"Wie sie mir, so ich ihr" als Teufelskreis der Misshandlung. Analyse des Romans: "Die Züchtigung" von Anna Mitgutsch


Akademische Arbeit, 2012

24 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe und Zusammenfassung

3. Charakterisierung
3.1 Marie
3.2 Vera

4. Beziehungen der Hauptfiguren zu eineander
4.1 Maries Verhältnis zu ihrer Mutter (Mutter-Tochter Beziehung
4.2 Maries Verhältnis zu ihrem Vater (Vater-Tochter Beziehung)
4.3 Veras Verhältnis zu ihrer Mutter Marie (Mutter-Tochter Beziehung
4.4 Veras Verhältniss zu ihrer Tochter

5. Interpretationsansatz
5.1 Ambivalente Beziehung und starke Bindung zwischen Muttter-Tochter
5.2 Mutter als Herrscherin über alles:
5.3 Tode der Mutter: Loslösung oder neues Trauma:
5.4 Problematik der Weiblichkeit und Sexualität
5.5 Veras Entwicklung zum seelischen Krüppel
5.6 “Wie sie mir , so ich ihr

6. Schuβbemerkung

1. Einleitung

Gibt es für ein Mädchen etwas wichtigeres als die Beziehung zur Mutter? Mit einer negativ erlebten mütterlichem Beziehung und damit verbundenen einschneidenten Erlebnissen beginnt ein Teufelskreis, den zu durchbrechen braucht mehr als einen festen Willen. Nichts prägt das Selbstbewustsein, die Persönlichkeit und die Reflexion des eigenen Geschlechts als Frau so stark wie das Verhältnis zur Mutter, was nicht nur den Psychologen bewusst ist, sondern auch Autoren, die sich bemächtigt fühlen darüber zu schreiben, wie zum Beipiel Anna Mitgutsch.

Der mehrfach ausgezeichnete Roma “Die Züchtigung “ wurde 1985 veröffentlicht und obwohl es der vierte Roman war, wurde er das erste veröffentlichte Werk der österreicherischen Literaturwissenschaftlerin Waltraud Anna Mitgutsch.

In Anna Mitgutschs Werken findet man oft das Motiv des Fremdsein, den Konstitutionsversuch des Individuums in die Gesellschaft, sowie die Problematik von zwischenmenschlichen Beziehungen, die in Mitgutsch Werken immer – sei es eine (eheliche) Zweierbesiehung oder Mutter-Tochter-Beziehung -zum Scheitern verurteilt sind. So liegt auch diesem Werk eine Beziehungs- Problematik zugrunde, und zwar eine krankhafte Beziehung zwischen der herrschsüchtigen Mutter, die eine zerstörerrsiche Macht auf ihre Tochter ausübt, und der unterdrückten und misshandelten Tochter, die als Ich-Erzählerin im Roman fungiert, den Weg zu einer glücklichen Zukunft sowie einer gesunden Persönlichkeitsentfaltung versperrt. Die Autorin zeigt in diesem Werk die Ausmasse der Züchtigung – worauf diese Mutter-Tochter Beziehung ausschliesslich aufbaut- auf die psychische und seelische Entwicklung eines Mädchens, das sich zusätzlich durch die Unterdrückung der Weiblichkeit auch nicht zur selbstbewuβten Frau entwickeln kann. Was auf jeden Fall hervorgehoben werden sollte, ist die Tatsache, dass sich in diesem Roman von Mitgutsch eigentlich vier Frauengenerationen befinden und es sich somit um drei verschiedene Mutter-Tochter-Beziehungen handelt, die dieses “Erbe der Zerstörung” uneinwillig weitertragen.

Die Autorin schildert in chronologischer Reihenfolge, indem sie sich einer geschlossenen Struktur der Erzählung mit Rahmen- und Binnengeschichte bedient, wobei die Beziehung von Vera und ihrer Tochter den Rahmen bildet, zuerst die Kindheit und Jugend von Marie der Mutter und anschliessend Veras Kindheit und Jugend. .

Die freischafftende Autorin, die mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde,1 thematisiert im Roman nicht nur eine körperliche Misshandlung -als traditionelle Erziehugsmethode angewandt - von Seiten der Mutter mit fatalen Folgen auf die Psyche und Persönlichkeit der Tochter, die das Ausmaβ selbstzerstörerrischem Verhalten annimmt, sondern es werden auch patriarchale Strukturen2, gesellschaftliche Mechanismen entlarvt und kritisiert.

Dieser Roman greift viele Aspekte auf. Er ermöglicht eine Breite von Interpretationsmöglichkeiten. Es wird die Nazizeit kritisiert, die traditionelle Gesellschaft mit ihrer starren Form und geschlechterspezifischen Rollenverteilung3. Auch die Gesellschaft mit ihren Klassenuntschieden und Erziehungsmethoden werden angeprangert. Dieser Roman lässt den Eindruck entstehen, dass es hier auch ansatzweise um eine Anklage gegen die Menschen handelt, die die Zeit des Nationsozialismus sozusagen mitfeierten und danach plötzlich nichts mehr davon wussten.4 Folglich skizziert die Autorin im Hintergrund auch die Schrecken des zweiten Weltkrieges, und verlang von diesen eben genannten Menschen, die sich keiner Schuld bewusst sind, Rechtfertigung.5 Auch wenn im Mittelpunkt die Mutter-Tochter Beziehung zu stehen scheint, greift somit Mitgutsch politische und sozale Aspekte gleichzeitig auf.

