Technik und Sexualität im Musikvideo "All is full of love" von Björk. Zum Verhältnis von Mensch und Maschine


Bachelorarbeit, 2020

27 Seiten, Note: 1


Leseprobe

1. Einleitun

2. Der Mensch als Maschine
2.1 Decartes und de la Mettrie – eine philosophische Betrachtung
2.2 Die Figur des Cyborgs zwischen Technologie und Mensc
2.2.1 Der Cyborg- eine Eingrenzun
2.2.2 Der gendertheoretische Aspekt des Cyborgs nach Donna Haraway

3. Technik und Sexualität
3.1. Was ist Sexualität?
3.1.1 Der naturalistische Aspekt
3.1.2.Der historische AspektS
3.2. Sexualität im digitalen Zeitalter
3.2.1 Pornografie als Teil der Sexualität
3.2.2 Die Pornografie als Beschreibung der modernen Sexualität
3.2.3 Online Persona- Sexualität und das eigene Selbst im Internet…
3.3 Die permanente Nähe zu digitalen Geräten
3.4 Zusatz: Kann man mit einem Roboter Liebe machen?

4. Analyse „All is Full of Love“, Chris Cunningham 1997
4.1. Musik und Text
4.2 Der digitale Raum und der verkörperte Mensch darin
4.3 Die Dichotomie von Körper und Geist
4.4. Sexualität, Technik, Nähe
4.5.Isolation im Maschinenraum
4.7. Gesamtinterpretation der Analyse

5. Conclusio

6. Bibliografie
6.1. Online Quellen
6.2. Medien
6.3.Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man es philosophisch das Menschsein betrachtet so drängen sich rein strukturell gewisse Fragen auf. Bin ich nur mein Gehirn, mein Geist? Oder bestehe ich auch aus meinem Körper, der ja prinzipiell auch mit Nervenbahnen versehen ist. In den Medien und in der Science- Fiction gibt es ein Darstellungsobjekt, das diese Überlegungen repräsentiert und gewissermaßen weiterdenkt, der Cyborg. Der Cyborg ist eine Mischung aus Mensch und Maschine und in letzter Konsequenz auch die komplette Eigenständigkeit von intelligenten Maschinen.

Der Regisseur Chris Cunningham führte diesen Gedanken in seinem Musikvideo zu „All is full of Love“ (1999) von Björk eindrucksvoll aus. In dem Video sieht man zwei Roboter, die gerade in einer Fabrik von anderen Roboterarmen zusammengesetzt werden. Das Besondere an dieser Begebenheit ist das es sich um weibliche Roboter, die miteinander sexuell interagieren und Zärtlichkeiten austauschen.

Donna Haraway sieht den Cyborg, also die Vermischung von Mensch und Maschine, als Post- Gender Wesen. „Nichts verbindet sie mehr mit Bisexualität, präödipaler Symbiose, nichtentfremdeter Arbeit oder anderen Versuchungen, organische Ganzheit durch die endgültige Unterwerfung der Macht aller Teile unter ein höheres Ganzes zu erreichen.“1 Es wäre also nicht notwendig die Roboter in diesem Kontext als Frauen darzustellen. Dennoch finden sich in der medialen Darstellung immer wieder weibliche Roboter bzw. Cyborgs. Dennoch werden Roboter solange sie medial dargestellt werden fast immer mit einem Geschlecht abgebildet. Das Konstrukt des Cyborgs stellt das Geschlecht und die Sexualität in Frage und der Genderdebatte noch einen neuen Aspekt hinzu.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der medialen Darstellung von Cyborgs und dem Verhältnis von Sexualität und Technik, die der Mensch über die Zeit aufgebaut hat. Die Frage ist was passiert, wenn wir die Sexualität mit Technologie vermischen unter dem Aspekt das der Mensch mehr mit einer Maschine gemein hat als er sich oft eingestehen will und auch die Nähe zu der Technik sucht.

