Ein Patrizierhaus anno 1525. Herkunft der Ratsherren-Familie Kumpf und ihre Besitzungen im 15. und 16. Jahrhundert in Rothenburg ob der Tauber


Forschungsarbeit, 2020

23 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Herkunft der Ratsherren-Familie aus der Reichsstadt Windsheim

2 Erste Erwähnung des Geschlechts in der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber im Jahr 1396

3 Der Bürgermeister Ehrenfried Kumpf

4 Die Rolle des Altbürgermeisters und seiner Brüder im Bauernkrieg 1525
4.1 Exkurs: Der Bauernkrieg als fehlgeschlagene demokratische Revolution
4.2 Eine historische Neubewertung?

5 Wo befand sich das Wohnhaus des Ehrenfried Kumpf?

6 Zimmeraufteilung und Inventar des Patrizierhauses

7 Rothenburg, Herrngasse 16 oder 20?

8 Bilddokumentation des Patrizierhauses

9 Endnoten

10 Literaturverzeichnis

1 Herkunft der Ratsherren-Familie aus der Reichsstadt Windsheim

Bei der Familie Kumpf handelt es sich um ein altes fränkisches Patriziergeschlecht in den im 13. Jahrhundert entstehenden Reichsstädten Windsheim und Rothenburg ob der Tauber.

Die erste urkundliche Erwähnung dieser bürgerlichen Familie reicht bis in das Jahr 1284 zurück[i]und damit tiefer in die Vergangenheit als die so mancher Adelsgeschlechter.

Schon seit Ende des 13. Jahrhunderts standen die Kumpfs in Ergersheim und Windsheim u.a. als Pächter der Kleinwindsheimer Mühle in Kontakt mit dem Zisterzienserkloster Heilsbronn1 und waren damit von gräflich-fürstlichen, aber auch bischöflichen Einflüssen Würzburgs und Bambergs, auch Eichstätts geschützt. Diese Verbindung war wichtig für ihren Aufstieg.2 3 Sie bauten sich aus der Landwirtschaft heraus ein wachsendes Vermögen auf, das aus Einnahmen umliegender landwirtschaftlicher Güter und der Nutzung der ersten bäuerlichen Technik effektiver Weiterverarbeitung der Feldfrüchte, nämlich der Mühlenwirtschaft, bestand.

Zum landwirtschaftlichen und agrarorganisatorischen Arbeitsfeld trat von Anfang an im Rahmen der bürgerlichen Möglichkeiten des Spätmittelalters der Einsatz für das Gemeinwohl. Nach Erhebung Windsheims zur Reichsstadt finden wir die Familie gleich an vorderer Stelle, nämlich im Rat und Bürgermeisteramt. Diejenigen, die Einfluss in ihrem Umfeld hatten und mit der ihnen zugewachsenen Verantwortung geschickt und gemeinwohlorientiert umgingen, gelangten auch ohne Privilegien, wie Burg, Ritterrüstung oder Ministerialität im Umfeld eines Fürsten, in gesellschaftlich führende Rollen der damals entstehenden Städte.

