Spracheinstellungen zu österreichischen Varietäten und die Entstehung von Enregisterment im Comic. Das Beispiel dialektaler Asterix-Bände


Bachelorarbeit, 2018

48 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Sprache als Verknüpfung von Lebewesen
1.2 Aufbau der Arbeit, Hypothesen und Fragestellungen

2 Varietäten und Subvarietäten innerhalb einer Sprache
2.1 Standardsprache und Hochsprache
2.2 Dialekte, Umgangssprache und weitere Ausprägungen
2.3 Sprachregister und (un)bewusst eingesetzte Sprachmerkmale

3 Das österreichische Deutsch
3.1 Die Pluriarealität der deutschen Sprache
3.2 Charakteristika des österreichischen Deutsch
3.3 Einstellungen zu Dialekt und Standardsprache in Österreich

4 Enregisterment
4.1 Der Terminus Enregisterment
4.2 Fallbeispiel Enregisterment: Asterix-Mundart-Korpora

5 Methoden und Material
5.1 Darstellung der Forschungsmethode
5.2 Analyse und Ergebnisse österreichischer Spracheinstellungen
5.3 Korpusanalyse
5.3.1 Das Tirolerische: Obelix und’s groaße Gschäft
5.3.2 Das Steirische: Asterix ba di Olümpischn Schpüle
5.3.3 Das Kärntnerische: Asterix ols Gladiatoa
5.3.4 Das Wienerische: Da Woasoga

6 Fazit: Zusammenhang zwischen Spracheinstellungen zu österreichischen Dialekten und Enregisterment

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Quellenverzeichnis

Abstract

Diese Bachelorarbeit beschäftigt sich mit den Einstellungen zu österreichischen Varietäten und deren Zusammenhang zur Entstehung von „Enregisterment“. Dazu wird zuerst mithilfe einschlägiger Fachliteratur ein qualitativer Theoriebezug über Sprache im Allgemeinen sowie das österreichische Deutsch hergestellt.

Für die Einstellungen zu den österreichischen Varietäten wird Bezug auf frühere Forschungen genommen und darüber hinaus eine eigene Umfrage durchgeführt. Die Zusammenhänge werden anschließend anhand dialektaler Asterix-Bände verdeutlicht, indem die durch die Umfrage gesammelten Merkmale österreichischer Dialekte anhand der dialektalen Textkorpora analysiert werden, um letztendlich Aufschluss über den Verschriftlichungsprozess zu geben.

This bachelor thesis investigates attitudes concerning Austrian varieties and how they are connected with the formation process of “Enregisterment“. Therefore, the bachelor thesis deals with theoretical principles of language, especially the Austrian vernacular dialect.

The information about the attitudes concerning ‚Austrian varieties is taken from previous studies as well as an own conducted survey. The context is presented on the basis of dialectal volumes of the well-known cartoon Asterix. These volumes are analyzed with regard to data which was collected in the survey in order to obtain information about the textualization of dialects.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Drei-Stufenmodell zur Strukturierung von Varietäten (Debus 1999: 55)

Abbildung 2: Kontinuumodell (Diaglossie) der Sprachvarietäten (Baßler & Spiekermann 2001)

Abbildung 3: Voll- und Halbzentren des Deutschen (Ammon et al. 2004: XXXIII)

Abbildung 4: Deutsch als pluriareale Sprache (Elspaß & Möller 2006)

Abbildung 5: Beliebtheit österreichischer Sprachvarietäten (Moosmüller 1990: 107)

Abbildung 6: Unbeliebtheit österreichischer Varietäten (Moosmüller 1990: 108)

Abbildung 7: Sympathie österreichischer Dialekte (Quelle 1, Umfrage durchgeführt von IMAS Linz 2014)

Abbildung 8: Erotikfaktor österreichischer Dialekte [eigene Darstellung nach Quelle 2]

Abbildung 9: Enregisterment am Beispiel von Pittsburghese (Johnstone 2016: 635)

