Der Dualismus und die Funktion menschlicher Handlungen in der Sechsten Meditation von René Descartes


Essay, 2018

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Gegenüberstellung zwischen dem denkenden Geist und ausgedehnten Körper des Menschen
A. Die Existenz der denkenden Substanz bzw. meines Geistes
B. Die Existenz der materiellen Dinge und des ausgedehnten Körpers
a. Die Vermögen in mir bzw. dem Geist und die Existenz der materiellen Dinge
1). Die Abhängigkeit der Einbildung vom Körper
2). Die deutliche Idee des Körpers aus den Empfindungen bzw. Wahrnehmungen
b. Die anderen Vermögen im Körper und die Existenz der körperlichen Dinge
C. Der Mensch als eine Einheit von Geist und Körper

2. Die mechanischen menschlichen Handlungen aufgrund der Gegenüberstellung zwischen Geist und Körper

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Dualismus von res cogitans und res extensa als die elementare Struktur ist das prominenteste Merkmal von Descartes‘ Philosophie. Der vorliegende Essay behandelt seine dualistische Position in der Sechsten Meditation und ihre Funktion in den menschlichen Handlungen. In der Sechsten Meditation zeigt sich die dualistische Position in der Gegenüberstellung zwischen der denkenden Substanz bzw. dem Geist und der ausgedehnten Substanz bzw. Körper, die im Menschen zu finden ist. Auf diesem Unterbau erklärt Descartes die menschlichen Handlungen bzw. Wahrnehmungen, körperliche Bewegung und Selbsterhaltung. Wir erörtern Descartes‘ Argumente dafür im Essay und versuchen, ihre Probleme freizulegen. Daher gliedert sich der Essay in zwei Teile auf: Die Gegenüberstellung zwischen dem denkenden Geist und ausgedehnten Körper des Menschen (§1) sowie die mechanischen menschlichen Handlungen aufgrund dieser Gegenüberstellung (§2).

§1. Die Gegenüberstellung zwischen dem denkenden Geist und ausgedehnten Körper des Menschen

A. Die Existenz der denkenden Substanz bzw. des Geistes

Es scheint nach Descartes, dass die materiellen Dinge als das Objekt der reinen Mathematik existieren können, weil sie klar und deutlich wahrgenommen werden und Gott sie zweifellos erzeugen kann.1 Die Existenz der materiellen Dinge und des menschlichen Körpers ist also anfangs bloßer Glaube. Descartes beweist diese Existenz mithilfe der Existenz des Geistes, indem er die Beziehung zwischen Vermögen, die sowohl im Geist als auch im Körper existieren, und dem Körper aufzeigt und aus dieser Existenz jene Existenz schließt. Denn ich, die denkende Substanz bzw. der Geist, existiert ohne Zweifel. „So dass, nachdem ich alles mehr als genug durchdacht habe, schließlich festzustellen ist, dass dieser Satz, Ich bin, ich existiere, sooft er von mir ausgesprochen oder vom Geist begriffen wird, notwendigerweise wahr ist.“ (Descartes 2004, 73) „Ich bin mir dessen gewiss, dass ich ein denkendes Ding bin.“ (Descartes 2004, 99) Die Existenz meines Geistes bzw. meiner denkenden Substanz ist der Grund, auf dem andere Existenz nachgewiesen werden kann.2 Beispielsweise ist die Idee Gottes als der unendlichen allmächtigen allwissenden Substanz zwar in mir als die denkende Substanz aber nicht allein von mir, sondern auch von anderen Existierenden hervorgebracht(vgl. Descartes 2004, 128 u. 129). Daraus wird geschlossen, dass die Idee Gottes nicht aus mir, sondern aus der Substanz Gottes selbst kommen muss. Sonst wäre die Idee nicht die Idee Gottes. „Und daher muss aus dem eben Gesagten geschlossen werden, dass Gott notwendigerweise existiert.“ (Descartes 2004, 129)

