Die Relation zwischen Subjekt und gesellschaftlicher Struktur nach Focault


Bachelorarbeit, 2020

39 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleit

B. Begriffsbestimm
I. Diskurs
II. Dispositiv
III. Subjekt

C. Sexualität, Repression und Norm
I. Die Gestalt der Repression
II. Normen der Sexualität und die sich entfaltende Macht

D. Die Macht und das Wissen
I. Der Zwang des Geständnisses

E. Der Wille zum Wis
I. Die sich verschleiernde Macht
II. Die Macht als Handlung
III. Die Produktion der Sexualität

F. Die Macht des Leben

G. Konklusio

H. Bibliographi

A. Einleitung

»Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung.«1

Der Lauf der Geschichte schreitet voran, die sich mit diesen wandelnden Gegebenheiten tragen eine Veränderung, eine Aktualisierung, der individuellen und kollektiven Daseinsweise der Menschen in sich. Diesen neuen Gestalten gilt es nachzujagen, sie aufzuspüren und ins Licht einer analytischen Betrachtung zustellen. In diesem Sinne wird in der vorliegenden Arbeit eine Anschauung der gesellschaftlichen Struktur sowie der Subjekte, die von dieser eingeschlossen sind, erfolgen. Dasjenige Verhältnis, in welchem beide zueinanderstehen, wird aufgezeigt und diejenigen Mechanismen, die in diesem ihre Wirkung entfalten, werden dargestellt. Die Analyse steht dabei in Einklang mit dem Denken Michel Foucaults, welches der Boden ist, aus dem heraus die Betrachtung erwächst. In dem hier maßgeblich verwendeten Werk Der Wille zum Wissen, welcher den ersten Band der Reihe Sexualität und Wahrheit darstellt, betrachtet Foucault die Wechselspiele, die die Macht, das Wissen und die Sexualität in unserer Gesellschaft miteinander eingehen. Einer der Gedanken, die das Buch durchziehen, ist die Frage, wie aus sexuellen Verhaltensweisen Gegenstände des Wissens werden konnten und wie dieses analytische Wissen über die Sexualität wiederum Wirkung auf den Menschen ausüben kann. Die Reflexionen, die von ihm angestellt werden, eröffnen sich an mannigfaltigen Punkten als ein Bruch mit denjenigen Vorstellungen, die wir in einem alltäglichen oder wissenschaftlichen Verständnis als unveränderliche Tatsachen annehmen. Mit Hinblick auf eine philosophisch oder allgemein eine (natur-) wissenschaftlich geprägten Betrachtungsweise ist der Analyse Foucaults ein eigentümlich erscheinender Charakter zu eigen: Nicht so sehr steht die Konstituierung einer anwendbaren Theorie, eines allgemeinen Lehrsatzes, im Vordergrund seines Denkens, viel mehr geht es darum auf diejenigen Bereiche, denen wir ein sicheres Wissen zuschreiben, mit einem gewandelten Blick zu schauen und dort mögliche Brüche mit gegebenen Vorstellungen aufzuspüren, damit die Möglichkeit gegeben ist »[...] nicht nur Wahrheiten festzustellen, sondern zu einer Erfahrung zu gelangen, die eine Veränderung erlaubt, einen Wandel in unserem Verhältnis zu uns selbst und zur Welt dort, wo wir bisher keine Probleme sahen (mit einem Wort, in unserem Verhältnis zu unserem Wissen).«2 Die uns umgebenden Dinge sollen mit anderen Augen wahrgenommen werden, um dadurch gegebenen Verhältnisse verändern zu können.