Abbildung 10: Ausschnitt des Fragebogens, Frage 11

Abbildung 11: Beliebtheit der österreichischen Dialekte [n=177]

Abbildung 12: Beliebtheit der österreichischen Dialekte aus oberösterreichischer Sicht [n=103]

Abbildung 13: Unbeliebtheit der österreichischen Dialekte [n=177]

Abbildung 14: Beliebtheit des Tirolerischen [n=206]

Abbildung 15: Beliebtheit des Steirischen [n=184]

Abbildung 16: Beliebtheit des Kärntnerischen [n=187]

Abbildung 17: Beliebtheit des Wienerischen [n=179]

1 Einleitung

1.1 Sprache als Verknüpfung von Lebewesen

„Die Kunst der Sprache besteht darin, verstanden zu werden“ (Konfuzius 2018). Mit diesem Zitat lieferte bereits der chinesische Philosoph Konfuzius um 500 v. Christus einen entscheidenden Beitrag zur Sprache. Jeder lebende menschliche oder auch tierische Organismus sendet auf seine Weise sprachliche Signale aus, deren Code wiederum von anderen Organismen verstanden werden kann. Man beachte nur die Paarungsrufe von Fröschen oder Hirschen, das Heulen eines Wolfes oder die Warnlaute einer Bärin, die ihre Jungen verteidigt. Bereits als Säugling erlernen wir sprachliche Kodizes, wenngleich diese anfangs nur aus nonverbalen und paraverbalen Zeichen oder unverständlichen Wortteilen bestehen. „Jeder Mensch hat seine eigne Sprache“ (Novalis 1929) betonte auch der deutsche Lyriker Novalis. Sprache nimmt also in unserem Raum und in unserer Gesellschaft eine bedeutende Rolle ein, durch die es uns möglich ist, miteinander zu kommunizieren und Informationen zu verbreiten. Da jeder Mensch bzw. sogar jedes Lebewesen seine eigene Sprache besitzt, entstehen auch unterschiedliche Ausprägungen und Realisierungen derselben Sprache. Man spricht dabei von Varietäten. Linguistisch gesehen versteht man unter Varietäten, „daß gewisse Realisierungsformen des Sprachsystems in unvorhersehbarer Weise mit gewissen sozialen und funktionalen Merkmalen der Sprachgebrauchssituationen kookkurrieren“ (Berruto 1987: 264). Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass es sich bei einer Varietät um Sprachformen innerhalb einer Sprache handelt. Diese Sprachformen können aufgrund unterschiedlicher Gegebenheiten variieren, mögliche Gründe sind etwa regionale, soziokulturelle oder altersbedingte Faktoren. So ergibt sich auch, dass in Österreich neben dem Amtsdeutsch zahlreiche unterschiedliche Varietäten genutzt werden, die anhand der West-Ost-Erstreckung von Vorarlberg bis ins Burgenland gut beobachtbar sind.

Wird eine Varietät innerhalb einer bestimmten Gruppe beobachtet, so wird dies als Register bezeichnet. Register sind demzufolge kulturelle Muster, die diverse Verhaltenszeichen mit vorkommenden Effekten in Verbindung setzen, wobei dies nicht unbedingt auf linguistischer Ebene passieren muss. Besonders bedeutend für die Einprägsamkeit eines Registers (und damit stark in Zusammenhang stehend: einem Kulturgut) ist der Prozess der Verschriftung. Eine Sammlung von Codizes oder Korpora eines Registers wird in der Fachsprache als Enregisterment bezeichnet (Agha 2007: 81, 145). Beispiele für Enregisterment sind u.a. Liederbücher, Märchen- und Sagensammlungen, Gedichtbände, aber auch die nach den Mustern eines Registers erkennbaren Veränderungen eines Originalwerkes. In dieser Arbeit wird der Fokus auf verschiedene österreichische Mundart-Bände des französischen Erfolgsklassikers Asterix gelegt.