B. Die Existenz der materiellen Dinge und des ausgedehnten Körpers

a. Die Vermögen in mir bzw. dem Geist und die Existenz der materiellen Dinge

1). Die Abhängigkeit der Einbildung vom Körper

Nach Descartes, da sich die im Geist existierende Einbildung immer mit den materiellen Dingen befasst, existieren diese Dinge auch (vgl. Herrmann 2011, 284 ff.). Denn die Einbildung ist „eine gewisse Anwendung des Erkenntnisvermögens auf den Körper, der ihm am innigsten präsent ist und daher existiert“ (Descartes 2004, 201), z.B. die Einbildung eines Dreiecks, die nicht nur eine Figur zum Verständnis bringt, sondern auch ein deutliches geistliches Bild eines Dreiecks, wie es lebendig da wäre, darstellt. Dagegen kann man ein Zehntausendeck als eine Figur verstehen aber es sich keineswegs deutlich einbilden. Denn bei der Einbildung findet ein Blick des Geistes bzw. „eine gewisse besondere Anstrengung des Geistes“ statt (Descartes 2004, 203), sodass das deutliche geistliche Bild entsteht, wohingegen dieses beim Verstehen fehlt.

Die Einbildung ist ein Vermögen im Geist, jedoch nicht der Geist selbst (vgl. Descartes 2004, 203 u. 217). Ohne Einbildung bleibt der Geist derselbe. Also hängt der Geist nicht von Einbildung ab, vielmehr umgekehrt (vgl. Descartes 2004, 217). Es ist jedoch merkwürdig, dass Descartes anschließend schreibt, „daraus scheint zu folgen, dass sie von etwas abhängt, das von mir verschieden ist.“ (Descartes 2004, 203) Er meint damit, dass die Einbildung vom Körper abhängig sei, denn die Einbildung ist ein Modus des Denkens, durch den sich der Geist „auf den Körper richtet und etwas in ihm anschaut“ (Descartes 2004, 203). Also ohne Körper als Objekt ist die Einbildung nutzlos. Sie ist das Vermögen des Geistes, durch das er den Körper und materielle Dinge betrachtet. Wenn es keinen Körper und kein materielles Ding gäbe, bräuchte der Geist keine Einbildung. In diesem Sinne ist die Einbildung vom Körper abhängig. Umgekehrt, wenn die Einbildung da ist, existiert ein Körper wahrscheinlich (vgl. Descartes 2004, 205), da es eine nutzlose Einbildung geben kann (vgl. Descartes 2004, 219).

2). Die deutliche Idee des Körpers aus den Empfindungen bzw. Wahrnehmungen

Die Einbildung konzentriert sich hauptsächlich auf die Natur des Körpers, die das Objekt der reinen Mathematik ist, z.B. Figur, Größe, Gestalt usw., obwohl andere sinnliche Eigenschaften des Körpers, z.B. Farbe, Härte, Gerüche usw. auf eine undeutliche Weise eingebildet werden können (vgl. Descartes 2004, 205). Nach Descartes gibt es außer der Einbildung ein anderes Vermögen des Geistes bzw. einen Modus des Denkens, nämlich die Wahrnehmung bzw. Empfindung (Sinn), die sich auf die sinnlichen Eigenschaften des Körpers spezialisiert (vgl. Descartes 2004, 205 u. 217). Ein Körper kann wahrgenommen werden. Daher kann die Wahrnehmung eben Glaube der Existenz des Körpers darbieten. Dieser Glaube muss dann durch Zweifel geprüft werden.

Ich, der denkende Geist, empfinde, dass ich einen Körper mit Kopf, Händen, Füßen usw. habe. Ich mit meinem Körper bin ein Ganzes, das sowohl mein inneres Bedürfnis, Gefühl, Emotionen z.B. Lust, Schmerz, Hunger, Durst, Trauer, Zorn usw. als auch andere äußerliche Körper mit Ausdehnung, Gestalt, Bewegung, sinnlichen Qualitäten, usw. empfindet. (Vgl. Descartes 2004, 207) Die Ideen dieser empfundenen sinnlichen Qualitäten, die lebhaft, ausdrücklich und deutlich sind, sind zu meinem Denken völlig unterschiedlich und kommt somit nicht aus mir (der denkenden Substanz) (vgl. Descartes 2004, 207 u. 209). Daher müssen sie woanders, nämlich aus Körper und materiellen Dingen hervorgehen. Durch diese Empfindungen und Erkenntnisse der Natur glaube ich, dass mein Körper und die materiellen Dinge existieren.