2. Der Mensch als Maschine

2.1 Decartes und de la Mettrie – eine philosophische Betrachtung

Bevor man sich mit der Weiterentwicklung des Menschen beschäftigen kann so ist es zunächst sinnvoll sich zu Fragen aus was der Mensch in eigentlichem Sinne besteht. Decartes sieht die Tiere als unbeseelt und rein mechanisch an, die Abstinenz einer Seele. Sie sie sind nur komplexe Maschinen, die nur aufgrund von Reflexen funktionieren würden.2 Diese Ansicht hat auch einen erheblichen Einfluss auf das Verständnis wie ein Körper gesehen werden kann, selbst wenn es sich um den eines Tieres handelt. Decartes geht auch darauf ein das man nie genau wisse was in einem Menschen vorgeht. Dazu Dercartes: „Doch was sehe ich außer Hüten und Kleider unter denen Automaten verborgen sein könnten?“3 Das Gegenüber weiß nicht wirklich ob ihm ein „intelligenter“ Mensch gegenübersteht, wenn man ihn nur von außen betrachtet könnte es sich auch nur um einen komplexen Roboter handeln.4 Auch wenn natürlich selbst nach heutigen Maßstäben so eine Möglichkeit nicht besteht.

La Mettrie geht in seinem Buch „Der Mensch als Maschine“ ebenfalls auf den Umstand ein, dass es beim Menschen eine Reihe von mechanischen Abläufen gibt die einer Maschine gleichen, besonders der Aspekt des Reflexes ist in diesem Zusammenhang interessant. De la Mettrie beschreibt sie auch als Triebfedern des Menschen, die ohne Zutun der Person funktionieren.

„Ist es nicht ein mechanischer Vorgang, wenn sich der menschliche Körper eines unerwarteten Abgrunds erschrocken zusammenzieht; wenn sich die Augenlieder, wie man behauptet hat sich bei einem drohenden Schlag senken; wenn die Pupille sich im hellen Tageslicht verengt, um die Netzhaut zu schonen und Nachts erweitert um die Gegenstände im Dunkeln zu sehen?“5

De La Mettrie greift hier die Idee auf das der Mensch nicht nur Herr seiner selbst ist, sondern aus einer Vielzahl von kleinteiligen Prozessen besteht die Teils selbstgesteuert, teils aber aus einem Reflex heraus passieren. Der Reflex an sich ist also für Mettrie, auch wenn er es in seinem Buch als Triebfedern betitelt, ein Beweis dafür das der Mensch etwas Maschinelles an sich hat. Der Körper hat Mechanismen, die ihn schützen, wie zum Beispiel die Poren der Haut, die sich bei Kälte zusammenziehen, um den Körper zu schützen ohne dass der Geist wirklich etwas dafür leisten muss.6

Dabei darf man aber nicht den Begriff des Geistes oder auch der Seele, wie er in der Philosophie oft verwendet wird, nicht vergessen mit dem man die „Maschine“ beeinflussen kann oder der Geist, der auch rückwirkend den Körper beeinflusst. Eben dieser Selbsterkennende Geist den Descartes den Tieren abgesprochen hat und sie somit als Automaten bezeichnet hat.

Der Geist der in einem Menschenkörper steckt hat nach de la Mettrie eine genaue Vorstellung von dem Körper in dem er steckt und erkennt auch außerhalb der biologischen Bahnen die über die Nerven funktionieren die Funktionsweise des Körpers, de la Mettrie schreibt dazu: „ Dort glaubt ein Soldat den Arm, den man ihm sein früheren Empfindungen und an die Stelle, auf die seine Seele diese Empfindungen bezog macht seine Illusion, eine Art Wahn aus.“7

Aber nicht nur hat der Geist eine fixe Vorstellung vom Körper, sondern es findet es eine Wechselwirkung zwischen diesen Beiden „Parteien“ statt. Als Beispiel für diese Begebenheit führt de la Mettrie den Schlaf eines ausgelaugten Soldaten an. Der nach einem Marsch selbst in einem Schützengraben schlafen kann und wenn es ihm im Schlaf passiert auch von einem Sprengkörper zerfetzt werden könnte ohne, dass er es merken würde.8

„Andererseits kann der Mensch, der von Eifersucht, Haß, Geiz oder Ehrgeiz verzehrt wird keine Ruhe finden. Der stillste Ort, die erfrischendsten und beruhigendsten Getränke, alles ist nutzlos für den der sein Herz nicht von der Qual der Leidenschaften zu befreien vermag. Seele und Körper schlafen zusammen ein.“9