1.2 Aufbau der Arbeit, Hypothesen und Fragestellungen

In der folgenden Bachelorarbeit geht es um den Zusammenhang zwischen den Spracheinstellungen zu österreichischen Varietäten und der Entstehung von Enregisterment, was anhand von tirolerischen, steirischen, kärntnerischen und wienerischen Mundartausgaben der populären Asterix-Reihe gezeigt werden soll. Dazu wird anfangs auf allgemeine Merkmale einer Sprache eingegangen und anschließend ein Schwerpunkt auf das österreichische Deutsch gelegt. Den Abschluss des Theorieteils bildet eine genauere Auseinandersetzung mit dem Terminus Enregisterment, was anhand der oben erwähnten (Teil)- korpora verdeutlicht werden soll.

Der empirische Teil beschäftigt sich mit den Spracheinstellungen zu den österreichischen Dialekten. Dazu werden mittels Online-Fragebögen Erhebungen durchgeführt, die Aufschluss über die subjektiven Einstellungen zu den neun österreichischen Dialekten und deren Charakteristika geben sollen. Im Anschluss werden diese Daten analysiert und Gemeinsamkeiten mit den Asterix-Korpora festgehalten.

Es wird davon ausgegangen, dass die ‚Auffälligkeit‘ einer Sprache bzw. eines sprachlichen Kulturgutes stark mit der Entstehung von Enregisterment in Verbindung steht. Dabei kann diese Auffälligkeit sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein. In Bezug auf die Spracheinstellungen zu den österreichischen Varietäten können also die beiden antithetischen Begriffe Beliebtheit und Unbeliebtheit eines Dialekts als wesentliche Beispiele für die Auffälligkeit betrachtet werden. Dialektale Übersetzungen, wie sie Ausgangspunkt dieser Arbeit sind, entstehen also dadurch, dass positiv oder negativ konnotierte Charakteristika eines Dialekts verinnerlicht werden und dadurch ‚vermarktbar‘ sind. Dies steht auch stark in Relation zur Aussage von Czennia 2004: Sprachliche Register, insbesondere dialektale Übersetzungen, entstehen meist auf die Weise, dass sich „sprachstilistische Eigenschaften des Ausgangstextes mit geltenden Traditionen, Konventionen und Normvorstellungen der Zielkultur sowie des Übersetzers selbst […] verbinden“ (Czennia 2004: 509).

Im Verlauf dieser Bachelorarbeit sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

- Sind die von den Probanden und Probandinnen genannten sprachlichen und kulturellen Charakteristika einer Varietät identisch mit jenen, wie sie in den Asterix-Korpora in Erscheinung treten?
- Ist die ‚Auffälligkeit‘ bzw. die Bekanntheit in negativem oder positivem Sinne ausschlaggebend für die Entstehung von Enregisterment?
- Auf welche Weise versucht der Autor bei der Verschriftlichung ein Enregisterment zu erzeugen?

2 Varietäten und Subvarietäten innerhalb einer Sprache

Im vorigen Kapitel wurde bereits kurz angesprochen, worum es sich bei dem Terminus Varietät handelt. So bestätigt Dittmar (1997: 177) zwar die vorige Erkenntnis, dass Varietäten als „Menge sprachlicher Strukturen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Lexikon, Pragmatik) […], die relativ zu außersprachlichen Faktoren (z.B. Alter, Geschlecht, Gruppe, Region, historische Periode, Stil, etc.) in einem Varietätenraum geordnet sind“ zu verstehen sind, streng terminologisch gesehen ist die Definition und Abgrenzung aus linguistischer Sichtweise jedoch nicht möglich (Sinner 2014: 19). In den folgenden Unterkapiteln sollen die verschiedenen Varietäten einer Sprache geklärt werden, da sich im späteren Verlauf der Arbeit ein zentrales Augenmerk auch auf die unterschiedlichen Varietäten gelegt wird. Die Differenzierung der unterschiedlichen Ausprägungen erfolgt dabei anhand diatopischer bzw. diasituativer (z.B. geographischer Aspekt bzw. Region, Situation) sowie diastratischer (schichtenspezifischer) Kriterien, die diaphasische (z.B. Alter, Generation) ist von nebensächlicher Bedeutung.

