Der soziale Kausalnexus in Lessings "Minna von Barnhelm"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1990

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

GLIEDERUNG

EINLEITUNG

1. DIE ENTWICKLUNG VON WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT BIS ZUM 18. JAHRHUNDERT
1.1. Die ökonomischen Veränderungen
1.2. Entstehung und Merkmale des Absolutismus

2. PREUSSISCHE REALITÄT UND IHRE WIDERSPIEGELUNG IN LESSINGS "MINNA VON BARNHELM"
2.1. Aufgeklärter Absolutismus in Brandenburg - Preußen im 18. Jahrhundert
2.2. Alltag in Berlin 1763
2.3. Die Situation von Frauen im 18. Jahrhundert
2.3.1. Die Bedeutung von Ehe und Liebe
2.3.2. Frauen ohne Ehemänner
2.3.3. Lesende Frauen
2.4. Der Siebenjährige Krieg
2.5. Preussische Disziplin
2.6. Kontribution und Kompaniewirtschaft
2.7. Münzverschlechterung, Deflation und Wirtschaftskrise

3. LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

Diese Arbeit wird anhand einiger ausgewählter Motive die zeitge­nössischen Bezüge herausstellen, die sich aus Lessings "Minna von Barnhelm" quasi ablesen lassen.

Dabei kann im Rahmen dieser Arbeit weder Vollständigkeit er­reicht werden, noch besteht der Anspruch, ein komplettes Zeit­gemälde für die Mitte des 18. Jahrhunderts erstellen zu wollen.

Zum besseren Verständnis und zur Einordnung erschien es aber sinnvoll, in einem ersten Teil kurz die sozio-ökonomischen Ver­änderungen und die politischen Auswirkungen vom 16. Jahrhun­dert bis zum 18. Jahrhundert im Überblick darzustellen.

In dieser Arbeit wird es somit nicht um verschiedene Interpretati­onsansätze einzelner Figuren oder des gesamten Werkes gehen, sondern darum, über die Darstellung verschiedener Einzelheiten und Besonderheiten zu zeigen, daß Lessings "Minna von Barn­helm" eben keineswegs ein Stück nur von Liebe und Ehre ist.

Denn der Versuch, sich lediglich über diese beiden Begriffe dem Stück zu nähern, schließt die Gefahr mit ein, die historisch ent­wickelten Inhalte dieser Begriffe von der Gegenwart auf die Ver­gangenheit zu übertragen.

Dieser Transfer verstellt aber zumeist die Erkenntnis und die Freude über dieses Stück, weil viele Details, Anspielungen, Hin­weise nicht wahrgenommen werden oder nicht verstanden werden können. Aber gerade die Komposition dieser Details sowie die Einbettung der Einzelheiten in ein Zeitgemälde von Preussen 1763 ist Voraussetzung, herauszufinden, warum dieses Stück so erfolgreich war und welchen Stellenwert es für uns haben kann.

1. DIE ENTWICKLUNG VON WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT BIS ZUM 18. JAHRUNDERT

1.1. Die ökonomischen Veränderungen

Eine kurze Darstellung über die ökonomischen Veränderungen, die sich seit dem 15. Jahrhundert in Europa vollziehen, haben wir bei Friedrich Engels gefunden:

