Die "Gesellschaft österreichischer Volkswirte" im Spiegel ihrer Publikationen


Seminararbeit, 2001

43 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Die „Gesellschaft österreichischer Volkswirte“

4. Das Ziel der Gesellschaft

5. Die politische Ausrichtung

6. Die Aktivitäten der Gesellschaft

7. Die Versammlungen

8. Das Vereinsgeschehen 1892 - 1900

9. Zusammenfassung
9.1. Ära 1892 – bis 1900:
9.2. Ära 1900 bis 1918: (Vorträge siehe Anhang)
9.3. Analyse der Schwergewichte
9.3.1. Banken-, Börse-, Finanz- und Rechtswesen
9.3.2. Soziales
9.3.3. Handel und Gewerbe
9.3.4. Landwirtschaft
9.3.5. Migration
9.3.6. Ausland

10. Schlusswort

11. Bibliographie

Anhang

1. Vorwort

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die „Gesellschaft der österreichischen Volkswirte“ im Spiegel ihrer Publikationen zu betrachten und darzustellen. Dabei wird es darauf ankommen:

- die Zielsetzungen des Vereins, die wichtigsten Akteure und die Hauptanliegen zu erfassen.
- das Erfasste in Relation zum Zeitgeschehen zu bringen und dadurch den Blick für die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gegebenheiten der zweiten Hälfte der Doppelmonarchie zu schärfen.

Einschränkungen: Da diese Arbeit bei konsequenter Umsetzung dieser Ziele sehr rasch den Umfang einer Diplomarbeit annehmen würde, habe ich mir folgende Beschränkungen auferlegt.

- Als Basisquelle zum Vereinsgeschehen wurde lediglich die „Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung“ aus den Jahren 1892 bis 1918 herangezogen, also weder die Jahrbücher der Gesellschaft, noch spätere und frühere Publikationen der Gesellschaft bzw. Erinnerungswerke von Mitgliedern.[1]

- Intensiver ausgewertet wurden in dieser Arbeit lediglich die Versammlungs-protokolle der Gesellschaft aus den Jahren 1892 bis 1900, den Jahren nach Gründung der Zeitschrift also. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die Protokolle in diesen Anfangsjahren bezüglich Vereinsleben deutlich aufschlussreicher sind als jene danach. Unter ,intensiverer Auswertung’ ist dabei zu verstehen, dass im Bereich der Themen Soziales, Landwirtschaft, Migration, Handel- und Gewerbe und Finanzwesen jeweils 2-3 wichtige Vorträge durchgearbeitet, an Hand derer verschiedene Standpunkte bzw. Tendenzen erkennbar wurden. Was den Zeitraum von 1900 bis 1918 betrifft wurden die Protokolle grundsätzlich nur mehr in Hinblick auf die Vereinsgeschichte und die Vortragsthematik ausgewertet. Verknüpfungen mit dem Zeitgeschehen erfolgten für diese Zeit lediglich global.

2. Einleitung

Die Jahre vor dem Eintritt in das 20. Jahrhundert waren für Österreich-Ungarn bewegte Jahre. Innenpolitisch standen sie im Zeichen der Emanzipation der großen Völkerschaften der Monarchie,[2] sie waren auch von Migrationsbewegungen[3] geprägt, die im Zuge der Industrialisierung[4] und des starken Bevölkerungswachs-tums[5] vom Land in die Stadt, wie auch vom Land über die Grenzen liefen. Allerdungs waren die genannten Phänomene keineswegs österreichisch-ungarische Spezifika, sie betrafen, wenn auch in unterschiedlicher Stärke und Ausprägung auch die anderen Länder Europas. In engem Zusammenhang mit diesen Bewegungen stand die soziale Frage und es konnte nicht ausbleiben, dass die Entscheidungsträger des Landes dieser Heraus­forderung erkannten und annahmen.

