Wolfgang Kirchbachs Roman „Salvator Rosa“ als Programmschrift des Naturalismus


Essay, 2007

10 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Wolfgang Kirchbachs Roman „Salvator Rosa“ als Programmschrift des Naturalismus.

Literatur: Kirchbach, Wolfgang: Salvator Rosa. Roman. Leipzig 1880. Bandzahl: 2. Seiten: 358+304.

Künstlerromane sind Offerten zum Kitsch, denn über nichts lässt sich so gemütvoll parlieren wie über Kunst und die Menschen, die sich selber als Kunstschaffende verstehen. Vor allem die bildenden Künste werden regelmäßig leidtragende Objekte hemmungsloser Projizierungen, und das Innere von Malern, die Seele von Bildhauern zum Schauplatz genialischen Aufruhrs – oder was eben der jeweilige Autor darunter versteht: impressionistisch, expressionistisch, kubistisch, futuristisch, manieristisch – der musen-geküsste Schriftsteller findet für jede Strömung ein psychologisches Pendant. Van Goghs Pinselstrich ist Ausdruck seines Wahns und die Sache mit dem Ohr erklärt sich daraus von selbst. Die Verschrobenheit der weiblichen Figuren auf Pablo Picassos Leinwänden verrät das unterentwickelte männliche Ego des Künstlers, das, wie allgemein bekannt ist, Picasso im Übermaß wettmachte, indem er seine Geliebten öfter wechselte als seine Socken. Mit anderen Worten: Je größer das Innenleben des Künstlers; desto phantasievoller die Interpretation – Wenn sie lesbar ist, mag es ja hingehen und die trockenen Wahrheitskrümel können nachher immer noch zusammengeklaubt werden. Normalerweise.

Freilich bildet Wolfgang Kirchbachs Roman >Salvator Rosa< da eine Ausnahme. Denn, wenn man dieses Buch zur Hand nimmt (was sich als recht umständlich erweisen kann, da es nur noch in Antiquariaten vorhanden ist), sieht man sich mit einem rund 700 Seiten schweren Werk konfrontiert, dass einem auf Anhieb vor zwei Fragen stellt: Wer ist Wolfgang Kirchbach, und vor allem – wer ist Salvator Rosa? Die erste Frage ist die schwierigere, denn der 1857 in London geborene und 1906 in Bad Nauheim gestorbene Märchen- und Romanautor Kirchbach ist ein Vergessener der Literaturgeschichte, dessen Dramen, aber vor allem Lustspiele, die Menschen zur Jahrhundertwende zu amüsieren verstanden und dem Kleinkünstler Kirchbach – neben diversen Redaktionstätigkeiten – ein erkleckliches Einkommen sicherten. Ähnlich, aber nicht ganz so schlimm ist es um den Maler und Poeten Salvator Rosa bestellt, dessen Name zwar auch eher den Kennern der jeweiligen Materie vorbehalten ist, der aber durch seinen etwas zwielichtigen Lebensstil dann doch vielfaches Interesse – posthum – zu wecken verstand. Dies aber gilt für die Zeit, die Banditen-, Soldaten- und Hexenszenen liebte – wir reden also vom 18. und 19. Jahrhundert – so dass unserer nüchternen Gegenwart eine aktuelle oder gar deutschsprachige Monographie über diesen Maler (bisher) verwehrt blieb.

Das nun wird auch der Roman von Kirchbach nicht ändern. Denn – und dies sei gleich am Anfang gesagt – es handelt sich tatsächlich um einen rein fiktionalen Roman, der seine Haupt- und parallel laufenden Nebengeschichten mit einigen historischen Ereignissen kollidieren lässt und dem Autor viel Raum gibt, persönliche Ansichten über Architektur, Malerei, Musik, Psychologie, Kirchengeschichte und vieles mehr an den Leser zu bringen. Man möchte fast vermuten, dass das 1880 publizierte Werk auch darum keine zweite Auflage erlebte, denn mehr als Räubergeschichten und Liebeständeleien in historischer Zitronen-Kulisse vermag der erste alle 700 Seiten durchmessende Blick nicht zu erfassen – das haben auch andere gekonnt und zwar besser – (Man denke etwa an Albert Emil Brachvogels ungleich erfolgreicheren >Friedemann Bach< ).

Denn dafür, dass Salvator Rosa dezidiert als Künstlerroman daherkommt und sich also an eine feinsinnige Leserschaft zu wenden scheint, ist es mit der Charakterzeichnung der handelnden Figuren eher kümmerlich bestellt – wer psychologisch stimmige Charaktere und feinjustierte Personenkonstellationen in einem Bildungs-, Entwicklungs- und Kunstroman erwartet, wird sicherlich enttäuscht sein. Vielmehr präsentiert Kirchbach seine stereotypen Figuren in immer wieder neuen rein handlungszentrierten Geschichten mit ein und derselben Frage: Wer intrigiert gerade gegen wen, oder welchen genialen Clou denkt sich der Protagonist jetzt aus, um den Intrigen zu entkommen, oder – noch besser – es mit doppelter Münze heimzuzahlen? Wobei man eigentlich gar nicht so richtig weiß, wer denn nun eigentlich der Protagonist ist, da die Titelfigur sich eher im Abseits hält; das Gros der Seiten gehört dem tapferen Freiheitskämpfer Masianiello und einer Handvoll (meist spanischer) Bösewichter, die das italienische Volk knechten. Als Beispiel sei Ribera genannt. Der Maler Jusepe de Ribera (1591-1652) ist historisch genau belegt – er war neben Caravaggio der bedeutendste Naturalist der neapolitanischen Malerschule und wird von Kirchbach als Erzrivale von Salvator Rosa aufgebaut, der sogar sein unglückliches Töchterlein zu Malübungen missbraucht: > Eine unbeschreibliche, grundlose Wuth erfaßte ihn ( Ribera ); seine Augen blitzten und dann lachte er bitter in sich hinein. (…) Mit den finstersten Regungen des Herzens, mit teuflischer Wollust und fürchterlicher Verzweiflung zeichnete er seine Tochter in jener ergreifenden Stellung, ohne daß sie ihn bemerkte; dann meinet er bei sich: ‚Man kann nicht wissen, ob sich aus dieser Situation nicht eine büßende Heilige schaffen läßt. < (S.71)

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Wolfgang Kirchbachs Roman „Salvator Rosa“ als Programmschrift des Naturalismus
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
HS: Salvator Rosa und sein literarisches Schaffen
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
10
Katalognummer
V92389
ISBN (eBook)
9783638061346
ISBN (Buch)
9783638952033
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfgang, Kirchbachs, Roman, Rosa“, Programmschrift, Naturalismus, Salvator, Rosa, Schaffen
Arbeit zitieren
David Liebelt (Autor), 2007, Wolfgang Kirchbachs Roman „Salvator Rosa“ als Programmschrift des Naturalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92389

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