Doch dieser Glaube gerät später in Zweifel, nachdem ich mehr Erfahrungen gemacht und damit gewusst habe, dass meine Empfindungen nicht zuverlässig sind, z.B. die Wahrnehmung des im Wasser liegenden Bleistiftes (vgl. Descartes 2004, 211 u. 213). Außerdem gibt Descartes zwei Zweifelsgründe dazu: 1. Diese Empfindungen können im Schlaf geschehen; 2. Ich kann mich täuschen, wenn ich mich nicht kenne (vgl. Descartes 2004, 213). Daher sind die sinnlichen Empfindungen zweifelhaft, aus denen die Existenz des Körpers und materiellen Dinge nicht folgt.

Erst nach der Selbsterkennung weiß ich jedoch, dass nicht alle Empfindungen zweifelhaft sind (vgl. Descartes 2004, 215). Durch die Erinnerung und den Verstand kann ich die wahren Empfindungen feststellen (vgl. Descartes 2004, 247 u. 249). Descartes etabliert ein Kriterium für die wahren Empfindungen bzw. wahren Ideen aus ihnen: „alles, was ich klar und deutlich verstehe, in der Weise von Gott erschaffen werden kann, wie ich es verstehe, ist es hinreichend, dass ich eine Sache ohne die andere klar und deutlich verstehen kann, um gewiss zu sein, dass die eine von der anderen verschieden ist, weil sie wenigstens von Gott gesondert gesetzt werden kann“ (Descartes 2004, 215). Demgemäß, da meine Existenz und mein Wesen als das denkende Ding „eine klare und deutliche Idee von mir selbst“ sind, ist diese Idee von der anderen Idee des Körpers verschieden (vgl. Descartes 2004, 217). Daraus ergibt sich, dass die Idee des Körpers aus den Empfindungen nicht zweifelhaft ist,3 obwohl sie nicht aus mir, dem denkenden Ding, sondern aus der körperlichen Substanz hervorgeht. Daher ist die Existenz des Körpers eben nicht zweifelhaft.

b. Die anderen Vermögen im Körper und die Existenz der körperlichen Dinge

Es gibt noch andere Vermögen, z.B. Verschiebungsvermögen, Vermögen des Wechsels der Gestalten usw., die anders als die Einbildung und Empfindung und nicht in mir (Geist) sind. Sondern es ist so, „dass diese Vermögen, wenn sie wirklich existieren, in einer körperlichen oder ausgedehnten Substanz sein müssen“ (Descartes 2004, 219). Außerdem nach Descartes, da die Empfindung ein passives Vermögen ist, „die Ideen der Sinnendinge aufzunehmen und zu erkennen“, muss ein entsprechendes aktives Vermögen existieren, „entweder in mir oder in etwas anderem“, „diese Ideen zu produzieren oder zu bewirken“ (Descartes 2004, 219). Das aktive Vermögen kann nicht in mir (Geist) sein, weil die Ideen der Sinnendinge nicht aus mir stammen (vgl. S. 5; Descartes 2004, 219). Daher ist das aktive Vermögen in anderer Substanz, die nach Descartes entweder ein Köper4 oder „Gott oder irgendein edleres Geschöpf als ein Körper“ ist (Descartes 2004, 221). Da „Gott kein Betrüger ist“ und ich gewissen klaren und deutlichen Glaube habe, dass die Ideen der Sinnendinge „von körperlichen Dingen ausgesandt werden“ (Descartes 2004, 221), ist die Substanz der Körper, in dem das aktive Vermögen ist. „Und daher existieren körperlichen Dinge.“ (Descartes 2004, 221).

C. Der Mensch als eine Einheit von Geist und Körper

Ich als die denkende Substanz weiß einerseits, dass der Körper als die ausgedehnte Substanz existiert und ich ohne ihn existieren kann und von ihm völlig verschieden bin (vgl. Descartes 2004, 217). Andererseits bin ich mir sicher, dass der Körper zu mir gehört und mit mir sehr eng verbunden ist. Ich bin mit meinem Körper vermischt und mache mit ihm eine Einheit aus (vgl. Descartes 2004, 223).

Diese Einheit empfindet Hunger, Durst, Schmerz usw. Solche innerlichen Empfindungen sind „gewisse verworrene Weisen des Denkens“ der Einheit (Descartes 2004, 225), die von dem Körperteil bestimmt sind. Die Einheit hat eben verschiedene äußerliche sinnliche Wahrnehmungen sowohl meines Körpers als auch anderer Körper, die uns zum Irrtum führen können, weil die Wahrnehmungen auf eine dunkle und verworrene Weise das wahre Wesen darstellen (vgl. Descartes 2004, 221 u. 231). Daher kann innerhalb der Einheit der Körperteil das Denken bzw. Wissen des reinen Geistes negativ beeinflussen. Die Natur des Menschen als eines Kompositums aus Geist und Körper muss dann manchmal trügerisch sein (vgl. Descartes 2004, 245).