Es ist nicht Ziel dieser Arbeit eine möglischst vollständige Analyse dieses Romans zu liefern, was ohnehin eine Illusion wäre, denn da aufgrund unterschiedlicher persönlicher und sozialer Hintergründe6 der verschiedenen Rezipienten, jedem Interpreten andere Aspekte ins Auge fallen, und nach Wolfgang Iser ein jeder Leser Texte mit anderen Leerstellen füllt,7 kann ein Werk vor allem der Rezeptionsästhetik nach niemals zu Ende analysiert und interpretiert werden. Nicht nur durch jede Epoche kann sich eine andere Betrachtungsweise ergeben, auch heben die verschiedenen Literaturtheorien jeweils andere Gesichtspunkte eines Werkes hervor, so dass eine vollständige Anayse mit Berücksichtigung aller Theorien aus Zeit - und Raumgründen nicht möglich erscheint. Auβerdem ist es unmöglich, Mitgutschs Werk in seiner Breite und Fülle vollständig zu erfaβen, deshalb konzentriert sich diese Arbeit mehr auf die Beziehungsproblematik bezüglich der Mutter zur Tochter bzw. Auswirkungen des negativen Mutter-Tochter Verhältnisses und macht einen kleinen Versuch einen Einblick in die Gründe für die grausame Mutter-Tochter Beziehung zu verschafen. Dabei sollen nur ansatzweise bestimmte Aspekte dieser Mutter-Tochte Beziehung thematisiert werden.

Bevor darauf eingegangen werden kann, erfolgt zuerst eine Inhaltsangabe und Zusammenfassung des Romans. Anschliesend ist es unumgänglich eine etwas ausgiebige Charakterisierung der zwei Hauptfiguren zum besseren Verständnis ihres Verhalten aufzuzeigen. Um den Sinn des Romans zumindest teilweise erschlieβen zu können, sollte die kurze Erarbeitung der Beziehungen dienen, die die Hauptpersonen zueinander haben, wobei die Beziehung der Mutter Marie zum eigenen Vater nicht unerwähnt bleiben darf, um ein bessers Verständniss der Hauptfigurem- Vera und Marie- zu gewähren, denn ein besseres Veständniss kann in hermeneutischen Sinne nur durch das sogenante Zirkelverhältniss8 erfolgen, d.h. man muss einzelne Teile verstehen um eine Ahnung vom Gesamtverständniss zu erzielen.

2. Inhaltsangabe und Zusammenfassung

Im Mittelpunkt der Geschichte9 steht die Leidens - und Lebensgeschichte von zwei Menschen, einmal die von Marie, einer Bauerntochter, und dann die von Vera, ihrer Tochter. Der Roman beginnt mit der Frage von Veras Tochter nach ihrer Mutter, ob Vera sich ihrer Mutter ähnle. Das ist der Auslöser für Veras Erinnerungen an ihre Kindheit und an ihr Verhältnis zu ihrer Mutter.

Die Mutter (Marie) wird hauptsächlich von ihrem Vater, während Vera von ihrer Mutter Marie aufgrund ihres weiblichen Daseins gedemütigt, geschlagen und zum absolutem Gehorsam erzogen. Beide Frauen erfahren eine grausame und lieblose Kindheit, weshalb sie sich zu einem idiosynkratischen Charakter entwickeln.

Marie, das zweite Kind und - enttäuschenderweise, da man einen Stammhalter erwartete , -ein Mädchen, wächst mit vier Schwestern und zwei Brüdern auf einem Bauernhof auf.

Nachdem Marie als Musterschülerin und Klassenbeste die Volksschule abgeschliesst, muss sie sich von ihrem Traum Klosterschwester zu werden verabschieden, um das durch gesellschaftliche Struktur geprägte Leben und Schicksal als Mädchen mit vorbestimmter Rolle im Haus einzunehmen. Sie musse eine Menge Arbeit auf dem Bauernhof ihres Vaters übernehmen, der sie ausschlieβlich als Arbeitskraft ansieht und sie für jede Kleiningkeit prügelt und erniedrigt.

Mit dreiundzwanzig Jahren heiratet sie eher unwillig Friedl, der von allen nur verächtlich als „Häusler“ genannt wird, und erhält nach zweijähriger Ehe statt dem ersehnten Sohn eine Tochter, die sie „Vera“ tauft. Wie sie es selber erfahren hat, erzieht Marie ihre Tochter mit Schlägen zu Disziplin und Ordnung. Für alle schlechten Noten, wird sie gezüchtigt. Vera, misshandelt von ihrer Mutter aus angeblich guten erzieherischen Gründen, damit sie anständig, keusch und beugsam wird, entwickelt sich somit zu einem düsteren traurigen Kind und zur Außenseiterin, denn sie ist durch die stark autoritäre und terrorisierende, mehr Dressur als Erziehung ihrer Mutter unfähig eine Freundschaftsbeziehung aufzubauen und scheitert dadurch auch später selber als Mutter.

Als Vera 18 Jahre alt ist und das Haus verläβt, um in der Stadt zu studieren, erkrankt Marie an einer nicht genau definierten Krankheit und stirbt einige Wochen darauf. Jedoch bedeutet der Tod der Mutter keine Freiheit für Vera, denn sie enteckte ihre Mutter immer wieder in sich selbst, trotz Versuche sich zu befreien und von der Mutter loszulösen.

3. Charakterisierung

Es handelt sich im Roman hauptsächlich um statische Figuren, die keine Veränderungen durchmachen. Die Hauptfiguren Marie und Vera zeigen eine eher offene Figurenkonzeption auf, denn trozt der vielen Gründe, die für ihr Verhalten aufgezeigt werden, bleiben für den Leser bezogen auf mancher Verhaltensweisen offene Fragen .

3.1 Marie

Da es mehrfach von Seiten der handelten Figuren im Roman unterstrichen wird, dass sie häβlich sei, ist auch sie mit ihrem Aussehen unzufrieden, und zwar so stark, dass sie sogar in sich die Weiblichkeit erdrücken möchte “ […]dann zerstöre ich dich und alle Frauen und alles, was weiblich in mir ist. “(S.30).

