Männliche Sozialisation als Faktor für rechtsorientierte Einstellungen? - Möglichkeiten und Wege für präventive Ansätze in der politischen Bildungsarbeit


Diplomarbeit, 2008

89 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Einführung und Motivation zur Arbeit
1.2 Fragestellung und Aufbau der Arbeit

2 Problemstellung und mögliche Erklärungsansätze
2.1 Der Begriff und die Ideologie des Rechtsextremismus
2.2 Studie zu rechtsextremen Einstellungen
2.3 Erklärungsansätze zur Entstehung von Rechtsextremismus
2.4 Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und Männlichkeit im Hinblick auf die Sozialisation
2.4.1 Sozialisationstheorie
2.4.2 Theorie des Sozialen Lernens
2.4.3 Sozialisationsinstanzen
2.4.4 Männliche Sozialisation
2.4.5 Begriff der Autonomie
2.5 Identitätskonstruktion in pluralistischen Gesellschaften – Wie kommt es in diesem Zusammenhang zu einer Ideologie der Ungleichwertigkeit?

3 Warum und wie gegen Rechtsextremismus vorgehen?
3.1 Warum dagegen vorgehen? – Demokratische Gesellschaftsordnung
3.2 Außerschulische Jugendbildung als Sozialisationsinstanz
3.3 Rechtliche Grundlage
3.4 Kritikpunkte an Prävention
3.4.1 Pädagogik der Anerkennung
3.4.2 Anti-Bias-Ansatz
3.4.3 Jungenarbeit
3.5 Konzeptentwicklung
3.5.1 Inhaltsanalyse
3.5.2 Didaktische Reduktion
3.5.3 Ziele
3.5.4 Methoden

4 Konkretes Konzept zur Prävention
4.1 Problemdarstellung
4.2 Organisatorischer Rahmen
4.3 Zielgruppe
4.4 Inhaltsanalyse
4.5 Didaktische Reduktion
4.6 Ziele
4.7 Methoden
4.7.1 Erlebnispädagogik
4.7.2 Methoden des sozialen Lernens
4.7.3 Feedback
4.8 Gesamtkonzept

5 Schlussfolgerung

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis
7.1 Sekundärliteratur
7.2 Internetquellen

1 Einleitung

1.1 Einführung und Motivation zur Arbeit

Rassistische Übergriffe, insofern sie schockierend genug und dementsprechend Auflagen steigernd sind, finden in den Medien immer wieder Erwähnung. Wie beispielsweise die fremdenfeindliche Hetzjagd in Müggeln.[1]

Diese Gewaltverbrechen werden meist von männlichen Jugendlichen begangen, das zeigt exemplarisch eine Studie der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Abteilung Verfassungsschutz in Berlin. Danach sind 93% der Tatverdächtigen einer rechtsextremen[2] Gewalttat männlichen Geschlechtes.[3]

Was bildet die gedankliche Grundlage rechtsextremer Straftäter? Wie lässt sich ein rechtsextremes Weltbild beschreiben und woraus besteht dessen Fundament? Besteht ein Zusammenhang zwischen dem männlichen Geschlecht und rechtsextremen Straftaten? Welche Rolle spielen dabei von Gewalt geprägte Streitigkeiten unter Jugendlichen?

So sind mir die rivalisierenden Auseinandersetzungen, um Stärke beweisen zu müssen, zwischen männlichen Gleichaltrigen aus individuellen Erfahrungen bekannt.

Ein wichtiges Element ist für mich die Dekonstruktion des traditionellen männlichen Geschlechterbildes.[4] Diese Dekonstruktion offenbart Männern ein größeres Potential, als es bisher wahrgenommen wird. In Diskussionen werden Mittel und Wege gesucht, Frauen im Zugang zu traditionell männlich besetzten Positionen zu unterstützen. Bei der Bundeskonferenz des Jugendwerkes der Arbeiterwohlfahrt wurde beispielsweise ein „Genderpapier“ diskutiert, in dem eine geschlechtliche Gleichberechtigung über eine Quotenregelung gefordert wurde.[5]

Sowohl die Diskussion, als auch die Mittel und Wege sollten weiterhin ausgebaut werden. Meine Wahrnehmung ist allerdings: Männer fühlen sich häufig von feministischen Debatten bedroht. Mein Ziel ist es, Männern das Potential und die Möglichkeiten der Dekonstruktion beider Geschlechterbilder aufzuzeigen.

