Motive der Legende in "Wilhalm von Wenden" von Ulrich von Etzenbach

Ein Vergleich mit der Legende von Eustachius


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Legende als literarische Gattung

3. Der legendenhafte Charakter in ausgewählten Werken
3.1. Die Eustachius-Legende
3.2. Wilhalm von Wenden

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Von Parrit sante Willehalm / der junge was ûf der erde / ein vürste in hôhem werde. / got gebe mir sin sô wîse / dêr in sîm namen prîse / des vürsten leben unde tât, / als mich der rede bewîset hât / dem sie ûz Wenden lande / ein predigerbruoder sande / und bat um ein legende / daz er im die wider sende. (V.74-84)

Mit diesen Worten im Prolog leitet Ulrich von Etzenbach sein Werk „Wilhalm von Wenden“ ein. Er spricht davon, dass ein legendenhafter Stoff von ihm gefordert wurde, dessen Ansprüchen er mit seiner Erzählung versucht gerecht zu werden. Aber gelingt ihm dies auch? Bereits Rosenfeld kritisiert das Verschwimmen der literarischen Gattung der Legende, aufgrund von Fehlzuschreibungen. So seien manche Erzählung keine Legenden, sondern genau genommen Sagen oder Märchen, die trotz fehlenden wichtiger Merkmale und nur durch ihren Reichtum an Wundern den Namen Legende zugesprochen bekämen.1 Im Folgenden soll daher Ulrichs Werk daraufhin untersucht werden, inwiefern sich die Motive des legendenhaften Modells in diesem wiederfinden lassen. Hierzu soll ein Vergleich zwischen diesem und der Eustachius-Legende gezogen werden, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Merkmale beider Erzählungen besser herausstellen zu können. In einem ersten Schritt geht es jedoch zunächst darum, die Merkmale und Struktur einer klassischen Legende aufzuzeigen, um diese dann auf beide Erzählungen anwenden zu können. Am Schluss soll schließlich ein Fazit gezogen und geschaut werden, ob beide Erzählungen den Ansprüchen des legendenhaften Modells gerecht werden und ob sie sich schließlich zurecht Legende nennen dürfen.

2. Die Legende als literarische Gattung

Der Begriff der Legende stammt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt das, was gelesen werden soll. Die Übersetzung verweist auf die eigentliche Funktion der Legende, die darin lag, Geschichten aus dem Leben von Heiligen am Jahrestag dieser beim Gottesdienst vorzulesen. Später wurde der Begriff nicht mehr nur auf den Vortrag, sondern auch auf das Geschriebene selbst bezogen.2

Inhalt einer Legende ist die Lebensgeschichte eines Heiligen oder eines religiösen Ereignisses. Sie wird meist der Geschichtsschreibung gegenübergestellt, um markante Unterschiede herauszustellen. So wird die Geschichtsschreibung als Mitteilung von Realitätsbezügen gesehen, bei der eine realitätsnahe schriftliche Fixierung von vergangenen Ereignissen stattfinden soll. Legenden wiederum thematisieren vielmehr eine dichterisch-religiöse Deutung der Realität und versuchen idealisierend den Wesensgehalt von bedeutsamen Personen und Ereignissen wiederzugeben.3

Die Legende gilt als eine literarische Gattung, die eine Vielzahl von Motiven und eine klare Struktur aufweist, anhand derer Texte auf ihren legendenhaften Charakter hin untersucht werden können.

Ein wichtiges Merkmal ist der Glaube. Rosenfeld beschreibt, dass die mittelalterliche Gläubigkeit sich im Laufe der Zeit zu einer immer stärker werdenden Verweltlichung und Säkularisierung gewandelt habe und dadurch die literarische Gattung der Legende verschwimme. Er kritisiert unter anderem die Bezeichnung Gottfried Kellers „Sieben Legenden“ als ebendiese, da dort eine Umkehrung des Heiligen ins Weltliche vollzogen und somit keine religiöse Erzählung mehr dargestellt werden würde.4 Auch Ringler nennt als Kernelement einer Legende den Glauben, da dieser die Intention, aus der Legendentexte geschrieben wurden, begründe. Zudem stellt der Bezug zur Religion ein System vorgeprägter Kategorien bereit, innerhalb dessen die jeweiligen Inhalte des Textes vermittelt werden würden. Legenden dienen laut ihm der Verwirklichung des Glaubens, da sie den Anspruch erheben, wahr zu sein.5