Sie ist trotz ihrem kräftigen Aussehen verletzbar, nachtragend und zeigt sogar rachesüchtig Caraktereigenschaften auf: “hatte sich endlich doch gerächt”, und “So straft Gott den Hochmut, sagte Marie” (S.189) . Sie verlangt nach Liebe, die ihr in ihrer Kindheit nicht nur von Seiten ihrer Eltern verwehrt bleibt, sondern von der ganzen Gemeinschaft und ihrem Ehegatten dem Friedl. Deshalb besitzt sie keine Freunde und ist einsam, und dies ist wiederum der Grund für ein noch minderes Selbstbewusstsein und die Suche danach es allen zu zeigen, zu was sie es gebracht hat. Dafür verleumdet sie ihren sozialen Status: “Distanziert dem gewöhnlichen Volk, den sozial Gleichgestellten […]” (S.185), denn sie ist süchtig nach sozialer Anerkennung und strebt eine höhere soziale Stellung10 an, um ihr Selbstbewuβtsein zu befriedigen. In bessere Kreise zu kommen sieht sie sozusagen als Rache für die Ablehnung, die sie ständig zu erfahren vermag. Sie arbeitet sehr hart, wird sogar von Vera als “menschliche Arbeitsmaschine “ (S.93) bezeichnet. Sie ist überaus strebsam und ehrgeizig11 und sehr religiös. Frauen und Mädchen, die etwas vor der Hochzeit mit Männer zu tun haben, sieht sie als sündhaft und schändlich an und beschimpft sie als Huren. Selbst zeigt sie kein groβes Interesse an Jungs, was einerseits an ihrer starken Religiösität liegt, andererseits am Dessinteresse männlicher Verehrer ihr gegenüber.

Maries Verbitterung hat ihre Wurzeln im Verhältniss zu ihren Eltern. Sie ist ein ungewolltes Kind, denn der Vater erwartet einen Jungen anstatt ein Mädchen als Stammhalter. Schon als Baby wird an ihr Gewalt ausgeübt. “Ihre Mutter stieβ mit dem Fuβ gegen den Korb wo sie schlief” (S. 13). Von ihrer Mutter wird Marie als “Unglückskind”, als “Freitagskind” (S.13) bezeichnet.

Sie erlebt alles andere als eine glückliche zufriedene Kindheit. Sie wird von ihrem Vater zum Arbeiten missbraucht, nicht nur brutal geschlagen: “ […] der schlug sie mit einer Schaufel, dass sie eine Woche nicht gehen konnte[…] (S.31), ebenso erniedrigt obwohl sie versucht, alles richtig zu machen. Von ihrer Mutter wird sie schon als Baby vernachläβigt “Ihr kleiner Popo war rot und wund vom tagelangen Liegen in den schmutzigen, naβen Windeln.” (S.14)

Als Schülerin erbrachte sie hervorragende Leistungen und war sehr ehrgeizig. Sie hatte den Wunsch eine Klosterfrau zu werden. Aber ihr Vater betrachtete das Lernen als:” Zeitverschwendung, wer braucht eine studierte Bäuerin.” ( S.24). Auch ihre Hausaufgaben musste sie heimlich machen.

Marie wird als perfekte Hausfrau und Mutter von Seiten der Gesellschaft beschrieben. Tatsächlich arbeitet sich extrem fleiβig und strebsam, ohne sich die Gelegenheit zu geben nicht einmal krank zu werden. Aber als Mutter ist sie brutal und schlägt ihr Kind, obwohl sie nur das Beste für Vera, ihre einzige Tochter, möchte. Sie züchtigt ihre Tochter nicht nur körperlich, auch Liebe kann sie ihr keine geben. “Es gab immer etwas, wofür man züchtigungswürdig war.” (S. 96) Sie dressiert Vera, damit sie ein guter Mensch wird.

Fasst man dass alles zusammen, kann man Marie als ein misshandeltes, ungliebtes und als häβlich beschimpftes Kind bezeichnet, das ihren Mut nicht veliert und immer fort fleiβig ihr Bestes tut, aber durch die erfahrene schlimme Beziehung zu ihren Eltern entwickelt sie sich zur unfähigen und aggressiven Mutter. Die Vernachläβigung, Prügelei und Erniedringungen machten sie zu einem verbitterten zu tiefst unglücklichen Menschen, der sich nach Annerkennng und Liebe sehnt.

3.2 Vera

Ihr äuβerliches Auβehen spiegelt ihre inneren Welt wieder, welches als düster, traurig und komisch beschrieben wird . “ Ein komische Kinde ist sie” “[ …] immer ist sie so düster und traurig, […]” (S. ) Ihre Persönlichkeit strahlt immer die Traurigkeit und Lieblosigeit aus, denn sie wird stehts als unglücklich, als ein niemals lachendes Kind beschrieben und zeigt kein fröhliches und lebendiges Verhalten wie man es vom Kindern gewohnt zu sein scheint. Sie lächelt die Leute nur aus Pflicht an, wenn sie sich für etwas bedanken muss.

Als Schülerin ist sie Klassenbeste und entwickelt sich durch das erzieherische brutale Verhalten von Marie zur Auβenseiterin. Die Mutter wird zum absoluten Mittelpunkt ihres Lebens und für alles andere zeigte sie kein offenes Interesse12. Vera versucht als Kind ihrer Mutter alles recht zu machen und, unterwirft sich ihr und tut alles, und kämpft um deren Liebe, die sie trotzdem höchst selten zu spüren bekommt. “ Liebe war […] ein kümmerlicher Ersatz, Lob und unbestimmte Zartlichkeit für ausgezeichnete Leistung, gute Noten.” (S.150) . Einen Schein von Zärtlichkeit erhält sie nur, wenn sie absoluten Gehorsam zeigt und in der Schule die Beste ist.

Um es ihrer Mutter recht zu machen - weil ihre Mutter mit ihr zufrieden ist, wenn sie iβt- fängt sie an so viel zu essen, bis sie schlieβlich Übergewicht bekommt, aber somit entwickelt sich eine Essstörungen und leidet nach Mutters Tod nun an Magersucht.

Durch die brutale Züchtigung als Erziehungsmethode ihrer Mutter, entwickelt sie sich zur förmlichen Masochistin, denn sie lässt sich von den Manner brutal schlagen, kann keine gesunde Zweierbeziehung aufbauen. Sie führt nur Beziehungen mit Männern, die sie schlecht behandeln und sie schlagen, weil sie kein Selbstbewuβtsein hat.