2.1 Standardsprache und Hochsprache

Für die Differenzierung einer Sprache gibt es verschiedenste Möglichkeiten. Auf diatopischer Ebene sind die Bezeichnungen Standardsprache und Dialekt wohl am bekanntesten. Der Terminus Standardsprache wird nach Radtke (1973: 82) synonym mit Bezeichnungen wie Hochsprache, Schriftsprache, Einheitssprache oder Nationalsprache verwendet. Löffler (2003: 5) definiert die Hochsprache bzw. Standardsprache folgendermaßen:

Optimale Besetzung aller grammatischen Ebenen. Maximales Inventar aller grammatischen Kategorien, z.B. Plusquamperfekt, Futur II. Maximaler Wortschatz. Syntaktische Vielfalt. Alle Möglichkeiten der logischen Verknüpfung.

Duden-Online definiert die Standardsprache als „über den Mundarten, lokalen Umgangssprachen und Gruppensprachen stehende, allgemein verbindliche Sprachform“ bzw. „gesprochene und geschriebene Erscheinungsform der Hochsprache“, wodurch deutlich wird, dass die Standardsprache einen höheren Stellenwert und eine höhere nationale Bedeutung einnimmt als andere Varietäten derselben Sprache. Vergleicht man die Definitionen von Duden-Online und Löffler (2003), so zeigt sich, dass Löffler jene Charakteristika aufzählt, die vor allem in der „geschriebene[n] Erscheinungsform“ enthalten sind und von Radtke (1973) auch als Schriftsprache bezeichnet wird. Die Schriftsprache wird Umfragen zufolge als der Standard aufgefasst, der im mündlichen Gebrauch kaum erreicht wird, da es phonologisch und phonetisch gesehen meist eine gewisse Abweichung von der „reinen Hochlautung“ gibt (Moosmüller 1991: 16f). Des Weiteren ist es – gerade im Deutschen – besonders schwierig, die Standardsprache zu definieren, da es eben unterschiedliche nationale Standards gibt. Aus diesem Grund ist auch der von Radtke erwähnte Terminus Nationalsprache nicht ganz zufriedenstellend. Angenommen die Schriftsprache wird – aufgrund der reinen Hochlautung – als Standard angesehen, so ergeben sich aufgrund von lexikalischen, grammatischen oder syntaktischen Merkmalen wiederum nationale Unterschiede. Ebenso gut beobachtbar ist das in der englischen Sprache, wenn man das Britische mit dem US-Amerikanischen vergleicht. Die Schriftsprache beider Staaten kann als Standard bezeichnet werden und dennoch ergeben sich Unterschiede in der Lexik (z.B. eraser vs. rubber) oder Graphematik (flavor vs. flavour)

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die Schriftsprache im Normalfall (sofern es sich um keine dialektalen Verschriftlichungen handelt) aufgrund maximaler Ausprägung und Nichtrealisierung phonologischer Abweichungen am ehesten als Standard angesehen wird, es aber nicht die eine Standardform einer Sprache gibt, sondern lediglich mehrere Standards derselben Sprache parallel auftreten.

2.2 Dialekte, Umgangssprache und weitere Ausprägungen

„Hochsprache und Dialekt [sind] als die beiden Pole der Sprache, anders als Umgangssprache, relativ leicht [zu] fassen“ (Sinner 2014: 92). Dialekt wird nach Radtke (1973: 82) synonym für Mundart verwendet. Daneben gibt es Regiolekte, überregionale Umgangssprachen, Basisdialekte, die Alltagssprache sowie die Umgangssprache. Die genaue Differenzierung ist jedoch meist nicht einmal Muttersprachlern bekannt, wodurch diese Termini oftmals auf eine Ebene gesetzt und gleichbedeutend gebraucht werden (Sinner 2014: 91).