Im Jahr 1284 ist Cunradus dictus Kumpf mit seiner Ehefrau Gertrud in Windsheim belegt, am 1. Mai 1307 wird er Bürgermeister Windsheims.4 Über seinen Sohn Chonrad Kumpf und dessen Ehefrau Gotlind, er war 1348 bis 1365 Ratsherr und Bürgermeister, kommt man zum bedeutendsten Vertreter der Familie, dem reichsten Bürger Windsheims, Ratsherrn und Bürgermeister Peter Kumpf. Er stiftete u. a. im Jahr 1400 die Seekapelle (auch Kapelle „ Maria im See “)5, die neben ihrer religiösen Funktion auch als Familiengrablege genutzt wurde und gut erhalten ist. Die evangelische Kirchengemeinde feiert bis heute, 620 Jahre später, dort Gottesdienste, z. B. den konfessionsübergreifenden Taizé-Gottesdienst. Besagter Peter Kumpf hatte Beziehungen zu Rothenburg (1396 als Bürger genannt)6 und Nürnberg, der größten der fränkischen Reichsstädte (hier erwarb er 1399 das Bürgerrecht). Im selben Jahr trat er in Nürnberg nach einer Spende von 4000 Gulden (!)7 als Konventuale in das Kartäuserkloster ein und wurde ein Jahr später Genannter (Vertrauensmann des Stadtrats).8 Bis zu seinem Tod im Jahr 14249 lebte er als Kartäusermönch in Nürnberg, wo seine Schwester Margarethe Kumpf in das Patriziergeschlecht der Behaim eingeheiratet hatte.10 Die genauere Beschäftigung mit dem Windsheimer Zweig der Familie bedarf eines weiteren Aufsatzes.

2 Erste Erwähnung des Geschlechts in der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber im Jahr 1396

Bereits von 1396 bis 1398 wird Peter Kumpf von Windsheim Bürger von Rothenburg. Seit dem 14. Mai 1401 ist ein Hans Kumpff11 in der nur 21 km von der Reichsstadt Windsheim entfernten Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber nachgewiesen, der 1407 in den Bürgeraufnahmen der Stadt verzeichnet ist: „Er gab 4 Gulden, 9 Pfund, 20 Schilling“ als Steuer. Er ließ sich sein neu erworbenes Bürgerrecht also einiges kosten. Bereits 1407 bis 1410 ist er im Rat der Stadt genannt.12

In der nächsten Generation ist ein Conrad Kumpf verzeichnet, der 1425 bis 1427 im Äußeren Rat Rothenburgs saß. Sicher ist, dass die Familie mit Johann Kumpf dem Älteren (†1484) noch stärker in Rothenburg Fuß fasst.13 Aus dem Ratswahlbuch gehen die verschiedenen öffentlichen Funktionen des „ alten Hans Kumpf “ deutlich hervor: ab 1460 Äußerer Baumeister und Seemeister, ab 1465 dann Innerer Rat und 1471 Innerer Baumeister. Das letztgenannte Amt hatte er bis zu seinem Ableben inne.14

Hans Kumpf d. Ä. war mit Margarethe von Stetten verheiratet und hatte fünf Kinder. Margarethe war vor 1411 verwitwet, sie ist eine geborene Wernitzer. Zuvor war sie mit Peter von Stetten verheiratet, vermutlich dem Richter aus der Reichsstadt Hall.

Auch mit der Familie Wernitzer, über seine Ehefrau Barbara, verbunden war schon im 14. Jahrhundert der große Rothenburger Bürgermeister Heinrich Toppler, der sein Geburts- und Wohnhaus in der Oberen Schmiedgasse 5, nahe am Marktplatz hatte. Es ist der heute noch erhaltene Gasthof Goldener Greifen. Toppler-Häuschen und Toppler-Festspiele in Rothenburg erinnern an ihn.

Doch zurück zu Hans Kumpf d. Ä. Frühere Forscher vermuteten, dass er in das Haus der Witwe Margarethe von Stetten eingeheiratet habe.15 Das lässt sich im Stadtarchiv aber nicht finden. Ich vermute eher, dass er sich, aufgrund seiner baumeisterlichen Tätigkeiten, in der Herrngasse (ehemals Viehmarkt) ein Haus gebaut oder ein älteres umgebaut hat. Auf jeden Fall wird er im Jahr 1454 noch nicht, aber 1468 das erste Mal als Angrenzer urkundlich genannt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 : Blick nach Westen in die Herrngasse Rothenburgs. Links die Franziskanerkirche, rechts das Haus Kumpf (rosa). Foto: G.H. Kumpf