Der letzte Satz dieses Zitates trifft die Sache scheint mir zentral für das Verhältnis das Geist und Körper zueinander haben. Der Körper und die „Seele“ sind ein dichotomes komplexes Konstrukt aus willkürlichen und unwillkürlichen Prozessen. Insofern ist der Mensch den man oft als freies Wesen bezeichnet in seiner Handlungsfreiheit immer durch seinen Körper eingeschränkt und determiniert so ist uns das Geschlecht schon von unserer Geburt an vorgegeben. In dieser Arbeit soll „Mensch“ als dichotomes Wesen wahrgenommen werden der in ständiger Wechselwirkung zwischen seinem Körper und Geist steht.

2.2 Die Figur des Cyborgs zwischen Technologie und Mensch

2.2.1 Der Cyborg- eine Eingrenzung

Wie die Philosophen Descartes und La Mettrie zwischen Tier und Mensch unterschieden, um zu erfassen was menschlich ist so stellt sich im Zeitalter der schnellen Datenverarbeitung und der voranschreitenden Digitalisierung die Frage eines erweiterten Menschen mit Technik. Wenn man der Mensch als Maschine denkt so ist der nächste Schritt, die weniger effizienten Teile auszutauschen oder die kaputten Teile zu ersetzen. In der Populärkultur und in der Wissenschaft nennt man die Mischung zwischen einem Menschen und einer Maschine einen Cyborg.

Der Cyborg ist zunächst definiert als ein „cybernetic organism“ der einen menschlichen Organismus darstellt, der mit Technik verbessert wurde. Der Begriff wurde in den 1960 Jahren in den USA etabliert, als Technologie immer wichtiger- und mit dem „Space Race“ und dem kalten Krieg in Verbindung gebracht wurde. Es ging dabei, um die Verbindung von Individualismus und Kontrolle und darum das Menschliche vom Nichtmenschlichen zu trennen.10 Das Wort Cyborg wurde geprägt von Manfred Clynes und Nathan Kline bei einem Symposium, zum Thema „Psychophysiological Aspects of Space Flight“ das von der US Air Force gesponsert wurde. Die Definition dieses Begriffes musste deswegen erfolgen, um einen Begriff für einen Menschen zu schaffen der im Weltraum überleben kann.11

Die Wissenschaftler formulierten das Problem wie folgt: „The purpose of the Cyborg … is to provide an organizational system in which … robot-like problems are taken care of automatically and unconsciously, leaving man free to explore, to create, to think, and to feel.”12 Aus dieser Position ergibt sich folgendes Bild des Cyborgs, er ist eine Maschine die vom Menschen kontrolliert wird die Technik übernimmt teils Automatisierte Aufgaben die nicht vom Körper übernommen werden können.

Dabei ist zu beachten das es sich dabei nicht um einen Androiden handelt, also nicht um einen menschenähnlichen Roboter, sondern dass ein biologischer Organismus mit mechanischen Teilen ist. Dennoch liegt genau in diesem Detail die Schwierigkeit in der Abgrenzung dieses Begriffes. Es bleibt eine gewisse Unschärfe bestehen.13 Ab wann ist man wirklich ein Cyborg? Wie viele mechanische Teile muss ein Körper besitzen um als Cyborg zu gelten? Im weitesten Sinne kann auch eine Brille die eine Verschmelzung zwischen Körper und Mensch sein. Die Autoren Müller und Heininger sprechen in diesem Zusammenhang von dem soritex- Paradox. Dieses Paradox bezeichnet die Schwierigkeit einen Haufen von Sandkörnen zu beschreiben. Auch wenn es weniger Sandkörner auf diesem Haufen sind ist es dennoch ein Haufen es gibt keine klare Grenze.14 Auch könnte man von einem Cyborg sprechen, wenn, man künstlich ein Organ von einem Menschen zum anderen Menschen transferiert und somit vermischt und sich einem technischen Implantat annähert.15