Dabei sehe ich folgende, anzustrebende Errungenschaften: Die Möglichkeit, als Mann nicht mehr auf das von Stärke geprägte Männerbild eingeschränkt zu sein und dadurch den eigenen Spielraum zur Gestaltung der individuellen Rolle erweitern zu können.

Die Gewaltverbrechen stellen allerdings für mich nur einen kleinen Teil des Problems Rechtsextremismus in der Gesellschaft dar. Die Grundlage bilden allgemein anerkannte alltagsrassistische Vorurteile.

In meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Teamer im Netzwerk für Demokratie und Courage[6] wurde ich bisher mit den unterschiedlichsten Alltagsrassismen von Jugendlichen konfrontiert. In meiner Wahrnehmung sind die weit verbreiteten Vorurteile wie „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ oder „Die (Ausländer) leben nur auf unsere Kosten!“ in fast jeder Schulklasse mehr oder weniger stark vertreten.

Woher kommen diese Vorurteile und wie entwickeln sie sich? Wie setzten sie sich in den Köpfen der vorrangig männlichen Jugendlichen fest? Warum ist es so schwer gegen sie vorzugehen?

Diese Fragen sollen im Laufe der Ausarbeitung beantwortet werden.

1.2 Fragestellung und Aufbau der Arbeit

Ausgehend von einer Beschreibung des Begriffs und der Ideologie des Rechtsextremismus werden Elemente eines rechtsextremen Weltbildes im Abschnitt 2.1 untersucht. Hierbei soll die Frage beantwortet werden, ob es miteinander verbundene Merkmale für rechtsextreme Einstellungsmuster gibt.

Im weiteren Verlauf wird eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rassistischen Vorurteilen und ihrer Verankerung in der Mitte der Gesellschaft vorgestellt. Diese Studie wird als Grundlage zur Beschreibung des Problems „der männlichen Sozialisation als Faktor für rechtsorientierte Einstellungen“ dienen.

Darauf aufbauend sollen unterschiedliche Erklärungsansätze angeführt werden, die beschreiben, wie sich die Orientierung zu rechtsextremen Einstellungen entwickeln kann. Es wird untersucht werden, ob es Parallelen zwischen der Erziehung der Jugendlichen und einer späteren Orientierung an rechtsextremen Wertesystemen gibt.

In den Abschnitten 2.4 und 2.5 wird eine Erklärung dafür gesucht werden, warum vermehrt Männer rechte Einstellungsmuster aufweisen. Hierbei soll die männliche Sozialisation im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Diese wird im Abschnitt 2.4.4 genauer beschrieben werden.

Um diesen Zugang detaillierter zu beleuchten, sollen im dritten Kapitel mögliche Präventionsansätze aufgezeigt werden. Einen Kernpunkt soll dabei die geschlechtsspezifische Jungenarbeit[7] ausmachen.

Zuvor soll anhand der Methode der außerschulischen Jugendbildung eine Möglichkeit zur Prävention aufgezeigt werden. Es werden Kritikpunkte der Präventionsarbeit im Allgemeinen genannt, außerdem wird die außerschulische Jugendbildung im Kapitel 3.2 genauer beleuchtet.

Neben der geschlechtsspezifischen Jungenarbeit sollen auch andere Ansätze in der politischen Bildungsarbeit im Kapitel 3.4 beschrieben werden. Diese Überlegungen bewegen sich allein in einem theoretischen Bereich.

Am Ende soll versucht werden, im Kapitel vier die gewonnenen Erkenntnisse in einem praktischen Konzept zusammenzufassen. Hier sollen sowohl Kritikpunkte an der Präventionsperspektive, als auch verschiedene Ansätze der politischen Bildungsarbeit einfließen. Dabei wird die geschlechtsspezifische Jungenarbeit besondere Beachtung finden.

Ich verfolge mit dieser Ausarbeitung das Ziel, für ein bestehendes Problem mittels einer Problemhinführung, ein für mich schlüssiges Konzept zu entwickeln. Hierbei werde ich aus Gründen der Übersichtlichkeit und der Zielverfolgung einzelne Punkte nur anschneiden können und nicht in ihrem vollständigen aktuellen Forschungsstand präsentieren.