In Der Wille zum Wissen betrachtet Foucault das Verhältnis, in welchem die Sexualität und das Wissen zueinanderstehen. In dem von ihm dargestellten Wechselspiel zwischen den Subjekten und dem Sexualdispositiv wird langsam diejenige Wirkung an die Oberfläche befördert, die von gewissen im Dispositiv verlaufenden Macht- und Wissenssystemen auf den Menschen entfaltet wird. Die Anschauung geht hierbei von einer Repressionshypothese aus, in welcher dem Sex3 ein Verbot, eine Verweigerung, eine Zensur auferlegt wird: die Repression der Sexualität. Dieser Gedanke, in dem die sexuelle Unterdrückung in den westlichen Gesellschaften des 18. und 19 Jahrhunderts als eine historische Gegebenheit erscheint, muss nach Foucault jedoch in einem veränderten Licht betrachtet werden. In dieser Neuausrichtung unseres Denkens darüber soll es nicht darum gehen diese Repression zu verneinen, sondern soll viel mehr aufgezeigt werden, dass diese in ein komplexes Netz von politischen Strategien und Techniken eingebunden ist, die auf die Sexualität einwirken. »Man liest das Buch demnach als eine verändernde Erfahrung, die es einem verwehrt, derselbe zu bleiben wie bisher oder zu den Dingen, zu den anderen, das gleiche Verhältnis zu unterhalten wie vor der Lektüre««4

Die vorliegende Arbeit steht im Zeichen, die bestehenden Beziehungen zwischen der Macht, dem Wissen und dem Subjekt nachzuzeichnen. Was ist es, dass die Macht und das Wissen verbindet? In welchem Verhältnis stehen diese wiederum zum Subjekt? Welches ist die Gestalt der Macht, die auf uns einwirkt? Was sind ihre Mechanismen und Ziele? In Abgrenzung zu einer klassischen, erkenntnistheoretischen Vorstellung des Subjekts, welche dieses als etwas unveränderliches, ewig gegebenes denkt, wird im Verlauf der Ausarbeitung aufgezeigt, dass das Subjekt etwas ist, das sich in einem stetigen Wandel befindet, dass die Subjektivität verschiedener, geschichtlicher Zeiträume nicht dieselbe ist. Sich diesem Gedanken anschließend wird eine Analyse der Repression erfolgen, welche anhand der Sexualität ihre Anschauung findet. Auf den ersten Blick erscheint es so, als ob die Unterdrückung, derer wir ausgesetzt sind, mildere Züge als in vergangenen Epochen angenommen hätte. Es wird aufzuzeigen sein, dass die Repression nicht unbedingt eine gemilderte Gestalt angenommen hat, sondern sich subtilerer Techniken als zuvor bedient. Die Wirkung, die sie auf uns entfaltet, trägt nicht mehr die alte Härte einer strafenden Macht in sich. Diejenige Macht, die in der unsrigen Gesellschaft auf uns wirkt, droht keine Strafe an, sondern dringt in unsere Körper ein, verändert uns und zielt darauf ab, nützliche und gehorsame Subjekte zu produzieren. Dieses Einwirken, dieses Formen von Subjekten wird anhand der die Gesellschaft durchzeihenden Machtverhältnisse betrachtet, hinsichtlich ihrer wirkenden Mechanismen und Zielen analysiert. Es wird zu zeigen sein, wie eine Wechselwirkung zwischen dem in unserer Gesellschaft wirkenden Sexualdispositiv und der kapitalistischen Produktionsweise an dem Einwirken auf unsere Körper interessiert ist und wie daraus eine Produktion von nützlichen, kontrollierbaren und konsumierenden Subjekten erwächst. Im Verlauf der Arbeit wird zum Vorschein gebracht, warum die Sexualität für Foucault ein solch zentrales Thema in seiner Betrachtung von den in der Gesellschaft wirkenden Machtverhältnissen darstellt. Die Sexualität eröffnet sich als ein Mechanismus, der es der Macht ermöglicht auf das Leben einzuwirken, es in eine nützliche und produktive Gestalt zu zwängen.

Die Grundlage der Ausarbeitung liegt im Denken Foucaults und bedient sich einhergehend damit hauptsächlich seiner Werke. Die hier angestellte Betrachtung folgt in ihren Grundzügen denjenigen, die Foucault in Der Wille zum Wissen angestellt hat. Hinsichtlich der Darstellung von Normalisierungs-Effekten wird sein Werk Überwachen und Strafen zu einer ergänzenden Betrachtung herangezogen. Anhand von verschiedenen Aufsätzen aus dem Sammelband Analytik der Macht wird die Gestalt der Macht in einem klaren Licht dargestellt und ihr Verhältnis zum Subjekt betrachtet. Die Einordnung bestimmter Gedanken und Begriffe Foucaults beruht auf den Werken Foucault und Was ist ein Dispositiv? von Gilles Deleuze.

