Sokratische Gesprächsführung in der Arzt-Patienten-Kommunikation

Fiktive Fallkonstrukte mit Jugendlichen


Hausarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Grundlagen gelingender Kommunikation
2.1 Grundregeln der Kommunikation nach Paul Watzlawick
2.2 Vier Seiten einer Nachricht nach Friedemann Schulz von Thun
2.3 Aktives Zuhören
2.4 Empathie
2.5 Spiegeln
2.6 Regeln für gelungene Kommunikation

3 Besonderheiten der Arzt-Patienten-Kommunikation
3.1 Sokratische Gesprächsführung
3.2 Gründe für misslingende Arzt-Patienten-Gespräche
3.3 Besonderheiten des ärztlichen Umgangs mit Jugendlichen

4 Praxisfälle
4.1 Definition schwierige/r Patient/-in
4.2 Fallkonstrukt: Lisa, 17 Jahre
4.3 Fallkonstrukt: Marlies, 16 Jahre
4.4 Fallkonstrukt: Julian, 15 Jahre

5 Résumé: Handlungsempfehlungen für gute Arzt-Patienten-Kommunikation
5.1 Allgemeine Handlungsempfehlung
5.2 Handlungsempfehlung für das Gespräch mit Jugendlichen
5.3 Probleme beim Kommunikationstraining im ärztlichen Umfeld

6 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Hinweis:

Die vorliegende Arbeit wurde vorschriftsmäßig gegendert. Lediglich bei Wortkonstrukten, die nach dem Empfinden der Autorin gegendert quasi unlesbar sind (z. B. Arzt/Ärztin-Patienten/in-Gespräch), wurde bewusst darauf verzichtet.

Alle Personen und Gespräche in dieser Arbeit sind fiktiv.

1 Einführung

Diese Arbeit beschäftigt sich in Kapitel 2 mit den Grundlagen gelingender Kommunikation, wobei vor allem die Theorien von Paul Watzlawick und Friedemann Schulz von Thun hervorgehoben werden. Kapitel 3 erläutert die Besonderheiten der Arzt-Patienten-Kommunikation und erklärt nach einer allgemeinen Begriffsdefinition die Vorzüge und Nachteile der sokratischen Gesprächsführung. Prägnante Gründe für misslingende Arzt-Patienten-Gespräche werden ebenfalls dargelegt.

Im Hauptteil der Arbeit (Kapitel 4) werden drei Fallkonstrukte vorgestellt. Es handelt sich bei allen drei Fällen um eine unbefriedigend für die fiktiven Beteiligten (Arzt und Jugendliche) verlaufende Konsultation. Ein kurzer Auszug eines möglichen Gesprächs in sokratischer Dialogform gibt Anregungen zu Verbesserung des Kommunikationsstils. Handlungsempfehlungen zur Förderung einer gelungenen Arzt-Patienten-Kommunikation werden in Kapitel 5 vorgestellt. Mit einer Kurzzusammenfassung (Kapitel 6) schließt die Arbeit.

2 Grundlagen gelingender Kommunikation

Die kürzeste Beschreibung des Kommunikationsbegriffs ist wohl „Kommunikation gilt als der Austausch von Informationen“. Dieser Kern findet sich in allen relevanten Definitionen wieder und kann keiner Einzelquelle mehr zugeordnet werden. Kommunikation allein erhebt allerdings nicht den Anspruch, zwangsläufig auch als erfolgreich zu gelten. Gelingende Kommunikation ist allerdings das A und O der zwischenmenschlichen Beziehungen (Schröder, o. J.).

Die nachfolgend angeführten, kurz erläuterten und großteils in den Konnex zum Arztgespräch gesetzten primären Grundlagen erfolgreicher Kommunikation stellen nur einen kleinen Ausschnitt des äußerst umfangreichen Themas dar, welcher aufgrund der Bekanntheit der Ansätze gewählt wurde.

Selbstverständlich sind in der Kommunikation, vor allem auch in der Arzt-Patienten-Kommunikation, Faktoren wie das Setting, das Gesprächsklima, die räumliche Distanz (von öffentlicher bis intimer Zone), optimale Sitzordnung, Verständlichkeit, Sprachstil, gute Gesprächseröffnung, Fragestil etc. genauso wichtig.

2.1 Grundregeln der Kommunikation nach Paul Watzlawick

Watzlawick (1969) beschreibt die Grundannahmen – auch genannt Axiome – über gelungene oder gestörte Kommunikation als Formulierungen, die aus sich selbst heraus verstehbar sind.