Löffler (2003: 5) definiert den Dialekt – in Analogie zu seiner Definition der Standardsprache – folgendermaßen:

Dürftige Besetzung aller grammatischen Ebenen: Es fehlen ganze Kategorien wie z.B. das Präteritum der Verben. Reduzierter Wortschatz, wenig syntaktische Pläne, wenig Möglichkeiten der logischen Strukturierung, z.B. keine hypotaktischen Konjunktionen.

Das obige Zitat definiert Dialekt als eine Varietät, die unterhalb der Standardsprache angeordnet ist und über weitaus weniger Varianz hinsichtlich Grammatik, Lexik und Syntaktik verfügt. Bußmann (2002: 56) definiert Dialekte „als regional abgrenzbare, durch starke strukturelle Ähnlichkeit mit benachbarten Systemen gekennzeichnete, wenig kodifizierte und verschriftlichte Sprachsysteme“, womit er beschreibt, dass Dialekte eine Zusammengehörigkeit aufweisen und somit interpretiert werden kann, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Dialekte gibt. Löffler (2003: 7) beschreibt Dialekt des Weiteren als „[o]rts- und raumgebunden“ bzw. „landschaftsspezifisch“, wohingegen er die Hochsprache als „[ü]berörtlich“ bzw. „räumlich nicht begrenzt“ definiert. Auf die Charakteristika diverser österreichischer Dialekte wird in Kapitel 5 genauer eingegangen.

Als weitere diatopische Abgrenzungen können noch die Umgangssprache und die Regiolekte angeführt werden. Eine Möglichkeit zur besseren Strukturiertheit stammt von Debus (1999), der in einem Stufenmodell die Standard/Hochsprache über der Umgangssprache ansiedelt, welche wiederum über den Dialekten/Mundarten steht (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Drei-Stufenmodell zur Strukturierung von Varietäten (Debus 1999: 55)

Die Darstellung in Abbildung 1 steht in starkem Zusammenhang mit der Definition des Duden-Online, da der Standard hier eindeutig über den anderen Sprachformen steht; sie geht allerdings von der Grundannahme aus, dass es eine eindeutige Standardsprache und eine eindeutige Umgangssprache gibt. Sinner (2014: 92ff) fasst aus Ergebnissen und Definitionen unterschiedlicher Autoren zusammen, dass Umgangssprache primär eine Varietät der gesprochenen Sprache darstellt. Darüber hinaus weist sie sowohl diatopische als auch diaphasische und diastratische Merkmale auf, weshalb sie somit der Alltagssprache ähnelt und oftmals von überregionaler Bedeutung ist. Um diesen diaphasischen Zusammenhang genauer darzustellen, wird kurz auf die Alltagssprache eingegangen. Als Alltagssprache werden nach Möller & Elspaß (2014: 122) jene Sprachformen bezeichnet, welche „im sozialen und funktionalen (‚Nähe‘-) Bereich des Privaten, des spontanen Gesprächs unter Freunden, Verwandten oder Bekannten oder auch im informellen Austausch unter nicht näher Bekannten aus demselben Ort (Hervorhebung durch S.S.), etwa im örtlichen Lebensmittelgeschäft“, verwendet werden. Der hervorgehobene Teil des Zitats lässt darauf schließen, dass trotz der diaphasischen und diastratischen Merkmale die diatopische Ebene dennoch von Belang ist, weshalb nun auf den geographischen Aspekt der Umgangssprache zurückgeführt werden soll.