B. Begriffsbestimmung

In dem vorliegenden Kapitel wird eine Klärung von zentralen Begriffen aus der Philosophie Foucaults erfolgen. Die Begriffe, deren Definition an dieser Stelle erläutert wird, sind keine, die lediglich dem Sprachgebrauch Foucaults entstammen, jedoch kommt jenen durch diesen ein eigener oder abgewandelter Sinn zu, der die Begriffe von ihrem gewöhnlichen wissenschaftlichen Gebrauch unterscheidet. Diese Begriffsbestimmungen werden vor die eigentliche Ausarbeitung gestellt, nicht um sie in ein hervorhebendes Licht zu stellen, sondern um ein besseres Verständnis der Arbeit und damit der dargestellten Philosophie Foucaults zu ermöglichen.

I. Diskurs

Bei dem Diskurs handelt es sich um einen Begriff, der sowohl in der alltäglichen wie auch in der wissenschaftlichen Sprache verwurzelt ist, der regelmäßig verwendet wird und dessen Definition in den meisten Verwendungen gleichzeitig lediglich eine verhältnismäßig vage Gestalt annimmt. So werden dem Diskurs im Duden drei Bedeutungen zugeschrieben, in welchen die Varianz seiner Definition zum Ausdruck kommt: Die angegebenen Begriffsbestimmungen reichen von einer »methodisch aufgebaute[n] Abhandlung über ein bestimmtes [wissenschaftliches] Thema« über eine »[lebhafte] Erörterung; Diskussion« hin zur »Gesamtheit der von einem Sprachteilhaber tatsächlich realisierten sprachlichen Äußerungen«] Dieser angezeigte, beliebige Gebrauch des Begriffs lässt somit eine allgemeingültige Definition von ihm nur schwerlich zu. Doch welchen Ausdruck findet der Diskurs im Denken Foucaults? Er wird gedacht in der Gestalt eines Sinnzusammenhanges von Sprache und Denken, in welchem Gegebenes einer jeweiligen historischen Epoche behandelt und geformt wird. In seinen Werken Die Ordnung der Dinge sowie Archäologie des Wissens, die den Diskurs als einen ihrer zentralen Inhalte hat, ordnet Foucault dasjenige ein, dass diesem zugrunde liegt und seine Bewegung bestimmt:

»Eine Aufgabe, die darin besteht, nicht — nicht mehr — die Diskurse als Gesamtheiten von Zeichen (von bedeutungstragenden Elementen, die auf Inhalte oder Repräsentationen verweisen), sondern als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.«5 6

Der Unterschied zu der im Duden angegebenen Begriffsbestimmung macht sichtbar, dass in dem Begriff des Diskurses mehr enthalten ist als eine bloße Diskussion oder eine sprachliche Auseinandersetzung mit einem wissenschaftlichen Themengebiet. Der Diskurs ist mit der gegebenen Realität verbunden, kann diese strukturieren und ordnen.

II. Dispositiv

Ein Dispositiv7 eröffnet sich als ein komplexer Begriff, der verschiedene Bereiche des gesellschaftlichen Lebens und Handelns in Verbindung zueinander stellt. Seine Gestalt ist die eines Netzes aus heterogenen Elementen, welche stets in einem gewissen Ungleichgewicht zueinanderstehen, die sich einander annähern und sich voneinander entfernen.8 Ihre Position zueinander kann sich somit verändern, dem folgend kann sich ebenso ihre Funktion innerhalb eines Dispositivs wandeln. Diese Elemente erwachsen aus der gegebenen gesellschaftlichen Struktur heraus, es sind Diskurse, Institutionen, Gesetze, wissenschaftliche Aussagen etc., die sich zu einem Netz verknüpfen, welches das Dispositiv ist.9 Diesem Netz schreibt Foucault eine strategische Natur zu, diese drückt sich in einem Einwirken auf in der Gesellschaft bestehende Kräfteverhältnisse aus, wodurch Dispositive als in Verbindung mit der Macht und dem Wissen stehend zu betrachten sind.10 11 Sie sind keine Gebilde, die natürlich in der Gesellschaft gegeben sind, sondern treten sie erst mit ihrer jeweiligen Funktion in Erscheinung und stehen somit in einer gewissen Abhängigkeit von strategischen Positionen, die ein Dispositiv hervorbringen und umgekehrt von diesem wiederum geformt werden. Durch diese Bindung an eine Funktion sind sie an historische Gegebenheiten gebunden, ihnen kommt so in doppelter Art die Gestalt der Aktualität zu. Zum einen da sie strategisch aus aktuellen Gegebenheiten in der jeweiligen Gesellschaft erwachsen und da sie zum anderen in ihrem Verlauf etwas Neues hervorbringen: »In jedem Dispositiv muß man unterscheiden zwischen dem, was wir sind (was wir schon nicht mehr sind), und dem, was wir im Begriff sind zu werden: der Anteil der Geschichte und der Anteil des Aktuellen.«1 In ihrer strategischen Funktion haben die Dispositive ein Ziel, das durch sie erreicht werden soll. Sie decken sich daher mit Machtverhältnissen, welchen das gleiche Ziel zu eigen ist und die in Wechselwirkung mit dem jeweiligen Dispositiv stehen.