2.1.1 1. Axiom: Man kann nicht nicht kommunizieren

Der Tonfall des Gesprochenen, das Sprechtempo und die Pausensetzung zählen ebenso wie Mimik, Gestik und Körperhaltung als wichtige Zeichen der Kommunikation. So kann nach Watzlawick (1969, zit. nach Cizek, Kapella & Steck, 2005, S. 9) jegliche Art von Verhalten mit Kommunikation gleichgesetzt werden, womit es für Lebende unmöglich ist, nicht zu kommunizieren. Z. B. ein/e Patient/in, der/die im Warteraum des/der Arztes/Ärztin sitzt und nur strikt auf den Boden schaut, kommuniziert auf diese Art und Weise, dass er/sie nicht angesprochen werden möchte (Watzlawick, 1969).

2.1.2 2. Axiom: Inhalt und Beziehung

Jede Botschaft enthält einen Inhalts- und Beziehungsaspekt, wobei der Inhaltsaspekt das „Was“ der Botschaft ausdrückt, der Beziehungsaspekt hingegen bezieht sich auf das „Wie“: Wie sieht der/die Sender/in der Botschaft seine/ihre eigene Beziehung zum/r Empfänger/in und wie möchte er/sie die Botschaft verstanden haben, d. h. als Chef/in, Untergebene/r, Kollege/in, Freund/in, Gegner/in etc.? Der Beziehungsaspekt stellt meist das wichtigere Element der Kommunikation dar (Watzlawick, 1969, zit. nach Cizek, Kapella & Steck, 2005, S. 9).

2.1.3 3. Axiom: Interpunktion

Das Axiom der Interpunktion verdeutlicht unser Leben in einer konstruierten Wirklichkeit. Nach Watzlawick, Beavin & Jackson (2011) stellt die Interpunktion den Start zum radikalen Konstruktivismus dar. Watzlawick vertritt die Ansicht, dass wir die Wirklichkeit als Interpunktion von Ereignisfolgen selbst konstruieren.

Das wohl bekannteste Beispiel für Interpunktion im konstruktivistischen Sinne ist jenes aus dem Partnerschaftsbereich: Ein sich ständig streitendes Ehepaar hadert mit dem Umstand, dass sie immer nörgelt und er sich immer zurückzieht, und beide sind der Ansicht, dass ihr jeweiliges Verhalten die Reaktion auf das Verhalten des anderen ist. Die Frau meint also nur zu nörgeln, da der Ehemann sich zurückzieht, welcher jedoch davon überzeugt ist sich zurückzuziehen, da sie ständig nörgelt (Watzlawick, Beavin & Jackson, 2011, S. 61). Dieses Beispiel macht greifbar, dass Kommunikation einen Zyklus darstellt, bei welchem nicht immer zurückverfolgt werden kann, wo der Startpunkt der Diskussion gelegen hat. Nur ein Wechsel der Perspektive kann die Situation ändern (Watzlawick, 1969, zit. nach Schröder, o. J.).

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Interpunktion dann passiert, wenn ein/e Beteiligte/r an der Kommunikation das Verhalten basierend auf der Antizipation, dass der/die andere Beteiligte/r etwas sagen oder tun wird, ändert, bevor dies wirklich eintritt.

2.1.4 4. Axiom: Digital und analog

„Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler (verbaler) und analoger (non-verbaler, nicht-sprachlicher) Modalitäten (Ausdrucksmittel). Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik (Bedeutungslehre). Analoge Kommunikationen hingegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikation erforderliche logische Syntax". (Watzlawick, Beavin & Jackson, 2011, S. 68)

Über die digitale Schiene werden vor allem Inhaltsaspekte kommuniziert, wohingegen der analoge Weg ein gutes Mittel zur Übertragung des Beziehungsaspekts darstellt (ebd.).

2.1.5 5. Axiom: Symmetrisch oder komplementär

Kennzeichnend für menschliche Beziehungen ist, dass diese entweder Gleichheit oder Unterschiedlichkeit aufweisen. Nicht selten tritt diese Unterschiedlichkeit in Form von Unterordnung auf. Ist die Beziehung symmetrisch, so bedeutet dies, dass die Kommunikationspartner/innen bemüht sind, Ungleichheiten untereinander auszumerzen, es besteht demnach ein Streben nach Gleichheit. Läuft die Kommunikation komplementär ab, dann liegt dies daran, dass es eine/n „superiore/n“ und eine/n „inferiore/n“ Partner/in gibt, welche sich in ihrem Verhalten ergänzen (Watzlawick, 1969, zit. nach Bender, 2014).