2 Problemstellung und mögliche Erklärungsansätze

2.1 Der Begriff und die Ideologie des Rechtsextremismus

Der Begriff des Rechtsextremismus wird in diesem Kapitel definiert werden, um ausgehend vom Begriff des Rechtsextremismus eine Klarheit über den Begriff der Rechtorientierung zu bekommen. Im Hinblick auf die Fragestellung, wird bereits eine spezifizierende Betrachtung gewählt. Dieser Blick soll bereits auf die Besonderheiten und Wirkungsweisen der rechtsextremen Ideologie in Bezug auf das männliche Geschlecht hinführen.

„Rechtsextremismus bezeichnet eine politische Einstellung, die sich gegen die Ordnung des demokratischen Verfassungsstaates stellt und gesellschaftliche Vielfalt […] fundamental ablehnt.“[8]

Diese allgemeine Definition möchte ich als ersten Ausgangspunkt für die folgende Untersuchung der rechten Ideologie nutzen, sie deutet auf verschiedene Ansatzpunkte hin. Im Folgenden werde ich einen Teil herausstellen, welchen ich für diese Ausarbeitung als besonders relevant erachte. Dies sind die demokratische Verfassung und die gesellschaftliche Vielfalt, die abgelehnt werden.

Die Begriffe des Rechtsextremismus und des Rechtsradikalismus werden oft synonym in Bezug auf die demokratische Verfassung verwendet. Zwischen beiden Begriffen besteht aber ein Unterschied.

Der Radikalismus bezeichnet die Grenze zwischen der demokratischen Grundordnung und den Meinungen, die diese ablehnen. Der Radikalismus bewegt sich also innerhalb der demokratischen Grundordnung, während der Extremismus diese vollkommen ablehnt.[9]

Durch diese Definition wird allerdings eine Spanne von der demokratischen Mitte bis zum rechten Rand der Gesellschaft aufgezeigt. Sie beschreibt rechte Einstellungen als ein Phänomen am Rand der Gesellschaft. Rechte Denkmuster (welche im weiteren Verlauf noch genauer beschrieben werden) finden sich allerdings auch in der politischen Mitte bzw. in der politischen Linken.[10]

Durch die Unterscheidung in Radikalismus und Extremismus entsteht ein falsches Bild, es wird vermittelt, rechte Einstellungen finden sich nur am Rand der Gesellschaft, weil sie immer im Zusammenhang mit dem beschriebenen Extremismusmodell verwendet werden. Um dies aufzulösen und auf den Begriff der Rechtsorientierung zu kommen, ist eine Unterscheidung in rechtsextremes Verhalten und rechtsextreme Denkmuster wichtig.

Rechtsextremes Verhalten kann sich durch die Mitgliedschaft in Parteien oder Organisationen, im Wahlverhalten, dem Tragen von einschlägig bekannten Symbolen und Kleidermarken oder aber auch in Form von Gewalt äußern.[11]

Durch die Trennung in rechtextremes Verhalten und rechtsextreme Einstellungen, muss einer rechtsextremen Einstellung allerdings kein rechtsextremes Verhalten folgen. Es können also in verschiedenen gesellschaftlichen Spektren und Organisationen rechtsextreme Einstellungen vorliegen.

Die Klarheit über den Aufbau rechter Denkstrukturen, stellt ein entscheidendes Element in der antirassistischen Bildungsarbeit dar. Denn nur hieraus können sich Reflexionsprozesse und klare Standpunkte zu Handlungen und Argumenten in der antirassistischen und antifaschistischen Bildungsarbeit ergeben. Da ich, die in dieser Arbeit untersuchten Bildungsansätze als einen Teil dessen betrachte, möchte ich unter anderem Klarheit über rechtsextreme Denkstrukturen und ihrem Kern herstellen.

Um rechtsextreme Einstellungen zu beschreiben, orientiere ich mich an der Definition von Richard Stöss. Allerdings erweitere ich diese noch um den Begriff der Heterophobie, dieses Einstellungsmuster findet in der Definition von Wilhelm Heitmeyer Erwähnung.

Unter dem Blickpunkt der männlichen Sozialisation erscheint mir die Heterophobie als wichtiger Bestandteil einer rechtsextremen Ideologie, da ihr unter anderem ein von Stärke geprägtes, konservatives, männliches Rollenverständnis zu Grunde liegt.