III. Subjekt

Das Subjekt erscheint als ein Begriff, dem in der heutigen Philosophie eine feste Verortung zugeschrieben wird. In seinen Meditationen konzipiert Descartes den Grundstein der modernen Subjekt-Vorstellung: Der methodische Zweifel dient ihm als Mittel, um das denkende Selbst, das Ich, als zweifellos existierend annehmen zu können.

Das Denken wird zu demjenigen Element, das die eigene Existenz beweist, wodurch der Mensch als ein denkendes Ich gedacht werden kann, das zur Erkenntnis der Welt befähigt Kant setzt gewissermaßen den Gedanken dieser Subjekt-Vorstellung fort, die Erkenntnis von Objekten wird an das Subjekt gebunden. Damit überhaupt eine objektive Erkenntnis möglich ist, wird ein Subjekt benötigt, welches mittels seines Erkenntnisvermögens das Objekt konstituiert. Die Objekte der Erkenntnis und damit die Wirklichkeit, aus der sie wurzeln, sind dem Subjekt über seinen Verstand, seine Anschauung der Dinge und seiner daraus resultierenden Erkenntnis gegeben12 13.

Der Subjekt-Begriffs nach Descartes und nach Kant, der an dieser Stelle lediglich skizzenhaft dargestellt wurde, kann als der Grundstein der modernen Subjekt-Vorstellung angesehen werden. Insbesondere innerhalb der philosophischen Strömung des Deutsche Idealismus' und des Neukantianismus' erfolgte eine Auseinandersetzung mit diesem Subjekt­Begriff, innerhalb welcher dieser gewisse Abwandlungen, Modifikationen, erfahren hat. Von diesen unberührt bleibt dasjenige Element des Subjekts, das ihm den Charakter von etwas Unveränderlichen, etwas ewig Gegebenen zuschreibt. Dem klassischen Subjekt­Begriff ist in dieser Hinsicht ein gewisser starrer Charakter zu eigen. Das Subjekt erscheint als etwas, dem Ewigkeitscharakter anhaftet. Das Subjekt wird als dasjenige gedacht, dem die Erkenntnis zukommt. Dem erkennenden Ich kommt durch seine Anschauung das Erkennen der Welt zu. Gewissermaßen ordnet sich die Welt durch das Subjekt. Die sich verändernden Gegebenheiten des Lebens, der Geschichte, lassen das Subjekt unberührt zurück, sein Charakter ist in diesem Sinne ahistorisch. An der Gestalt des Historischen knüpft die Subjekt-Vorstellung Foucaults an, in welcher das Subjekt als etwas gedacht wird, das in wechselseitiger Beziehung zu Macht- und Wissenssystemen steht:

»Es wäre interessant, wenn man einmal zu klären versuchte, wie sich im Laufe der Geschichte ein Subjekt konstituiert, das nicht ein für alle Mal gegeben ist, das nicht diesen Kern bildet, von dem aus die Wahrheit Einzug in die Geschichte hält, sondern ein Subjekt, das sich innerhalb der Geschichte konstituiert, das ständig und immer wieder neu von der Geschichte begründet wird. In Richtung solch einer radikalen Kritik des menschlichen Subjekts durch die Geschichte müssen wir uns bewegen.«14