Ein weiteres Merkmal ist das Vorhandensein eines Wunders oder einer unerwarteten Bekehrung. Diese können dabei sowohl im Leben des Heiligen als auch nach seinem Tod angesiedelt sein. Dabei ist zu bedenken, dass die Wunder nicht in einer magischen Eigenmacht der Dinge gründen, sondern ein Zeichen der gnädigen Macht Gottes sind, das dem Heiligen in der Erzählung zu einem besseren Leben verhelfe.6

Hieran schließt auch ein weiteres Merkmal an, dass sowohl den Glauben als auch das Vorhandensein von Wundern begründet. Eine Legende ist nämlich von einer Vorbestimmtheit der Ereignisse geprägt. Die Handlungen des Heiligen gründen nicht auf eigenen Entscheidungen, sondern sind dem Willen und der Vorbestimmung Gottes unterworfen. Dies verdeutlich auch die Tatsache, dass das von Gott prophezeite Schicksal der Protagonisten, nicht von diesen hinterfragt oder angezweifelt, sondern kommentarlos angenommen wird.7

Neben den genannten Motiven weisen Legenden auch eine immer wiederkehrende Struktur auf, die thematisiert werden muss. Hierbei soll spezifisch auf die Struktur der christlichen Heiligenlegenden eingegangen werden, um in einem nächsten Schritt die Struktur besser auf ausgewählte Legenden anwenden zu können. Zunächst ist festzuhalten, dass eine Legende stets eine Kontrastierung vom alten und neuen Leben vornimmt. Das alte Leben steht demnach immer im Zeichen eines schlechten und sündhaften Lebens, das meist noch ohne Bezug zum Christentum steht. Das neue Leben wiederum ist erfüllt von Gottes Gnade und von einer tugendhaften und vorbildlichen Lebensweise im Namen Christi. Die Wende vom alten zum neuen Leben ist demnach immer mit einer Konversion zum Christentum verbunden. Eine Konversion ist eine einschneidende Veränderung in der eigenen Wirklichkeitsauffassung, die aus einer bewussten Zuwendung zu einem verbindlichen und kanonisch festgelegten Kern resultiert. Sie wird auch als radikaler Wandel angesehen, der sich jedoch nicht nur auf den religiösen Aspekt im Leben bezieht, sondern auf alle Handlungen- und Wissenskonstellationen im gesamten Leben der Konvertiten.8

Der Weg vom alten zum neuen Leben entwickelt sich in drei Schritten, die in mittelalterlichen Legenden als „traditionelle Phasen hagiographischen Erzählens9 angesehen werden. Hagiographien sollen genau wie Legenden einen Vorbildcharakter für eine christliche Lebensweise beinhalten, was sich schließlich auch im Leben der Heiligen wiederspiegelt, die in der Erzählung thematisiert werden. Die erste Phase ist eine qualifizierende Phase, in der die Auserwählung des Heiligen vollzogen wird. Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch in seinem alten Leben und erfährt eine Bekehrung und damit großes Glück durch die Anrufung Gottes (qualificatio). Die Prüfungsphase (probatio) beinhaltet dann die Trennung vom alten Leben und die Erniedrigung des Heiligen. Die Phase ist von Verlust und Unglück geprägt und stellt den Übergang vom alten zum neuen Leben dar. Die letzte Phase ist die der höchsten Erhöhung (elevatio), in der die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erfolgt und dem Heiligen Glück und Erfüllung wiederfährt. Der Übergang in das neue Leben und die Konversion ist dabei immer mit radikalen Konsequenzen verbunden, wie die Askese des Leibes, der Überwindung körperlichen Begehrens oder gar der Bereitschaft zum Martyrium, großen körperlichen Qualen und dem Tod.10

3. Der legendenhafte Charakter in ausgewählten Werken

In einem nächsten Schritt sollen nun zwei Texte auf ihren legendenhaften Charakter untersucht und verglichen werden. Der erste Text ist die Eustachius-Legende, die den frühchristlichen Märtyrer und Heiligen Eustachius thematisiert, der um 118 gestorben ist und dessen Gedenktag am 20. September gefeiert wird. Der zweite Untersuchungs- und Vergleichsgegenstand ist das Werk „Wilhalm von Wenden“ von Ulrich von Etzenbach. Dieses entstand im späten 13. Jahrhundert in Böhmen am Prager Hof und thematisiert das Leben des heidnischen und adligen Protagonisten Wilhalm von Wenden und seiner Frau Bene. Beide Werke erheben den Anspruch an sich selbst, eine Legende zu sein. Bei der Eustachius-Legende wird dies bereits am Titel deutlich, bei Wilhalm von Wenden finden die Bezeichnung des Werkes als „ein legende“11 bereits im Prolog Anklang. Inwiefern nun aber die Werke den Ansprüchen einer Legende gerecht werden, soll im Folgenden analysiert werden.