Über die Herrngasse schrieb Weissbecker 1882: „ Die nach Westen gehende breite Straße ist die Herrngasse, in früherer Zeit Viehmarkt geheißen; sie dient auch heutigen Tages noch zu demselben Zwecke. Beiderseits eine Reihe stolzer Patrizierhäuser, mit ihren Giebeln meistens der Straße zugewendet, bildet sie einen zutreffenden Hintergrund für die Herrschaft der rathsfähigen Familien Altrothenburgs!16

Hans Kumpf der Ältere ließ sich also in der Herrngasse nieder. Sein ältester Sohn war Johann Kumpf der Jüngere (†1507), der das öffentliche Engagement seines Vaters weiterführte. Er begann 1487 im Äußeren Rat zu wirken und ab 1491 als Äußerer Richter. Dann stieg er in den Inneren Rat auf (1493-1503, mit kurzen Unterbrechungen), war Innerer Steurer und schließlich zweimal „Consul regens“, die mittellateinische Bezeichnung für Bürgermeister, und zwar in den Jahren 1496 und 1504. Hierfür ist es nützlich zu wissen, dass der Innere Rat der Stadt Rothenburg damals nur mit Patrizierfamilien oder „Ehrbaren Geschlechtern“ besetzt war und dass jeweils einer dieser Ehrbaren für ein Jahr das Bürgermeisteramt übernahm; quasi ein rollierendes System, in dem die Verantwortlichen sich gegenseitig kontrollierten. Durch die rasche Rotation von einem Jahr kam es vielleicht seltener zu Machtverfestigungen als heute.

Weitere ehrenamtliche Tätigkeiten sind im Ratswahlbuch genannt, wie Vormundschafts-Verhörer, Reisen zu Amtsleuten in Kirchberg an der Jagst oder in die Landwehr der Reichsstadt. Seine „Hausfrau“ war Dorothea von Elps17 aus Rothenburg, also auch hier wieder eine Eheschließung zwischen Patrizier und Adel, wie schon in der Generation zuvor. Genannt sind fünf Kinder: Hans, Ehrenfried, Hieronymus, Georg und Barbara. Wahrscheinlich noch zwei weitere Töchter Margarethe und Magdalena, als Nonnen im Rothenburger Dominikanerinnenkloster.

3 Der Bürgermeister Ehrenfried Kumpf

Der zweitälteste Sohn Ehrenfried Kumpf (†Dezember 1529 in Kitzingen) und seine Ehefrau Gertraud hatten das väterlich-großväterliche Haus in der Herrengasse übernommen, da der älteste Sohn Hans, nach Studium in Leipzig, Vikar an der Stadt- oder Jakobskirche war und dort den Altar Sankt Nicolai verwaltete.

Das Ratswahlbuch berichtet, dass Ehrenfried das öffentliche Engagement seines Vaters noch einmal übertraf: Er war seit 1509 im Äußeren Rat und 1513 Äußerer Richter, trat dann ab 1514 in den Inneren Rat ein (1514-1525, mit kurzen Unterbrechungen). Wie sein Vater war er zweimal Consul regens oder Bürgermeister, nämlich 1518 und 1523. Deshalb wurde er während des Bauernkrieges, der zwei Jahre später ausbrach, als „Altbürgermeister“ tituliert.

Außerdem war er Rechenmeister in der Viehwaage, Vormundschafts-Verhörer und reiste 1515-1524 zu Amtsleuten nach Kirchberg an der Jagst, das damals in einer gewissen Beziehung zu Rothenburg stand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Blick vom Rathausturm Rothenburgs in die Herrngasse. Links hinten liegt die Franziskanerkirche. Foto: G.H. Kumpf

Sein Engagement im karitativ-kirchlichen Bereich war außerordentlich hoch: Spitalpfleger seit 1516, Pfleger der Wolfgangskapelle am Klingentor18, die für die Schäfer der Landhege da war (1517-1525, mit einer Unterbrechung).