Dieser historische Subjekt-Begriff steht somit in Kontrast zu dem klassischen, ahistorischen Subjekt, denn jenem ist ein sich wandelnder, sich verändernder Charakter zu eigen. Durch den Verlauf, den Prozess, der Geschichte kann sich das Subjekt stetig zu etwas Neuem wandeln. Es verändert sich analog zu den sich wandelnden historischen Gegebenheiten.15 Der Mensch ist für Foucault derjenige, der sich im Verlauf der Geschichte einem unendlichen Prozesses gleichend immer wieder neu konstituiert, dem zu unterschiedlichen Epochen nicht die selbe Subjektivität zukommt, da sich diese unaufhaltsam verschiebt und neu konstituiert.16 Das Sexualdispositiv stellt eines der historischen Elemente dar, die in Wechselwirkung zu dem Subjekt stehen und dieses verwandeln. Im Verlauf der Arbeit wird somit zu zeigen sein, wie sich das Verhältnis zwischen Subjekt und den im Sexualdispositiv wirkenden Macht- und Wissenssystemen gestaltet.

C. Sexualität, Repression und Norm

Wie bereits anfänglich eingeführt wurde, geht die Betrachtung der Sexualität von dem Gedanken einer Repressionshypothese aus nach welcher die modernen Gesellschaften dem Sex ein Verbot auferlegt haben. Diese Verneinung der Sexualität entfaltet sich als ein Moment, das als eine feststehende Begebenheit gedacht wird, welches jedoch nach Foucault mit anderen Augen betrachtet werden muss. Diese Gestalt der Repression wird von ihm nicht gänzlich abgelehnt, allerdings eröffnen sich in seiner Betrachtung Punkte, die diese als ein komplexes Netz von Verhältnissen darstellt, deren Funktion nicht einzig in Form einer Unterdrückung in Erscheinung treten. Die Sexualität wird nicht nur unterdrückt, sie wird ins Licht gestellt und analytisch betrachtet, um sie herum entsteht ein Komplex aus Macht und Wissen.17 In diesem Kapitel werden daher die Linien dieser Repressionshypothese nachgezeichnet, es wird aufgezeigt, in welcher Gestalt sich dieser Diskurs der Unterdrückung der Sexualität entfaltet, aufgezeigt, was seine sichtbaren und was seine unter der Oberfläche schlummernden Elemente sind.

I. Die Gestalt der Repression

»Um den Sex breitet sich Schweigen. Das legitime, sich fortpflanzende Paar macht Gesetz. Es setzt sich als Modell durch, es stellt die Norm auf und verfügt über die Wahrheit, es bewahrt das Recht zu sprechen, in dem es sich das Prinzip des Geheimnisses vorbehält.«18

Das Aufstellen einer Norm, die das Sagbare und das Unsagbare über den Sex definiert, ist ein tragendes Element des Diskurses der Repression der Sexualität. Foucault lässt seine Anschauung im 17. Jahrhundert beginnen, welches generell als dasjenige wahrgenommen wird, in welchem die Unterdrückung ihren Ausgang findet und es durch Verbote, durch Kontrolle, schwierig geworden ist, über den Sex sprechen zu können und ferner angenommen wird, dass die entstandenen, repressiven Strukturen sich bis heute erhalten haben. Bei der Betrachtung dieser Entwicklung entsteht jedoch ein paradox erscheinendes Bild, denn obgleich eine Zensur des Sprechens über den Sex zu beobachten ist, nehmen gleichzeitig die Diskurse über diesen zu:

»[...] institutioneller Anreiz, über den Sex zu sprechen, und zwar immer mehr darüber zu sprechen, von ihm sprechen zu hören und ihn zum Sprechen zu bringen in ausführlicher Erörterung und endloser Detailanhäufung.«19

Das Bestehen zweier differenter, sich wechselseitig bedingender Prozesse kann hierbei beobachtet werden. Auf der einen Seite wird der Sex in einer gewissen Art tabuisiert, eine Norm des Sprechens über ihn wird aufgestellt, gleichzeitig wird auf der anderen Seite verlangt, dass von dem Sex gesprochen wird, er ins Licht gestellt wird, um ihn analytisch betrachten zu können. Der Diskurs um den Sex erscheint somit in einer eigentümlichen Gestalt: Nicht wird das Reden über den Sex gänzlich verboten, sondern wird umgekehrt dadurch auf diesen eingewirkt, dass über ihn bis ins kleinste Detail geredet werden muss. Das was er ist, soll analytisch festgehalten werden. Entgegen der Repressionshypothese ist weniger eine Verneinung der Sexualität zu beobachten, sondern das Entstehen eines breitgefächerten, analytischen Diskurses über den Sex.20 Wie in dieser Arbeit noch aufgezeigt werden wird, stellt diese Art des Diskurses über den Sex ein entscheidendes Element von Machtmechanismen dar, die auf eine Kontrolle und eine Formung von Subjekten abzielen.