3. Die „Gesellschaft österreichischer Volkswirte“

Die erste Versammlung der „Gesellschaft österreichischer Volkswirte“ fand im April 1875 statt. Sie bezweckte zunächst lediglich die Veranstaltung jährlicher Wanderkongresse. Nach dem zweiten Kongress im Jahr 1877 ruhte jedoch die Tätigkeit des Vereines, bis man sich im Jahre 1888 entschloss, ab nun regelmäßige Monatsversammlungen mit Vorträgen und Diskussionen abzuhalten. Zum ersten Präsidenten der Gesellschaft wurde Lorenz von Stein[6] gewählt. Gemäß den Aussagen von Ernst Freiherr von Plener[7] war es Stein’s Verdienst, jenen Personenkreis zur Mitarbeit zu bewegen, der in der Lage und geneigt war, wirtschaftliche Fragen in gehaltvollen Vorträgen und Diskussionen „ohne jede Voreingenommenheit und allen ernsten Meinungen einen neutralen Boden gewährend“[8] zu behandeln. Sehr früh griffen auch andere Persönlichkeiten wie Inama-Sternegg, Eugen von Böhm-Bawerk und Ernst Plener ins Vereinsleben ein, die allesamt bereits national wie international bekannt waren oder dies in Folge wurden. Ihr Einfluss auf die einschlägige Politik der politischen Führung Cisleithaniens, aber auch der Gesamtmonarchie sollte nicht unterschätzt werden. Mit dem „eigentlichen Lehrer der Nationalökonomie in Österreich“[9] Eugen von Philippovich wurde auch eine Brücke zur Wiener „Fabier-Gesellschaft“ geschlagen, der neben Dr.Faber Viktor Adler, Pernerstorfer und Friedjung auch Max von Gruber[10] angehörte. Philippovich war darüber hinaus auch im „Verein für Sozialpolitik“[11] und auch in anderen sozial orientierten Gremien tätig, wo er ebenfalls maßgebliche Funktionen bekleidete.

Zu den Schlüsselpersonen der Gesellschaft:

- Inama –Sternegg (1843 – 1908) : Präsident, Vorstandsmitglied. Er unterrichtete zunächst Politwissenschaft an der Universität Innsbruck. 1888 wurde er Leiter des Statistischen Zentralamtes in Wien[12]. Als Autor widmete er sich historischen Themen, so verfasste er beispielsweise die „Deutsche Wirtschaftsgeschichte (1843 – 1908)“.
- Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914) Vorstandsmitglied. Legte mit der Grenznutzenlehre die Basis zu einer neuen Form der Nationalökonomie[13]. Für Schumpeter hatte Böhm-Bawerk Vorbildcharakter[14]. Er gilt überdies als der „eigentliche Reformator des österreichischen Steuerwesens[15]“. Als Finanzminister war er nicht nur eine Stütze des Kabinetts Bánnfy (1895) sondern auch für jenes von Gautsch (1897- 1898). Von 1900 bis 1904 nahm er schließlich diese Funktion řdurchgehend wahr.
- Ernst von Plehner (1841 – 1923): Vorstandsmitglied, Präsident. Mitglied des Abgeordnetenhauses, seit 1900 Mitglied des Herrenhauses. 1895 – 1918 Präsident des Rechnungshofes[16]. Dem Kabinett Windischgrätz (1893 – 1895) gehörte er als Finanzminister an.
- Eugen von Philippovich (1858 – 1917): Er studierte Jura und habilitierte in politischer Ökonomie bzw. Volkswirtschaft. Diese lehrte er von 1885 bis 1893 an der Universität Freiburg im Breisgau, zunächst als außerplanmäßiger Professor, ab 1888 als ordentlicher Professor. 1893 wurde er an die Universität Wien berufen, wo er 1905/06 das Amt des Rektors bekleidete. In Österreich wurde er zu einem der geistigen Führer der 1896 gegründeten Sozialpolitischen Partei. P. war Präsident und Vorstandsmitglied des Vereines und Nationalökonom von internationalem Rang. Er ist der Verfasser des vielbeachteten „Grundrisses der politischen Ökonomie“. Sein wissenschaftlich-politisches Denken ähnelte der Vorstellungswelt des Sozialisten Max Webers, der 1894 sein Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl werden sollte. Philippovich war Mitarbeiter des 1873 gegründeten Vereins für Sozialpolitik und engagierte sich für eine „nationale Integration und Mobilisierung“ der Arbeiterschaft durch eine Kombination aus Sozialstaatsausbau und Kolonialpolitik.
- Dr. Robert Meyer (1855 – 1914) Vorstandsmitglied. Sektionschef im Finanzministerium, 1911 Finanzminister, 1913 Präsident der Statistischen Zentralkommission[17].
- Otto Wittelshöfer (1855 – 1901) Vorstandsmitglied. Nationalökonom. Vizedirektor der nö. Escomptegesellschaft (1885 – 1893)[18]
- Michael Hainisch (1858 – 1940) Vizepräsident. Nationalökonom. Bundespräsident[19].