Mein Körper kann nicht ohne meinen Geist existieren, während mein Geist ohne meinen Körper existieren kann. Und mein Körper ist teilbar, wohingegen mein Geist als das denkende Ding unteilbar ist (vgl. Descartes 2004, 237). Da der Geist und Körper voneinander so verschieden sind, ist es immer die Schwierigkeit von Descartes‘ Philosophie, zu erklären, wie sie in der Einheit bzw. in einem Menschen interagieren. Die Descartes‘ Diskussion über die menschlichen Handlungen kann diese Interaktion auslegen.

§2. Die mechanischen menschlichen Handlungen aufgrund der Gegenüberstellung zwischen Geist und Körper

Geist und Körper haben verschiedene Naturen. Weder Geist noch Körper können allein eine menschliche Handlung auslösen. Da der Mensch das Kompositum von Geist und Körper ist, ist ersichtlich, dass seine Handlungen durch die Interaktion zwischen Geist und Körper bzw. ihre Zusammenarbeit bestimmt werden müssen.

Nach Descartes kann der Körper zwar im Kompositum den Geist affizieren, aber nicht alle Teile des Körpers tun das auf eine unmittelbare Weise. Nur ein kleiner Teil seines Gehirns, die Zirbeldrüse, in der der Gemeinsinn liegt, kann den Geist unmittelbar affizieren (vgl. Descartes 2004, 239), sodass der Geist etwas aus dem Körper empfinden kann und dann den Körper durch die Zirbeldrüse befiehlt, etwas zu üben. Einerseits müssen daher andere Teile des Körpers vermittels der Zirbeldrüse den Geist beeinflussen, andererseits muss der Geist den Körper eben durch die Zirbeldrüse mobilisieren. Darum ist die Zirbeldrüse der Ort der Interaktion zwischen Geist und Körper, auf der die menschlichen Handlungen basieren.

Beispielsweise besteht das Wegziehen des Fußes vor dem Feuer aus zwei Vorgängen: 1. Der Geist empfindet Hitze und Schmerz im Fuß; 2. Das Bein zieht den Fuß vor dem Feuer weg, nachdem es eine Anweisung vom Geist empfing. Nach Descartes gibt es die wie Seile miteinander verbundenen Nerven überall im Körper. Wenn der Fuß vor dem Feuer liegt, bewegt er den Nerv im Fuß, der dann andere Nerven in Bein, Schenkel, Lenden, Rücken, Hals und Gehirn, einer nach dem andern, bewegt (vgl. Descartes 2004, 241). Endlich erreicht die Bewegung der Nerven die Zirbeldrüse, sodass der Geist die Empfindung, Hitze und Schmerz, im Fuß bekommt. Um den gesunden Körper vor dem Feuer zu bewahren (vgl. Descartes 2004, 243 u. 245), gibt der Geist dem Bein die Anweisung durch die Zirbeldrüse und Nerven, den Fuß vor dem Feuer wegzuziehen.

[...]


1 Vgl. Descartes, René (2004): Meditationen. Übers. von Schmidt, Andreas. Göttingen. S. 199.

2 Das bedeutet nicht, dass andere Existenz von meiner Existenz abhängt.

3 Die Verschiedenheit setzt Existenz voraus.

4 Denn ich weiß, dass die körperliche Substanz von mir (Geist) verschieden ist und die Ideen der Sinnendinge aus körperlichen Dingen hervorgehen (vgl. S. 5).

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Der Dualismus und die Funktion menschlicher Handlungen in der Sechsten Meditation von René Descartes
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
9
Katalognummer
V923892
ISBN (eBook)
9783346251749
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "voll guter Erfolg"
Schlagworte
dualismus, funktion, handlungen, sechsten, meditation, rené, descartes
Arbeit zitieren
Bing Zhou (Autor:in), 2018, Der Dualismus und die Funktion menschlicher Handlungen in der Sechsten Meditation von René Descartes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/923892

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