Außerdem war er als Pfleger der beiden großen Kirchen Rothenburgs bestellt, die beide von seinem Haus in der Herrngasse aus rasch zu erreichen waren: Pfleger im gegenüberliegenden Franzis-kanerkloster (1519-1525) und in der Stadtpfarrkirche St. Jakob (1520-1525, mit kurzer Unterbrechung).19 Pfleger verwalteten das Kircheneigentum, hatten die Rechnungsführung und sahen als Bindeglieder zwischen Rat und Priestern nach dem Rechten. Das Kirchenpflegeramt wurde von zwei oder drei Beauftragten, die jährlich neu gewählt wurden, ausgeübt.

Bei dieser erstaunlichen Zahl an ehrenamtlichen Tätigkeiten in weltlicher und kirchlicher Gemeinde, mit jahre-, teils jahrzehntelanger Wiederwahl, die ein hohes Vertrauen der Bürger und Institutionen ausdrückt, fragt man sich, wo denn da noch Zeit für die eigenen Geschäfte („Beruf“ der Ehrbaren) und Familie blieben?

Seine Familiensituation dagegen ist nur spärlich überliefert. Im Jahr 1525 ist von zwei jugendlichen Töchtern, die ältere wohl Dorothea, und zwei Kinderbettlein im elterlichen Schlafzimmer, möglicherweise Söhne, die Rede. Auch äußerte sich Ehrenfried im selben Jahr, dass seine Frau schwanger sei. Eine weitere Tochter dürfte Margarethe Kumpff gewesen sein, die um 1535 den Rothenburger Senator Thomas Schmid20 ehelichte. Das Paar hatte die Kinder Ehrenfried, Margareth und Ursula. So wurde der (seltene) Vorname des Großvaters im Enkel Ehrenfried Schmid geehrt. (Die interessante Frage nach dem oder den Wappen der Patrizierfamilie Kumpf sprengt hier den thematischen Rahmen.)

4 Die Rolle des Altbürgermeisters und seiner Brüder im Bauernkrieg 1525

Die Brüder Hans, Ehrenfried und Georg Kumpf wurden auf unglückliche Weise in die Wirren des Bauernkriegs von 1525 hineingerissen. Einfach gesagt: Sie nahmen Partei für die religiösen Reformbestrebungen und die sozialen Forderungen der Bauern.21

Ich vermag in der Kürze nicht diese teils sehr komplizierten Abläufe darzulegen. Ein paar Worte nur zum Bauernkrieg: Trotz der Spur der Gewalt, die die Züge der Bauernhaufen begleitete, sollte der ursprünglich gute, sozial- und kirchenreformatorische Gedanke der „ evangelischen Bewegung22 nicht vergessen werden. In den Anfängen war Gesprächsbereitschaft auf Seiten der Obrigkeit da. Bischof Conrad von Würzburg hatte eine „gleichberechtigte Kooperation der Fürsten gegen die Bauern“ angeregt, die aber nicht zustande kam.23 In Ohrenbach und Brettheim in der Rothenburger Landhege hatten die Unruhen begonnen und wurden in die Stadt hineingetragen. Der Rat der Stadt diskutierte heftig und stellte sich letztlich auf die Seite der Bauernschaft. Mit Rothenburger Kanonen im Tross und Verhandlungspositionen in der Tasche zogen die nur widerstrebend vom Rat Bestimmten nach Heidingsfeld ins Bauernlager vor Würzburg: Ehrenfried Kumpf, begleitet von seinem jüngeren Bruder Georg, und Jörg Spelt.24Der Rothenburger Altbürgermeister Ehrenfried Kumpf wurde zum Schultheiß der Bischofsstadt gewählt und erinnerte die Würzburger an die Kämpfe ihrer Vorfahren um die Reichsfreiheit.“25

Nach der militärischen Wende in der Schlacht bei Königshofen am 2. Juni 1515 versuchte die Stadt vor dem „Bluthund“ Markgraf Casimir von Ansbach, der mit seinen Landsknechten brutal agierte, zu retten, was zu retten ist. Es gab eine Denunziationsliste, beim Stadtschreiber Thomas Zweifel veröffentlicht.26 Am 30. Juni und 1. Juli 1525 wurden von Kasimirs Schergen 25 Rothenburger Bürger „ wegen ihrer Teilnahme am Aufstand enthauptet “.27 Dabei war auch der Priester Hans Kumpf, den man krank auf einer Bahre zum blutigen Geschehen auf den Marktplatz trug.