Ich gehe davon aus das ein Cyborg ein Wesen sein muss das selbstbestimmt agiert und die Technik mit dem er verbunden ist selbst kontrollieren kann, ohne dass er von der Technik kontrolliert wird. Es geht um die Kontrolle bestimmter Parameter und Dinge die Automatisch ablaufen wie die Funktion eines Herzschrittmachers.16 Das wesentlichste Kriterium, das ein Cyborg aber erfüllen muss, ob jetzt als gedankliches Konstrukt oder in Wirklichkeit ist die Tatsache das die Technik, die mit ihm verbunden ist, ihn verbessert. Er ist der anthropologischen Norm enorm überlegen ein reines Ersetzen eines defekten Körperteils, wie das eines kaputten Knies, hat wenig cyborghaftes.17

Diese rudimentäre Definition eines erweiterten Menschen zeigt das die Idee eines Cyborgs immer darauf hinausläuft sich vom normalen Menschen abzuheben und ihn in körperlicher Hinsicht zu übersteigen. Diese Bild wird oft auch in den Medien aufgegriffen, wenn man sich zum Beispiel die Fernsehserie „Der 6 Millionen Dollar Mann“ (1973-1978) betrachtet. Wo ein normaler Mann mittels Technik den anderen überlegen gemacht wird. Aber nicht nur positive Bilder des Cyborgs finden sich in der Popkultur, in „Star Trek: The Next Generation“ (1987-1994) gibt es die Borg. Die Borg sind Wesen die nicht mehr selbstbestimmt handeln können und die Individuen werden zu Drohnen, wie in einem großen Bienenstock.18

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Cyborg als eine Weiterentwicklung des Menschen mittels Technik definiert sein, um sich weiter zu entwickeln und sich von einem „normalen Menschen“ abzugrenzen.

2.2.2 Der Gendertheoretische Aspekt des Cyborgs nach Donna Haraway

Der Cyborg ist in den Augen von Haraway ein kulturelles und gedankliches Konstrukt, an dem sich die gesellschaftliche und körperliche Realität ablesen lässt und somit auch die geschlechtliche Realität des Gender. Sie sind wesen jenseits von jeglichem Geschlecht, es verbindet sie nichts mit hetero oder Bisexualität, sie sind Post Gender.19

Dabei geht man heute in der Geschlechterforschung davon aus das, das biologische Geschlecht und das gesellschaftlich konstruierte Geschlecht getrennt sind, das Gender. Das Geschlecht wird in der Interaktion mit anderen Personen täglich gemacht. So wird einem das Geschlecht oder das geschlechtliche Verhalten schon von Geburt an vorgegeben. Wie etwa die Praktik das man männliche Babys mit blauer Kleidung ausgestattet und weibliche mit rosaroter Kleidung. Dazu kommt das die Erziehung und Stereotype Popkultur etc. unser Bild von Geschlechtern beeinflussen.20 Das gesellschaftliche Geschlecht ist konstruiert aber seit den 1980 Jahren hinterfragte man auch die Beschaffenheit des biologischen Geschlechts, das heute in einer natürlich anmutenden Dichotomie existiert. Thomas Laqueur geht davon aus das über weite Strecken in der europäischen Kultur von einem ein- Geschlechter- Bild geprägt war. Man ging davon aus das der Penis eine umgestülpte Vagina sei und die Eierstöcke die nun außenliegenden Hoden.21

Es stellt sich die Frage nach der Natürlichkeit der Geschlechter Judith Butler ist eine der größten Kritiker dieser Ansicht es gäbe ein natürliches Geschlecht. Sondern auch das alles was von der Natur gegeben wurde auch der Deutung des Subjekts unterliegt. Sie spricht in diesem Zusammenhang von einer „diskursiven Produktion“ der Geschlechter und die Natürlichkeit muss somit, weil sie eine Produktion sind hinterfragt werden.22

Wenn man Haraway unter diesen Aspekten interpretiert, dann verbirgt sich unter dem Begriff des „Post Gender“ eine menschliche Idee eines Wesens, das sich nicht an gesellschaftliche Konventionen halten muss weil es aus keiner determinierten Umgebung kommt. Die Cyborg, wie Haraway sie nennt, muss sich nicht mit der Vorstellung einer „natürlichen heteronormativen Welt“ auseinandersetzen.