Groß ist auch die Zahl prominenter Mitglieder ohne Funktionärsfunktion, von denen viele auch als Vortragsredner hervortraten. Zu ihnen zählen Schumpeter, Kramař, Redlich, Fürst Liechtenstein, Wertheim, Eugen Schwiedland, Othmar Spann, Oppenheimer, Ferdinand Schmid, Friedrich Friedjung, Viktor Adler, Engelbert Pernersdorfer.

Über die frühe Vereinsgeschichte liegen „Mittheilungen der Gesellschaft Österreichischer Volkswirthe“ (Wien, Leipzig) vor. Sie sind von Jänner 1888 bis Anfang 1990 erschienen.[20] In der ab 1892 erscheinenden "Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung“ finden sich Angaben zum Vereins-geschehen lediglich in den Sitzungsprotokollen. Die Zeitschrift erschien zunächst als eigenständiges Blatt in der Verlagsanstalt Braumüller. Ab 1898 wurde sie aus Kostengründen nur mehr als Beilage zur „Volkswirtschaftlichen Wochenschrift“ herausgegeben, die im gleichen Verlag publiziert wurde. Zuletzt erschien die "Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung“ in der Manzschen Verlagsbuchhandlung, wo sie unter diesem Titel bis Anfang 1918 (Band XXVI) herausgegeben wurde. Ab Jänner 1921 führte man sie als „Zeitung für Volkswirtschaft und Socialpolitik“ weiter und zwar bis Mai 1927. 1929 fand sie einen Nachfolger in der „Zeitschrift für Nationalökonomie“, die mit einer kriegsbedingten Unterbrechung (November 1944 bis Dezember 1948) bis zum Jahr 1985 in Wien erschienen ist. Ab 1986 wird sie nun als „Journal of Economics“ in Wien und New York herausgegeben.[21]

Bis einschließlich 1918 sind jährlich grundsätzlich sechs Ausgaben der Zeitschrift erschienen. Im Hauptteil jeder Ausgabe werden Beiträge zu einschlägigen Themen präsentiert, die teilweise bereits als Vorträge bei den Plenarsitzungen der Gesellschaft gehalten worden waren. In den Jahren 1912 und 1913 wurden alle Vorträge des Vereinsjahres in einem „Jahrbuch der Gesellschaft österreichischer Volkswirte“ zusammengefasst.[22]

In einem weiteren Teil der Zeitschrift werden einschlägige Publikationen vorgestellt und teilweise sehr ausführlich -sprich mehrseitig- kommentiert. Aus diesen Kommentaren entwickelten sich in Einzelfällen Streitgespräche, die wie im Fall Clark - Böhm-Bawerk quer über den Ozean und über mehrere Monate hinaus geführt wurden.[23] Ein dritter und letzter Teil enthält die Protokolle der Plenar- und Generalversammlungen.

Kernstück der (in der Zeitschrift auch dokumentierten) Plenarversammlungen wie auch der Generalversammlungen (Jahreshauptversammlungen) war ein Vortrag. Diese publizierten Protokolle enthalten neben immer knapper werdenden Anmerkungen zum aktuellen Vereinsgeschehen ein mehr oder weniger ausführliches Resümee dieses Vortrages, einschließlich der sich daran anschließenden Diskussion. Diese Diskussionen wurden in einigen Fällen in der nächsten, fallweise auch noch in der übernächsten Plenarversammlung fortgesetzt und nahmen vereinzelt auch heftige Formen an.

Zunächst wurden die Plenarversammlungen und auch die Generalversammlungen nicht durchnumeriert. Dies geschah erst ab ca. 1900, wurde jedoch auch nicht konsequent praktiziert. Der Tatsache, dass in der Folge immer wieder Nummern übersprungen wurden, lässt darauf schließen, dass spätestens ab dem Jahr 1900 Protokolle über Versammlungen, die anderen als Vortragszwecken dienten, nicht mehr in die Zeitschrift aufgenommen wurden.