Als sie selbst Mutter wird, möchte sie alles anders machen. Das ist auch der Grund, warum sie ihre Tochter mehr oder weniger mit Liebe überschüttet und ihr die Freiheiten läβt, von denen sie immer geträumt hat. Und genau derselbe Grund ist es, warum sie nicht merkt, dass das eigentlich nicht das ist, was ihre Tochter sich wünscht – eine richtige Familie, mit geordeneten Verhältnissen und dauerhaftem Wohnsitz, mit einem Vater, einer Mutter, die eine selbstbewusste Individualität zeigt und ihr auch einmal etwas verbietet.

Veras Persönlichkeit zeigt einen grundlegenden Unterschied im Vergleich zu Marie auf. Marie ist stark genug um sich sich anderen gegenüber zu behaupten13. Sie schreckt nicht zurück ihre Meinung offen zu sagen und auch andere zu kritisieren. Während Vera sich selten gegen andere wehrt. Sie ist meist die brave und folgsame, was ihre Mutter in sie hineiprügelt, regelmäβig hineindressiert. Marie hat den Mut sich zu wehren, Vera hingegen nicht, die sich zu einem eher passiven Menschen entwickelt. Daneben ist Marie im Gegensatz zu Vera sehr Stolz und setzt sich durch: “den Hof betrat sie nie mehr wieder, ein Mann, ein Wort”(S.193)

4. Beziehungen der Hauptfiguren zu eineander

4.1 Maries Verhältnis zu ihrer Mutter (Mutter-Tochter Beziehung

Maries Beziehung zu ihrer Mutter ist keine von Geborgenheit und zeigt keinen einzigen Funken von Liebe auf. Wenn der Vater sie schlägt und Marie das Blut aus Nase und Mund herausrinnt, zeigt ihre Mutter völlig unberührtes Verhalten vom Geschehen, von der Brutalität des Vaters. Sie gibt nur das folgende Kommentar ab:

Wasch dir dein Gesicht […] sagte die Mutter […], als ob nichts gewesen wäre: von da an war der Haβ zwischen Mutter und Tochter unversönlich.” (S.25)

Die Mutter scheint ihre Tochter überhaupt nicht zu lieben, zeigt ihr gegenüber keine jegliche Zuneigung sondern scheint ihr Dasein nur zu dulten. Zwischen ihnen besteht keinerlei Kommunikation, auβer wenn sie Marie beschimpft oder ihr Angaben zur Arbeit erteilt. Schon als Baby wird sie von der Mutter vernachlässigt und aufgrund der Tatsache, dass ihr als Baby fast die Beine abgefroren wären und sie die ersten Lebensjahre nicht richtig gehen kann, wird sie zuerts als Krüppel und von Seiten ihrer Mutter als “Freitagskind” und “Unglückskind” bezeichnet.

Ihre Mutter hat zwar selber keinen Hang zur körperlichen Brutalität, läβt aber Marie von ihrem Vater schlagen und züchtigen, und freut sich auch noch dazu: “ […] verpetze ihre Tochter, als sei sie ihre rivalisierende Schwester […] und rieb sich die Hände als Marie […] er(der Vater) […] mit Fausten und Füβen so lange einschlugen, bis ihr das Blut aus der Nase und Mund rann. “ (S. 25)

Für das Verhalten ihr gegenüber hasst Marie ihre Mutter, die die Ausübung von Gewalt an Marie sogar mit Beifall begrüsst (S.28). Im Gegensatzt zu Vera, zeigt Marie als Tochter diesen Hass ihrer Mutter: “Undankbares Luder nannte die Mutter sie, wenn Marie ihre Verachtung in den Augen [… ]ihre grenzenlosr Abneigung zeigte”( S.25). Die Beziehung dieser beiden ist nicht geprägt von Hassliebe wie sie so oft in vielen Romanen thematisiert wird, denn hier empfindet die Tochter ausschliesslich Hass für die Mutter. Marie erhofft sich weder Zuneigung von der Mutter, noch erwartet und sehnt sie sich nach mütterlicher Liebe.

4.2 Maries Verhältnis zu ihrem Vater (Vater-Tochter Beziehung)

Als unerwartetes Mädchen – der Vater erwartete einen Jungen, denn er sehnt sich nach einen Stammhalter –wurde Maires Verhältniss zu ihrem Vater von der Geburt an durch Verachtung, Erniedrigung, Hass und Ausbeutung gekennzeichnet:

Der Bauer ging enttäuscht hinaus, das zweite mal hatte sie ihm einen Stammhalter gebären können. “ (S: 13)

Zwischen ihnen bestand alles andere als eine ausgewogene Beziehung. Die Konstellation dieser Figuren ist die eines Machtverhälnisse. Man könnte sie sozusagene als Sklavenbeziehung definieren, denn Marie wurde von ihm zum Arbeiten angetrieben und zum Gehorsam gefoltert, bis sie sich irgendwo anhaut und blutet, ohne eine richtige Kommunikation zu führen, geschweige denn ein liebevolles Wort zu wechseln. Für jede Kleinigkeit wird sie geschlagen, immer folgsam zu sein, und darf sich nie auflehnen. Marie tut zwar dass, was man von ihr erwartet, zeigt trozdem keine Bemühung um väterliche oder mütterliche Liebe. Es scheint, als ob sie sich mit dem lieblosen Verhalten ihr gegenüber abgefunden zu haben scheint.

4.3 Veras Verhältnis zu ihrer Mutter Marie (Mutter-Tochter Beziehung

Die Beziehung ist gekennzeichnet von Muttersehnsucht von Seiten Vera, ihr Verlangen nach Anerkennung und Liebe, und die Unfähigkeit Maries ihr dies zu geben. Marie geht mehr als grob mit Vera um, sie prügelt in ihre Tochter Disziplin hinein, züchtigt sie brutal mit einem Teppichklopfer als Folterwerkzeug, damit aus Vera ein guter wohlerzogener Mensch wird. Das Schlagen und Tyrannisierten wird aus erzieherischen Gründen heraus rechtfertigt: “Wer sein Kind liebt züchtigt es.”, heiβt es immer. Auβerdem wird betont: “Sie schlug mich ja nicht aus Zorn, sie schlug mich zu meinem Wohle.” (S.97)