„Die Cyborg träumt nicht von einem sozialen Lebenszusammenhang nach dem Modell einer organischen Familie, egal ob mit oder ohne ödipalem Projekt. Sie würde den Garten Eden nicht erkennen, sie ist nicht aus Lehm geformt und kann nicht davon träumen, wieder zu Staub zu werden.“23

Ein Wesen, das losgelöst ist von den Konventionen aber auch der biologischen Verantwortung und Problemen die ein normaler Mensch mit dem Leben haben könnte. Für Haraway ist die Cyborg ebenso ein zutiefst politisches Objekt das an den patriarchalen Strukturen rüttelt und als Grenzobjekt zwischen und Mensch und Maschine einen tiefen Graben aufreißt.

Die erweiterte Mensch-Maschine, nach Haraway, ist befreit von Geschlecht und Konvention, aber wie sieht die Verschränkung dieser Mensch- Maschine mit der Sexualität aus.

3. Technik und Sexualität

3.1. Was ist Sexualität?

3.1.1 Der naturalistische Aspekt

Wenn man sich die Frage nach dem Menschen als Maschine stellt und dabei das biologische Geschlecht sowie das Gender in Betracht zieht so stellt sich die Frage nach der Sexualität des Subjekts. Wie definiert sich Sexualität in diesem Kontext. Der Duden definiert das Wort „Sexualität“, wie folgt: „Gesamtheit der im Geschlechtstrieb begründeten Lebensäußerung, Empfindungen und Verhaltensweisen“24 Einer der Triebfedern unseres Körpers ist die Sexualität, es veranlasst uns Dinge zu tun und stark mit unserem Selbst verschränkt.

Die Naturalistische Ansicht von Sexualität ist in dem Menschen ein Ur- Trieb innewohnt der einem von der Biologie vorgeben ist. Dabei wird die Sexualität primär über die Fortpflanzung bestimmt und so auch eingeordnet. Woraus sich eine fast zwanghafte Fixierung auf die Heterosexualität ableitet. Diese Vorstellung der Sexualität ist dadurch gekennzeichnet, dass sie, ähnlich wie die Geschlechter, biologisch vorgeben sind. Dabei werden sexuelle Eigenschaften dem männlichen sowie dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben.25 Durch die heteronormative Struktur lassen sich Stereotype Eigenschaften für beide Geschlechter identifizieren. Die Stereotype der Frau betreffend lassen sich auf Passivität und der Reproduktion durch Kinder einordnen die Frau ist das Objekt der Begierde. Die männliche Sexualität wird als eher aktiv betrachtet und stellt den Trieb in den Vordergrund, der nach Befriedigung verlangt.26 Dabei wird dem Subjekt durch diese Art der gesellschaftlich akzeptierten Norm der Entlastung durch Befriedigung, die Verantwortung für sein Handeln abgenommen wird weil dieser Trieb etwas natürliches ist dem man nachgehen darf.27

Dieser Trieb nach biologischer Fortpflanzung und der Befriedung des selbigen sollte unter dem Körperlichen Aspekt eingegrenzt werden.

3.1.2.Der historische Aspekt

Diesem Bild der Sexualität wiederspricht Micheal Foucault, er sagt die Sexualität ist ein Gegenstand des Wissens und sei deswegen konstruiert, es sei keine biologische Eigenschaft des Menschen. Die Sexualität wurde erst seit dem 18 Jahrhundert zum Gegenstand des Wissens gemacht und die Form der Sexualität zum heterosexuellen bestimmt und jegliche andere Form der Sexualität keinen biologischen Charakter besitzt und somit abartig und pervers sei.28 Was natürlich die Frage aufwirft ob vor dem 18 Jahrhundert kein Sexualität existiert hat. Im Mittelalter gab es eine andere Art mit der Sexualität umzugehen, sie wurde, wenn dann nur unter Eheleuten ausgelebt und galt selbst dann nur als „ohne Sünde“ wenn der Sexualakt zu Fortpflanzungszwecken verwendet wurde. Erst im 17. Jahrhundert als große die Glaubenskriege schnellen Nachwuchs erforderte, wurde diese Vorstellung aufgeweicht. Dann mit Beginn der Aufklärung begann die Gesellschaft sich in verschiedenste Bereiche des Wissensbereiche zu investieren und interessieren und schafft so eine neue Sicht auf die Sexualität.29

