Ruth Elias: "Die Hoffnung erhielt mich am Leben" - eine Interpretation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ziel der Holocaustliteratur

3. Ansehen der Juden

4. Haltung der Juden und deren Bewusstwerdung

5. Haltung auf der anderen Seite

6. Widerstand
6.1. Kultur und Bildung
6.2. Liebe
6.3. Familie

7. Werteskala

8. Nichtmitteilbarkeit

9. Stil

10. Zusammenfassung

1. Einleitung

Diese Arbeit wird sich mit dem Buch Die Hoffnung erhielt mich am Leben von Ruth Elias beschäftigen, da es versucht, das Unverstehbare verstehbar zu machen. Es ist nämlich nicht nur eine Vermittlung von Tatsachen, sondern ermöglicht es durch das persönliche Erzählen, den Leser zu sensibilisieren. Da er sich in Ruthes Erfahrung einfühlen kann, wird es ihm möglich, ihre Gefühle besser zu verstehen. Nach einer generellen Einführung in die Holocaustliteratur, soll es erklärt werden, warum Ruth Elias nach langer Zeit des Schweigens entschieden hat, alles zu erzählen. Der Text liefert Hinweise, die auch viele geschichtliche Aspekte besser verstehen lassen. Es wird also klärer, wie außerordentlich die Juden ausgegrenzt waren und wie sie von den anderen Leuten betrachtet wurden. Auch das Thema des Widerstands gegen den Hitler-Nazismus wird angesprochen. Durch Ruthes Worte können ebenso die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit verstanden werden, die die Erfahrung verursacht hat.

2. Ziel der Holocaustliteratur

1941, als das Getto von Riga evakuiert wurde, erschossen die Nazis den jüdischen Historiker Simon Dubnow, der vor seinem Tod schrie: „Schreibt und farschreibt!“ (Marrus, 1994: 11). Diese Verwarnung wurde von vielen aufgenommen, die es als Pflicht betrachteten, der Opfet zu gedenken und besonders, die zukünftigen Generationen zu warnen. Wenn auch der Holocaust zu der Geschichte gehört, ist er ein Thema, das nicht so einfach angegangen werden kann , da man riskiert, es zu unterschätzen und seine Schwere vergessen zu lassen. Der Holocaust kann also nur von denen erzählt werden, die ihn gelebt haben und ihn realistisch wiedergeben können. Es ist für den Leser schwierig, die Tatsachen als wahr hinzunehmen und diese schrecklichen Ereignisse zu glauben. Nur durch eine persönliche Erzählung kann also dieser Teil der Geschichte glaubhaft wiedergegeben werden, außerdem kann der Leser das richtige Gewicht darauf legen.

Ziel der Holocaustliteratur müsste zudem die Sicherung der Erinnerung an das Grauen sein.

Ruth Elias erklärt im ersten Kapitel, was sie zum Schreiben getrieben hat. Sie hat immer versucht, die Wahrheit vor ihren Kinder zu verstecken, da sie ein Leben ohne Alpträume führen sollten. Aber der Moment ist gekommen, alles zu erzählen: jetzt, da die Kinder erwachsen sind, können sie ihre Geschichte verstehen, da sie sicher schon von der Ermordung der Juden gehört haben. Außerdem ist es für Ruth unmöglich, mit der Erinnerung der Vergangenheit weiterzuleben. Sie hat versucht, sie zu vergraben, aber „es kommt wieder zurück, und so bin ich eben dazu verurteilt, damit zu leben“[1]. In diesem Sinn fühlt sie sich noch verfolgt, da sie noch keine psychologische Freiheit gefunden hat[2]. Sie definiert ihr Leben als ein „Laufen“, in dem die Unruhe herrschte, ein neues Gleichgewicht zu finden. Da es keine Ruhe in der Gegenwart gab, hat sie immer in die Zukunft gesehen, denn mit der Zeit würde die schreckliche Erfahrung immer weiter entfernt sein. Das ist ihre Waffe: die Zukunft, die von ihren Enkelkinder verkörpert wird, deren Existenz der greifbare Beweis ist, dass die Verfolger sie nicht vernichtet haben[3]. Während die Generation, die die Zeit des Holocaust erlebt hat, bald erlöschen wird, wird dieses Zeugnis weiterbleiben, um beim Erinnern zu helfen. Eine Form der Rache gegen die Verfolger ist das Gedächtnis, indem sie ewig schuldig bleiben[4].