3.1. Die Eustachius-Legende

Eustachius trug zuvor den Namen Placidus und war ein Kriegsoberster des Kaisers Trajan. Er besaß zudem eine Frau und zwei Kinder, die alle als tugendhaft und barmherzig bezeichnet wurden. Als er an einem Tag auf die Jagd ging, sah er einen großen Hirsch, den er bis auf die Bergspitze folgte. Dort erblickte er zwischen seinen Hörnern „die Gestalt des heiligen Kreuzes“12 und somit das Bild Christi. Dieser sprach zu ihm und bat ihn, sich Taufen zu lassen. Placidus willigt ein und berichtete dies seiner Frau. Auch ihr erschien am selben Tag Christus, woraufhin sie beide fest entschlossen waren, sich taufen zu lassen. Bei seiner Taufe erhielt Placidus den Namen Eustachius. Am nächsten Tag kehrte dieser wieder zurück zur Bergspitze und sprach zum Herrn. Dieser prophezeite ihm nun, dass sein Glaube geprüft werden müsse, er jedoch nach dieser Prüfung wie ein zweiter Hiob erhöht werden würde. Daraufhin werden Eustachius Knechte und sein gesamtes Vieh von Seuchen getötet und er und seine Familie ausgeraubt. Aus Scharm fliehen sie nach Ägypten. Ein Fährmann zwingt Eustachius seine Frau zurückzulassen, wenn er seine Reise fortsetzen wolle. Eustachius willigt schließlich ein und reist mit seinen Söhnen weiter. Bei einer Flussüberquerung verliert er jedoch beide Söhne, den einen an Wolf, den anderen an einen Löwen. Eustachius bleibt allein zurück in dem Glauben, seine Kinder und Frau verloren zu haben. Was er nicht weiß, ist, dass Bauern die wilden Tiere verjagt haben und die Kinder getrennt bei Dorfbewohnern aufgewachsen sind. Er verbringt daraufhin 15 Jahre als Knecht und betet wiederholt darum, seine Frau und seine Kinder wiederzusehen. Zu dieser Zeit wird der Kaiser erneut von seinen Feinden bedrängt, wodurch er nach seinem ehemaligen Feldherren Placidus suchen lässt. Die Soldaten finden ihn und überzeugen ihn wieder in den Dienst des Kaisers einzutreten. Dort leitet er seine Legion und siegt in mehreren Kämpfen, ohne zu wissen, dass seine Söhne an seiner Seite mitkämpfen. Bei einem Rast in einem Wirtshaus erkennen die Jungen bei einem Gespräch, dass sie Brüder sind. Auch die Wirtin, die das Gespräch mitanhörte, erkennt, dass sie die Mutter der beiden sein muss. Bald erkennt sie dann in Eustachius den Vater ihrer Kinder, aufgrund einer Narbe auf seiner Haut, die er schon zu Zeiten ihres Zusammenlebens hatte. Trajans Nachfolger Hadrian nimmt Eustachius und seine Familie mit großer Ehre auf. Bei einem Fest soll am nächsten Tag eine Opferfeier stattfinden, bei der sich Eustachius aufgrund seines Glaubens jedoch weigert daran teilzunehmen. Daraufhin werden er und seine Familie einem Löwen vorgeworfen, der sie jedoch verschont. Danach werden die vier in ein Gefäß geworfen, unter dem Feuer brennt. Am dritten Tag nach ihrem Tod werden ihren unversehrten Leichnamen von Christen geborgen und auf der Grabstelle eine Kirche errichtet.