Was die Anzahl der Mitglieder der Gesellschaft betrifft, so geht man auf sie lediglich in der Anfangsphase der Zeitschrift ein. Im Jahre 1891 wird der Stand mit 203 Mitglieder angegeben, im Jahr 1892 stieg er auf 225[24] an. In weiterer Folge wird er in den Protokollen der Generalversammlungen als steigend und 1897 schließlich mit 232 angegeben, um in den späteren Jahren keine Erwähnung mehr zu finden.

Bezüglich der beruflichen Orientierung der Mitglieder, kann an Hand der Vortragsthemen und der an diese Vorträge anschließenden Debatten geschlossen werden, dass sich die Zahl der Praktiker (Fabrikanten, Handelstreibende, Immobilienbesitzer, Bankiers) mit Fachkräften aus Lehre, Politik und Verwaltung wohl die Waage gehalten haben mag.[25]

Die soziale Frage, die im Titel der Zeitung und auch bei zahlreichen Vorträgen mitschwingt, scheint - an der Anzahl der Debattenredner gemessen- auf geringeres Interesse gestoßen zu sein als Belange der Wirtschaft.[26] Als engagiertester Vertreter sozialer Anliegen profilierte sich der zunächst noch als „wilder“ Reichsrats-abgeordnete tätige Engelbert Pernersdorfer.[27] Ob der gemäß den Sitzungs­protokollen zumindest dreimal mitdiskutierende Dr. Viktor Adler,[28] damals bereits Führer der 1885 in Hainfeld aus der Taufe gehobenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der Gesellschaft ebenfalls als Mitglied angehörte wie Pernersdorfer und Friedjung,[29] konnte nicht geklärt werden. Ab 1900 traten sie in der Gesellschaft nicht mehr prominent in Erscheinung.

4. Das Ziel der Gesellschaft

Unter dem Titel „Unsere Aufgaben“ legte Böhm von Bawerk als damaliger Vize-präsident die Ziele der Gesellschaft dar. Böhm–Bawerks „Grenznutzenlehre“ war als österreichische Schule der Nationalökonomie gemeinsam mit Carl Menger und Friedrich von Wieser[30] entwickelt worden, bei der wieder „der Mensch als Ausgangs- und Mittelpunkt der Volkswirtschaft“[31] in den Mittelpunkt gerückt werden sollte. Volkswirtschaftliches Ziel war es, einen Mittelweg zwischen Sozialismus und Kapitalismus zu gehen. Dieses Gedankengut wurde von Joseph Maria Baernreither[32] und Eugen von Philippovich, einem späteren Präsidenten der Gesellschaft, aufgegriffen und zum Konzept eines antiliberalen „Wohlfahrtsstaates“ weiterentwickelt, das mit der vom Föderalisten Vogelsang propagierten Idee einer „sozialen Partnerschaft“ weitgehend kompatibel war.[33]

In seinem Grundsatzartikel geht Böhm-Bawerk zunächst auf die Besonderheiten der modernen Volkswirtschaft ein, die nicht nur den Gegensatz von Volks- und Sozialwirtschaft zu überwinden habe, sondern sich gezwungen sieht, diese Probleme nicht nur regional oder national sondern auch international zu beleuchten und zumindest national einer Lösung zuzuführen.[34] Früher habe für den Bauern höchstens schlechtes Wetter, Steuern und Krieg eine Rolle gespielt, heute kämen dazu noch Probleme des Schutzzolls, der Währungsfrage und der Konkurrenz aus den USA. Mit der Internationalisierung der Probleme würde auch das Interesse der Öffentlichkeit an Fragen der ,sozialen Marktwirtschaft’ steigen und mit immer mehr Fachkundigkeit diskutiert werden.