Das auf Befehl und Gehorsam beruhende Mutter-Tochter Verhältnis eher als Dressur statt einer zwischenmenschlichen Beziehung zu beschreiben wäre treffender, denn welches Verhalten die Mutter von ihrer Tochter verlangt kann dem unten stehendem Zitat etnommen werden: “Ich war das besterzogene Kind in der Verwandtschaft, Mund halten und sitzen bleiben, nicht dreinreden, still und alleine spielen, niemanden belästigen, lehn dich nicht an mich an, [… ] Ahnlehungsbedürfnis ist Schwäche.” ( S.8)

Austausch von Zärtlichkeiten oder Zuneigungen sind nicht Bestandteil ihrer Beziehung, sich an die Mutter schmiegen zu wollen interpretiert Marie als schwächliches Zeichen, wie man es dem Zitat oben entnehem kann. Es gibt nur sehr wenige Augenblicke wo die Tochter auf Mamas Schoβ sitzen kann und einen Funkten von Zärtlichkeit von ihr erfährt, und zwar wenn sie die besten Noten liefert.

Maries Funktion ist es zu befehlen und zu fordern: “Hol mir den Prügel” (S.96), Veras Funktion besteht im absolutem Gehorsam. “Ausreden, Erklärungen, Entschuldigungen gab es nicht” (S.96) Widerrede wird in diese Mutter-Tochter Beziehung auf keinen Fall akzeptiert und mit körperlicher Strafe bezahlt. Vera bezeichnet ihre Mutter dafür als “Kerkermeister” (S.225)

Marie terrorisiert ihre Tochter mit Drohungen, schüchtert sie ein, und erzeugte bei Vera intensive Angst. Sie wird mit den Etiketen “ verängstigtes Kind”, und “ dressierter Hund” versehen. Marie erzieht ihre Tochter in der Art und Weise, dass sie übermäβig ängstlich wird: “Ich wurde feig und ängstlich. Überall lauerte die Gefahr, alles war gefährlich.” (S.99)

Das Verhältnis zur Mutter scheint Vera auf ihre Puppen zu übertragen. Sie misshandelt und verkrüppelte ihre Puppen für angeblichen Ungehorsam, genauso wie dir Mutter.

Zwischen Marie und ihrer Tochter Vera besteht eine Art Hassliebe, was man an den gegensätzlichen Reaktionen sieht: Vera möchte einerseits alles dafür tun, dass sie ihre Mutter glücklich macht und Liebe von ihr bekommt, andererseits hasst sie sie für das was sie ihr antut und sie wünschte ihr den Tode: “Wie oft habe ich ihr den Tod gewünscht, der dann zu früh kamm.” (S.8)

Nach Maries Tod fängt Vera zuerst langsam an, das richtige Leben für sich zu entdecken, hasst ihe Mutter, weil sie sie verhindert das Leben zu geniesen, und versucht es voll auszukostet, indem sie ständig ihren Wohnort wechselt, durch Länder zieht, und reichlich Affären mit den verschiedensten Männern (S.10) eingeht. Auch als Reaktion zu ihre Mutter und als Versuch sich von ihrer Mutter loszulösen: “ Ich wurde alles, worüber sie sich am meisten entsetzt hätte.” (S.10), lebt sie ein Leben, dass ihre Mutter als schändlich beschimpft. Aber der Schein trügt, Vera kann sich nicht von ihrer Mutter loslösen. Nach Maries Tot ist Veras Verhalten gekennzeichnet von Orientierungslosigkeit und Muttersehnsucht. Sie fühlt sich ohne Mutter, die der Mittelpunkt ihres ganzen Lebens war, allein und einsam: “[…] Als sie Tod war wollte ich nicht mehr weiter leben […] ich stehe allein in der Welt.”(S.9)

Vera glaubt ihre Mutter sei die einzige Person, die sie versteht und liebte. “[…] nur sie verstand mich, nur sie liebte mich[…]” (S.9). Die Haltlosigkeit und Auswegslosigkeit zeigt sich in Esstörungen und Magersuch. Sie sehnt sich nach Mutterliebe und Geborgenheit;“[…] ich wollte gewiegt werden, zurück in ihren Schoβ”; “ nie mehr in die Wiklichkeit zurück (S. 7), kommt mit der realen Welt nicht nicht klar und fühlt sich vom Leben abgestempelt; “das Gefühl das Leben hat mich abgestellt und vergessen” (S.7) .

Auch Marie sieht in Vera die einzige Lebenserfüllung, sie sieht in der Erziehung ihrer Tochter den Lebenssinn. Vera ist für sie das wichtigste was sie je hatte, voran sie sehr hängt und sich fest an sie klammert: “ Das Kind war ihr einziger Besitz, den sie eifersüchtig, ängstlich bewachte und ständig bedroht glaubte. [… ] durfte es niemand tragen auβer ihr. Sie fürchtete jemand würde es fallen lassen. Aber sie hatte selbst eine Scheu davor, es zu halten, […] bis sie den Druck der Angst nicht mehr aushielt und den Kinderwagen mitsamt seinem schreienden Inhalt in hilfloser Verzweiflung gegen die Wand stieβ. Dann […] stundenlang [...] weinte.” (S.89)

Dises Zitat aus dem Roman, zeigt neben dem ambivalentem Verhalten der Tochter gegenüber, ebenso Maries Ohnmacht. Sie liebt und bangt um ihrer Tochter, hält es aus Angst nicht aus und fügt ihr aus Verzweiflung selber Gewalt zu. Obwohl Marrie ihre Tochter sehr zu liebten scheint, misshandelte sie sie in dem sie Vera für Ungehorsam und eine Unmenge Kleinigkeiten14 prügelt, so lang bis sie selber aus Erschöpfung fällt und Vera blutet oder sich an einen Gegenstand anhaut. Zu ihrer Tochter verhält sie sich brutal, denn sie scheint keine andere Möglichkeit der Kindeserziehung zu kennen: “Kinder müβen unbedingt geschlagen werden, sonst wird aus ihnen nichts, wer sein Kind liebt, der spart die Rute nicht.” (S. 101)