Eine eher diatopisch ausgerichtete Betrachtungsweise der Umgangssprache findet sich bei Bußmann (2002), König et al. (2015), Mihm (2002) sowie Scheutz (1999), die den genannten Terminus pluralisieren, um das Adjektiv regional ergänzen und diese ‚regionalen Umgangssprachen‘ mit dem Terminus Regiolekte gleichsetzen. Bußmann (2002: 718) definiert regionale Umgangssprachen folgendermaßen:

Vorwiegend in der deutschen Germanistik gebrauchter Terminus für den großen und heterogenen Bereich von Sprachvarietäten zwischen Standardsprache einerseits und kleinräumig gebundenen Dialekten andererseits. U[mgangssprache] wird meist als eine Art ‚Ausgleichsvariation‘ zwischen Standardsprache und Dialekte verstanden, die zwar deutliche regionale Färbung, jedoch keine extremen Dialektismen aufweist.

Die Realisierungen der unterschiedlichen Varietäten sollen nun anhand eines transkribierten Beispiels von Wiesinger (2006: 25ff) verdeutlicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wiesinger beschreibt in diesem Satz die unterschiedlichen Realisierungen des Satzes Heute Abend kommt mein Bruder nach Hause, wie sie im niederösterreichischen Weinviertel der Fall sind. Dabei unterteilt er den Dialekt nochmals in Verkehrs- und Basisdialekt, die lediglich einen unterschiedlichen Grad regionaler Färbung aufweisen und auf die hier nicht mehr genauer eingegangen werden soll. Festzuhalten ist jedenfalls, dass der Verkehrsdialekt näher beim Standard liegt als der Basisdialekt, welchen „heute im allgemeinen [sic] nur mehr die ältere, alteingesessene, traditionelle Dorfbevölkerung der Groß- und Kleinbauern und der Handwerker im alltäglichen Gespräch untereinander und mit jüngeren Familienangehörigen“ verwendet (Wiesinger 2006: 27). Anhand dieser Beschreibung lässt sich erkennen, dass trotz der regionalen Färbung die diaphasische und diastratische Betrachtungsweise stets gegenwärtig sein sollten. Die Unterteilung von Standardsprache bis Dialekt variiert je nach Autor und Forschungsschwerpunkt.

Nach sämtlich versuchten Definitionen, Beispielen und Zusammenhangserklärungen bleiben die eindeutigen Abgrenzungen des Trias Hochsprache-Umgangssprache-Dialekt weiterhin ein ungelöstes Problem der Linguistik (Sinner 2014: 91) Aus diesem Grund hat sich neben dem bereits erwähnten Stufenmodell auch ein sogenanntes Kontinuummodell (auch als Diaglossie bezeichnet) etabliert, wie es in Abbildung 2 ersichtlich ist. Dieses Modell hat vor allem im mittel- und südbairischen Sprachraum Gültigkeit (in Vorarlberg ist das Diglossiemodell relevant) und beschreibt die fließenden Übergänge zwischen den unterschiedlichen Varietäten, deren Wechsel wiederum von diatopischen, diastratischen und diaphasischen Faktoren abhängig ist. Das Modell zeigt sehr gut, dass die Anzahl der unterschiedlichen Realisierungen von Dialekten hin zu Regiolekten und regional bzw. national gefärbten Standards (z.B. Österreich, Deutschland, Schweiz) abnimmt und letztendlich beim Standardpol spitz zusammenläuft (Baßler & Spiekermann 2001). Fragwürdig ist dabei allerdings die senkrechte Trennlinie zwischen den drei nationalen Standards und dem singulären Standardpol, die hier offenbar als Barriere fungiert und darauf hindeutet, dass dieser singuläre Standardpol ohne nationale Färbung – sofern es diesen überhaupt gibt – nicht von allen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kontinuumodell (Diaglossie) der Sprachvarietäten (Baßler & Spiekermann 2001) Sprecher und Sprecherinnen erreicht werden kann.