Eines der wichtigsten und markantesten Motive einer Legende ist der Glaube, der sich in der Erzählung über Eustachius deutlich wiederfinden lässt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Konversion des Eustachius und seiner Familie. Die Begegnung mit dem Herrn erfolgt direkt am Anfang der Erzählung, wodurch noch wenig Vorwissen über Eustachius Leben vorhanden ist. Der Fokus liegt auf dem Heiligen an sich und dem Ereignis, dass ihm unmittelbar wiederfährt. Informationen zum früheren Leben oder Kindheit der Hauptfigur ist dabei für den Kern der Erzählung nicht relevant. Angestrebt ist nicht die Schilderung menschlicher Lebensumstände, sondern die Verdeutlichung von Glaubenswahrheiten, die weitere Informationen über Eustachius Leben überflüssig macht.13 Es wird lediglich gesagt, dass er ein heidnischer Kriegsoberster des Kaisers war, wie genau er sein Leben aber geführt hat, sowohl in Bezug auf seine Familie als auch auf sein religiöses Handeln, bleibt ungewiss. Im Gespräch mit Christus erfährt man durch die Ansprache dieses, dass Eustachius und seine Familie unbewusst bereits ihn verehrt haben, obwohl sie Heiden waren. Die Konversion zum Christentum, die in einem nächsten Schritt erfolgt, ist hier keine radikale Abkehr von einem alten Leben, sondern logische Konsequenz.14 Das unterstützt auch die Tatsache, dass auch seiner Frau das gleiche Erlebnis wie ihm widerfährt. Somit ist bereits zu Beginn deutlich, dass die Erzählung religiöse Komponenten aufweist und dass der Glaube an Gott und die Konversion zum Christentum im Mittelpunkt steht. Die radikale Abkehr vom alten zum neuen Leben in Form einer mühsamen und unglücklichen Reise, beginnt erst nach der Konversion.

Auch das Motiv des Wunders und der unerwarteten Bekehrung lässt sich im Verlauf der Erzählung immer wieder auffinden. Zunächst sei die Begegnung mit dem Herrn, die sowohl Eustachius als auch seiner Frau wiederfährt, als Wunder anzusehen. Auslöser für dieses Wunder ist lediglich, dass Eustachius in einer Hirschherde diesen einen als „sonderlich groß und schön“15 ansah und ihm daher folgte. So kann auch das Schicksal seiner Söhne als Wunder angesehen werden. Anstatt, dass beide, wie Eustachius zu denken glaubt, von wilden Tieren getötet werden, werden sie beide getrennt voneinander gut erzogen und kämpfen schließlich beide an der Seite ihres Vaters. Auch die Wiedereingliederung in die Gesellschaft und das Wiederfinden seiner Frau und Kindern am Ende der Erzählung kann als Wunder für ihn und seine Familie angesehen werden.

Dies muss jedoch immer unter dem Aspekt der Vorbestimmtheit der Ereignisse durch Gott betrachtet werden, was als weiteres Merkmal einer Legende angeführt ist. Der Weg, den Eustachius beschreitet und auch das Schicksal seiner Frau und seiner Kinder ist durch Gott vorherbestimmt und hätte sich demnach auch nicht anders ereignen können. Eustachius hätte keine andere Möglichkeit gehabt, als seine Frau zurückzulassen, da diese Handlung von Gott vorgegeben gewesen ist. Letztendlich war es auch seine Absicht, die Familie wieder zusammenzuführen, da erst im letzten Schritt durch das Martyrium die höchste Erhöhung der Personen möglich gewesen ist. Eustachius ist sein Schicksal darüber hinaus auch bei seiner Begegnung mit Christus mitgeteilt worden, wodurch er auch keine Nachfragen oder Zweifel an dieses stellt. Er handelt demnach nicht aktiv und eigenständig, sondern fügt sich seinem vorgegebenen Schicksal und kann schließlich nur auf die Einhaltung des Versprechen Gottes hoffe.16

Abschließend soll die Erzählung nochmal auf ihre Gesamtheitliche Struktur untersucht werden. Es ist zwischenzeitlich festzuhalten, dass alle Motive einer Legende im Eustachius-Bericht wiederzufinden sind. Auch in der Struktur der Erzählung lassen sich die klassischen Muster wiederfinden.