Marie sieht die Möglichkeit ihres unerfüllten Wunsches als Klosterfrau durch Vera zu verwirklichen, der ihr aber verwehrt bleibt. Vera erzählt: “Sie liebte mich mit verzweifeltem Masochismus, sie haβte mich dafür, nicht die spontane Erfüllung ihrer Traume zu sein. “ ( S. 90)

Die Mutter ist der Überzeugung sie tue das besste für ihre Tochter und ist sich nicht bewuβt, dass durch ihr terrorisierendem Verhalten, dass sie ihrer Tochter gegenüber zeigt, sie die Schuldige für Veras unglückliches Leben ist und die Verantwortung für die Unfähigkeit der Tochter eine individuelle und selbständige Persönlichkeit zu entwickeln, trägt

Marie treibt aber ihre Tochter nicht in die traditionelle Frauenrolle hinein, ganz im Gegenteil, Vera ist nicht verpflichtet im Haushalt mitzuhelfen, die Erwartungen der Mutter beziehen sich ausschlieβlich auf gute Leistungen in der Schule, auf Keuschheit und Gehorsam, dipnot: denn nur ein “total verblödetes, gottgegebens Schaf ist eine gute Hausfrau”(S.10).

Wie Veras Leben gestaltet wird, entscheidet Marie für sie, sie lässt ihr fast keinen Spielraum und keine Entscheidungsmöglichkeiten:“ V era braucht nicht zu heiraten, die wird Klosterlehrerin.” (S. 131).

Die stabile Beziehungskonstellation dieser Mutter-Tochter Beziehung zeichnet sich neben einem stets unnahbarem und kühlem ( S. 161) Verhältnis, auch durch eine starken Macht- und Kontroll Beziehung aus: “ Wo durchschaut und geprügelt wird, gibt es kein Briefgeheimiss” (S.166) Eine Privatsphäre gibt es in dieser Beziehung nicht, denn:” in den Ferein öffnete sie die Briefe “ (S.166), die Veras Klassenkameradinen schrieben.” So dass Vera “eine Meisterin in Verschlüβeln von Botschaften “ werden muss, um mit ihren Mitschülern einen Funkten von persönliches Gespräch führen zu können.

In dieser Mutter Tochter Beziehung kann man nicht von einem Austausch von Gedanken Gefühlen sprechen. Die bestehende einseitige Kommunikation zwischen beiden Figuren erkennt man am folgenden Zitat: “W ir wurden die besten Freundinnen, ich erzählte ihr nichts, sie erzählte mir alles. Ich war gut dressiert, meine Antworten waren spontan und entsprachen ihren Erwartungen.” (S.9)

In Maries und Veras Verhaltniss findet sich auch das Motiv der unterdrückten Sexualität, “ d ie beunruhigenden Zeichen von Weiblichkeit” (S.132) die von Marie so stark wir möglich kaschiert wurde. Als Vera in die Pupertat kommt, zieht Marie Vera Umstandskleider an, damit die weiblichen Züge verdeckt wurden. Mit achtzehn wird Vera immer noch von ihrer Mutter gewaschen, damit sie sich nicht selbst berührt und somit ihre Reinheit gewahrt bleibt, und auβerdem nicht auf unsittliche Gedanken kommt.

4.4 Veras Verhältniss zu ihrer Tochter

Im Roman wird wenig über ihre Beziehung ausgesagt. Die erste und wichtig erscheinende Bemerkung ist folgende: “ […] wenn ich ihr ein Rätzel bin […]” (S. 5) Ein Rätzel wird im Wörterbuch als Geheimniss definiert, als etwas undurchschaubares und unverständliches, dass wenn möglich gelöst werden könnte. Übertragen auf die Mutter Tochter Beziehung kann man es als deren Unkenntniss voneinander, die Ahnungslosigkeit der Tochter über die mütterliche Persönlichkeit definieren. Daneben scheint hier die Kommunikationslosigkeit dieser zwei Menschen deutlich hervor. Der Satz “Viele Jahre schweigen” (S.5) unterstreicht weiter deren Beziehung, die durch ein Schweigen gekennzeichnt ist. Da sich Vera bewusst zu sein scheint, dass sie ihrer Tochter ein Rätzel sei, zeigt, dass sie als Mutter mit ihrer Tochter niemals ihre Gedanken und Gefühle mit ihr austauscht. Auch verschweigt Vera ihre “zuchtvolle” Kindheit. Ihre Tochter verfügt über kein Wissen bezüglich der erfahrenen traumatischen Kindheit, die voller Misshandlung und Unterdrückung gekennzeichnet ist. Der Schutz vor Grauen und Angst sowie das Ziel der Tochter eine unbeschwerliche schöne Kindheit zu geben, sind Gründe dieser Verschweigung.

Zwar fehlt in ihrem Verhältnis die grausame Erziehunhsmethode der körperliche Bestrafung, aber dies garantiert gelungene Beziehung und keine glückliche Kindheit. Trotzt Sanktionslosigkeit, und obwohl Vera ihre Tochter mit Liebe und schönen Spielzeugen überschüttet, macht sie trotzdem ihre Tochter- eine namenlose Figur im Roman- so unglücklich, das auch sie nicht leben möchte und Selbstmordversuche plant. “Todessüchtig ist sie geworden, und ich bange um ihr Leben. Sie brütete neue Todesarten aus […].” (S.213)

Vera hat mit ihrer Tochter keine offene Beziehung, sie glaubt ihre Tochter immer als glückich, bis sie ihr Tagebuch liest und erkennt, dass auch sie keine gute Mutter gewesen war. Sie zeigt kein beispielhaftes Verhalten als Mutter, denn sie empfindet sich selbst als “wertlos”, scheitert deshalb in Zweierbeziehungen, wechselt ständig ihren Wohnort und kann ihrer Tochter keine richtige Familie mit Vater geben, wonach sich ihre Tocher sehnt. Dafür beschuldigt die Tochter sie und lehnt sie ab.

Obwohl Vera als Mutter ihrer Tochter Liebe zu schenken glaubt, ist sie sich bewusst, dass diese Beziehung, die “nicht einmal frei von Haβ “ (S.156) ist, nicht gelungen ist, dass sie “ s tumm, hilflos und beschämt” (S.156) wie ihre Mutter ist, denn sie ist “ auch hier die Tochter der Mutter” (S.156) geblieben.