"Während die wüsten Kämpfe des herrschenden Feu­daladels das Mittelalter mit ihrem Lärm erfüllten, hatte die stille Arbeit der unterdrückten Klassen in ganz Westeuropa das Feudalsystem untergraben, hatte Zustände geschaffen, in denen für den Feudalherrn immer weniger Platz blieb. (...) Im fünfzehnten Jahr­hundert waren die Städtebürger bereits unentbehrli­cher in der Gesellschaft geworden als der Feudaladel. Zwar war der Ackerbau noch immer die Beschäftigung der großen Masse und damit der Hauptproduktions­zweig. (...) Und dann hatten sich die Bedürfnisse auch des Adels so vermehrt und verändert, daß selbst ihm die Städte unentbehrlich geworden; bezog er doch sein einziges Produktionswerkzeug, seine Panzer und Waf­fen, aus den Städten! Einheimische Tuche, Möbel und Schmucksachen, italienische Seidenzeuge, Brabanter Spitzen, nordische Pelze, arabische Wohlgerüche, levantische Früchte, indische Gewürze - alles, nur die Seife nicht - kaufte er von den Städtern. Ein gewisser Welthandel hatte sich entwickelt. (...) Während der Adel immer überflüssiger und der Entwicklung hinder­licher, wurden so die Städtebürger die Klasse, in der die Fortentwicklung der Produktion und des Verkehrs, der Bildung, der sozialen und politischen Institutionen sich verkörpert fand. Dabei hatte die Bürgerschaft der Städte eine gewaltige Waffe gegen den Feudalismus - das Geld. (...) Das Geld war der große, politische Gleichmachungshobel der Bürgerschaft. Überall wo ein persönliches Verhältnis durch ein Geldverhältnis, eine Naturalleistung durch eine Geldleistung verdrängt wurde, da trat ein bürgerliches Verhältnis an die Stelle eines feudalen."1

Die Ausführungen in diesem Zitat sind auch deshalb für einen Einstieg so geeignet, weil sie Hintergrundinformationen enthalten über den Rahmen für einen Teil der Begriffe, die wir auch in Les­sings Stück finden: Adel, Bürgertum und - Geld.

1.2. Entstehung und Merkmale des Absolutismus

Die Entstehung des Absolutismus in Europa ist zu begreifen als eine Folge der Anhäufung von Kaufmannskapital durch die Ent­wicklung des Fernhandels. Die Eigentümer dieses Handelskapi­tals suchten günstige Bedingungen zur produktiven Verwendung ihres Geldvermögens. Diese Anlagemöglichkeit bestand im Auf­bau eigener Weiterverarbeitungsstätten in Form von sog. Verla­gen oder in der dann schon weiterentwickelteren Manufaktur. Die Standorte dieser Produktionsstätten mußten meist außerhalb der Städte gewählt werden, wo die Beschränkung des Gewerbes über die Kontrolle des alten Zunftwesens den Aufbau neuer Produktionsmethoden verhinderte. Das Land wurde so attraktiv als Produktionsstandort - der Handelskapitalist mußte sich aber mit dem Feudalherren arrangieren.2

Auch wenn den Feudalherren zuerst nur daran lag, weiterhin Landwirtschaft zu betreiben, waren sie auch an weiteren Einnahmequellen interessiert. Deshalb gingen sie auf die neue Entwicklung ein.3 Neben diesen sehr unterschiedlich sich ent­wickelnden Möglichkeiten und Interessen gab es auch Entwick­lungen, die die Herausbildung einer neuen Produktionsweise vorantrieben.

So entwickelte sich für einige Güter ein massenhafter Bedarf, z.B. für Textilien wie z.B. Soldatenröcke und Luxuskleider.

Auf die für die neue Produktionsweise notwendige große Zahl der Arbeitskräfte konnte vor allem auf dem Land zurückgegriffen werden, wo die Existenzgrundlage der Bauern durch Kriege, Ver­wüstungen immer stärker eingeschränkt wurde. Auf dem Land gab es zumeist auch die für die Ansiedlung von größeren Betrie­ben notwendigen Energiequellen wie Wind und Wasser.4 Klaus Brake führt dazu aus:

"Die wesentlichen politischen Veränderungen, zu denen es im ausgehenden Mittelalter kam, bestanden deshalb auch darin, daß sich eine neue Herrschafts­form, nämlich die des Absolutismus herausbildete: die feudalen Verhältnisse wurden vom Land sozusagen auf das gesamte Staatswesen übertragen; die Souveränität lag nun ausschließlich - d.h. absolut - und persönlich beim Landesherren; er zentralisierte die Erfüllung der neuen Aufgaben, die diesen Staat konstituieren, bei sich."5