Ehrenfried Kumpf war es, wie zuvor dem Prediger Karlstadt, gelungen, aus der Stadt zu flüchten, dies war am 16. Juni 1525. Er hätte sonst das gleiche Schicksal wie sein Bruder Hans erdulden müssen. Über verschiedene Umwege floh er mit seinem Bruder Georg zu Verwandten nach Kitzingen.

Kurz danach, am 27. Juli 1525, wurde sein Haus Am Viehmarkt (heute Herrengasse) in Anwesenheit seiner Ehefrau Gertraud von der Stadt inventarisiert und wohl auch beschlagnahmt. Zwei Jahre später „ im März 1527 verurteilte der Rat alle flüchtigen Rebellen. Kumpf wurde auf ewig der Stadt verwiesen und zur Zahlung eines existenzzerstörenden Bußgeldes von 400 Gulden verurteilt.“28 Das war damals der Wert eines stattlichen Hauses! Auch Georg Kumpf wurde verurteilt und musste 100 Gulden zahlen, die Strafe wurde später auf 50 Gulden herabgesetzt. Schließlich starb Ehrenfried Kumpf im Dezember 1529 fern von seiner Familie in Kitzingen.

4.1 Exkurs: Der Bauernkrieg als fehlgeschlagene demokratische Revolution

Der Autor vertritt die historische These, dass der deutsche Bauernkrieg 1525 ein Versuch der Bauernschaft war, sich gegen übergriffiges Verhalten des Adels zur Wehr zu setzen und das Hochschrauben der Abgaben und Dienste zurückzudrängen. Die vorausschauenden Köpfe versuchten eine frühe Form der Mitbestimmung im Sinne eines demokratischen Elements in der Ständeordnung einzurichten. Dies wurde militärisch von Seiten des Adels abgewürgt.

Die Bauernschaft und einige Priester und Adlige, die sich auf ihre Seite stellten, wollten die Gesellschaft reformieren. Die „12 Artikel“ forderten religiöse Mitbestimmung und Minderung der feudalen Abgabelasten. Man darf nicht vergessen, dass die Gesellschaft des Mittelalters zu 90 % aus Bauern bestand, die damals keine Rechte hatten bzw. deren überkommene Freiheiten vom Adel immer weiter zurückgedrängt worden waren. So war der Bauernkrieg der erste Versuch, eine frühe demokratische Gesellschaft zu formen. Da die „evangelische Bewegung“ jedoch massiv in Gewalt ausartete, musste sie scheitern.

Aber die Hoffnung auf Beendigung ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse blieb im Bewusstsein der Menschen auch über die Jahrhunderte erhalten. Im Dreißigjährigen Krieg kam es für Bürger und Bauern zu einem Rückschlag, der zum fürstlichen Absolutismus führte.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts konnten sich demokratische Gedanken durchsetzen: 1776 in den USA, ab 1789 in Frankreich; in Deutschland erst im 19. Jahrhundert: Hambacher Fest 1832, Märzrevolution 1848/49. Nach aristokratischen Gegenbewegungen kam es 1919 zur Gründung der ersten deutschen Demokratie in Weimar. Dauerhaft konnte sich die Demokratie aber erst 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland durchsetzen: Verabschiedung des Grundgesetzes mit den Menschenrechten. Heute bauen wir gemeinsam mit unseren Nachbarn an Europa und damit an unserer Zukunft.