Die Schwierigkeit sieht Böhm-Bawerk in der Notwendigkeit, Entscheidungen mitten im Strom der sich rasch ändernden Bedingungen treffen zu müssen. Hauptziel müsse es sein, die „Segnungen der wirtschaftlichen und technischen Fortschritte der Emporhebung des Daseins der breiten Massen der Bevölkerung dienstbar zu machen.“[35] Es käme darauf an, die schönen Anläufe der neuen Sozialgesetzgebung mit Arbeiterschutz, Normalarbeitstag und Arbeiterversicherung abzusichern und auszubauen. Mit dieser Zeitschrift sollen diese Bestrebungen gefördert werden. Sie solle kein abgeklärtes Buch sein, sondern ein „lebendiger Protest gegen alle Einseitigkeit und Unduldsamkeit“,[36] was jedoch nicht als Aufforderung verstanden werden soll, lediglich unreflektierte Ansichten vorzubringen. Man müsse sich auch bemühen, diese persönlichen Ansichten durch Fakten, vor allem durch Statistiken, zu untermauern. Entscheidend wäre es, die Verbindung zwischen Theorie und Praxis herzustellen und auch den historischen Konnex nicht aus dem Auge zu verlieren.

Kapital und Arbeit wären zum Leitmotiv des ausgehenden 19. Jahrhunderts geworden. Man müsse sich nun bemühen, diese beiden Kräfte zum harmonischen Zusammenwirken zu bringen.

5. Die politische Ausrichtung

Der Verein wurde nach dem Einsetzen der Krise des Liberalismus, der sich bereits knapp vor der dem Börsenkrach 1873 abzuzeichnen begann, von Männern gegründet, die der „Deutsch-liberalen Verfassungspartei“ angehörten. Diese Partei verfügte bis 1979 über eine relative Mehrheit im Reichsrat, eine Mehrheit die nach den Wahlen 1873 in drei Fraktionen aufgesplittert war.[37] Da sich neben den „Fortschrittlichen“ (oder „Jungdeutschen“) auch die Abgeordneten der zahlenmäßig stärksten dieser Fraktionen als ,Linke’ bezeichneten, konnten die liberalen Großgrundbesitzer unter der Bezeichnung ,Zentrum’ agieren. Grundsätzlich waren in der Gesellschaft für Volkswirte Mitglieder aller dieser drei liberalen Fraktionen sowie Parteilose vertreten, Angehörige anderer im Reichsrat vertretenen Fraktionen scheinen zumindest in den Protokollen nur vereinzelt auf.[38]

Es ist bemerkenswert, dass jene zumeist ethnisch bedingten politischen Turbulenzen, von denen die späte Habsburgermonarchie so häufig erfasst wurde, zumindest im publizierten Vereinsleben keine Rolle spielten und die Gesellschaft bis zuletzt eine Heimat für engagierte, dem Gesamtwohl des Staates und seiner Bürger verpflichtete Persönlichkeiten blieb.

Der Sozialpolitik nicht nur im Titel, sondern vielfach auch aus Überzeugung verpflichtet, suchte man immer wieder den Kontakt zur Arbeiterschaft. Diese Verbindung wurde einerseits über die „Fabier“,[39] anderseits auch über die „Gesellschaft für Socialpolitik“ geknüpft, was der Gesellschaft mangels institutioneller Sozialpartnerschaft zumindest ansatzweise den Charakter eines Bindegliedes zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verlieh.

Im Bereich Handel- und Gewerbe war diese Verbindungsfunktion von geringerer Bedeutung, da das Kammerwesen bereits bei Gründung der Gesellschaft fest verankert war. 1848 ins Leben gerufen, wurde die Kammer der gewerblichen Wirtschaft bereits im Jahre 1868 gesetzlich fixiert. Zu regelmäßigen Kammertagen kam es allerdings erst 1876. Als Reichsvertretung der gewerblichen Wirtschaft wurde sie dann in der Kammerwahlordnung von 1883 institutionalisiert.[40]

Bezüglich der Interessen der Industrie ist anzumerken, dass sie ab 1892 von zwei getrennten Organisationen wahrgenommen wurden, die sich 1906 zum Industriellenverband vereinigen sollten.

[...]


[1] Hainisch, Michael: 75 Jahre aus bewegter Zeit. Lebenserinnerungen eines österreichischen Staatsmannes (Wien et al. 1978) – Dieses Werk mag als Ausnahme gelten. Hainisch war als Vizepräsident der Gesellschaft der Volkswirte tätig. Seine von Friedrich Weissensteiner herausgegebenen Erinnerungen enthalten zahlreiche, vom Herausgeber hinzugefügte Kurzbiographien jener Personen, die Hainisch in seinem Buch erwähnt.