Die Erzählung weist zum einen traditionelle Intertextualität zu anderen biblischen Geschichten auf. So verliert er beispielsweise wie Hiob sein ganzes Hab und Gut und wird von Gott dadurch geprüft. Besonders das Ende der Erzählung weist einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Tod Eustachius und seiner Familie und dem Tod Jesu auf. Gleich der Auferstehung Jesu wird, werden die Körper der Märtyrer unversehrt aus dem aus dem Feuer geborgen und von Christen beigesetzt.17 Auch die Phasen hagiographischen Erzählens lassen sich hier wiederfinden. Eustachius wird aufgrund seiner Barmherzigkeit und Vorbildlichkeit von Gott auserwählt. Er bekehrt sich zum christlichen Glauben und lässt sich taufen. Die Phase der qualificatio ist zugleich auch der Ort, an dem eine der drei Grundtugenden angesiedelt ist, die caritas. Diese besitzt er bereits vor der Bekehrung, was ein Grund für seine Auserwählung darstellt.18

In der zweiten Phase, der probatio, erleidet Eustachius große Verluste und Unglück. Nachdem seine Knechte und sein Vieh von Pest befallen und seine Familie ausgeraubt wurde, entscheidet er sich mit seiner Familie nach Ägypten zu gehen. In der Prüfungsphase übt er eine weitere Grundtugend aus, die spes. Die Hoffnung gilt in dieser Phase als Grundlage seines Verhaltens, während er von seiner Familie getrennt ist.19 Die Abkehr vom alten Leben steht im Mittelpunkt der Erzählung. Der Einbruch des Heiligen in den Alltag des heidnischen Heerführers sorgt für seine Konversion und damit zu einem neuen Leben in Armut, Not, Erniedrigung und sozialer Isolation. Zunächst die Trennung seines Landes und damit seines sozialen Status und schließlich auch die Trennung seiner Familie. Zudem hat er in keiner dieser Situationen die Möglichkeit gehabt, anders zu handeln. Nur „mit Trauern“20 ließ er seine Frau zurück und auch die Entscheidung, ohne seine Kinder weiterzuziehen traf er nicht selbst. Er betete weiterhin zu Gott, der ihm letztendlich zur höchsten Erhöhung verhalf. Eustachius erlebt eine Abkehr von seinem bisherigen Leben und damit auch eine Trennung von der sündigen Welt. Im Mittelpunkt seines christlichen Lebens steht schließlich die Askese. Damit ist hier die Technik zur Ausbildung kontrollierter Lebensführung gemeint und soll die Freiheit von körperlichen und irdischen Leidenschaften ermöglichen. Die Reise, die er vollzog, ist demnach einerseits der Weg zu einem anderen Ort, an dem er leben kann, andererseits aber auch der Weg zu seinem neuen inneren Selbst, und damit ein radikal religiöser Wandel seines gesamten Lebens.21

Die letzte Phase, die Eustachius durchläuft, ist die der höchsten Erhöhung (elevatio). Begleitet wird er dabei vom Glauben (fides), der ihm Mut gibt das Martyrium letztendlich zu erdulden. Zuvor erfolgt jedoch eine Reintegration in sein altes Leben, zu dem zwei wichtige Handlungspunkte beitragen. Einerseits ist es die Wiedereingliederung in die Gesellschaft, indem er nach 15 Jahren wieder als Heermeister vom Kaiser eingesetzt wurde. Er kehrt dadurch in gewisser Weise wieder in sein altes Leben zurück. Andererseits erfolgt der Anagnorismos, die Wiedererkennung der Liebenden durch ein körperliches Merkmal, dass seine Frau an Eustachius wiedererkennt. Die Narbe gilt als Merkmal seines alten Lebens, das er in sein neuen miteingetragen hat. Die höchste Erhöhung erhält er schließlich durch seinen Tod als Märtyrer, durch den er seine vollständige Heilung erhält.22

Eustachius steigt somit letztendlich als Heiliger auf, der für seinen Glauben und Bekehrung zu Christus gestorben ist. Er musste die drei Phasen der qualificatio, probatio und elevatio durchlaufen, um schließlich die größte Erfüllung und das größte Glück zu erhalten. Sein Weg war dabei nicht kausal begründet, sondern beruhte auf der Vorbestimmtheit durch Gott, wodurch die höchste Erhöhung obligatorisch an die qualvolle Reise anschließen musste. Die Reise sollte als Prüfung seines Glaubens angesehen werden, welcher er im Verlauf der Erzählung als eine der drei Grundtugenden immer begleitet hat. Eustachius hat somit die Rolle eines vorbildlichen Heiligen angenommen, wodurch die Erzählung über ihn klar einer Legende zuzuordnen ist.