Der Beginn dieser demokratischen Bewegung in Mitteleuropa war im Bauernkrieg 1525. Hier traten weitblickende Männer auf, die die Erfordernisse der Zeit erkannten und die feudalen Strukturen durch soziale Elemente zurückdrängen wollten, im Sinne einer gerechteren Gesellschaft.

Im fränkischen Raum traten zu den Taubertäler, Rothenburger und Odenwälder Haufen mutige Adlige wie Florian Geyer und Götz von Berlichingen sowie große Teile der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber, darunter der Altbürgermeister Ehrenfried Kumpf und sein Bruder Georg.

Beide wurden nach der Niederschlagung der bäuerlichen Bestrebungen und den folgenden harten Strafgerichten des Adels vom (restlichen) Rat der Stadt Rothenburg ausgewiesen, obwohl sie als Patrizier Teil dieses Rates waren. Einige Jahre später aber verwirklichte die Stadt dann doch in abgewandelter Form zumindest den religiösen Teil der Erneuerungsbestrebungen, indem sie die Reformation einführte.

4.2 Eine historische Neubewertung?

Im Grunde verhielt sich die Stadt, da sie früh auf die Seite der Bauern trat, damals schon, bevor sie durch die nackte Gewalt des Adels zur Sinnesumkehr gezwungen wurde, ganz im Sinne der Goethe’schen Erkenntnis: „Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, sodass sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird“ (Goethe am 4. Januar 1824).

Ehrenfried Kumpf aber erlitt im Jahr 1525 ein ähnliches ungerechtes Schicksal wie Rothenburgs bedeutendster Bürgermeister Heinrich Toppler im Jahr 1408! Toppler aber ist heute ein Aushängeschild für die Stadt.

Dagegen sind die Brüder Ehrenfried, Hans und Georg Kumpf bis heute von der Stadt nicht rehabilitiert worden, wenn man von der Anbringung eines Straßenschildes in einer kleinen Straße am Rand der Stadt absieht (die „Ehrenfried-Kumpf-Straße“). Daher befinden wir uns historisch noch auf der Stufe des Ausweisungsbefehls des Jahres 1527. Es wird also Zeit für eine historische Neubewertung. Dies sollte jetzt mit der Anbringung einer Hinweistafel am Wohnhaus der Patrizierfamilie geschehen.

5 Wo befand sich das Wohnhaus des Ehrenfried Kumpf?

Der Frage, wo sich das Haus des Ehrenfried Kumpf befand, ist Alfred Kumpf in seiner Abhandlung „Vermögens- Einkommens- und Wohnungsverhältnisse eines Ehrbaren im Mittelalter“ nachgegangen.29 Der Text überträgt auszugsweise die Inventarisierung des Kumpf’schen Hauses vom 27. Juli 1525.30

[...]


1 Urkunde Nr. 28 vom 16. Oktober 1284, in: Werner Schultheiss: Urkundenbuch der Reichs- stadt Reichsstadt Windsheim von 741–1400. Würzburg: Schöningh 1963, S. 34f.

2 Beurkundung genannter Urkunde durch Abt und Konvent „in Halsprune“.

3 Dieses Thema wird noch in einem weiteren Aufsatz behandelt werden.

4 Die Urkunde nennt „Cunradus Kumpf und die übrigen des Rats der Stadt in Windesheim“ als Beurkunder. In Schultheiss, a.a.O., S. 47.

5 Stiftungsurkunde vom 17. März 1400, im Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 205-O Ritterorden Urkunden, Nr. 5799a.

6 Karl Borchardt: Die geistlichen Institutionen … S. 305.

7 Der Wert eines stattlichen Patrizierhauses lag damals bei 400 Gulden. Peter Kumpf stiftete den zehnfachen Betrag!

8 Staatsarchiv Nürnberg, Handschriften Nr. 248, S. 66.

9 Testamentseröffnung schon am 13. Juli 1421, Urkunde im Archiv des Germanischen Natio- nalmuseums, ohne Signatur

10 Wappen und Bildnis in der Nürnberger St- Sebaldus Kirche.

11 Die Schreibweise variiert im Mittelalter noch zwischen ff, f oder ph.

12 Einschlägige Unterlagen im Stadtarchiv Rothenburg: Bürgeraufnahmebücher und Ratswahl- bücher, erschlossen über Personenkartei.