2.2 Vier Seiten einer Nachricht nach Friedemann Schulz von Thun

Schulz von Thun (1981) hebt hervor, dass Kommunikation immer zwischen einem/r Sender/in und einem/r Empfänger/in stattfindet. Spricht der/die Sender/in, so verschlüsselt er/sie dabei das Anliegen in eine Nachricht, die aus Worten besteht, und der/die Empfänger/in entschlüsselt diese wieder. Kann die Nachricht korrekt entschlüsselt werden (dies ist der Fall, wenn gesendete und empfangene Nachricht übereinstimmen), so hat eine Verständigung stattgefunden (Schulz von Thun, 1981, zit. nach Geisler, 1992).

Allerdings enthält die gesprochene Nachricht im Regelfall nicht nur die reine Information, sondern gleichzeitig vier unterschiedliche Aspekte, die von Schulz von Thun (1981) als „Seiten einer Nachricht“ bezeichnet werden. Diese sind:

1. Sachinhalt (Information)
2. Selbstoffenbarung
3. Beziehung (Kontakt)
4. Appell

Eine plakative Darstellung in Form des populären Kommunikationsquadrats (auch bekannt unter dem Begriff „Vier-Ohren-Modell“) ist u. a. auf der offiziellen Homepage des Schulz von Thun Institut für Kommunikation abrufbar.

Geisler (1992) postuliert, dass für Ärzte/Ärztinnen das Selbstoffenbarungsohr besonders wichtig sei, da es das diagnostische Ohr darstelle, „weil es aus der ankommenden Nachricht jene Anteile herausfiltert, die zu einem besseren Verständnis des Patienten beitragen können“. Aber auch dem Appellohr kommt im Arzt-Patienten-Gespräche große Bedeutung zu: Oftmals sprechen Patienten/innen ihre Wünsche bzw. Anliegen nicht direkt aus. Nimmt der/die Arzt/ Ärztin nur den Sachinhalt der Nachricht wahr, so werden wohl oftmals die eigentlichen Absichten der Patienten/innen unberücksichtigt bleiben (Geisler, 1992).

2.3 Aktives Zuhören

Das Onpulson Wirtschaftsmagazin (Schulze, o. J.) beschreibt aktives Zuhören als eine „offene, aktive, respektvolle und empathische Einstellung gegenüber dem Gesprächspartner und dem Gesprächsinhalt“. Das heißt, dass man seinem/r Gesprächspartner/in genau zuhört, ihm zustimmt und falls nötig Fragen zum Gesagten stellt, allerdings ohne das Gegenüber zu unterbrechen. Bei Dahmer und Dahmer (1982) wird aktives Zuhören als „aufnahmebereite Zuwendung“ beschrieben, was bedeutet, dass es zu wenig ist, das Gesprochene aufzunehmen, sondern es bedarf auch der Aufnahme des Unausgesprochenen, der Hintergründe und Zwischentöne (ebd.).

Voraussetzungen für gekonntes aktives Zuhören nach Geisler (1992):

1. Interesse
2. Bereitschaft, zuzuhören
3. Fähigkeit, zuzuhören
4. Völlig präsent sein

Als komplementäres Element zum Sprechen stellt aktives Zuhören eine äußerst wichtige Fähigkeit eines/r jeden Mediziners/in dar. Allerdings ist Zuhören durchaus schwieriger als Sprechen. Geisler (1992) postuliert, dass „Geduld, Konzentration, Disziplin, analytisches Denken und ein Gespür für Zwischentöne“ vonnöten seien, um dem/der Patienten/in gerecht zu werden.

2.4 Empathie

Für den allgemein bekannten Begriff „Empathie“ existieren in der Literatur die unterschiedlichsten, sich manchmal nur in kleinen Teilbereichen überschneidenden Definitionen. Einig sind sich die Wissenschaftler/innen, dass Empathie mit Gefühlen zu tun hat, es also eine affektive Komponente gibt. So schreibt z. B. Hogan (1969, S. 308) "[...] empathy means the intellectual or imaginative apprehension of another's condition or state of mind without actually experiencing that person's feelings", während Hoffmann (1977, S. 712) Empathie als "[...] a vicarious affective response to others" bezeichnet. Der Bezug zwischen dem Begriff der Empathie und dem Arztgespräch wird schon 1959 von Rogers folgendermaßen hergestellt: "To sense the client's inner world of private, personal meanings as if it were your own, but without ever losing the 'as if' quality, that is empathy." (Rogers, 1959, S. 210)

Diese Art des einfühlenden Verstehens (Bommert, 1977) ist eine wesentliche Kommunikationskomponente im Arzt-Patienten-Gespräch und ist im Zusammenhang mit der auf Rogers (z. B. 1957) zurückgehenden Persönlichkeitstheorie im Bereich der klientenzentrierten Gesprächstherapie als „therapeutische Wirkgröße“ anerkannt.