3.2. Wilhalm von Wenden

Die Erzählung um Wilhalm von Wenden soll zunächst hinsichtlich des Motivs des Glaubens untersucht werden. Die Erzählung handelt von dem heidnischen Herrscher Wilhalm, der sein Land verlässt, um nach Christus zu suchen. Bereits im Prolog wird die Dimension von Konversion und Gottesbekenntnis vom Erzähler thematisiert: gip mir wort unde sin / daz ich von dem namen dîn / sô beriht gesprechen künne / wie an heidenischem künne / mit lieber süeze daz erwarp / das ungeloube aldâ verdarp / und irretuom der heidenschaft, / Krist, dînes hôhen namen kraft, / das wortes wundersüezer galm.23

Der Protagonist tritt, nachdem er von Pilgern den Namen Christus zum ersten Mal gehört hat, eine Reise an, um diesen zu Suchen. Vor der Reise wird das Leben von Wilhalm und seiner Familie ausführlich beschrieben. Man erhält sowohl Informationen über seine Kindheit als auch über seine Heirat mit Bene und sein Leben als Landesherr des Wendenlandes. Im Mittelpunkt des Geschehens steht dadurch primär zunächst nicht der Glaube, sondern der Ruhm und die Ehre, die Wilhalm als Landesherr genießt. So wird auch die Organisation von Hoffesten immer wieder thematisiert. Dadurch soll einerseits seine Pracht und Überlegenheit dargestellt werden, andererseits dienen die Feste auch zur feudalen Herrschaftsrepräsentation. Erst durch das Erscheinen der Pilger und der Nennung des Namens Christus wird diese gebrochen und rückt erstmal in den Hintergrund.24 Gleichzeitig wird auch sein Charakter thematisiert, was sowohl auf sein Leben als Herrscher als auch auf sein spirituelles Leben bezogen werden kann: alsam truoc er sunder mâl / ein süezez herz in heidenschaft, / frühtic an aller tugende kraft. / Mit gebâr / was er der werlde kint, / in dem herzen sam die guoten sint. (V. 653-656)

Hieran sieht man, dass Wilhalm bereits vor seiner Taufe und Konversion zum Christentum als fromm und tugendhaft von Erzähler angesehen wird. Dies ist eine Gemeinsamkeit zur Eustachius-Legende, in der Eustachius und seine Familie auch bereits vor der Taufe als barmherzig bezeichnet werden. Auch bei Wilhalm ist demnach eine Konversion als logische Konsequenz zu seinem bisherigen Leben und als natürliche Erfüllung anzusehen.25 Die Wichtigkeit des Glaubens, vor allem aber der Übergang von Heidentum zum Christentum, spielt demnach auch hier wieder eine wichtige Rolle. Der Wichtigkeit des Glaubens steht dabei jedoch auch im weiteren Verlauf immer der Ordnung und der Herrschaft Wilhalms gegenüber, was später nochmal bei der Betrachtung der Phasen des hagiographischen Erzählens näher betrachtet werden soll.

Auch das Vorhandensein von Wundern und unerwarteten Bekehrungen ist ein Merkmal des Wilhalm von Wenden. Im Unterschied zur Eustachius-Legende erfolgt die Bekehrung Wilhalms jedoch nicht durch einen direkten Kontakt mit Gott, sondern durch die Pilger, die ihm von diesem berichten: ‚wir sîn kristen nâch Krist genant / und tragen sîn ê, getouftez leben, / als sîn gebot ist uns gegeben‘. / Dô Willehalm daz süeze wort / Krist von den getouften hôrt, / alsô wol in des gezam; / in dûhte daz er nie vernam / wort daz im süezer waere / und senfter vür alle swaere. / Krist er sô in sîn herz beslôz; (V. 500-510)

Die Reise, die Wilhalm nach der Bekehrung schließlich auf sich nimmt, ist dabei im Gegensatz zu Eustachius Reise von ihm selbst geplant und resultiert nicht unmittelbar aus der Bekehrung. Während Eustachius durch die Prüfung Gottes sein Land aufgrund von Unglück, was ihm und seiner Familie wiederfährt, verlassen muss, entscheidet sich Wilhalm bewusst für die Flucht und das Zurücklassen seiner Familie und seines Volkes: alsô er sich vereinde / ûz sînen sinnen allen: / durch Krist sô wolde er wallen. / […] / durch niht wolde er des abe stên, / ern wolt sich von dem lande steln, / daz gerlich al die diet verheln. (V. 560-562; V. 574-576)