Der Absolutismus ist damit die Staatsform, die die neuen Aufga­ben der Stärkung des Adels durch die Unterstützung der sich neu entwickelnden Produktionsweise am besten garantieren konnte. Der Absolutismus hat sich bis zum 17. und 18. Jahrhundert als das vorherrschende Regierungssystem im kontinentalen Europa her­ausgebildet.6 Absolutismus heißt, daß eine nationale Wirtschafts­politik entwickelt wurde, die als Merkantilismus bezeichnet wurde und folgende Merkmale hatte:

Es wurde eine aktive Außenhandelspolitik entwickelt, wobei eine rigide Zollpolitik die Produkte des eigenen Marktes schützen und die Einnahmequellen des Staates steigern sollte.

Im Zusammenhang damit steht die Entwicklung von nationalen Haushalten und der Einführung von Steuern in der Form der Wa­rensteuer auf Märkten und der Einkommenssteuer.

Der Ausbau des Manufaktur- und Verlagswesens wurde voran­getrieben durch einschränkende Maßnahmen gegen die Zunft­ordnungen in den Städten, sowie durch besondere Privilegienver- gabe, die Förderung von Gewerbe und Technik und der Politik der Ansiedlung von Handwerkern in bestimmten Regionen. Wesentlich ist auch das systematische Ausbauen der Infrastruktur der Länder durch Straßenbau, Gewinnung neuen Ackerlandes oder Ausbau der Verkehrswege für die Binnenschifffahrt.

2. PREUSSISCHE REALITÄT UND IHRE WIDER­SPIEGELUNG IN LESSINGS "MINNA VON BARNHELM"

2.1. Aufgeklärter Absolutismus in

Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert "Grundlegend für das neue Verhältnis zwischen Staatsoberhaupt und Untertanen wurde im Aufgeklär­ten Absolutismus die Lehre vom Gesellschaftsvertrag: Die Menschen hätten sich freiwillig zu Völkern zu­sammengetan und sich dann einem Herrscher und Sachwalter unterworfen, um in friedlichem und gerech­tem Zusammenleben die Aufgaben der Gemeinschaft besser bewältigen zu können."7

Es gab dabei aber nicht den naiven Glauben, daß dieser Vertrag mal irgendwann wirklich geschlossen worden war, sondern diese Lehre diente vor allem dazu, die Herrschaft eines Königs neu zu rechtfertigen: Der König war nicht mehr der Abgesandte Gottes auf Erden, sondern vom Volk gewollter erster Diener des Staates. Friedrich II. formulierte dies selbst so:

"Die erste Bürgerpflicht ist, seinem Vaterlande zu die­nen. Ich habe sie in allen verschiedenen Lagen meines Lebens zu erfüllen gesucht. Als Träger der höchsten Staatsgewalt hatte ich die Gelegenheit und die Mittel, mich meinen Mitbürgern nützlich zu erweisen."8

Die Rechtfertigung des Wortes "aufgeklärt" für den Absolutismus ergibt sich im wesentlichen aus den Absichtserklärungen von Friedrich II. und den Reformen, die er zu Beginn seiner Herr­schaft auf einigen gesellschaftlichen Gebieten initiiert hat.

Zu erwähnen ist die Reorganisation der Akademie der Wissen­schaften in Berlin. Veranlaßt wurde auch eine - allerdings nur kurzfristige Aufhe­bung der Zensur für den unpolitischen Teil der Berliner Zeitung. Bekannt geworden ist Friedrich II. vor allem wegen seiner Tole­ranz in religiöser Hinsicht:

"Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der anderen abrug Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden."9

Nicht so bekannt, aber für den Alltag der Menschen bedeutsam war der Ansatz zu einer Reform des Strafrechts mit der allgemei­nen Abschaffung der Tortur und der Abschaffung des Säckens bei Kindestötung.

