Die wissenschaftliche Diskussion des Begriffs „Kulturwandel“ - gleich ob aus archäologischer oder soziologischer Sicht - setzt eine möglichst genaue Definition von „Kultur“ voraus. Es macht keinen Sinn, über einen Kulturwandel zu sprechen, wenn nicht vorher auch Kultur begrifflich erfasst ist.
Gleichsam wird der Begriff des Kulturwandels mit der Erklärung des Kulturbegriffs beleuchtet, so dass die Erklärung des Kulturwandels mit der sorgfältigen Untersuchung und Eingrenzung von Kultur de facto bereits gegeben ist.
Anzumerken ist, dass Rahmen und Umfang einer solchen Arbeit nicht geeignet sind, ein wirklich (all-)umfassendes Bild des Themas zu zeichnen: Letztlich müssten hierfür sämtliche archäologischen Forschungsinhalte dargelegt werden, da archäologische Forschungen schließlich „Kultur“ und/oder „Kulturwandel“ besser verständlich und erklärbar machen wollen.
Die Beschäftigung mit den Begriffen „Ethnos“ und „Ethnogenese“ setzt die vorherige Definition einer Reihe anderer Begriffe voraus.
Zuvor jedoch noch muss erwähnt werden, dass sogar diese zuletzt genannten Begriffe von den verschiedenen historischen Disziplinen - mithin also auch in der Archäologie - zunehmend als Hilfskonstrukte betrachtet werden, die historische Sachverhalte aus moderner Sicht beschreiben können. Besser noch, sie umschreiben, also transkribieren die etwa frühmittelalterlichen sozio- und ethnogenetischen Vorgänge in heute verständliche Muster und Schemata. Gerade aber die Wandlung dieser Begriffe zu wissenschaftlich-methodischen Termini macht ihre Benutzung schwierig, weil schwammig. Nicht nur war die Definition etwa eines Volkes im frühen Mittelalter eine andere als in heutiger Zeit, sondern die Wissenschaftler unseres Jahrhunderts (und darüber hinaus) konnten sich bis heute zudem noch nicht auf eine einheitliche Festlegung des Begriffes verständigen.
Die Untersuchung zum Abstammungstopos der Goten aus Skandinavien ergänzt als dritter Teil der Arbeit den Versuch zur Begriffsklärung und soll die schwierige Definitionslage von Begriffen wie "Volk", "Stamm" und "Nation" illustrieren.
Inhaltsverzeichnis
Zum Verständnis
Archäologie und Kultur
Was ist Kultur?
Der Kulturwandel
Ethnos und Ethnogenese
Zur Begriffsklärung
Ethnische Prozesse, ethnische Differenzierung
Zum Abstammungstopos der Goten
1. Vorkaiserzeitliche Einwanderung?
2. Zuwanderung in die gotische Bevölkerung?
3. Literatur und Quellen zum Abstammungstopos der Goten
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, grundlegende Begriffe wie Kultur, Kulturwandel, Ethnos und Ethnogenese wissenschaftlich zu klären und diese Erkenntnisse exemplarisch am Abstammungstopos der Goten zu überprüfen, um archäologische Befunde kritisch in den historischen Kontext einzuordnen.
- Definition und soziologische Einordnung des Kulturbegriffs
- Kritische Analyse des Begriffs "Kulturwandel" in der Archäologie
- Differenzierung zwischen den Begriffen Ethnos, Ethnogenese, Volk und Stamm
- Untersuchung der historischen und archäologischen Evidenz zur Herkunft der Goten
- Bewertung von Wanderungshypothesen gegenüber indigenen Entwicklungsprozessen
Auszug aus dem Buch
1. VORKAISERZEITLICHE EINWANDERUNG?
Demzufolge muss eine Einwanderung im Sinne der Getica (Also keine spätere Zuwanderung, sondern tatsächlich die ursprüngliche Herkunft ist gemeint!) vor diesem Zeitpunkt stattgefunden haben. Konsequenterweise muss also nach (archäologischen) Beweisen für die gotische Reise in dem Zeitraum zwischen 340 v.Chr. (Pytheas) und 5 n.Chr. (Strabo) gefahndet werden, wobei die Wahrscheinlichkeit, fündig zu werden, abnehmen dürfte, je weiter man sich diesen beiden Eckdaten nähert.
Am Anfang des ersten vorchristlichen Jahrhunderts bildet sich - am Übergang von der jüngeren vorrömischen Eisenzeit zur älteren Kaiserzeit - die Wielbark-Kultur als eigenständige Kulturgruppe heraus und ist, so Bierbrauer, in der Stufe B1 b ( etwa 2. Viertel d. 1. Jhds.) bereits voll ausgebildet.
Wir wissen also, dass Strabo höchstwahrscheinlich ebendiese Wielbark-Gruppe meint, wenn er von den Goten spricht.
Aber aus dieser "Gleichung", Wielbark = Goten, lässt sich auch noch eine weitere Formel ableiten:
Von Volker Bierbrauer erfahren wir von einer Selpulturkontinuität, d.h. einer gewissen Beständigkeit der Belegung der Gräberfelder, der dem Entstehen der Wielbark-Kultur vorausgeht und den Übergang überdauert. Die Rede ist von der Oksywie- (= Oxhöft-) Kultur, die schon seit dem Beginn der jüngeren vorrömischen Eisenzeit (A1 - A3) belegt ist, also etwa seit der 1. Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts.
