgehend an das halten, was die Textvorlage hergibt, ohne diese zu bewerten. Erst in einem nächsten Schritt folgt anschließend die kritische Begutachtung vor dem Hintergrund der Analyse von Karl R. Popper.

Ohne den Anspruch zu haben, ein vollständiges Bild dessen angeben zu können, was Platon sich unter der idealen Verfassung vorstellt, möchte ich gezielt einige wichtige Aspekte herausgreifen, die im Zusammenhang mit der Diskussion eine entscheidende Rolle spielen.

Im Zentrum sämtlicher Überlegungen Platons bezüglich des anzustrebenden Staates steht das Phänomen der Gerechtigkeit – nicht umsonst lautet auch der ursprüngliche Untertitel des Werkes „Über die Gerechtigkeit“. Sie ist einerseits der Rahmen seiner Analyse, andererseits der rote Faden, der sich durch das ganze Werk zieht, insofern als die Frage nach der Gerechtigkeit immer wieder aufgeworfen wird. Nach dem Vorgespräch, in dem Sokrates Glaukon und Thrasymachos davon überzeugt, dass der gerechte Mensch glücklicher lebt als der ungerechte, erfolgt eine Kategorisierung der Güter. Hier unterscheidet Platon drei Arten: Güter, die man um ihrer selbst willen liebt, jene, die man allein wegen ihrer Folgen liebt, und schließlich jene, in denen beides zusammentrifft (2. Buch, 357c). Zu dieser dritten Art zählt er die Gerechtigkeit, die man um ihrer selbst willen und wegen ihrer Folgen liebt – darum gehört sie zu den höchsten und wertvollsten Gütern.

Eine weitere Voraussetzung für Platons weitere Analyse ist die Vorgehensweise, nach der man „vom Großen“ ausgeht, um auf „das Kleine“ zu schließen. Dies erläutert er anhand des Buchstabengleichnis, welches in etwa Folgendes besagt: Da es für einen Kurzsichtigen schwierig ist, kleine Buchstaben aus der Ferne zu lesen, ist es sinnvoll und einfacher, die gleichen Buchstaben vergrößert und auf größerer Fläche zu lesen, um sie anschließend auf ihre Identität mit den kleinen hin zu überprüfen (2. Buch, 368d). Auf die Realität übertragen bedeutet dies für ihn, dass der einzelne Mensch nicht nur untrennbar mit dem Staat als Gesamtapparat verbunden ist, sondern dass es möglich ist, in der Analyse beim Staat anzufangen und die Ergebnisse auf den Charakter des Menschen zu übertragen – also sprichwörtlich „vom Großen zum Kleinen“ zu gehen. Dieser enge Zusammenhang zwischen Mensch und Staat wird im Lauf des Werks insofern fortgesetzt und weitergeführt, als Platon immer wieder Analogien herstellt – eine der wichtigsten ist jene zwischen den Staatsformen und den Seelenteilen des Menschen, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Der Zusammenhang zwischen Mensch und Staat bildet zugleich die Grundlage für eine weitere These, die allerdings aus der ersten abgeleitet werden kann: Wenn Gerechtigkeit als Ursprung des Staats im Großen und im Kleinen gesucht werden muss, sollte man (laut Buchstabengleichnis) mit dem Staat anfangen, um von da wieder auf den Menschen zu schließen. Das wiederum ist ein Kennzeichen für die enorme Bedeutung des Staates für den Einzelnen, und darüber hinausgehend für seine Abhängigkeit vom Staat. Laut Platon kann kein Bürger auf sich allein gestellt sein, jeder bedarf der anderen Menschen um ihn herum – auf diese Weise wird der Staat sozusagen aus der menschlichen Bedürftigkeit geschaffen (2. Buch, 369c).

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Platonischen Staatsmodells ist das Prinzip der Idiopragie: Hierbei gilt der Grundsatz, dass jeder ausschließlich der Arbeit nachgeht, die er am besten kann und auf die er sich spezialisiert hat. Diese Prämisse wird im Laufe des Werkes noch weiter ausgeprägt, indem Platon es als Verderben des Staates bezeichnet, wenn Bürger verschiedener Klassen ihren Beruf tauschen, wenn z.B. ein Handwerker sich in den Kreis der Wächter einmischt (4. Buch, 434b). Dies ist ein entscheidender Aspekt, der für die ganze Diskussion um das Modell Platons von enormer Bedeutung ist und auf den ich an anderer Stelle noch ausführlicher eingehen werde.

In Verbindung mit seinem Denkentwurf unterscheidet Platon drei Formen des Staats, die hierarchisch angeordnet sind. An unterster Stelle steht dabei der „einfache Staat“ oder auch „Schweinestaat“, in dem jeder das hat, was er zum Leben braucht und in dem nach dem Prinzip der Arbeitsteilung gehandelt wird. Die zweite Stufe bildet der „ungesunde“ oder „üppige Staat“, in dem zusätzlich zum Lebensnotwendigen Luxusgüter hinzukommen und dadurch die friedliche Kooperation der Menschen durch äußere Einwirkungen beeinträchtigt wird, insofern als man gegen andere Staaten Krieg führt, was den Beruf der Wächter und Krieger zur Folge hat.

An dritter Stelle steht nun der so genannte „Wächterstaat“, der die Grundlage des gesamten Werks bildet, insofern als hier – in Verbindung mit dem Wächterberuf – einige entscheidende Aspekte des bürgerlichen Alltags gekennzeichnet werden, die für Platons Denkweise charakteristisch sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Platons Staatsmodell – humanitär oder totalitär?
Untertitel
Kritische Untersuchung am Beispiel der Argumentation von Karl R. Popper
Hochschule
Robert Schumann Hochschule Düsseldorf  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Platons Politeia
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V92374
ISBN (eBook)
9783638058049
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platons, Staatsmodell, Platons, Politeia
Arbeit zitieren
Uta Schmidt (Autor:in), 2008, Platons Staatsmodell – humanitär oder totalitär?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92374

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