Kennzeichnend für den Staat Friedrichs II. sind aber eher der Ausbau der Verwaltungsstruktur, der Ausbau der Armee und die strikte Polizeiordnung. Auch die Erlasse für die Ausbildung und Schulung von Beamten und die für die Kirchen, die Schulen und das Gewerbe können zwar als positiv für den Ausbau des moder­nen Staates gesehen werden.10

Aber zutreffend ist auch die Meinung von Joachim Dyck, daß "dieses militärische Preußen den deutschen autoritären Charakter geprägt hat; wie sehr angstvolle Gehor- samslust, verantwortungssscheue Denunziation und gedankenlose Prinzipienreiterei in den sozialen Körper hineingetrieben werden, bis sie darin völlig heimisch und als Deformation gar nicht mehr zu erkennen wa­ren Denn trotz einiger Fortschritte in Wirtschaft und Kultur blieben die bürgerlichen Kräfte immer noch auf die feudalen Herrscher angewiesen: Die feudale Herrschaft bot Schutz vor der ausländi­schen Konkurrenz - aber sie versagte auch den Zutritt zu Verwal­tung oder Wissenschaft.

"Die um eine Anpassung an weiter fortgeschrittene Staaten bemühten Herrscher in solchen Ländern, die den Entwicklungsstand aufholen wollten und zu die­sem Zwecke Reformen einleiteten, brauchten also nicht zu fürchten, von den eigenen bourgeoisen Kräf­ten überrundet zu werden. Nur in rückständigen Län­dern kam es daher zum aufgeklärten Absolutismus."11 12

Diese Einschätzung, daß nämlich der Reformwille eines Monar­chen des aufgeklärten Absolutismus nicht sehr weitgehend war, hatte Lessing ebenfalls:

"Sonst sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; las­sen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat: lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen die Aussaugung und Despo­tismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie wer­den bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist."13

In der Komödie Minna von Bamhelm verarbeitet Lessing diese Kritik ansatzweise mit der Frage Teilheims:

"Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne auf?"14

2.2. Alltag in Berlin 1763

Das Leben in Berlin im Sommer 1763 ist nicht sehr komfortabel.

Der Siebenjährige Krieg ist zwar vorbei. Aber das Leben der Be­völkerung in der Hauptstadt - aber auch in den weiteren Ländern - ist immer noch geprägt von Preissteigerungen, Hunger, dem An­stehen nach Brot.15

"Eine Berechnung über die Lebenshaltungskosten ei­ner Arbeiterfamilie mit zwei Kindern in Berlin ergab, daß im Jahre 1750 wöchentlich 1 Reichstaler und 18 Groschen ausreichten, um das Existenzminimum zu si­chern, 1763 aber 4 Reichstaler. 21 Groschen und 10 Pfennige erforderlich waren."16

Obwohl schon Frieden ist, prägt das Militär in Berlin die Ge­räuschkulisse:

"Wer kann in den verzweifelten großen Städten schlafen? Die Karossen, die Nachtwächter, die Trommeln, die Kat­zen, die Korporals - das hört nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger gut wäre, als zur Ruhe, f.../'17

Auch die Gasthöfe sind gezeichnet vom Krieg: In ihnen lungern verabschiedete Soldaten und Offiziere herum.

"(...) Aber so lebten die Herren, während des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben würde; als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein würde. Jetzt liegen alle Wirtshäuser und Gasthöfe von ihnen voll. (...) "18 19

Berlins 20 000 Soldaten und die sicher ebensovielen verabschiede­ten sehen heruntergekommen aus, laufen in schäbigen, verschlis­senen Uniformen herum, verdienen sich ihr Geld als Handwerker, im Transportgewerbe oder als kleine Händler.