5. Interpretationsansatz

5.1 Ambivalente Beziehung und starke Bindung zwischen Muttter-Tochter

Zwischen der Mutter und der Tochter besteht eine paradoxe Beziehung. Die paradoxe Beziehung beinhaltet gegensätzliche Gefühle, Gedanken und ebenso gegensätzliches Verhalten. Folgende Zitate weisen auf Veras ambivalente Haltung und Gefühle ihrer Mutter gegenüber hin, in denen sie einerseits meint: “Gott sein Dank, dass sie so früh gestorben ist[…] (S.6), aber andererseits heisst es: “Als sie Tod war, wollte ich nicht mehr weiter leben […] “(S.9), und “Ich wollte in ihrer Armen zurück […]” (S. 7). Vera empfindet sowohl Hass: “hasste ich sie” (S.5) als auch Liebe für sie.

Auch die Aussage “ ich konnte über alles mit ihr reden” (S.9) stimmt mit der Äusserung: “ich erzählte ihr nichts” (S.9) nicht überein. Das sich “über alles äussern” können, schliesst das “nichts-erzählen” aus. Ferner scheint die ambivalente Beziehung der beiden in diesem Zitat hervor: “Ein Rätzel und eine Selbstverständlichkeit.” (S.5). Ein Rätzel ist etwas verborgenes, während ein selbstverständlicher Sachverhalt klar und offen ist. Ausser diesen beiden Verknüpfungen von gegenseitiger Wertungen unterstreichen ebenso die folgenden Worte Veras die ambivalente Beziehung zu ihrer Mutter: “wir waren einander ganz nah” ( S.211) und “ unnahbar” (S.5). Zwar empfindet Vera die Haltung ihrer Mutter als unnahbar, aber gleichzeitig beschreibt sie ein fast idylisches Bild einer Zweisamkeit: “[…] es bedurfte nicht vieler Worte, wir liebten das Dunkle, […] wir waren einander ganz nah, sie war die einzige die meine Gedanken verstand […] wachten wir gleichzeitig auf, saβen einander gegenüber und und redeten in der Traumsprache miteinader. Sie las in meinem Gesicht, ich konnte nichts verbergen […]” (S.211)

Beide sind stark an einander gebunden, weder Vera kann ohne Mutter leben, noch die Mutter kann ohne Vera leben. Es besteht gleichzeitig eine starke Bindung zwischen ihnen als auch eine paradoxe Beziehung, denn Vera liebt ihre Mutter und nimmt sie als Vorbild; “Ich liebte sie und wollte werden wie sie. “ (S. 245;, möchte ohne sie nicht leben: “Als sie Tod war wollte ich nicht mehr weiter leben […] ich stehe allein in der Welt.”(S.9), wünscht ihr aber paradoxerweise auch den Tod: “Wie oft habe ich ihr den Tod gewünscht” (S. 8).

Einerseits liebt die Tochter die Mutter, hat andererseits auch eine groβe Ansgt vor ihr: “Aber meine Mutter ist eine Leerstelle, die sich mit Angst füllt, wenn ich meinen Blick auf sie werfe.” ( S.134) Zwar macht die Tochter einige Versuche sich von der Mutter lözsulösen, sehnt sich aber auch nach dem “Mutterschoss” und möchte ihr “wie sie werden”. Sie ist im Zwiespalt, was sie für ihre Mutter empfindet, hasst sie (S.5) aber denkt auch, dass die Mutter der einzige Mensch war, der sie je geliebt hat: “nur sie liebte mich.”(S.9).

Ebenso zeigt Marie ambivalente Gefühle und Verhalten ihrer Tochter gegenüber, denn sie schlägt ihre Tochter, wenn sie gesund ist, liebt sie aber auch sehr stark und scheint dies zu zeigen als ihre Tochter erkrankt. Die Liebe der Mutter zu Vera ist im folgenden Zitat ersichtlich, im dem Marie Todesangst erleidet, es könne der erkrankten Tochter etwas passieren: “Die Aufopferung meiner Mutter war grenzenlos. Tagelang trug sie mich auf den Rücken auf den Hausberg in der Stadt herum, denn der Arzt hatte Höhenluft verordnet, und einen Aufenthalt in den Bergen konnten sie sich nicht leisten[…] Sie saβ immer am Bett, Tag und Nacht, Goldkind, Goldkugerle, stirb mir nicht[…] sie erfüllte mir jeden Wunsch, […]”(S.136)

Aber schon ist Vera gesund, folgt abermals die brutale Züchtigung: “Meine Mutter begann wieder pflichtbewuβt, mich für jede schlechte Note zu züchtigen.” ( S.163) “Nie hat sie Zeit, und ihr strenges, abweisendes Gesicht gibt drohende Befehle.” (S.84) Obwohl die Mutter Marie der Tochter jeden Wusch erfüllt als sie krank ist, und sogar Kosewörter zu zeigen scheint, verfällt sie abermalls in die kalte, autoritäre und unnahbare Mutterrolle hinein. “[…] und die aufgeschundenen Knie! Je gröβer die Wude war, desto gröβer die Panik, desto heftiger der Zorn und die Schläge.” (S.98)

Es sehr auffalend, dass Marie Vera auch aus Angst Vera könne etwas zustossen, sie könne hinfallen und sich weht tun, schlägt, was deutlich abermalls paradox erscheint und die ungesunde Psyche Maries wiederspiegelt, die auch in Verzweiflung zu schlagen scheint. Die Tatsache, dass die Mutter ihre Tochter aus dem Grunde dass sie sich weh getan hat schlägt, damit sie nicht hinfält und sich kein Leid zuführt, erscheint ein weiterer deutlicher Beweis einer ambivalente Haltung zu kennzeichnen.