3. Ansehen der Juden

Durch Ruthes Worte kann der Leser auch über den Zustand der Juden informiert werden, so dass er erfahren kann, dass sie schon ausgegrenzt waren und in vielen Bereichen des Lebens isoliert, nämlich beim Essen[5] oder in der Schule (sie besuchte die Jüdische Volksschule). Wenn sie auch später ein normales Lyzeum besuchte (wo es aber kaum jüdische Professoren gab), „wurden kaum Freundschaften zwischen jüdischen und christlichen Mädchen geschlossen“[6]. Sie spricht von einem „ungeschriebenen Gesetz“, das aber einen Grund hat: „Vielleicht lag es daran, dass die christlichen Mädchen von deutschen Eltern stammten und sie schon damals eine antisemitische Erziehung erhielten“[7]. Obwohl ihre Kindheit sehr froh war, kann sie sie jetzt unter einem anderen Blickwinkel beurteilen und Wichtigkeit dem beimessen, was sie früher mit Naivität betrachtete. Deshalb kann sie jetzt schon während ihrer Schulzeit die ersten Zeichen einer Ausgrenzung erkennen, die aber später ein unvorstellbares Ausmaß erreicht hat. Als sie später die Schule in Ostrava besuchte, war die Trennung von den anderen Mädchen, die alle Christen waren, offensichtlicher. Sie wurden ständig verhöhnt und als minderwertig betrachtet. Außerdem bemerkte Ruth schon, dass ihre Liebe für Deustchland obsessiv war (sie kniete sich auf dem Boden, um die „deutsche Erde“ zu küssen), aber nur bald hat sie erfahren, dass „dies Kinder von Volksdeutschen waren, welche zur Liebe zu Deutschland und zum Haß gegenüber der Tschechoslowakei, in welcher sie lebten, erzogen wurden“[8]. Die antisemitische Haltung wird also immer in Verbindung mit der Erziehung gesetzt, so dass es klarer wird, wie sehr diese diskriminierenden Ideen verwurzelt waren und wie die Ausgrenzung mit Naivität und Natürlichkeit vonstatten gehen konnte.