Empathie ist jedoch keinesfalls gleichzusetzen mit Mitgefühl, Sympathie oder Identifikation: Hierbei würde der bei Rogers (1959) beschriebene „as if“-Faktor fehlen. Eine Trennung der Begriffe und somit auch unterschiedliches Verhalten sind obsolet.

Die Ärztezeitung (Schmitt-Sausen, 2019) empfiehlt auf jeden Fall Verständnis und Empathie zu zeigen, da dieses Eingehen auf den/die Patienten/in und dessen/deren Sorgen eine Bindung schafft, die dem Gespräch und einer weiterführenden Behandlung nur förderlich sein kann.

2.5 Spiegeln

Schon bei Sigmund Freud ist zu lesen: „Der Arzt […] soll wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird.“ (Freud, 1912, S. 384)

Das Spiegeln ist in Ergänzung zum aktiven Zuhören eine wichtige Gesprächstechnik – beide sollten immer eng miteinander verwoben sein. Es geht in der moderneren Kommunikationswissenschaft auf Rogers (1985) und Tausch (1968) zurück. Der klientenzentrierte Ansatz von Rogers (1983), der auch das Spiegeln enthält, ist heute fester Bestandteil von Therapiegesprächen.

Spiegeln in der ärztlichen Praxis funktioniert derart, als dass der/die Arzt/Ärztin dem/der Patienten/in wiedergibt, was er/sie glaubt verstanden zu haben (Geisler, 1992), wodurch es zu einem Gefühl des Angenommen-Werdens bei dem/der Patienten/in kommt. In erster Linie jedoch führt die Spiegeltechnik zu einer Selbsterforschung und somit Erlangung von Klarheit bezüglich der eigenen Gefühle, Einstellungen und Ziele des/der Patienten/in (Tausch, 1968, S. 91). Mit der Spiegeltechnik stellt der/die Arzt/Ärztin unter Beweis, dass er/sie aktiv zuhört (Weber, 2012).

2.6 Regeln für gelungene Kommunikation

Für die Gesprächspraxis hat u. a. Schröder (o. J.) folgende Regeln für gelungene Kommunikation und Gesprächsanalysen zusammengefasst, welche nicht nur im Arzt-Patienten-Gespräch, sondern in allen Lebenslagen angewendet werden können:

1. „Die/den andere/n ausreden lassen
2. Gesprächspartner/-in anschauen
3. Auf die/den andere/n eingehen
4. Andere nicht abwerten, keine Unterstellungen
5. Freundlicher Umgangston
6. Sachlich argumentieren
7. Ruhig bleiben
8. Positive Atmosphäre ermöglichen
9. Kommunikationsbereitschaft signalisieren
10. Aktiv und hilfreich zuhören
11. Sich auf das Wahrnehmbare konzentrieren
12. Die/den andere/n akzeptieren und verstehen
13. Eigene Zielsetzungen überprüfen
14. Gefühle und Bedürfnisse mitteilen (Ich-Botschaften)
15. Die Existenz von Konflikten akzeptieren
16. Konflikte selbst lösen
17. Rollengebundenheit der Sprecher/innen beachten
18. Mimik und Gestik in der Kommunikation beachten
19. Offene Fragen stellen, keine Suggestivfragen
20. Rückmeldung des ausgelösten Gefühls
21. Nach Möglichkeit Lob und Anerkennung äußern oder signalisieren
22. Keine Verallgemeinerungen, nur konkrete Situationen/Verhaltensweisen ansprechen“

Selbstverständlich sind nicht alle davon in jeder Gesprächssituation angemessen. Z. B. ein/e Therapeut/in, der/die eine verfahrene Klienten/innen-Situation lösen möchte und sich daher für die sokratische Gesprächsführung entschieden hat, wird kaum in Form von Ich-Botschaften eigene Gefühle und Bedürfnisse mitteilen. Auch im Übermaß angewendete „positive“ Kommunikationsformen sind ebenso wenig gesprächsfördernd wie das Fehlen derselben. So wäre z. B. ununterbrochener intensiver Blickkontakt genauso schädlich wie keiner (Skelton, 2011, S. 213).