Neben diesem ambivalentem Verhalten, ist die Beziehung der zwei Personen, wie bereits erwähnt von sehr starker Bindung gekennzeichnet, denn nicht nur Vera vermag ohne die Mutter zu leben, auch Marie selber:” Wenn du mir fortgehst, Kind, das überlebe ich nicht […] wie soll ich leben ohne dich[…] “ (S.218). Deutlicht scheint hier die mütterliche Existenz von der Nähe der Tochter abzuhängen. “Wenn du von mir fortgehst, werde ich sterben, hatte sie gesagt. Ich ging zu einer anderen Stadt zur Universit ä t, ein halbes Jahr später war sie tot”.( S.9)

Hier erkennt man neben dieser starken Bindung dieser zwei Personen zueinander auch, dass Maries einziger Lebensinn und Funktion als Mutter ihre Tochter darstellt. Die Mutter sieht ihre Tochter als “ Lebenswerk” (S.214) an. Da die Erziehung bzw. Züchtigung beendet scheint und die Tochter in eine andere Stadt zieht, ist die Funktion der Mutter als soziale Rolle und ebenso der Sinn des Lebens zu Ende, was für sie den Tod bedeutet. Die (raumlichen) Trennung der Tochter von der Mutter wird für die Mutter mit dem Tod gleichgesetzt.

5.2 Mutter als Herrscherin über alles:

Die Beziehungskonstellation dieser Mutter Tochter Beziehung beruht auf einem Machtverhältnis und ist von Gewalt geprägt. Wie auch Susanne Lackner in ihrer Dissertation treffend hervorhebt, geht es im Roman um die Macht, die die Mutter über ihre Tochter verfügt. Die Mutter übt eine einfluβreiche Macht über das Leben der Tochter aus, sie entscheidet was, wann und wie viel Vera zu essen hat, wie sie gewaschen wird, welches Musikinstruement sie lernt - wenn überhaupt - , und was besonders ins Auge fällt ist der Entschluβ der Mutter über die Freundschaften von Vera. Marie entscheidet, ob Vera und mit wem sie sich anzufreunden habe, die Mutter sucht die passenden Freunde für sie aus: “Erich wurde mir als neuer Freund aufgezwungen.” (S.129) , denn Vera "muβte sich mit den richtigen Mädchen anfreunden" (S.111). Mutter Marie ist sozusagen die Herrscherin über ihre Beziehung und über das Leben der Tochter, wie die Ich-Erzählerin selber hervorhebt: “Sie hat mein Glück und Unglück in der Hand” ( S.137), und diese Macht hat so einen groβen Einfluβ, das sie sogar bis weit über ihren Tod hinausdauert.

Die Mutter herrscht ebenso über den Körper der Tochter, die sich nie selbst berühren darf und der es verboten ist sich auch noch mit achtzehn Jahren selber zu waschen. Sogar die Unterwasche wird von der Mutter immer “inspiziert”.

[...]


1 Mitgutsch, Anna, offizielle homepage; http://www.anna-mitgutsch.at/biographie.html, 25.11.2011

2 Im Roman wird der Begriff des Stammhalters besonders hervorgehoben, der die patriarchale Sruktur der traditionellen Familien reflektieren soll, inder weibliche Nachkommen nicht erwünscht sind: “ Der Bauer ging enttäuscht hinaus,[ ...] sie ihm einen Stammhalter gebären sollen. .” (S. 13) Auch Mutter Marie zeigt sich enttauscht über die Geburt ihrer Tochter: “ Oje, ein Mädchen, sagte Marie, und ihr Kopf sank enttäuscht.”(S.77)

3 “Aber vor allem war es Männerarbeit, Geld nach Hause zu bringen.“ (S. 118)

4 “Ich habe sie doch gesehen, die Fotos von den BDM – Mädchen, ich habe meine Tanten darauf wiedererkannt, Fotos versteht ihr, Beweise […]Lieder […] meine Mutter […] sie sang wie Frühlinslieder, Weihnachtslieder[…]” (S. 53) Auch Maries Schwester feierten diese Zeit mit, aber als der Krieg aus war, wuβte niemand von etwas.

5 Die Ich-Erzählerin fordert Rechenschaft für die grausame Zeit: “Was hast du gewuβt? Was hast du gesehen? Die Maβengräber […] die Propagandafilme und die Vergewaltigungen. Wie glaubst du, soll ich das meiner Tochter erklären, die dich liebt? “ (S.53)

6 Köppe, Tilmann, Winko, Simone; Neuere Literaturtheorien, Eime Einführung; J.B. Metzler'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgard, 2008, Gadamer, S. 25-27

7 Ekiz 2007, S.123

8 Tepe, Peter; Literaturtheorien /Methoden der Textanalyse-und Interpretation. Teil 1, Reader zur Vorlesung bzw. Zum Grundseminar im Magister und- und Bachelorstudirngang

9 Es wurde die dtv-Ausgabe 2010 des Romanes benutzt

10Nach jedem Mal strenget sie sich noch mehr an. […] sich und dem Kind eine einen Platz zu erkampfen unter den Ingeneuren, Arzteni Architekten und Professoren der Gemeinde” (S. 94)

11Dann kam der Ehrgeiz mehr sein zu wollen” (S. 95)

12 Wesihaupt, Sabine, Referat: “Die Züchtigung”, Waltraud Anna Mitgutsch, http://www.referate10.com/referate/Literatur/21/Die-Zuchtigung-von-Waltraud-Anna-Mitgutsch-reon.php

13 Marie wird als trotzig beschrieben

14 “ Da stand das Vergehen, vom Bananenfleck auf dem Kleid bis zur verweigerten Nahrungsaufnahme, unsühnbar, […]” (S.96)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
"Wie sie mir, so ich ihr" als Teufelskreis der Misshandlung. Analyse des Romans: "Die Züchtigung" von Anna Mitgutsch
Hochschule
İstanbul Üniversitesi
Note
2
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V924656
ISBN (eBook)
9783346249029
ISBN (Buch)
9783346249036
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauenliteratur, Roman, Analyse, Anna Mitgursch, Die Züchtigung, Beziehungs- Problematik
Arbeit zitieren
Meryem Köprülü Pazarbaşı (Autor), 2012, "Wie sie mir, so ich ihr" als Teufelskreis der Misshandlung. Analyse des Romans: "Die Züchtigung" von Anna Mitgutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924656

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