4. Haltung der Juden und deren Bewusstwerdung

Als sich die ersten Zeichen einer Veränderung ergaben, wurden die Juden sich nicht darüber bewusst, was genau passierte. Ruth Elais schreibt, dass ihnen der Aufstieg Hitlers bewusst war, trotzdem niemand wusste, welche die beste Lösung sein würde. Alle versuchten, etwas zu machen, aber meistens ohne ein bestimmtes Ziel. In dieser Desorientierung machten sie das, was ihnen gesagt wurde, ohne dass sie die Möglichkeit hatten, unterrichtet zu sein. Außerdem konnte der Umfang des Phänomens nicht verstanden werden, denn er wurde als etwas Vorübergehendes betrachtet. Nichts konnte im Voraus mitgeteilt werden, denn niemand konnte sich die zukünftige Ermordung vorstellen. Deshalb, als die tschechischen Juden die ersten Nachrichten über Hilters Aufstieg hörten, wurden sie trotzdem nicht von Panik ergriffen, denn sie „lebten in dem Glauben, dass sich das alles in Deutschland abspiele und es uns in der Tschechoslowakei ja nicht betreffen werde“[9]. Auch als die Stiuation sich später verschlimmerte und die diskriminierenden Episoden sich mehrten, hatten sie noch keine Angst, denn sie hielten sich zuerst für Tschechoslowaken und an zweiter Stelle für Juden. Da die Verfolgung in Deutschland stattfand, dachten sie, ausserhalb dieses Landes in Sicherheit zu sein. Ruthes Worte können aber auch als Groll interpretiert werden: sie wiederholt, dass, obwohl sie nicht wegfuhren, wussten, was passierte[10]. Diese Wiederholung stellt einen Vorwurf dar, da sie passiv blieben, als ob sie blind wären. Wahrscheinlich war es eine einfache psychologische Reaktion, die von Angst bestimmt war: statt den Gefahren entgegenzutreten, steckt man unbewusst den Kopf in den Sand, mit der Hoffnung, dass alles bald vorbei ist. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus, wie Ruth selbst zugibt: „…das Abwehrsystem in uns wollte schlechten Nachrichten keinen Glauben schenken, was eine Art von Selbstimmunisierung war“[11]. In dieser Weise wird aber dann der Schock größer, wenn man am Ende gezwungen ist, sich mit der Realität auseinanderzusetzen: „Unser Leben änderte sich mit einem Schlage“[12]. Das ist nämlich der Eindruck, den sie zu jener Zeit hatte, und erst später ist ihr klar geworden, dass sie alle die Informationen hatten, die Anlass zu Vermutungen gaben. Gewiss konnte aber niemand das voraussehen, was wirklich passieren würde, denn kein menschlicher Verstand könnte solche Gedanken haben. Es war Hitlers Ziel, die Juden zu isolieren, um ihnen keine Möglichkeit zu geben, über ihr Schicksal nachzudenken: „Wir (…) wussten selbstverständlich nichts, nicht von den so schrecklichen Tragödien, welche sich dort in den Vernichtungslagern abspielten. Wir waren im Ghetto fast hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen“[13]. Außerdem; „wenn ein Transport nach Theresienstadt kam, durfte niemand auf der Straße sein, (…) denn man wollte dadurch ein frühes Warnen vermeiden“[14].

[...]


[1] Elias, Ruth (1998); S.7.

[2] „Ja, es ist meinen Verfolgern gelungen, mich auch weiter zu verfolgen…“; Elias (Ans.1), S.7.

[3] „Meine Enkelkinder sind mein Sieg über meine Verfolger“; Elias (Ans.1), S.7.

[4] „Und jedem und überall werde ich, wo ich nur kann, erzählen und sprechen, damit euer Makel nie reingewaschen werden kann“; Elias (Ans.1), S.260.

[5] „Im Hauptgeschäft war eine Abteilung für koscheres (jüdisches) Fleisch eingerichtet. Diese Abteilung lag abseits, damit das koschere Fleisch nicht mit dem nicht koscheren in Berührung kam“; Elias (Ans.1), S.21.

[6] Elias (Ans.1), S. 34.

[7] Elias (Ans.1), S. 34.

[8] Elias (Ans.1), S. 39.

[9] Elias (Ans.1), S. 45.

[10] „Wir wussten…“ wird zweimal auf Seite 49 (Elias, Ans.1) wiederholt.

[11] Elias (Ans.1), S. 95.

[12] Elias (Ans.1), S. 50.

[13] Elias (Ans.1), S. 95.

[14] Elias (Ans.1), S. 99.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ruth Elias: "Die Hoffnung erhielt mich am Leben" - eine Interpretation
Hochschule
Universität Leipzig  (FB Germanistik)
Veranstaltung
Spurensuche jüdischer Identität
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V9243
ISBN (eBook)
9783638160025
ISBN (Buch)
9783638909341
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruth, Elias, Hoffnung, Leben, Interpretation, Spurensuche, Identität
Arbeit zitieren
Paola Bertolino (Autor), 2002, Ruth Elias: "Die Hoffnung erhielt mich am Leben" - eine Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9243

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