13 Alfred Kumpf: Wie die kumpffische Sippschaft auseinandergeht. In: Linde, 15. Juni 1931, passim.

14 Sie Anmerkung 11.

15 Alfred Kumpf: Vermögens-, Einkommens- und Wohnungsverhältnisse eines Ehrbaren im Mit- telalter. In: Linde, 15. August 1932

16 Heinrich Weissbäcker: Rothenburg ob der Tauber, seine Alterthümer und Inschriften. 1882, S. 10.

17 Möglicherweise ein Schreibfehler. Es wird sich um das Rothenburger Ehrbare Geschlecht der Embs (oder Ems) handeln. Diesen freundlichen Hinweis verdanke ich dem Archivar Herrn Dr. Huggenberger.

18 Alle genannten Ämter des Ehrenfried Kumpf wie auch die seiner Vorfahren sind im Stadtar- chiv Rothenburg festgehalten.

19 Karl Borchardt: Die geistlichen Institutionen …, Listen im Anhang.

20 Schmid oder Schmidt, vgl. dazu Anmerkung 10. – Schmidts Wappen findet sich in: Karl Borchardt: Patrizier und Ehrbare: Die Wappen im Geschlechterbuch des Johann Friedrich Christoph Schrag (1703-1780) zu Rothenburg ob der Tauber. Insingen 2007, Nr. 278, S. 130.

21 Das Thema ist an anderer Stelle mehrfach und ausführlich dargelegt: Alfred Kumpf, acht Aufsätze in der „Linde“ allein zu Ehrenfried Kumpf, 1930–1937; Ernst Quester: Das Rad der Fortuna und das Kreuz. Studien zur Aufstandsperiode von 1525 in und um Rothenburg ob der Tauber und ihrer Vorgeschichte. Verlag des Vereins Alt-Rothenburg e.V. 1994; Roy Lee Vice: Ehrenfried Kumpf von Rothenburg, Karlstadts Gönner und Bauernkriegsrebell. In: Linde August 1997 und Fortsetzungen, usw.

22 Begriff von Quester, a.a.O., S. 1ff.

23 Quester, a.a.O., S. 47.

24 Carlheinz Gräter: Der Bauernkrieg in Franken. Tauberbischofsheim o. J. (1999), S. 123.

25 Carlheinz Gräter, a.a.O., S. 102.

26 Franz Ludwig Baumann; Thomas Zweifel: Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs aus Rot enburg an der Tauber. Tübingen 1878.

27 Roy Lee Vice, a.a.O., passim.

28 Roy Lee Vice, a.a.O., S. 79.

29 In: Die Linde, 15. August 1932, S. 17-22.

30 Das Original liegt in den Rothenburger Bauernkriegsakten im Staatsarchiv Nürnberg, Nr. 338.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ein Patrizierhaus anno 1525. Herkunft der Ratsherren-Familie Kumpf und ihre Besitzungen im 15. und 16. Jahrhundert in Rothenburg ob der Tauber
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V924616
ISBN (eBook)
9783346248411
ISBN (Buch)
9783346248428
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ratsherren-familie, kumpf, rothenburg ob der tauber, herkunft windsheim, patrizierhaus 1525, kumpf in rothenburg, bauernkrieg 1525
Arbeit zitieren
Gert Heinz Kumpf (Autor), 2020, Ein Patrizierhaus anno 1525. Herkunft der Ratsherren-Familie Kumpf und ihre Besitzungen im 15. und 16. Jahrhundert in Rothenburg ob der Tauber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924616

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