[2] Urbanitsch, Peter: Die Nationalisierung der Massen, in: Das Zeitalter Kaiser Franz Josephs 2. Teil (Ausstellungskatalog zur NÖ.Landesausstellung 1987) Beitragsband. 119 - 124

[3] Deák, Ernö: Die Auswanderung – eine Massenbewegung, in: Das Zeitalter Kaiser Franz Josephs 2. Teil (Ausstellungskatalog zur NÖ.Landesausstellung 1987) Beitragsband. 25 - 39

[4] Maresch, Gerhard: Industrie und Technik, in: Das Zeitalter Kaiser Franz Josephs 2. Teil (Ausstellungskatalog zur NÖ.Landesausstellung 1987) Beitragsband.72 - 82

[5] Hainisch, Michael : 75 Jahre aus bewegter Zeit. Lebenserinnerungen eines österreichischen Staatsmannes (Wien et al. 1978) 22 – Wie im Buch von Hainisch (Die Zukunft der Deutschösterreicher, Wien, 1892) ausgeführt, kippten die Geburtenzahlen vor allem im ländlichen Bereich noch deutlich vor der Jahrhundertwende. Hainisch führt diese Defizite vor allem auf die ehefeindliche Gesindestruktur zurück.

[6] Hainisch. 401 – Lorenz von Stein wurde 1815 in Eckernförde (Schleswig) geboren, er starb 1890 in Weidlingau. Er war in Wien als Verwaltungsrechtslehrer und Ökonom tätig. Hainisch bezeichnet ihn als den hervorragendsten Redner der Fakultät, „doch machte er in seinem ganzen Auftreten und in seiner Kleidung den Eindruck eines Komödianten und Blenders. Er brach später durch Spekulationen finanziell vollständig zusammen (Seite 78)“

[7] Die Angaben zur frühen Vereinsgeschichte wurden der Festrede „Vierzig Jahre Gesellschaft österreichischer Volkswirte“ aus dem Jahr 1916 in: „ Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung“ (ZVSV) Band XXV / 263 – 266 entnommen.

[8] „Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung“ (Wien 1892) -in der Folge ZVSV genannt- Band XXV / 263

[9] ZVSV XXVI / I – Nachruf

[10] Hainisch. 382 – Gruber war Leiter des Wiener Hygieneinstitutes.

[11] Hainisch. 25 – In diesem Verein war auch Hainisch tätig, nach dem 1. Weltkrieg in der Funktion des Vizepräsidenten. Hainisch war parteiungebunden, von seiner Einstellung her ist er den nationalen Flügel der Liberalen zuzuordnen.

[12] Hainisch. 386

[13] Schumpeter, Joseph: Eugen von Böhm-Bawerk, in: Neue österreichische Biographie. II / 63 – 80, zitiert in: Habsburgermonarchie I/ 615 - Er brachte im Zuge der Berechnung von Produktionskosten als erster den Faktor Zeit ein. Neben der Zeit wären Lohn, Rente, Kapitalsumme und Ergiebigkeit der Produktionsmethode entscheidend.

[14] Er verfasste auch einen ausführlichen Nachruf auf Böhm-Bawerk in ZVSV. XXIII

[15] Brusatti, Alois: Die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftsgeschichte, in: Derselbe (Hg.) Die Habsburgermonarchie 1848 - 1918. Band I. Die wirtschaftliche Entwicklung (Wien 1973) 605 – 624. 615

[16] Hainisch. 394

[17] Hainisch. 392

[18] Hainisch. 405

[19] Hainisch, Michael: 75 Jahre aus bewegter Zeit. Lebenserinnerungen eines österreichischen Staatsmannes (Wien et al. 1978)

[20] Sie wurden nicht ausgewertet

[21] Das Schicksal der Gesellschaft nach 1918 und die Verbindung der Gesellschaft zu den bereits angeführten Nachfolge – Publikationen wurde nicht verfolgt.

[22] ZVSV XXI /642 und XX / 656 f. – Die in der Manzschen Verlagsbuchhandlung erschienenen Jahrbücher konnten allerdings in keinem Bibliotheksverzeichnis gefunden werden

[23] ZVSV XVI / 1- 38 und 426 – 440 – Professor John Clark lehrte an der Columbia – University.Das Streitgespräch wurde von Schumpeter übersetzt.