Er stellt hier seinen Glauben an Christus höher als das Wohl seiner Familie und seines Volkes. Wilhalm ist ein Landesherr, wodurch sein Weggang nicht nur unmittelbare Folgen für ihn und seine Familie mit sich bringt, sondern auch für sein gesamtes Volk. Er gibt seine Aufgaben ab, indem er sie an die hoesten hant und die gelobeten herzogîn (V. 563f.) legt. Das Handeln von Wilhalm als einziger betrifft durch seine Stellung in der Gesellschaft auch die anderen, wodurch hier eine Gefährdung für die Kollektivität der Gesellschaft besteht. Wilhalms individuelles Handeln ist zugleich kollektives Handeln, da er für sein Volk verantwortlich ist. Dies wird auch daran deutlich, dass trotz des Zurücklassens seines alten Lebens, sein Volk noch immer an ihm festhält und das auch in der Erzählung weiter thematisiert wird: ê ich sie lieze verloren sîn, / waer des keisers rîche mîn, / des verzige ich mich und wolde ez geben / vür sie und wolde in armuot leben. (V.1981-1984) Seinen Weggang und das Zurücklassen wird vom Erzählen zwar als notwendige Maßnahme zum Finden Christi genannt, ist in Bezug auf die Umstände aber eine freie Entscheidung Wilhalms gewesen, die nicht aufgrund von Leiden und Unglück, das ihm wiederfahren sind, getroffen wurde. Die unerwartete Bekehrung ist demnach Teil der Erzählung und auch die wundersame Wiederfindung der Familie am Ende, jedoch stellt sie gleichzeitig einen Schaden für das Volk Wilhalms dar, für das er sich jedoch durch seinen Titel als Landesherren verpflichtet hat.

[...]


1 Vgl. Rosenfeld, Die Legende als literarische Gattung, 33f.

2 Vgl. Rosenfeld, Legende, 1.

3 Vgl. Rosenfeld, Legende, 5.

4 Vgl. Rosenfeld, Die Legende als literarische Gattung, 33f.

5 Vgl. Ringler, Zur Gattung Legende, 256.

6 Vgl. Wolpers, Gattungstheoretische Merkmale der Legende, 41.

7 Vgl. Wolpers, Gattungstheoretische Merkmale der Legende, 43.

8 Vgl. Luckmann, Kanon und Konversion, 39.

9 Hagby, Überlegungen zu Literarisierung und Instrumentalisierung, 71.

10 Vgl. Röcke, Das Alte im Neuen, 157.

11 Ulrich von Etzenbach: Wilhalm von Wenden. Text, Übersetzung, Kommentar. Hrsg. und übersetzt von Mathias Herweg. Berlin/Boston: de Gruyter 2017. V. 83.

12 Vgl. Jacobus de Voragine, Die Legenda aurea, 631.

13 Vgl. Rosenfeld, Die Legende als literarische Gattung, 34.

14 Vgl. Weitbrecht, Aus der Welt, 108.

15 Vgl. Jacobus de Voragine, Die Legenda aurea, 631.

16 Vgl. Jacobus de Voragine, Die Legenda aurea, 632.

17 Vgl. Jacobus de Voragine, Die Legenda aurea, 636.

18 Hagby, Überlegungen zu Literarisierung und Instrumentalisierung, 71f.

19 Hagby, Überlegungen zu Literarisieurng und Instrumentalisierung, 72.

20 Vgl. Jacobus de Voragine, Die Legenda aurea, 632.

21 Vgl. Röcke, Das Alte im Neuen, 160f.

22 Vgl. Röcke, Das Alte im Neuen, 162.

23 Hier und im Folgenden zitiert nach: Ulrich von Etzenbach: Wilhalm von Wenden. Text, Übersetzung, Kommentar. Hrsg. und übersetzt von Mathias Herweg. Berlin/Boston: de Gruyter 2017, hier V. 65-73.

24 Vgl. Röcke, Macht des Wortes, 215-217.

25 Vgl. Weitbrecht, Aus der Welt, 130.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Motive der Legende in "Wilhalm von Wenden" von Ulrich von Etzenbach
Untertitel
Ein Vergleich mit der Legende von Eustachius
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V925707
ISBN (eBook)
9783346253484
ISBN (Buch)
9783346253491
Sprache
Deutsch
Schlagworte
motive, legende, wilhalm, wenden, ulrich, etzenbach, vergleich, eustachius
Arbeit zitieren
Helen Bouras (Autor:in), 2019, Motive der Legende in "Wilhalm von Wenden" von Ulrich von Etzenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925707

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