3 Besonderheiten der Arzt-Patienten-Kommunikation

Ärzte/innen sind meist einer eigenen Sprache verhaftet, die ihrer persönlichen beruflichen Lebenswelt entspricht und zudem ein Zeichen ihrer eigenen Wirklichkeit darstellt. Dass dies einen Nährboden für Missverständnisse darstellt, liegt auf der Hand. Verstärkt wird dieser Umstand noch dadurch, dass das medizinische Personal durchaus in dem Glauben handelt (spricht), von den Patienten/innen verstanden zu werden, vor allem da sich diese sehr oft nicht gegenteilig äußern (Geisler, 1992).

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass neben der Wortwahl auch der gesamte Sprachstil individuell auf den/die Patienten/in abgestimmt wird: Nicht nur Alter, Bildungsniveau und sozialer Status spielen eine Rolle, ebenso der Kulturkreis, in dem sich der/die Patient/in befindet, darf nicht außer Acht gelassen werden (ebd.).

Nora Schmitt-Sausen empfiehlt in ihrem Artikel in der Ärztezeitung (2019) kurze Sätze zu formulieren, nicht zu viel Information auf einmal zu geben, die Aussagen klar und nicht zweideutig zu formulieren und zusätzlich diese „vereinfachte Ärztesprache“ mit Pausen zu versehen und in einem eher niedrigen Sprechtempo vorzubringen, damit die Information als verständlich wahrgenommen wird. Alle im medizinischen Bereich Tätigen müssen sich immer wieder klar machen, dass ihr/e Kunde/in ein medizinischer Laie ist.

3.1 Sokratische Gesprächsführung

3.1.1 Herleitung des Begriffs der sokratischen Gesprächsführung

Sokrates hat entsprechend den Überlieferungen bei seinen Reden und Vorträgen versucht, sein Publikum durch provokante Fragen zum Hinterfragen alter Legenden und Annahmen (bevorzugt rund um das Thema der griechischen Götterwelt) zu bewegen. Die derart provozierte „Umstrukturierung“ der verinnerlichten Glaubenssätze wird als sokratische Gesprächsführung bezeichnet.

3.1.2 Sokratische Gesprächsführung in der Arzt-Patienten-Kommunikation

Bei der sokratischen Gesprächsführung wird nicht versucht, eine/n Klienten/in durch bestimmte Aussagen oder Argumente zu überzeugen, sondern indem ihm/ihr gezielte Fragen gestellt werden, sodass der/die Klient/in selber auf die richtige Antwort kommt, welche dann noch operant durch Lob oder durch nonverbale Signale wie Nicken oder Lächeln verstärkt werden soll. Auf diese Art und Weise kann der/die Klient/in seine/ihre individuelle Wahrheit selbst finden (Stavemann, 2008 a, S. 134). Untersuchungen haben gezeigt, dass der sokratische Dialog entscheidende kognitive Umstrukturierungen erwirkt (Zimmer, 2000).

In der Therapie wird diese Gesprächsform alternativ auch – z. B. bei Hoyer, Jacobi, and Leibing (2003, S. 89) – als „geleitetes Entdecken“ bezeichnet.

In diesem Unterkapitel wird bewusst der Klientenbegriff verwendet, da sokratische Gesprächsführung aufgrund der hierfür benötigten Zeit in der Therapie wesentlich häufiger anzutreffen ist als im Arzt-Patienten-Gespräch.

Die sokratische Gesprächsführung sollte insbesondere dann angewendet werden, wenn es gilt, dysfunktionale Denkschemata zu identifizieren und sie durch funktionale Gedanken zu ersetzen. Dieses Szenario betrifft jede psychische Beeinträchtigung, da diese immer mit dysfunktionalen bzw. krankhaften Gedanken einhergehen (Wittke, 2014, S. 55). Diese Kommunikationsart wirkt vor allem Widerstand reduzierend, da die Patienten/innen bzw. Klienten/innen die Antworten selbst finden und damit die alten dysfunktionalen Ideen auch selbst widerlegen. So kann nicht der/die Therapeut/in bzw. Arzt/Ärztin für das Ergebnis verantwortlich gemacht werden, und es kommt im Vergleich zu anderen Gesprächstechniken zu einem deutlich reduzierten Ausmaß an Widerstand (ebd.).