2.3 Sprachregister und (un)bewusst eingesetzte Sprachmerkmale

Im Hinblick auf den späteren Hauptaspekt der Arbeit – die Entstehung von Enregisterment – ist es essentiell, auf den Terminus Register genauer einzugehen, der sich nicht mehr so sehr mit regionaler, sondern vor allem mit sozialer Sprachvariation beschäftigt. Für den Ausdruck „gibt es eine breite Palette von Ansichten und Definitionen, die in recht unterschiedlichen, z.T. sprachspezifischen Traditionen verankert bzw. begründet sind“, was somit wiederum auf die Vielschichtigkeit und den weiten Interpretationsspielraum einzelner Abgrenzungen hindeutet (Sinner 2014: 141).

In der englischen Literatur wird Register folgendermaßen definiert: „A register [is] a language variety associated with both a particular situation of use and with perhasive linguistic features that serve important functions within that situation of use“ (Biber & Conrad 2009: 31).

Register bezeichnen demzufolge eine spezielle Form der Varietät, „deren Merkmale an einen typischen, wiederkehrenden kommunikativen Kontext gebunden sind und in diesem bestimmte Funktionen erfüllen“ (Elspaß 2018: 94). Charakteristisch für Sprecher eines Registers ist die Zusammengehörigkeit, die sie durch spezielles Vokabular, lautliche Realisierungen oder grammatische Konstruktionen zum Ausdruck bringen. So zählen zu Registern auch die Sprachen diverser Fachjargons (z.B. Ärztesprache), aber auch die Sprachen diverser sozialer Gruppen (z.B. Jugendsprache). Des Öfteren in Verbindung stehend mit dem Terminus Register sind die sogenannten Stile, die jedoch nach Elspaß 2018 nicht als Varietäten zu bezeichnen sind und somit für diese Arbeit eher redundant sind. Vielmehr soll noch auf bewusst und unbewusst eingesetzte Merkmale von Sprache eingegangen werden, nämlich Indikatoren, Marker und Stereotype.

Bei Indikatoren handelt es sich um ‚indizierende Merkmale‘, die von den Sprechern unbewusst eingesetzt werden und selbst von Muttersprachlern kaum einer Variation unterzogen werden. Diese Merkmale können stark abhängig von der diaphasischen und diastratischen Ebene sein, jedoch „nicht metasprachlich kommentiert werden“ (Elspaß 2018: 92). Marker weisen hinsichtlich des Einsatzes bereits ein geringfügiges Bewusstsein auf. Sprecher prägen aufgrund des wiederholenden Einsatzes in bestimmten Zusammenhängen ihre Realisierungen, was beispielsweise in der tirolerischen Variante für Auf Wiedersehen, nämlich Pfiat enk, verdeutlicht wird. Stereotype Merkmale werden von Sprechern bewusst eingesetzt und gelten als stigmatisiert. Der bewusste Einsatz dieser Merkmale führt oftmals zu Kommentaren bzw. Korrekturen und endet letztendlich im Sprachspott. Dazu zählt beispielsweise die Verwendung des alveolaren Frikativs [s] (wie es im Norden Deutschlands der Fall ist) anstatt des im mittelbairischen Raum üblichen postalveolaren Frikativs [S] in der Phrase „über einen s pitzen S tein s tolpern“ (Elspaß 2018: 92). Sowohl Stereotype als auch Marker werden gezielt in Comedys verwendet und sollen im späteren Verlauf dieser Arbeit noch größere Bedeutung erfahren.

3 Das österreichische Deutsch

Im letzten Kapitel wurde auf die unterschiedlichen Ausprägungen von Sprache und deren Merkmale allgemein eingegangen. Im folgenden Kapitel soll nun ein besonderer Fokus auf das österreichische Deutsch gelegt werden, was auch die Basis des empirischen Teils dieser Arbeit bildet.