Rechtsextreme Denkmuster haben verschiedene Bestandteile als Grundlage:[12]

1. Fremdenfeindlichkeit – Bei diesem Denkmuster, werden die Eigenschaften der eigenen Volksgruppe besonders hoch bewertet, andere Volksgruppen werden abgewertet, benachteiligt oder ausgegrenzt.

Der Rassismus übersteigert die Eigenschaften der eigenen Volksgruppe, indem eine Abwertung[13] aufgrund biologischer Unterschiede geschieht.

2. Antisemitismus – Bei dieser Einstellung werden Juden und Jüdinnen abgewertet und als Bedrohung angesehen.
3. Pronazismus – In diesem Denksystem werden die Geschehnisse des Nationalsozialismus verharmlost, abgemildert oder verleugnet (wird oft auch als Geschichtsrevisionismus beschrieben).
4. Autoritarismus – Hiermit wird die freiwillige Unterwerfung unter (vermeintlich) Stärkere beschrieben.
5. Wohlstandschauvinismus – In diesem Denkmuster werden Mitgliedern anderer Volksgruppen Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand verwehrt.
6. Nationalismus – Hierbei wird die Stärkung der eigenen Nation zum Handlungsprinzip erklärt, verbunden wird dies mit einer gleichzeitigen Abwertung anderer Nationen.
7. Heterophobie – Dieses Denkmuster, beschreibt die Angst vor und die Abwertung von den als „Norm“ betrachteten Abweichungen. Diese können die sexuelle Orientierung, Kleidung, Lebensstil, Religion und andere sein.[14]

Alle Bestandteile der rechtsextremen Ideologie haben eine homogene Gesellschaft zum Ziel, in der Vielfalt keinen Platz hat, abgewertet, ausgegrenzt und negiert wird.

Die einzelnen Denkmuster können unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Kein Konsens herrscht darüber, welche Einstellungen vorhanden sein müssen, um von einem geschlossen rechtsextremen Weltbild zu sprechen.[15]

Es wird hier der Fokus auf eine Rechtsorientierung gelegt, weil nicht nur Menschen mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild betrachtet werden, sondern gerade vorurteilbelastete Jugendliche. Rechtsorientierung wird als eine Orientierung an einzelnen Bestandteilen der rechtsextremen Ideologie gesehen.

Durch diese Einstellungen wird ein Wertesystem geschaffen, mit Hilfe dessen das tägliche Leben interpretiert und bewertet wird.[16]

Diese Denkmuster gehen jeweils von einer Ungleichwertigkeit der Menschen aus. Im Kern dieses Wertesystems geht es um die Demonstration von Überlegenheit und Macht.[17] Als fremd wahrgenommene Gruppen werden abgewertet, im Kontext dieser Abwertung wird die eigene Gruppe aufgewertet. Durch diese Erhöhung des persönlichen Ansehens wiederum wird der eigenen Gruppe Macht über die als fremd wahrgenommene Gruppe zugeschrieben.

Jugendliche erleben durch diese Ideologie ein Gefühl der Stärke und der Macht. Sie erfahren darüber hinaus Zugehörigkeit zu einer Gruppe und in diesem Zusammenhang soziale Anerkennung.

Im weiteren Verlauf wird untersucht werden, warum Jungen in der heutigen Gesellschaft gerade auf diese Weise soziale Anerkennung und Zugehörigkeit suchen. Es werden Mechanismen aufgezeigt, welche hinter dieser Suche nach Anerkennung stehen.

2.2 Studie zu rechtsextremen Einstellungen

Bevor ich genauer auf die Untersuchung der Ursachen eingehe, werde ich im Folgenden aktuelle gesellschaftliche Tendenzen in Bezug auf eine Rechtsorientierung aufzeigen. Des Weiteren werden diese Tendenzen unter dem Gesichtspunkt der speziellen Auswirkung auf das Geschlecht betrachtet.

Der Rechtsextremismus weist verschiedene Facetten auf, so müssen also auch in Untersuchungen zu rechten Einstellungsmustern in der Gesellschaft verschiedene Einstellungsmuster unersucht werden.