Die ärmliche Situation von Soldaten spricht auch Minna an, als sie zu Franziska sagt:

"(...) (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld) Das liebe Franziska, stecke bei Seite; für den ersten blessierten armen Soldaten, der uns anspricht.-"™

Und ebenso realistisch über das Verhältnis der absolutistischen Herrscher zu ihrem Werkzeug Armee ist Tellheims Bemerkung:

"Es ist gekommen, wie es kommen müssen. Die Großen haben sich überzeugt, daß ein Soldat aus Neigung für sie ganz wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, aber alles seiner Ehre wegen tut. Was können sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand unentbehrlich. "20

Eine Garnisonsstadt wie Berlin hat auch schon im 18. Jahrhundert seinen Bahnhof Zoo. So und nicht anders ist die Warnung von Werner an Franziska zu verstehen - nämlich vor der Gefahr der Zuhälterei durch den Wirt:21

"(...) - Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe, Sie ist hübsch, und ist wohl gar fremd - Und hübsche fremde Leute müssen gewamet werden - Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm sie sich vordem Manne in Acht! (Auf den Wirt zeigend)."22

Und die Gasthöfe sind nicht einmal in der Lage, adligen Gästen angemessene Betten zur Verfügung zu stellen, wie Franziska sagt "Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt; aber die Bet­ten hätten besser sein können. "23

Die Betten aber sind das geringste Problem in der Nachkriegszeit. 180 000 Soldaten der preußischen Armee und eine halbe Million Menschen insgesamt in Preußen sind in den sieben Jahren getötet worden.

Ebenso wie in Sachsen ist auch in Preußen der Krieg noch immer allgegenwärtig. "Preußen war ebenso verwüstet wie Sachsen, und es war schwierig, selbst gegen gutes Geld genügend wohl­schmeckendes Essen und angemessene Unterkunft zu finden. Denn das Land war ausgepumpt, Hunger, Seu­chen und Gram hatte viele Einwohner hinweggerafft, andere wanderten aus."24

Witwen und Waisen, Invalide und Bettelnde prägen das Stadtbild von Berlin.

Zwar war dies eine Situation, die es im ganzen 18. Jahrhundert immer wieder gab. Doch nach den Kriegen war es besonders schwerwiegend:

"(...) Vertriebene Bauern, abgedankte Soldaten, Seuchenkranke, Brandgeschädigte, Frauen, Kinder und Greise flehten um Almosen. An einem Tage kamen manchmal dreißig bis vierizg und mehr Bettler durch ein Dorf, in den Städten traten sie oft in Scharen auf. Auch in Berlin hatte das Elend, besonders wegen der schlecht bezahlten Arbeiter in den Textilmanufakturen, ständig zugenommen und seit 1761 wurden etwa 30 000 Einwohner durch öffentliche Almosen unterhalten, wobei typisch ist, daß der Anteil der ‘abgedankten Soldaten, Ivaliden, Soldatenfrauen und Kinder sehr groß war‘.(...)"25

2.3. Die Situation von Frauen im 18. Jahrhundert

Obwohl das Stück von Lessing nach einer Frau benannt wurde, ist die Forschungslage zu der Frage, ob das Verhalten von Minna für die Frauen ihrer Zeit charakteristisch, typisch, überzeichnet oder vielleicht sogar realistisch ist spärlich bearbeitet und damit ty­pisch. Denn: Männer schreiben über Männer. Obwohl hier nicht die Debatte um eine feministische Literaturwissenschaft geführt werden soll, bleibt folgendes festzuhalten:

"Eine weitere (...) Voraussetzung ist die These, daß eine ökonomische und politische Definition von Ge­sellschaft nicht zureichend ist, daß sie ergänzt werden muß durch eine Aussage darüber, was für Beziehungen zwischen den Geschlechtern bestehen. Das Stichwort ist Patriarchat und patriarchalische Strukturen. Auch hier kann es nicht darum gehen, die umfängliche und weitverzweigte Patriarchatsdebatte aufzurollen, son­dern nur darum, den Herrschaftszusammenhang deut­lich zu machen, in dem literarische Werke entstehen und in dem sie gewollt oder ungewollt eine Funktion übernehmen."26

Dieser Abschnitt soll versuchen, im Ansatz darüber Klarheit zu gewinnen, welche Aspekte der Situation von Frauen zu Lessings Zeiten in seiner Komödie "Minna von Barnhelm" verarbeitet wur­den und überprüfen, inwiefern die Einschätzung stimmt, das Les­sing zu den frauenfreundlichen Aufklärungsdichtern gehört, die die gleiche Stellung und gleiche Bildung für Frauen forderten.27

[...]