Van Ussel geht davon aus das im 19. Jahrhundert das durch die Verbürgerlichung der Gesellschaft neue zwischenmenschliche Beziehungen entstehen, die sich dem neuen Lebenstypus angleichen der mit der Industrialisierung einhergehen. Ein neuer „Sozialcharakter“ der sich durch Verzicht, Sparsamkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit und Belastbarkeit auszeichnet. Das wird nicht durch äußeren Druck konzipiert, sondern durch die Selbstregulierung des Individuums, das sich um das neue Sozial- und Wirtschaftssystem sorgt. In dieser Zeit ist eine Tabuisierung der eigenen Körperfunktionen erkennbar, die wachsende Distanz zu der eigenen Körperlichkeit bringen Schamgefühl hervor. Vieles wird als sexuell definiert was vorher einfach nur Teil des eigenen Körpers war. Dieses Dispositiv bringt den so den Begriff der modernen Sexualität hervor30

Die Sexualität wird aus der Öffentlichkeit verdrängt, sie hat keinen Platz in den engen sozialen Gefügen aus Regeln und Pflichten und nehmen dabei außerhalb einen immer größeren Teil unseres Selbst ein.31 Van Ussel argumentiert das, die ständige Verdrängung unserer Sexualität zu einer ständigen Anwesenheit der selbigen führt. Es findet durch diesen Umstand der Verdrängung eine größere Reizempfindlichkeit statt aus der eine starke Erotisierung und die Verdrängung von Bedürfnissen resultieren.32

Es zeigt sich, dass die Sexualität, ähnlich wie das Gender ein gesellschaftlich konstruierter Diskurs ist der unter dem Deckmantel der Biologie als natürlich beschrieben wird. Die neue Sexualität wird mehr und mehr von dem Sozialgefüge einer modernen Gesellschaft kontrolliert. Im 19. Jahrhundert ist die Einstellung zu Sexualität „Sex is dirty“, sie sollte innerhalb der Institution der Ehe bleiben.33

Der Mensch ist ein biologisches Wesen mit biologischen Bedürfnissen, die vom Subjekt ausgelebt werden wollen, aber sie unterliegen immer der Gesellschaftlichen Akzeptanz und den vorgegebenen „Trends“. In diesem historischen Aspekt darf man nicht die technische Entwicklung der Umwelt vergessen, die zu einer neuen Situation führte, die in starreren Strukturen resultierte. Die Sexualität unterliegt heute unter anderem technischen und vor allem digitalen Aspekten, die zu neuen Formen der Sexualität und Beziehung zu unserer Technologie führen.

3.2. Sexualität im digitalen Zeitalter

Die Technologie des 21. Jahrhunderts hebt uns als Subjekte wie sie Van Ussel im 19. Jahrhundert identifiziert ab, weil sich unsere Technik verändert und weiterentwickelt hat, vor allem als sich der Schritt von der analogen zur digitalen Technik vollzogen hat. Johannes Grenzfurter schreibt in einem Aufsatz über, das Verhältnis von Sex zu Technik: „Menschen sind zu kreativen Höchstleistungen fähig, wenn es um Sex geht. Wir haben Vorlieben und Kinks und wir tun alles, um sie wahr werden zu lassen.“34 Die technologischen Möglichkeiten geben uns heute schon die Möglichkeit in ganz verschieden Formen die Sexualität in ganz verschieden Formen auszuleben. Dazu gibt es verschiedene Geräte, wie zum Beispiel Teledildonik, Sex Machines, Bio- Hacking und andere erotische Utopien die Entwickelt werden. Diese Entwicklungen geben uns Aufschluss auf die Sicht auf die Sexualität im 21. Jahrhundert sowie auf die Entwicklung der Geschlechter.35 Dabei ist zu berücksichtigen das sich diese Entwicklungen in einem Patriarchalen Kontext stattfinden und neuartige Technologien immer mit einer gewissen Skepsis aufgenommen werden.

3.2.1 Pornografie als Teil der Sexualität

Die Pornographie hat in der modernen Sexualität oder zumindest in der Bedürfnisbefriedigung einen fixen Platz, dabei fällt es schwer eine genau Definition für den Begriff der Pornografie zu finden. Die Erscheinungsformen der Pornografie sind genau so vielfältig wie die Sexualität selbst.

[...]