In diesem Kapitel wird eine Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgestellt, welche rechte Einstellungen in Deutschland und ihre Einflussfaktoren untersucht hat. Die Studie wurde von Oliver Decker und Elmar Brähler unter Mitarbeit von Norman Geißler erarbeitet. Der Titel der Studie ist „Vom Rand zur Mitte“. Als Grundlage dient der Rechtsextremismus als mehrdimensionaler Begriff, mit verschiedenen Einstellungsmustern.[18]

Es wurden sechs der oben bereits beschriebenen Dimensionen herausgegriffen und untersucht. Diese sechs waren: Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, Chauvinismus, „Ausländerfeindlichkeit“, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Zu jeder Dimension wurden je drei Fragen gestellt. Die Stufen der Zustimmung bzw. Ablehnung waren durch „lehne voll und ganz ab“, „lehne ab“, „stimme teils zu, stimme teils nicht zu“, „stimme zu“ und „stimme voll und ganz zu“ gegliedert. In der Studie wurden 4872 Menschen aus allen Altersgruppen und Schichten der Gesellschaft befragt.[19]

Als Grundlage für den Fragebogen, entwickelten die Autoren in Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen eine Definition zum Begriff des Rechtsextremismus:

„Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen“[20]

Aus dieser Definition werden ganz klar Übereinstimmungen, zu der in dieser Arbeit gewählten Definition des Rechtsextremismus und der Rechtsorientierung deutlich. Den Kern bilden auch ihr die Vorstellungen der Ungleichwertigkeit von Menschen. Aus diesem Grund kann die vorliegende Studie zu einer Betrachtung des Problems, die männliche Sozialisation als Faktor für rechtorientierte Einstellungen, herangezogen werden.

Für die Analyse der Studie wurden die Zustimmungswerte „stimme überwiegend zu“ und „stimme voll und ganz zu“ zusammen genommen. Diese Werte definieren die rechtsextremen Einstellungen.

Auffällig waren zum Teil sehr hohe Zustimmungswerte in dem Feld „stimme teils zu, teils nicht zu“. Die Autoren fügen dafür die Erklärung der sozialen Erwünschtheit als eine Möglichkeit an. Diese hätte eine Erhöhung der Zustimmungswerte zur Folge.[21]

Ich werde im anschließend einen kurzen Überblick zu den Ergebnissen der gesamten Studie geben, im Folgenden aber ausschließlich auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede eingehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Tabelle stellt „Prozentuale Ergebnisse im Rechtsextremismusfragebogen 2006 [dar] […]. Die Prozent-Angaben sind gerundet, so dass je Zeile eine Abweichung vom Wert 100% auftreten kann.“[22]

Die Auswertung zeigt ganz klar hohe Zustimmungswerte zu den als rechts definierten Aussagen. Die Höhe der Zustimmungswerte geht oftmals bis über 30%, wie zum Beispiel bei der Aussage: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.“ Die Auswertung zeigt deutlich die weite Verbreitung der rechten Einstellungsmuster in der Gesellschaft.

Diese Aussagen beschreiben die Zustimmungswerte beider Geschlechter. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern wird in der folgenden Tabelle dargestellt. Hierfür wurden die Aussagen von Männern und Frauen getrennt betrachtet und analysiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bis auf den Punkt der Ausländerfeindlichkeit treten zwischen Männern und Frauen in allen Bereichen erkennbare und statistisch relevante Unterschiede auf. Somit weisen Männer in fast allen Bereichen der rechtsextremen Ideologie höhere Zustimmungen als Frauen auf.

Männer vertreten also eher Ideologien, welche im Kern eine Vorstellung der Ungleichwertigkeit von Menschen beschreiben.

Im weiteren Verlauf werden die Strukturen zur Entstehung dieses Zusammenhanges untersucht, es soll geklärt werden, warum gerade Männer diesen Ideologien zustimmen.

2.3 Erklärungsansätze zur Entstehung von Rechtsextremismus

Es werden als erstes allgemeine Erklärungsansätze zur Entstehung des Rechtsextremismus beschrieben. Dies geschieht, um die Dimension dieses Phänomens zu verdeutlichen. Im weiteren Verlauf sollen speziell auf das männliche Geschlecht bezogene Erklärungsansätze gefunden werden.

Wie bereits beschrieben, kommt es zu einer rechtsextremistischen Einstellung, also auch zu einer Rechtsorientierung, durch ein komplexes Wertesystem. Dieses Wertesystem baut sich auf einer Vorstellung von der Ungleichwertigkeit der Menschen auf.