Bierbrauer hat nicht nur eine Sepulturkontinuität, sondern auch eine Bevölkerungskontinuität festgestellt (Gräberfeld Praust-Danzig X), so dass auf diesem Übergang zwischen Oksywie und Wielbark nicht mit einer Zuwanderung von außen zu rechnen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Zum Verständnis: Die Einleitung legt dar, dass die Diskussion über Kulturwandel eine präzise Definition von Kultur voraussetzt und skizziert den Aufbau der Untersuchung von theoretischen Grundlagen bis hin zur fallbeispielhaften Anwendung auf die Goten.
Archäologie und Kultur: Dieses Kapitel erläutert, dass archäologische Forschung untrennbar mit der Untersuchung von Kultur verbunden ist, warnt jedoch vor der unkritischen Übertragung kunsthistorischer Datierungsmodelle auf komplexe soziale Strukturen.
Was ist Kultur?: Der Kulturbegriff wird hier als dynamischer Verflechtungszusammenhang definiert, der über die sogenannten schönen Künste hinausgeht und Riten, Lebensstile sowie das alltägliche Dasein umfasst.
Der Kulturwandel: Das Kapitel verdeutlicht, dass Kulturwandel als dynamischer Prozess verstanden werden muss und illustriert anhand des Beispiels der Nike, wie sich in einem kulturellen Wandel Tradition und Innovation verbinden.
Ethnos und Ethnogenese: Hier wird die Problematik bei der Definition von Völkern und Stämmen als Hilfskonstrukte beleuchtet und die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen einer Sicht von innen (emisch) und außen (etisch) betont.
Zur Begriffsklärung: Dieses Kapitel vertieft die etymologische und methodische Analyse der Begriffe Ethnos und Genesis und begründet, warum weitgefasste Definitionen ohne Kriterien zur ethnischen Identität wissenschaftlich unbrauchbar sind.
Ethnische Prozesse, ethnische Differenzierung: Die Ausführungen machen deutlich, dass die Identität ethnischer Verbände oft eher durch Tradition und Namen als durch physische Kontinuität bestimmt wird, was die Interpretation historischer Quellen komplex macht.
Zum Abstammungstopos der Goten: Anhand des Abstammungstopos der Goten wird die Diskrepanz zwischen literarischen Überlieferungen, wie der des Jordanes, und archäologischen Befunden kritisch hinterfragt.
1. Vorkaiserzeitliche Einwanderung?: Das Kapitel kommt zu dem Schluss, dass auf Basis archäologischer Kontinuitäten zwischen der Oksywie- und Wielbark-Kultur keine Zuwanderung aus Skandinavien in dem vermuteten Zeitraum nachweisbar ist.
2. Zuwanderung in die gotische Bevölkerung?: Es wird festgehalten, dass zwar vereinzelte skandinavische Einflüsse (z.B. im Trachtzubehör oder bei neuen Bestattungssitten) existieren, diese jedoch keinen Beleg für eine massenhafte Einwanderung oder gar eine skandinavische Ursprung der Goten liefern.
3. Literatur und Quellen zum Abstammungstopos der Goten: Auflistung der verwendeten Primärquellen und der relevanten wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Ethnogenese, Kulturwandel, Archäologie, Goten, Ethnos, Wielbark-Kultur, Oksywie-Kultur, Identität, Tradition, Ethnizität, Jordanes, Bestattungssitte, Siedlungsgeschichte, Kultursoziologie, Abstammungstopos
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Kultur, Kulturwandel und Ethnogenese und prüft kritisch, wie diese theoretischen Konzepte auf historische Gruppen wie die Goten angewendet werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition von Kulturbegriffen, der Rolle der Archäologie bei der Interpretation gesellschaftlicher Prozesse sowie der kritischen Auseinandersetzung mit dem Abstammungstopos der Goten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die terminologische Unschärfe bei Begriffen wie Volk oder Ethnos zu verdeutlichen und archäologische Befunde von literarischen Topoi zu trennen, um zu klären, ob die Goten tatsächlich aus Skandinavien eingewandert sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der kultursoziologische Theorien mit archäologischen Befunden (Gräberfelder, Funde) vergleicht und historische Quellen mit dem aktuellen Forschungsstand abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen zu Kultur und Ethnos erarbeitet, gefolgt von einer detaillierten archäologischen Fallstudie zum Übergang der Oksywie- zur Wielbark-Kultur und der Analyse der gotischen Herkunftslegende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Zu den zentralen Begriffen zählen Ethnogenese, Kulturwandel, Wielbark-Kultur, Identität, Ethnizität und der Abstammungstopos der Goten.
Welche Rolle spielt Jordanes in der Argumentation des Autors?
Jordanes dient als Beispiel für eine literarische Quelle, deren Bericht über den skandinavischen Ursprung der Goten der Autor aufgrund mangelnder archäologischer Evidenz als Topos einstuft und widerlegt.
Was besagt die Hypothese zum Übergang der Oksywie- zur Wielbark-Kultur?
Der Autor argumentiert, dass dieser Übergang ein kontinuierlicher, indigener Prozess ist und keine Zuwanderung aus Skandinavien erfordert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss skandinavischer Personenverbände?
Der Autor schließt sich der Hypothese an, dass es zwar punktuellen Zuzug kleinerer skandinavischer Gruppen gab, dieser aber die gefestigte einheimische Kultur nicht grundlegend veränderte, sondern nur begrenzte Einflüsse hinterließ.
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- M.A. Andreas Galk (Author), 2001, Ethnogenese und Kulturwandel - Der Versuch einer Begriffsklärung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92408