3.1 Die Pluriarealität der deutschen Sprache

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Voll- und Halbzentren des Deutschen (Ammon et al. 2004: XXXIII)

Wie bereits in Kapitel 1 erwähnt, gibt es Sprachformen innerhalb einer Sprache, die als Varietäten bezeichnet werden. Gerade die deutsche Sprache verfügt über eine Vielzahl verschiedener Varietäten, insbesondere die nationalen Varietäten, wie sie in Abbildung 2 schematisch angeführt wurden. Diese nationalen Varietäten können sich einerseits anhand der differenten Aussprache derselben Wörter (z.B. È kafe vs. kaÈfeù) unterscheiden, andererseits aber auch anhand der Verwendung unterschiedlicher Lexeme, wie es bei Blumenkohl vs. Karfiol der Fall ist. Lexeme, die als eine Besonderheit der deutschen Sprache in Deutschland gelten und in anderen Nationen eher ungebräuchlich sind, werden nach Ammon (1995: 330f, 377f) als Teutonismen bezeichnet, für selbiges Phänomen bezogen auf das Deutsche in der Schweiz ist die Bezeichnung Helvetismen prägend. Als Austriazismen definiert Ammon (1995: 143f) u.a. Lemma im Österreichischen Wörterbuch, die dort „(a) weder als Nonstandard […] (b) noch als fremdnational“ markiert sind und „(c) nicht unmarkiert als Lemma vorkommen in Duden “. Zusammenfassend schließt er, dass es sich streng genommen nur dann um Austriazismen handelt, wenn sie außerhalb Österreichs nicht gebräuchlich sind, dafür aber im ganzen österreichischen Staatsgebiet Verwendung finden. Wie in Abbildung 3 ersichtlich ist, werden die drei nationalen Varietäten (das Deutsch in Österreich, Deutschland und der Schweiz) als ‚Vollzentren‘ bezeichnet, als Halbzentren der deutschen Sprache führen Ammon et al (2004: XXXIII) u.a. Liechtenstein, Luxemburg und Südtirol an.

Seit den 1980er Jahren wird das Deutsche vermehrt als plurizentrische Sprache aufgefasst (Glauninger 2001, zitiert nach Cillia 2006: 53). Als plurizentrische Sprache sprechen Ammon et al. (2004: 31f) dann, „wenn diese in mehr als einem Land als nationale oder regionale Amtssprache in Gebrauch ist und wenn sich dadurch standardsprachliche Unterschiede herausgebildet haben“. Da das Modell der Plurizentrik, das beispielsweise auf ein Zentrum von Bregenz bis Wien hindeuten oder „[g]anze Staaten als Zentren“ (Scheuringer 1997: 343) darstellen würde, auf teils heftige Kritik stieß, sollte die deutsche Sprache alternativ eher als „pluriareal“ modelliert werden (Dürscheid et al. 2015: 209ff; Scheuringer 1996: 151f) . Die Ausprägung der Pluriarealität auf lexikalischer Ebene ist in Abbildung 4 ersichtlich. Es sind einerseits Unterschiede zwischen den drei nationalen Varietäten erkennbar, gleichzeitig zeigen sich aber auch innerhalb einer Nation unterschiedliche Varianten, was verdeutlicht, dass das Modell der Plurizentrik nicht eindeutig zutrifft.

[...]

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Details

Titel
Spracheinstellungen zu österreichischen Varietäten und die Entstehung von Enregisterment im Comic. Das Beispiel dialektaler Asterix-Bände
Hochschule
Universität Salzburg  (Fachbereich Germanistik)
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
48
Katalognummer
V924654
ISBN (eBook)
9783346248985
ISBN (Buch)
9783346248992
Sprache
Deutsch
Schlagworte
österreichische Varietäten, Enregisterment, Dialekte, Asterix-Bände, Mundart, Beliebtheit der österreichischen Sprache, Spracheinstellungen
Arbeit zitieren
Sandro Scharerweger (Autor:in), 2018, Spracheinstellungen zu österreichischen Varietäten und die Entstehung von Enregisterment im Comic. Das Beispiel dialektaler Asterix-Bände, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924654

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