Wilhelm Heitmeyer untersuchte rechtsextreme Gewalt im „Internationalen Handbuch der Gewaltforschung“, darüber hinaus stellt er ihre Ursachen in einem komplexen System dar. Er beschreibt „Theorien zum Rechtsextremismus [sind] auf ein politisches Phänomen ausgerichtet, innerhalb dessen die Gewalt nur einen Teilbereich ausmacht.“[23] Sein Erklärungsversuch für rechtsextremistische Gewalt dient also in gleichem Maße als Erklärung für ein rechtes Wertesystem, da es auf ein politisches Phänomen ausgerichtet ist.

Er entwickelt zur Erklärung rechtsextremer Gewalt ein Schema aus fünf unterschiedlichen Komponenten: Sozialisationsaspekte, die Organisation in Gruppen, die politische Legitimation, die Interaktion und Bedingungen zur Eskalation in den jeweiligen Situationen. Diese fünf Punkte fasst er im SOLIE-Schema zusammen.[24] Der Name SOLIE ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben der relevanten Elemente, welche in ihrer Kombination rechte Gewalt entstehen lassen. Er beschreibt die Sozialisation als Grundlage und individuelle Handlungsvoraussetzung für rechte Einstellungsmuster. Auf dieser individuellen Grundlage ergeben sich Handlungsbedingungen, so wird ein rechtes Umfeld durch die Organisation in Gruppen und die politische Legitimation geschaffen. Durch Interaktionen in entscheidenden Situationen entstehen Gelegenheiten zur Gewaltanwendung. Aus diesen Situationen kommt es zu einer Eskalation durch gruppendynamische Prozesse. In diesem Schema treffen die beschriebenen Aspekte zusammen, durch diese Kombination entstehen nach Heitmeyer rechtsextreme Gewalttaten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: SOLIE–Schema:[25]

Das SOLIE–Schema hat als Basis unterschiedliche Theorieansätze, diese Theorien wirken zusammen bzw. bauen aufeinander auf. Die Theorien setzen „unterschiedliche Schwerpunkte [...] [und haben] verschiedene Reichweiten.“[26] Diese Theorien beschreiben jeweils die Zugänge und Auslöser zu rechter Gewalt.

In Grundzügen setzen sich die Theorieansätze aus folgenden Punkten zusammen[27]:

- Sozialpsychologische Ansätze – beschreiben die Auswirkungen und die individuelle Verarbeitung von sozialen Erfahrungen für politische Einstellungen und Verhaltensweisen.
- Sozialisationstheoretische Ansätze – hier wird sich auf die in der Kindheits- und Jugendphase erlernten Einstellungen und Kompetenzen bezogen (wird im weiteren Verlauf der Ausarbeitung genauer beschrieben).
- Subkulturtheoretische Ansätze – hier wird die Rolle der Jugendgruppe als Sozialisationsinstanz genauer beschrieben, hier spielen die Attraktivität der rechten Szene durch gemeinsame Musik und Lifestyle eine große Rolle.
- Kriminologische Theorien – beschreiben Situationen, in denen eine bewusste Abkehr von gesellschaftlichen Normen und Werten erfolgt, um ein Ziel zu erreichen.
- Bewegungstheoretische Konzepte – versuchen Vorgänge bei organisierter Gruppengewalt zu beschreiben.
- Konflikttheoretische Ansätze – beschreiben Vorgänge, bei denen Mehrheiten und Minderheiten aufeinander treffen und daraus Überforderungen entstehen. Aus diesen Überforderungen entwickeln sich fremdenfeindliche Einstellungen.
- Deprivationstheoretische Ansätze – betonen die individuell wahrgenommene oder die tatsächliche Armut und Benachteiligung in der Gesellschaft.
- Politische Kultur-Ansätze – beschreiben Ursachen durch fehlende Partizipationsmöglichkeiten und Vertrauensverluste im demokratischen System.
- Kontinuitätstheoretische Ansätze – thematisieren eine unzureichende gesellschaftliche Aufarbeitung von Faschismus und Nationalismus und eine damit verbundene unzureichende Existenz einer demokratischen Kultur.
- Modernisierungstheoretische Ansätze – hier werden mit gesellschaftlichen Wandlungsprozessen und ihren Auswirkungen verbundene Integrationen und Desintegrationen beschrieben.