Doch welche Gestalt hat diese Bewegung, die den Menschen auferlegt vom Sex zu sprechen? Aus dem Diskurs erwächst nicht eine allgemeine, wissenschaftliche Theorie der Sexualität, sondern nimmt dieser die Form » von Analyse, Buchführung, Klassifizierung und Spezifizierung«2 an: einem bürokratischen Verfahren gleichend. Der Sex soll rational und wie andere Elemente des gesellschaftlichen Lebens verwaltbar und kontrollierbar gemacht werden, aus ihm soll etwas erwachsen, was Nützlichkeit für die Gesellschaft hat.21 22 Die Gesellschaften in Europa im 18. Jahrhundert gestalten sich als ein Bild, das sich im Wandel befindet, das sich in gewissen Bereichen neu zeichnet und in anderen bereits bestehende, dünne Linien betont nachzeichnet. Die sich wandelnde Demographie und die sich etablierende kapitalistische Produktionsweise sind dabei zwei Elemente, die einen Wandel der gesellschaftlichen Struktur und des gesellschaftlichen Lebens begleiten und befördern. Eine allgemeine Erhöhung des Lebensstandards, der eine Verringerung der menschlichen Sterblichkeitsrate in sich trägt, lässt die Bevölkerung wachsen, die in die Städte gezogen wird, in welchen die Stätten der Produktion nach Arbeitskraft suchen.23 Die Bevölkerung24 25 tritt durch diese Bewegungen in die Sphäre der Machttechniken ein, da sie durch diesen Wandel zu einem politischen und ökonomischen Problem erwachsen ist: » [...] die Bevölkerung als Reichtum, die Bevölkerung als Arbeitskraft oder Arbeitsfähigkeit, die Bevölkerung im Gleichgewicht zwischen ihrem eigenen Wachstum und dem ihrer Ressourcen.«2 Die Möglichkeit des Einwirkens auf dieses aufkommende Problem wurden im Bereich der Sexualität, des sexuellen Verhaltens, gesehen, mittels deren Analyse unter anderem eine Kontrolle der Geburtenrate erzielt werden konnte. Der Sex ist zu einem relevanten Moment der politischen und gesellschaftlichen Sphäre geworden. Das Kapital sowie die gewandelten Lebensbedingungen in den Städten bedingen eine Verwaltung der Bevölkerung, deren Wachstum, deren Zusammenleben sowie eine Kontrolle der Effekte, die aus diesen Elementen erwachsen, sowohl um funktionieren zu können, als auch um Mehrwert und Mehrarbeit entstehen lassen zu können.

Der Sex gewinnt an Bedeutung für die gesellschaftliche und politische Verwaltung, wodurch dieser von verschiedenen Institutionen in Beschlag genommen wird, die wiederum auf diesen einwirken: Die Pädagogik, die Bildungsanstalten, die Medizin, die Psychiatrie, die Strafjustiz machen den Sex zum Gegenstand ihres Wirkens und beginnen seine Gestalt zu normieren. Dieser Linie folgend wandelt sich der Umgang mit der alltäglichen Sexualität. Sexuelle Tätigkeiten und sexuelles Verhalten, welches zuvor weitestgehend im Dunkel verblieben ist oder im Bereich von persönliche Angelegenheit angesiedelt war, wird ab einem bestimmten Augenblick Gegenstand kollektiver Intoleranz, juristischer Aktion, medizinischer Intervention, klinischer Prüfung und therapeutischer Verarbeitung.26 Der Diskurs über den Sex wird somit auf der einen Seite von Institutionen in Beschlag genommen, die ihn institutionalisieren und auf der anderen Seite wird von jedem Menschen gefordert, stetig seine Sexualität zu offenbaren und einen Diskurs aus dieser zu machen: Nicht ein Diskurs über den Sex besteht, sondern es ist eine Vielzahl an Diskursen über den Sex produziert worden.27 Ein Kontrast zur Repressionshypothese wird augenscheinlich, der einen Wandel der Vorstellung der sexuellen Unterdrückung bedingt. Der Sex wird nicht ins Dunkel verbannt, ihm wird ebenso wenig eine reine Verneinung oder Zensur auferlegt. Was und wie über ihn gesprochen werden darf, unterliegt nun bestimmten Restriktionen, jedoch wird weiterhin über ihn gesprochen. Nicht nur wird weiterhin über ihn gesprochen, sondern besteht der Zwang über ihn zu sprechen. Der Sex muss sich offenbaren, dadurch dass stetig alles über ihn gesagt werden muss, wird er analysiert und anhand von Nützlichkeiten geordnet.