Der sokratische Dialog wird heute in den verschiedenen humanistischen Therapieschulen angewendet, am häufigsten jedoch in der kognitiven Verhaltenstherapie. Stavemann (2008 b, S. 282) hebt hervor, dass die sokratische Gesprächsführung in der Verhaltenstherapie die wichtigste Interventionsstrategie sei, „[…] um notwendige Erkenntnisse für psychisch gesunde Denkweisen zu vermitteln, Eigenverantwortung zu fördern und den Mut zur Selbstbestimmung eigener Lebensinhalte, Lebensziele und moralischer Normen zu stärken“.

Stavemann (2008 b, S. 281, 2013, S. 135 und 2015, S. 105) unterscheidet folgende Einsatzmöglichkeiten für sokratische Dialoge:

a) Explikativer sokratischer Dialog: Zur Definition von Begriffen und zum Herausfinden der jeweiligen persönlichen Bedeutung, empfohlen u. a. bei Selbstwertproblemen und Depressionen
b) Normativer sokratischer Dialog: Zur Überprüfung der ethisch-moralischen Grundeinstellung und damit verbundener Entscheidungen, empfohlen u. a. bei Patienten/innen mit starken Wutreaktionen
c) Funktionaler sokratischer Dialog: Zum Erheben der Funktionalität gewisser Einstellungen und damit verbundener Alternativensuche, empfohlen u. a. zum Explorieren von Vermeidungshaltungen

3.1.3 Kritik an der sokratischen Gesprächsführung

Geisler (1992) merkt an, dass die Fragen im Rahmen des sokratischen Dialogs von manchen Medizinern/innen derart angewendet werden, dass sie lediglich der Selbstbeweihräucherung des/der Fragenden dienen und zu einer starken Asymmetrie in der Kommunikation führen. Dies ist dann der Fall, wenn der/die Fragende – also der/die Arzt/Ärztin – weiß, dass der/die Patient/in die Frage nicht beantworten kann.

Von dieser von der Persönlichkeit des/der Fragestellers/in abhängigen Problematik abgesehen, stellt der Zeitfaktor ein prinzipielles Problem dar. So wird unter unterschiedlichen Onlinequellen (z. B. https://www.landsiedel.com/at/wissen/sokratischer-dialog.html#explikativ) ein Dialog von mehreren Stunden – aufgeteilt in mehrere Sitzungen – empfohlen. Natürlich können auch nur einzelne wichtige Segmente in einer Einheit sokratisch bearbeitet werden, was im Coaching üblicher ist als bei Therapien. Aber auch hierbei wird eine Dauer von rund 60 bis 90 Minuten angegeben.

Von der Sinnhaftigkeit einiger weniger einzelner Fragen, die zu einer Verschreibung eines Rezeptes führen, bestenfalls zu einer Weiterleitung zu einem/r Therapeuten/in oder Coach, wie es bei praktischen Ärzten/innen üblich ist, ist in der Literatur keine Rede. Aus diesem Grund wird in der Literatur häufig die sokratische Gesprächsführung als nicht erwünscht (Geisler, 1992) bzw. nicht durchführbar im Patientengespräch eines/r Kassenarztes/ärztin angeführt.

3.2 Gründe für misslingende Arzt-Patienten-Gespräche

Wie in der Einleitung zu Kapitel 3 erwähnt, kommt der Kommunikation in der Arztpraxis eine ähnlich elementare Bedeutung zu wie der Behandlung an sich. In der Realität ist für viele Ärzte/innen und auch Angestellte in der Ordination diese jedoch eine permanente Herausforderung (Schmitt-Sausen, 2019).

Die Detroiter Soziologen Beckan und Frankel (Wayne State Medical School) analysierten 74 heimliche aufgenommene Praxisgespräche. Auch wenn diese unethische und heutzutage illegale Vorgehensweise im 21. Jahrhundert Gott sei Dank der Vergangenheit angehört, so soll trotzdem an dieser Stelle eines der Hauptergebnisse wiedergegeben werden: Durchschnittlich wurde jede/r Patient/in bereits nach 18 Sekunden des Gesprächs unterbrochen, rund drei Viertel der Patienten/innen war es nicht möglich, die Schilderung des Beschwerdebildes komplett auszuführen (Frankl, 1986).

Bliesener (1986) nennt in seinem Buch „Die ärztliche Visite – Chance zum Gespräch“ mangelndes Kommunikationstraining als einen Hauptgrund für misslingende Kommunikation.