Im weiteren Verlauf werden, als ein Aspekt des SOLIE–Schemas, die sozialisationstheoretischen Erklärungsansätze herausgenommen und getrennt betrachtet. Sie stellen die Grundlage für die Entwicklung einer Rechtorientierung und die individuellen Handlungsvoraussetzungen dar, die weiteren Punkte des Modells von Heitmeyer bauen auf die jeweilige Sozialisation auf.

Mir ist bewusst, dass die im SOLIE–Schema dargestellten Faktoren im Zusammenspiel miteinander wirken. Dennoch wird der sozialisationstheoretische Ansatz herausgegriffen betrachtet, um einen speziell auf diesen bezogenen Präventionsansatz zu entwickeln.

Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat gezeigt, dass Männer signifikant höhere Zustimmungswerte zu rechten Denkmustern aufweisen und somit der Faktor „Männlichkeit“ eine wichtige Rolle spielt. Männlichkeit wiederum wird vor allem durch Sozialisationsprozesse hergestellt. Daher gilt es zu erörtern, inwieweit ein Zusammenspiel zwischen der männlichen Sozialisation und Rechtsextremismus existiert und vor allem wie diesem entgegengewirkt werden kann.

Des Weiteren stellen die Sozialisationstheoretischen Ansätze die individuellen Voraussetzung dar, auf sie soll explizit eingegangen werden, um nicht nur das Phänomen der rechtsextremen Gewalt zu untersuchen, sondern auch eine Orientierung an der rechten Ideologie in den Fokus zu nehmen.

Dafür entscheide ich mich, um auf konkrete Probleme effektiv eingehen zu können.

2.4 Zusammenhang zwischen Rechtsextremismus und Männlichkeit im Hinblick auf die Sozialisation

In diesem Abschnitt werden die sozialisationstheoretischen Ansätze genauer beschrieben. Hierfür wird zu Beginn Klarheit über den Begriff der Sozialisation allgemein geschaffen. Im weiteren Verlauf wird der Begriff auf die für die Problemstellung als relevant erachteten Punkte eingegrenzt.

Durch Sozialisationstheorien werden „insbesondere frühzeitig erworbene Dispositionen“[28] erklärt. Mit Sozialisation kann also „die Entstehung individueller Einstellungen zur Übernahme von Ideologien der Ungleichwertigkeit“[29] untersucht werden. Diese Theorien stellen somit die Basis für eine Rechtsorientierung Jugendlicher dar. Um dies genauer zu untersuchen, wird die Sozialisation insbesondere männlicher Jugendlicher genauer betrachtet. Im Vorfeld dieser Untersuchung wird beschrieben, wo und in welcher Weise Sozialisation stattfindet.

2.4.1 Sozialisationstheorie

Mit Sozialisation wird der Prozess beschrieben, „in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt“[30], es geht also um den „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt.“[31]

Klaus Hurrelmann beschreibt mit dieser Definition, die Persönlichkeitsentwicklung als ein „Wechselspiel von [biologischer und persönlicher] Anlage und [die das Individuum umgebende] Umwelt.“[32] Durch dieses Wechselspiel entwickelt sich die individuelle Persönlichkeit mit einem eigenen Wertesystem.

Zur Beschreibung der Sozialisationsvorgänge existieren verschiedene Theorien, diese stellen unterschiedliche Ebenen der beschriebenen Wechselwirkung dar. Die Theorien werden der psychologischen Tradition und der soziologischen Tradition zugeordnet. Aus der Psychologie entstand unter anderem die Lerntheorie.[33]

Ich möchte mich dieser Theorie im Einzelnen zuwenden, da sie mir für die zu bearbeitende Problemstellung am effektivsten erscheint. Außerdem sehe ich für die Soziale Arbeit im Allgemeinen und für die politische Bildungsarbeit im speziellen in dieser Theorie passende Ansatzpunkte. Denn der Lerntheorie liegt die Annahme zu Grunde, „das Verhalten eines Menschen sei durch Impulse fast beliebig beeinflussbar.“[34] Aus diesem Grund werden andere Sozialisationstheorien nicht genauer beschrieben und betrachtet.