[24] ZVSV I / 475. Ein Zusammenhang mit der Gründung der Zeitschrift und des damit verbundenen Werbeeffektes mag gegeben sein. Ein ähnlicher Anstieg der Mitgliederzahlen ist in der Folge nicht mehr zu verzeichnen.

[25] Auf diesen Umstand wird auch einmal in einem Sitzungsprotokoll hingewiesen

[26] ZVSV I/274 – Kritische Anmerkung Adlers über die geringe Anzahl der anwesenden Unternehmer.

[27] Kaufmann, Fritz: Sozialdemokratie in Österreich. Idee und Geschichte einer Partei von 1889 bis zur Gegenwart (Wien 1978)22 - Pernersdorfer errang auf Grund der Wahlrechtsreform 1882 im Jahr 1885 ein Abgeordnetenmandat als deutschnationaler „Wilder“ mit einem eindeutig demokratischen, sozialreformerischen Programm, bis er 1904 zur sozialdemokratischen Partei wechselte. Er war sowohl mit Dr. Adler, als auch mit Dr. Friedjung eng befreundet.

[28] Kaufmann. 22 – Adler hatte gemeinsam mit Schönerer, der damals mit Kronawetter als einziger Arbeiterrechte und das allgemeine Wahlrecht vertrat, die Deutschnationale Partei gegründet. Die Trennung von Schönerer erfolgte für Adler erst mit der Einführung des Arierparagraphens.

[29] Hawlik, Johannes: Der Bürgerkaiser. Karl Lueger und seine Zeit (Wien 1985) 47 - Heinrich Friedjung gehörte zunächst ebenso wir Viktor Adler und Engelbert Pernersdorfer Schönerers „Deutschnationalem Verein“ an. Als dieser Verein 1882 den Arierparagraphen einführte, mußten Adler und Friedjung gehen, was Adler zu den Sozialdemokraten führte und Friedjung nie wirklich überwinden konnte.

[30] Hanisch. 404 – Friedrich Wieser (1851 – 1926) Nationalökonom. Professor in Prag, ab 1903 in Wien

[31] Rumpler, Helmut: Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie (Wien 1997) 482

[32] Hainisch. 374 – u.a. Abgeordneter. Handelsminister

[33] Hainisch. 374

[34] Zeitschrift für Volkswirtschaft, Socialpolitik und Verwaltung (Wien 1892) Band I / 1 – 10

[35] ZVSV I / 2

[36] Ebenda. 3

[37] Höbelt, Lothar: Parteien und Fraktionen im Cisleithanischen Reichsrat, in:

Die Habsburgermonarchie 1848 – 1918 Band VII / 1 (Wien 2000) 920

[38] ZVSV II / 282. Fürst Liechtenstein ergriff bei einer Diskussion am 24.4.1893 das Wort. Er war Herrenhausmitglied und Mitglied der rechten Fraktion.

[39] Die "Wiener Fabier Gsellschaft" war eine Vereinigung sozialreformerischer Intellektueller. Sie wurde nach dem Vorbild der 1884 gegründeten englischen Fabian Society 1893 vom Nationalökonomen Otto Wittelshöfer initiiert. Die Fabier gründeten 1896 die Sozialpolitische Partei, die bis 1919 vor allem in Wien und Niederösterreich eine Rolle als Anreger sozialer Reformen, etwa bei der Förderung der Volksbildung oder der bürgerlichen Frauenbewegung spielte und speziell von den Christlichsozialen Karl Luegers bekämpft wurde. Bekannte Fabier waren der Journalist Engelbert Pernerstorfer, der spätere Bundespräsident Michael Hainisch und der Ökonom und Politiker Eugen von Philippovich. Die Gesellschaft löste sich 1901 nach Wittelshöfers Tod auf.

[40] Matis, Herbert: Leitlinien der Österreichischen Wirtschaftspolitik 1848 – 1918, in: Habsburgermonarchie I / 53 f.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die "Gesellschaft österreichischer Volkswirte" im Spiegel ihrer Publikationen
Hochschule
Universität Wien  (Geschichte)
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
43
Katalognummer
V92540
ISBN (eBook)
9783638062091
ISBN (Buch)
9783638950916
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaft, Volkswirte, Spiegel, Publikationen
Arbeit zitieren
Dr. Hans Christian Egger (Autor), 2001, Die "Gesellschaft österreichischer Volkswirte" im Spiegel ihrer Publikationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92540

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