1 Haraway Donna, „Ein Manifest für Cyborgs“ in: Die Neuerfindung der Natur. Primaten Cyborgs und Frauen, Frankfurt a. M. und New York 1995, S. 34

2 Vgl. Borgards Roland, Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch, Stuttgart: J.B. Metzler 2016, S. 61

3 Perler Dominik , René Descartes, München 20062, S. 220

4 Vgl. Ebd. S. 220

5 La Mettrie de Julien Offray, Der Mensch Eine Maschine, Leipzig: Reclam 1965, S. 115

6 Vgl. Ebd. S. 115

7 Ebd. S. 37

8 Vgl. Ebd. S. 37

9 Ebd. S. 39

10 Vgl. Law,/ J.Moser, I. "Cyborg. In: International Encyclopedia of Social & Behavioral Sciences. 2001, S. 3202-3204, https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1016/B0-08-043076-7/03182-X 22.01.2020

11 Vgl. Ebd.

12 Ebd.

13 Vgl. Heilinger Christoph Jan/ Müller Oliver, „Der Cyborg und die Frage nach dem Menschen. Kritische Überlegungen zum „homo arte emendatus correctus“ Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Volume 12, 2008, De Gruyter, https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1515/9783110192476.1.21, 22.01.2020, S. 23

14 Vgl. Ebd. S. 26

15 Vgl. Ebd. S. 30

16 Vgl. Ebd. S. 31

17 Vgl. Ebd. S. 32

18 Vgl. Stoppe Sebastian, „Ein transhumanistischer Leviathan? Die Borg als emotionslose Dystopie in Star Trek“, Arbeitstitel. Forum für Leipziger Promovierende, Band 3 Heft 2, 2011, S. 76

19 Vgl. Haraway, Ein Manifest für Cyborgs, S. 35

20 Vgl. Heidorn Nina, „Posthumanistische Materialitäten in Der Literaturwissenschaft: Die Identität Des Cyborgs* Aus Queer-feministischer Sicht in Literatur Und Film“, Master, Universität Wien Deutsche Philologie, 2016, S. 17

21 Vgl. Ebd. S. 18

22 Vgl. Ebd. S. 22

23 Vgl. Haraway, Ein Manifest für Cyborgs, S. 35

24 https://www.duden.de/rechtschreibung/Sexualitaet 29.01.2020

25 Vgl. Wrede Britta, „Was ist Sexualität? Als Natur, als Kultur und als Diskursprodukt“ in: Sexuelle Szenen. Inszenierung von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften, hrsg.: Schmerl Christiane, Leske + Budrich: Opladen, 2000, S. 26

26 Vgl. Ebd. S.26

27 Vgl. Ebd. S. 27

28 Vgl. Schönherr- Mann, Hans- Martin, „Sexualität als Macht und mediale und individuelle Kommunikation“, in: Medialisierung und Sexualisierung. Vom Umgang mit Körperlichkeit und Verkörperungsprozessen im Zuge der der Digitalisierung, hrsg.: Aigner Josef Christian/ Theo Hug/ Schurgraf Martina/ Tillmann Angela, Wiesbaden: Springer 2015, S. 105

29 Vgl. Ebd. S. 106

30 Vgl. Wrede, Britta, „Was ist Sexualität? Als Natur, als Kultur und als Diskursprodukt“, S. 34

31 Vgl. Ebd. S. 35

32 Vgl. Ebd. S. 35

33 Vgl. Ebd. S. 35

34 Grenzfurter Johannes, „Sex und Technologie“ in: Intimacy. Plug-in – Exploit – Care, hrsg.: Friesniger, Günther/ Judith, Schoßböck, Wien: monochrom 2016, S. 19

35 Vgl. Ebd. S. 20

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Technik und Sexualität im Musikvideo "All is full of love" von Björk. Zum Verhältnis von Mensch und Maschine
Hochschule
Universität Wien  (Theater, Film und Medienwissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V923890
ISBN (eBook)
9783346251589
ISBN (Buch)
9783346251596
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transhumanismus, Philosophie, Sexualität, Technik
Arbeit zitieren
Benjamin Seidl (Autor), 2020, Technik und Sexualität im Musikvideo "All is full of love" von Björk. Zum Verhältnis von Mensch und Maschine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923890

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