"Es gibt hochspezialisierte professionelle Redetrainings für Vertreter und Referenten aller Produktbereiche. Für den Arzt gibt es eine solche Redeschulung nicht. Der Arzt bleibt mit seinen Problemen in der Gesprächsführung weitgehend allein.“ (Bliesener, 1986, S. 13)

Zusätzlich zu mangelndem Kommunikationstraining stellen der immense Zeitdruck (v. a. jener von praktischen Ärzten/Ärztinnen mit Kassenvertrag), die stetig wachsenden Ansprüche von Patienten/innen (vgl. Kap. 4.1 – Schwierige/r Patient/in), sprachliche Barrieren sowie fehlende Anerkennung Gründe für misslingende Arzt-Patienten-Gespräche dar (Schmitt-Sausen, 2019).

3.3 Besonderheiten des ärztlichen Umgangs mit Jugendlichen

Im juristischen Sinn sind Kinder und Jugendliche nach österreichischer Rechtslage bis 18 Jahre unmündig, die Erziehungsberechtigten werden – rein rechtlich gesehen – für jedes Gespräch benötigt. Diese Art der „Dreiecksbeziehung“ ist jedoch in vielen Fällen, vor allem bei schon etwas älteren Jugendlichen, äußerst ungünstig. Ab dem Alter von 14, also wenn Personen mündige Minderjährige werden, gesteht man ihnen bei „normaler geistiger Reife“ jedoch zu, ärztliche oder therapeutische Angelegenheiten selbst zu regeln.

Bei allen Ärzten/Ärztinnen, die mit Jugendlichen in Kontakt treten wollen, muss ein gewisses Verständnis für die Pubertät und Entwicklungsprozesse in diesem Alter vorhanden sein (Engl-meier, 2011, S. 25). Für Jugendliche in der Adoleszenz gilt es einen „Berg“ an emotionalen und sozialen Aufgaben und Neuausrichtungen zu bewältigen, was ein großes soziales und auch psychisches Konfliktpotential darstellt. Sowohl Identitätskrisen als auch Konflikte im Bereich der Familie (hier vor allem natürlich die Eltern), im Freundeskreis, in der Beziehung, in der Schule können teilweise durchaus als Normvariante gesehen werden.

Remschmidt (1992) merkt an, dass Jugendliche besonders anfällig für Suchterkrankungen wie z. B. Substanzmissbrauch oder Essstörungen sind, auch kommen emotionale Störungen häufiger als bei anderen Altersgruppen vor. Remschmidt nennt hier Beispiele wie Aggressionen, Ängste und Depressionen, die bis zum suizidalen Verhalten reichen können.

Trotz der Tatsache, dass die Konflikte häufig anzutreffen sind, sind sie nicht bedeutungslos. Sie stellen stets ein Risiko für starke psychische Fehlentwicklungen dar. Jeder Konflikt kann zu einer Krise werden, die sich durchaus ins Erwachsenenalter fortsetzen kann (Englmeier, 2011, S. 26). Es liegt somit auf der Hand, dass der/die Arzt/Ärztin auch den jugendlichen „Normproblemen“ entsprechende Aufmerksamkeit schenken muss. Einen „Leitfaden für den richtigen Umgang mit Jugendlichen“ gibt es leider natürlich nicht. Der/die Arzt/Ärztin muss sich – wie bei jedem/r Patienten/in – besonders auf die individuelle Situation des/der Jugendlichen einstellen.

Das Verhaltensmuster der jungen mit Problemen behafteten Menschen kann in zwei Extremvarianten geteilt werden: Es existiert jener Teil der Jugendlichen, der die jeweiligen Probleme hypochondrisch wahrnimmt, jedoch der prozentuell größere Anteil an Jugendlichen tendiert zur Abwiegelung oder gar Verleugnung ihrer Probleme und damit einhergehend oftmals mit der Ablehnung ärztlicher Hilfsangebote (ebd.). Der/die behandelnde Arzt/Ärztin hat natürlich überdurchschnittlich oft mit Menschen der ersten Kategorie zu tun, da die „Verleugner/innen“ meist gar nicht zu einem/r Arzt/Ärztin oder Therapeuten/in gehen.

Werden Jugendliche von den Erziehungsberechtigten oder der Schule geschickt, der Arztbesuch erfolgt also quasi unfreiwillig, so kommt dem Erstkontakt noch größere Bedeutung zu als üblicher Weise. Dem/der Mediziner/in muss es gelingen mit dem/der Jugendlichen in Beziehung zu treten und sein/ihr Vertrauen zu gewinnen. Allerdings stellt dies oft einen Balanceakt zwischen den unterschiedlichen Interessen der Beteiligten (Jugendlicher, Eltern, Schule, Jugendamt, Arbeitgeber/in) dar und bedarf besonders hoher Kommunikationskompetenz des/der Arztes/Ärztin (Engelmeier, 2011, S. 27).