II. Normen der Sexualität und die sich entfaltende Macht

Die Diskurse über den Sex verwurzeln sich in der Gesellschaft und nehmen einen festen Platz in ihr ein. Dem folgend ist im 19. und 20. Jahrhundert eine Vervielfältigung dieser Diskurse zu beobachten, die sich in Gestalt » einer Verstreuung der Sexualitäten, einer Verstärkung ihrer verschiedenartigen Formen, einer vielfältigen Einpflanzung von >Perversionen< ä 28 zu erkennen gibt. Eine Normierung der Sexualität erwächst aus diesen Diskursen heraus, die dasjenige kennzeichnet, das erwünscht ist und ebenso dasjenige kennzeichnet, das unerwünscht ist, welches den Makel der Perversion auferlegt bekommt. Diese entstehende Norm der Sexualität kennzeichnet etwas Neues, das in einem anderen Licht betrachtet werden muss als die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestehenden Codes, die das sexuelle Verhalten geregelt haben. Auch diese nahmen eine Unterscheidung zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen vor, jedoch waren lediglich die ehelichen Beziehungen Ziel ihrer Wirkung: Sie bezogen sich auf die rechtmäßige Ehe, andersartige Lüste außerhalb dieser waren verdammungswürdig, allerdings war dabei die spezifische Gestalt dieser Praktiken — Untreue, Homosexualität, Sodomie etc. — unerheblich.29 Der außerehelichen Sexualität war vor dem 19. Jahrhundert keine positive Konnotation zu eigen, jedoch erfolgte keine Unterscheidung und Wertung der verschiedenen peripheren Sexualitäten. An dieser Stelle tritt das Neue auf die Bildfläche: Das heterosexuelle Ehepaar wird als Norm gesetzt, seine Sexualität wird als diejenige angesehen, die ordentlich und damit auch nützlich ist, die Sexualität ehelicher Beziehungen wird damit zu etwas, das nicht länger überwacht werden muss, da sich das analytische Betrachtungsfeld verschoben hat.30 In Abgrenzung zu dieser Norm werden alle anderen Formen der Sexualität gestellt. In der Gestalt der Widernatur, die als ein Gegensatz zur der als natürlich definierten heterosexuellen Ehe konstituiert wird, werden ihre verschiedenen Ausprägungen ausdifferenziert und miteinander verglichen:

» [...] ob man eine nahe Verwandte heiratet oder Sodomie praktiziert, ob man eine Nonne verführt oder Sadismus ausübt, ob man seine Frau betrügt oder Leichen schändet — das werden nun vollkommen verschiedene Dinge.«31

Diese aufgestellte Norm der Sexualität ordnet in ihrer Wirkung Menschen anhand der ihr innerlichen Werte an, diejenigen, die von ihr abfallen, werden ausgehend von Techniken bestimmter Institutionen analysiert und hin zur Norm geführt: In ihrer Wirkung beginnt die Norm Subjekte zu formen.

[...]


1 Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studie zur Kunstsoziologie, Frankfurt a.M. 2003, S.14.

2 Foucault, Michel: Gespräch mit Ducio Trombadori, in: Michel Foucault. Die Hauptwerke, hg. von Axel Honneth und Martin Saar, Frankfurt a.M. 2008, S. 1590.