Die Persönlichkeit und damit das individuelle Wertesystem des Menschen entwickeln sich aus der Verarbeitung der Einflüsse aus der Umwelt. Diese Einflüsse können auf der sozialen Ebene stattfinden, aber auch auf der materiellen Ebene erfolgen. Lernen stellt in der klassischen Lerntheorie das Reagieren auf bestimmte Reize dar.[35]

[...]


[1] Vgl. Phillipp Wittrock (2007). Von Internetquelle, Online im Internet/URL: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,500884,00.html. Zugriffsdatum: 20.10.2007.

[2] Siehe Begriffsklärung „Rechtsextremismus“ im Kapitel 2.1.

[3] Vgl. Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Abteilung Verfassungsschutz in Berlin (Hg.), (2007). Von Internetquelle, Online im Internet/URL: http://www.berlin.de/imperia/md/content/seninn/verfassungsschutz/stand2005/rechte_gewalt_2003_bis_2006_.pdf. Zugriffsdatum: 21.02.2008.

[4] Siehe zur genaueren Beschreibung im Abschnitt 2.4.4 zur „Männlichen Sozialisation“ in dieser Ausarbeitung.

[5] Vgl. Bundesjugendwerk der AWO (2006). Von Internetquelle, Online im Internet/URL: http://www2.bundesjugendwerk.de/uploads/gender_internet_endversion.pdf. Zugriffsdatum: 09.01.2008.

[6] Vgl. Netzwerk für Demokratie und Courage (2005). Von Internetquelle, Online im Internet/URL: http://netzwerk-courage.de/site/content/blogcategory/22/39/. Zugriffsdatum: 09.01.2008.

[7] Siehe Beschreibung der Jungenarbeit im Kapitel 3.4.3 in dieser Ausarbeitung.

[8] Klaus Schubert/Martina Klein: Das Politiklexikon. Bonn 2006, S. 247 f.

[9] Vgl. Richard Stöss: Rechtsextremismus im vereinten Deutschland 2000, S. 17.

[10] Vgl. Mathias Dell (2007): Von Internetquelle, Online im Internet/URL: http://www.freitag.de/2007/48/07480301.php. Zugriffsdatum: 09.01.2008.

[11] Vgl. Stöss 2000, S. 22.

[12] Vgl. Ebenda, S. 25.

[13] Es kann auch zu einer (jedoch einseitigen) Aufwertung kommen, beispielsweise: „alle Schwarzen können gut tanzen“. Auch hier werden bestimmten Menschengruppen aufgrund eines biologischen Unterschiedes bestimmte Eigenschaften zugeschrieben.

[14] Vgl. Wilhelm Heitmeyer: Rechtsextremistische Gewalt. In: Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wilhelm Heitmeyer/John Hagan (Hg.), Wiesbaden 2002, S. 504.

[15] Vgl. Oliver Decker/Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte. Berlin 2006, S. 13.

[16] Vgl. Heitmeyer 2002, S. 503.

[17] Vgl. Ebenda.

[18] Vgl. Decker/Brähler 2006, S. 20.

[19] Vgl. Ebenda, S. 21.

[20] Ebenda, S. 20.

[21] Vgl. ebenda, S. 34 f.

[22] Ebenda, S. 32.

[23] Heitmeyer 2002, S. 511.

[24] Vgl. ebenda, S. 516.

[25] Vgl. ebenda.

[26] Ebenda, S. 514.

[27] Vgl. ebenda, S. 512.

[28] Heitmeyer 2002, S. 514.

[29] Ebenda, S. 511.

[30] Klaus Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie 2002, S. 15.

[31] Ebenda.

[32] Ebenda, S. 24.

[33] Ebenda S. 48.

[34] Ebenda S. 63.

[35] Vgl. Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Männliche Sozialisation als Faktor für rechtsorientierte Einstellungen? - Möglichkeiten und Wege für präventive Ansätze in der politischen Bildungsarbeit
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
89
Katalognummer
V92447
ISBN (eBook)
9783638061605
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Männliche, Sozialisation, Faktor, Einstellungen, Möglichkeiten, Wege, Ansätze, Bildungsarbeit
Arbeit zitieren
Alexander Brettin (Autor), 2008, Männliche Sozialisation als Faktor für rechtsorientierte Einstellungen? - Möglichkeiten und Wege für präventive Ansätze in der politischen Bildungsarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92447

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