Cottrell, Nield & Perkins beschreiben 2006 in den Pedriatic Annals, was Jugendliche bei Arztbesuchen besonders wichtig ist. Höchste Priorität haben demnach vertrauliche Behandlung der Probleme, respektvolle Behandlung und ausreichend Zeit. Aber auch eine offene Gesprächskultur wird als wichtig erachtet. Was Jugendliche wünschen und teilweise auch fordern, deckt sich demnach großteils mit den Wünschen von Erwachsenen. Nur dass Erwachsene dies (bei „guten“ Ärzten/Ärztinnen) automatisch bekommen, Jugendliche leider nicht immer.

4 Praxisfälle

4.1 Definition schwierige/r Patient/-in

Ein/e als schwierig empfundene/r Patient/in ist das extreme Negativ des/der „Idealpatienten/in“. Letztere/r wird beschrieben (Rohde, zit. nach Gotthardt, 1984, S. 127-129) als jemand, der/die sich unter Aufgabe der eigenen individuellen Wünsche und Vorstellungen den Wünschen des medizinischen Personals anpasst, deren Autorität anerkennt und sich ihren Anordnungen widerstandslos fügt. Weiters zeigt der/die ideale Patient/in Vertrauen in das Können der Mediziner/innen und auch Dankbarkeit für die Hilfe, beantwortet Fragen aufrichtig, redet jedoch nicht, wenn er/sie nicht explizit gefragt wird.

Diese Aufzählung beinhaltet Verhaltensweisen, die wohl eher selten auf den ersten Anhieb mit dem Begriff der Jugend in Verbindung gebracht werden.

Im Umkehrschluss fragt ein/e als schwierig erachtete/r Patient/in zu viel, lehnt unter Umständen Behandlungsvorschläge ab, da er/sie eigene andere Vorstellungen (z. B. aufgrund von Vorwissen) hat und weist in diesem Zusammenhang aus Sicht der Mediziner/innen eine überkritische Haltung auf. Es kann durchaus vorkommen, dass er/sie Ärzte/innen kritisiert oder Misstrauen entgegenbringt, aggressiv und undankbar reagiert. Weitere Charakteristika sind nach Geisler (1992) schlechte Compliance, hypochondrische Wesenszüge oder Apathie, auch die überdurchschnittlich eingeforderte Zuwendung zählt dazu.

Die bequemste Interpretation ist, dass es sich um eine primär psychopathologisch strukturierte Persönlichkeit handelt. Diese Erklärung trifft jedoch wahrscheinlich nur für die Minderzahl der sogenannten schwierigen Patienten/innen wirklich zu (ebd.). Auch ein hohes prinzipielles Informationsbedürfnis kann ein durchaus legitimer Grund für die genannten Verhaltensweisen sein. Nicht selten ist der/die Patient/in erst im Laufe der Behandlungshistorie „schwierig“ geworden, weil die Summe der Erfahrungen schlecht oder enttäuschend war. Das als unangenehm empfundene Verhalten kann ferner lediglich Maske anderer Störungen und Krankheitsbilder, wie depressiver Verstimmungszustände oder Drogen- und Alkoholabhängigkeit, sein. Natürlich können auch egoistische Momente und eine überzogene Anspruchshaltung der wahre Grund für schwieriges Verhalten sein (ebd.).

Zusammenfassend kann daraus geschlossen werden, dass das Phänomen "schwierige/r Patient/in“ als Symptom und nicht als mutwillige Störung des Praxisalltags verstanden werden muss, wenn es gelingen soll, auch solche Patienten/innen erfolgreich und befriedigend zu behandeln (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Sokratische Gesprächsführung in der Arzt-Patienten-Kommunikation
Untertitel
Fiktive Fallkonstrukte mit Jugendlichen
Hochschule
SRH Fernhochschule  (SRH Riedlingen)
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V923773
ISBN (eBook)
9783346248510
ISBN (Buch)
9783346248527
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunikation, Watzlawick, Schulz von Thun, Arzt-Patienten-Gespräch, sokratische Gesprächsführung, schwierige Patienten, Gespräch mit Jugendlichen, Fallbeispiele, Kommunikationstraining
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Sokratische Gesprächsführung in der Arzt-Patienten-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923773

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