3 Der Begriff »Sex« wird hinsichtlich seiner Bedeutung verwendet, wie Raulff und Seitter diesen in ihrer Übersetzung von Der Wille zum Wissen anwenden: Er bezieht sich somit nicht nur, wie es umgangssprachlich in der Regel der Fall ist, auf ein lustvolles Element, sondern bezieht seriöse, naturhafte Elemente mit ein, die eher dem Begriff »Geschlecht« zugeschrieben werden; vgl. Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen, in: Michel Foucault. Die Hauptwerke, hg. von Axel Honneth und Martin Saar, Frankfurt a.M. 2008, S. 1031.

4 Foucault: Ducio Trombadori, S. 1592.

5 Diskurs, der, in: Duden, URL: [https://www.duden.de/rechtschreibung/Diskurs] (30.01.2020).

6 Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, in: Michel Foucault. Die Hauptwerke, hg. von Axel Honneth und Martin Saar, Frankfurt a.M. 2008, S. 525.

7 Vgl. Dispositiv, das, in: Duden, URL: [https://www.duden.de/rechtschreibung/Dispositivl (30.01.2020); » Gesamtheit aller Personen und Mittel, die für eine bestimmte Aufgabe eingesetzt werden können, zur Disposition (1a) stehen«.

8 Vgl. Deleuze, Gilles: Was ist ein Dispositiv? In: Spiele der Wahrheit. Michel Foucaults Denken, hg. Francois Ewald und Bernhard Waldenfels, Frankfurt a.M. 1991, S. 153.

9 Vgl. Foucault, Michel: Ein Spiel um die Psychoanalyse. Ein Gespräch mit Angehörigen des Dépatement de Psychanalyse der Universität Paris VIII in Vincennes, in: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1978, S. 119f.

10 Vgl. a. a. O., S. 122f.

11 Deleuze: Dispositiv, S. 160.

12 Vgl. Descartes, René: Meditationen. Mit sämtlichen Einwänden und Erwiderungen, Hamburg 2009, S. 19-25; vgl. a. a. O, S. 27-37.

13 Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Hamburg 1998, S. 447-454.

14 Foucault, Michel: Die Wahrheit und die juristischen Formen, in: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, hg. von Daniel Defert und Francois Ewald (Band 2), Frankfurt a.M. 2014, S. 672.

15 Vgl. Foucault: Ducio Trombadori, S. 1625.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Foucault: Wille zum Wissen, S. 1036f.

18 Foucault: Wille zum Wissen, S. 1029.

19 A. a. O., S. 1040.

20 Vgl. a. a. O., S. 1044f.

21 Foucault: Wille zum Wissen, S. 1045.

22 Vgl. a. a. O., S. 1046.

23 Vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, in: Michel Foucault. Die Hauptwerke, hg. von Axel Honneth und Martin Saar, Frankfurt a.M. 2008, S. 776; vgl. Foucault: Wille zum Wissen, S. 1125; vgl. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Köln 2009, S. 470f.

24 In der von Foucault gehaltenen Vorlesung Sicherheit, Territorium, Bevölkerung wird dieser den Begriff der Bevölkerung konstituieren, um diejenige Bewegung darstellen zu können, in welcher sich die Macht weg von der Kontrolle und Formung von Subjekten hin zu derjenigen entwickelt, die den gesamten gesellschaftlichen Körper, die Bevölkerung, kontrolliert und formt; vgl. Foucault, Michel: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Frankfurt a.M. 2017.

25 Foucault: Wille zum Wissen, S. 1046.

26 Vgl. Foucault: Wille zum Wissen, S. 1050-1052.

27 Vgl. a. a. O., S. 1053.

28 A. a. O., S. 1056.

29 Vgl. Foucault: Wille zum Wissen, S. 1056f.

30 Vgl. a. a. O., S. 1057.

31 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Die Relation zwischen Subjekt und gesellschaftlicher Struktur nach Focault
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
39
Katalognummer
V924880
ISBN (eBook)
9783346249883
ISBN (Buch)
9783346249890
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Foucault, Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen, Überwachen und Strafen, Macht, Wissen, Subjekt
Arbeit zitieren
Kevin-Michael Neimeier (Autor), 2020, Die Relation zwischen Subjekt und gesellschaftlicher Struktur nach Focault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/924880

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