1 Engels, F.: Über den Verfall des Feudalismus und Aufkommen der Bourgeoisie, in: Marx, Karl / Engels, Friedrich: Werke, Bd. 21, Berlin 1962, S. 392 ff.

2 Vgl. Brake, K.: Zum Verhältnis von Stadt und Land, Köln 1980, S. 37 ff.

3 Vgl. Brake, a.a.O., S. 70.

4 Vgl. Brake, a.a.O., S. 64.

5 Brake, K.: Zum Verhältnis von Stadt und Land, Köln 1980, S. 70.

6 Vgl. Barner, W.: Lessing: Epoche - Werk - Wirkung, 5. neubearb. Aufl., München 1987, S. 38.

7 Barner, W.: Lessing: Epoche - Werk- Wirkung, 5. neubearb. Aufl., München 1987, S. 44.

8 Lautemann, W./ Schlenke, M. (Hg.): Geschichte in Quellen, Bd. III, München 1966, S. 605.

9 ebd., a.a.O., S. 351.

10 Vgl. Barner, a.a.O., S. 43.

11 Dyck, J.: Minna von Bamhelm oder: Die Kosten des Glücks, Berlin 1981, S. 7.

12 Mittenzwei, I.: Brandenburg - Preußen 1648 bis 1789, Köln 1987, S. 282.

13 Lessing am 25.8.1769 in einem Brief an Nicolai; zitiert nach Barner, W.: Lessing: Epoche - Werk- Wirkung, 5. neubearb. Aufl., München 1987, S. 45.

14 Lessing, G.E.: Minna von Bamhelm, oder das Soldatenglück. Stuttgart 1977, V, 6, S. 89.

15 Vgl. Mittenzwei, I.: Die Vorbereitung der bürgerlichen Umwälzung (1763 -1789). In: Bartel, Horst (Ltg.): Deutsche Geschichte, Band 3: Die Epoche der Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus, Köln 1983, S. 460 ff.

16 Vgl. Mittenzwei, a.a.O, S. 461.

17 Lessing, a.a.O., II, 1, S. 22.

18 Lessing, a.a.O., II, 1, S. 29.

19 Lessing, a.a.O., II, 3, S. 32.

20 Lessing, a.a.O., IV, 6, S. 74.

21 Vgl. Dyck, J.: Minna von Bamhelm oder: Die Kosten des Glücks, Berlin 1981, S. 22.

22 Lessing, a.a.O., III, 4, S. 46.

23 Lessing, a.a.O., II, 2, S. 25.

24 Dyck, a.a.O., S. 14.

25 Dyck, J.: Minna von Bamhelm oder: Die Kosten des Glücks, Berlin 1981, S. 97.

26 Stephan, Inge: "Bilder und immer wieder Bilder ... - Überlegungen zur Untersuchung von Frau- enbildem in männlicher Literatur. In: Die verborgene Frau, 2. Aufl. Berlin 1985, S. 17.

27 Vgl. Moltmann-Wendel, E.: Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit, 2. Aufl. München 1978, S. 33 ff.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der soziale Kausalnexus in Lessings "Minna von Barnhelm"
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1
Autor
Jahr
1990
Seiten
24
Katalognummer
V924592
ISBN (eBook)
9783346247803
ISBN (Buch)
9783346247810
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kausalnexus, lessings, minna, barnhelm
Arbeit zitieren
Hans-Joachim Olczyk (Autor), 1990, Der soziale Kausalnexus in Lessings "Minna von Barnhelm", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924592

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